Nr. 188 Erstes Blatt.______Dienstag den 14 August 1900 Gießener Anzeiger Wu» luiU*B »r-«eu Lazeigen für bra «Keßcner Anzeiger entgcye, Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., anSwLrt- 2Ö Pf,. DfcctdjANcl. Mk IM -onaUich 65 PfG. v« Pogbezug VN. 2,40 ütertrliflK mit vcstellge». ■•■•Mb« »•« RNchei^en zu der e«<6mtttag4 für fr* {■igribra Sag «rfcheinenben Nummer Hf wrm. 10 tftr. ■Hilmyi iMtcOeni **M -rder. Mk Mpedttton und Dru^eret: IchMtOr.ße Nr. 7. Gratisbeilage«: Gießener Familienblättrr, Der hestWe Kaudwirt, Ktätter für hessische UoldsKande. lb«€« für Depesche«: Amzetger Gießm. Kernsprecher Nr. 6L Amtlicher Teil. Bekanntmachung. Betr.: Feldbereinigung in der Gemarkung Daubringen. In der Zeit vom Gamstag dem 18. Angnft l. I. bis einschließlich Freitag dem 31. August l. I. liegen auf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Daubringen die Arbeiten des 3. Abschnitts vom 1. Felde rubr. Feldbereinigung, nämlich: 1. drei Zuteilungskarten, 2. ein Verzeichnis der Zuteilung, 3. ein Gütergeschoß, 4. eine Zusammenstellung der Gütergeschoffe, 5. ein Heft Geldausgleichung über zu viel oder zu wenig erhaltenes Gelände, 6. zwei Hefte Abschätzungsverzeichnisse der Obstbäume, 7. ein Heft GeldauSgleichungSverzeichnis über den Zuviel, oder Zuwenig-Empfang an Obstbaumwert, 8. das Protokollbuch 3ur Einsicht der Beteiligten offen. Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungen hiergegen findet statt Montag, 3. September 1900, vormittags OV^—IO1/* Uhr, im Amtszimmer der Orotzherzogl. Bürgermeisterei Daubringen, wozu ich die Beteiligten unter dem Anfügen einlade, daß die Nichterscheinenden mit Einwendungen ausgeschloffen sind. Die Einwendungen sind schriftlich abzufassen, zu begründen und aus Papier in Aktengröße (mindestens i/i Bogen) einzureichen. Friedberg, den 10. August 1900. Der Großherzogliche Bereinigungskommissär. S ü f f e r t, Regierungsrat. Gesunden: 2 Portemonnaies mit Inhalt, 1 goldene Brosche, 1 goldenes Halskettchen, 2 Schirme und 1 Schuh. Verloren: 1 Brillantring, 1 silberne Taschenuhr und 1 goldener Ring. Gießen, den 11. August 1900. Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Politische Wochenschau. Innere und äußere Politik erscheinen in der gegenwärtigen Situation aus dem Weltentheater, soweit die Rolle Deutschlands auf diesem reicht, nahezu verschmolzen. Man lann jetzt, wo tiefste sommerliche Stille über dem Gebiete der eigentlichen innerpolitischen Angelegenheiten lagert und die leitenden Männer der inneren Ressorts sich zum Teil noch in den Bädern und Sommerstischen für die allmälig näher heranrückende parlamentarische Campagne und deren Vorbereitungen stärken oder jenseits der Grenzen im Russenlande, unbekümmert um die hohe Politik, Güterinspektionen vornehmen, kaum eine der schwebenden Tagesfragen spezifisch deutschen Interesses erörtern, ohne Inland und Ausland miteinander zu verquicken, und das könnte fast beweisen, daß wir uns bereits mitten in der viel und mit Recht bedenklich beurteilten Weltpolitik befinden. Die Ernennung >deS Grafen Waldersee zum Oberbefehlshaber in China beispielsweise ist so ein JanuSding; denn die nun wohl zweifellos feststehende Thatsache, daß Deutschland die Führung in Ostasien Übernimmt, hat seine zwei Seiten, die nach innen und außen gleich ernste Betrachtungen Hervorrufen. Für das deutsche Nationalgefühl ist cs ohne Zweifel ein schmeichelhaftes Bewußtsein, einen deutschen General an die Spitze einer internationalen Truppenmacht gestellt zu sehen, und auch zur Beruhigung der Angehörigen der nach Ostasien gesandten Soldaten muß es dienen, zu wiffen, daß an der Spitze der kriegerischen Operationen ein Mann steht, der als Soldat wohl erprobt ist, als Führer und Stratege von ganz Europa anerkannt wird und diploma- tisches Talent genug besitzt, um allen Reibungen unter den internationalen Befehlshabern entgegenzuwirken und ein einiges Zusammengehen zu sichern. Die Kehrseite der Sache aber liegt in der Gefahr, daß der Uebergang des Oberkommandos in deutsche Hände Deutschland immer stärker in Ostasien engagiert und leicht zur Ausrüstung neuer Expeditionstruppen nötigen kann, die überdies schon im Stadium der Vorerwägung zu stehen scheint. Da hierzu aber die disponiblen Mittel kaum ausreichen würden, wäre die Notwendigkeit gegeben, an den Reichstag zu appellieren, und es läge dann allerdings die Möglichkeit nahe, daß das Engagement Deutschlands in Ostasien einer Kritik unterzogen würde, die gerade im gegenwärtigen Zeitpunkte der Regierung doppelt unerwünscht sein müßte. DaS ist wohl auch der Grund, warum die leitenden und verantwortlichen Kreise sich bisher einer Einberufung der Volksvertretung ablehnend gegenüber verhalten. Die Rolle einer Vormacht, in die Deutschland gewiffermaßen in Ostasien hineingedrängt wird, dürfte kaum sonderlich viel Vorteile für die deutsche Politik bringen, um so größer aber sind die Gefahren, die in ihr liegen. Wenn auch anzunehmen ist, daß daS Feld- herrntalent eines Waldersee allen Schwierigkeiten zu begegnen wiffen wird, ist es doch ein hohes Maß von Verantwortung, daS ihm und denjenigen, die ihn entsandten, zufällt, denn jeder Fehlschlag würde angesichts der nie schwindenden Eifersucht der Mächte der deutschen Führung aufs Konto gesetzt werden, und die von altersher vorhandene Neigung der Diplomatie, mit der Feder zu durchkreuzen, waS das Schwert errungen, könnte auch hier, was wir ja nicht hoffen wollen, unter Umständen zu bedenklichen Konsequenzen führen. Einen JanuSkopf trägt, um bei dem Bilde zu bleiben, auch die am Ende der Woche ziemlich bestimmt aufgetretene Meldung, daß sich die deutsche Regierung thatsächlich mit der Absicht trägt, eine regelrechte Kolonialtruppe zu organisieren, die nicht nur in den afrikanischen Kolonien an Stelle der Schutztruppen treten, sondern auch in Kiautschou, das nach Beendigung der Wirren aus dem „Pachtverhältnis" in den definitiven Besitz Deutschlands übergehen soll, die aus dem 3. Seebataillon bestehende Marinebesatzung ablösen soll. Die mancherlei Erörterungen in der Presse haben also ihren Zweck erfüllt, und man muß gestehen, die Regierung hat, wenn sich die an sich nicht unglaubwürdige Nachricht bestätigt, den geeignetsten Zeitpunkt zu dem Versuche gewählt, eine derartige Institution zu schaffen. Allerdings wird sie noch schwere Kämpfe zu bestehen haben, bevor sie ihren Plan durchsetzen kann, denn nicht allein die immerhin beträchtlichen finanziellen Anforderungen, die eine solche Truppe stellen würde, sind es, die große Bedenken erregen müssen, sondern auch die Bahn der Weltpolitik, die Deutschland damit endgiltig beschreiben würde, eine Bahn, deren Schlüpfrigkeiten und Fährniffen die an Erfahrungen noch wenig reiche, von bureaukratischen Feffeln umschlungene deutsche Kolonialpolitik durchaus nicht gewachsen ist, wenn Deutschlands auswärtige Politik auch sonst in guten Händen ruht. Die sozialdemokratische Partei hat im Lause vergangener Woche einen erheblichen Verlust erlitten durch das Hinscheiden ihres Führers Liebknecht, das trotz des hohen Alters des Verstorbenen ganz unerwartet in Char- lottenburg erfolgte. Die Sozialdemokratie verliert in ihm einen ihrer charakteristischsten Vertreter, einen starren Fanatiker des Marxistischen Dogmas, deffen Charakterfestigkeit auch seinen Gegnern Achtung abnötigte, der aber in den letzten Jahren von diesen doch kaum noch ernst genommen werden konnte. Liebknecht vermochte es nicht, die wesentlich veränderten Verhältnisse, unter denen die Sozialdemokratie in der neueren Zeit ihren Ideen den Boden zu bereiten hat, auf sich Einfluß gewinnen zu lassen, und er geriet im politischen Kampfe allmählig mehr ins Hintertreffen, und nur das hohe Ansehen, das er in seiner Partei genoß, bewahrte ihm äußerlich noch die Stellung im Rate der Partei. Das Ausland brachte in dieser Woche wenig Abwechselung in das Weltgetriebe. Im fernen China hat, das ist wohl das Wichtigste, der Vormarsch aus Peking thatsächlich begonnen, und zu heftigen Kämpfen geführt, die, wenn sie auch reich an Verlusten für die internationalen Truppen waren, doch bisher von Erfolgen begleitet worden sind. Die blutigen Gefechte bei Peitsang und Iangtsun lassen erkennen, daß der Widerstand der Chinesen erneut im Wachsen begriffen ist, und es wird, wenn nicht plötzlich wieder Entmutigung die gelben Horden überfällt, noch manches Opfer an Menschenleben gebracht werden müssen, ehe die Verbündeten in Peking einziehen, und die Gesandten, die noch am Leben zu sein scheinen, endlich aus ihrer fürchterlichen Lage befreien können. Auch das Kriegsspiel in Südafrika dauert fort, und keineswegs zum Vorteil der Engländer, wie man sagen muß. Trotz der mancherlei Kapitulationen, die in den letzten Tagen gemeldet wurden, und trotz der zahlreichen englischen Kolonnen, die nördlich von Prätoria operieren, sind die Buren bis unmittelbar vor Prätoria gedrungen, um einen Handstreich gegen Lord Roberts zu führen, der leider durch Verrat vereitelt zu sein scheint. Aber die Thatsache an sich, daß es ihnen überhaupt möglich war, so weit in die Nähe des englischen Hauptquartiers zu gelangen, besagt hinreichend deutlich, daß eS noch weit hin ist bis zur end- gütigen Pacifizierung Transvaals, und daß die Engländer noch tüchtig löffeln müssen, ehe sie die Suppe ausgegessen haben, die sie sich selbst einbrockten. König Humbert von Italien ist nun auch zu seiner letzten Ruhestätte getragen worden, und ruht an der Seite seines Vaters, des Einigers Italiens, im Pantheon zu Rom. Viktor Emanuel III. wird jetzt durch die Thar zu beweisen haben, daß er dem Borbilde seines so jäh dahingeschiedenen Vaters nachzueifern gewillt ist, und er kann das in der Ueberzeugung thun, daß die alten Sympathien, die in Deutschland von jeher für Italien vorhanden waren, ihm zur Seite stehen werden. Die LtebeSaffaire des Königs von Serbien hat mit der Erhebung der Draga Maschin zur Königin ihren Abschluß gesunden. Wenn etwas aussöhnen kann mit dem Vorgehen Alexander'-, dann ist es die zweifache Amnestie, die er den Opfern Milan'S, den Radikalen, hat zu teil werden lassen, und es wird politisch klug von ihm sein, wenn er demnächst den Geburtstag seiner HerzenSdame benutzt, um den noch im Kerker Schmachtenden auch den letzten Rest der Strafe zu schenken. Serbien hat sich damit ganz in die Trabantschaft Rußlands begeben; wie weit es in derselben gelangen wird, ist eine Frage, die nur die Zukunft beantworten kann. Politische Tagesschau. Es war dem Kaiser bekannt geworden, daß unter den Freiwilligen der nach China zu entsendenden deutschen Hilfstruppen sich auch solche Freiwillige befänden, die ihre militärische Ausbildung noch nicht vollendet hatten. Der Kaiser fand es, wie die „T. R." berichtet, bedenklich- Leute vor den Feind zu schicken, die in der Handhabung der Feuerwaffe nicht genügend geschult seien, und deren militärische Ausbildung noch nicht zum Abschluß gelangt und so weit gediehen, sei, um mit Aussicht auf Erfolg in einem größeren Truppenkörper vor dem Feinde mitwirken zu können. Auf kaiserliche Anordnung wurden deshalb von den vom Kommando in Kiel bereits für den Feldzug in China angenommenen und zur Kchntulation für die Dauer des Krieges zugelassenen Einjährigen 3 4 dieser jungen Leute bei der Aussendung in Wilhelmshaven zu ihrem großen Bedauern ausaeschieden und auf eine etwaige spätere Truppennachsendung verwiesen, die gestattet werde, sobald ihre militärische Uebung und Schule vollendet sei. In dem soeben erschienenen vierten Bande des „Handwörterbuchs der Staatswissenschaften" (2. Auflage) hat der Göttinger Nationalökonom Professor Lexis in dem Abschnitt über „Handelspolitik" Weltwirtschaft und Schutzzoll bearbeitet. Lexis steht auf dem Standpunkt, daß die Entscheidung über Freihandel oder Schutzsystem nicht noef) abstrakten" Theorien, sondern nur nach den besonderen, für jedes Land vorliegenden Bedingungen gefällt werden kann. Für noch im jugendlichen Wachstum befindliche Länder, die freie Wahl haben, hält Lexis den Freihandel für empfehlenswert, weil damit auf die vorzeitige Züchtung einer großen Industrie zwar verzichtet, aber auch die Entstehung eines Fabrikproletariats vermieden und die volle Ausnutzung des Bodens sowie der Naturschätze ermöglicht wird. Wo aber seit lange Schutzzölle bestehen, haben sich alle Verhältnisse ihnen 'angepaßt, und die Aufhebung der Schutzzölle darf nur mit Vorsicht, auch nicht aus rein doktrinären Gründen, sondern nur im Falle bestimmt nachgewiesener, überwiegend schädlicher Wirkungen einzelner Zölle oder als Gegenleistung für handelspolitische Zugeständnisse anderer Staaten erfolgen. Was die Wirkung der Schutzzölle auf die Gesamtlage der Volkswirtschaft betrifft, so führt Lexis aus: „Sie können einzelnen Klassen der Produzenten einen ungewöhnlich hohen Gewinn verschaffen, der schließlich aber infolge der zunehmenden inneren Konkurrenz wieder herabgedrückt wird. Manche können sich zeitweise der Masse der Konsumenten empfindlich fühlbar machen, wie namentlich die Getreidezölle bei schlechter Ernte im Jn- lande. Im ganzen aber findet auf die Dauer eine gewisse Ausgleichung der Interessen (und auch der Löhne) statt, wobei sich für die geschützten Waren eine besondere, dem Lande eigentümliche Preisstellung ergiebt. Dann aber zeigt sich, daß das allgemeine Preisniveau des geschützten Landes sich im wesentlichen stets parallel mit dem der freihändlerischen Länder auf und nieder bewegt, also durchaus in Abhängigkeit von den allgemeinen wirtschaftlichen Konjunkturen bleibt. So trat der wirtschaftliche Niedergang in den Jahren 1873 und 1879 unabhängig von Schutzzoll und Freihandel in allen Ländern hervor. Die Besserung in der Lage der deutschen Industrie, die 1879 bemerkbar wurde, ist nicht durch den Wechsel der Hcmdels- politik zu erklären, da in dem freihändlerischen England, wie auch in dem schutzzöllnerischen Amerika eine ähnliche günstige Wendung schon vor dem Erlaß der deutschen Tarifgesetze v. 15. Juli 1879 eingetreten war. In den achtziger Jahren finden wir wiederum in allen Ländern, welches auch> die Richtung in der Handelspolitik sein mochte, eine rückgängige Bewegung der Volkswirtschaft, auf die in den Jahren 1888 und 1889 ein ebenso allgemein verbreiteter Aufschwung und dann wieder ein allgemeiner Rückschlag folgte. Eine neue Besserung trat 1896 ein, die am Ausgange des Jahrhunderts die Industrie, namentlich auch'die deutsche, in eine ungewöhnlich glänzende Lage versetzte. Es ist einleuchtend, daß die Solidarität des Wirtschaftslebens der Kulturwelt eine notwendige Folge der modernen Entwickelung des Verkehrswesens bildet und mit den weiteren Fortschritten des letzteren einen noch höheren Grad erreichen wird." Wenn einzelne Blätter diese Darlegungen zu Gunsten einer Aenderung in der gegenwärtigen Handelspolitik aus- zunutzen versuchen, so thun sie daran nicht besonders klug. Sie beweisen tm Grunde genommen für unser gegenwärtiges Handelsvertragssystem. lieber die Veränderungen in den Sekretär- stellen der Po st- und Telegraph en Verwaltung, wie sie in dem Erlasse des Staatssekretärs v. Pod- bielski vom 1. Januar dieses Jahres angeordnet worden sind, berichtet die „Deutsche Verkehrsztg.": Nachdem die Ober-Postdirektionen festgestellt haben, wo und wie viele Sekretär stellen im technischen Di e n st e notwendig sind, ist mit der Einrichtung der neuen Sekretärstellen begonnen worden. In erster Linie kommen für die neu geschaffene Sekretärstellung die vorhandenen! Post-und Telegraphen-Sekretäre- in Betracht, weiter können hierfür auch Poschraktikanten und solche Assistenten bestimmt werden, die die Sekretärprüfung bestanden haben. Versetzungen etatsmäßig angestellter Beamten werden aus Anlaß der Neuordnung im allgemeinen nicht vorgenommen. Die Neuregelung bedingt eine anderweitige Verteilungder Sekretärstellen. Diese läßt sich natürlich erst nach und nach durchführen, zunächst ist durch die Neuordnung in dem Bestände der den Ober-Postdirektionen zugewiesenen etatsmäßigen Sekretärstellen nichts geändert. Soweit Postpraktikanten oder Assistenten mit der Wahrnehmung von Sekretärgeschäften beauftragt werden, ist deren Diensteinkommen, bis Sekretärstellen zur Verfügung stehen, in der bisherigen Weise in Hilfsarbeiter- oder Assistentenstellen au verrechnen. Zur Einrichtung neuer Sekretärstellen ist die Genehmigung des Reichspostamts erforderlich, Das 60jährige Stiftungsfest des Korps Starkenburgia zu Gießen. Fortsetzung. Am Mittwoch den 8. l. M. begannen die Festlichkeiten mit einem gemütlichen Frühschoppen sämtlicher männlichen Festteilnehmer auf dem Korpshaus. Derselbe konnte leider wegen änhaltenden Regens nicht, wie vorgesehen, im Freien stattfinden, vielmehr mußte man sich iw die einzünen Räume des Korpshauses verteilen. Um halb zwei Uhr hellte sich der Himmel auf, sodaß doch programmmäßig nach Beendigung des Frühschoppens eine photographische Aufnahme aller Festgenossen mit dem Korpshaus als Hintergrund durchs Hierin Uhl hier erfolgen konnte. Nach Aufnahme des Bildes wurde im Zug, mit der ganAen Kapelle der 83 er voran, durch die Hauptstraßen der Stadt zum Festlokal in Steins Garten marschiert. Hier fand etwa um zwei Uhr ein von Frau Stein köstlich zubereitetes Frühstück statt. Dasselbe wurde begleitet von einem Konzert der Musikkapelle mit ausgewähltem Programm, welches mit der Fe sto u v e r t ür e von D o sch begann, die sehr gut ausgesührt und mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurde. Während des Frühstücks gedachte das frühere Korpsmitglied, Herr Divisionspfarrer Büttel (Schleswig) der dahingeschiedenen Korpsbrüder, deren Bilder, zu einem sog. Totenwappen vereint, an entsprechender Stelle des Saales angebracht waren, mit folgenden erhebenden Worten: Hochgeehrte Herren und Damen! Liebe Korps- und Kartellbrüder! Wenn wir die Geschichte unseres Korps Starkenburgia lesen, wie solche von Korpsbrüdern durch den Druck verewigt ist, so finden w»r die Namen Vieler, die sich einen Namen gemacht in Staat und Gemeinde, in Kirche und Schule, nachdem sie teils auf der alma Ludoviciana für den Lebensberuf sich vorgebildet, und dte heute noch wirken in unserem lieben deutschen Vaterland, ja weit über seine Grenzen, diesseits wie jenseits des Meeres. Wir wißen aber auch, ohne daß wir die Geschichte des Korps lesen, daß viele, die einstmals unsere Farben rot-weitz-gold getragen, geliebt und geehrt haben, nicht mehr unter den Lebenden auf unseres Gottes Erde weilen. Ein jedes Jahr seit des Korps Stiftung hat liebe KorpS- 5JJ*1 uuS durch den Tod entrissen. Ihrer heute, am sechzigsten StistungStage, in dankbarer Wehmut zu gedenken, ist edle und deilige, wenngleich schmerzliche Pflicht. Unsere in Gott ruhenden Toten haben im Leben in Ehren unsere Farben getragen, den Schild ^aok und ohne Makel, die Mafien scharf gehalten, wie es einem Z attenburger eignet und gebühret. Ihre mit Trauerflor geschmückten ix&eU fL ”uf uns an dieser Stätte, und wir «fr?I1?; bder Tanzenden begab sich nun in den Saal zurück, wo die Jugend, aber auch viele Alte Herren, bis 3 Uhr morgens, zu welcher Stunde die Musik das Fest verlassen mußte, um bald darauf abzureisen, der Göttin Terpsich-ore huldigten. Die Gemütlichkeit des Tanzvergnügens wurde wesentlich dadurch erhöht, daß nur vier Tänze (zwei Walzer und zwei Quadrillen) auf der Tagesordnung standen, während die übrigen Rundtänze ohne jedes Vorausengagement getanzt wurden. Auch während der Tanzpausen erfreute Herr Sieglitz noch durch den Vortrag einiger Lieder, was ebenfalls noch sehr erheblich zu dem glanzvollen Verlauf des Gartenfestes beitrug. . Nach Beendigung des Tanzens blieben die Familien noch kurze Zeit zusammen; während die Sage geht, daß noch einzelne trinkbare Alte Herren und Studenten eine kleine Kneiperei veranstaltet und erst gegen 6 Uhr morgens die letzten Festteilnehmer den Stein'schen Garten verlassen hätten. Am Donnerstag den 9. August vereinigten sich die aktiven Mitglieder des Korps mit ihrem Korpsbesuch und verschiedenen Alten Herren (die große Mehrzahl der letzteren hatte Gießen mit den Nacht- und Morgenzügen wieder verlassen) nochmals zu einem Frühschoppen im „Perkeo", welchem sich, gemeinschaftliches Mittagessen auf dem Korpshaus und Ausfahrt nach dem Schiffenberg anschloß. ,Am Freitag den 10. August l. I. trafen sich die Familien der hiesigen Alten Herren im Verein mit noch einigen auswärtigen Ehepaaren, die zurzeit bei ihren Verwandten hier Familienaufenthalt haben, nochmals bei einem Frühschoppen, um in gemeinsamer Erinnerung die Erlebnisse der drei schönen Festtage an sich, vorüberziehen zu lassen. Bei dieser Gelegenheit wurde auf den Nache- mittag ein Familienkaffee auf dem Korpshaus verabredet, der denn auch stattfand und im Anschluß daran ein kleines Tänzchen im Familienkreise. Die große Mehrzahl der Festteilnehmer aber hatte sich am 9. abends und 10. morgens mit dem Bewußtsein getrennt, einmal wieder in der gemütlichen Universitätsstadt Gießen im alten Freundeskreise ein paar herrliche Tage verlebt zu haben und mit dem allseitigen Wunsche „auf fröhliches Wiedersehen in fünf Jahren in Heppenheim und, so Gott will, in 10 Jahren wieder in Gießen." Mrmisthtrs. * Um einen fortgeflogenen Hut die Notbremse gezogen. Eine seltsame Vorstellung von dem Eisenbahnwesen scheint ein junges Mädchen aus Rathenow zu haben, das mit dem Berlin-Lehrter Zug nach Berlin fuhr. Unterwegs hatte die Unschuld vom Lande öfter den Kops aus dem Wagenfenster gesteckt, und dabei wurde ihr durch den Wind ihr schöner Federhut vom Kopfe geriffen. Resolut zog sie sofort die Notbremse, und alsbald hielt der Zug inmitten von Haideland, kurz vor Spandau. Das Zugpersonal, das herbeieilte, um den Grund zur Benutzung der Notbremse festzustellen, bemerkte dabei, daß das junge Mädchen aus dem Koupee steigen wollte; sie wurde natürlich daran ge- htndert, und der Zugführer bedeutete ihr, daß der Verlust ihres Hutes kein hinreichender Grund sei, um den Zug halten zu lassen; es wurde ihr nicht gestattet, den Zug zu verlassen, um nach dem in die Haide entführten Hut zu suchen, dagegen wurde auf der nächsten Station ihr Name behuss Bestrafung festgestellt. Unterwegs brach die Aermste in bewegliche Klagen aus und rief einmal über das andere: „Was wird blos mein Bräutigam sagen, wenn ich ohne Hut nach Berlin komme." * Die diesjährigen Kaisermanöver. Von dem an den- diesjährigen Kaisermanövern teilnehmenden GardekorPS (verstärkt aus dem 3. Armeekorps) und 2. Armeekorps (verstärkt aus dem 17. Armeekorps) hat ersteres einschließlich der Garde-Kavalleriedivifion seine große Parade am 1. September bei Berlin, das letztere am 8. September bei Stettin. Für die Märsche zur Herbeiführung der taktischen Berührung beider Parteien ist die Zeit vom 10. bis mit 14. September in Aussicht genommen. Während der letzten drei Tage werden auch noch eineinhalbe Geschwader der Flotte- an den Manövern teilnehmen. * Wie ein Schauspieler seine Entlassung durchsetzte, darüber erzählt Paul Lindau in einem süddeutschen Blatte eine hübsche Geschichte. Leopold Greve, der Typus des beständig,§u Ulk aufgelegten Komödianten, war im Berliner Schauspielhaus angestellt, wurde sehr wenig beschäftigt und sehnte sich fort. Er reichte wiederholt fein Entlassungsgesuch ein, es wurde immer abschlägig beschieden. Wochenlang ging Greve spazieren, ohne den Fuß auf die Bühne zu setzen. Da begegnete er eines Mittags Unter den Linden dem damaligen Generalintendanten Herrn v. Hülsen, der gerade zwei oder drei Tage vorher das so und so oft schon erneute Entlassungsgesuch wieder abgelehnt hatte. Greve trat mit schnellen Schritten auf den arglosen Generalintendanten zu, zog höflich den Hut und sagte in verbindlichstem Tone: „Ach, könnten Sie mir vielleicht sagen, wo das Königliche Schauspielhaus ist?" Hülsen gab keine Antwort. Am folgenden! Tage war Greve aus dem Verbände des Königlichen Schauspielhauses entlassen. * Neuuniformierung. In Paris sieht man jetzt die Infanteristen mit dem neu eingeführten Waffenrock bekleidet! Derselbe ist dunkelblau, kürzer als der bisherige, mit einer Reihe Knöpfe versehen und mit rotem (statt gelbem) Kragen. Die Epauletts find geblieben, ebenso die roten Hosen. Mit dieser Neueinführung ist der große Unterschied in Wegfall gekommen, der bisher zwischen der Uniform des Soldaten und der des Offiziers bestand. Die äußere Erscheinung des Infanteristen gleicht nunmehr sehr der des Kürassiers, wenn manj vom Helm ab sieht, aber auch hinsichtlich der Kopfbedeckung scheint man — nach! russischem Vorbild — einer allgemeinen Armee-Uniform zuzustreben. Wenn man sich fragt, ob die neue Infanterie-Uniform prakttscher und kleidsamer ist als die bisherige, so mag ersteres im bescheidenen Maße Autreffen, das letztere ist Geschmackssache. — Schreiber dieses fand den gelben Kragen nichö unschön — jedenfalls sieht die Uniform jetzt ernster aus. Es mag hier zugefügt werden, daß mehrere französische Dragonerregimenter nun vollständig mit der Lanze ausgerüstet sind und dieselbe zur Revue am 14. Juli trugen, womit ihre dauernde Einführung voll ausgesprochen ist. Die gesamte Kavallerie wird nun den Waffenrock der Kürassiere (in Hellblau) erhalten, und dadurch kommt der litzenartige Dolmau in Fortfall. Me lederbesetzte lange Reithose wird (auch bei der Artillerie) durch kurze Reithosen und halbhohe Stiefel mit Sporen ersetzt. Me langen Verhandlungen haben somit zum Siege derjenigen geführt, die (wie in Rußland) eine EinheitA- Kcrvallerie wünschen. : iHj ,_j । , . ; * Weibliche Haudwerksburschen. In der amerikanischen Kolonie in Paris langten vor wenigen Tagen zwei junge Chicagoerinnen an, die den Weg von Rom nach dem Seinebabel zu Fuß zurückgelegt haben. Die beiden Pilgerinnen heißen Annie Baker und Rose Tredway. Miß Baker behauptet, in Amerika Schullehrerin gewesen zu sein, ehe sie vor einem halben Jahre nach Italien ging, um ein Engagement als Gouvernante in einer adligen Familie in der Ewigen Stadt anzunehmen. Sie hatte nur einige Wochen in ihrem neuen Amt zugebracht, als man sie eines Tages ohne besonderen Grund entließ. Miß Tredway, die jünger und wirklich hübsch ist, gesteht ein, ihre überseeische Vaterstadt gemeinsam mit einem Künstler verlassen zu haben, der sie nach Rom mitnahm, und sie dann dort sitzen ließ. Die beiden Landsmänninnen trafen zusammen, und klagten sich gegenseitig ihr Leid. Keine verfügte über nennenswerte Mittel, und da sie der Sprache des Landes nicht mächtig; waren, wollte es ihnen nicht gelingen, irgend welche Beschäftigung zu finden. Eines Tages kam die etwas excentrische Jüngere aus den Gedanken, in männlicher Kleidung auf die Wanderschaft zu gehen. Ihre Gefährtin war damit, einverstanden und so kehrten sie, als reisende Handwerksburschen verkleidet, Rom den Rücken. Sie wanderten gen Norden, kreuzten die Alpen und erreichten Paris nach fast viermonatiger Wanderung in total heruntergekommenem Zustande. Sie haben recht unangenehme Abenteuer erlebt,, sind nicht selten in die schlechteste Gesellschaft geraten, und mußten jede Arbeit verrichten, um nicht zu verhungern. Zweimal wurden sie von der Polizei aufgegriffen. In der Seinestadt haben die weiblichen Handwerksburschen einigen Beistand bei ihren Landsleuten gefunden und nun suchen sie nach geeigneter Stellung. * Was wird während eines Sommers aus einem Fliegenpaar? Schon oft haben Statistiker sich mit der Frage nach der Zahl der Nachkommenschaft eines Fliegenpaares in einem Sommer beschäftigt, aber stets ist die Antwort ausgeblieben. Nun hat ein Professor in Whashington namens L. £). Howard ausgerechnet, oaß die Nachkommenschiast eines Fliegenpaares in einem ein-- zigen Sottrmer auf 4 472 286 103 628 713 559 320 Flieget anwachsen kann, wenn keinerlei Hindernisse hemmend in den Weg treten. Zum Glück wird den Fliegen im Sommer mit. allen erdenklichen Mitteln zu Leibe gerückt, sonst würden wir an manchen Tagen die Sonne nick)-t sehen können, da die ganze Entfernung von Fliegen ausgefüllt werden würde. Von einem wütenden (b. h. nur in Bezug auf seine Wissenschaft) Statistiker ist das Gewicht einer einzelnen Fliege genau bestimmt und auf zwei Hundertstel Gramm festgesetzt worden, mit andern Worten: zu einem Kilogramm wären 50000 Fliegen notwendig. Eine Tonne (1000 Kilogramm) würde demnach 5 000 000 Fliegen erfordern. Ein Elephant mittlerer Größe hat ein ungefähres Gewicht von 10 000 Kilogramm. 500 Millionen Fliegen würden also an Gewicht einem Elephanten entsprechen. Zn der von Prof. Howard mit 4 472 286 103 628 713 559 320 Fliegen festgesetzten Nachkommenzahl eines Fliegenpaares gehörten nach dieser Berechnung ungefähr 8900000000000 in Worten acht Billionen neunhunderttausend Millionen Fliegen-Elephanten. Ter Statistiker ist aber mit dieser kahlen Auszählung noch nicht zufrieden, da schon der Begriff einer Billion dem menschlichen Geiste so fern liegt, daß er sich von der Größe von fast 9 Billionen erst recht keine Vorstellung machen kann. Ein Elephant, um im Bilde zu bleiben, benötigt zum bequemen Stehen einen Raum von ca. 15 Fuß Länge und Breite gleich 225 Quadratfuß. Wir wählen die Rechnung in Fuß, weil bei der Meterberechnung mit Bruchzahlen operiert werden müßte. Auf einem Raum von einer Quadratmeile, die einen Flächeninhalt von ungefähr 674 440 900 Quadratfuß hat, hätten ungefähr 3 Millionen der oben genannten Fliegen-Elephanten Platz, die gesamte Nachkommenschaft eines Fliegenpaares würde also nicht weniger als etwa 3 Millionen Quadratmeilen oder fast zweimal die gesamte Erdoberfläche in Anspruch nehmen. Nehmen wir nun an, die ganzen 4472 Trillionen 286 000 Billionen usw. Fliegen würde in eine einzige verwandelt, so würde die neue Riesenfliege mit dem einen Hinterbein in Berlin, mit dem einen Vorderbein aber in San Franzisko stehen. Die Vergleiche könnten noch, weiter gesponnen werden, es sei aber mit den angeführten genug. Aus Vorstehendem aber können unsere Leser ermessen, daß wir jedes Jahr unter der Fliegenplage zu leiden hätten, wenn nicht der Vernichtungskampf gegen das lästige Insekt, nicht nur von Menschen, sondern auch, von vielen Tieren geführt würde. Meratur. Der Lahrer Hinkende ist wieder da! Nachdem er eine stattliche Armee seiner Sendlinqe in die weite Welt, wo Deutsche wohnen, vornehmlich nach Nord- und Südamerika, Australien, nach Südostaftika und Deutsch-China, hat abgehen lasten, marschiert er jetzt durch die deutschen Lande, um seinen Lesern die gewohnte Unterhaltung und Belehrung zu bringen. Der vorliegende erste Jahrgang seines zweiten Jahrhunderts (Verlag von I. H. Geiger (Moritz Schauenburg)- Lahr) ist wieder recht gediegen ausgefallen, und der Burenkrieg, der Beginn der bluttgen Ereigniste in China, sowie die sonstigen „Weltbegebenheiten" sind in Wort und Bild echt volkstümlich dargestellt. — »Deutscher Goldatenhort*, Illustrierte Zeitschrift für das deutsche Heer und Volk, Herausgeber: Generalleutnant z. D. H. v. Below. Preis pro Quartal 1,80 Mk. Verlag von Karl Siegismund, Hofbuchhändler, Berlin SW., Destauerstr. 13. 11. Jahrgang, Nr. 31, erschien soeben und enthält: Inhalt: Friedlicher Krieg und Waffenstillstand. Roman von HanS Hochfeldt. — Von Friedrich Wilhelm IV. Von E. I. — Der Abschied des 1. Seebataillons von Kiel. (Mit Abbildung.) — Aus dem afrikanischen Jägerleben eines deutschen Offiziers. Von Fr. Genthe. — Eine Belagerung. (Mit Abbildung.) — Freund Heimlich. Eine humoristische zoologische Skizze. Von Josef Maertl. — Die modernen Flotten. Skizzen von H. de Msville. (Mit Abbildung.) — Schloß Cltz, eine Perle des RheinlandeS. Von H. v. Remagen. (Mit Abbildung.) — 's Bergkraxeln. Eine misanthropische Nörgelei eines bayerischen Bauersbuben. Aus seinem Briefe abgeschrieben von Josef Maertl. — Das Militär- und Marinejahr 1899 der Vereinigten Staaten von Amerika. — Mansfeld — des Mannes Feld. — Vaterländische Gedenktage. — Gliederung des deutschen Ostasiatischen Expeditionskorps. — Neue Bücher. — Vermischtes. — Splitter und Funken. — Rätsel. Nr. 31 des Deutschen Protestantenblat tes hat einen reichen Inhalt. Sie enthält it a.: der Fall Weingart als Mahnung an den evangelischen Bund. Nachf- rufe für H. Habenichit und E. Lüdemann. Das Großlogenfest der Guttempler. Die Hasefeier in Jena. Kirchliche Eindrücke aus Rom. — Pröbeblätter dieses angesehenen Organs des deutschen Protestantenvereins versendet die Verlagsbuchhandlung Carl Schünemann, Bremen, überall hin unentgeltlich Sport, Spiel, Jagd. — Amerika hat keine Zeit. Amerika muß Geld verdienen, Präsidenten wählen, Neger lynchen und auf Europa schimpfen. Da bleibt für den Sport, für den Amerika theoretisch schwärmt, in praxi nicht mehr gar viel Zeit übrig — ganz abgesehen davon, daß damit nicht viel Geld zu verdienen ist. Amerika betrachtet asto den Sport als einen angenehmen, aber kostspieligen Luxus, und deshalb will eS in der dafür bestimmten Zeit auch möglichst viel davon haben. Das Radfahren z B. kann man eventuell mit dem Geschäft verbinden — obwohl man mit der elektrischen Hochbahn schneller in die City kommt. Aber Fußball, Criket und Boxen find mit einiger Regelmäßigkeit praktisch schwer zu verwerten, zumal die Anwendung der ersten und letzten dieser Künste zu leicht einen Konflikt mit dem Sttafgesetz herbeiführen kann. Auch daß Rudern will schlecht in die täglichen Geschäftsgänge hinein- passen, da New-Dorf und Chicago mit Venedig nnr eine recht entfernte Ähnlichkeit haben. Ja — wenn man auf festem Boden auf der Straße rudern könnte I — Dies Problem ist drüben längst durch die bekannten Ruderapparate für das Zimmer gelöst, die auch bei uns sich mehr und mehr ein- bürgern. Aber Rudern allein — das lohnt sich für Bruder Jonathan nicht. Zum mindesten muß auch ein bischen Radfahren dabei fein I — Da nun in Amerika eine mechanische Aufgabe nur gestellt zu werden braucht, um auch sogleich ihren Verwirklicher zu finden, wurde diese Verbindung zweier Sportzweige schleunigst erfunden und patentiert, wie das Patentbureau Carl Fr. Reichelt, Berlin NW., mitteilt. Das Resultat sieht man im Bilde: Ein Preisrudern auf der Radrennbahn in New York. Man könnte diese Veranstaltung füglich eine Bycycleregatta nennen, denn während die Fortbewegung des Ruderers hier auf den Rädern des Fahrrades erfolgt, bewirkt derselbe den Antrieb des Rades doch durch genau dieselben Bewegungen wie beim Bootrudern. — So sinnreich diese Kombination auch ist, sie stellt doch noch nicht die Quintessenz der Vereinigungskunst dar. Der Gipfel konzentrierten Sports — gewissermaßen ein Liebig'scher Sportextract — wäre ein Apparat, mit dessen Hilfe man gleichzeitig Billard, Fußball und Klarinette spielen könnte. Wenn sich derselbe außerdem noch für Skat einrichten ließe, dürfte er auch in Deutschland leichten Eingang finden. Landwirtschaft. Die neuesten Fortschritte des ländlichen Genossenschaftswesens in Deutschland. Der Bestand an landwirtschaftlichen Genossenschaften ist im letzten Jahr (1. Juli 1899/1900) wieder um 900 gewachsen und zwar um 585 Darlchnskassen, 75 Be- zugsgenoflenschaften, 153 Molkerei- und 87 sonstige Genossenschaften. Nach dem Jahresbericht des Allgemeinen Verbandes der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften (Sitz Offenbach a. M.) für 1899/1900, welcher dem am 13.—15. August zu Halle a. d. Saale stattfindenden Vereinstag des VerbandeS im Druck vorgelegt wird, sind in den deutschen Genoffenschaftsregistern am 1. Juli 1900 13636 ländliche Genossenschaften eingetragen und zwar: 9793 ländliche Spar- und Darlehnskassen, 1115 Bezugs-, 1917 Molkerei- und 811 sonstige Genossenschaften. Beinahe vier Fünftel aller Genossenschaften (80 Prozent) dienen ganz oder überwiegend der Landwirtschaft. Von der Gesamtzahl dieser Genossenschaften kommen auf Preußen 7213 (auf die sechs östlichen Provinzen 2957, die sechs übrigen 4256), auf Bayern 2716 (die Pfalz allein 660), auf Sachsen 165, Württemberg 1055, Hessen 646, Baden 511, Elsaß-Lothringen 409, Oldenburg 194, beide Mecklenburg 184, Braunschweig 95, die thüring. Staaten 817 und auf die übrigen kleinen Staaten 131 ländliche Genossenschaften. Nach der Haftart sind zu unterscheiden 11852 Genossenschaften mit unbeschränkter Haftpflicht (86,9 Prozent), 1695 mit beschränkter Haftpflicht (12,5 Prozent) und 89 mit unbeschränkter Nachschuhpflicht (0,6 Prozent). Es bestandene jeweils eingetragene Genossenschaften überhaupt in Deutschland am 1. Juli 1893 1894 1895 1896 1897 1898 1899 1900 etwa 8400 9400 10600 12400 14200 15600 16500 17400. Davon waren landwirtschaftliche bezw. ländliche Genossenschaften: 4979 6081 7170 8983 10669 11839 12736 13636 oder in Prozent 58 64 68 72 75 76 77 80. Fast die gesamte Zunahme der Genossenschaftsbewegung in dieser ganzen Zett entfällt auf die landwirtschaftlichen Genossenschaften, ihr Anteil an der Gesamtzahl ist demnach im ständigen Steigen. AllSM MS den KirchendScher» Ser KM Gieße«. Evangelische Gemeinde. Getraute. Matthäusgemeinde. Den 4. August. Konrad Graulich, Fuhrmann zu Gießen und Anna Hof, Tochter des Taglöhners Karl Hof zu Gießen. Den 8. August. Eduard Joseph Rieger, Gärtner zu Gießen und Lina Schulze, Tochter des zu Grüningen verstorbenen Schuhmachers Johannes Friedrich August Schulze. Markusgemeinde. Den 4. August. Otto Christian Friedrich Wittkopp, Bäcker zu Gießen und Emma Elisabethe Henriette Schäfer aus Gießen. JohanneSgemeinde. Drn 8. August. Karl Christian Pfeiffer, Kaufmann zu Gießen und Karoline Hammel, Tochter des Gastwirts Wilhelm Hammel zu Gießen. Militärgemeinde. Den 4. August. Berthold Julius Klüber, Hoboist im Jnf.-Regt. Kaiser Wilhelm Rr. 116, und Marie Elisabeth Samm, Tochter be6 Bahnarbeiters Wilhelm Samm zu Gießen. Getaufte. Mat thäusgemeinde. Den 5. August. Dem Knecht Valentin Schaub ein Sohn, Wilhelm, geboren den 30. Juni. Denselben. Dem Oberlehrer am Ghmnasium Dr. phil. Karl Bentdeck eine Tochter, Karoline Meline Selma Elisabeth, geboren den 14. Juli. Denselben. Ein unehelicher Sohn, Heinrich Adolf, geboren den 10. Juni Markusgemeinde. Den 5. August. Eine uneheliche Tochter, Ottilie, geboren den 3. Juli. Denselben. Dem Lokomotivheizer Wilhelm Linkmann ein Sohn, Willy, geboren den 17 August. Denselben. Dem Sandformer Karl Friedrich Wilhtlm Köllner eine Tochter, Marie Emilie Elfriede, geboren den 4. Juli. Den 8. August. Dem Metzger Konrad Bepler ein Sohn, Albert Wilhelm. Lukaögemeinde. Den 5. August. Dem Spengler Heinrich Georg Kaus ein Sohn, Wilhelm Paul Reinhard, geboren den 7. Juni. Denselben. Dem Gärtner Johannes Heß ein Sohn, Emil Johannes Heinrich, geboren den 2. Juli. Denselben. Dem Spengler und Installateur Wilhckm Haupt ein Sohn, Wilhelm Christian Karl, q-boten den 10. April. Den 6. August. Dem Hotelbesitzer Gustav Mund eine Tochter, Erna Marie, geboren den 17. Juli. Johannes gerne inde. Den 5. August. Dem Wagenwärter Georg Meininger eine Tochter, Henni Johanna Elisabethe, geboren den 10. Juli. Denselben. Dem Spenglermeister Georg Dahmer ein Sohn, Heinrich, geboren den 14. Mai. Denselben. Dem Taglöhner Johannes Schäfer eine Tochter, Marie, geboren den 15. Juli. Denselben Dem Bäckermeister Karl Spamer ein Sohn, Karl Georg, geboren den 16. Juni. Militärgemeinde. Den 5. August. Dem Hoboist Karl August Emse eine Tochter, Frieda Elisabeth Therese, geboren den 8. Juli. Katholische Gemeinde. Dienstag den 14. August. Nachmittags um 4*/» Uhr und abends um 8 Uhr: Gelegenheit zur heil. Beichte. Mittwoch den 15. August. Mariae Himmelfahrt. Bormittags von 6'/s Uhr an: Gelegenheit zur heil. Beichte. „ um 7 Uhr: Die erste heil. Messe; vor und in derselben Austeilung der heil. Kommunion. , um 8 Uhr: Die zweite heil. Messe. MilitärgotteSdienst mit Predigt. „ um 9*/> Uhr: Hochamt mit Predigt. Nachmittags um 2*/, Uhr: Fest-Andacht. Handel «nd Verkehr. Volkswirtschaft. Frankfurter Börse vom 10. August. Wechsel auf New-York zu 0.00-00. Prämien auf Kredit per ult. Äug, 1.450/q, do. per ult Sept. 2.55O/o, Diskonto-Kommandit per ult. Äug. 1.15 %, do. per ult. Sept 2.350/o, Lombarden per ult Äug. 0.55°/q, do. per ult. Sept. 0.95%. Deutsche Bank per ult. Juli 0.00 %. Notierungen r Kreditaktien 207.20-000.00, Diskonte- Kommandit 174.70-80-00-00, Staatsbahn 139.10-000, Lombarden 25.20, Italiener 93.00, Spanier 71.80-00, Bproz. Mexikaner 25.00, Bochumer 187.70-188.50-000 bz., Laura 205.40-20 bz. G., Harpener 177.50-30-178.10 bz., Gelsenkirchen 188-189.50 bz., Privat-Diskont 4%°,o G. 1% bis 2% Uhr: Kreditaktien 207.40-206.80 bz., Diskonto-Kommandit 174.80-80-000.00 bz., Berliner Handelsgesellschaft 000 bz., Staatsbahn 139.10 bz., Lombarden 25.20 b., Laura 000-000. 3proz. Mexikaner 25.10 bz, Märkte. Grünberg, 11. August. Fruchtmarkt. Weizen 00,00—00,00 Mark, Korn 15,76—16,00 Mark, Gerste 00,00—00,00 Mark, Hafer 14,00—14,30 Mark, Erbsen 00,00—00,00 Mark, Linsen 00,00—00,00 Mark, Samen 25,50—26 Mark, Kartoffeln 0,00 - 0,00 Mark. Es weiss jedermann, daß eine kluge Frau nie verschwenderisch ist, daß eine kluge Frau aber auch nie den Pfennig scheut, den sie für eine anerkannt gute Ware mehr zahlen muß, als für eine minderwertige, für eine schlechte. Eine kluge Frau wird z. B. nie eine andere Seife kaufen als Doerings berühmte Eulen-Seife, weil sie weiß, daß sie damit die Schönheit und Frische der Haut erhält, daß sie ferner das beste empfängt, waS die Seifenbranche bietet und daß sie trotzdem billig einkauft. Doerings Eulen- Seife sei jedermanns Toiletteseife 1 Preis überall 40 Pfg. 1903 Aufforderung. Infolge Ablebens des Herrn Rechtsauwalt L. Lubroifse in Oieheu muß dessen Anwoltsburcau aufgelöst werden. Es werden deshalb alle diejenigen, welche glauben Ansprüche aus anwaltlicher Vertretung, insbesondere auf Herausgabe von Handakcev, gegen den Verstorbenen zu haben, aufgefordert, solche baldigst an die Adreffe von Fräulein L. Labroissch Gießen, Ostanlage 39, zu richtm. Nach Ablauf der ges.tzlichen Fristen werden die nicht zurückgeforderten Handakten vernichtet werden. 5434 Versteigerung. Dienstag den 14« August 1900, nachmittags 2 Nhr, versteigere ick im Pfandlokal Seltersweg 11 gegen Barzahlung: 1. 1 Kleidersckrank, 1 Nähmaschine, 1 Spiegel, 2 Bilder; 2. 1 Jagdflinte, 2 Revolver, 1 Taschenuhr ohne Deckel, 1 Stock u. 1 Messer. Die Versteigerung zu 2 findet bestimmt, zu 1 voraussichtlick bestimmt statt. Gießen, den 7. August 1900. 5363 Johann, Gr. Pfandmeister. Ein der Gemeinde Wieseck ge- höriger fetter Faselochs soll Freitag den 17. d. Mrs., vormittags 9 Uhr, auf btm Bürgermeisterei • Bureau an den Meistbietenden versteigert werden. Ferner beabsichtigt die Gemeinde, einen sprungfähigen Bullen, uno zwar reiner Simmenthaler Rasse, anzukaufen und wollen sich R> flektierende auf hiesiger Bürgermeisterei sofort melden. Wieseck, am 11. August 1900. Großh. Bürgermeisterei Wieseck. Sommerlad. 5443 WWWiW __________________________* -* • Ohne Preiserhöhung 5241 empfehle rohen und gebrannten Kaffee in reinsckmeckender und kräftiger Ware. C. Roth II. 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