246 Erstes Blatt Samstag den 20. Oktober 15V. Jahrgang LSOQ Kichmer Anzeiger Keneral-Un^eiger Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener NamitienStätter werden dem Anzeiger im Wechsel mit „Hess. Landwirt" u. „Blätter für Hess. Volkskunde" wöchtl. 4 mal beigelegt. Alle Anzcigen-Vermittlungsstellen deS In» und Ausland«» nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg. Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den salgeuden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher. Bezugspreis vierteljährl. Ml. 2L0 monatlich 75 Pfg. mit Bringcrlohn; durch die Abholestelle» vierteljährl. Mk. 1,90 monatlich 65 Pfg. Bei Postbezug Mk. 2,40 Vierteljahr, mit Bestellgeld. Amts« und Anzergeblntt für den Kni» Gissten. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchntstraße Ar. 7. Gratisbeilagen: Gießener Familienblütter, Der hessische Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde. Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße». Fernsprecher Nr. 51. Amtlicher Heil. Bekanntmachung. Betr.: Maul- und Klauenseuche. Die nachstehende Anordnung vom 10. Mai 1899 bringen rvir wiederholt in Erinnerung. Gießen, den 17. Oktober 1900. Gvoßherzogliches Kreisamt Gießen. I. V.: Boeckm ann. Bekanntmachung. Betreffend: Wie oben. Nachdem in zwei Fällen die Einschleppung der Maul- -und Klauenseuche in den Kreis durch wandernde Schafherden sestgestellt worden ist, ordnen wir hiermit gemäß § 8 des Ausschreibens Großh. Ministeriums deS Innern vom 3. Juli 1897 an, daß wandernde Schafherden im Kreise Gießen nur die Kreisstraßen benutzen dürfen und der Führer derselben mit dem Zeugnis eines beamteten Tierarztes versehen sein muß, in welchem daS Freisein der Herde von Maul, und Klauenseuche bescheinigt ist. Ein solches Zeugnis ist drei Tage lang gütig und Muß dem Polizeiaufsichtspersonal, in allen Fällen aber unaufgefordert der Ortspolizeibehörde desjenigen Ortes vorgezeigt werden, in besten Gemarkung die Herde zum Aufenthalt eingeführt wird. Zuwiderhandlungen unterliegen der Strafbestimmung in § 66,4 deS Reichsgesetzes vom 23. Juni 1880. Gießen, den 10. Mai 1899. Großherzogliö^s ^Kreisamt Gießen. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Ortspolizeibehördeu und die Gendarmerie des Kreises. Sie wollen wandernden Schafherden Ihre besondere Aufmerksamkeit zuwenden, sich die in obiger Bekanntmachung erwähnten Zeugnisse vorzeigen lassen und im Falle Zeug- niffe nicht vorgelegt werden können, die sofortige Einsperrung der Herde und ihre Bewachung insolange anordnen, bis die Seuchesreiheit der Herde durch kreisveterinäramtliches Zeugnis nachgewiesen ist, und uns sofort Nachricht geben. Wird Vie Verseuchung festgestellt, so ist den Anordnungen des Großh. Kreisveterinäramtes aufs pünktlichste zu entsprechen. v. Bechtold. Gießen, den 15. Oktober 1900. Betr.: Jnvalidenversicherungsgesetz. Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen an die Grohh. Bürgermeistereien des Kreises. Wir erinnern Sie an die Erledigung unserer Der- sSg«»g vom 24. v. Mts. — Gießener Anzeiger Nr. 226 — binnen 8 Tagen. v. Bechtold.__ A Gießen, den 15. Oktober 1900. Betr.: Obstbaumzucht. Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen frie Großh. Bürgermeistereien des Kreises. Wir erinnern Sie an die Erledigung unserer Verfügung vom 26. v. MtS. — Gießener Anzeiger Nr. 227 — binnen 8 Tagen. v. Bechtold. Bekanntmachung. Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß sich das Kastenlokal der unterzeichneten Behörde vom 20. d. Mts. ab Bleichstratze Nr. 16 1. St. befindet, und sind sämtliche Zahlungen dahin zu leisten und die Bezüge hier in Empfang zu nehmen. Zahltage werden abgehalten: Dienstag, Donnerstag und SamStag von vorm. 8—12 und nachm. 2—4 Uhr. Die Bürgermeistereien des Amtsbezirks werden ersucht, vorstehendes bekannt machen zu lassen. Gießen, den 18. Oktober 1900. Großh. DistriktSeinnehmerei Gießen II. Dieter. Gießen, 18. Oktober 1900. Betr.: Familien-Stammbücher. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien der Laud- geweindeu des Kreises. Auf unser Ausschreiben vom 28. Juli sind im ganzen 80 Stück Familien-Stammbücher zu 40 Pfg., 120 Stück zu 70 Pfg. und 325 Stück zu 1 Mk. bestellt worden. Wir haben nun die von der Firma E. Roth in Gießen herausgegebenen Bücher zu 50 Pfg. und 1 M f. als die geeignetsten gewählt und beabsichtigen die Bestellung bei jener Firma zu machen und Ihnen franko zuzusenden, wobei wir annehmen, daß Sie statt der Bücher zu 40 Pfg. solche zu 50 Pfg. und statt derjenigen zu 70 Pfg. solche zu 1 Mk. beziehen wollen. Sollten Sie andere Wünsche haben, so wollen Sie bis spätestens 26. d. Mts. uns Nachricht geben. Mit der Versendung der Bücher und Einziehung der Kostenbeträge haben wir unseren Gehilfen Herrn Hartmann betraut, an den Sie sich wenden wollen. I. V.: Dr. Wagner. Reichskanzler Graf von Bülow. Schneller als man denken konnte, sind die Würfel ins Rollen gekommen: das Deutsche Reich hat einen n e u e n R e i ch s k a n z l e r in der Person des seitherigen Staatssekretärs des Auswärtigen, Grafen v o n B ü l v w. Während die Zeitungen noch den Konsum der Homburger Nachrichten über Konferenzen des Fürsten Hohenlohe und Grafen von Bülow mit dem Kaiser zu bewältigen hatten, flatterte schon auf den Flügeln des Extrablattes die Nachricht hinaus, da>ß die Reichskanzlerfrage ihren Abschluß gefunden hatte. Wohl allgemein herrschte die Ansicht vor, daß die bisherige Form der Wahrnehmung der Reichskanzlerge- schäfüa nicht mehr aufrecht zu erhalten sei, weil die Verfassung, der Kaiser und das deutsche Volk einen a k t i v e n Reichskanzler haben müssen, der die Politik des Kaisers im Parlament mit seiner Person deckt und vertritt. Diesen Anforderungen an den Reichskanzler konnte Fürst Hohenlohe nicht genügen aus Gründen, die ja schon so eingehend erörtert wurden, daß man sie jetzt kaum mehr breit zu treten braucht. Wie schon gestern hervorgehoben wurde, stehen des Fürsten Hohenlohe Verdienste fest; das Vaterland wird seiner immer als eines Mannes gedenken, der zu allen Zeiten und in den schwierigsten Lagen den Reichsgedanken hochhielt und das Partikularinteresse dem Reichsinteresse unterordnete. Diese Opferwilligkeit, dem nationalen Gedanken mit diplomatischem Können und Geschick zu dienen, wird ein unvergängliches Blatt in dem reichen Kiwnz von Verdiensten sein, den der Fürst am Ende einer langen Laufbahn unter dem Beifall aller Gutgesinnten in das buen retiro seines Pensionsstandes mitnehmen darf. Vom neuen Reichskanzler kann man wohl kaum sagen, daß er ein „unbeschriebenes Blatt" sei. Er hat als Staatssekretär des Auswärtigen die Hoffnungen erfüllt, die man in den italienischen Botschafter gesetzt: ein Mann der eleganten Rede, der gründlichen technischen Beherrschung des schwierigen Materials auswärtiger Politik, eine konziliante, versöhnliche Natur, der bei aller Verbindlichkeit die Energie nicht gebricht. Wie sich Graf v. Bülow entwickeln wird, vermag keine Prophetie zu sagen. Ein Staatsmann großen Stils kommt nicht fertig auf die Welt; auch sind Schlagfertigkeit, parlamentarische Bonhomie, glatte Rhetorik und absolute Sicherheit auf der Ueberglätte des diplomatischen Parketts — so wertvoll diese Gaben sind — noch nicht das Rüstzeug, das für einen Kanzler des deutschen Reichs genügt, wenigstens für einen Kanzler, von dem man hoffen will, daß er die überstandene Phase einer dekorativen Besetzung des höchsten deutschen politischen Amtes nicht wiederholt. Graf von Bülow geht, wenigstens was die Vertretung und Verwaltung der auswärtigen Politik des dentschen Reichs anlangt, unter den günstigsten Auspizien ins Amt. Der deutsche Reichskanzler ist aber nicht nur der Mann der auswärtigen Politik; er ist gleichzeitig preußischer Ministerpräsident und der Kanzler „fürs Innere". Liegt auch zur Zeit das Schwergewicht der deutschen Politik im „Auswärtigen", so darf doch die Bedeutung des Reichskanzlers für die innere Politik nicht unterschätzt werden. In der „inneren Politik" ist allerdings Graf v. Bülow ein „unbeschriebenes Blatt". Wie er zu dem großen Komplex der wirtschaftlichen und sozialen Fragen: zur Agrarpolitik, Handelspolitik, Verkehrspolitik, Handwerkerpolitik, Sozial-(Arbeiter)Politik steht, weiß man nicht; ob er selbst „schieben" wird, oder zu den „Ge- schobenen" gehört, kveiß niemand, und ob er wirtschaftspolitisch genügend durchgebildet ist, um auf all diesen schwierigen Gebieten sich zurechtzufinden und Initiative zu entfalten, steht dahin. Graf v. Bülow ist ja freilich nicht zu alt zum Lernen. Er steht in der Vollkraft der Jahre, hat also die nötige körperliche Elastizität, um seinen seelischen und geistigen Fähigkeiten außerordentliche Leistungen zuzumuten. Die Parteien kommen dem neuen Kanzler im ganzen vertrauensvoll entgegen; der gute Redner mit seinem konzilianten Verkehrston hat auf die Parlamentarier einen vertrauenerweckenden Eindruck gemacht. Wird er auch dein Reichstag nicht imponieren — eine impulsive Leidenschaftlichkeit scheint nicht in Herrn v. Bülows Charakter zu liegen — so wird aber seine zweifellose geschäftssichere Behandlung aller parlamentarischen Materien, seine bedeutende geistige Kraft und seine virtuose parlamentarische Knnst des Eindrucks nicht verfehlen. Auf das Ausland wird die Ernennung Bülows nicht alarmierend wirken; man weiß dort, daß der Kurs ber alte bleibt: Geltendmachung der deutschen Politik und der deutschen Interessen. Bülow bringt dieses Programm nicht mit, er hat es bereits vertreten. Für das Ausland bedeutet also der neue Reichskanzler weder ein changement des decorations, noch einen Wechsel des Prinzips; Deutschland bleibt seiner Auslandspolitik treu. Graf von Bülow sprach einst das schöne Wort, daß Deutschland seinen „Platz an., der Sonne haben müsset Hoffen wir, daß er auch für seine Person einen solchen Platz behält und nicht im Schatten eines Höheren verschwindet. Bernhard Heinrich Karl Martin von Bülow, Diplomat, Sohn des Staatssekretärs Bernhard Ernst von Bülow, geb. 3. Mai 1849 zu Klein-Flottbeck in Holstein, studierte 1867—70 in Lausanne, Leipzig und Berlin Rechtsund Staatswissenschaften und machte den Deutsch-Französischen Krieg mit. Nachdem er 1872 sein Referendarexamen bestanden hatte und beim Landgericht und beim Bezirkspräsidium in Metz beschäftigt gewesen war, trat er 1874 in das Auswärtige Amt über und fungierte als Legationssekretär in Rom, Petersburg und Wien. Während des Russische-Türkischen Krieges von 1877 und 1887 war er Geschäftsträger in Athen, wurde dann dem Sekre- trariat des Berliner Kongresses beigegeben und war 1879 bis 1884 anfangs zweiter, dann erster Botschaftssekretär in Paris und wurde darauf zum Botschaftsrat in Petersburg ernannt, wo er häufig als Geschäftsträger fungierte, so lange die bulgarische Frage im Vordergrund stand, und erhielt 1888 den Gesandtschaftsposten in Bukarest. In die Zeit seiner dortigen Amtsführung fällt der Abschluß des deutsch-rumänischen Handelsvertrages. Im Dezember 1893 wurde Bülow zum deutschen Botschafter am italienischen Hofe, Oktober 1897 zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes ernannt. Zum Kanzlerwechsel. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht in einer Sonderausgabe über den Kanzlerwechsel folgende amtliche Bekanntmachung: Seine Majestät der Kaiser und König haben Allergnädigst geruht, dem Reichskanzler, Präsidenten deS Staatsnünistcriums und Minister der auswärtigen Angelegenheiten Fürsten zu Hohenlobe- Schilltngsfürst, Prinzen von Rattbor und Corvey, die nachgesuchte Entlassung auS seinen Aemtern nnter Verleihung des hoben Ordens vom Schwarzen Adler mit Brillanten zu erteilen und den Staatsminister und Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Grafen v. Bülow zum Reichskanzler, Präsidenten des StaatSministertum« und Minister der auswärtigen Angelegenheiten zu ernennen. Dasselbe Blatt veröffentlicht folgendes Handschreiben des Kaisers an den Fürsten zu Hohenlohe: Mein lieber Fürst! So ungern ich Sie auch aus Ihren bisherigen Stellungen im Reichs- und Staatsdienste scheiden sehe, sa habe ich doch geglaubt, mich nicht länger dem Gewicht der Gründe, welche Ihnen die Befreiung von der Bürde Ihrer verantwortungs- reichen Aemter wünschenswert erscheinen lasten, verschließen zu dürfen. Ich habe daher Ihrem Anträge auf Dienstentlassung mit schwerem Herzen ftattgegeben. Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen bet dieser Gelegenheit, wo Sie im Begriff; stehen, eine lange und ehrenvolle Dienstlaufbahn abzuschließen, für Ihre langjährigen,. treuen und ausgez-tchneten Dienste, welche Sie in allen Ihnen übertragenen Stellungen dem Reiche, dem Staate, sowie meinen Vorfahren und mir mit aufopfernder Hingebmrg und unermüdlicher Pflichttreue unter den schwierigsten Verhältnissen geleistet haben, meinen wärmsten Dank noch besonders auszusprechen. Möge Ihnen nach einer so thatenreichen Vergangenheit durch Got'es Gnade ein langer und glücklicher Lebensabend deschieden sein. Als äußeres Zeichen meiner Anerkennung und meines dauernden Wohlwollend verleibe ich Ihnen den hohen Orden vom Schwarzen Adler mit Brillanten. Ich laste Ihnen dessen Insignien hiernebcn zu gehen und verbleibe Ihr wohlgeneigter und dankbarer Kaiser und König Wilhelm. I. R. Homburg v. d Höhe, 17. Oktober 1900. * * * Der Rücktritt des Fürsten Hohenlohe hat sich im Gegensatz zu der Entlaffung des Fürsten Bismarck und bei Grasen Caprivi ohne alle aufregenden Begleiterscheinungen vollzogen. Die Trennung des Kanzlers vom Kaiser ist ohne jede Spur von Bitterkeit, ohne einen Rest von Mißhelligkeiten erfolgt. Fürst Hohenlohe hat seinen Entschluß, den Herrscher um die Entlassung zu bitten, am Montag gefaßt; von anderer Seite wird behauptet, der Entschluß soll vom Fürsten Hohenlohe schon seit geraumer Zeit, und zwar bereits in Werki gefaßt worden sein. Damit würde die Thatsache übereinstimmen, daß einige offiziöse Blätter, die eine feine Witterung haben, in letzter Zeit sehr deutlich von dem früheren Kanzler abrückten. Bestimmend waren, wie aus seiner Umgebung verfichert wird, der dringende Wunsch seiner Familie, daß der greise Staatsmann fich endlich Schonung gönne, und seine Erkenntnis, daß er den parlamentarischen Stürmen nicht mehr gewachsen sei. Die also begründete Bitte, ihn von seinen Aemtern zu entbinden, hat der Kaiser nicht abschlagen können. Die persönlichen Beziehungen des Fürsten Hohenlohe zum Kaiser und seinem Hause bestehen ungetrübt fort. Eine äußere Anerkennung ist dem bisherigen Kanzler einstweilen in den Brillanten zum Schwarzen Adlerorden zu Teil geworden. Wer der Nachfolger des Fürsten Hohenlohe sein werde, scheint auch schon seit geraumer Zeit entschieden gewesen zu sein. In unterrichteten Kreisen galt schon lange Gras Bülow als der Nachfolger des Reichskanzlers. Bon den Persönlichkeiten, die früher und in einer gestern mitgeteilten Korrespondenz neuerdings wieder genannt wurden, kam bis vor einiger Zeit nur noch als Kanzlerkandidat der Fürst Radolin in Betracht. Bon den Fürsten Hatzfeldt und Hohenlohe Langenburg war schon längst nicht mehr die Rede. Ueber den Nachfolger des Grasen v. Bülow im Auswärtigen Amte verlautet noch nicht- Bestimmtes. Daß der Name de- Fürsten Eulenburg, des Wiener Botschafters, genannt wird, liegt sehr nahe. Trotzdem möchten wir keinerlei Gewähr übernehmen und von eigenen Vermutungen lieber absehen, besonders da es sehr leicht möglich ist, daß Graf Bülow die Leitung des Auswärtigen Amts selbst behält. Man spricht noch von dem Unterstaatssekretär v. Richthosen, mit dem sich Gras v. Bülow gut eingearbeitet hat, oder auch von dem Gesandten Grasen Wolsf-Metternich, gegen den jedoch in Betracht kommt, daß er kein Redner ist. Doch sind alle diese Erörterungen ganz unmaßgeblich, und man weiß an den beteiligten Stellen nicht entfernt, aus wen schließlich die Wahl fallen wird. • . * Es ist eine alte Erfahrung, daß bei Ministerwechseln von weiteren bevorstehenden Rücktritten gemutmaßt und orakelt wird. So schreibt die „Deutsche Tagesztg.", daß Minister v. Miquel nicht mehr gesonnen sei, unter einem wesentlich jüngeren Ministerpräsidenten weiter seines Amtes zu walten. Wir glauben kaum, daß Minister v. Miquel durch derartige Erwägungen sich bestimmen lassen wird, fein ihm liebgewordenes Amt aufzugeben. Wenn übrigens die Jugend des neuen Reichskanzlers und Ministerpräsidenten bestimmend für den Rücktritt älterer Staatssekretäre und Minister sein sollte, dann müßten fast sämtliche Staatssekretäre und Minister zurücktreten, da sie saft ausnahmslos älter als der nunmehrige Kanzler und Ministerpräsident sind. Sitzung -er Stadtverordneten Gießen am 18. Oktober 1900. Anwesend die Beigeordneten Georgi, Grüneberg und Wolff, die Stadtverordneten Brück, Emmelius, Euler, Faber, Flett, Dr. Fuhr, Dr. Gaffky, Dr. Gutfleisch, Hanau, Haubach, Heichelheim, Helfrich, Heyligenstaedt, Huhn, Jughardt, Keller, Kirch, Löber, Loos, Orbig, Petri, Dr. Schäfer, Schiele, Schmall und Wallenfels. Entschuldigt Stadtverordneter Krumm, für späteres Erscheinen die Stadtverordneten Dr. Gaffky und Grünewald. Das Gesuch von August Schlessinger um Erlaubnis zum Bauen an den Bahnhöfen wird beanstandet, da für das in Betracht kommende Gelände noch Bauverbot besteht. Das Baugesuch des Eisenbahnsiskus wegen Errichtung von Wohnhäusern für Bahnbedienstete wird mit Rücksicht auf den besonderen Zweck, dem die in Nähe der bereits fertigen Gebäude zu errichtenden Wohnhäuser dienen sollen, befürwortet. Schreinermeister Karl Hahn beabsichtigt, an der Stephanstraße ein Wohnhaus zu errichten; der nachgesuchte Dispens von der Verpflichtung zur Anlage einer Durchfahrt soll unter der Bedingung befürwortet werden, daß Gesuchsteller einen überall mindestens 1,30 Meter breiten und 2,60 Meter hohen Durchgang herstellt und durch Anlage eines Thores in der Grenzmauer den Hof vom Nachbarhofe aus für Löschgeräte zugänglich macht. Mehrere Anwohner der Plockstraße sind um Entfernung der unschönen, teilweise verkrüppelten Bäume vor ihren Häusern eingekommen. Auf Bericht des Stadtbauamts, das die Bäume zwar als teilweise beschädigt bezeichnet, eine Beeinträchtigung der anliegenden Gebäuoe aber nicht anzuerkennen erklärt, im übrigen die Kosten für etwaige Neuanpflanzung auf 450 Mk. veranschlagt hat, beantragt die Baudeputation, mit der Neuanpflanzung zu warten, bis die Straße vollständig bebaut ist. Stadtv. Dr. Schäfer spricht sich für Belassung der Bäume aus und empfiehlt, bei weiteren Neubauten wirksame Vorrichtungen zum Schutze der Bäume vor Beschädigungen zu treffen. Stadtv. Huhn istz für Entfernung der Bäume, da dieselben den Ab- und Zugang zu den Häusern bezw. Läden erschweren. Stadtv. Kirch bemerkte, daß er für Entfernung der alten und Pflanzung neuer Bäume sei, na,ch> Lage der Sache aber für den Antrag der Baudepu- tation stimmen werde, in ähnlichem Sinne sprach sich Stadtv. Löber aus. Der Antrag der Baudeputation wird zum Beschluß erhoben. Tem Gesuch des Schneidermeisters W. Engelhardt um Asphältierung des Trottoirs vor seinem Hause wird nicht stattgegeben, entsprechend dem Anträge der Baudeputation, die vorgeschlagen, mit der Trottoiranlage zu warten, bis die noch vorhandenen Plätze auf dieser Seite bebaut fiind. Es soll dem Gesuchsteller gestattet werden, die Zugänge zu seinem Hause in Plattenbelag herzustellen. Den früheren Gesuchen der Architekten Stein & M ayer um Erlaubnis zum Bauen auf dem Gelände zwischen Brandplatz und Ostanlage war seinerzeit unter der Bedingung stattgegeben worden,'daß bis zu einer bestimmten Frist die über das Gelände führende Straße (Land- grafensAaße) durch die Gesuchsteller chauffiert und mit Entwässerungs-Anlagen zu versehen sei. Ein neuerlich gestelltes Gesuch der Firma geht auf Erstreckung der ge- tellten Frist bis zur Fertigstellung weiterer projektierter Neubauten, bezw. bis 15. Juli 1901. Es wird auf Antrag der Baudeputation beschlossen, den Gesuchstellern Frist bis zum 15. März zu gewähren. Dem Gesuche des Fabrikanten Heinrich Mylius um Fortsetzung der Trottoirpflasterung entlang seinem Hause, Ecke der Gutenbergstraße und des Schiffenberger Weges, soll, so' lange der Schiffenberger Weg nicht stärker bebaut ist, nicht stattgegeben werden. Dagegen beschließt die Versammlung Anlage eines Kiesbanketts. Gegen das Gesuch der Oberpostdirektion um Erlaubnis zur Errichtung einer Telegraphenleitung durch die Eichgärten nach dem Philosophenwald hat die Versammlung nichts einzuwenden. Die freihändig erfolgte Vergebung der Lieferung von Füll- und Rippencylindern für die Oefen der Stadtmädchenschule (Betrag 315.94 Mk.) wird gutgeheißen; ür Aufstellung zweier Gasösen im Damenzimmer und im physikalischen Kabenett der höheren Töchterschule 230 Mk., für Aufstellung von drei neuen Dauerbrandöfen iln Bürgermeistereigebäude 225 Mk. bewilligt. Für die von der Stadt angekaufte Löwen st eins che Hofraite in der Schloßgasse werden 1300 Mk. zur Herstellung des Vorderhauses bewilligt. Die Hintergebäude, deren Zustand nach Bericht des Stadtbauamts größere Aufwendungen für Instandsetzung nicht gerechtfertigt erscheinen läßt, sollen, mit Ausnahme eines Stalles und Schuppens, niedergelegt werden. Dem Anträge auf Anschluß des städtischen Elektrizitätswerks an die Wasserleitung, sowie der Anstellung eines kaufmännischen Gehilfen für das Elektrizitätswerk, mit (Änreihung desselben in die achte Gehaltsklasse d>er Besoldungsubersicht wird zugestimmt. — Nach dem vom Stadtv. Schiele erstatteten Berichte hat die Ausdehnung der Bahnhofsanlagen den Abschluß eines neuen Vertrages mit dem Eisenbahnfiskus wegen Bezugs elektrischer Energie nötig gemacht. Seitens der Bahn ist ein Mindestbezug von 330 000 Kilowatt in Aussicht gestellt worden. Der Berichterstatter schlägt vor, ein zweites Kabel zu legen. Auf Antrag der Deputation für das Gas- und Wasserwerk wird beschlossen, die Anlage nach diesen Vorschlägen ausführen zu lassen. Betreffs der Pferdemärkte wird beschlossen, im Jahre 1901 deren zwei abzuhalten. Der erste soll, vorausgesetzt daß mit dem Markt ein Zuchtviehmarkt verbunden wird, am 2. April, der zweite am 18. September stattfinden. Mit einem der Märkte soll die Veranstaltung einer Lotterie verbunden und für dieselbe um die Ausgabe von 30 000 Losen nachgesucht werden. Die Versammlung beschließt demgemäß und genehmigt die Einstellung von 600 Mk. zu Lasten des nächstjährigen Budgets. Der beantragten Niederschlagung einer Anzahl uneinbringlicher Posten für das Rechnungsjahr 1899/1900, darunter 6321 Mk. rückständige Gemeindesteuern der vier untersten Klassen, wird zugestimmt. Die H erstellun g sarb eiten am alten Rathause, die nach der Erklärung des Vorsitzenden eine längere, aber nicht zu vermeidende Unterbrechung erfahren haben, sollen in Kürze wieder ausgenommen werden. Der Voranschlag über die Schreinerarbeiten (1371 Mk.) und die Schloss'erarbeiten (745 Mk.) wird genehmigt. Die Gesuche von Eberhard Metzger um Erlaubnis zum Wirtschaftsbetrieb im Hause Seltersweg 70, Prokop Schad eck Witwe für die Wirtschaft auf Textors Terrasse und von H ein rich H ey n e um Erlaubnis zum Branntweinausschank über die Straße im Hause Wallthor- straße 5, werden durch Bejahung der Bedürfnisfrage befürwortet. Aus Stadt und Kand. Gießen, 19, Oktober 1900. * • Auszeichnung. Dem Hofschauspieler Hermann Knispel zu Darmstadt wurde die Krone zum Ritterkreuz 2. Klaffe des Verdienstordens Philipps deS Großmütigen verliehen. * *Stiftungsfest. Am Sonntag feiert der katholische Gesellen-Verein Gießen in „Steins Saalbau" sein 3. Stiftungsfest mit Theater und Ball. Näheres ist aus dem Inseratenteil ersichtlich. • * Hessische Handwerkerkammer. Gegenwärtig finden in Darmstadt Erhebungen statt, in welchen gewerblichen Betrieben Motore ausgestellt und in Thäligkeit find. An eine größere Anzahl Gewerbetreibender wie an die in Betracht kommenden Handwerkervereinigungen sind dieserhalb Anfragen ergangen. — Mitte November findet zu Berlin der erste deutsche Handwerker- und Gewerbekammertag statt. Es sollen hier in der Hauptsache die Aufgaben besprochen werden, die den Kammern zunächst obliegen, und ein gemeinsames Vorgehen in wichtigen, das Gesamtintereffe betreffenben Fragen angestrebt werden. Anschließend an diese Tagung steht die Gründung emes Verbandes der Handwerkskammer Sekretäre in Aussicht. * * Die neue Organisation des Kassenwesen s ist am 1. Oktober d. I. in Kraft getreten Es wird deshalb eine kurze Aufklärung, wie wrr sie gestern schon über einen Teil brachten, über Ziel und Zweck dieser von den Ständen nahezu einstimmig gutgeheißenen, m erster Linie im Interesse der Bevölkerung geschaffenen Organisation Wohl willkommen sein, umsomehr als es wünscheiiswert erscheint, hie und da bestehende irrtümliche Auffassungen zu berichtigen. Nachdem die Rentämter, die Obereinnehmerei Mainz und 18 in den Kreisblättern schon bekannt gegebene Distriktseinnehmereien mit Wirkung vom 1. Oktober l. I. aufgehoben worden sind, fällt den übrigen 48 Distriktseinnehmereien, den die Geschäfte von Distrikts-» einnehmereien versehenden Steuerämtern Stockheim und Gernsheim und den neu errichteten 384 meist mit Ge- meindeelnneymern besetzten Untererhebstellen die Aufgabe zu, der Bevölkerung eine möglichst bequeme und rasche Regelung all ihrer Beziehungen zu den staatlichen Kassen zu sichern. „Zur Bequemlichkeit des Publikums sollen tote es in der Anfangs d. I. veröffentlichten T-enkschrift über die Neugestaltung des Kassenwesens heißt — möglichst viele örtliche Kassenstellen geschaffen werden, derart, daß in Zukunft thunlichst kein Wohnort weiter als höchst 3—4 Kilometer von der nächsten staatlichen Kassen- telle entfernt liegt". Dieses Ziel ist in der nun in Kraft getretenen Organisation vollkommen erreicht und in nicht wenigen Fällen sogar überschritten worden. Die Distriktseinnehmer haben die Erhebungen und Auszahlungen für ihren eigenen Wohnsitz und die in dessen unmittelbaren Nähe gelegenen Orte zu versehen, während die verbleibenden 763 Gemeinden des Großherzogtums nach den Grundätzen der vorgenannten Denkschrift zu 384 Untererheb- tellen — auf 2 Orte fällt also durchschnittlich eine Untererhebstelle — vereinigt sind. Die Untererheber haben für ihre Bezirke alle Staatsgefälle zu erheben (direkte Steuern, indirekte Auflagen, Wasserfallzinsen, Stempel für Gewerbescheine, Gerichtsgebühren, Erbschafts- und Schenk- ungssteuer, Hundesteuer, nicht gerichtlich erkannte Strafen, Forst- und Feldstrafen, Sprunggelder, Gebühren für kreisärztliche Dienstverrichtungen, Domanialgefälle, Einnahmen aus Weidenpflanzungen, Gräsereien, aus von den Landdümmen versteigertem Holz und Gras, Tilgungsrenten, Zinsen und Renten für die Landeskreditkasse und Landeskultur-Rentenkasse usw.); auch die Brandversicherungsbeiträge, die Beiträge zur Renten- und Lebens-Ver- icherungsanstalt sind an dieselben zu zahlen. Ein nicht zu verkennender Vorteil liegt ferner darin, daß auch die den Betrag von 20 Mark nicht übersteigenden Gerichts- kosten, die Schreibgebühren und die Gebühren für die Eintragungen in die Handels- und Zeichenregister, deren Erhebung seither den Gerichtsschreibern übertragen war, nunmehr ohne Kosten und ohne besonderen Zeitaufwand an die Distriktseinnehmereien und Untererhebstellen, denen der Wohnsitz der Pflichtigen zugeteilt ist, gezahlt werden tonnen. Auch die von den staatlichen Kassen zu leistenden Auszahlungen (Gehalte, Pensionen, Witwen- und Waisenunterstützungen, Jnvalidenpensionen, Pensionen aus nicht- Arbeitern pp.) können von ben Empfangsberechtigten in hessischen Kassen an Militär- und Zivilbeamte, Auszahlungen der Löhne von in Staatsbetrieben beschäftigten gleich bequemer Weise an der Kassenstelle ihres Wohnsitzes oder einer in unmittelbarer Nähe desselben gelegenen Kassenstelle (Distriktseinnehmerei oder Untererhebstelle) erhoben werden. Auch in dem Stadium der Mahnung und Beitreibung sind die Beziehungen der Zahlungspflichtigen zur Kasse in einer Weise geregelt worden, die gegenüber dem seitherigen Verfahren einen nicht zu unterschätzenden Vorteil bietet. Während seither dre gemahnten Staatsgefälle oft mit nicht unbeträchtlichem Aufwand an Kosten und Zeil nur an die vom Wohnsitze des Pflichtigen meist sehr entfernte Distriktseinnehmerei bezahlt werden konnten, können nunmehr alle Gefälle auch nach der Mahnung immer an die am Wohnsitz der Pflichtigen oder in dessen unmittelbarer (nie über 4 Kilometer voll demselben entfernten) befindlichen Kassenstelle (Distriktseinnehmerei oder Untererhebstelle) abgeführt werden. Da ferner auch nach bereits vollzogener Pfändung die rückständigen Gefälle noch bis zum Augenblicke der Versteigerung der Pfandobjekte in derselben bequemen Weise an die Untererhebstellen oder, falls der Wohnsitz des Pflichtigen sich in unmittelbarer Nähe einer Distriktseinnehmerei befindet, an die letztere abgeführt werden können, spielt die Entfernung eines Ortes von einer Distriktseinnehmerei für den Zahlungspflichtigen bet bet jetzigen Organisation keine Rolle mehr. Vergißt ntatt ferner nicht, daß die Untererheber — ebenso wiedre Distriktseinnehmer bezüglich der in unmittelbarer Nahe des Sitzes der Distriktseinnehmerei belegenen Orte — verpflichtet sind, im Erhebungsmonat mindestens einen Zahltag in den ihrer Untererhebstelle zugeteilten Orten aozu- halten, und nimmt man hinzu, daß diese Untererheber selbstverständlich auch an dem Sitze der Untererhebstelle nach Bedarf Zahltage für ihren gesamten Bezirk ern- zurichten haben, so wird man zu dem Ergebnisse gelangen, daß eines der ersten Ziele der neuen Organisation dte dem Publikum eine möglichst bequeme, ohne Kosten und ohne erheblichen Aufwand an Zeit durchzufuhren de Erfüllung seiner Verbindlichkeiten gegen die Staatskasse wer - chaffen und die Entgegennahme von Zahlungen aus der möglichst erleichtern will, wohl als erreicht mwe elcn traben barf. Daß alle Wünsche nicht berück- sickckiat werden konnten, versteht sich nach Lage der Ver- lEnffse von selbst; es darf jedoch, soweit sich dieselben indes auf die ja nicht für alle Zeiten festgelegte Organi- ation der Untererhebstellen beziehen, wohl angenommen werden, daß die Regierung auch in Zukunft — etwa nach Mlauf eines Jahres, wenn weitere Erfahrungen vorliegen — zweifellos gerechtfertigte und erfüllbare Gesilche um Errichtung von Untererhebstellen nach Möglichkeit oerücr- sichtigen wird. P. Vom Lande. Den Kohlenmangel und die damit verbundene hohe Preissteigerung der Kohlen suhlen auch ganz besonders die Gemeinden. In Orten wo nämlich die Lehrer selbst für die Feuerung der Schulsäle sorgen, haben di- Gemeinden durchweg di- H-izungsv-rgütung d-r L-hr-r um 30 Prozent erhöht, da die fett^erige Vergütung vor länger als 10 Jahren festgesetzt wurde, und die Kohlen- preise in den letzten drei Jahren enorm g-sti-g-n sind. 8 B-üba» 18. Oktober. Unter dem Verdacht, an einem Schulmädchen ein Sittlichkeit«verbrech en begangen ru bab-n wurde dieser Tage der Beschließer M. verhasiet, und nach dem Gi-ß-n-r Provinzialarr-sthauS übersUhrl. M ist etwa 50 Jahre alt, und hat eine starke Familie. b Friedberg, 18. Oktober. Die Arbeiten an dem Robbau der neuen Bahnstrecke von hier nach Hom- hiiro aeben mit Ablauf dieses Monats ihrer Vollendung entaeaen Die beiden Brücken über die Hanauer- und Main- Weser-Bahn sind soweit vollendet, daß in nächster Zeit die Eisenkonstruktion aufmontiert werden wird. Von dem Schnittpunkt der Bahnen aus nach Ober-Rosbach zu hat die neue Bahnstrecke bedeutendes Gefall, nämlich 1 : 70, Die Arbeiten zu dem Oberbau sind gegenwärtig ausgeschrieben; die Unternehmer haben bereits ihre Forderungen für den lausenden Meter eingereicht. Die Bahn soll bis zum 1. April 1901 dem Verkehr übergeben werden. -p. Friedberg, 18. Oktober. Zur Durchführung eines Herbstjungviehmarktes haben der landw. Bezirksverein 100 Mk., der Zuchtverein Friedberg 200 Mk. und die Stadt Friedberg 100 Mk., im ganzen also 400 Mk. zu Prämien bewilligt, wovon 250 Mk. für junge Bullen über 1 Jahr und 150 Mk. für Rinder über 18 Monate alt verwendet werden sollen. Die Tiere müssen am genannten Tage, vormittags 9 Uhr, im Ringe aufgetrieben sein und zwar Bullen im nördlichen Ringe vor dem Amtsgerichtsgebäude, Rinder im südlichen Ringe, gegenüber der Wirtschaft von Schreibet. Zugelassen sind nur Tiere eigener Zucht oder solche, die ein halbes Jahr im Besitze sind, aus dem Kreise Friedberg. Eine Kommission ist zur Geschäftsvermittelung bereit und im Protokollzimmer bei Ernst Engel anwesend. Anmeldungen mit Angabe des -Besitzers, Geschlechts und Alters des Tieres, eventuell Herdbuchnummer, sind bis Dienstag den 23. d. Mts., vormittags, a,n das Sekretariat des landw. Bezirksvereins Friedberg, Homburger Landstraße Nr. 9, zu richten. Nieder-Ramstadt, 18. Oktober. Gestern nachmittag fand die feierliche Einweihung der neu erbauten Heilstätte für epileptische Kinder und Jugendliche statt, die Menschenliebe errichtet hat zum Wohle und als friedliche Heimstätte dieser armen, unglücklichen Wesen. Die Bahn brachte viele Teilnehmer an dem Einweihungsakt, der in Anwesenheit des Groß Herzogs, der der wohlthätigen Anstalt seine Unterstützung in freigiebigster Weise hat ange- -Äeihen laffen, und der Groß Herzogin, die das Protek- loriat der Anstalt übernommen hat, stattsand. Die Feier nahm mit einem Gesang ihren Anfang. Superintendent Waas verlas den Eingangsspruch. Dann folgte ein Gebet und Verlesung des 23. Psalms. Nach einem gemeinsamen Gesang folgte die eigentliche Weiherede durch Superintendent WaaS. Nach Schluß der Feier besichtigten die Großherzoglichen Herrschaften das Haus, das äußerst praktisch eingerichtet ist. b. Ockstadt, 17. Oktober. Nachdem die Kaisergrube auf dem Winterstein mehrere Jahre ihren Betrieb eingestellt hatte, ist nach längerem Schürfen in diesem Sommer eine neue Bleierzader entdeckt, und bereits ein Schacht darüber erbaut worden. Der neue Schacht liegt 10 Minuten westlich von der früheren Grube. (?) Grün berg, 18. Oktober. Gestern und heute fand hier der diesjährige Gallus markt statt, der wiederum seine Anziehungskraft auf die Bewohner der näheren und weiteren Umgebung ausübte und sehr zahlreich besucht war. Da besonders gestern vormittag das Wetter recht günstig zu werden schien, strömte aus allen Richtungen die Landbevölkerung in Scharen nach dem zwischen der Londorfer und Gießener Straße liegenden Marktplatze. Der V i e h m a r k t war mit R i n d v i e h nicht so stark befahren, als dies sonst am Gallmarkt der Fall war. Das Geschäft ging ziemlich lebhaft bei verhältnismäßig hohen Preisen. Jüngere Rinder wurden zu 120 bis 160 Mk., trächtige zu 220 bis 250 Mk. verkauft. Schweine, namentlich Ferkel und Läufer, waren in Menge aufgetrieben. Da die Viehmärkte zu Gießen der Maul- und Klauenseuche wegen verboten werden mußten, hatten viele auswärtige Händler ihre Ware hier zu Markt gebracht. Infolge des starken Angebots waren die Preise etwas gedrückt. Sechs- bis achtwöchige Ferkel kosteten 12 bis 25 Mk. das Paar, ältere 32 bis 48 Mk.; Läufer wurden zu 70 'bis 90 Mk. das Paar verkauft. — Der Krammarkt war von hiesigen und auswärtigen Geschäftsleuten mit Verkaufsständen gut besetzt, und auf dem Juxplatze boten Karoussel, Schieß- und Schaubuden aller Art, sowie ein Zirkus Abwechslung und Unterhaltung für Jung und Alt. Leider wurde der Marktverkehr und das Geschäft durch den nachmittags einsetzenden Regen sehr beeinträchtigt, was andererseits den Geschäftsleuten in der Stadt wieder zu gute kam. Sämtliche Wirtschaften und Läden der Stadt waren denn auch bis auf den letzten Platz gefüllt. Ein gut besuchter Festball im Gasthof „Zum Hirsche bildete den Schluß des ersten Markttages. — Auch der heutige zweite Markttag brachte, da das Wetter sich nachmittags wieder aufgeklärt hatte, recht lebhaften Verkehr, und so ist zu hoffen, daß die Geschäftsleute im ganzen mit dem Geschäftsergebnis des heurigen Gallus- marktes zufrieden sind. §eute abend bildet ein Bürger- ball im Gasthaus „Zum Rappen" den Abschluß. Burkhards, 18. Oktober. Recht unangenehme Folgen hat die Bürgermeisterwahl für einen Bürger von hier. Er hatte den seitherigen Bürgermeister Kunkel, zu dessen Gegenpartei er gehörte, um geringfügiger Ursache willen angezeigt. Die Sache wurde seinerzeit vor dem Schöffengerichte zu Schotten verhandelt. Nun aber hat die Angelegenheit für den Ankläger eine recht unangenehme Wendung genommen, denn er wurde, da er im Verdacht steht, einen Meineid geschworen zu haben, verhaftet. Rüdingshaiu, 17. Oktober. Bei der gestern hier stattgefundenen Bürgermeisterwahl wurde anstelle des seitherigen Bürgermeisters Fischer Herr Deubel IV. gewählt. Herr Deubel wurde hiermit zum zweitenmale gewählt. Die erste Wahl war beanstandet worden.__________________________ Vermischtes. • Ue6et eine Episode, die sich bei der Saalburg- Feier zutrug, wird berichtet: Ein schlanker Centurio, seinem modernen Civilberufe nach Philolog, soll durch lateinische Ansprachen, nach dem Weihegesang au Apollo auch durch griechische, mehrere vornehme Personen in Verlegenheit gebracht haben. Eine hat sich schlagfertig erwiesen. Nach der Beendigung der Feier trat der Centurio zu einem rauchenden Herrn: Ut excellentia ignis paululum concedat, precor. (Ich bitte Excellenz um etwas Feuer.) Mit den Worten: Libenter, sum semper is qui (Gern^ ich bin immer derjenige, welcher) hielt Graf PosadowSky dem jungen Krieger die Cigarre zum Anzünden der seinigen hin. * Siegburg, 17. Oktober. Gestern waren hier die drei Kinder eines Fabrikarbeiters im Alter von ein bis drei Jahren eine Zeit lang allein in der Wohnung. Sie müssen nun durch Spielen mit Feuerzeug Braud verursacht haben. Als die Nachbarn infolge des Rauches hinzu eilten, war es schon zu spät; alle drei Kinder waren bereits e r st i ck t. * Bruchsal, 18. Oktober. In der letzten Nacht st ü r z t e aus einem Abteil des Nachtzuges Frankfurt- Stuttgart kurz vor der Station Ilgen ein siebenjähriger Knabe. Der Zug churde sofort gestellt und das Kind schwer verletzt aufgefunden. Der Vater verbrachte den Knaben mit dem folgenden Zuge nach Bruchsal, wo er kurz darauf seinen Verletzungen erlag. * Ulm, 18. Oktobers Bei prächtigem Wetter wurde heute mittag auf dem Marktplatze das D e n k m a l K a i s e r Wilhelms I. enthüllt. Die Festrede hielt Oberbürgermeister Wagner. Darauf fiel auf Befehl des Königs unter Glockengeläute, den Klängen der Musik und Salutschüssen von den Wällen die Hülle. Krieskasten der Redaktion. x. Sie haben recht, das war ein Schreibfehler. Der gestrige Artikel hat natürlich die Ueberschrift „Kaiser Friedrichs Geburtstag" zu tragen. Handel nnd Verkehr. Volkswirtschaft. Frankturter Börse vom 18. Oktober. Wechsel auf New-York zu 0.00-00. PrfirnieB auf Kredit per ult Okt. 1.20%, do. per ult. Novbr. 3.00%, Diakonto-Kommandit per ult. Okt 1.10%, do. per ult. Novbr. 2.80 % Lombarden per ult Novbr. 0.80 % Brief. Deutsche Bank 0.00%. Notierungen: Kreditaktien 201.90-000.00, Diakonto- Kommandit 170.00-000-00, Staatsbahn 136.70-000.00, Lombarden 23.10, Italiener 93.80, Spanier 69-60-20, Bproz. Mexikaner 25.40, Bochumer 170.80-000.00 bz., Laura 192.90-000.00 bz., Harpener 172.20-60-000.00 bz., Gelsenkirchen 181.00-000 00 G., Privat- Diskont 4%% G. 1% bi- 2% Uhr: Kreditaktien 201,80-202-20 bz., Dis- honto-Kommandit 170-171.30-000.00 bz., Staatsbahn 000.00 bz. Lombarden 25.20-00.00 b., Laura 000.00, Berliner Handelsgesellschaft 000.00 bz., Bproz. Mexikaner 00.00 bz., 3proz. Portugiesen 00.00-00 bz., Ottomanbank 000.00 bz , Bochumer 000.00 bz., Deutsche Bank 000.00-000 bz., Harpener 000.000 00 bz. Markus Bauer Spezial-Geschäft in feiner Herren-Garderobe. Anfertigung nach Maß in eigener Verkstätte. Gießen, Kirchenplatz y. bl88 Bekanntmachung, betr.. DaS Einhalten der Tauben während der Taatzeit. Die Besitzer von Tauben werden unter Hinweis auf Art. 79 des Feldstrafgesetzes * aufgefordert, ihre Tauben vom 80. Oktober bis Gude Oktober er. in den Schlägen einzuhalten. Uebertretungen dieser Vorschrift müssen nach Maßgabe des Feldstrafgesetzes zur Anzeige und zur Bestrafung gebracht werden. Gießen, den 16. Oktober 1900. 6880 Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen. _________________________I. V.: Wolff._________________________ Bekanntmachung. Der Voranschlag der Gemeinde Allertshausen liegt vom 22 d. MtS. an acht Tags lang auf hiesiger Bürgermeisterei zur Einsicht aller Interessenten offen. Allertshausen, am 18. Oktober 1900. Großherzogltche Bürgermeisterei Allertshausen. Hillgärtner. 6882 Steckbrief. I Gegen den Arbeiter Christian Rühl von Groß-Felda (Kreis Alsfeld), geboren daselbst am 31. Januar 1843, evangelisch, welcher sich verborgen hält, ist die Untersuchungshaft wegen Bettelns und Landstreichens verhängt. Es wird ersucht, denselben zu verhaften und in das nächste Gerichtsgefängnis abzuliefern, sowie zu den hiesigen Akten E 23/00 sofort Mitteilung zu machen. 6884 Großenlüder, den 16. Okt. 1900. Königliches Amtsgericht. (i:iii|ifrhliiniini Zwiebeln la. Wetterauer, Winterware versendet ä Zentner 3.— Mk. gegen Nachnahme. 6467 Wiuter-Kartoffelu billigst. A. Simon II-, Echzell in der Wetterau. .ain»»1lla.®e?roe<"c Dame», und Nver-Gintermätttel billig abzugeben DtsmarckftraLs 2«, Part. Karms'sche GasgllichtsHmpis mit doppelt geglühten ungehärteten Köpfen. Allererste Qualität! Per 100 Stück 28.- Mk. , 10 , 3.- „ 6848 »» 1 « 0.35 Npn 1 Die Cylinder bekommen keine livU ■ weißen Flecken mehr. 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