150. Jahrgang Sonntag -en 25. November Drittes Blatt. Meßmer Anzeiger l'S Heneral-Anzeiger Amts- «nd Anzsigsblatt für den Ureis Gietzen. »urgia. K Ernst Eckstein. ♦) । .'H MH» Alle AuzoigE-W»r«iUl»»-sfkS«i bei In- und Ausländer nehmen Anzeigen für bee Gießener Anzeiger entgegtn. Kritenpv«»: letal 18 Pfg., auswärts 20 Pfg. RrtvIHen, Expedition und Druckerei: -chulstraße Ar. 7. Irvshm« ben Anzeigen zu der nachmittag» Mr tat (elgnrtfx Lag erscheinenden Nummer bis vor«. 19 Ahr. Lkbestellungen spätesten» abend» »»Mer. Das Alter Novelle von riach einem |(ur begegnete em Wegrande Gratisbeilagen: Gießener Familicnblätter, Der hessische Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde. ML igsort. ter Ctaabaul Dies spitze, kindische Lachen war für Roland geradezu i Lllderhaft. Rasch setzte er seinen Weg fort. f) Wir sind in der bevorzugten Lage, eine hinterlassene Novelle iH am 18. d. M. verstorbenen Poeten, bekanntlich eines geborenen .»«beners, hier zum Abdruck zu bringen. D. Red. d. G. A. Adresse füc Depeschen: Anzeiger Hietza». Fernsprecher Nr. 51. Berliner Kries. (Plaudereien aus der Kaiserstadt.) (Nachdruck verboten.) einmal die „Harmlosen". — Ein WMommsgrub für Krüger. — Berliner Totenfest. — Auf dem Kirchhof der Lebensmüden. !rs- F* Viele En arrr ManW, Aba; inb 6d)®inbeigefüf)l, &•' , Ku'lalhmigknt. M j, Migräne, müdnitr tfitottben, schwacher?nt< angel, Blähungen, 6obtr i k und stecht« ch U* ohne den wobtta i ieidm iu -»am twi HetlmMel i« W «6 Buch mit faanti^: versendet an iebenma v. unb franko : rerwaltang der l' [ellqaelle, BopP^_ 277 erfcheiitt ISgNch eit Ausnahme deS MentagS. Sie Gießener I«»lkie«-rstter Hrrdni dem Anzeiger 4- Wechsel mit „Hess, trobroirt* u. „Blätter fir Hess. Volkskunde" ^icha. 4 mal beigelegt. trau».« ft, rp, ftJ «HÄ ^sttedernahWs- 4koch ist der Fall Sternberg, der die Gemüter i m Metropole in begreiflicher Spannung hält, und durch iw-plötzliche Verschwinden des Sternberg'schen Bergwerks ttmktors Luppa neuen Debattierstoff geliefert hat, noch ist der Fall Sternberg nicht erledigt und vor den (Wianken des Gerichtshofes taucl)en die Helden des ryiitard wieder auf, die sich schon einmal das grelle der Öffentlichkeit gefallen lassen mußten. Diesmal ist der „Wolf" im Schafskleide, der damals das Weite Jeiuiit hatte, mitten unter ihnen; dafür fehlt Herr !on Kröcher. Man kann es ihm nachfühlen, daß diese 'hifuarmunq der unliebsamen Affaire nicht nach seinem Schmack i[t. Es war ju bitter, was ihm damals alles W grünen Tische ins Ohr klang und ob es noch so miHie unb notwendig war! Dazu kommt be> dieser 7D dcrholuna noch die Anwesenheit des mit Zuchthaus i iu torbeftraften Gentleman unb Genossen, die die Qual Sthmtinn merklich steigert Es wäre wohl mancher XÄer dlestn^stLden Mchsalls^fortgebheben w sichchrlich" gemüht zu haben scheint, feine'gefdjeiterte fe^tu^nttTÄ WÄ- Snbe U ch?chtmeher trotz allem wieder mutig auf dem 'Pi» erschienen ist und den Kampf um seine burgerbche Irt aufs neue beginnt. Uebngens hat er noch vollständig manche wackere Frau aus dem Volke wartet nicht ans Allerseelen oder den Totensonntag, um die Ruhestätte eines geliebten Toten in Ordnung zu bringen und mit einer Spende der Erinnerung zu bedenken. Ach, und in Berlin sind die Friedhöfe oft weit und manche Mutter muß für den Weg allein ein paar Stunden opfern! Nur ein einziger Kirchhof in dem großen Weichbilde der Residenz ruht auch am Totenfeste in geisterhafter Oede, in unheimlichem Frieden. Selten, ach gar z» selten, pilgert einer hinaus zu jenen armen Schläfern, die getrieben von Schuld oder Not, aus dem fieberhaft pulsierenden Leben des rastlosen Berlins hinausgeirrt sind in die düstere Stille des mitunter recht melancholisches Grünewalds, um hier von allen Schmerzen und. Sorgen, von selbstverschuldetem und anderem Leid ein endliches Vergessen zu suchen. Da sind so lockende, dunkle. Wasser, in 'denen sich die alten Föhren so wundersam friedlich spiegeln; da hebt sich mancher versteckte, wald- umrauschte Hügel, auf dem sich die letzten Gedanken- ganz anders verträumen lassen, als in dem hastige» Trubel dort drinnen in der grausamen Stadt. Sie alle, mit geringen Ausnahmen, die hier ihrem Leben freiwillig ein Ziel setzten, finden auch die letzte Ruhestätte im Waldesschatten. Seitab vom Wege nach Schildhorn ist der stille Acker, in dem keine sorgende Gärtnerhand ihres Aisttes waltet. Alles hier ist verwahrlost und zerfällt. Die meisten Gräber ohne Reim oder Kreuz. Niemand erfährt mehr, wer dort unten schlummert. Mitunter ein Anfangsbuchstabe, den Wind und Regen auch schon halb wieder verlöscht haben. Eine kleine Tanne ragfe wohl hier und dort als letztes Zeichen der Liebe auS dem Hügel. Es ist eine trostlose Stätte, die von nichts als Jammer und Schuld, Not und Verzweiflung redetA Schenke auch Euch der Himmel mildes Verzeihen, unti ein mitfühlendes Herz ein stilles Gedenken, ihr verzagten Schläfer, zum Totenfeste? A. R. Dieses „entzückend" galt offenbar nicht nur den Reize« der Landschaft. Neben der kleinen Blondine saß eine schlanke Jünalingsgestalt von auffallender Schönheit, ei« wenig südländisch angedunkelt, ein Prachtbursche, mit weißblitzenden Zähnen und tiefschwarzem Kraushaar. Und dieser Prachtbursche erglühte ganz augenscheinlich in heißester Liebe zu der blonden Vergißmeinnichtüugigen, sah nur sie, hatte nur einen Gedanken: Ella ist dein — jetzt und in alle Ewigkeit. Auch die übrigen Paare schienen sich mehr oder weniger nahe zu stehen. . . Jedenfalls herrschte das glücklichste, sonnigste Einvernehmen, die wolkenloseste Freude am Zauber der Gegenwart. All diese Mädchen waren in ihrer Art.hübsch oder sahen doch wenigstens für den Augenblick hübsch aus — unter dem Morgenglanze der Jugend, der Hoffnung und des leuchtenden Frohsinns. Die Studenten aber machten auf Roland durchweg den Eindruck von Halbgöttern. Welche Maftfülle! Welcher sprudelnde, jauchzende Uebermut! Die ganze Welt gehörte ihnen zu eigen: da draußen der See mit seinen lichtspiegelnden Wellen, die Berge mit ihren Matten und Wäldern, der Himmel mit seiner Sonne, — und hier die blühende, buntschillernde Mädchenschar mit ihren Herzen voll heimlicher Poesie un- stummer, glückverlangender Sehnsucht. Roland seufzte. Wie endlos weit lag die glückselige Zeit hinter ihm, da er als junger Student ebenso reich gewesen wie diese Burschen da! Fast ein Vierteljahrhundert l Er war jetzt fünfundvierzig Jahre alt. Fünfundvierziß Jahre! Das klang so harmlos und einfach, -n und war doch die schroffe Bestätigung der traurigen Thatsache, daß jetzt; alles vorüber war! Noch sah man freilich dem Fünfundvierzigjährigen das beginnende Alter nicht an . . . Er war noch stattlich und frisch, und der hochblonde Bart, der sein ernstblickendes Künstlerantlitz umrahmte, zeigte noch nirgends ein graues Haar. . . Und Roland besaß eine reizende fünfundzwanzigjährige Frau, die alles that, was sie ihm an den Augen absah ... Er hätte noch jung und zufrieden und glücklich sein können, wäre er nur klug gewesen, das ewige Grübeln zu bannen, das trosh- lose Wehgefühl über den Fluch der Vergänglichkeit. Hierin, lag seine Schwäche und sein Verhängnis. Roland Helmstede war alt. Nicht an Körper und Geist und gestaltendem Kraft, sondern alt im Gemüt. Wie er jetzt schaute und sann, überkam ihn wieder die ganze Wucht jener weltmüden Stimmung, der er entfliehen wollte, als er heute sein Atelier verließ. Er schloß die Augen und lehnte sich schwermutsvoll in den weißgestrichenen Stuhl zurück. Traumverloren schlürfte er seine» Wein, der ihm herb und reizlos über die Zunge glitt. Daö Lachen und Plaudern da drüben, die frohe, lebendige Unruhe schien ihm heute den Trank zu vergällen. Seine Jugendzeit stieg vor ihm auf, ein frührot-bestrahltes EhaoS zweifellos ein höchst intelligenter und tüchtiger Beamter geworden. Vor einem größeren Gerichtshof, der sich selbst konstituiert hat, erscheint in wenigen Tagen ein Mann, der gleichfalls sein Spiel verloren hat und dabei doch die Sympathieen der ganzen Kulturwelt besitzt. Es war ein hohes Spiel, das er verlor, aber er mußte es spielen; sein brutaler Gegner drang ihm die Würfel auf und ruhte nicht eher, als bis er ihn gründlich ruiniert hatte. Dieser tapfere Spieler wider Willen ist der P r ä s i d e n t der Transvaal-Republik; der Gerichtshof aber soll das deutsche Volk sein. In Berlin hat die Reichs- post in den wenigen Tagen, seit denen die von Mannern wie Sudermann, Hans Hopfen, Georg Hirth ic. angeregte Svmpathie-Postkarte mit der Inschrift „Unser Mitgefühl dem treuen Vater seines Volkes"" erschienen ist, schon eine ganz erkleckliche Mehrarbeit zu verzeichnen. Freilich helfen kann das alles den bedauernswerten Buren nicht. Transvaal ist ein großer Kirchhof geworden, zu dem auch manche deutsche Mutter im Geiste hinüber- sväbt und heiße Thränen vergießt, daß ihr nicht einmal vergönnt ist, den Hügel des drüben gefallenen Sohnes am Totensonntag mit einem Kranze zu schmucken! Und es flieht so viel Kränze in Berlin, just in diesen Tagen Die Straßen ersticken fast darin. Alle Blumenhändler türmen wahre Berge davon auf; vor jedem Gemüsekeller lagert eine Last davon und auf den Wegen zu den Kirchhöfen wird ein ambulanter Handel damit getrieben, der geradezu fabelhaft erscheint. Wenn nur nicht die bleichen, unschönen künstlichen Blumen aus dem frischen Lorbeer- und Tannengrün so grell abstächen? Wer keine echten Blumen kaufen kann, sollte sich nut dem schlichten, wirksamen Blattwerk begnügen. Aber das kennt die Berlinerin, die diese Einkäufe besorgt, nun einmal nicht? Schätzt sie doch die Kränze der Nachbarin. So ist sie darauf gefaßt, wieder geschätzt zu werden. Gott sei Dank, ist das nicht immer und überall so. Es gießt auch viele schlichte und echte Trauer in Berlin, «ns Er kam an den See. Die Luft ward immer reiner und herrlicher. Zwischen Kastanien und Ebereschen lag daS weithin berühmte Wirtshaus zum Goldenen Anker. Hier gab eS einen vortrefflichen Rotwein, kalte Küche und die entzückendste Aussicht. Wenn Roland mit seinen trübseligen Anwandlungen gar nicht mehr aus noch ein wußte, ließ er sein Atelier plötzlich im Stich und machte den zweistündigen Weg über die Pöhlauer Flur nach dem Anker. Die Berge mit ihren kräftigen Linien, der Atem der Wasserfläche, die Eindrücke von Urwüchsigkeit und Frische, die ihn hier allenthalben umringten, thaten ihm wohl. Er trat auf die reben-umwachsene Holz-Veranda und setzte sich ganz rechts in die Ecke. Vroni, die vollbusige Kellnerin, grüßte ihn herzlich, brachte ihm seinen Schoppen und setzte sich dann einen Augenblick zu ihm. Es war noch am Vormittage; der einzige Gast, der bis jeüt vorgesprochen — ein botanisierender Schullehrer, der seine Pfingstferien ausnutzte — hatte vor fünf Minuten die wissenschaftliche Wanderung nach dem Braunskegel fortgesetzt und der Vroni die bisherige Ausbeute seines Umherstreifens in Verwahrung gegeben. Roland hörte dem freundlichen Mädchen mit den blitzenden Augen und den knallroten Backen etwas zerstreut zu, trank seufzend und fragte sie dann, was ihr Schatz, der Mainfelder Holzknecht, mache. Eben wollte ihm Vroni ausführlich antworten, als es am Thore lebendig ward. Plaudernd und scherzend kam eine große Gesellschaft quer über den Hof, Studenten und xunge Mädchen, zehn Paare vielleicht. Eine gute dicke Mama von wohlwollendem Phlegma spielte die Ehrendame. Im nächsten Augenblick war die noch eben so stille Veranda der Schauplatz eines beweglichen, farbigen Treibens. Tische und Stühle wurden gerückt, Vorschläge gemacht, Fragen beantwortet und Bestellungen an die herbeieilende Vroni gerichtet. Nach mannigfaltigem Hin- und Her setzte man sich. Die gute Mama, in Erwartung des Kaffees, zog ihre braungelben Handschuhe aus. . . Das war nun ein holdes Geschwatze, ein Lachen und Tändeln, ein Sprühregen sorgloser, thörichter, jauchzender Lebensfreude. Die Flamme der Jugendlust glühte auf allen Gesichtern. Selbst die beleibte Ehrendame ward ein wenig mit fortgerissen. Ihr Antlitz strahlte; ihr kirschroter Mund legte sich in vergnügliche Falten. Sie warf einen Blick hinaus auf den blaugrünen See, musterte dann die schönblättrigen Ranken, die ihr zu Häupten breit und schwer um das bräunliche Holz kletterten, nickte einem der jungen Mädchen verständnisvoll zu und sagte mit heller Stimme: „Ein herrlicher Platz! Nicht Ella?" Und Ella, die sanften Vergißmeinnicht-Augen schwärmerisch ins toeitc ^richtet, murmelte halblaut: „Entzückend!" Uczagsprei» tartdiäbd. Ml. 2,29 m»natlich 75 Pfg. mit Bringerlohu; tarch die 9lbl)o(cftenm »irrlcljährl. Mk. 1,9t monatlich 65 Pfg. Bei Postbezug Mk. 2,40 Vierteljahr, mit Bestellgeld. halbstündigen Marsch über die Pöhlauer Roland einem achtzigjährigen Greis, der saß und bettelte. Mit stumpfsinnigem Lächeln "glotzte der Mann zu ihm auf, hielt ihm die !Thinu tzige Strohkappe hin und bat um ein Geldstück. Der , öunti des Alten war zahnlos und eingesunken, das gelblich i bnaune Gesicht von unzähligen Runzeln bedeckt, der kahle «opf unaufhörlich in leise zitternder Pendelbewegung. 'Mamd fühlte sich bei dem unerwarteten Anblick dieser . FMmergestalt seltsam ergriffen. Der Gang durch die ©aati elber hatte feinen umdüsterten Sinn etwas erhellt; , b k köstliche Lust, deren Wärme nicht drückend war, und .dik Mes verklärende Juni-Beleuchtung flößten ihm einen lwiiv ollen Hauch von neuem Lebensmut ein. Jetzt sah . tn bett elenden Mann da im Staub der Heerstraße und sank mit einemmal in die farblose Schwermut zurück, die ihn i wn Jahr zu Jahr mehr beherrschte. Er gab dem Bettler Silberstück. Der Greis befühlte die Münze, hob sie i licht an die Augen und lachte- dann vor dankbarer Freude Fr.ScninW> 'M aufs neue beginnt. Uebrigens yar er uuupu. nitel* Olten dreisten Schneid, die unbeugsame, eiserne Ruhe, überraschende und treffsichere Erfassung des Wescnt- in jeder Frage. Er wäre wenn er nicht auf die wS?/ Iw« Ebene des Gewohnheitsspieler» geraten wäre. 8 von Bildern und Szenen . . . Das war Alt-Heidelberg mit seiner epheu umsponnenen Schloßruine. . Alles rings umher blühte und loderte . . . Die herrlich bewaldeten Hügel, der schäumende Neckar, die frohen Kommerse, Ser schallende Rundgesang. Jeden Tag war dieses fun- - Milbe Leben neu; der Born rieselte unerschöpflich; es gab kein Besinnen und keinen Zweifel. Frei aus dem Vollen — das war die Losung der Glücklichen. Und Hießen! Nicht halb so großartig wie die Neckarstadt, aber vielleicht um so trauter, idyllischer! Der alt-ehrwürdige Gleiberg! Der Wind Hof, wo so manchmal die blitzenden Schläger geklirrt! Und der gewaltige Bau der Deutschherren auf dem buchenumgrünten Schiffen berg. Dort unter den Wölbungen des Hochwaldes hatte er Lilli kennen gelernt. . . Welche Verzückung! Wie schwamm er damals im vollen Strudel der Illusion! Alles in Gold getaucht, alles Blüte und Licht? Weshalb konnte er jetzt seines Glückes nicht froh werden, wie ehedem? Längst hatte er den jähen Verlust seiner Jugendgeliebten verschmerzt; Zeit und Arbeit hatten die Wunde vernarben lassen. . . Und Adele war so gütig und mild; ja — wenn er's genau überlegte — hübscher als Lilli . . . Sie hatte etwas von der sanften Madonna del Hranduca; nur etwas beweglicher und kräftiger. Bei Gott, eine liebenswürdige holde Frau! Und doch: es war jetzt alles so völlig anders wie damals. Warum? Zum tausendsten Male scholl diese Frage durch seine Brust — und zum tausendsten Male gab er sich die beklommene Antwort: Wenn du damals noch eine Znkünst hattest, jetzt aber nur noch eine Vergangenheit! „Vor mir die Nacht und hinter mir der Tag", murmelte er in lächelnder Bitternis und leerte sein Glas bis auf den letzten Tropfen. Von neuem schweifte sein glanzloser Blick nach der frohen Gesellschaft hinüber, deren geräuschvolle Lustigkeit ihn wie Hohn berührte. Der prächtige Junge mit den südländisch angedünkelten Wangen hielt immer noch Andacht vor den Vergißm'einnichtaugen seiner lichtblonden Partnerin. Die übrigen scherzten und lachten flotter als je und gingen mit jeder Sekunde vollständiger auf im Genüsse der Gegenwart. So viel Freude und Jugendlust glaubte Roland noch niemals beisammen gesehen zu haben. Und diese Fülle reizender Farben und Formen! Die frischen Gesichter, die buntglühenden Mützen, die niedlichen Strohüütchen, zum Teil mit Laub und natürlichen Blumen geschmückt, die hellschimmernden Sommerkleider, die Bänder und Schleifen: das alles stimmte so prächtig zusammen! Kein Ton in diesem Bilde war störend; nichts, was ein Künstlerauge hätte beleidigen können. Oder lag das an Roland? War nur er heute ein so dankbares Publikum? Damals auf der Höhe des Schiffenberges trug Lili ganz das nämliche sanftleuchtende Rosa, wie hier die Schlanke, Braune links in der Ecke . . . Ja, das Mädchen hatte sogar mit Lili eine entfernte Ähnlichkeit . . . Wenn sie sich ihrem Nachbar zukehrte, sodaß man außer der Wange nur noch ein Stückchen der Wimpern sah... . Wahrhaftig, das war ja geradezu täuschend. . . Roland zog wie frierend die Schultern hoch. Es hatte ihn kalt überrieselt. Ein seltsames Grausen befiel ihn vor dem unlöslichen Rätsel, Leben genannt. Wie unaufhaltsam waren ihm diese Jahrzehnte dahingesunken! Traumhaft schnell, als wären sie nie gewesen! Und worin bestand künftig sein Los? Schweigend und mit gekreuzten Armen sollte er zuschauen, wie nun abermals von dem Rest dieses vermorschenden Daseins Stück um Stück abbröckelte, bis dann zuletzt. . . Und so dachte er an den Tod. Dem Tod entgegen zu reisen, dem sicheren, unabwendbaren, und kaum hier und da eine flüchtige Freude zwischen dein Jetzt und dem kläglichen Ende zu pflücken — das war sein Schicksal! Nein, schlimmer! Nach mensch?- licher Voraussicht stand ihm bevor, langsam und allmählich zu dorren, Kraft um Kraft schwinden zu sehen, grau, schlaff, welk zu werden, gleichsam bei lebendigem Leib zu verwesen ' Wenn er es herrlich weit brachte, glich er vielleicht einmal dem grinsenden Bettler da an der Landstraße, dem stumpfsinnigen, Lahnlosen Greis, der sich schlotternd im Staub wälzte, der zum Kinde, zum Tier ward. Das war das Alter — ein Ziel, von dem die Kurzsichtigkeit der Menschen ihm Vorrede« wollte, es sei hehr und erstrebenswert? Darin bestand ja der Segen der heiligen Jugend: sie glaubte nicht an das Gesetz der Vergänglichkeit. Sie lebte leichtsinnig und ohne Ahnung von dem, was da kommen würde. Sie phantasierte mit göttlicher Sorglosigkeit in den blauschimmernden Tag hinein. Er aber, mit dem vollen Bewußtsein dieses Gesetzes, sollte geduldig abwarten, bis ihn das Schicksal gebührend zugerichtet, bis er — sich selbst und den Menschen zum Abscheu — umherschwanken würde, wie ein galvanisierter Leichnam? War das nicht der leibhaftige Wahnsinn? Roland entsann sich jetzt eines Traumes, den er unzählige Male geträumt hatte in jener schrecklichen Zeit, oa ihn der Tod Lili's so tief elend gemacht. Es war immer das gleiche Geschehnis: Ein Hangen am Abgrund, eine tätliche Angst, die helle Verzweiflung, und dann ein plötzliches Loslassen. Diesem Loslassen folgte nach kurzem Entsetzen das Gefühl dumpferlösender Ruhe und starren Versunkenseins . . . Die jungen Leute brachen jetzt auf. Die dralle Vroni heimste ihr Geld ein, wünschte viel Glück zur Fahrt und räumte mit Klirren und Klappen die Tische ab. Roland erhob sich. Er trat an die Brüstung und sah der Gesellschaft nach. Es galt eine Kahnpartie. Drei hochrot bewimpelte Fahrzeuge lagen da drunten am Ufer. Im Nu waren sie von den Pflöcken gelöst und besetzt. Die jungen Leute stimmten ein volltöniges Gaudeamus an. So stieß die kleine Flotille hinaus in den See. Roland rührte sich nicht. Unverwandt folgte er diesen Glückseligen mit dem Blick, bis sie hinter der nächsten Landzunge verschwunden waren. Dann rief er auch die neugierig gaffende Kellnerin, zahlte und ging. Er wandte sich links am Ufer entlang in der Richtung des Herthaselsens. Die Mißstimmung, die ihn gleich beim Erwachen heut heimgesucht und ihm das Schaffen so schmählich verleitet hatte, war mit dem Landwein des „Goldenen Ankers" nicht mehr hinabzuspülen. Ein besserer Gedanke schien ihm gekommen zu sein — vernünftiger, weltkluger. Langsam schritt er dahin, tief atmend, ernst und ohne nach rechts oder links zu schau'n. Der Herthafelsen war eine senkrechte Wand, die fast zweihundert Meter hoch in den See abfiel. Bei mittlerem Wasserstand lag am Fuß dieses Felsens eine horizontale Platte vom Umfang eines mächtigen Tanzsaales frei. Droben befand sich eine weithin berühmte Aussichtsbank, neuerdings durch ein gußeisernes Gitter gegen den Abgrund geschützt. An drei Stellen der Felsenhöhe ragten Kreuze über das Gras, zur Erinnerung an Verunglückte, die hier bei allzu verwegenem Klettern und Blumensuchen abgestürzt waren. Nach ruhiger Wanderung erreichte Roland die Höhe. Er trat an das gußeiserne Gitter und schaute hinab. Da drunten, ganz fern bei dem Dörfchen Windheim, landete jetzt eben der erste Kahn . . . Schwimmende Nußschalen . . . Und doch bargen sie so viel Jugendglück, so viel süßen, wonnigen Selbstbetrug. Roland preßte die Stirn in die Hand. Immer seltsamer, traumartiger ward ihm zu Mute. Der See dämmerte bläulich herauf; die breite Granitplatte senkrecht unter ihm war von Wasser entblößt und glänzte im Sonnenschein wie eine unregelmäßig behauene Treppenstufe. Vom Windheimer Kirchturm klangen die Glocken herüber, — halbverweht in dem leise rauschenden Südwind. Sterben, sterben! Ja, das war lockender als dies Leben mit der vollen Erkenntnis von seiner trostlosen Nichtigkeit! Der Abgrund, das Loslassen... Es war ja für Roland nichts neues mehr. Oft genug hatte er's nach dem Hinscheiden Lili's geträumt. Er setzte sich auf die Bank, zog seine Brieftasche hervor und schrieb. Sanft und mild, beinahe demütig, suchte er seiner blonden Adele alles begreiflich zu machen. Er schloß mit den Worten: „Leb' wohl? Ich fühle mich krank und müde bis in das Mark hinein. Verzeih mir, — Adele, — aber ich leide zu tief?" Er legte die Brieftasche neben die Bank auf den Boden. Hiernach trat er wieder zur Brustwehr. Jetzt eben stiegen die letzten hellfarbigen Kleider aus dem letzten der drei hochrot bewimpelten Kähne. Alles blühte und sprühte im flammenden Mittagslicht. . . Oerichtssaal. Mainz, 21. November. Vor dem heutigen Kriege g e r i ch t steht als Angeklagter der Soldat Johann Bap^> Loch aus Bamberg vom Pionier-Bataillon Nr. 11, ypeiI Kompagnie, in Kastel wegen Urkundenfälschung, Betrug und Unterschlagung. Der Angeschuldigte war Ende bei einem Oberleutnant als Bursche thätig. Er hatte Tage über die kleineren Ausgaben mit einem Vorschuß den er von seinem Vorgesetzten erhielt, zu begleichen m die bezahlten Beträge in einem Buche einzutragen. Angeschuldigte hat nun Eintragungen als bezahlt boi. zogen, die gekauften Gegenstände jedoch auf Kredit nommen und die Gelder in seine Tasche gesteckt, (fr. Rechnung der Wäscherin fälschte er dadurch!, daß er cur den Betrag für seine Wäsche unter dieselbe setzte. H einem Wirte und Bäcker kaufte er Eßwaren im Betnv von 10 Mk. 40 Pfg. auf Rechnung seines Vorgesetzt während er dieselben für sich verwendete. Ferner unter schlug er einen Betrag von 6 Mk., den er zur Bestreik,-, von Einkäufen erhalten'hatte. Der Staatsanwalt ton tragte 7 Monate Gefängnis, das Gericht erkannte oi;i 4 Monate und Versetzung in die zweite Klasse deskü datenstandes. Verteidiger: Dr. Braden. Marburg, 20. November. Der frühere Ma>: meister Go h l k e in Homberg, Reg.-Bez. Kassel, hatte geges die dortigen Stadtverordneten eine Beleidig nngsklage beim Hornberger Schöffengericht an gestreng. Sie waren mit seiner Amtsführung unzufrieden und hatie: ein Schreiben an ihn gerichtet, worin sie ihn aufforbertcn bei Privatreiseu wenigstens für eine Vertretung zu sorgen In einem Antwortschreiben hatte er dies als ungehönü ungebührlich und unverschämt bezeichnet und seine Amtt niederlegung angezeigt. In einer darauffolgenden Ci? ung beschlossen die Stadtverordneten ein Schreiben tu den Bürgermeister, worin sie ihm diese Ausdrücke zurück gaben und bemerkten, die Niederlegung seines Amte^ fei die einzige Handlung, die er int Interesse der Stadl vollführt habe. Gohlke, der sich als Bürgermeister nn.ii Cranz in Ostpreußen gemeldet hatte, wurde dort abge lehnt, wie man annimmt infolge der Vorgänge in Hemberg. Als die Stadtverordneten vom Hornberger freigesprochen worden waren, legte Gohlke Berufung beim hiesigen Landgericht ein, welche heute aber vet worfen wurde mit der Begründung, die Stadtvcrock- neten hätten in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt. Gin Schwung in die Tiefe . . . Drunten am Herthafelsen rauschte der See. leicht gekräuselten Wellen spülten freundlich heran • dem Leib des Zerschellten, eine mitleidig auf schäumen Welle strömte ihm voll über das blutende Antlitz, fcrj und schmeichlerisch wie die goldenen Selbsttäuschung der Jugendzeit. ' j Kunst und Wissenschaft. — „Michael Äramer", das neue ernste Künstlerdrama sei Gerhart Hauptmann, ist von dem Dichter so weit gefördert woüm, daß seine Erstaufführung auf der Bühne des „Deutschen Theaters" für den November in Aussicht steht. Ungeachtet gewaltigen Wettbewerbs behauptet die 'ßlicAensderfer ihren wohlbegründeten Ruf als einfachste, darum, zuverlässigste, dabei, dauerhafteste und handlichste ofcfireibmasc/iine. Preis der No. 5: Mk. 160,-, der No. 7; Mk. SSL,-. Ausführliche illustrierte Kataloge und Anerkennung schreiben durch die jBrühl* 1 * * * * * * sehe Druckerei, Giessen, Schulstrasse 7. Bekanntmachung. Wir bringen hierdurch zur öffentlichen Kenntnis, daß der für Mittwoch den 28. November 1900 vorgesehene Krämermarkt iw Gießen ftattfiadet, daß aber die für dm 27. uub 98. November 1900 vorgesehenen Viehmärkte ausfallen. Gießen, den 22. November 1900. Großherzoaliche Mroermsisterei Gießen, I. V.: Wolff._____________________7626 ur Teilnahme an den Vorträgm haben ftch so viele Personen gemeldet, dieselben nicht alle zugleich den Vorträgcn beiwohnen können, wenn der Zweck derselben erreicht werden soll. Es kann deshalb nur die erste Hälfte Derjenigen, die sich in die Listm eingeschrirbm haben, an den am 26. l. Mts. beginnenden Vorträgen teilnehmen. Für die andere Hälfte werden nach Weihnachten die Vorträge wiederholt werden. Wer zu der einen oder anderen Hälfte gehört, wolle man aus dm in d r Alieefchule und bei Herrn Fuhr, Sonnenstraße, offenliegenden Listen ersehen. 7616 IMiMttin Dom'Sotni Sreiq. Alitt.krMuverm für Krankkupstege. IS Ernst Chal!ier (Rüdolphs Nacht) W Gleesen. Spexlal-Geschäft für Musikwuren aller Art. W Graeee ÄuwaN, nelide Preise. Illustrierte Preisverzeichnisse gratis und franko. I ^iiisifeaSien-HendlMMg und Leehasistalt W S Spezialität; Billige Aasgabe». BaK Pariser Welt-Ausstellung 1900. Von der Internationalen Jury wurde den Original SINGER Maschinen 1 der GRAND PRIX der höchste Preis der Ausstellung, zuerkannt. Singer Go. Nähmaschinen Act. Hes. Giessen, Bahnhofstrasse 4. 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