i Jtai, ^Ibau inztti srr. 145 Drittes Blatt.Sonntag den 24. Juni 1900 Heneral-^Unzeiger USt Änjdgen.93mnittlmtfl46enen de» In» und Au-laude« nehmen Anze^en für den Gießener Anzeiger entgtgok Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg. S»»«tz»r »mi Anzeigen zu der nachmittag- für de» Mprtt» Lag «fcheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbe-elungen spätestens adend- vorher. Bezugspreis vierrcljährl. Mk. SM monatlich 75 Pfg. mit Bringrrlohu; durch die Abholestelle» vierteljahrl. Mk. 1,9t monatlich 65 Pfg. Bei Postbezug Mk. 2,40 vierleljährt. mit Bestellgeld. tr/4ft*t t»«Nch Ä XJ _ . LuSnahme deS W Hh s Gießener Anzeiger Anrts- und Anzeigeblutt für den Tlveis Gieren. Ä*eM*. Expedition und Druckerei: >4*f|lt«6< Ar. 7. Gratisbeilage«: Gießener Famitienblälter, Der hessische Kandwirl, Klättrr Mr hrMfche UsltrsKun-e. Adresse für Depeschen: A»z«tger chtetzs», Fernsprecher Nr. 5L r. H6, Kaiser Wöbt Mer. aus- s-L. D. Krauase. Entrie 30 Pfg, Berliner Aries. (Plaudereien aus der Kaiserstadt.) (Nachdruck verboten.) Berliner Erziehungsfrüchte. — Eine Schulaffaire. StleiszSge durch die Pariser Wkstaussttüllug. Bon PaulLindenberg. (Nachdruck verboten.) 15 D '/, 2fa 12 M ■ **6> Kaiser Wi^ • Krauase. Eotrte 80 Pij, wald, n: nzerl ;tag bett 26.3« 19: W lthLtige jg» n 4Wten wn Wolf vw tsl-g d-° »>J Cacao. ton Stch Em d itrts eilf® üefert "" 6>«: FraUreich in den Palästen der Invaliden. Esplanade. — Der sttirfmarkt des franzöfischen Kunstgewerbes. — Kirchliche und Wortfitu Kunst. — Wohnungseinrichtungen. — Jahrhundert- Rückblicke. — Erinnerungen au den ersten Napoleon. — Bronzen md Goldschmiede Sachen. — Einzelne Sammlungen. — DaS ßttmreich der Diamanten. — Allerhand Uhren. — Die kleinsten Bucher. — Godelin-Ausstellung. — Idyllische Winkel. In den rechter Hand gelegenen Palästen der Jnva- liden-Esplanade tummeln wir uns meist auf internatio- nakun Gebiet umher, jene links liegenden sind ausschließlich Frankreich gewidmet und zwar den dekorativen Künsten, der Wohnungseinrichtungen, den verschiedenen Zweigen des Kunstgewerbes. Bekannt ist ja, was gerade in dieser Hins icht Frankreich und namentlich Paris leistet, aber an dielen Stellen werden die weitgespannten Erwartungen doch noch übertroffen, hier feiert ein seit Jahrhunderten, aasestebilheter Geschmack, eine seit ebenso langer Zeit emsig geübte Technik ihre höchsten Triumphe, und mit der Freude, dl das Schöne ju.nb Herrliche zu sehen, verbindet sich, die Bewunderung über den Reichtum des Kunstgewerbes und den Reichtum des Landes, welches dieses .Kunstgewerbo jo zu hätscheln, so zu pflegen, so zu beschäftigen vermag, Ivie es in Frankreich noch immer der Fall ist. Nicht daß wir gerade viel neues sehen, denn dieses von so vielen politischen Umwälzungen heimgesuchte und sonst- die Abwechslung so liebende Land ist ja in anderen. Begehungen das konservativste der Welt, aber was uns in i 0 überraschender Fülle geboten wird, ist fast alles! erfrrn Ranges und verdient die größte Anerkennung, bifriige, minderwertige Sachen fehlen gänzlich. Kein Wunder'— wer Gelegenheit hatte, sich in Frankreich urnzu- [djauien, weiß, daß selbst der wohlhabende Mittelstand weit iveniiger behaglich und freundlich eingerichtet ist, als bei uns die ärmeren Kreise, der Durchschnitts-Franzose giebt mkhr auf ein zinstragendes Papier, wie auf ein gemüt- Mcs Heim; in den wirklich begüterten und reichen Stände aber findet man einen desto größeren Luxus in den 'Lohmstätten, wobei auf Vornehmheit, auf Gediegenheit ge- sthem wird — nach Gipsfiguren, nach Buntdruckbildern, Brü sseler Teppichen, nach Gegenständen aus unächtem Por- rcllan, aus Zinkguß und Alfenide wird man vergeblich Umschau halten. Richt daß unser Kunstgewerbe heute etwa nicht das Gleiche und zu denselben Preisen zu leisten vermochte, wie das französische, nein, denn daß es dazu im siande ist, haben wir ja in den fremden Abteilungen ge- jehen, aber um seine volle Leistungsfähigkeit entfalten, um mit dem französischen würdig wetteifern zu können, bam fehlt ihm noch immer die genügende Unterstützung jener Klassen, welche die Mittel dazu haben, aber nicht beit Trieb, sie geeignet zu verwenden! Auf den Inhalt dieser linksseitigen Paläste deutet schon der monumentale Haupteingang hin, dessen Balkon von Karyatiden getragen wird, während in der hochbogigen Eintrittshalle Statuen und Brunnen aufgestellt sind und schwere Vorhänge zu beiden Seiten der breiten, zum oberen Stockwerk führenden Treppe herabfallen. Links öffnet sich der Zugang zur Abteilung der kirchlichen ttunft mit zahlreichen, mehr oder minder sorgsam ausgeführten Kruzifixen, mit Altären, deren Marmor-Reliefs Szenen aus ber Heilandsgeschichte darstellen, mit kunstvoll geschnitzten hölzernen Kanzeln, mit Heiligenfiguren und schließlich mit einer sehr wirksamen, die ganze Schmalseite eines Saales, einnehmenden plastischen Gruppe, deren Einzelgestalten in Lebensgröße gehalten sind: Christus, von römischen Soldaten vor Pilatus geführt, gelästert von den durch die Legionäre zurückgedrängten Juden — das Ganze von großer, bewegender Lebenswahrheit. Mebr nach rechts öffnen sich in langer Flucht die lichten und freundlichen Räume, in denen wir zunächst auf all das stoßen, was zur kunstvolleren Einrichtung der Häuser und Wohnungen verwandt wird, von den farbigen Mosaikböden der Flure, von Tapeten an bis zu schmiedeeisernen Zierraten der Dächer und mächtigen dekorativen Kaminen mit Holz- und Mar- Mor-Gruppen als Krönung; an den Figuren der Jungfrau von Orleans in allen nur möglichen Metallen fehlt es ebenso wenig wie an Zimmer- und Gartenbrunnen, arv gewaltigen Portalen, an Vasen, Kronenleuchtern rc. in mannigfachster Gestaltung. Von echt künstlerischem Reiz sind die oft von Meisterhand (so von Puvis de Chavanne) stammenden Entwürfe zu malerischen Darstellungen bestimmter Erzeugnisse, u. a. des Cidre, des Benediktiner-Likörs, und gleich Gemälden wirken viele der wandbreiten, meist aufgespannten Teppiche, wie Gobelins mit auffallend zahlreichen graziösen Szenen aus der Maintenon- und Watteauzeit, lockere Idyllen des Versailler Hoflebens veranschaulichend. Stoffe — darunter wundervolle Brokate, Seiden und Damaste, ein Meter bis zu 3—400 Franks —, die zu Tapeten und Dekorationszwecken, wie zur Bekleidung von Sitzmöbeln dienen, Ledertapeten, Stickereien rc., dann eine sehr stark beschickte Abteilung des Beleuchtungswesens mit häufiger Verwendung der Stilmuster Ludwigs XIV. und XV. leiten allmälig zu den Möbeln und ganzen Zimmer- wie Wohnungseinrichtungen über, die zum Teil auch im oberen Geschoß Aufnahme gefunden. Welch ein Genuß, langsam diese Säle zu durchwandern und vor den einzelnen Kojen in freudiger Betrachtung zu verweilen! Hier vor diesem hellgelb getönten Schlafgemach mit dem Bett aus Rosenholz, über dessen Kopfende sich Ranken mit elektrischen Flämmchen hinziehen und sich etn von goldenen Libellen gehaltener gelbseidener Baldachin spannt, dem mit dem Fuß des Bettes in eins verbundenen Divan, sowie mit dem breiten Spiegel-Garderobenschrank, der von Guirlanden mit Uhr und elektrischen Lichtchen umrahmt ist — Preis 12 000 Franks. Oder vor jenem wkette- sten crller japanischen Salons mit den bestickten Seiden- Der Berliner ist gewöhnt, bei irgend welchen Mltaen Verbrechen ziemlich genau nachzuforschen, was suv ’ nn Lnndsmann der Sündenbock gerade ist, um den es i BL handelt, und in allen den Fällen, wo der Betreffende lut der Provinz stammt, ein Ostpreuße tst oder ein Rhem- Kitder und wenn sich Pas auch blos auf die zwei oder dret mttn Jahre seines Erdendaseins bezieht, mtt phartsaer- raftter Genugthuung auszurufen: Ta habt ^hrs wieder .n-mal nicht wir wirklichen, echten Berliner sind es, die bis Material für alle die Schändlichketten liefern, wir iaib viel zu gut gewöhnt, viel zu sorgfältig erzogen; dtej «oinz, der Osten und Westen bringt uns die schlimmen die unsere schöne Stadt in «erruf bringen; der tapeten und den phantastisch geschnitzten Möbeln, dem benachbart ein orientalisches Zimmer mit farbenfrohen Teppichen, Vorhängen und reichstem Waffen-Wandschmuck liegt. Was jener Schlafraum kostet mit den zierlichen Möbeln in Goldbronze und dem gewaltigen, aus gleichem Material gefertigten Bett, dessen Seiten bedeckt sind mit flachen Reliefdarstellungen der Spiele übermütiger Rajaden, wagt man gar nicht zu fragen, nachdem man gehört hat, daß eine Schreibzimmereinrichtung nebenan im prunkvollsten Stil Ludwigs XIV. mit allerdings fürstlich zu bezeichnenden acht Gegenständen, die aus Cedernholz mit Einlagen und den kunstvollsten Bronzezierraten gefertigt sind, 400 000 Franks kostet. Das Vornehmste in vollständigen Wohnungseinrichtungen stellen die großen Pariser Bazare aus, so der „Louvre" u. a. einen Speiseraum, der auf der Veranda einer Villa am Mittelländischen Meere gedacht ist und durch eine geschickte, gut gemalte, rückwärts beleuchtete Kulissenwand die völlige Täuschung erweckt, als ob man hinausschaue auf den Zauber südlicher Natur; in derselben Weise ist auch eine Nische des anstoßenden, in gelber Seide mit echten weißen Spitzen dekorierten Schlafgemaches kulissen- artig ausgefüllt worden; man glaubt von dem Bette aus aus den sonnenbestrahlten Golf von Neapel mit dem Vesuv dahinter zu blicken. Ganz begreiflich der Ausruf eines neben mir stehenden reizenden Pariser Backfischchens: „Ach, Mama, in dem Bette möchte ich mal krank sein!" — Die, beiden Magazine „Bon Marchee" und „Printemps" haben sogar zwei zierliche Villen, die auf der Hofseite dieser Ausstellungshallen errichtet wurden, mit einer ganzen Flucht von Zimmern — aber nur für die oberen Tausende! — ausgestattet in gewähltestem modernem Geschmack, und ebenso hat sich die „Vereinigung der dekorativen Künstler" einen eigenen wunderhübschen Pavillon gebaut mit allem, was Kunst und Mode zur Ausschmückung der Wohnräume hervorzubringen vermögen. Ein großartiger Reiz der diesmaligen Weltausstellung liegt darin, daß jede umfangreichere Abteilung eine rückschauende Sonderausstellung besitzt, welche die im Laufe des letzten Jahrhunderts entstandenen besten und kennzeichnendsten Werke der betreffenden Gruppe enthält und uns vertraut macht mit den Wandlungen des Schönheitssinnes und den Entwickelungen der verschiedenen Stilrichtungen. Auch in der Gallerie der Möbel finden wir ein derartiges, äußerst sorgfältig zusammengestelltes Museum, aus sechs Salons bestehend, die teils in Originalen, teils in getreuen Nachbildungen die Wohnungseinrichtungen von Ludwig XVI. bis zum zweiten Kaiserreich verkörpern, mit Möbeln, Kunstgegenständen, Tapeten, Beleuchtungen rc. Am! meisten interessiert auch hier wieder der Wohnraum des ersten Napoleon, dessen gewaltiger Schatten seit einiger Zeit sich mächtiger und mächtiger in Frankreich aufreckt und manches bängliche Gemüt mit Sorgen erfüllt; dor- unter seinem ihn im Krönungsornat darstellenden Oel- Gemälde von David, sehen wir seinen mit verschossenem, lichtblauem Sammet bespannten, mit Bronzeverzierungen. geschlagen werden! Die Schule ist bei diesen sich häufenden trüben Erfahrungen noch lange nicht streng genug! Und wehe den einsichtslosen Thoren, die voll Gier aus einem schlimmen Zufall, wie dem in Schöneberg, Kapital schlagen, um dem Stande bie' Hände zu binden, der allein noch vermag, die überhand nehmende Verrohung und Verwilderung unserer Jugend einzubämmen! Herzlich schlecht sieht es in Berlin auf, diesem Gebiete so wie so schon aus, und zwar wegen des üppig blühenden Privatschulwesens, in dem die Lehrkräfte vielfach zum Spielball der schlimmsten Rangen werden. Denn der arme Pädagoge, der hier angestellt ist, die bedauernswerte Lehrerin, die an einer Privatschule endlich! ein Unterkommen gefunden hat, das ihr eine,, wenn auch kümmerliche Existenz gewährt: sie müssen ängstlich darauf bedacht sein, jeden Konflikt mit den theuren und kostbaren Zöglingen zu vermeiden, damit dem Direktor nicht! das Unheil begegnet, beim Quartalswechsel diesen oder jenen wackeren Schulgeldzahler zu verlieren. Was aus diesem Grunde alles an Ungezogenheiten, Bosheiten und Niederträchtigkeiten mit zähneknirschender Nachsicht und seufzender Güte eingesteckt wird, ist endlos. Der von den verhätschelten Rangen mit Wonne mißhandelte Lehrer weiß eben ganz genau, daß der Direktor in hundert Fällen lieber eine andere Lehrkraft engagiert, ehe er einem Zögling die Thür weist. Geld bleibt Geld! Welche Früchte diese Arber Erziehung schließlich zeitigt, sieht man an all oen Verhanolungen ber Gerichte, in betten Lehrlingssundett jeber Art gestraft werben müssen, erkennt man m den typisch gewordenen Fällen, wo bekümmerte Eltern dte plötzlich verschwundene Tochter wieder zu erlangen suchen, und in hundert ajiberen Anzeichen, benen ein tyube£, erbarm» unigsloses „Zu spät" als Signatur aufgedruckt ist . . .Es wirb Zeit, daß man hier an dte Umkehr denkt. Weit genug ist es wirklich gekommen. R. tat U. > titenlii hschwdm j«i| litimftM W. Dreher. U «tute die unsere schone öiaoi in «tuu। unuyv,., ' Berliner an und für sich, der eingeborene, m Spre^ust ' • : gro|B Gewordene, ist zehnmal besser, als all das Volk, ' « unter dem Deckmantel „Berliner" hernmlaust, ohne es in Wirklichkeit zu jein!" Hausig genug hat er ckiecht, und mt Behagen packt der wackere Spree^lthener so einen ' ; ? 9 großstädtischer Laster und Vergehen den Provinzen V rz die Vorfälle der letzten Monate haben doch Qur'- s 5516 hip mancherlei Einflüsse des Berliner Lebens as tieräbt9wurÄ/Lskrt^iu -Leckendes9Bei- feejS hi? llirthat durch geistige Minderwertigkeit zu erklären, bi? Lektüre von Räuber- und Indianer-Geschichten ins Treffen zu führen, es bleibt eben doch bestehen: die hauptstädtische Jugend ist infolge der ungenügenden Kontrolle, die sich in tausend Fällen über sie ausüben läßt, durchschnittlich schlechter, leichtsinniger und verstockter als das junge Volk auf dem Lande und in den kleinen Städten. Geradezu erlösend wirkte im Angesicht der letzten abscheulichen Blutthat der Freispruch in der Schöneberger Schul-Affaire. Der Lehrer Richard, der das Unglück gehabt hatte, einen Knaben etwas derber zu züchtigen, als die von Jahr zu Jahr immer peinlicher werdenden Vorschriften es gestatten, und für den im Laufe der übernächsten Woch^ eintretenben zufälligen Tob beä Gezüchteten verantwortlich gemacht zu werben, ist durch die jahrelangen Angriffe, bie er infolge bieses traurigen, Unglücksfalles hat erteiben müssen, ein vielgehaßter und schwer verfolgter Mensch geworden, und es wird trotz des Entscheides einsichtsvoller Richter noch immer eine große. Menge Menschen geben, die auch fernerhin an diesem Opfer seines Berufs ihre Zeterkünste üben und dabei dem ganzen Stande mit dem undankbaren und schwierigeu Amte eins atuswischen! __ Ach, und wie nötig eine strenge, unnachnchtige Disziplin gerade in der Großstadt ist, lehren tagtäglich tau^enb Beispiele. Man sehe nur abends die kaum der Schule entwachsenen Bürschchen umherslanieren, jedem „noblen" Lallter mit mehr oder weniger starker, aber immer im Bunebmen begriffener Routine fröhnen; man kontrolliere einmal das Publikum der großen, paschuliduftenden Ball- lokale, man betrachte die Spätlinge der Nachtcafees, in denen das geschminkte Laster ihr Unwesen treibt, man gehe in die blödsinnigen „Bars", in denen großstädtisch« Blasiertheit und jugendlich kecke Lüsternheit ein so seltsames Gemisch von Besuchern hervorbringen, und man | wird entsetzt fein, wie schnell alle die ernsten Warnungen und herzlich gutgemeinten Lehren der Schule in den Wind I versehenen Thronsessel in antiker Form, und da gegenüber eine kleine Polisanderholzwiege mit Bronzeadlern und grüner Sammetdecke — einst hat ein zartes, blondlockiges Kind darin geschlummert, nut dessen Geburt die kühnsten Hoffnungen verknüpft waren: es ist die Wiege des Königs von Rom, des späteren Herzogs von Reichstadt, der, halb verschollen, plötzlich auf der Bühne und im Roman zu neuem Leben erweckt ward und dem nun Pläne und Ge^ danken angedichtet werden, die im Gegensatz stehen zu seiner eingeschüchterten, bescheidenen Persönlichkeit. Weiter wandernd, gelangen wir zu den Bronzen, und ein Meer von Schönheit und Grazie thut sich damit vor uns' auf. Alle Amoretten und Nymphen scheinen losgelassen zu fein und sich hier vereinigt zu haben, aber so groß auch die Fülle der entblößten Figuren ist, so kühn oft die Stell- ungen und Formen gewählt sind, nirgends trifft das Auge auf häßliches und verletzendes — die wahre Kunst weiß auch das gewagteste zu adeln. Neben der Renaissance macht sich die Antike wieder geltend in Gestaltung der Vasen, Leuchter, Säulen 2C., in häufiger Verbindung sieht man Bronze mit Marmor, sowie mit Gold, Silber und anderen Edelmetallen. Als Bildhauerin lernen wir hier Sarah Bernhardt kennen, die einen Schrank gefüllt hat mit in Bronze ausgeführten Meerungetümen, mit barocken Schüsseln und Schalen und zwei recht guten Büsten, von benen die eine sie im Studium einer Rolle darstellt. Nun blitzt und gleißt und glänzt es vor uns auf — wir sind zu den Goldschmieden gelangt. Auch hier, welcher Luxus, welcher Prunk, der das, was wir bisher gesehen, noch übertrifft. Aber es ist keine unangenehme, keine verletzende Pracht, trotz der vielen goldenen und silbernen Waschgeräte, der vollständigen Tafelaufbauten, der Thee- geschirre, der Schalen und Schüsseln, Teller und Vasen» aus schwerstem Silber, bezügl. auch Gold mit reicher figürlicher Zier. Etwas ganz apartes sucht man freilich vergeblich, wohl trifft man verstreut auf sehr hübsche moderns Sachen, so auf graziöse Silbergeräte in farbigen Abtönungen, aber im allgemeinen wandelt die französische Goldschmiedekunst altgewohnte Bahnen, wie man ans dem in Schränken enthaltenen „Jahrhundert-Museum" erfährt, mit kostbaren Stücken aus fürstlichem, staatlichem und privatem Besitz, darunter prächtige Tafelaufsätze, Kaffee-Service, Bestecke, die einst die Tische in den Tuilerien während der Regierung des dritten Napoleon geschmückt. Be-- sonderes Interesse erweckt eine aus Christoffle-Silber bestehende, etwa einen Meter hohe und drei Meter langes große Gruppe von Göttinnen mit Kriegs- und Friedenswagen, beschirmt von dem auf einer Weltkugel thronenden französischen Genius — „gefunden im Schutte des! Schlosses von St. Cloud", steht darunter. Sic transitj gloria mundi! Anfangs der Plauderei hatte ich erwähnt, welchen bedeutenden Kaufmarkt das französische Kunstgewerbe besitzt, in dieser Gruppe nun erhält man einen kleinen Beweis! davon: über einem mäßig großen Glasschranke liest man: „Sammlung eines Liebhabers der modernen französischen Kunst"', und in den Gestellen findet man die mannigfachsten Gegenstände, meist mäßigen Umfangs, in Gold, Silber, Bronze, Elfenbein, Marmor, Holz, Email, edlen Steinen, und zwar Figuren, Geräte, Vasen, Dosen, Schüsseln, Kannen, Ringe, aber auch Messer, Gabeln, Notizbück)er (in Gold), Zigarettenbehälter (in Silber), Kruzifixe ?c. — jedes äst ein Kunstwerk, manches auf die Anregung des Sammlers entstanden, bei dem nicht der Gegenstand an sich entschied, sondern die Schönheit desselben. Und wie wird uns erst dieser Kaufmarkt vor Augen geführt, wenn wir in die benachbarte Abteilung der Dia- tnanten, der Edelsteine, der Schmucksack)en gelangen — das funkelt und flimmert und schillert tausendfach um uns herum wie in einem Feenreiche, und die Augen wissen nicht, was sie zuerst bewundern sollen. Bewundern und wundern sind hier eins, wundern, daß der Reichtum in derartiger, geradezu unerhörter Fülle vertreten ist, wo das alte Wort Wahrheit gewinnt: „wer's nicht gesehen, glaubt's nicht!" Da ist beispielsweise der am meisten umlagerte Pavillon eines der ersten Bijoutiers (Boncheron), der Wertsachen für fünf Millionen Franks birgt; und der Wert machts ja nicht allein, sondern die meisterhafte Ausführung in eigenartigster und gefälligster Stilisierung, die Seltenheit der Steine (neben großen gelben Diamanten ein kostbar gefaßter blauer Diamant von 22 einhalb Karat), ihre kunstfertige Behandlung — und in letzter Beziehung erregen das höchste Aufsehen die gravierten Diamanten, schöne Steine, die in Vertiefung die zierlichsten Köpfchen von allerhand Göttinnen und ähnlichen reizvollen Damen auf- jveisen. Als einer unserer geschätztesten Berliner Goldschmiede, der in der deutschen Abteilung Schmucksachen von „nur" 100 000 Franks ausgestellt, diesen Pavillon sah äußerte er: „Am liebsten möchte ich mleinen ganzen Kram wieder einpacken und nach Hause fahren." Dabei dürfen unsere Juweliere durchaus nicht den Wettkampf mit den französischen scheuen, der Unterschied' besteht nur darin, daß das, was bei den Deutschen als Ausnahme, als große Kostbarkeit gilt, hier in Paris gleich in umfassendster Auswahl vorliegt, als ob die Millionäre stets schockweise umherliefen. In Berlin versteht man ja auch, zu leben und das Geld spielt häufig keine Rolle, aber — mit Respekt zu sagen — brillantenbesetzte Strumpfbänder für 12 000 Franks und von Juwelen übersäete Fächer für 30 000 Franks sind für den Berliner Ben Akiba doch wohl etwas neues, der Pariser dagegen lächelt blos verschmitzt und flüstert verständnisvoll: „Alles schon dagewesen!" — Aber selbst für diesen an Vieles gewöhnten Pariser Weisen ist doch neu der in einem Glaskasten (der nachts in einen unterirdischen stählernen Behälter gelassen wird) aufbewahrte Jubilee-Diamant, der, im Besitz des Diaman- ten-Syndikats von Jagersfontein, als der größte Diamant der Welt gilt — er wiegt 239 Karat und sein Wert wird auf 7 Millionen Franks geschätzt. Dafür wird sich selbst in Paris nicht so leicht ein Käufer finden — ja, wenn etwa Mr. Vanderbilt König wäre und eine Krone tragen dürfte, dann würde sich die Sache schon leichter machen! Wohl kein kunstgewerblicher Zweig wird so von dem modernen jGeschmacke beeinflußt, wie jener der Goldschmiede- und Juwelierkunst, unter enger Verwendung pflanzlicher Formen und starker Hervorhebung mannigfacher Farbenwirkungen, die man früher direkt als „verrückt" bezeichnet hätte. Das lehrt ein Vergleich mit der auch in dieser Gruppe enthaltenen rücksck>auenden Ausstellung von Schmucksachen — man denke nur an die ungefügen Brachen, die goldenen Ohrbommeln unserer Großmütter? Und wer weiß, wie in siebzig, achtzig Jahren, das Urteil über die heutigen von uns freudig angestaunten Zierrate lautet? Haben wir in diesen unteren Räumen viel Zeit nicht etwa versäumt (denn wer nur über etwas längeren Urlaub verfügt, der richtet seine Schritte häufiger hierher und ec wird stets Neues entdecken), sondern zugebrackit, so fönnei* wir die Wanderung durch die oberen Galerien destoniLlw beschleunigen, denn sie enthalten Gruppen, für bie füfa nur bestimmte Besucher näher interessieren: Uhrmächerei Necessaire- und Reiseartikel, Papeterie, Lederwaren, schließlich, wie schon erwähnt, noch Wohnungseinrichtungen und Gobelins. In den ersteren Gruppen fesseln die geschäht lichen Ausstellungen von Spezial-Sammlern, die beson ders zahlreich auf dem Uhren-Gebiet sind, darunter Samm lungen von hundert und mehr Stück, mit den Uhren Heinrichs III., aus dem Jahre 1580 stammend, Ludwigs XVI und Marats, des von Charlotte Corday ermordeten Re volutionsmannes; des letzteren silberne Taschenuhr, die man in feiner Badezelle fand, trägt die Aufschrift: „Nur dem Gesetz gehorchen, nur das Vaterland lieben!" — Auf welche Sachen Sammler verfallen, zeigt die merb würdigste aller Bibliotheken, die in der Papierausstellung ihren Platz, nein, ihr Plätzchen gefunden, denn obgleich sie tausend Bändchen umfaßt, ist sie in einem Schrank untergebracht, der kaum einen Meter im Geviert hat — besteht sie doch nur aus Miniatur-Büchlein, deren winzigste etwas über einen Zentimeter (vier von ihnen bedecken tzerade eine Briefmarke), deren größte fünf Zentimeter hoch sind. Die ältesten dieser Merkchen, unter denen eine Zahl deutscher sind, stammen aus hem Anfang des 17. Jahrhunderts, viele enthalten trefflichen Bilderschmuck. Den Schluß Öer oberen Galerien macht die umfangreiche Ausstellung der National-Gobelin-Manufaktur, und in' dtzr That ist's ein würdiger Schluß — nach all dem Blendenden und Verwirrenden vorher können sich in den Sälen die Augen ausruhen an diesen herrlichen Wanddekorationen, die meist Nachbildungen älterer Werke sind, vom Mittelalter an bis zum Beginn der Revolution, an voller, harmonischer Wirkung den farbenfrohesten Gemälden gleichkommend. Zu den schönsten Stücken zählt jene*, welches uns Marie Antoinette mit ihren drei ältesten Kindern im vollsten Mutterglück zeigt — es ist eine Wieder gäbe des bekannten zeitgenössischen Gemäldes der Madame Lebrun im Versailler Museum und ward vom Präsidenten Faure als Geschenk für die Kaiserin von Rußland bestelle Hinaus wieder ins Freie — diesmal aber nicht in die menschengefüllte Jnvaliden-Esplanade, sondern in die sich, an der Rückseite der eben durchwanderten Palastteide hinziehende Allee, in der man zwei Bretonische und Ar lesische Dörfchen erbaut hat, mit kleinen Kapellen, Giebe Häuschen, Denksäulen, von Madonnenbildern beschirmten Ziehbrunnen und traulichen Schänken, in denen zum Klang der Fiedel und Trompete kühler Wein, schäumender Cidei, goldglänzendes Bier von schmucken Dirnen in ihren festlichen heimatlichen Trachten kredenzt wird. Unter breit* schattigen Bäumen, in denen Vögelscharen lustig konzertieren, nimmt man Platz — ach, wie thut die Ruhe wohl, wie mundet der frische Trunk, wie freut man sich, daß man dem Menschengewim?mel entronnen, denn diese allerliebsten provinzialen Niederlassungen sind wenig bekannt und werden hauptsächlich von den in Paris weilenden Kindern der Bretagne und Provence aufgesucht. Und daß es so idyllische Punkte in dieser gewaltigen Ansstellungö- stadt giebt, das gehört mit zu ihren liebenswürdigstes Vorzügen. Vereinigt sind die Vorzüge des Kakaopalvers und der Chokolade in Moser-Roth’s Portlonen-Kakao mit Zucker der Vereinigten Chokolade-Fabriken Moser-Roth, kgl. Hoff., Stuttgart. Der Portionen-Kakao, in runde, feste Tabletten gepresst, ist nur aus den edelsten Kakao - Bohnen hergesteüt, sehr schmackhaft, schnell löslich und, da entölt, leicht verdaulich und von höchstem Nährwert. 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