Rr. 245 Zweites Blatt. Freitaa den 19 Oktober 15V. Jahrgang IQOQ Alle Anzeigen-VermittlungSstellen deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg. Uczngspreis vicrteljnhrl. Mk. 2,20 monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn; durch die Abholestellm viertcljährl. Mk. 1,90 monatlich 65 Pfg. Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljährl. mit Bestellgeld. Lnvahme von Anzeigen zu der nachmittags für den svigenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher. Gießener Anzeiger General-Anzeiger Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Die Gießener Ksmtkienvtätter werden dem Anzeiger tat Wechsel mit „Hess. Landwirt" u. „Blätter für heff. Volkskunde" wöchtl. 4 mal beigelegt. Anrts- und Anzeigeblutt für den ürds Gieren. «edaktion, Expedition und Druckerei: Kchnkstraße Nr. 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieben. Fernsprecher Nr. 51. Gratisbeilagen: Gießener FamMentüätter, Der hessische Landwirt, Ktätter für hessische UotKsKunde.__________________ Des Fürsten Hohenlohe Abschied. Homburg v. d. H., 17. Oktober. Der Kaiser vollzog heute die Erueuuung des Staatssekretärs Grafen v. Bülow zum Reichskanzler, preußischen Ministerpräfideuten und Minister der auswärtigen Angelegeuheiteu. Am Abend pes 29. Oktober 1894 brachte der „Deutsche Reichs- und preuß. Staatsanz." an der Spitze ferner amt- licheii Nachrichten die Mitteilung, daß der Kaiser den Grafen Caprivi vom Reichskanzlerposten und Ministerrum des Auswärtigen, den Grafen Eulenburg vom Minister- präfidium und Ministerium des Innern entbunden habe, und daß der Statthalter von Elsaß-Lothringen, Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Prinz von Ratibor und Corvey, zum Reichskanzler, Präsidenten des preuß. Staatsminrste- riums und Minister ides Auswärtigen, der Unterstaatssekretär im Ministerium von Elsaß-Lothringen v. Köller zum preußischen Minister des Innern berufen sei. General v. Caprivi war seinerzeit gleichsam aus der Front heraus auf den Reichskanzlerposten abkommandiert worden und im diplomatischen Dienste völlig ein homo novus; der Mann, der nunmehr sein Erbe antrat, hatte als Diplomat gewissermaßen von der Pike an gedient und eine an Ruhm und Ehren reiche staatsmännische Vergangenheit hinter sich Graf Caprivi hatte sich selbst als einen einfachen Offizier „ohne Ar und Halm" bezeichnet; nun trat an seine Stelle ein reichbegüterter Grandseigneur von höchstem Adel, der einst in einer erregten Debatte in der bayerischen Kammer einem Prinzen -des Königshauses zugerufen hatte: „Was Sie sind, bin ich auch!" Und zugleich trat jetzt an die höchste Stelle des Reiches der erste „Civil"-RerchDkanzler. Fürst Bismarck war seit 1866 im Dienst nie anders als in feiner historischen Kürassieruniform erschienen, Graf Caprivi hatte auch als Reichskanzler stets die Jnfanterie- Generalsuniform getragen; jetzt zum ersten Male waltete im Reichskanzlerpalais in der Wilhelmstraße ein Mann im schlichten Bürgerrock, erschien bei Hoffesten der Reichskanzler zum ersten Male in einer Civil-Galauniform, irn Parlament im einfachen schwarzen Gehrock. An der Stelle im Reichstage, wo vordem des Fürsten Bismarck mächtige Hünengestalt sich emporgereckt und wo dann später die schlanke und geschmeidige, aber doch straffe und sehnige Soldatenfigur des Grafen Caprivi ausragte, stand jetzt ein kleiner, von der Last der Jahre gebeugter Herr, eine elegante, fast zierliche Gestalt, mit einem klugen, fern geschnittenen Gesicht, mit spärlichem grauen Haar und einem die Lippern beschattenden grauen Schnurrbart: eine Erscheinung von natürlicher Vornehmheit, die das, was die Franzosen als Grandseigneurallüren bezeichnen, nicht verleugnen konnte, die zugleich aber mit einer liebenswürdigen Bescheidenheit verbunden war. die dem Wesen des Kanzlers eine besondere Anmut verlieh, durch die er sich noch überall, in dem deutschfeindlichen Paris der siebziger Jahre, wie später in den Reichslanden, auch die Herzen der Widerstrebenden erobert. Allerdings lag in seinem ganzen öffentlichen Auftreten sowohl in seiner Erscheinung wie in der Art seiner Rede nichts, was blenden oder gar die Masse hinreißen und zwingen könnte. Er ist nicht ein Mann des Wortes. Seine Aussprache hat einen leisen Anklang an das gemütlich Bayerische; sein Organ ist schwach; längeres Sprechen bereitet ihm ersichtlich Anstrengung. Ihm fehlt die Gabe der Improvisation, fehlt völlig die Kraft und Eindringlichkeit der Bismarck'schen Beredsamkeit mit der Unerschöpflichkeit und Deutlichkeit ihrer Bilder, der Plastik und Sinnlichkeit ihres Ausdrucks; er hat sich deshalb auch im Parlament zumeist darauf beschränkt, schriftlich aufgesetzte Erklärungen zu verlesen, während er der eigentlichen parlamentarischen Feldschlacht behutsam aus dem Wege ging. Das alles erklärt zur Genüge, daß das Bild des greisen Staatsmannes, der im sechtzundsiebzigsten Lebensjahre pflichttreu noch die Bürde des Reichskanzleramtes auf sich nahm, weiten Zlreisen des Volkes ziemlich unklar und schattenhaft, daß seine Persönlichkeit dem Volke so gut wie völlig unbekannt geblieben ist. Wollte man an die Popularität des ersten deutschen Reichskanzlers erinnern, so würde man dem Nach folger durch einen solchen Vergleich Unrecht thun; immerhin hat selbst das Bild des Grafen Caprivi sich markanter dem Volksbewußtsein eingeprägt als es dem Bilde des dritten deutschen Kanzlers beschieden war. Wiederholt hatte Fürst Bismarck rn früheren Zähren seines bayerischen Mitarbeiters „Geschicklichkeit" und „patriotisches Pflichtgefühl" rühmend hervorgehoben, und eben dieses patriotische Pflichtgefühl bewahrte sich auf^ glänzendste, als Fürst Hohenlohe im -Oktober 1804 den ihm lieb gewordenen Posten als Statthalter in ^^^Loth- ringen verließ, um in Berlin das verantwortungsvolle Amt des Reichskanzlers anzutreten. Er war in der Wilhelmstraße kein Fremder mehr, da er bereits im Jahre 1880 interimistisch das Staatssekretariat des Auswärtigen Amtes verwaltet hatte; aber schon nach einem halben Jahre hatte er, wie Fürst Bismarck später im Reichstage mitteilte, offen erklärt, daß seine Kraft und Gesund- I heit der damit verbundenen Geschäftslast nicht mehr gewachsen sei. Er war inzwischen um vierzehn Jahre älter I geworden. Er fühlte sich in Straßburg wohl und heimisch I und hatte, wie er selbst den Straßburgern beim Scheiden I versicherte, gehofft, dort sein Leben beschließen zu können. I Aber als seines Kaisers Ruf an ihn erging, da zögerte I er keinen Augenblick, jd.as ihm so lieb gewordene Amt I auszugeben und die weit schwerere Bürde jenes andern I zu übernehmen; es war sein patriotisches Pflichtgefühl, ] das ihn ohne Zaudern sein eigenes Behagen dem Dienste I des Vaterlandes opfern ließ. Daß damals der Blick seines I kaiserlichen Herrn auf ihn sich! richtete, ist erklärlich, denn chon wiederholt war Fürst Hohenlohe von der öffentlichen I Meinung als der „kommende Mann" bezeichnet worden: I o in der Kanzlerkrisis im April 1877 und daun wieder in I den Jahren 1880 und 1888. Seit jeher hatte er unter I den bayerischen Reichsräteri als der beste Preußenfreund I gegolten, und unvergessen wird ihm bleiben, was er seit I 1867 als leitender Minister Bayerns für die deutsche Sach^ geleistet hat. Gründlich und systematisch im Erwägen — so hat ihn Heinrich v. Sybel charakterisiert —, bedächtig und umsichtig im Handeln, erfüllt von humanem Wohlwollen und warmer Vaterlandsliebe, in jeder Stellung ein pflichttreuer und zuverlässiger Charakter, so bewährte er sich damals in schwierigster Lage, und wenn er schließlich! eben wegen seiner gut deutschen Gesinnung dem Ansturm der Partikularisten unterliegen mußte, so konnte er doch den Trost und die Genugthuung mit sich nehmen, daß I seine Arbeit nicht vergeblich gewesen und den Gang der Dinge aufzuhalten unmöglich sei. Als ReichSkanzler hat Fürst Hohenlohe später im Reichstage an seinen Sturz als bayerischer Ministerpräsident erinnert, und er konnte bei dieser Gelegenheit sagen, dag er damals durch ein ihn ehrendes Mißtrauensvotum gefallen sei. Im März 1870, einige Monate vor Ausbruch des französischen Krieges, war Fürst Hohenlohe als bairischer Minister entlassen worden. Vier Jahre später sandte ihn das Vertrauen des Kaisers als deutschen Botschafter nach Paris, wo er den Grafen Ärnim ablöste, der nach Konstantinopel bestimmt war, vor Antritt seines neuen Postens jedoch in jenen verhängnisvollen Prozeß verstrickt wurde, der seine diplomatische Laufbahn jählings beendete. Fürst Hohenlohe blieb auf dem heiklen Pariser Posten mit einer kurzen Unterbrechung bis zum Jahre 1885, und man kennt aus von Ruß mitgeteilten Dokumenten die diplomatische Geschicklichkeit und den sicheren, weltmännischen Takt, mit dem der schlichte Grandseigneur dort seines schwierigen Amtes waltete. Rasch hatte er sich auch bei den Franzosen ein unbedingtes Vertrauen zu erwecken verstanden, da sie sofort merkten, daß diesem Aristokraten im Aenßern und Edelmann im Innern jedes Jntriguieren und jede diplomatische Doppelzüngigkeit fremd war; auch daß seinem Wesen das spezifisch Preußische, der militärische Schneid völlig fehlte, war ein Umstand, der in Paris wie später in den Reichslanden seiner persönlichen Beliebtheit zu statten kam. Und wie groß das Maß persönlicher Sympathien war, deren er sich als kaiserlicher Statthalter in Elsaß-Lothringen erfreuen durfte, und wie viel er dadurch beigetragen hat, die Fehler des Man- teuffelscheu Regimes wieder gut zu machen, das ist noch in frischer Erinnerung; gerade seine ruhige und anspruchslose Haltung die sich mit der Pflichterfüllung begnügte und keinerlei Ansprüche erhob, bescherte ihm diese persönliche Beliebtheit und damit auch politische Erfolge. ,Milde, Festigkeit und Klugheit" rühmte ihm bei seinem Scheiden die philosophische Fakultät der Straßburger Hochschule nach, und das sind in der That die vornehmsten Eigenschaften, die seinem ganzen bisherigen öffentlichen Wirken das Gepräge geben. Die Kanzlerjahre des Fürsten Hohenlohe gehören der Tagesgeschichte an, und auf viele Fragen der inneren und äußeren Politik, die während seiner Kanzlerzeit auf- qetaucht sind, wird erst die Zukunft eine Antwort geben, die lamdii dazu berufen ist, ein Urteil über die Leistungen des dritten Kanzlers des deutschen Reiches abzugeben. Thatsache ist, daß unter der sechsjährigen Kanzlerschaft des Fürsten Hohenlohe die einzelnen Staatssekretäre sich in Reichsminister verwandelt haben. Die alleinige Reichsministerschaft des Kanzlers stand nur auf dem Papier. Thatsache ist ferner, daß Fürst Bismarck in Wahrheit die ganze Reichs- und Staatspolitik leitete und bestimmte, und d aß Fürist Hohenlohe dies nicht that. Vor einigen Tagen wurde Fürst Hohenlohe vom Kaiser nach Homburg berufen. Man behauptete, es handle sich um die Festsetzung des Termins für die Einberufung des Reichstages. Das obige Telegramm, das wir heute früh sofort durch Extrablatt bekannt gaben, hat uns eines anderen belehrt. Er hat seinen Abschied erhalten und an seine Stelle ist Graf Bülow getreten als vierter Kanzler des deutschen Reiches. Wir glauben gern, daß des Fürsten Hohenlohe politische Wirksamkeit größer gewesen ist, als man äußerlich wahrgenommen hat. Aber imponierend konnte niemandem die Stellung des bisherigen Reichskanzlers vorkommen. Seine Hauptthätigkeit hat, wie so oft versickert wurde, im „Verhindern" bestanden. Wie oft aber ist in den letzten Monaten von der äußersten Linken bis zur äußersten Rechten die erstaunliche und schmerzliche Frage erhoben worden: „Wo waren denn die verantwortlichen Staatsmänner, daß sie so etwas nicht rechtzeitig verhinderten?" Die Frage: „Wo ist der Reichskanzler?" ist in diesem Sommer zu einer förmlichen Vexierfrage geworden. Die wichtigsten Ereignisse spielten sich in der Chinafrage ab, aber der Reichskanzler war immer „irgendwo"; die wenigsten im Lande wußten, wo. Von seiner Teilnahme an den Dingen merkte mau nichts. Jetzt wird erzählt, er habe überall einen Chiffreur und den Chef der Reichskanzlei oder einen Vertreter des Auswärtigen Amtes bei sich gehabt. Aber welchen Einfluß kann man auf die Dinge haben, wenn man irgendwo in den russischen Wäldern oder auf einem fernen Landgute sitzt? Fürst Hohenlohe ist ein alter, müder Mann von 81 Jahren, und er konnte unmöglich Kraft und Frische der Jugend besitzen. Allein ein Mißstand war es doch, daß der leitende Staatsmann nicht wirklich selbst die Zügel fest in der Hand halten konnte. In der Politik der chinesischen Wirren war Fürst Hohenlohe so gut wie gar nicht beteiligt, und es wäre ihm unmöglich gewesen, vor dem Reichstage tue Verantwortung dafür auf sich zu nehmen. Sein Nachfolger Graf Bülow ist em reichbegabter Staatsmann, der in der Vollkraft seiner Jahre steht. Es ist von ihm zu hoffen, daß er als deutscher Reichskanzler I aufrecht und mit steifem Rückgrat im Sattel sitzen, jedenfalls aber mehr als ein Ornament der Reichsverfassung ein wird. Wir glauben in ihm einen öffentlich und parlamentarisch verantwortlichen Vertreter der kaiserlichen Politik zu erhalten. Das kaiserlich gesinnte Deutjch^- land wird diese Wandlung in dem höchsten Amte des Reiches als den Ausgangspunkt zu einer Ordnung der Dinge auffassen, wie sie den Wünschen des Volkes entspricht. __________________________ ________________________ Der Krieg itt China. In den drei aus Tientsin vom 14., 15. und 16. Oktober datierten Depeschen meldet der „Standard": Die verbündeten Truppen erreichten auf dem Marsche nach Paotingfu am 13. Tuliu, ohne auf Widerstand zu stoßen. Am 12. passierten 400 Franzosen diesen Ort auf dem Wege nach Hsiunghsien, wo sie die dortigen Katholiken I befreien wollten. Am 15. langte in Tientsin die Nachricht an, daß die französische Truppe Paotingfu erreicht habe I und daß die chinesischen Behörden die Stadt ohne weitere- I übergeben hätten. Die Franzosen, heißt es, bewachten jetzt I die Eisenbahn. DaS Telegramm vom 16. berichtet: Da I die Expedition nach Paotingfu lange vorher angekündigt I worden war, hatten die chinesischen Beamten und wohl« I habenden Bewohner von Paotingfu alle ihre Wertsachen I nach der Grenze von Honan gesandt, die Stadt war fast verlassen. — Aus Schanghai wird demselben Blatt ge- meldet, die Boxer der Provinz Schantung kehrten zu ihren Heimstätten zurück. 12,000 wurden bei Tsangtschao, I nahe der Grenze der Provinz Tschili, durch 5000 Mann | der Truppen des Gouverneurs Duanschikai unter dem Be- I fehl des Generals Mai in die Flucht geschlagen. Neber die Bewegung in Süd-China berichtet I „Reuter" aus Hongkong vom 16. ds.: Der Aufstand im I Hinterland von Kaulun dauert fort; die Aufrührer I ziehen nach dem Ostfluß. Admiral Ho zögert, vorzurücken, I obwohl er über etwa 4000 Mann verfügt. Die englische I Streitmacht langte an der Grenze an, wo sie ein Lager I bezog. — Ein Telegramm der „Morning Post" aus I Schanghai besagt, nach Berichten aus Nanking hätten die I Aufständischen aus Kwangsi die Grenzstadt Kwanyang I erobert und werden sich alsbald mit den Leuten der Drei« I faltigkeitsgesellschaft und den Rebellen auS Kwangtung ver-- I einigen. M arschall Su verlangte von dem stellver- I tretetenden Vizekönig zu Kanton Truppenverstärkungen und I legte, da sein Gesuch abgeschlagen wurde, das Kommando I nieder. Der bisherige Gouverneur von Honan, Mtschang, I ein sremdenfeindlicher Mandschu, ist nach Hupeh versetzt I worden. Dies bedeutet für den Einfluß, den der fremdcn- I freundliche Tschangtschitung auSübt, einen schweren Schlag. I Die Ernennung Dös zum Gouverneur einer der Aangtse- I Provinzen TschangtschitungS bekundet den wohlüberlegten I Plan TuanS, das Boxertum auch in das Aangtsegebict hineinzutragen. Die Lage der russisch-chinesischen Bank zu Schanghai erfordert Aufmerksamkeit, man I glaubt, daß große Schwierigkeiten vorliegen. Aus Tientsin wird vom 16. gemeldet: Der öfter« reichischmngarische Gesandte Frhr. Czikann, der bekanntlich während der jüngsten Pekinger Unruhen aus Urlaub in der Heimat war, ist jetzt hier eingetroffen. — Der russische Gesandte v. Giers, der erst am 1. dS. von Peking mit dem Personal seiner Gesandtschaft hier angekommen war, hat von seiner Regierung die Weisung erhalten, tn den allernächsten Tagen mit der ganzen Gesandtschaft wieder nach Peking zurückzukehren. Ein Telegramm aus Peking vom 15. lautet: Der kaiserliche Erlaß, der die Bestrafung der an den Unruhen beteiligten hohen Staatsbeamten anordnet, wird hier für eine Fälschung gehalten. Prinz Tsching und Li- Hung-Tschang bestreiten, irgendwelche Kenntnis vom Vorhandensein des Erlasses zu haben. Man hat einigen Grund zu der Annahme, daß der Erlaß ersonnen sei in der Hoffnung, den Vormarsch der Verbündeten auf Paotingsu zu verhindern. Kein Schritt von irgendwelcher Bedeutung wird hier bis zur Ankunft deS Feldmarschalls Grasen Waldersee, die für Mittwoch erwartet wird, unternommen werden; Graf Waldersee wird im Kaiserpalast Quartier nehmen. Kleine marodierende Boxerbanden verursachen in der Nähe des Sommerpalastes Beunruhigungen. Gegen sie wird eine kleine Abteilung entsandt werden. Nach einem Telegramm aus New-Jork schlug Frankreich den sofortigen Beginn der Friedensverhandlungen vor, da alle Mächte mit der Note Del- eassLs einverstanden seien. — Aus Berlin wird gemeldet: Der „Reichsanzeiger" weist daraus hin, daß bei Anfragen an daS Kriegsministerium über den VerbleibvonAng eh origen des ost asiatischen Expeditionskorps die Angabe des Regiments allein nicht genügt, sondern daß auch daS Bataillon, die Schwadron, die Batterie oder die Kolonne richtig bezeichnet werden muß. Anfragen über den Verbleib von Angehörigen der Marine, wozu nicht allein die Schiffsbesatzungen, sondern auch die Marine-Infanterie und die bei dieser befindliche Feldbatterie sowie das Feldpionier-, Feldtelegraphen- und SanitätS-Detachement gehören, können von der ostasiatischen Abteilung des Kriegsministeriums, dessen Auskunftserteilung sich nur aus Angehörige des Land- heereS bezieht, nicht beantwortet werden. • * * Telegramme deS Gieheuer Anzeigers. Berlin, 18. Oktober. Nach einem Telegramm aus London schassten die Beamten und reichen Chinesen in Paotingsu alle ihre Reichtümer nach der Grenze von H o n a h. Die Stadt ist fast verlassen. Die K a i s e r i n setzte in Nanking den Vizekönig ab. Viktoria (Britisch Columbien), 18. Oktober. Die Baronin von Ketteler ist von Peking kommend hier eingetroffen. Südafrikanisches. Lord Roberts telegraphiert aus Pretoria vom 16. Oktober: General Kelly Kenny berichtet: Leutnant M a l c o l m g r i f f d i e B u r e n in der Nähe von Wepener mit einer kleinen Polizeitruppe von Wepener an und tötete 7 Buren, zwei wurden gefangen genommen. Die Engländer hatten keine Berluste. Kapitän Pius Caffin traf am 14. Oktober bei Lentersburg-Waldstation auf die Buren und vertrieb sie. Er erhielt sodann die Nachricht, daß eine andere Burenabteilung seine Rückzugslinie bedrohe. Er verlor auf dem Rückzug bei harter Bedrängung einen Leutnant und zwei Mann tot, einen Mann verwundet. General Barton berichtet aus Wewerdiend: Kleine Burenabteilungen richten in der Nachbarschaft so viel Schaden an, als sie vermögen. Er traf am 14. Oktober mehrere von ihnen, tötete einige und erbeutete viel Munition. Thurms Botha, ein Bruder des Generals Botha, übergab Volksverst. Aus Pretoria meldet Reuter vom 16.: In den letzten Tagen ist der T e l e g r a p h e n v e r k e h r nach dem Süden und Westen unterbrochen. Tie Buren, die bisher beim Zerstören der Eisenbahnlinien die Telegraphenlinien unversehrt zu lassen pflegten, beginnen jetzt die Telegraphendrähte zu durchschneiden. Aus Lourenzo Marques wird vom 17. depeschiert: Präsident Krüger hat seine Abreise aus Samstag verschoben. Er reist über Djibuti nach Marseille. Ein Telegramm aus Bloemfontein vom 16. ds. besagt: 12 Buren plünderten heute 18 Meilen von hier eine auf dem Wege nach Kimberley gelegene Farm. Sie erzählten dabei, sie bildeten den Bor trab einer starken Truppe. Ter „Daily Mail "wird aus Lourenzo Marques gemeldet, daß die englischen Behörden unzufrieden sind mit der fruchtlosen Durchsuchung der amerikanischen Barke „Litchfield" nach Krügers Gold, welche Turchsuchung Vie portugiesischen Behörden gestern vornahmen. Sie werden wahrscheinlich darauf bestehen, daß unter englischer Aufsicht eine genauere Durchsuchung vorgenommen werde. Der „Zentral News" wird aus Durban berichtet, daß der deutsche Missionar Prozesky des Hochverrates schuldig erklärt und zu 12 Monaten Gefängnis und 500 Pfund Geldstrafe oder dafür zu weiteren neun Monaten verurteilt worden ist. Deutsches Reich. Berlin, 17. Oktober. Aus Cronberg wird gemeldet: Der Kaiser und Prinz und Prinzessin Heinrich machten heute nachmittag einen einstündigen Besuch auf Schloß Friedrichshof. — Aus Homburg wird gemeldet: Der Kaiser hörte gestern Abend den Vortrag des Admirals Frhr. von Senden-Bibran, abends holte der Kaiser das Prinzenpaar Max von Baden vom Bahnhofe ab und geleitete es nach der Abendtafel wieder zur Bahn zurück. Heute morgen trafen die Prinzen August, Wilhelm, Oskar, Eitel Friedrich und Adalbert aus Plön ein. Das Kaiser- i aar und das Prinzenpaar Heinrich begrüßten die Prinzen am Bahnhof. Mit dem gleichen Zuge trafen ein Graf Bülow und der für kurze Zeit abwesend gewesene Chef des Civilkabinetts v. Lucanus. — Von dem Besuche deS Kaiserpaares im Wupperthal ist einstweilen Abstand genommen worden. Dem Oberbürgermeisteramt von Barmen ist die Mitteilung zugegangen, daß der Kaiser und die Kaiserin von den zu ihrem sestlichen Empfang im Wupperthal getroffenen umfangreichen Vorbereitungen mit hoher Befriedigung über >ie dadurch bekundete patriotische Gesinnung Kenntnis genommen, und wiederholt die feste Absicht zu erkennen ge« geben haben, den in Aussicht gestellten Besuch später auS- zusühren, vorausgesetzt, daß daS zurzeit noch ernste Besorgnisse erregende Befinden der Kaiserin Friedrich solches gestattet. Dabei habe der Kaiser den Wunsch ausgesprochen, es möchte bei dem bevorstehenden Besuch von erneuten, Kosten verursachenden Veranstaltungen abgesehen werden; freudige Gesichter wären ihm daS liebste Willkommen. — Nach einer Meldung aus Cronberg bietet daS Befinden d.er Kaiserin Friedrich auch heute früh zu ernsteren Bedenken keinen Anlaß. Die Nacht soll einen günstigen Verlauf genommen haben. Eine weitere Nachricht lautet: Der Zustand der Kaiserin Friedrich ist fortgesetzt ein relativ befriedigender, wennschon noch nicht jeder Grund zu Besorgnissen geschwunden ist. Die durch die immer noch, wenn auch in etwas vermindertem Grade anhaltenden Schmerzen herbeigesührte Schwäche ist zwar weniger bedenklich geworden, hält aber noch an, zumal die Appetitlosigkeit der Kranken die Zuführung ausreichender NahrungS- und Kräftigungsmittel sehr erschwert. Die staunenswerte Energie, die die Kaiserin den schmerzhaftesten Anfällen entgegensetzt, und das große Vertrauen, daS sie ihrem ärztlichen Beistand entgegenbringt, sind von nicht geringer Bedeutung für den Verlaus der Krankheit. In der Umgebung der Kaiserin herrscht jetzt nach der tiefen Niedergeschlagenheit der letzten Wochen eine etwas zuversichtlichere Stimmung. — Aus Potsdam wird berichtet: Der Kronprinz ist in Begleitung deS Obersten v. Pritzelwitz um 8 Uhr nach Homburg v. d. H. abgereist. — Wie aus Frankfurt a. M. geschrieben wird, hat Prinz Friedrich Karl von Hessen seinen Dienst als Kompagnieches der 8. Kompagnie deS 81. Jnsanterie-Regi- meuts gestern wieder ausgenommen und zu diesem Zwecke bereits am Montag abend in Frankfurt Wohnung genommen, während die Prinzessin Friedrich Karl nebst Kindern noch aus Schloß Friedrichshof verbleibt. Prinzessin Adolf von Schaumburg.Lippe, die seit acht Tagen im „Englischen Hose" wohnte und täglich mit der Bahn von Frankfurt nach Cronberg fuhr, ist gestern nach Schloß Friedrichshof übergesiedelt. Heute werden die zur Konfirmation auf Schloß Homburg anwesenden Prinzen auch zum Besuche auf Schloß Friedrichshof erwartet. Ein Telegramm aus Homburg v. d. H. meldet: Der Reichstag wird zum 14. November einberufen werden. — Em Berliner Blatt schreibt: „Mit einer besonderen Botschaft des Kaisers über die chinesische Angele g e n heit soll derReichStag eröffnet werden." Auffällig und unverständlich ist dabei nur der Ausdruck „besondere Botschaft", denn es hat natürlich niemand daran gezweifelt, daß der Kaiser die nächste Session des Reichstags persönlich eröffnet, und daß der Hauptteil der Thronrede unserer Politik in China gewidmet sein wird. Stuttgart, 17. Oktober. Die Prinzessin Max von Schaumburg-Lippe wurde heute in Ludwigsburg von einem Knaben glücklich entbunden. Dresden, 17. Oktober, lieber das Befinden des Königs meldet der Hofbericht: Die Nachtruhe war besonders durch Schmerzen in der linken unteren Extremität gestört. Gegen Morgen hat der König einige Stunden ruhig geschlafen. Die Kräfte heben sich langsam. Der König konnte gestern einige Stunden des Tages außer Bett zubringen. Gotha, 17. Oktober. ES ist sehr leicht möglich, daß die Sozialdemokraten im gothaischen Landtag doch die Mehrheit erhalten. In neun Wahlkreisen haben die Sozialdemokraten die Mehrheit. Im 14. Wahlbezirk stehen den 19 sozialdemokratischen Wahlmännern 23 bürgerliche, und zwar 11 liberale und 12 Bund der Landwirte gegenüber. Letztere haben es abgelehnt, den bisherigen liberalen Abgeordneten Jusatz zu wählen, wogegen die Liberalen unbedingt an diesem festhalten wollen. Ausland. Haag, 17. Oktober. Die Zweite Kammer empfing die Mitteilung von der Verlobung der Königin und beauftragte den Präsidenten, der Königin die Glückwünsche des Hauses, sowie den Dank für die Mitteilung des freudigen Ereignisses zu übermitteln, welches sowohl für die Dynastie, wie für das Vaterland von der höchsten Bedeutung fei. (Der Verlobte der Königin Wilhelmine der Niederlande, He r z o g Heinrich Wladimir Albrecht Ernst von Mecklenbu r 9;®7,roert” ist am 19. April 1876 zu Schwerin geboren, also vier Jahre aller, ms die Königin, die am 31. August 1880 das Licht der Welt erblickte. Herzog Heinrich ist ein Halbbruder des jetzigen Regenten von -Mecklenburg-Schwerin, des Herzogs Johann Albrecht, Vorsitzenden der deutschen Kolonialgesellschaft, und der jüngste Sohn ihres Vaters, des Großherzogs Friedrich Franz II., aus dessen dritter Ehe mit der Großherzogin Marie, geborener Prinzessin von Schwarzburg. Sem ältester Bruder war der Leutnant zur See Herzog Friedrich Wilhelm vor Mecklenburg, der am 22. September 1897 als Kommandant des Tor- pedoboots S 26 beim Untergang dieses Bootes auf der Elbe bet Cuxhaven seinen Tod fand. Herzog Heinrich ist preußischer Oberleutnant ä la suite des Garde-Jäger-Bataillons und des großherzoglich-mecklen- burgischen Füsilier-Regiments Nr. 90. Dor sechs Jahren hat Herzog Heinrich sich auf einer größern Reise in der Welt umgesehen und sich durch sein liebenswürdiges, freundliches und bescheidenes Wesen bte Herzen aller gewonnen, die ihm damals begegneten. Auf seiner Fahrt durch Indien hatte der bekannte, später in Neuguinea ums Leben gekommene Forscher Otto Ehlers seine Führung übernommen. Der künftige Gemahl der Königin von Holland ist eine echt germanische Erscheinung mit blonden Haaren und blauen Augen.) Paris, 17. Oktober. Der König von Griechenland stattete heute in Begleitung des Prinzen Nikolaus Loubet einen offiziellen Besuch im Elysee ab. — Die Demission des Reichskanzlers Hohenlohe macht in den Redaktionen der Pariser Blätter um so größeren Eindruck, als man hier nach den letzten Berliner Andeutungen eher eine neue lebhaftere politische Betätigung Hohenlohes erwartete. Der „TempS" sprach noch in seinem heutigen Leitartikel die Vermutung aus, daß der Kaiser selbst ein stärkeres Hervortreten des Reichskanzlers wünschte, um seine eigene Verantwortung abzuwalzen. Konstantinopel, 17. Oktober. Der türkische Mili- tärattachö in Brüssel ersucht um Enthebung von seinem Posten mit der Begründung, daß finanzielle Gründe ihm nicht gestatten, das Amt länger zu versehen. New York, 17. Oktober. Bryan sagte in seiner Rede in der Tammany Hall, es sei unnötig, daß man, wenn man mit einem Volke Handel treiben wolle, auch deffeu Herr sein müffe, oder daß man, um ein Land zu beschützen, auch einen Rechtsanspruch auf dieses Land besitzen müffe. Bryan verwies darauf, daß Amerika Venezuela in dessen Streitfall mit England beschützte, und erklärte, auf die gleiche Weise könne Amerika den Schutz über die Philippinen ausüben. — Bryans Empfang in New-York war die größte Demonstration seit langen Jahren. Er sprach in vier Versammlungen zu mindestens 60 000 Zuhörern insgesamt. Die Fahrt von einem Versammlungs- Platz zum andern glich einem wahren Triumphzuge. Allenthalben wurde Feuerwerk abgebrannt, Musikkapellen spielten und die Straßen waren gefüllt von dichtgedrängten Menschenmassen. Aus Stadt und Land. Gießen, 18. Oktober. * • DaS Regierungsblatt Nr. 70 vom 16. Oktober enthält die Bekanntmachung, die Promotionsordnung für die medizinische Fakultät (im engeren Sinn) der Landesuniversität Gießen betreffend. Sie lautet: Zur Ausführung der Vereinbarung, welche die deutschen Bundesstaaten: Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden, Hessen, Mecklenburg-Schwerin, Sachsen-Weimvr, Sachsen Altenburg, Sachsen- Koburg Gotha und die Reichslande Elsaß-Lothringen über eine Neuregelung der medizinischen Doktorpromotion unter einander abgeschlosien haben, ist eine interimistische Promotionsordnvng für die medizinische Fakultät im engeren Sinn (vergl. 8 32 Abs. 2 des Organisations- Statuts der Landesuniversität in der Fassung vom 22. August 1900, Regierungsblatt S. 491) erlassen worden. Dies wird mit dem An- fügen zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß diese Promotionsordnung sofort in Kraft tritt. Gleichzeitig erlischt die Anwendbarkeit der allgemeinen Promotionsordnung der Landesuniversität vom 20. Oktober 1877 auf Promotionen in der oben genannten Fakultät. * * Befitzwechfel. Das Haus des Kaufmanns Martin Scheel, Marktplatz 5, ging durch Kauf für den Preis von 61,000 Mk. in den Besitz des Metzgermeisters Karl Buß über. , * * Der vermißte Georg Böllmar ist in Frankfurt in die Irrenanstalt eingeliefert worden. Den besorgten Eltern ist gestern davon Mitteilung gemacht worden. M. Stadttheater. Die zweite Aufführung des indischen Dramas „V a s a n t a sen a" fand gestern abend vor nur sehr mäßig besuchtem Hause statt. Es ist tief bedauerlich, daß das hiesige Publikum, das bei den minderwertigsten Possen und Lustspielchen volle Häuser macht, trotz mehrfachen Hinweises auf die Güte des Gebotenen nicht mehr Interesse zeigt, eins der besten Dramen tennen zu lernen, die auf dem Boden einer hohen, freien, vollkommenen Kultur gewachsen sind, einer so reifen Kultur, daß, um eine ähnliche Blüte zu erreichen, die un|rtge erst in den Ansätzen steckende noch, manches 3raI)rl)H™),ert nötig haben wird. Die ganze Süße der indischen Kultur zeigt sich in der Art, wie sie die beiden Leben-»esstuklalieu Weib und Freund behandelt; keine andere Kwltur hat sie in der artigen Milde und stillen Gute dem Weibe gegenüber eingeholt, und nur die griechische kannte eme ähnliche Wertung und Hochschätzung der Freundschaft.2o läßt denn der königliche Dichter okr Bas antas en a ein niederes, iiefgesunkenes, verachtetes Weib lediglich durch das beiliae Reaefeuer ihrer innigen Liebe zu mafelfreier iunan werden, so läßt er den Freund Leben hingeben um des Freundes willen Die Ausführung war durchweg gelungen. Herr di Balthyni gab den edlen Karudatta mit echter Lewenschaft• Fräulein Schoelermann verkörperte ferne aeliebte Bajadere mit Wärme und Anmut. Herr Liebscher als Samsthanaka fand sich mit der vom Dichter 'u eintönig schwarz gemalten Rolle gut ab, wenn er auch das Katzenhafte im Wesen des Schurken zu stark unterstrich. Vorzüglich war Herr Ramsey er als Martreja, nur sollte er, Hamentlich in den Monologen, nicht zu sehr mit dem Publikum kokettieren. Herr Reinhardt, der den Bettelmönch sonst gut spielte, war im Ton e was^zu weinerlich Die Nebenrollen waren passend besetzt: Publikum applaudierte lebhaft. - ^lleicht setzt die Direktion die „Vasantasena" einmal auf dcu- Programm einer Volksvorstellung; ob dann am Ende die Sterne rcbcti • * Arnderung des hessischen Feldstrafgefetzbuches. Man beabsichtigt, wie man aus Darmstadt schreibt, eme Aende- rung des hessischen Feldstrafgesetzbuches vom 21. September 1841 vorzunehmen. Es wurde aus diesem Grunde von den Präsidenten der Landgerichte an die Gerichtsbehörden des Landes im Auftrage des Ministeriums der Justiz em Schreiben erlassen, in dem dieselben ausgesordert werden, sich baldmöglichst über die Punkte, die abanderungSbedürftlg erscheinen, zu äußern._________________________ „ Vermischtes. * Berbin, 17. Oktober. Der Leichenfund in der Schulzendorferstraße ist nunmehr nach einer Richtung aufgeklärt. Das Ergebnis der Leichenöffnung, auf das die Kriminalpolizei mit Spannung wartete, läßt keinen Zweifel mehr bestehen, daß Frau Nerger eines gewaltsamen Todes gestorben ist. Die Kriminalpolizei rechnete von vornherein mit der Möglichkeit eines Verbrechens und traf darnach ihre Maßnahmen. Trotzdem aber wäre es wünschenswert gewesen, wenn man die Leichenöffnung -etwas früher voraenommen und so der Kriminalpolizei eher Gewißheit und nähere Auskunft über die Art des Todes gegeben hätte. Gestern nachmittag erwarteten der Chef der Kriminalpolizei Regierungsrat Tieterici, Kriminalinspektor Klatt und Kriminalkommissar Wanowski im Präsidialgebäude das Ergebnis und erhielten es um 6 Uhr abends. Frau Nerger ist durch Hineinstoßen des Tuches in den Mund getötet worden, also erstickt. Das Tuch war so weit und so fest hinein- gestopst, daß die Frau es unmöglich selbst eingeführt haben kann. Es ist auch, wie die Leichenöffnung ergab, mit solcher Gewalt geschehen, daß ihr einige Zähne ausgestoßen Wurden. Außerdem hat die Ermordete einige Kratzwunden am Halse und am Kinn. Der mutmaßliche Mörder ist in der Person eines am 14. Juli 1867 zu Berlin geborenen Arbeiters Richard Müller, der früher Klempner war, vom Kriminal- lommissar Wanowski bei der Durchsuchung der Kaschemmen in der Fennstraße am Montagabend ermittelt und f e st- genommen worden. Er war am Samstag bei einem Klempner in der Müllerstraße zur Aushilfe beschäftigt und wurde zunächst mit dem Zimmermann aus der Antonstraße verwechselt. Müller ist es, der am Samstagabend mit der Frau Nerger von 8 bis 11 Uhr bei Schirmer und dann bis 1 Uhr in anderen Lokalen kneipte. Zwei Frauenspersonen sahen ihn um halb 2 Uhr in der Lindowerstraße mit der Nerger gehen, die er fest umschlungen hielt. Er bestritt zunächst alles und wollte um ein Uhr nachts im Asyl in der Wiesenstraße Aufnahme gefunden haben. Es wurde ihm aber nachgewiesen, daß dort bereits um halb 6 Uhr abends die letzte Aufnahme stattgefunden hatte. Nun erklärte er, daß er sich geirrt habe; er habe keine Aufnahme gefunden und habe sich daher in der Gegend des Asyls die Nacht umhergetrieben. Es sind Zeugen vorhanden, die bekunden, daß Müller mit Frau Nerger das Haus Schulzendorferstraße Nr. 7 betreten habe. Dazu kommt, daß er ein Halstuch, das er vorher trug, jetzt nicht mehr hat. Vermutlich ist es dasselbe, das Frau Nerger in den Mund gestopft worden ist. Dieses Tuch wird gereinigt und dann den Personen, die Müller gesehen haben, vorgelegt werden. Zunächst hat man einen Gipsabdruck davon gemacht. Müller hat auch leichte Verletzungen an der Hand. Er behauptet, diese bei den Klempnerarbeiten in der Müllerstraße bekommen zu haben, die Kriminalpolizei dagegen nimmt an, daß er sie sich beim Einstoßen des Tuches in den Mund zugezogen habe. Die Verletzungen werden noch im Laufe dieser Nacht photographiert. Man wird dadurch feststellen, ob diese Verletzungen Eindrücke von Zähnen sind, wie die Aerzte annehmen. Müller ist wegen Raubes, schweren und leichten Diebstahls mit Zuchthaus bestraft und befand sich im Jahre 1883 unter dem Verdachte, gegen einen Knaben sich vergangen zu haben, in Untersuchungshaft, wurde jedoch entlassen, weil das Verbrechen ihm nicht bestimmt naähgewiesen werden konnte. Beim Schluß des Verhörs gab er gestern abend zu, mit der Frau Nerger bis 1 Uhr in der Lindowerstraße zusammen gewesen zu sein. Er räumte auch ein, daß er die Frau utmschlungen habe. Um 1 Uhr aber sei ein Unbekannter gekommen, habe ihm seine Begleitung äbgenom- men und sei mit ihr weiter gegangen. Arbeiterbewegung. Brüssel, 16. Oktober. Die Glasarbeiter im Hennegau beschlossen in ihrer heutigen Versammlung, den Streik bis aufs Messer fortzusetzen. Es sollen ihnen von anderen Arbeitsorganisationen reichliche Mittel zugefloffen sein. Andererseits versichert das klerikale „XX. Siecle", daß die Arbeiter trotzdem zü sofortigem Frieden bereit wären, wenn die Unternehmer nur im geringsten entgegenkämen. ReW'Nork, 17. Oktober. Die Beilegung des Streiks der Kohlenarbeiter ist in Sicht, da mehrere Kohlengesellschaften weitere Konzessionen machen. — Eine in Philadelphia abgehaltene Konferenz der in der Kohlenindustrie beteiligten Einzelunternehmer und Vertreter der großen Gesellschaften beschloß, die von dem Grubenarbeiter- verbande aufgestellten Forderungen anzunehmen. Dieser Beschluß bedeutet die unmittelbare Beendigung des Ausstandes. Gottesdienst der israelitischen Keligionsgesellschast. Sabbathfeier am 20. Oktober 1900. Freitag abend ö Uhr, Samstag vormittag k»o Ubr, nachmittags 3 Uhr, Sabbathausgang 6" Ubr, nachmittag 2m Schrifterktäruug. Wochengottesdienst: morgens 7 Uhr, abends 4™ Uhr. Neueste Meldungen. Berlin, 18. Oktober. Aus London wird gemeldet: Die „Truth" erklärt, daß König Leopold von Belgien, der einer der Testaments-Voll streck er der Kaiserin Friedrich sei, diese demnächst in Geschäften in Fried - richShof besuchen wird. Berlin, 18. Oktober. Mit dem K a n z l e r w e ch s e l beschäftigen sich bis jetzt nur einige Morgenblätter, da ihnen der RücktrittHohenlohe's und die E r n e n i: - ung des Grafen Bülow zum Nachfolger erst in später Abendstunde zugegangen ist. Die „Deutsche Tages- Zeitung" sagt: Der Rücktritt Hohenlohes sei nicht ein Ereignis von besonderer politischer Bedeutung mehr. Tas „Kl. Journ." schreibt: Nie vielleicht hat sich der Abgang eines ersten Dieners der Krone bei uns zu Lande ruhiger abgespielt, als bei dem des Mannes, dem man heute den politischen Nachruf zu halten hat. Fürst Hohenlohe ist nicht gestürzt. Er bleibt im Vollbesitz des Vertrauens und der Wohlgewogenheit seines kaiserlichen Herrn ohne Zwist und Auseinandersetzung. Die „Voss-. Zkg." sagt, der scheidende Reichskanzler blicke auf eine Laufbahn reich an Erfolgen und Ehren, aber auch reich an Mühen und Sorgen zurück. Fürst Hohenlohe als Nachfolger des Grafen Caprivi wurde von dessen Gegnern vertrauensvoll begrüßt. Graf Bülow erfreut sich der vollsten Gunst des Kaisers und gilt als der eigentliche Urheber der jüngsten Flottenvermehrung. Das „B. Tgbl." schreibt: Fürst Hohenlohe darf wegen dessen, was er gewollt, der Anerkennung der Mit- und Nachwelt sicher sein, wenn auch das, was er vollbracht, weit hinter den Erwartungen zurückbleibt, die au seinen Eintritt ins Reichskanzleramt von hoch und niedrig geknüpft worden waren. Sein Nachfolger wird sich sagen müssen, daß es nur einen Weg giebt, das Reichskanzleramt segensreich für die Allgemeinheit zu gestalten, nämlich es im Geiste der Reichs-Verfassung zu üben und im steten Bewußtsein der Verantwortlichkeit, die es ihm auferlegt. Der „Börsen-Courier" sagt: Graf Bülow hat sich als Diplomat bewährt und nun werden wir sehen, wie er für die neuen Handelsverträge seine junge Kraft einzusetzev und Hindernisse sachliche? und persönlicher Art $u beseitigen gedenkt. Die „Volkszeitung" meint, der Rücktritt des Fürsten Hohenlohe hätte zu keinem für die Reichsregierung ungünstigerem Augenblick erfolgen können als im gegenwärtigen. Für die Opposition sei eine Situation geschaffen, die ihr die größten moralischen Erfolge bei der ganzen Nation sichert, wenn sie die Debatte im Reichstage mit rücksichtslosester' Schärfe führe. Der „Vorwärts" schreibt: Der dritte Kanzler des deutschen Reiches hat sich von seinem Platze geschlichen, der Kanzler des Verhinderns, der immer mehr zum unaufschiebbaren Kanzler wurde. Es ist sonderbar, daß Füüst? Hohenlohe sich plötzlich dazu entschlossen hat, den Kanzlersessel zu verlassen. Noch sonderbarer ist es aber, daß er erst jetzt diesen Schritt thut. Er hätte einen würdigen Abgang in der ersten Zeit der China-Krisis gefunden. Sein Rücktritt bedeutet jetzt, wo es gilt, dem Reichstage Rechenschaft abzulegen, die schärfste Verurteilung der gesamten China-Politik des Grafen Bülow. Frankfurt a. M., 18. Oktober. Der Kronprinz traf heute morgen unv 6 Uhr 48 Min. mit dem fahrplanmäßigen Zuge von Berlin kommend hier ein und fuhr um 7 Uhr mittelst Extrazuges nach Homburg weiter. Paris, 18. Oktober. Ministerpräsident Waldeck- Rousseau wird am Sonntag den 28. Oktober seine angekündigte große politische Rede bei einem Bankett in Toulouse halten, in der er das Programm der Regierung auseinandersetzen wird. Paris, 18. Oktober. Kriegsminister Andre und Marineminister L an ess an sind gestern in Tunis eingetroffen. Nachmittags 2 Uhr wurden die Minister vo« Bey empfangen, dem sie die Glückwünsche der französische« Negierung überbrachten, und ihm zu den im Lande erzielte« Fortschritten gratulierten. Der Bey beglückwünschte die Minister seinerseits zu den raschen Fortschritten der Befestigungsarbeiten von Biserta. Er bat sie, dem Präsidenten Loubet seine Grüße zu übermitteln. Calais, 18. Oktober. Gestern traf von London kommend hier ein englischer Personendampfer mit gelber Flagge ein. An Bord desselben sollen sich mehrere Pestkranke befinden. Wien, 18. Oktober. Die Blätter schreiben zum Rücktritt des Fürsten Hohenlohe, daß derselbe keine Ueberraschung bringe. Höchstens müsse man sich darüber wundern, daß Fürst Hohenlohe seine Demission erst jetzt eingereicht habe. Kaiser Wilhelm werde sicherlich dafür sorgen, daß der neue Reichskanzler strnd aller Kraft für Deutschlands China-Politik eilt trete. Fürst Hohenlohe habe nie einen Hehl daraus gemacht, daß er in der China-Politik des Kaisers nicht einverstanden sei. _____ 201.90 31/» % Reichs anleihe . do 3% 3*/i r/o Konsole . do 3Vo -An! SVg % Heesen 5 'Vv Ital en. Rente 4 0 'o Griech Monop 3 % Portugiesen 3% Mexikaner . 4Vi % Chinesen . Kreditaktien . . . Diskonto-Kom mandit Darmstädter Bank . Dresdener Bank . . Berliner Handelsges. Oesterr. Staatsbahn Gotthardbahn . . Laurahütte . . . Bochum . . . . Harpener . . . 94.55 85.45 : 94.40 85.50 91.40 93.80 42.— 23.75 25.45 74.— Telephonischer Kursbericht. Frankfurt, den 18. Oktober. . 170.— . 128.80 . 140.60 . 141.3« . 136.70 . 139.— . 192.50 . 171 — . 172.25 Tendenz: ruhig. | Der Gebrauch von L Fay’* echten Sodener Mineral-Pastillen hat nicht wie andere Hustenmittel lästige Nebenerscheinungen, als Magenbeschwerden, Uebelsein etc. zur Folge. Ganz im Gegenteil wirken dieselben vermöge ihres hohen Salzgehaltes äusserst günstig auf den Magen ein und können mit Erfolg selbst bei Magenkatarrh verwendet werden. FaysechteSodenerMineralpastillen sind in allen Apotheken, Drogerien und Mineralwasserhandlungen zum Preis von 85 Pfg. p Schachtel zu haben. 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