1900 Gießener Anzeiger Heneral-Anzeiger Anrts- und Anzeigeblutt für den Akveis Gieren 6t 47. e»»ht ®W, Sonntagden 17. Juni ZSezugspreis vierteljährl. Mk. 2M monatlich 75 Pfg. mit Vlingcrlohn durch dir Abholcstrll«, virrtcljährl. Mk. 1,9t monatlich 65 Pfg. Bei Postbezug Mk. 2,40 vierlrljährt. mit Bestellgeld. fn^thrt ttgNq ■ii Ausnahme deS Montags. Die Bießener »K»tkieudt»tter Krltn de» Anzeiger te Wechsel mH „Hess, km^rntrt" m. ^Blätter fd Hess. Volkskunde- sl ßN. 4 hm! deigelegt. Alle Anzeigen-BermittlungSstellen deS In- und AuSlandeA nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger cntgegex, Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg. I»»h»e »♦« Anzeigen zu der nachmittags für de« schände« Se< «rfcheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. «hheßeLungen spätestens adendS vorher. WH) tcn aufgeboten, um die verhaßten Wojen, die Japaner^ aus pent Lande zu jagen. Gratisbeilagrv: Gießener FamilienbläNer, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde. Adresse für Depeschen: Anzeiger Htstzs»« Fernsprecher Nr. 5L Nr. 139 Viertes Blatt. ON »iss. thbelHee, Expedition und Druckerei: Kch»tffraße Nr. 7. Wh‘weXn .^»OEier aMch. Bei *®HauabiU Parnigge, r°9efl«eHliitten Mein. 1 P^ösehe^ ’WM5en autiig,! I aufmerksam geM. sbeaond.dievonri ■Q erwähnen sind. QacbenFabnh o. Güte unübertro^' W für elfcfr^, ^ch, als hochfta j listige U ?er Wäsche forti olut keinen Sch«, bleiben stets elastüd mit an y ziehen Bändchen - chtes nnd festes k; es nnd Kragenfnt>>- Ktreihüge durch die Pariser Weltausstellung. Von PaulLindenberg. (Nachdruck verboten.) X. Deutschland. — Dekorative Gestaltung der deutschen Abteilung. — Die Möbel deS Kaisers. — Das deutsche Kuustgewerbe im ganzen und einzelnen. — Rußland. — Russische Kostbarkeiten. Das Gebiet des Sternenbanners verlassend, leuchte- uns plötzlich goldig das Wort „Deutschland" entgegen: über einem die obere Wandfläche eines Art Ehrenhofes; einnehmenden großen Mosaikgemäldes von Max Koch, die Beschützung des Kunstgewerbes durch den Frieden darstellend. Zwei breite Treppen, die flankiert werden vorn den auf hohen Postamenten stehenden Reiter-Hevolderr Maisons, führen zu den Räumen des ersten Stockwerkes, unten wölbt sich ein in reichster dekorativer Weise ausgestatteter Durchgang, der den Blick ermöglicht auf die farbenfröhliche Ausstellung der Berliner Königl. Porzellanmanufaktur, während rechts und links sowie seitlich des Durchganges Zimmereinrichtungen sich befinden. In der Mitte des Saales erhebt sich auf einem Felseüaufbau eine ebenso! kunstfertige wie ausdrucksvolle von Professor Fritz Hans-- mann stammende und von Gebrüder Armbruster in Frankfurt a. M. in Eisen geschmiedete Gruppe: em stolzer Adler einen Lindwurm bezwingend, vier aus dem deutschen Reichs- tagsbau stammende erzgegossene Kaiser-Standbilder (Ru- . dolf von Habsburg, Maximilian, Otto I. und ^emrid) L), | Palmen- und Lorbeerbüsche, Ruhesitze re. vervollständigen die Ausschmückung des Raumes, der von großem und hoheitsvollem Eindruck ist und dem reichen Können Professor Hoffackers, der ihn entworfen, ein neues, glänzendes Zeugnis ausstellt. Was das deutsche Kunstgewerbe zu leisten weis;, er» sehen wir sofort aus zwei im Lichthofe aufgestellten, nach den Entwürfen des Professors Götz in Karlsruhe ausge- I führten prächtigen Kunstschreinen, von denen der eine von! | den badischen Städten und Gemeinden zum Regievungs- jubiläum des Großherzogs gewidmet, der andere Rudolf von Bennigsen zum 70. Geburtstage von seinen Partei- I freunden dargebracht wurde, beides Werke von künstlerischer, meisterhafter Arbeit, die vielbewundert werden. In I der Mitte des Raumes erhebt sich die schöne Bronzegruppe I von Professor h. Volz in Karlsruhe, die Großherzog Frred- I rich von Baden als Lenker seines Staatsschiffes zum Aus- I drucke bringt. . Links und rechts erhalten wir mustergiltige Proben der! deutschen Kunsttischlerei, die mit diesen Stücken sich ben, I besten französischen Leistungen aller Zeiten auf dem I gleichen Gebiet ebenbürtig erweist. Es sind Möbel aus I dem Besitze des deutschen Kaisers und aus An- | regung desselben entstanden, um diesem Industriezweige, I hohe und würdige Aufgaben zu stellen, bestimmt, einige I Zimmer des Berliner Schlosses zu füllen. Ein in Flo- I rida-Zedernholz ausgeführtes Kabinett, dessen Holzbeklei- I düng allein 40 000 Mark Auslagen verursachte, enthalt I u. a. ein großes Bett mit vom Berliner Lette-Berein her- I gestellter reichgestickter Seidendecke, Toilettenschrank, Stutz^ I uhr, Kommode rc., in enger Nachbarschaft gesellen sich dazu Schreibtisch, Bibliothekschrank, Marmor-Kamm mit I Bronze-Vorsätzen und Bronze-Armleuchtern sowie Spiegel, I Salon-Garnitur rc. Meist gelangte Zedernholz mit reich- I ster Gold-Bronze-Verzierung zur Verwendung, stets m I glücklicher, harmonischer Vereinigung, bei allem Prunk I immer erlesenen Geschmack und nirgends ein störendess I Uebermaß des Reichtums zeigend. Julius Zwiener irr I Berlin entwarf und führte die Möbel aus unter thätlger I Mithilfe des Ziseleurs O. Rohloff und des Bildhauers I C. Taubert, nicht nur in derselben kunstfertigen Weise, I wie sie bisher nur in Paris für möglich gehalten wurde, I sondern auch zu den gleichen französischen Preisen. Mit liebevoller Teilnahme verfolgte der Kaiser den Fortschritt I der Arbeiten, die er vor ihrer Absendung nach Paris em» I gehend besichtigte, wobei alle, die mitgeholfen, Künstler?, I Meister, Gesellen und Lehrlinge zugegen sein mußten und | den wärmsten Kaiserlichen Dank ernteten; hierbei I äußerte der Herrscher aus vollem Herzen: „Wenn doch I nur mein Vater die Freude erlebt hätte, da ft I diese Sachen jetzt auch bei uns so vollendet I gemacht werden !" — Nicht minder verdienen lebhafte I Hervorhebung ein von O. B. Friedrich in Dresden stam- I mender, mit reichen Intarsien in Elfenbein und S?albebel» I steinen geschmückter Kunstschrank in Ebenholz und em Coen- I holz-Salontisch mit gravierten Elfenbeineinlagen im öttl I der italienischen Renaissance. 3 . Wie erwähnt, liegen seitlich des Lichthofes unter dew I oberen Gallerten verschiedene Zimmer, die die deutsch« I öbeltiickilerei und Dekorationskunst vertreten. Ocht I putsch und anheünelnd wirkt das in der kiinstgewerblichew worden sein, daß kriegerische Verwickelungen, die diesem I Gebiet Mtspringen könnten, vor der Hand nicht zu be- I fürchten sind. Indessen ist zu berücksichtigen, daß die bri- I tischen Interessen auf diesem Gebiete, sowohl was die I Ausdehnung des Handels als die Zahl der in China au- I sässigen Staatsangehörigen angeht, so sehr die der andern I Mächte überwiegen, daß der Anspruch Englands, daraus I auch eine politische Sonderstellung abzuleiten, nicht un- I berechtigt erscheint. In Bezug auf die unmittelbaren Land- I iineressen sind alle Mächte, die sich Stützpunkte in China I gesichert haben, mehr oder weniger dort politisch gebunden, I in erster Linie aber die unmittelbaren Nachbarn des Reiches I der Mitte, im Norden und Osten Rußland und Japan und I im Süden mit ihren Kolonialgebieten Frankreich und Eng- I land. Da die jetzigen Wirren hauptsächlich den Norden I berühren, so ist nicht zu bestreiten, daß nach diesen vor- I nehmlich politischen Rücksichten Rußland und Japan I von ihnen zunächst berührt werden. Rußland und Japan I aber.sind natürliche Widersacher in Ostasien. Japan, I das kleine Jnselreich, sucht nicht nur für seine aufstrebende I Industrie, sondern auch für seinen Menschenüberschuß ge- I eignete Absatzgebiete. Ein solches glauben die Japaner! I seit Jahrhunderten in dem benachbarten Korea gefunden« zu haben, und kaum haben sie mit China erfolgreich um die Vorherrschaft auf dieser Halbinsel gerungen, so tritt ihnen dort Rußland in den Weg. Der Schwerpunkt Rußlands aber ist in den letzten Jahren, seit es sich in Liaotung den Zugang zur See erzwungen hat, erheblich nach Osten verschoben worden, und wenn erst in einigen Jahren der gewaltigste Schienenweg der Erde, die Bahn Peters- | burg-Wladiwostock, den Einfluß seines Betriebes offen- ' baren wird, so wird Rußland politisch der mächtigste Staat in Ostasien sein. Auch in dieser Gegnerschaft zwischen Rußland und Japan liegt eine unheimliche Masse o ft» I asiatischen Zündstoffes angehäuft, aber die Masse ist fio groß, und wenn sie Feuer singe, würde die Wirkung so furchtbar fein, daß eben darin eine gewisse Gewähr liegt, daß beide Mächte ihr mit der Brandfackel fern bleiben. Der Widerstreit zwischen Rußland und Japan spiegelt sich auch in ihrer verschiedenartigen Anschauung von der Entwickelung der Dinge in China wider. Rußland möchte, einmal weil ihm sein Teil der Beute wegen der unmittelbaren Nachbarschaft nicht entgehen kann und weil er um so ergiebiger ausfallen muß, je breiter ferne Berührungsflächen mit der Zeit werden, dann aber auch, weil nach I Ansicht genauer Kenner überstürzte Reformen alles ge» I fährden können, das bestehende System in China beibe- I halten, während Japan in noch von der eigenen'Arbeit I warmem Kultureifer und weil es sich davon großem Anteil und Einfluß verspricht, China baldigst von Grund aus I iiad} feinem Muster umgestalten und mit den Segnungen I der westlichen Kultur beglücken möchte. Vielleicht spielt I dabei auch die politische Spekulation eine Rolle, daß ein I ähnlich wie Japan militärisch und wirtschaftlich erstarktes I China Schulter an Schulter mit dem Jnselreich ganz Europa die Spitze bieten könnte. Es ist die schon auf dem I Schlachtfelde von Königgrätz besiegelte Idee Bismarcks von I einem Bunde zwischen Preußen und Oesterreich auf afia» I tischen Boden übertragen. Während England in der Frage I der chinesischen Reformen, wohl mehr, weil auch seine politischen, gegen Rußland gerichteten Interessen ihm | diesen Platz anweisen, als aus Ueberzeugung dazu neigt, I sich auf die Seite Japans zu stellen, scheinen die übrigen I Mächte der Ansicht zu sein, daß sowohl behufs Wahrung I ihrer eigenen wie der Interessen Chinas an das Reform- I werk nur mit größter Vorsicht und Besonnenheit heran- I getreten werden darf. Bekanntlich ist der Kaiser Kuangsü ein eifriger Be- I fürroorter des schnellen und gründlichen Reformwerks. I Unter dem Einflüsse seines Freundes und Beraters Kan- I gyuwei folgte vom Mai bis September 1898 ein kaiser- I lick)er Erlaß dem andern, sodaß nicht nur den verknöcherten I Mandarinen, sondern auch einsichtsvollen Chinesen und I Fremden sich ob solches Reformeifers die Haare sträubten. I Da sollte in den Schulen und bei den Staatsprüfungen I plötzlich das Wissen des Westens eingeführt, die Armee I nach abendländischem Muster reorganisiert werden u. s. w. I u. s. w. Da kam aber die alte Kaiserin und knebelte nut I ihrem 'eisernen Willen den jungen Reformator. Ihr ist es, I wie wir bereits mehrfach ausgeführt haben, darum zu I thun, die „fremden Teufel", die ihr in der letzten Zeit I wieder einmal lästig geworden sind, außer Landes zu I treiben. Am liebsten hätte sie schon längst die Gesandten I der Mächte zu sich beschieden, um mit ihnen ein ernstes I Wort zu reden. Da es aber den chinesischen Frauen nicht I gestattet ist, sich nichtchinesischen Männern zu zeigen, so I soll sie deren Gattinnen gezwungen haben, vor ihr den Kotau izu machen, d. h. sich in den Staub zu werfen! Zum I Beweise dessen, was alles im Bereiche chinesischer Möglich- I feiten liegt, diene die Mitteilung der Thatsache, daß die I chinesische Regierung nach Beendigung des Krieges mit I Japan ausstreuen ließ, der Kaiser habe seine V a - ! fallen Rußland, Deutschland und Frankreich Zur Lage in China. Die Wirren in China sind an einem Punkte anaelangt, I rvo ein Rückblick auf die Lage das Verständnis Der Er- I seiden als die Unruhen Peking selbst und Petschili Mit oben, die einzige Küstenprovinz, die bis setzt von tiner Macht in ihren Interessenbereich embezogen worben' t -Dieser Jnteresjenkreis, die „Interessensphäre , ist eins itt vielgebrauchten Schlagwörter der mobernen Politik in China, aber das Wort ist leichter gesprochen als der HMiff definiert. Die sogenannten ^nteressen- 18l, är cn die die einzelnen Mächte sich mit einem kühnen »nreUun auf der Landkarte aus dem Koloß der Mitte irausgeschuitteu haben, werden von der chinesisch-n Re- «ikriuna nicht anerkannt und haben vorderhand nur die k-doutung von Fingerzeigen, die angebeu, daß die „in- Mfierte" Macht Eingriffe einer andern in das von ihr kieirfmete Gebiet Übel vermerken wurde Als solche ^u- ineifensphären sind bis jetzt, von Norden nach. Süden lilÄnet die folgenden Gebiete bezeichnet worden, Irrsten Norden in der Mandschurei, mit dem Stutzpunkt i fflaotung und Port Arthur, liegt Rußlands Juteressen- -Mra.ee Daran reiht sich nach Süden die noch nnbean, suchte hauptstädtische Provinz Tschili; eS folgt Deut ch- liiids Interessenbereich auf der weit nach Offen bor- tliimenben Halbinsel Schantuug. England das sich, dort T Weihaiwei festgesetzt hat, hat Deutschland die ausdruck- Erklärung abgegeben, daß es tn dessen ltnieressen. rheidi in Schantung nicht übergreisen werde. Das Yaugtse- i„rf”?.nr n(fem die Provinz Kiangsu, betrachtet England seine Jntereffenfphäre; auf die südlich daran schließende 1ov7nz Tschekiang hat Italien ein Ange geworfen Das japanischen Insel Fornwsa gegenüber gelegene Fokien «kort mm Interessenbereich der Japaner und die Sud- Ävin;en Kwantung, Kwangsi und die Binnenprovinz Annan beansprmht Frankreich, dem jedoch England sowohl -svantuna als bas »interlanb von Hongkong wie auch -Mna^ als bas Grenzland von Birma streitig mach Größere praktische Bedeutung als die ^.nteres)en- -ivbä^i die gewissermaßen nur Zukunftsver)cherungen j f volitischet, Brandschaden darstellen, haben die realem ? tischen und politischen Inter- Usrn der^Mächte. Die ersteren, auf wirtschaftlichem Ge- : *'* eiLiL^MPn^ntereh'eiL bei denen Deutschland an Dick geleg L und deren Entwickelungsmöglich- ' so.-»» bieler Richtung Nordamerika vor einiger Zeit ge- »chh^t soll zwar bek Rußland auf Bedenken und Aus- MHte^ gestoßen, im allgemeinen aber derart beantwortet SKK it«. | Auf einer Treppe, die als Geländer dinen von Pro- I fessor G. Riegelmann-Charlottenburg stammenden holzgeschnitzten Jagdfries aufweist, während die Wandflächen I große handgewebte Teppiche der Krefelder Teppich-Fabrik I als Schmuck erhalten haben, und die Glasgemälde der I Fenster von C. Engelbrecht-Hamburg herrühren, gelangt I man zu dem oberen Stockwerk, dessen Galerien um den I Lichthof führen. Hier treffen wir noch auf verschiedene I Zimmereinrichtungen, so zunächst auf den von Professor I H- Götz entworfenen stimmungsvollen Trausaal (für die | standesamtlichen Verbindungen) des Rathauses zu Karls- I ruhe, das eigenartige, hell gehaltene Empfangszimmer der I Künstler-Kolonie in Darmstadt und das freund- I liche Musikzimmer von Carl Spindler in St. Leonhardt I (Elsaß) mit eingelegten Paneelen und Möbeln aus Natur- I holz. Zwei Cojen, deren Rückwände mit heimatlichen Winter- I landschaften bemalt sind, haben die Sonneberger und »Nürnberger Spielwaren-Fabriken mit ganz I reizenden, fich als wirkungsreiches Ganzes gebenden Kol- I lektiv - Ausstellungen eingenommen; hellen Kinderjubel I hört man hier häufig, aber auch die Erwachsenen halten nicht mit ihrer Freude zurück, und betrübt gestehen die Pariser Zeitungen ein, daß diese beiden Ausstellungen das Geschickteste und Hübscheste sind, was man sich denken kann, und daß hiervon die Franzosen viel zu lernen vermögen. Andere Cojen statteten E. Hulbe-Hamburg mit gepunzten Ledersachen, I. P. Kayser und Sohn-Krefeld mit ihren Zinn-, Bruckmann und Söhne-Heilbronn mit Bronze- und Eisengußwaren, darunter einen die deutsche Musik verherrlichenden, prächtigen Zimmerbrunnen, und F. H. Schmitz-Köln mit trefflichen Bronze- und Zinngeräten aus. ! Würdig besteht die deutsche Gold - und Silber- schm i e d e k u n st; verfügt sie auch bei weitem nicht über ein so kostbares Material, wie es bei den französischen^ Juwelieren der Fall ist, die einen viel reicheren und internationaleren Kaufmarkt besitzen, so bemüht sie sich dafür, die Erftndung neuer Formen, in sorgsam-liebevoller Arbeit, in vornehmen Zusammenstellungen der Edelmetalle und Erzielung schöner Farbenwirkungen das Beste zu lie- fern und zwar, unter Wahrung des Modernen und Gefälligen, in möglichst nationalem Stil. Mit prunkenden Ehrengeschenken paradiert München, Schmucksachen jeder Art und meist zu auffallend mäßigen Preisen enthält die Sammelausstellung der Pforzheimer Bijouterie-Industrie, umfassende Verwendung des Silbers zeigt uns) die Kollektivausstellung der E d e l m e t a l l i n d u st r i e Schwäbisch-Gmünd, eine Fülle meisterhafter Leistungen weist die Ausstellung der Königl. Zeichen-Akademie in Hanau a. M. auf. Aus den großen Städten, wie Berlin, München, Dresden, Stuttgart, D a r m st a d t, Karlsruhe, Köln, Frankfurt a. M. rc. haben die tüchtigsten Juweliere und Goldschmiede ihre Schätze gesandt (darunter auch das Wasmuth'sche Salta-Brettspiel, bestehend aus einem Spieltisch mit 30 aus Edelsteinen und Gold hergestellten Spielfteinen im Werte von 150 000 Francs), und erfreuen sich warmer Anerkennung. Leider sind die Kojen, in denen diese Arbeiten ausgestellt sind, etwas eng; auf kleinem Rauin wurde zuviel vereint, sodaß oft das eine das andere beeinträchtigt und eine erwünschte Ueber- sichtlichkeit fehlt. 9kur ein kleiner Teil der deutschen Aussteller konnte in Vorstehendem erwähnt werden, es wird dabei schon genug der Namen für die Leser sein, aber aus den Bezeichnungen kann man ersehen, daß alle Provinzen und' Länder des deutschen Reichs sich an dex^ Ausstellung beteiligt, mit gewijsenhaftem Streben, mit rastlosem Fleiß, hoffentlich auch mit dem ersehnten. Erfolg! In unmittelbarer Nähe der deutschen Abteilung ist, außerhalb des Palastes, ein kapellenartiger Bau errichtet! worden, in dem die deutsche Kirchenkunst und die Waren jener Aussteller, die nicht auf kunstgewerblichem Gebiet thätig sind. Unterkunft finden sollen. Wohlgemerkt: sollen! denn vorläufig sind noch die Thore gefchlossen und im Fachschule des Direktors Sauermann in Flensburg hergestellte niederdeutsche Zimmer mit seinen dunklen Holztäfelungen, dem behaglichen Fenstersitz, dem Kamin mit seinen farbigen Majolika-Fliesen, den reichgeschnitzten Wandschränken mit Haussprüchen und Beziehungen, auf das Eheglück, der ganzen gemütswarmen Einrichtung. Der „altdeutsche" Stil, wie ihn dieses Gemach vertritt, ist ja vielfach aus Unseren Wohnrüumen wieder verdrängt worden, und die schweren altväterlichen Möbel werden durch leicht- gesormte, hell gehaltene ersetzt. Nun, über den Geschmack ist nicht zu streiten, für viele bedeutet das „NLoderne" ja auch stets das Gute und sie sehen das „Alte" als überwunden an; aber ich glaube, daß man sich dock) zehnmal' heimischer fühlt in solch einem niederdeutschen Gemach als. wie in den benachbarten Münchener Zimmern mit ihren übermodernen, absichtlich eckig geformten, steifen Möbeln und den gesucht originellen Wanddekorationen. Auszunehmen ist das von R. Riemerschmied in München herrührende sehr wirksame Zimmer eines Kunstfreundes mit mannigfaltigster und sich doch hübsch zusammenfügender kunstgewerblicher Ausstattung und der Prunksaal von Professor Eman. Seidl. Sehr vornehme Einrichtungen von elegant- kunstlerischem Geschmack stellten H. Pallemburg in Köln, Schneider & Hanau in Frankfurt a. M., I. Buhten & Söhnei in Düsseldorf, sowie Max Bodenheim in Berlin aus, wobei ich erwähnen möchte, daß einem das Anführen von Namen sehr erschwert wird, denn jetzt, sieben Wochen nach Eröffnung der Ausstellung, forscht man noch oft vergeblich nach den nötigsten Angaben über Aussteller und Ausstellungs-Gegenstände ! Einen breiten Raum beanspruchte dieBerlinerKö- Porzellanmanufaktur, deren umfangreiche Ausstellung in überraschend schöner Weise die hintere Wand der deutschen Abteilung abschließt, derart, daß von j dem oben erwähnten Durchgänge die Blicke sofort auf ein von Professor Kips stammendes, halbkreisförmiges, aus über tausend Einzelteilen zusammengesetztes Porzellangemälde fallen, das in farbenfreudiger Darstellung das Streben nach dem Idealen versinnbildlicht, künstlerisch wie technisch eine Arbeit ersten Ranges. Das Gleiche darf von dem unten vor dem Gemälde aufgebauten, etwa drei I Meter hohen, zwei Meter breiten und fast acht Meter, langen Brunnen gesagt werden, der in prachtvoller Modellierung eme mächtige, von Nereiden und Tritonen getragene Muschel zeigt, über der eine auf einem Adler I Utende und auf einem Muschelhorn blasende Putte thront, I wahrend die Reliefs rechts und links allerhand Meeres- I bewohner zeigen, die auf die aus der Muschel der Putte sich ergießenden Wassermassen schauen. Nach vielen Hunderten zählen die übrigen Gegenstände der Manufaktur, I Achter ihnen zwei gewaltige Vasen mit herrlichem dekora- I tivem Beiwerk, dann kleinere Gerätschaften mit Verschmelz- I ung öon Goldbronze und Ziselierungen. Im gleick)en Saal I ijt sehr vorteilhaft bie Privat-Porzellanfabrikation ver- treteii ne&en einer schönen Sonderausstellung der K ö n i q - I lich Bayrischen Porzellanmanufaktur Nym - I phenburg. Einen Seitenraum füllt die Königl. Sächsische Porzellan Manufaktur in Meißen aus; hier I tritt uns das Roccoco entgegen in all seinen graziösen I Gestaltungen, durch anmutige Gruppen verkörpert wie I durch Tafel- und Salondekorationen, daneben fehlts nicht I au. andern stilisierten Sachen rc. von farbig reizvoller I Wirkung. Freudige Ueberraschung bereitet die benachbarte I Ausstellung von Franz Ant. Mehlem in Bonn, die nur Porzellan-Kunstwerke ersten Ranges birgt, die es an Ge- I schwach Schönheit und sorgsamer Ausführung mit den I besten Arbeiten der Königlichen Manufakturen aushalten. Das Ganze stellt den Flur einer vornehmen Villa dar, um I Zu zeigen, zu welch' vielseitigen dekorativen Zwecken das I Porzellan verwendet werden kann: Vasen, Jardinieren, I Uhren, Beleuchtungskörper, Büsten, Schmuckgefäße mit auf- I liegenden Emails, Nippes, all das, in gewählter Aus-I ftellung, ist von seltenem Reiz und einer wunderbaren I Farbentönung. ^nnern herrscht ein arges Durcheinander. Angenehm rührt dies gerade nicht, und etwas mehr Emsigkeit bäv- man wohl erwarten dürfen; mit der berühmten deutsch^ „Fixigkeit" hat es sowieso an manchen Stellen retbt / hapert, leider, leider! ' Hinter Deutschland stoßen wir auf Rußland ba» einen beträchtlichen Raum einnimmt und auch hier' in seiner schon geschilderten asiatischen Abteilung bestrebt ist, sich Geltung zu verschaffen, was ihm sichtlich aelinat Eine Fülle schöner Möbel, Glas- und Porzellan-Waren Silber- und Emaille-Arbeiten, Bronzen (darunter die be' wunderswerten kleinen Einzelfiguren und Gruppen aus dem Soldaten- und Volksleben) rc. ist zur Schau gestellt und in der kirchlichen Kunst zeigt sich der Glanz und Prunk der byzantinischen Ueberlieferungen in all seiner buntfarbigen Pracht. Von überraschender Großartigkeit jedoch sind die Ausstellungen der Petersburger und Moskauer Juweliere die Schmuckstücke in des Wortes wahrster Bedeutung lieferten, von enorm künstlerischer, vornehmer Arbeit und erstaunlicher Kostbarkeit. Da sieht man u. a. die brillantenschimmernden kleinen Nachbildungen der russischen Kroninsignien, ferner über zwanzig Ostexeier aus dem Besin der jetzigen Kaiserin und der Kaiserin-Witwe von Rußland alles Meisterstücke der Juwelier- und Goldschmiedekunsl' ein freundlicher Brauch ist es nämlich, daß der Zar Ostern seiner Gemahlin ein solches Ei schenkt mit irgend einer Erinnerung au ein frohes Ereignis sdes letzten Jahres. So finden wir hier ein Jaspis-Ei, auf das vollendetste verziert mit Gold und Diamanten, im weißseidenen Innern enthält es ein goldenes Miniatur-Kriegsschiff — jene: Schiff, auf welck>em der jetzige Zar seine Reise um die Erde zurückgelegt, und das Ei schenkte Alexander III. seiner Gemahlin in dem Jahre der Rückkehr ihres Sohnes von seiner weiten Fahrt. Ein anderes Ei aus massivem Gold mit Rosa-Emaille und einem Diamanten-Gespinnst birgt die Nachbildung des Galawagens, in welchem die gegen wärtige Kaiserin zur Krönung gefahren, wieder ein anderes aus diamantenen Pompadour-Ornamenten ruht auf einem Büschel aus Gold und Perlen gebildeter Maiglöckchen und zeigt, wenn man auf einen Diamantkopf drückt, die auf Elfenbein gemalten Bildchen des Kaisers und seiner Töchterchen, überragt von einer zierlichen Diamantkrone. Und all diese Wunder haben die Größe von Hühnereiern. Nebenan, in einer blausammetnen, baldachinartigen Umrahmung, erblickt man die vom Zaren der Stadt Paris gewidmete, etwa einen Quadratmeter große Karte von Frankreich, deren einzelne Provinzen aus verschiedenen polierten edlen Mineralien bestehen, während die hauptsächlichsten Städte durch Diamanten, deren Größe sich nach der Bedeutung der Orte richtet, die Flüsse gleichfalls durch Diamantstreifen mit goldenen Bezeichnungen vertreten sind — ein sehr kostbares und sehr originelles Geschenk, der französischen Eitelkeit ungemein schmeichelnd. Im ersten Stockwerk ist noch eine bedeutsame Ausstellung der russischen kunstgewerblichen Unterrichts-Anstalten, der Holz- und Papier- wie Spielwaren-Jndustrien rc. untergebracht, die viel neues und beachtenswertes enthält. Dann die oberen Gallerten zurückwandernd, treffen wir auf die hübschen und lehrreichen Sonderausstellungen von Schweden und Norwegen (mit den mannigfachen Erzeugnissen der Hausindustrien), von Spanien, das sich nur wenig beteiligt hat und in seinen kunstgewerblichen Darbietungen die Verherrlichung der Heiligen und der — Stierkämpfer zu Vereinen weiß, schließlich noch auf jene von Holland mit reichen Sammlungen Delfter Porzellanen. Und dann--dann ist man ^oh, wenn man hinaustritt in die frische Lust und wenn die müden Augen sich erquicken können im munteren, weck)selvollen Leben und Treiben, denn solch eine stundenlange Wanderung von einem Saal zum andern, gewiß, sie ist interessant und lehrreich, aber anstrengend, o, anstrengend ist sie auch!-- 9Bottia00, Mittwochs u. Freitags, von morgens 9 Uhr ab 4131 frischen Zwiebellmchen. Wtth.Amend,Schuhofstr.62 GOeysbngkl Sützrahmbnter Pfd. 1,10 5J la. Landbutter zum Eiukocheu io Pfd. 8 Mk., lst.EmmujhalttSchrvkikerkas empfiehlt 4178 Hch. 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