400 19 so 7* 450 9l 85 " 470 19 95 ' 400 ' -86: 6667 ;l 20. echnetz sich des Telephons zu! 1 -AA :innttung. itwe Leib. farigsplait 13 er Weine 1 ler Tageszeit gen. M »H. 1 nnb Umgcgeab du« abrikl 5.2 lö P4- tfeorgj sgäünel. 373 Erstes Blatt Mittwoch den 21. November 150. Jahrgang 1900 Gießener Anzeiger L j monatlich 76 Pfg. 9 mit Bringerlohn; General-UHeiger durch die Abholestellc» vicrteljährl. Mk. 1,90 monatlich 65 Pfg. Bei Postbezug Mk. 2,40 viertcljährl. mit Bestellgeld. Nezugspreis vierteljährl. Mk. 2,26 Me Anzeigen-BermittlungSstellen des In« und AuSlaaöes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegn». Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg. Annahme dvn Anzeigen zu der nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätesten« abends vorher. Orfchetni tLgNch mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener Mamitieuvkätter «erden dem Anzeiger tim Wechsel mit „Hess. Landwirt- u. „Blätter (6t beff. Volkskunde- todchtl. 4 mal beigelegt. Amts- nnd Airzeigeblrrtt für den Ttreis Greszen. Adreffe für Depeschen: Anzeiger Siehe«. Fernsprecher Nr. 51. vedaktisn, Expedition und Druckerei: Fchukstraßc Nr. 7. Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Dtütler für hessische UolKslrunde. ieeeiuuRjaueeMJjieiiiliWieiiiiei1i1jiiILTe^-|uieje_ui»ieeeeiuiieeieee*iTTTTTr--.i.r-..L-iirii , i. ..........—iiiiimin iiiimniei m Amtlicher Teil. Bekauvtmachuug. Betr.: Maul« und Klauenseuche. Die Maul- und Klauenseuche in Allendorf a. d. Lda. und Allertshausen ist erloschen, und die Sperrmaßregeln sind aufgehoben worden. Gießen, den 19. November 1900. Großherzoglic^s Kreis amt Gießen. Bekanntmachung. Nachdem die Maul- und Klauenseuche in Allendorf a. b. Lda. erloschen ist, und auch in der Umgebung dieses Ottes nicht mehr herrscht, kann die Abhaltung deS auf den 28. November vorgesehenen ViehmarkteS unter folgenden Bedingungen stattfinden: 1. Alles nach dem Marktorte gebrachte Vieh muß auf den Marktplatz gebracht und daselbst der veterinär- ärztlichen Untersuchung unterworfen werden. 2. Geschieht dies nicht, so ist das Vieh quarantäne- pflichtig. 3. Vieh aus Orten, in welchem die Maul- und Klauenseuche herrscht, darf nicht aufgetrieben werden. Zuwiderhandlungen werden bestraft. Gießen, den 19. November 1900. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold. Bekanntmachung. Dor Weihnachten wird der Verein nachfolgende Bor- träfle halten lasten: 1. zu Beltershain am Sonntag, dem 25. Notz ember, nachmittags 4 Uhr in der Wirtschaft von Max Becker über „Jungviehaufzucht". 2. zu Grüningen am Sonntag, dem 2. Dezember, nachmittags 4 Uhr im Rathaussaal über „Viehzucht insbesondere Schweinezucht und Schweine- müstung" von Herrn Oekonomierat Leithiger. 3. zu Annerod amSonntag, dem 9. Dezember, nachmittags i/34 Uhr in der Wirtschaft von PH. Mohr VIII. ü6 fernen von der Grundlage, auf der das Deutsche Reich, aufgebaut worden ist. Unsere Weltstellung auf Grund unserer wirtschaftlichen Interessen werden wir erhalten und schützen, aber nicht vergessen, daß unser Zentrum in Europa ist. Wir werden nichts thun, wodurch die Sicherheit in der Heimat, die Wehrk r a f t unseres deutschen Volkes irgend geschwächt werden kann. Durch die Truppensendungen nach China ist unsere Schlagfertigkeit in Europa nicht beeinträchtigt worden. Wir werden uns hüten, in China die Geschäfte anderer zu besorgen. Wir nehmen teil an der gemeinsamen Aufgabe aller Kulturvölker, denken aber nicht daran, für eine andere Macht den Blitzableiter abzugeben. Wir denken auch nicht daran, die Vorsehung auf Erden zu spielen. Das Beispiel Napoleons treibt uns nicht zur Nachahmung. (Beifall.) Wir werden unsere Stellung in Ostasien wahren, aber eine andere Richtschnur als dasi Interesse des Landes gebe es nicht. Wir werden uns nicht in So n d e r ak t i - o n e n einlassen, und an dem Zusammengehen mit den Mächten festhalten. Der R^chskanzler hebt weiterhin rühmend die Schnelligkeit der Truppenexpedition nach China hervor, ein Beweis für unsere Wehrhaftigkeit, ebenso das rühmliche Verhalten unserer Soldaten im Felde. Die Regierung habe gethan, was sie thun mußte. Die uns widerfahrene Verletzung, das Blut des Gesandten durfte nicht ungesühnt bleiben. Er bitte, die Mittel zu gewähren, um die chinesischen Händel besonnen, aber auch in Kraft und Ehre auszutragen. (Beifall.) Abg. Dr. Lieber (Ztr.) versichert, daß niemand von seiner Partei daran denkt, die Notwendigkeit der Abwehrunternehmungen gegen China zu bezweifeln. Es ist richtig, daß eine Reihe der von den verbündeten Regierungen erstrebten Ziele noch nicht erreicht ist; in allen diesen Zielen sind meine Freunde mit denverbün- deten Regierungen durchaus einverstanden und danken für das, was zur Erreichung derselben bisher geschehen ist. Was hinsichtlich der Mobilmachung, der Einschiffung und der militärischen Haltung unserer Truppen bemerkt worden ist, hat ebenfalls unsere Billigung. Aber hier muß ich einem Bedauern meiner Freunde Ausdruck geben. Es sind die Nachrichten über Grausamkeiten in der Kriegsführung, über Massenmorde durch untergeordnete Organe, lieber das Ausgaben- bewilligungsrecht des Reichstages hat der Kanzler erklärt, er wolle alles thun, um auch, menu es der Reichstag verlangt, die Annahme einer Jndemni- tätserteilung durch die verbündeten Regierungen in die Wege zu leiten. Eine solche Auffassung klang schon durch die Worte der Thronrede hindurch; was sie in ihrem Wortlaut besagt, ist eine höchst fadenscheinige Begründung der Unterlassung der Reichstags beruf ung. Sie sagt, man habe den finanziellen Bedarf nicht übersetzen können. Hat man das gekonnt, als plötzlich Frankreich 1870 an Preußen den Krieg erklärte? Und kam man nicht trotzdem an den norddeutschen Reichstag mit der Kriegsanleihe? Hat man ihn nicht nackcher um eine Erhöhung ersucht? Und nach diesem Vorgang kommt man mit solcher Argumentation in einer Thronrede ? Das ist eine Sp e ku l a t i o n a u f d i e Ged ächt- nisschwäche, welche wir unsererseits uns gehorsamst verbitten. Wir empfinden die Umgehung des Reichs- iages als eine Bersaffungsverletzung, als eine schwereMißachtung des Reichstag es. (Zustimmung im Zentrum.) Ter Reichskanzler hat sich zwar alle Mühe gegeben, seinen Amtsvorgänger von mala fides zu entlasten, aber wenn eine solche nicht dabei ist, so doch eine hochgradige Nonchalance in der Behandlung der wichtigsten Reichsangelegenheiten. Wie anders würden die verbündeten Regierungen heute dastehen, wenn sie uns diesen Sommer berufen und sich damals schjvn der Zustimmung des Reichstages versichert hätten, ohne die sie auf die Tauer nichts machen können, (^ehr richtig!) Tiefem groben Fall von Vernachlässigung des Reichstags gegenüber ist es für die Volksvertret- ung eine sehr schwere Aufgabe, die Indemnität zu erteilen. Wenn es sich nicht um so hochnationale Zwecke, um die Wahrung der deutschen Ehre handelte, würden wir in der Budgetkommission mit den verbündeten Regierungen ein viel schärferes Wort sprechen, zumal uns Aeußer- ungen aus jenen hohen Kreisen zu Ohren gekommen sind, dahingehend: „s)tun, was wird es werden? Sie werden ein paar Tage lang hohe Reden halten und dann bewilligen". (Sehr richtig! und Lachen bei den Sozialdemokraten.) Ich stelle oen AntragaufVer Weisung der Vorlage an die Budgetkommission. Erfreulicherweise ist wenigstens das aus der Denkschrift zu ersehen, daß die amerikanische Anleihe nicht zum Zwecke der chinesischen Expedition ausgenommen ist, aber trotzdem sind die verbündeten Regierungen nicht ent lastet, wenn sie die Kosten dafür aus reichseigenen Ueber- schüssen von 1899 und 1900 mit 60 (Millionen ohne Genehmigung des Hauses bestritten haben. Wie steht es denn mit der Bildung neuer Truppenteile, mit der Verleihung von iFahnen an sie, -mit! deriAusführung dieser neuen Truppen im neuesten Nachtrag zur Rangliste des deutschen Heeres? Wir haben gehört, daß diese Truppenteile ersetzt worden sind im stehenden Heere im Interesse der Verteidigungsfähigkeit des Vaterlandes. Es ist doch seit Bestand des Reiches kein Heeresstärkengesetz verabschiedet worden ohne Festsetzung der Batterien, Bataillone und Schwadronen. Jetzt haben wir eine ostasiatische Armee: alle diese Tinge berühren un s er v e r f a s su n g s- mäßiges Recht auf das empfindlich st e. Sehr unangenehm berührt sodann an der Expedition, daß der neue Oberkommandierende der verbündeten Truppen das Vertrauen der gesamten verbündeten Mächte statt als Anlaß zu einem besonders -maßvollen Vorgehen ^u einer Entnahme von Lorbeer auf Vorschuß benutzt hat. Aber weit mehr noch verstimmen mußten Aeußerungen, die nicht von Sühne für begangene Frevel, sondern von einem Kriege aus Rache handeln. (Zurufe: Hunnenrede!) Wir hörten ferner die Aufforderung, keinen Pardon zu geben, und wir lesen jetzt von Grausamkeiten, welche die so Angeredeten als einfache Pflichterfüllung auffassen. Tazu kamen in diesen Reden die weitaus- fchauenden Pläne der deutschen Politik, der Hinweis darauf, daß ohne Teutschland und ohne den deutschen Kaiser auf dem Ozean und jenseits des Ozeans keine Entscheidung mehr fallen darf. Tiefe offene Ankündigung einer Weltpolitik in Wilhelmshaven, klang auch in der Rede auf der Saalburg wieder. Tiefe Aeußerungen lstiben tiefe Beunruhigung in weite Kreise unseres deutschen Volkes getragen. Eine Einmischung des Reiches in die inneren Verhältnisse anderer Völker unter irgend welchem Vorwande kann von keiner Partei des deutschen Reiches gebilligt werden. Wohin soll es kommen, wenn wir uns jetzt damit einverstanden erklären würden, es dürfe überhaupt ohne Teutschland nichts mehr in der Welt geschehen? Wir müssen uns auf das Entschiedenste gegen diesen Ausspruch verwahren. Wir hoffen, daß das Ergebnis der Verhandlungen sein wird, daß der Reichstag nicht fehlt, wo es sich handelt um bie Aufrechterhaltung nationaler Ehre, die Wahrung deutscher Interessen, daß er aber auch nicht fehlt, wo es gilt, auch sein eigenes Recht den verbündeten Regierungen gegenüber zu wahren. (Lebhaftes Bravo' im Zentrum.) Abg. Bebel (Soz.): Man wird hier und in der Kommission nach einigen donnernden Kritiken alles bewilligen, was d ie Regierung fordert, ohne zu empfinden, welche Schmach dem deutschen Reichstage dadurch an- gethan wird. (Präs. Graf Ballestrem ruft den Redner zur Ordnung.) Ein anderes Paralament würde sich einen solchen Äerfassungsbruch nicht bieten lassen, sondern hätte auf Grund dieser Vorkommnisse diejenigen Beamten, die sich eines solchen Verfassungsbruches schuldig machten, zur Verantwortung gezogen. Wir haben aber in Teutschland nur eine papier ne Verantwortung. Wir stehen vor der Schaffung einer neuen Kolonialarmee. Tie Indemnität werden wir verweigern, weil wir aufs schärfste die Politik bekämpfen, die zu den chinesischen Wirren und ihren Folgen geführt hat. Tie Unruhen in China sind die Folge Jahrzehnte langer Verfehlungen der Europäer gegenüber den Chinesen. Es mußte sich in der chinesischen Bevölkerung allmählich die Ueberzeugung festsetzen, daß alles darauf hin arbeite, das große chinesische Reich in völlige Abhängigkeit von den ausländischen Mächten zu bringen. Tie Europäer lassen sich in China die größten 6>waltthätigkeiten gegenüber den Chinesen zu schulden kommen, ohne daß jemals der Chinese Recht bekommt: die Europäer verstehen es stets, kraft ihrer Stellung und ihres Geldes die elende- chinesische Gerichtsbarkeit zu bestechen, sodaß die armen MiS in feiner Form ihr Recht bekommen können. Nicht nur von Ausländern, sondern auch von einer großen Zahl deutscher Angehörigen, die im Auslande zum Teil in hohen Stellungen gelebt haben, ist darauf hingewiesen, daß die Missionen in China einen großen Teil an den Unruhen Schuld haben. Tie Beeinflussung der Beamten durch die Missionare hat den Haß der Bevölkerung gegen die Missionare hervorgerufen und ihn noch erhöht durch die provokatorische Art und Weise, wie die Missionare aufgetreten sind. Redner rügt namentlich das provokatorische Auftreten des Bischofs Anzer und anderer Missionare, die rücksichtslos in ckstnesifche Tempel dringen. Wie würde es einem chinesischen Missionar ergehen, der in eine katholische Kirche in Oberbaiern eindringen und dort die Lehren des Konfucius vortragen wollte? (Heiterkeit. > Innerhalb zweier Jahre hat man China die besten Häfen und die besten Landesteile weggenommen, ohne daß dieser Staat dagegen etwas ausrichten konnte. Käme dasselbe Schicksal über Teutschland, die ganze Nation würde aufstehen, um jeden Fuß breit Landes zu verteidigen. Und dieses natürlichste Recht sollte China nicht haben? Ter Reichskanzler sprach, als er noch Staatssekretär war, von dem Platze an der Sonne, von dem Kuchen, der zu verteilen war. Gehörte etwa der Kuchen dem Herrn Staatssekretärs (Große Heiterkeit.) Aber jeder nahm ein Stück von dem Kuchen, und der, dem man ihm nahm, konnte und durfte nichts sagen. Ent- cheidend ist die souveräne Verachtung der Rechte Fremder, sie hat China gegenüber gerade so wie bei unseren Kolonisatoren in Afrika den Ausschlag gegeben. Man vergißt, daß China in den europäischen Hauptstädten Gesandt- chaften unterhält, die ausgerüstet find mit einem Personal, dessen Bildung es mit'jedem Reichskanzler aufnehmen kann. Die Boxer sind Patrioten von Ihrem (nach rechts) Standpunkte aus. (Lackmen rechts.) Auch Graf Arnim und Dr. Kropatscheck würden geheimen Verbindungen angehören, wenn die Russen ober Franzosen Deutschland erobert hätten. (Gelächter rechts.) In Peking hatten die Schutztruppen die Gesandtschaften gegen revolutionäre Ueber- älle zu schützen; statt dessen hatten sie schon vom 14. bis 17. Juni zahlreiche Chinesen auf den Straßen und in den Tempeln niedergemacht, also Morde begangen in einem remben Lande gegen Blstvohner desselben. Der Dolmetscher Cordes erklärt, daß deutsche Soldaten von der Mauer der deutschen Gesandtschaft ohne jede Provokation in friedlich zusammensitzende Chinesen hineingejchossen und 6 bis 8 niedergeknallt haben. In dem unmöglichen Falle, daß dergleick)en in Berlin geschehen wäre, hätte doch in zwei Stunden die Berliner Bevölkerung das Gesandt- chaftshaus gestürmt, und die Revolte wäre fertig gewesen. Der deutsche Soldat hätte nicht geschossen und der deutsche Offizier hätte nicht kommandiert, wenn er nicht des Einverständnisses des Herrn v. Ketteler sicher gewesen wäre. (Große Unruhe rechts, Rufe: Pfui!) und! vvrr v. Ketteler ist demnach der Verantwortliche für diese unerhörte Völkerrechtsverletzung. Die verbündeten Regierungen erobern Taku am 17. Juni, es wird alles verwüstet, die Bewohner, Männer, Weiber und Kinder, werden niedergemacht. Da stellte die chinesische Regierung die korrekte Forderung, die Gesandten sollten binnen vierundzwanzig Stunden Peking verlassen, weil die chinesische Regierung dieses Vorgehen als Kriegserklärung betrachte. Sie gehen darauf nicht ein, sie wollen nochmals mit dem Tsungli-Yamen verhandeln; das wird abgelehnt und da macht Herr v. Ketteler tollkühn allein sich auf den Weg und wird nun unterwegs erschossen. Im Kriege befinden wir uns nicht, heißt es, aber der Kaiser hat in einer seiner Reden an die abfahrenden Truppen ausdrücklich! vom Krieg gesprochen, von einem Rache krieg. Das Wort ist sehr unchristlich. Wenn ich auch das Motiv begreife, so begreife ich viel weniger, daß man es so offen ausspricht, die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr. (Lachen rechts.) Kein Kreuzzug i'|t| es, sondern ein ganz gewöhnlicher E r o b e r u n g s - und R a ch e k r i e g, und für den ist allerdings der Name Krieg zu anständig. (Große Unruhe.) Grausamkeiten sind in diesem Kriege vorgekommen, wie selbst bei den Hunnen und Vandalen nicht, selbst bei dem von den Protestanten so verlästerten Tilly nicht. (Gelächter rechts.) Wir müssen dagegen protestieren, daß das deutsche Reich die Aufgabe habe, das Christentum in fremden Ländern durch einen Rachezug zu verbreiten. (Beifall bei den Sozialdemokraten.)' Wir fohlten dem Beispiele Rußlands folgen, das bei seinem Vordringen in Asien den unterjochten Völkern ihre Religion beläßt und sie dadurch um so leichter mit dem russischen Reiche assimiliert. Statt dessen versuchen wir, einem großen Volke, das durch Männer wie Confucius Morallehren erhalten hat, die den christlichen nicht nachstehen, die christliche Religion aufzuzwingen. Wie weit sind die christlichen Grundsätze in unser bürgerliches Leben gedrungen? (Sehr rüstig! bei den Sozialdemokraten.) Ich stehe sonst mit Rußland sehr schlecht (Große Heiterkeit), aber hier handelt dasselbe klüger. Es gilt die Parole: Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht ge- macht! Wenn wir hierbei verbleiben wollen, dann müssen wir uns darauf gefaßt machen, daß der Krieg solange dauert, als das chinesische und das deutsche Reich existiert. Durch diese Art der Kriegführung wird auf Jahrhunderte hinaus ein Haß gegen alles Christliche und das Christentum überhaupt erzeugt, der die traurigsten Früchte zeitigen kann. Wo bleibt angesichts dieser barbarischen Kriegführung der Protest der Lehrer der christlick>en Religion? (Zustimmung bei den Sozialdemokraten. Unruhe.) Nun wird immer auf den deutschen Handel in China hingewiesen. Wir haben nur 5,2 pCt. vom chinesischen Handel, nach dem Friedeiisschlnß^werben die Amerikaner den Löwenanteil davontragen. Im grellsten Mißverhältnis zu diesem wirtschaftlichen Interesse in China haben wir uns dazu gedrängt, dort die erste Rolle zu spielen, und noch dazu durch die Uebernahme des Weltmarschallamtes die ganze Verantwortung vor aller Welt für dieses Unternehmen auf uns genommen. Der erste beste Feldwebel würde ausreichen, die Geschäfte dieses Krieges zu besorgen. (Stürmische Heiterkeit.) Welche Reden beim Auszuge, welches Aufgebot von Photographen und Kinematographen! (Große Heiterkeit.) Man muß sich! als Deutscher schämen; das ganze Ausland hat über Deutschland und sein Gebühren gelacht. Wären die Hunnenbriefe nicht echt, so wäre längst der Staatsanwalt eingeschritten. Die Erschießung der Gefangenen, die mit den Zöpfen aneinander gebunden waren und ^vorher gezwungen wurden, ein Loch, zu graben, in das sie nadji der Erschießung hineinfielen, ist eine Scheußlichteit, die den deutschen Namen brandmarkt. Ebenso sind in scheußlichster, barbarischer, gemeinster Weise Gefangene mit dem Bajonnett erstochen worden. (Große Unruhe rechts.) Nicht Weltmarschall, sondern Exekutionsmarschall ist Graf Waldersee. Ihn in eine solche Position zu bringen, ist eine so große politische Unklugheit, wie sie niemals in einem Staate begangen worden ist. A>er Reichskanzler hat die Bedingungen mitgeteilt, welche die. Gesandten der Mächte formuliert haben. Herr Graf von Bülow, Sie können nicht glauben, daß für die Chinesen diese Bedingungen annehmbar sind. Es wird verlangt, daß ein Prinz hingerichtet werden soll. Wie, wenn 1848 die Hinrichtung eines Prinzen gefordert worden wäre! Allerdings, wären die chinesischen Wirren nickst eingetreten, so hätten wir den schönen Vorwgnd für unsere Flotte nicht gehabt. Das Wort Weltpolitik fiel im königlichen Sckslosse zu Berlin gelegentlich des 25 jährigen Jubiläums des Bestehens des deutschen Reiches. Wie haben sich damals die Herren vom Zentrum dagegen gewehrt. Aber bald war die erste Forderung für die Flotte bewilligt und zwei Jahre später die zweite, trotzdem keine Ereignisse dazwischen getreten waren! Sie (zum Zentrum) sind die blamierten Europäer. (Große Heiterkeit.) Der Reichskanzler kann auch nicht wehren, er ist zwar Kanzler, aber . . . (der Redner macht eine achselzuckende Gebährde: große Heiterkeit). Im Namen der Fraktion und im Namen der Menschlichkeit protestieren wir gegen dieses China- Unternehmen. (Beifall bei den Sozialdemokraten, lebhafter Widerspruch rechts.) Kriegsminister v. G o ß l e r: In zwei früheren Fällen haben die Budget-Kommissionen und das Plenum be* Reichstags anerkannt, baß die Regierung mit der nach träglichen Genehmigung korrekt verfahren ist, und in dem einen Falle, 1887, ist ihr Indemnität erteilt worden deshalb, weil die Truppenverstärkungen an der Ostgrenze in die Zeit fielen, als der Reichstag noch gewählt wurde. Die neueuFormat io nenvon Regimentern sind nur für den Krieg gebildet, und wenn sie später weiterbestehen sollen, so bedarf es dazu der gesetzlichen Regelung. Es ist selbstverständlich daß solche ge^ setzliche Regelung durch die gesetzgebenden Faktoren erfolgt. Daß den Regimentern Fahnen verliehen worden sind, ist militärisch selbstverständlich Wenn Bebel sich darüber beschwert, daß wir China die scheinen Häfen weg- genommen haben, so hätte er sich nur ansehen sollen, in welchem Zustande mir den Hafen von Kiantschou bekommen haben. Er hat sich ferner über die Missionen aufgehalten; ich möchte ihm raten, sich darüber Auskunft zu verschaffen, was die Missionen allein durch Schulen und Krankenhäuser geleistet haben. Es sind für die arme chinesische Bevölkerung großartige Anlagen gemacht worden. Wir lassen doch nicht die Missionen eines fremden Volkes in der barbarischen Weise foltern, wie es in China geschehen; das ist unseres Volkes unwürdig! (Unruhe links.) Ich ziehe aus den Vorgängen in China den Schluß, daß es das größte Unglück einer Regierung ist, wenn sie in die Gewalt extremer politischer Parteien gerät. (Große Heiterkeit, Unruhe links» und Unterbrech, ungen.) Tie angeblich entsetzlichen Mordthaten kann ich zurzeit nicht kontrollieren, aber die Ermordung unglücklicher Frauen und europäischer Männer war vorausgegangen. Mr Grausamkeiten unserer Soldaten sind maßgebend, § 91 des deutschen Strafgesetzbuches und § :< des Einführungsgesetzes zur Militärstrafprozeßordnung, welche letztere sofort beim Beginn der Expedition für Die ostasiatischen Truppen durch den Kaiser in Kraft gesetzt worden ist. Tarin befinden sich die Vorschriften, du nach Kriegsrecht gegen die aus frischer That Ergriffenen sofort in Anwendung zu bringen sind. Tie fogenannten Hunnenbriefe suche ich auf den Tisch des Hauses zu legen. (Unruhe.) Wenn diese Briefe echt finb, unterliegt es keinem Zweifel, daß sofort die strengste Untersuchung eröffnet werden wird, was für die Betreffenden emen sehr ernsten Ausgang nehmen könnte. (Unrsihe.) Z^as Volt kennt seinen Kaiser und will dem Kaiser, das Recht der Meinungsäußerung nicht verkürzen. Wenn ein Wort mißverstanden werden sollte, so werden die Mannschaften aus dem langen Transport so instruiert, daß sie genau wissen, was sie zu thun haben. Was unsere Truppen in China jetzt thun, ist die Vergeltung für das, was die Hunnen bei uns Jahrhunderte lang g e t Han haben. (Lebhafter Beifall reckits und Gelächter links.) Die Vorwürfe, die Bebel gegen Graf Waldersee richtete, hat dieser nach dem, was er in seinen Stellungen gethan hat- nicht verdient. Wenn er das schwere Amt als Ma»" von 68 Jahren in dieser Frische angetreten hat und m vollen Bewußtsein der Verantwortung nach China gegangen so danke ich ihm. Nach meinem Gefühl LnJÄuc für die Armee, daß der Ernst des. Krieges ihi wieb einmal klar wird. (Beifall rechts.) m.f Um dreiviertel 7 Uhr wird die weitere Beratung auf Dienstag 1 Uhr vertagt. Erster Deutscher Handwerks- und Gewerbe- kammer-Tag. (Ausführlicher Bericht.) Berlin, 16. November. Heute beschäftigte sich der Kammertag zunächst mit dem FortbildungS- und Fachschulwesen. Gewerbe- kammer-Syndikus Rat Dr. Hampke (Hamburg) befürwortete folgenden Antrag: .. Der erste deutsche Handwerks- und Gewerbekammer.Tag der Ansicht, daß bei den großen Anforderungen, welche die neue" wirtschaftliche Entwickelung an den Handwerkerstand stellt, neben der Werkstattlehre auch ein ausgedehnter Fach und Fortbüduntztz- unterricht für die Heranbildung des jungen Handwerkers enotberlt» ift. Der erste deutsche Handwerks- und Gewerbekammer-Tag ersuch daher diejenigen deutschen Staaten, in denen dies bisher noch nta geschehen ist, den Unterricht für die gewerbliche heranwachfenre fugend bis zum 18. Jahre in den Fortbildungsschulen, die fachtta zu organisirren sind, obligatorisch zu gestalten und für einen weiteren Ausbau der Fachschulen Sorge zu tragen." , . Von der Stettiner Handwerkskammer ist dazu nocy folgender Antrag gestellt worden: „Der 1. deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag beschlrevr. dem preußischen Herrn Minister für Handel und Gewerbe die Einführung von einheitlichen Abgangszeugnissen in den Fortbüdungsschulen zu empfehlen und ihm vorzuschlagen, die Handwerkskammern mit der Aus führung dieser Bestimmung zu beauftragen. , Rat Dr. Hampke führte u. a. aus: Wenn die Fortbildungsschulen für die Heranwachsende Handwerker jugenv einen Vorteil haben sollen, dann müssen dieselben sachlich organisiert und obligatorisch werden. Auch müsse der Tagesunterricht in den Fortbildungsschulen angefirevt werden, denn es sei kaum zu verlangen, daß die jungen Leute nach angestrengter Tagesarbeit noch einige Stunden aufmerksam in der Fortbildungsschule sein sollen. Schmieds meister Karschuck (Insterburg): Er sei ein großer Fein-0 des Fach- und Fortbildungsschulwesens, man müsse aver auch auf die Meister Rücksicht nehmen. Diese seien E imstande, ihre Lehrlinge zu jeder Jahreszeit und noch M am Tage in die erwähnten Schulen zu schicken. Er er|9 daher, das Wort „obligatorisch" zu streichen. ($>ei . W Eröffnrn ni(ri anmefent ' W* ft besä Magien nnö i RW kafyii Bit "W Brant f *»8111*« s> j ‘"«fatnbtv : * tu n ? ! ä . "ör aus *4’5; ,61hlt,V» ti ■ !6ter*?‘tk Mi »* "6 ,rt Iekretar "'Labrüder btt 1 Hr beides. * LZ einer im ffiirtfW1 i,i seinem M>eb. !jr HM-ning„dei l-it btt zveclmLßge liker eine SpW Lusstellung btt diese vttlLuMer. unb txW einander nähe". das rechte Lerstäi ist eine Erzieherin 8. Einen vollen E ^usaminenschluß a der 6*W ?reuMr Zentral bet Genossenschaft hilse die DorausU anmenben, um i Drganifalion M H Mgler-M bie verbündeten 1 von staatlichen A unterstützen. — uiif demZusatzan tlnstimniig zur ? Den folgend weje n. Ge> sHM a.S.)befi tzandweckrckMi zu bttüLMge um dir Daurr denselben nzie anschlag in R zur Annahme. Schuhma Wnben Anti »Die deulsl e^ilbxtnbtn R unMichl/rtw L die HA- iinb G Schädig dich EtngangöMm b kurrmzWg «h», v eutzische h»nd Vandelsvertrütze Handwerkska: Nach für ftimmig zur 81 zundG-w« ns > sKr HK! gegen dieses K oMdemoL^ '^luiherenM 7-»E rsrsü ZSr th 91e" er"i« !’•"«« Iie j» ■f ö daz» bet E ft d°S ioldS -benben Faktoren «< ,en verliehen moih J .Kenn Bebel fit 16 IW diiM toet nur ansehen sollen -n von Kiautschou K r über die Mission« n- lich darüber AnK lllionen allein dar ■t haben. Es sind t roßartige Anlagen i }t die Missionen ein n Beise foltern, irres Volkes unwürdr Vorgängen in Ga lgiück einer Regina er politischer Pariere links» und Unterbrec chen Mordthatr , aber die Emor^/i her Männer tont vor unserer Sv/HD fini afgeW/chs und §' täMsprozcho^Mn er EMMvn 'snr i\\tx \n Kraft ge die Vorschriften, scher That Ergriffe ind. Tie sogenanr Tisch des Hauses se echt sind, unterfc strengste Unter)* >ie Betreffenden em? ?. tUnrslhe.) Askol Kaiser das RkÄ V Venn ein Wort nie die Mannschaften i daß sie genau E ere Truppen in M für das, was! ertelangget. d Gelächter links.)- Waldersee richtete - Stellungen getha^ re Amt alv M . ’ten hat und ir*, ihr xoW eitere Beratung^ 36. Novmv^ amerwg uwesen> Hamburg) bes»^ «b Mvvd sur 1/ f ist böi“ $ ■ skammer F >-CÄ und ^ftbildun^7,, ij kÄ; «7'm» »y iIbun^taMieJ“o$ pa*»5? tigtr Widerspruch). Der Antrag Hampke (Hamburg) gelangte darauf mit der Aenderung zur Annahme, daß vor dm Worten: ..bis zum 18. Jahre" eingeschaltet wird: ..in der Regel". Es folgte das Genossenschaftswesen im Hand- werk. Sekretär Korthaus (Osnabrück) befürwortete namens der Osnabrücker Handwerkskammer folgende Leitsätze: 1. Die Genossenschaft ist ein wichtiges Mittel zur Förderung und Kräftigung des Handwerks in sittlicher und wirtschaftlicher Beziehung-, su ermöglicht dem Handwerker, die Vorteile der modernen Wirtschafts-. crbnung auszunutzen und sich den gegebenen Verhältnissen anzupasien. ■: Nicht allein der Kampf gegen das Großkapital kann bie wirtschaftlichen Schäden im Handwerk beseitigen. Es ist anzustreben, das Kapital mehr als bisher dem Handwerk nutzbar zu machen. Auch fürden Hand- »erker muß das Kapital die Grundlage des Unternehmens bilden. 8 Wegen des Mangels an Kapital fehlt den einzelnen Handwerkern ein outzreichknder Geschäftskredit. Die genoffenschaftliche Organisation ver- mitielt beides. Die Kreditgenoffenschaft ist deshalb die unentbehrlichste bj.!noffenschastsart für den Handwerker. Den Beitritt zu derselben ge. bittet der eigene Vorteil und ist auch für jeden Handwerker eine moralische M.cht. 4. Die Rohstoff Genoffenschaft gewährt dem Handwerker die Sorteile des Einkaufs im großen, sie ermöglicht ihm die Einführung einer im Wirtschaftsleben als vorteilhaft anerkannten Geschäftsordnung ii feinem Betrieb. 5. Die Werkgenossinschaft bietet ein sicheres Mittel' für Vermehrung der Konkurrenz- und Leistungsfähigkeit. • Die Möglich- kit der zweckmäßigen Ausnutzung der Maschinenkraft ist für viele Hand- mrer eine Existenzfrage. 6. Die Magazingenoffenschaft ermöglicht die AuGellung der Handwerküerzeugniffe in angemessener Form und macht biefe verkäuflicher. Sie erschließt dem Handwerker ein größeres Absatzgebiet und erhöht seine Konkurrenzfähigkeit gegenüber den Warenhäusern. 7. Genoffenschaftliche Arbeit bringt die Handwerker auch als Menschen einander näher. Die Genoffenschaft erweckt in ihren Mitgliedern erst bas rechte Verständnis und Gefühl für Gleichartigkeit der Interessen, sie ist nne Erzieherin für ein geordnetes, sittliches und wirtschaftliches Leben. 8. Linen vollen Erfolg sichert auf genoffenschaftlichem Gebiet erst der Zusummenschluß aller befferen Kreise im Handwerk. Eine Verbreitung der genoffenschäftlichen Idee ist mit allen Mitteln anzustreben. 9. Die ?rer bische Zentral-Genoffenschaftskaffe ist ein wichtiges Förderungsmittel der 'Genossenschaften, dabei bildet jedoch das Vorhandensein der Selbsthilfe die Voraussetzung. 10. Welche Mittel sollen die Handwerkskammern cnwnben, um die Durchführung der wirtschafts-genoffenschaftlichen Dignnifation des Handwerks zu fördern. Nagler-München beantragte, den Leitsätzen hinzuzufügen: die verbündeten Regierungen zu ersuchen, durch Zuwendung von staatlichen Arbeiten die Handwerker-Genossenschaften zu unterstützen. — Diese Leitsätze Karthaus' gelangten danach mit dem Zusatzantrage des Kommerzienrats Nagler-München tinstimmig zur Annahme. Den folgenden Gegenstand bildete das Submissio ns- w e s e n. Gewerbekammer « Sekretär Dr. Mühlpfordt (Halle a. S.) befürwortet einen langen Antrag der Halle'schen Handwerkerkammer, in dem versucht wird, bei Vergebung von Submissionsarbeiten in erster Reihe die Handwerker zu berücksichtigen und bei einem Ausstande die Lieferungszeit um die Dauer desselben zu verlängern und eine durch denselben erzielte Lohnerhöhung verhältnismäßig im Preisanschlag in Rechnung zu bringen. Dieser Antrag gelangte zur Annahme. Schuhmacher - Obermeister Figge - Köln befürwortete sollenden Antrag der Kölner Handwerkskammer: „Die deutschen Handwerkskammern beantragen, daß diejenigen tlnaiufübrenben Rohmaterialien, deren Erzeugung im Inland in unzureichendem Mähe erfolgt, mit niedrigen Zöllen, dagegen fit Halb- und Ganz Fabrikate des Auslandes, welche eine erhebliche Schädigung deutscher Arbeit tot G-folge haben, mit entsprechenden AngangsMen belegt werden, damit daS deutsche Handwerk kon- lulpenzfähig erhallen bleibe .Ferner möge der Reichskanzler und der nrnhische Handels-Minister ersucht werden, bei Beratung der Handelsverträge Vertreter des Handwerks hinzuzuziehen und die Handwerkskammern in ihrem Gutachten zu hören." Nach kurzer Besprechung gelangte der Antrag etn- stimmig zur Annahme. Prozeß Sternberg. Berlin, 19. November. Bei Eröffnung der Sitzung ist der Angeklagte Luppa licht anwesend. Da auch eine Enschuldigung nicht ein- gigangen ist, beschließt der Gerichtshof die Vorführung des Ingellagten und beauftragt gleichzeitig einen medizinischen Sachverständigen, festzustellen,. ob Herr Luppa etwa durch tlötzliche Krankheit verhindert ist. Der in die Wohnung de» Angeklagten entsandte Bote teilt mit, daß Herr Luppa dort nicht anwesend war, sondern nach Auskunft des Dienstpersonals mit seiner Ehefrau ausgegangen sei. Staats- ontnalt Brant beantragt, einen Haftbefehl zu erlasien und dir Verhandlung gegen Luppa von der übrigen Verhand- kitg zu trennen. Die Verteidigung macht geltend, daß ■ki dem Angeklagten Luppa möglicherweise ein Irrtum vor- liegen könne und daß eventuell auch ohne Anwesenheit !tppaS die Verhandlung fortgesetzt werden möge, um nicht dir Verhandlung aufzuhalten. Der Staats anwalt viknerspricht diesem Vorschläge, da er die Anwesenheit des tageklagtcn Luppa in dessen Strafsache bei jedem der zu ^nehmenden Zeugen für notwendig erachtet. Der Ge- lichtShof beschließt den Erlaß eines Haftbefehls mb behält sich die Beschlußfassung über die weitere Pro- zkdar bis nach Ablauf einer halbstündigen Frist vor. Als- bannt setzt der Vorsitzende die Beratung bis Dienstag 12 tlhr aus. Der Gerichtshof ist der Meinung, daß er eine Trennung der Sache auf Grund des § 230 der Str.- Pc.-Ord. noch nicht aussprechen kann, da noch nicht fest- ftzhl, daß der Angeklagte absichtlich sich fernhält. Ans Stadt und Land. Gießen, 20. November. •• Der Zweiten Kammer der Landstäude ging 1. eine Vorstellung des katholischen Lehrervereins zu, betreffend die 6e Haltsverhältnisse der hessischen Volksschullehrer. daß die Zweite Kammer in Ansehung der großen mat eriellen Notlage der hessischen Landlehrer gütigst dahm fielen möge, daß für dieselben eine zeitgemäße Gehalts nasbbesferung mit Wirkung vom 1. April 1900 auf gesetz lichsrm Wege herbeigeführt werde. Die Zweite Kammer ■ofie genei'gtest die Besoldnngsangelegenheit der Volksschul- chr-r einer baldigen zufriedenstellenden Lösung entgegen« führen. — 2. Ein Antrag des Abg. Köhler-Langsdorf, betreffend die Zurückvergütung der Baukosten für von den Kreisen zu übernehmende Gemeindechausseen: Im Gesetz vom 12. August 1896, ben Bau unb bie Unterhaltung ber Kunststraßen im Großherzogtum betr., ist es seitens ber Gemeinden unb auch seitens privater-Straßenbesitzer als eine große Härte empfunben worben, baß ben Erbauern unb Besitzern von Gemeinbe- unb Privat- straßen beim Uebergang ihrer Straßen in Kreis-Besitz unb Verwaltung keinerlei Vergütung für ihren Baukosten-Aufwanb gewährt wirb. Wenn man bebenkt, baß nach folgenbem Mobus bie Lastenverteilung burch bas Gesetz bei KreissUaßen Neubauten georbnet ist: 1. freie Gelänbefiellung burch bie beteiligten Gemeinben unb Gemarkungsinhaber, 2. Tragung von 3/b ber Kosten burch ben Staat, 3. „ „ Ve /, * n die Gemeinbe, 4. „ „ 2/e „ n den Kreis, 5. „ „ 2/8 „ „ „ bie Provinz, so erscheint es gewiß als ein burch nichts zu begrünbenber Mißstand, wenn solchen Straßenbesitzern, beren Straßen vom Kreis Übernommen werben, zugemutet wirb, bie um ’/e der Bausumme höhere Belastung weiter zu tragen. Gar manche Gemeinbe würbe aus freien Stücken schon zum Entschluß gelangt sein, irgenb eine Straßenstrecke in eigener Regie zu erbauen, wenn ihr in sicherer Aussicht stände, daß ihr im Verlauf einiger oder mehrerer Jahre die Last abgenommen und ihr bie Baukosten — entsprechens) ben Gesetzesbestimmungen bei Neubauten — zurückvergütet würben. Hiernach beantrage ich: hohe Zweite Kammer der Stände wolle beschlietzrn, die Gcoßh. Regierung zu ersuchen, dem Landtage eine Gesrtzesoorlag- zugehrn zu iaffen, deren Inhalt da» Folgende ausspricht: das Ges-tz vim 12. August 1896, den Bau und die Unterhaltung der Kunststratzen im Großherzogtum betreffend, erhält folgenden Zusatz: Solche ©zmeinben und Gemarkungsinhaber, die aus eignem Entschluß unb auf eigne Kosten, nach den erbetener. Plänen der zuständigen Kreisbauinsvektion Gemeindechausseen erbauen und bieklben in ebensolcher Pflege e Hellen, wie sie auf den Kreisstraßen gebräuchlich ist, erhalten beim etwaigen Uebergang auf den Kreisverband eine Rückvergütung der verausgabten Baukosten, die entsprechend den Bestimmungen des Gesetzes unter Artikel 9 und 10 zu 8/b vom Staat, ,,8 von der Provinz und zu 2/e vom Kreise zu tragen sind. -e- Heuchelheim, 19. November. Die verkehrsreiche Rodheimer Straße ist abermals um ein Etablissement reicher geworden. Wie bereits seinerzeit an dieser Stelle bekannt gegeben, hat Herr Sack von hier in nächster Nähe vom „Windhof" ein Gelände erworben, um dahin sein Cement- Lager zu verlegen. Der etwa 40 Meter lange Neubau ist jetzt soweit vollendet, daß er in diesen Tagen mit dem Dache versehen werden konnte. -d- Rodheim v. d. H., 19. November. In der vergangenen Woche wollte abends der jüngste zwanzigjährige Sohn des Bürgermeisters Holl die Uebungsstunde des Gesangvereins besuchen. Niemand will ihn aber darin bemerkt haben. Am andern Morgen fand man sein Bett unberührt. Ein Bursche wollte ihn am Abend vorher an einem Brunnen gesehen haben. Dieser wurde darum von der Feuerwehr ausgepumpt. Man fand aber den Vermißten nicht darin. Später verlautete, der Verschwundene habe abends zu dem Zug, der 9 Uhr 24 Minuten von Rieder-Wöllstadt nach Frankfurt fährt, eine Fahrkarte gelöst. Von da fehlt trotz eifriger Nachforschungen jede Spur von ihm. Einen stichhaltigen Grund für den von ihm unternommenen Schritt weiß niemand anzugeben. -h. Alsfeld, 18. November. Ein imposanter Leichenzug bewegte sich heute nachmittag durch die Straßen unserer Stadt, um der entseelten Hülle unseres, am 14. ds. Mts. nach kurzer Krankheit im rüstigsten Mannesalter verschiedenen ersten Pfarrers, Herrn Jäger das letzte Geleite zu geben. Vom Sterbehause aus, wurde der Sarg unter Vorantritt fast sämtlicher Dekanatsgeistlichen im Ornate zur Kirche getragen. Hier hielt nach einem Gesang der Gemeinde der Dekan des Dekanats Alsfeld, Pfarrer Wöriß« Hoffer von Großfelda die Gedächtnispredigt. Pfarrer Sauerwein hielt die Grabrede. Von der Liebe und Verehrung, die der Entschlafene in weiten Kreisen genoß, zeugten die zahlreichen Kranzspenden, die an seinem Grabe niedergelegt wurden. Der Verstorbene ist der Verfasser der im laufenden Jahre erschienenen „Geschichte der Stadt Alsfeld", worin er wertvolle Beiträge zur Geschichte unserer Stadt veröffentlicht hat. -fc. Darmstadt, 19. November. Das Geburtstags- fest des Großherzogspaars begeht die hiesige Studentenschaft Freitag den 23. d. M. durch einen Festkommers im Orpheum. Am Vorabend des Geburtstages wird im Hoftheater als Festvorstellung „Die Bettlerin vom Pont des Arts" gegeben. Am 25. November selbst finden hier des Totensestes wegen keinerlei Geburtstagsfeierlichkeiten statt. Der hessisch preußische Eisenbahnverein für Beamte und Arbeiter begeht den Tag am 24. November durch eine Festveranstaltung im Orpheum. — Am nächsten Sonntag findet hier eine Sitzung des Gefamtpräsidiums der Kriegerkameradschaft „Hassia" statt, auf deren Tagesordnung u. a. die Gründung des Germaniaverbandes (eines neuen Militärvereinsverbandes in Hessen) unb die Zeitungsfrage steht. Ein Teil der Piäsidialmitglieder will anstelle des gegenwärtigen DerbandsorganS „Parole" die „Feldpost" in Berlin als VerbandSorgan eingeführt haben, während vom Militärverein die Gründung eines eigenen BerbandSorganS angestrebt wird. -i- Wetzlar, 19. November. Der Verband der rheinpreußischen landwirtschaftlichen Genossenschaften hält hier am 21. d. M. im „Hotel Kessel" eine Versammlung ab. Hierzu sind alle Mitglieder, die bereits dem Verbände angehören, sowie auch der sonst im Kreise Wetzlar bestehenden Kreditgenossenschaften eingeladen. Alle wichtigen Tagesfragen der Kreditgenoffenschaften werden dort beraten und die Vorteile des Anschlusses der keinem Verbände angehörigen Kreditvereine in die rheinische Genoffenschaft erörtert werden. -m>. Frankfurt a. M., 19. November. Der mittelrheinische Zweigverband deutscher Müller hält seine ordentliche General-Versammlung am 26. November, 2i/2 Uhr nachmittags, hier im Restaurant zum „Taunus" mit folgender Tagesordnung ab: 1. Geschäftsbericht des Vorstandes über die Thätigkeit des Verbandes seit der letzten General-Versammlung. 2. Rechnungsablage pro 1899. 3. Bericht über den Verlauf und daS Ergebnis der diesjährigen General-Versammlung des Hauptverbandes. 4. Welche Schritte sind zunächst notwendig, um die Erbauung von Sammelweihern im Quellengebiet unserer Mühlbäche durch den Staat zu erreichen. 5. Antrag des Vorstandes und Ausschusses, betr. die Errichtung eines ArbeitS- n ichweiseS. 6. Die Müllerei Maschinen auf der Pariser Weit Ausstellung. 7. Antrag des Kreis-BereinS Fried- berg-Hanau: „Die General-Versammlung des Mittel- rheinischen ZweigverbandeS deutscher Müller wolle beschließen, dem Vorhaben der Stadt Frankfurt a. M., im VogelS- bergQuellenzueinerneuenQuellwasserleitung für Frankfurt a. M. zu fassen, entgegenzutreten, insbesondere aber dahin zu wirken, daß die Großherzoglich Hessische Staatsregierung hierzu die Genehmigung versagt, da sonst den Mühlen an der Nidda, Nidder, Wetter undHorloff durch dieWasserentziehung großer Schaden erwachsen dürfte." 8. Bericht über die Regelung der Mahllöhne. H. Frankfurt, 18. November. Heute Adend fand hier im großen Saale des Saalbaues der zweite Volks-Unter- Haltungsabend dieses Winters statt. Neben einem Frauen- Chor unter Leitung des Herrn Silvio Rigutini wirkten noch der Cellist Schlemüller und Frau Dr. Drill-Orridge mit. Letztere trug neben Kompositionen von Fielitz, Strauß und Jensen noch je ein Lied von Anton Urspruch und Theo Schäfer unter groß»m Beifall vor. Auch dir Mitglieder unseres Schauspiels, Fräulein Helene Pollner und Herr Clemens Grün wurden für den Vortrag mehrerer Dialektdichtungen durch starken Applaus ausgezeichnet. Saal, Logen und Gallerie waren bis auf den letzten Platz besetzt. Uermischtes. • London, 19. November. Ein heftiger Sturm wütete gestern im Kanal. Es sind bereits eine Anzahl von Schiffbrüchen gemeldet. Ein große rdeutscherDamPfer ist in der Nähe von Falkestone in dringender Gefahr. Es sind Schleppdampfer abgegangen, um ihm Hilfe zu bringen. Der Dampfer Sir Robert Peel erlitt gestern Vormittag auf der Fahrt von Dünkirchen nach London infolge des stürmischen Wetters schwereHavarie. Ein Rettungsboot kam dem Schiffe zu Hülfe und verbrachte die Besatzung von 11 Mann nach dem Hafen von Ramsgate. Man halt den deutschen Dampfer für unrettbar verloren. * New York, 19. November. Ein Telegramm des amerikanischen Konsuls in Kapstadt meldet, daß im Innern der Kap-Kolonie Fälle von Beulenpest vorgekommen sind. * Valparaiso, 19. November. Ein Telegramm des französischen Konsuls ^n Valparaiso an das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten in Paris bestätigt, daß ein ungeheures Feuer in Valparaiso ausgebrochen ist. Das französische Ministerium trug telegraphisch in Valparaiso an, welchen Schaden die französischen Ansiedler in 93ab paraiso durch den Brand erlitten hätten.___________________ Aus dem Geschästsieöen. — Durch ein besonderes Verfahren ist es gelungen, bas zur Erhaltung allen Lebens einzig notwenbige Gas, ben Sauerstoff mit Kohlen- säure in bem gleichen Wasser aufzuspeichern, ein Erfolg, ben bie Mineralwafferfabrikation als überaus überraschenb unb zukunftsreich snsprach unb ben sie berngernäß auf ihrer ersten Fachausstellung in Berlin mit ber höchsten Auszeichnung ehrte. Mit bem Sauerstoff« Wasser ist ein Getränk in ben Hanbel gekommen, bas auf einer ae- funben, vernünftigen Basis aufgebaut alle Sympathien für sich in Anspruch nehmen bars. Es schaltet bie Kohlensäure aus, welche nutzlos unb so oft sogar schäblich bem Körper zugeführt wirb unb erzielt bie angenehme Wirkung ber natürlichen Wasser. 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I« das Handelsregister unterfertigten Gerichts wurde unter Nr. 34 eingetragen die Firma „Christian Wagner" zu Gießen und als deren Inhaber Kaufmann Christian Wagner daselbst. Gießen, den 16. November 1900. 7549 Grobherzogliches Amtsgericht.________________________ Bekanntmachung. Der Voranschlag der Gemeinde Londorf für das Jahr 1901/1902 liegt vom 22. November an acht Taae lang auf dem Bürger meisteret-Büreau zur Einsicht der Interessenten offen. Londorf, den 19. November 1900. Grobherzogliche Bürgermeisterei Londorf. Aumann. 7542 Bekanntmachung. Der Voranschlag der Gemeinde Rüddiugshauseu für das Jahr 1901/1902 liegt vom 22. November l. I. an acht Tage lang auf dem Bürgermeisterei-Büreau zur Einsicht der Interessenten offen. Rüddingshausen, den 19. November 1900. Großherzogliche Bürgermeisterei Rüddingshausen. Braun. 7544 Bekanntmachung. Der Voranschlag der Gemeinde Climbach für das Jahr 1901/1902 liegt vom 22. November 1900 an acht Tage lang auf dem Bürgermeisterei-Büreau zur Einsicht der Interessenten offen. Climbach, den 19. November 1900. Großherzogliche Bürgermeisterei Climbach. Stein. 7543 Bekanntmachung. Der Voranschlag der Gemeinde Inheiden für das Jahr 1901/1902 liegt vom 22. d. Mts. an acht Tage lang zur Einsicht der Beteiligten auf unserem Büreau offen. Inheiden, den 19. November 1900. Großherzogliche Bürgermeisterei Inheiden. Reitz. 7550 Nrrintw.rtttch für tm el|emetaee tt«: P. StUtte, O'iiiplchliiiirtcii Trangula-Thee vorzüglicher Klutrriviguugsthte Back 80 Pfennig empfiehlt bie 7462 Adler-Drogerie, Sellersweg 39. Otto Schaaf. Konkursverfahren. In dem Konkursverfahren über das Vermögen des Friseurs Karl Franz Conrad zu Gießen ist zur Prüfung der nachträglich an- gemeldeten Forderung des Friedrich Magnus dahier Termin auf DieuS« tag den 17. Dezember 1900, vormittags 9 Uhr, vor dem Großh. Amtsgericht hierselbft — Zimmer Nr. 14 — anberaumt. Gießen, den 16. November 1900. 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