1900 Sonntag den 18. Mai 1 Met! Aints- und Zlnzeigeblntt für den Ttreis Gieren 4 Co. Z aures Erscheint täglich mit AuLnabme des Montags. Die Gießener KamilieuvtLtter werden dem Anzeiger im Wechsel mit „Hess, ßcnbrotrt" u. „Blätter Pir Hess. Volkskunde" wSchrl. 4 mal beigelcgt. ■Namu 6092 MW Aczugsprcir viertel zädrl. Mk. 2,20 monatlich 75 Pfg. mit Brinqerlohn; durch die AdholesteÜe» vierkelsährl. Mk. 1,90 monatlich 65 Pfg. Bei Postbezug Mk. 2,40 vicrleljährt. mit Bestellgeld. glrbflfnen, Expedition und Drucker«: Schnlstraße Ur. 7. *8 nach n let !6 aufl. les von ndenen Gratisdeilagen: Gießener Zamilrenblätter, Der hessische Kandwirt, Mütter für hessische Volkskunde. Adresse für Depeschen: Anzetgcr <§>'ufeeu Fernsprecher Nr. 51. feunben unb ** Wnett -V ed m: 311! ÜU88 or Missalle Ab- erNach- ngeden Ml finders; darauf, oenszng »ist eine Systems ungbei- Jessen: * ssvereitt- xttV* Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den ftlgmbcn Tag erscheinend«. Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher. Die Amerikafahrt der Burengesandte«. I Mit inniger Teilnahme vernimmt das deutsche Volk, I Daß in Pretoria der Volksraad von Transvaal zusammen- I getreten ist, um in schicksalsschwerer Stunde noch einmal I von der gemeinsamen Not und dem gemeinsamen Leid zu I sprechen. Sie sind nicht alle gekommen, die Vertrauens- I männer des Buren Volkes, denn gar mancher von ihnen I steht draußen auf gefahrvollem Posten, die Büchse im Arm, I vor dem Feinde, und andere und manchen der Besten I deckt der kühle Rasen. Pietätvoll hat man den Stuhl, auf I dem der alte de Kock, der als einer der Ersten sein Leben I hingab, zu sitzen pflegte, mit Blumen geschmückt und weh- I ,nutsvoll weilt das Auge auf dem Platze, den Piet Joubert, | der alte, zähe Burenfeldherr , einnahm. Kraftvoll I ober und ungebrochen ragt noch die Gestalt des gewaltigsten | unter den Burghern Transvaals: Ohm Krüger ist heute I der gleiche, der er einst war, der Mann voll Gottvertrauen I und Mut, der Mann von Entschlossenheit, und Vorsicht. I <£r ist tö, der dem kleinen Volke der Hirten und Acker- I dauer die Kraft gegeben hat, durch lange Monate der I gewaltigen Macht der Engländer stand zu halten, er hat I im Frieden gesorgt, daß der Kampf ein wohlgerüstetes I Volk finde. Das .Kriegsglück ist seinen Waffen nicht immer I treu geblieben, Fortuna war wankelmütig zu jeglicher Zeit. I Aber noch werden Monate, werden vielleicht Jahre ver- I gehen, ehe England die Frucht gewinnt, die es so heiß I ersehnt, und mit Schauder sieht die fühlende Welt das I Schauspiel, ohne die Kraft zu finden, es zu beenden. I Tie Buren sind fromm und gottgläubig, das Buch, I das sie mit sich führen in fremdes Land, und in den Krieg, I ist die Bibel. Es ist nicht jene pietistisch heuchlerische I Art der Chamberlain und Genossen, jene Art, I die sechs Tage in der Woche gegen Gottes Gebote verstößt, I um am siebenten mit frommem Augenaufschlag Gott zu | danken, daß sie nicht sind wie die Fischer und Zöllner. I Die Buren, die in stetem Kampf mit dem wilden Tier I und dem wilden Menschen ihr Leben wagen und gewinnen, die in harter Arbeit dem Boden den Preis abringen, sie stehen im engsten, im persönlichen Verhältnis zu ihrem Gott, von dessen Athem sie spüren, wie er dahinweht über die Berge und Thäler und die steinigen Steppett ihrer Heimat. Gerade das sichere Gottvertrauen, das sie beseelt, erweckt in uns, den Schauenden, das Gefühl, als seien die Gestalten der Antike wieder lebendig geworden und schickten sich an, um ein neues Gottesreich zu kämpfen. Wie klingt es anders, wenn im Volksraad zu Transvaal der greife Krüger spricht, wenn er zu den Volksbooten redet, als die gefühlskalten Zweckmäßigkeitsbeteuerungen eines Salisbury oder Balfour! „Der Herr aber, Brüder, wird seine mächtigen Wunder thun, wenn seine Stunde gekommen sein wird", so klingt es wieder aus all dem Leid der Niederlagen und im Triumphgefühl des Sieges. Sie stehen einsam und sie kämpfen einsam. Aber die Teilnahme und die innigen Sympathien, die man vor allem in Deutschland ihnen schenkt, geleiten sie auf allen ihren Wegen. In Holland hat man den Vertretern des stammverwandten Volkes gastliche Aufnahme gewährt. Sie ziehen jetzt dem neuen Weltteil entgegen, dessen Volk plötzlich und unerwartet in die Reihe der Großmächte getreten ist. Aber es ist! seltsam genug: Noch ehe die drei Boten der Präsidenten Steijn und.Krüger den Boden des neuen Erdteils betreten, hat bereits eine so starke und nachdrückliche Bewegung begonnen, daß das ganze, große Volk der Amerikaner von ihr! ergriffen wurde und daß selbst die inner- politischen Verhältnisse dev Vereinigten Staaten von ihr beherrscht werden dürften. Selbst Gold- und Silberwährung, landwirtschaftliche Zölle und Fleischausfuhr treten zurück vor dem leidenschaftlichen Interesse, das in dem seltsamen Volke das Schicksal der Buren erweckt. Es klingt wie ein Treppenwitz, wenn die kommenden Wahlen für den Posten eines Präsidenten der Vereinigten Staaten stattfinden unter dein Schlachtruf: „Für oder wider die Buren", wenn der „Viercleur" Transvaals dem Gegner Mac Kinleys vorangetragen wird in dem Kampf und wohl auch zum Siege. Deutsche und Irländer voran; aber auch ein nut Teil! der echten Yankees stehen im Gegensatz zu der anqlophilen Politik der herrschenden Persönlichkeiten, und wohl ist es möglich, daß selbst Mac Kinley sich bekehrt, wenn anders er noch einmal den Weg zur höchsten Wurde der Republik antreten will. So ist es in der Thal möglich, daß der kluge Schachzug der Burendeputierten, den Weg über den Ozean anzutreten, doch noch zu einem Erfolge führt, ^a, sie handeln m der Thal mit einer diplomatischen Feinheit, die drei Deputierten die der Bewunderung wert ist. Sie fordern keine Intervention, sie stellen sich schlicht und einfach auf den Boden der Haager Beschlüsse Sie verlangen keme Intervention, sie fordern ein Schiedsgericht, und smd bereit, sich feinem* Spruch zu unterwerfen. Der Zar ist ja der Vater der Haager Konferenz g^^fen, er ist auch von Natur berufen, der Gerant ihrer Befchlufse zu sem Aber kühl und gleichgiltig vernimmt man im Wmterpalaste an bert, daß vor kurzem durch den Präsidenten Loubet die Eröffnung ftattfinben konnte. Man hatte viel erwartet von diesen Glanzstücken der Ausstellung, aber als man an jenem ersten Tage diese Säle, diese Hallen und Galerien durchwanderte, da wurden doch die weitgehendsten Hofft nunaen noch übertroffen, und der Stolz der Pariser auf diese beiden, aus edelstem Material und unter glücklichster Unterstützung der schönen fünfte errichteten Palais, welche die Weltausstellung überdauern, sowie ihren überaus! reichen Inhalt, wie ihn kein anderes Volk, kem anderes; Land der Erde bieten kann, ist ein durchaus gerechtfertigter. Das Kleine Palais birgt geschichtliche, aus staatliche ml und privatem Besitz stammende Erinnerungen von der frühesten Zeit an, die kunstgewerblichen Arbeiten rc. des Mittelalters bis zum Beginn der ersten Revolution, das Große Palais zunächst die besten Werke der ftanzosischen. Malerei und Bildhauerkunst wie der verwandten Zweige von der Revolution an bis zur Gegenwart, und die Kunst- Ausstellungen der fremden Staaten, die sich bemühten, das würdigste und kennzeichnendste der nationalen Kunst-' richtungen zur Schau zu stellen — für den, der nur das leiseste Interesse für die Kunst hat, für die künstlerische Entwicklung des trotz aller politischen und sozialen Umwälzungen stets reichen, stets kunstfteudrgen und kunst- sch-afsenden Frankreich, bietet ein Besuch der beiden Gebäude immer neue Anregung, immer neuen Genuß, und' mit glückbringender Bewunderung läßt man all das Große, Schöne, Erhebende auf sich einwirken, das hier in geschickt tester Weise vereint worden ist. Wenden wir uns zunächst dem Klemen Palais zu, das, nach den Plänen Giraults errichtet und 7000 Quadratmeter bedeckend, durch, seine graziösen Formen erfreut; die Mitte i bildet eine weite, von lustiger Kuppel gekrönte Thorhalle, deren überdachtes Giebelfeld ein beliebtes Hochrelief „Paris, die Künste schützend", schmückt, während die zum Eingang führenden Treppenstufen von zwei anmutigen Gruppen: „Flora mit ihren Kindern" und „Die Seme mit ihren Nebenflüssen" begrenzt werden. Zweiunddreißig mit jonischen Kapitälen versehene Säulen, zwischen denen sich über den t*n Fenstern Reliefs mit Beziehung auf Kunst und Kunsthandwerk hinziehen, unterbreck-en die Vorderseite, die von je einem Pavillon abgeschlossen und oben durch eine leicht gehaltene Ballustrade gekrönt wird. Von der Treppe aus gelangt man in den vornehmen Kuppelraum, dessen untere Wände mit buntem Marmor bekleidet, die oberen Flächen aber weiß und reich ornamentiert fmb, allegorische weibliche Gestalten stehen in den von Blattpflanzen umrahmten Nischen, in der Mitte hält auf fernem Schlachtroß ein Ritter in der Turnierrüstung Franz I. Wacht. Hinter diesem Eingangsraum liegt ein runder, I von marmorner Säulenhalle umgebener Garten, um den I zweifache, weiße, im Renaissance-Stil ausgeschmückte Gale- rieen gehen, welche später Museumszwecken dienen werden; I jetzt sind die Wandflächen zum Teil mit den herrlichsten I Gobelins bespannt, es fehlt nirgends an Gebüschen wie I Ruhesitzen, von den Fenstern der äußeren Galerie bUat man I überall auf die Gartenanlagen draußen und deren Dlumen- I und Blütenpracht. In langer Richtung wandernd, treffen wir auf die I Funde der gallisch^ömischen Zeit, meist Gräbern entnommen, aus Waffen und Schmucksachen bestehend, unter letz- I teren viele goldene Arm- und Halsspangen, gelegentlich I mit Verwendung von Edelsteinen, die auch geschickt ber I Haarnadeln und Ringen angebracht wurden, eine Samm- I hing von Glaswaren zeigt schöne Formen und zarten I Schmelz, daneben sehlt's nicht an steingehauenen Gotter- I bildern, denen die Bewohner der einstigen Lutetia des I heutigen Paris, ihre Verehrung gezollt, hatte sich doch | dort, wo jetzt die Notte-Dame-Kirche steht, ein von den I Seineschiffern errichteter Tempel des Jupiter erhoben, der I auf Veranlassung des Tiberius entstanden. — Auf ^ahr- I Hunderte hinaus fehlt es dann an erhalten gebliebenen I Erinnerungen ehemaliger Zeiten; während der Raubzüge I der Normannen wurde mehrfach Paris eingeäschert, zerstört I oder von schweren Seuchen und Hungersnöten heimgesucht, I und auch nur glücklichen Zufällen mag es zu danken sein, | daß aus den Stürmen des 10. und 11. Jahrhunderts jene hier aufbewahrten Gewebe, Messingsachen, Holz- und Elfen- I beinschnitzereien, Schmiedearbeiten gerettet wurden, schwer- I fällig in Gestaltung und Ausführung. Dann, in den nächsten Jahrhunderten, tritt die Kirche I beherrschend mit ihren Schätzen auf, der Märien-Kultus I und die Verehrung der Heiligen eifert .Künstler und Kunst- I Handwerker an, das Höchste zu leisten, und die edelsten: I Metalle werden verschwenderisch verwendet, um Die Jitare I auszuschpiücken und den Reliquien würdige Behälter toeifcn; mit den kostbarsten Stickereien werden d.° qewander bedeckt, und in der bildnerischen Ver^erung der heiligen Schriften wetteifern die klösterlichen Kunst! , es find Schätze ersten Ranges, d-e^r hier u beträchtlicher rlabl kennen lernen Wie wir aus den Möbeln oev 14. una Uelbst uoch des 16. Jahrhunderts ersehen, gab man woh viel aus kunstvolle Holzschnitzereien, aber alles war fest M. 111 Drittes Blatt in RtatMroäxtti Mm dm Wtiei vnWn, Msell« (en ben ArbeWei m ihren Rennt* enigen sonstigen 8t gesund, fcfiftifl u«! M Ordnung uiti ngsgode, 9lad)benlc lei'en, Schieiden un) jiwentarien geübt, ragen zu Helsen, pn- ember 1897 em in •inen solchen M oenben in deiW ar.befi ermöglichst'* Mrichnelen n* mnüsMbM na nach M je0 nachdem aute,|ti Meßmer Anzeiger /LL AA* A^*Ar f /CV/ AA A AA Ztr AA* Anreigm-B-rminlmrgSstellen bc8 In- und Auslandes 6 1 ßO fl Hi M ty« U 7 <71 (1 V I nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger cnkgeg«. XLv' vllvl v V- V- V ZeilenpreiS. lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg. der Newa den Notschrei eines um Recht und Dasein ringen- I den Volkes und die Berliner Großfinanz schickt den aus- I gemergelten Hindus ihr Geld, damit sie den Engländern I — ihre rückständigen Steuern zahlen können. I Für die Bereinigten Staaten ist eine große Stunde I gekommen. Schon jetzt scheint es, als werde die Reise I der Burengesandten durch Amerika einem Triumphzuge I gleichen, städtische und politische Körperschaften bereiten I ihnen einen festlichen Empfang. Das amerikanische Volk I bildet den letzten Hort für die Hoffnungen der Buren. I lieber fcie Aussichten der Burengesandtschaft erhalt I die „Rhein.-Westf. Ztg." noch folgende bemerkenswerte I Mitteilung aus Brüssel: „Infolge von Nachrichten aus bester Quelle kann I versichert werden, daßf die Aussichten sich mehren, die I auf eine Vermittelung der Vereinigten Staaten im sud- aftikanischen Kriege hinzielen. Wohl zu verstehen folgt I die Regierung Mc. Kinleys dabei weniger den fteund- I schaftlicheii Gefühlen für die Buren, als dem Druck der I öffentlichen Meinung. Doch ist ferner wohl zu bemerken, I daß noch andere weit wichtigere Dinge mitwirken. Em I Dazwisck)entteten der europäifdjen Mächte hätte England I kaum ruhig hinnehmen können und wollen. Anders steht I es mit den Vettern überm Meere, zumal bei der Kriegs- I müdigkeit, die sich mehr und mehr in England selbst I bemerkbar macht. Man trägt sich hier mit guten Hofft nungen, vielleicht ist das Ende des Krieges durch Ern- 1 schrecken Amerikas, dem ftch hinter den Kulissen Frank- I reich zugesellt, näher, als man denkt. Vorschläge, die I rum Ziele führest können, sind schon früher angebeutet I worden: Gewährleistete Neutralität und teilweise ar- tilleristtsche Entivaffnung, Schleifung der Forts, dagegen Anerkennung der völligest Unabhängigkeit beider Freistaaten ohne jede Klausel, sowie Zusicherung emes Zugangs zum Meere. Letzteren kann England um so eher gewähren, als es durch endgiltige Besetzung der Delagoa- bai absolute Herrin der südostasrikanischen Küste fein wird. Wenn nicht alles trügt, sind Fühler bereits aus- gestteckt worden, eine Zurückweisung aber ist nicht er- I ^Schließlich liegt aus Amerika selbst noch folgende Mel- I bUn9 New-York, 10. Mai. Der Rat der Aldermen hat I beschlossen, daß ein aus 15 Aldermen und 15 Gemeinderäten bestehender Ausschuß die Abordnung der Buren I feierlich begrüßen solle. In dem Beschlüsse heißt es, | I die städtische Verwaltung heiße die Abordnung will- , kommen stnd gebe ihr die Versicherung, daß die Be- I Dotierung New-Yorks den rühmlichen Kamps, den ine I Republiken gegen das mächtige England führen, mit lebhafter Teilnahme begleite. Der Beschluß wurde mit allen gegen die Stimme eines Mitgliedes gefaßt, das sich scharf widersetzte.____ MihSge durch Hit Pariser MtMstrüuug. Von Paul Lindenberg. (Nachdruck verboten.') V. I Die Nicolaus Avenue. — Ihre beideu Paläste. — Das Kleine I Palais. — Erinnerungen früherer Zeiten. — Die Leistungen des ftanzosischen Kunstgewerbes. — Der Geschmack des Mittel- I alters. — Wachsen des Luxus. — Bon Ludwig XIV. bis Ludwig XVI. und Marie Antoinette. Zu den schönsten Teilen der an malerischen Anblicken I so reichen Ausstellung gehört die neugeschaffene, breite I Nicolaus-Avenue, die dem russischen Kaiser zu Ehren ge- I tauft wurde, und die eine bequeme Verbindung herstellh I zwischen den Champs-Elysees und dem Jnvalidendom I über die prachtvolle Alexanderbrücke. Der Eindruck, den I man an einem sonnenfröhlichen Tage gewinnt, wenn man I die Avenue von den Champs-Elysees her betritt, ist em I ganz berückender; von buntestem, wechselnstem Leben und I Treiben ist die gewaltige Allee erfüllt, die mit schönen I erfrischenden Gartenanlagen, mit hochragenden Palmen, I mit blühenden Fliedergebüschen und rauschenden Spring- I brunnen geschmückt ist, zwischen und vor denen erlesene I Kunstwerke und zahllose Ruhebänke Platz gefunden; rechts I erhebt sich in toeitgeftredten stolzen Formen das Große, I links das zierlich-reizvolle Kleine Palais, beide in gelb- I lich-leuchtendnn Sandstein aufgeführt und mit reichster I bildnerischer Zier verselstn; zwischen ihnen schweifen die I Augen hin zu der prunkend gestalteten Alexander-Brücke I und der hinter ihr sich öffnenden weißen Palaststraße der I Jnvaliden-Esplanade, die ihren wirkungsvollen Abschluß I erhält durch das altersgraue, massige Jnvalidenhaus mit I der mächtigen goldglänzenden Kuppel über dem Dom, in I welchem die sterblichen Reste des ersten Napoleon ruhen! Mit Aufwendung aller nur zur Verfügung stehenden I Arbeitskräfte, mit Zurhilfenahrne der Nächte wurden die I Jnnenräume der beiden erwähnten Palais derart geför- und schwer, gleich den steifen Malereien, die selbst den freundlichsten Gesichtern etwas strenges verliehen. Reich entwickelte sich das Waffenhandwerk, was uns die Rüstungen und Schwerter, die Helme und Schilde beweisen, Gewehre und Pistolen werden mit sorgsamsten Elfenbein- und Perlmutter-Einlagen versehen, und allmählich nimmt der Geschmack an besserer Ausgestaltung der Wohnräume zu, Gold, Silber und Bronze treten dabei mehr und mehr in die Erscheinung, auf schöne Porzellan- und Glasgeräte wird stets höherer Wert gelegt, und Limoges leistet wundervolles in seinen klassisch geformten, in herrlichem Schimmer glänzenden Vasen, Schüsseln, Tellern, die noch heute unerreichte Vorbilder sind. Verhältnismäßig schnell schwindet der Einfluß des Kirchlichen auf den mit Kunst und Kunsthandwerk in naher Verbindung stehenden Gebieten. Mit leichtbeschwingten Schritten nahen die Grazien und schlagen alle klösterlichen Ueberlieferungen in die Flucht; die Götter Griechenlands und Roms mit ihrem übermütigen Gefolge erscheinen auf Gobelins, jaus Möbeln, auf Bronzezierraten, wir sehen Zeus, wie er seine Untergebenen auf die Erde kommandiert, damit sie dort Freudigkeit verbreiten, und erblicken Madame Juno auf einem Pfau, mehreren Rittern und Jägern zulächelnd — beides Bronzekunstwerke von ausgesuchter Schönheit. Mytologische Szenen lockeren Inhalts werden mit Vorliebe auf Teppichen, Vorhängen und Gemälden dargestellt, der Prunk in den Palästen nimmt von Jahr zu Jahr zu, nicht nur die Tafel, auch die Toilettentische der Damen schmücken sich mit den köstlichsten Gold- und Silbergeräten, die Einrichtungen der Salons, der Schlafzimmer, der Speise- und Wohnräume sind von kokettester Anmut, als ob die Liebesgötter selbst die Anordnungen dazu gegeben — kein Wunder, wir sind ja in das Zeitalter Ludwigs XIV. eingetreten! Was von dem Regierungsanfang des „Sonnenkönigs" bis zu den Glanztagen Ludwigs XVI. und Marie Antoinettes an Eleganz, an Verschwendung, daneben an vornehmstem Geschmack und künstlerischester Vollendung geleistet wurde, das finden wir hier in geradezu einziger Art vereint; Staat und Private, die Verwaltungen der Museen und Schlösser gaben das beste her, was sie aus jenen 150 Jahren besaßen, und aus all diesen tausendfachen Dingen steigt auf das anschaulichste die Zeit höchster Frivolität und übermütigsten Lebens empor, die, neben ihren Schattenseiten, doch auch das Verdienst hat, daß die schönen Künste und das Kunstgewerbe Aufgaben und Anregungen, sowie die Mittel! zu deren Ausführung erhielten, wie sie ihnen selten vor- und bisher nie wieder zu Teil geworden. Wenn man durch diese Säle schreitet, hört man unwillkürlich das Knistern der steifen, reichgestickten Brokat- und Seideugewänder, das Klappern der hohen Absätze, die nur den Damen von Stand erlaubt waren, das Auf- und Zufalten der Fächer, welche die Meisterhand eines Watteau, emes Greuze bemalte, ein leises Kichern und Flüstern feiner Stämmchen, die das neueste Erlebnis jenes Kavaliers, das Mngste Abenteuer dieser hochgestellten Dame mit allen Einzelheuen zu berichten wissen, scheint in diesen Räumen zu haften und läßt uns alles mit verdoppeltem Interesse betrachten. Wenn die koketten Sänften dort, mit den Bildern ftohesten Lebensgenusses auf goldigem Lackgrunde, wenn die niedlichen Schlitten da in der Form eines den Nachen aufsperrenden Tigers oder einer einen Blumenkorb auf dem Rücken tragenden Schildkröte erzählen könnten, was würde man da alles erfahren! Denn diese Damen »n den Wänden, mit den ovalen Gesichtchen, den hohen Haarfrisuren, den zerbrechlichen Taillen, den zartesten Händchen und winzigsten Füßchen, die man sich denken kann, sie versuchen wohl, auf diesem und jenem der Porträts ehrpusselig auszuschauen, aber es gelingt ihnen nicht recht, ihre wahre Natur tritt in den Schäferbildern besser zu Tage, in jenen Gemälden, wo «an sie als Göttinnen bei ftohen Spielen oder auf der Jagd sieht, bei Maskeraden und den Vergnügungen in Versailles und Trianon, oder — wie auf dem großen, von Vestier stammenden Bilde — als wohlfrisierte Nymphe soeben dem Bade entstiegen, und zwar mit den lieblichen Zügen der blondlockigen Gräfin Dubois, Hofdame Marie Antoinettes. Ganz anders, stolz und ihres Wertes bewußt, schauen die Herren drein, bald in Rüstungen, bald in Seidengewändern, das blaue Band des Ludwigsordens über der Brust, die mächtigen Perrücken über die Schultern fallend — ach, wie manches der hier wiedergegebenen Gesichter verlor seinen l-ochmütigen Ausdruck, als Robespierre seine Schreckensherrschaft begonnen. Watteau, Nathier, Largilliere, Ri- gaud, Eallet, Greuze, Boucher, Bachelier sind unter den Malern dieser Hofgesellschaft vertreten, und auch in den Sammlungen kostbarer Fächer finden wir ihre Namen. Wohin wir die Blicke richten, treffen sie auf Leistungen von höchster Kunstfertigkeit, wie bewundernswert ist jene in Marmor ausgeführte Gruppe der drei Grazien, welche Blumen [u:nt eine Säule winden, wobei eine der Holden zwanglos die Hand erhoben hat, der Zeigesinger auf das um das Oberteil der Säule in Form eines Bandes laufende Zifferblatt einer Uhr weist, stets die betreffende Zeit angebend, wie herrlich sind die reich mit Diamanten verzierten, bemalten Dosen, die James Rothschild gesammelt, die silbernen und goldenen Tafelaufsätze, das Geschirr, die Bronzegeräte der Kamine, die riesigen Gobelins, so frisch wirkend, als wären sie erst gestern aus der Weberei hervorgegangen, die einzelnen Möbel und ganzen Salonemrich^- ungen. Den Wert der letzteren kann man daraus ermessen, daß kürzlich bei einer öffentlichen Versteigerung in Paris eine nur acht Stücke umfassende Salongamitur aus der Zeit Ludwigs XV. mit 150 000 Francs bezahlt wurde. Wie mag da der Schwuckschrank Marie Antoinettes bewertet werden, den wir hier sehen und der ziemlich zwei Meter hvch und ebenso breit ist, mit den reichsten Verzierungen aus Goldbronze und Biscuit-Porzellan, die allerlei Götterszenen darstellen, mit Blumenmalereien auf Goldgrund und zarten Perlmüttereinlagen, oben gekrönt durch eine große Bronzegruppe, Mars von Göttinnen umgeben. Gerichtssaal. Die symbolische Hundepeitsche. Das gegen den Reichstagsabgeordneten Dr. Lieber im Dezember v. I. vor dem Reichstagsgebäude verübte Attentat beschäftigte die zweite Strafkammer des Landgerichts I. in Berlin. Unter der Anklage der körperlichen Mißhandlung und wörtlichen Beleidigung wurde dem Gericht der 26 jährige und wegen Aufreizung mit drei Monaten Gefängnis vorbestrafte Verlagsbuchhändler und Schriftsteller Gustav Adolf Brandt aus Neu-Rahnsdorf vorgeführt. Er hatte dem Gericht einen Ablehnungsantrag schriftlich unterbreitet, der nach der Ansicht des Vorsitzenden, Landgerichtsdirektor Kälter, wegen der darin enthaltenen starken Ausdrücke ihm eine Beleidigungsklage zuziehen dürfte. Er beantragte mündlich die Ablehnung der Landgerichtsräte Ziem und Wagner, weil diese in einem früheren Termin mit in dem Kollegium gesessen haben, das aus nichtigen Gründen die Ladung des Dr. Lieber abgelehnt habe. Dieser sei sein haupt- sachlchster Entlastungszeuge, weil er bekunden müsse, daß er gar nicht mißhandelt worden sei. Der zweite Ablehnungsgrund gehe dahin, daß an ihn das Ansirnitm gestellt worden sei, das Attest eines beamteten Arztes über seinen Gesundheitszustand, der ihm das Erscheinen vor Gericht zum vorigen Termin unmöglich gemacht habe, beizubringen. Ein Oberstabsarzt sei nach seiner Ansicht ein beamteter Arzt, die Anrufung eines andern Arztes, zu dem er kein Vertrauen habe, könne man ihm nicht zumuten und kein ehrenhaftes Gericht werde. . . Hier unterbrach der Vorsitzende heftig und drohte ihm, ihn sofort abführen zu lassen, wenn er sich erkühnen sollte, Beleidigungen gegen das Gerichl auszustoße^ - »ngeff.: Ich beuge mich Ihrer Autorität! - Der Gerichtshof lehnte den Ablehnungsantrag als unbegründet ab, nachdem die La"i>- gerichtsrate Ziem und, Wagner auf Aufforderung sich-dienst, uch dahin geäußert hatten daß fie sich uicht für befangen erachten. Zur Anklage stand em f. Z. viel besprochener Vorfall. Am 12. Dezember mittags gegen 12 ubr 30 Min kam Dr. Lieber in einer Droschke vor dem Portal 2 des Reichstagsgebäudes an. Als er dort eintreten wollte trat ihm der dort postierte Angeklagte entgegen und sagte • „Herr Dr. Lieber, ich bin gekommen, um Rechenschaft tDeLn' des Dr. Sternberg zu fordern!" Dr. Lieber machte eine Handbewegung, damit ihm die Passage freigegeben werde. Der Angeklagte kam aber dieser Aufforderung nicht nach, sondern zog unter seinem Pellerinenmantel eine sogenannte Hundepeitsche hervor und soll damit den Dr. Lieber zweimal über Arm und Schulter geschlagen haben. Der Angeklagte behauptet, daß ein eigentliches Schlagen nicht stattgefunden, daß es fich vielmehr nur um eine „Vermittlungshandlung" gehandelt und er deshalb den Dr. Lieber mit der Peitsche nur s y m- b o l i s ch berührt habe. Er giebt zu, bei dieser Gelegenheit zu Dr. Lieber gesagt zu haben: „Ihnen, dem Meineidshelfer der preußischen Regierung und dem Reichstage irr Sachen des Dr. Sternberg die Hundepeitsche!" Der Vorsitzende fragte nach dem Beweggründe zu diesem Attentat und bemerkte ihm gleich auf das bestimmteste, daß feine Hoffnung, hier den ganzen Fall des entmündigten Oberstabsarztes Tr. Sternberg auftollen zu können, durchaus nicht auf Erfüllung zu rechnen habe. — Der Angeklagte erklärte, daß sein Vorgehen den Zweck gehabt habe, die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Fall des Dr. Sternberg zu richten und auf Verabredung mit anderen Personen beruhe. Er fei der unerschütterlichen Ueberzengung, daß sowohl der Dr. Sternberg, als auch der Dr. B r o z e i t in Tilsit zu Unrecht entmündigt worden sei. Er habe auf Ersuchen des Hauptmanns von Forell seit zwei Jahren sich bemüht, die Entmündigung des Dr. Sternberg zur Aufhebung zu bringen, er habe sich an die Behörden und auch an den Kaiser gewandt, alle Schritte seien aber erfolglos geblieben, und so habe er sich denn zu dem außerordentlichen Schritt gegen Dr. Lieber entschlossen. Dieser habe, als die Entmündigung des Dr. Sternberg schon zwei Jahre bestanden, sich der Sache angenommen unb versprochen, sie vor den Reichstag zu bringen; er sei tief entrüstet über das Vorgefallene gewesen unb habe erklärt gehabt, dafür sorgen zu wollen, daß, im Reichstage kein'preußischer Richter das Referat übernehmen würde. Nachher habe Dr. Lieber aber durch die Behauptung, daß das Verfahren schon vollständig erledigt sei, dazu beigetragen, daß es nicht zur parlamentarischen Erörterung kam. Dr. Liebers Behauptung sei aber nicht wahr gewesen, denn das Verfahren sei noch nicht vollständig erledigt, gewesen, es habe vielmehr noch die Anfechtungsklage gegen den Gerichtsbeschluß geschwebt. Er habe den Dr. Lieber keineswegs körperlich mißhandeln, sondern nur eine symbolische Handlungsweise vornehmen wollen, um die Sternbergsche Angelegenheit vor der Oeffentlichkeit aufzurollen. Er habe vorher mit verschiedenen Herren konferiert, und auch Juristen befragt und erfahren, daß dies das einzige Mittel sei, die Angelegenheit des Dr. Sternberg in Fluß zu bringen. Der Angeklagte beantragte die Vernehmung des Dr. Lieber unb schlug noch zwei Zeugen zum Beweis dafür vor, daß in den That nur eine symbolische Handlung beabsichtigt gewesen sei. — Der Staatsanwalt beantragte die Ablehnung dieser Anträge, da auch die bloße Berührung mit einer Hundepeitsche jedenfalls das Gefühl körperlichen Unbehagens Hervorrufe. Der Gerichtshof beschloß, die benannten Zeugen voizuladen, vorher aber die Akten der Staatsanwaltschaft mit dem Ersuchen zuzustellen, Ermittelungen über die Ver- handlungsfähigkeit des Dr. Lieber anzustellen. cp as GU 3842 s H. Wagner. Carl Vogt II. Louis Walther. 10 Begründet 1865. HaushültunMrtikel Gartenluöbel 1627 Asse Arten Werkzeuge, Aaußeschtäge leiLiiesTe- Kirchenplatz 11, Emgang Schloangasee. 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