Nr. 212 Erstes Blatt. Dienstag den 11. September 15V. Jahrgang LSQ« 1ck,Nch atü bei Du «*wr faiiUhalUHte Bwrbro bm Anzeiger ta W-M mit „M- BwbMh-T M. Mr H- MMunbt* «GM. *■*! ktfdtflt Gießener Anzeiger ASezugsprei» virrteljährl. Mk 2M monatlich 75 Psg. mit Bringcrlohn) durch dir Abholkstelle» v^erteljährl. Mk. l,St monatlich 66 Pfg. Bri Postbezug Mk. 2,40 viertkljätzaE. mit Bestellgeld. S*c*N*< *•* Anzeigen zu der nachmittag» fit baa Heg Nchcheinenden Nummer M »arm. LO Ahe. ÄMMhwfJH spätesten- *ebt vorher. General-Anzeiger Ale Lnzeigen'vermittlunß-fiellen des In- und Au-laadaM nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegM, Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg. Anita» Uttb Anzeigeblatt für Sen Nreia Gieße«. ■W**, «S-ediNan und »cu*t*i: >r. L OrMsdeilaze«: Gießener Famiüenbiätter, Der hessische Landwirt, Matter für heMche UMstmudr. Adresse für Depeschen: Anzeiger chiäßM« Fernsprecher Nr. 5L Kmttüher Geil. G.ießen, den 9. September 1900. Betr.: Das Auftreten von Blatternerkrankung unter fremdländischen Arbeitern. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Grohh. Bürgermeistereien des Kreises, Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 0. August 1900 (Gießener Anzeiger Nr. 186) noch nicht nachgekommen sind, werden wiederholt an deren Erledigung binnen fünf Tagen erinnert. I. V.: Dr. Wagner. Volitische Wochenschau. In der chinesischen Frage ist die amerikanische Negierung angesichts ihrer Verwerfung der in der russischen Note enthaltenen Vorschläge jetzt bereit, den Mächten einen G e g e n v o r s ch l a g zu unterbreiten, dessen Wortlaut im Kabinettsrat zu Washington bereits entworfen Wurde. Jedoch verlautet, die Negierung Mc. Kinleys wolle ihren Plan nicht eher den Mächten vorlegen, bis sie amtlich unterrichtet sei, wie Rußland sich stellen würde, falls die Mächte ihn verwürfen. Indes ist es wohl sicher, daß Rußland in den größten Teil der amerikanischen Anregungen einwilligen wird, da die Frage, welcher Teil der Truppen in Peking bleiben solle, bereits Gegenstand von Unterhandlungen ist. Es ist anzunehmen, daß in den nächsten Tagen wichtige Entwicklungen stattsinden werden, die die jetzigen Reibungen beenden und die Einsetzung eines internationalen Ausschusses zur Feststellung der von China zu verlangenden Entschädigungen beschleunigen werben. Der amerikanische Vorschlag, der den Grundzügen des deutschen Planes folgt, geht dahin, daß die verbündeten Truppen in Peking verbleiben fvllen. Obwohl man jetzt Verbindung mit Peking hat, stockt der Nachrichtendienst noch immer in der seltsamsten Weise. Taku ist mit Tschifu und dadurch mit Europa neuerdings drahtlich verbunden, dennoch kommt auf diesem Wege nur wenig neues zu uns. Zwischen Taku und Peking aber giebt es einen höchst mangelhaften Meldedienst. Ob die Wege zwischen beiden Orten so schlecht sind? Der ehemalige Gesandte v. Brandt berichtet, nnd der muß es doch wissen, daß Karren in einem Tage von Tientsin nach Peking gelangen können, reitende Boten werden den Weg von Taku nach Peking und umgekehrt also in zwei Tagen machen können. Aber dieser Weg wird überhaupt nicht zur Nachrichtenvermittelung benutzt. Ist er zu unsicher? Man muß es annehmen und deshalb wünschen, daß bald weitere Truppen eintreffen, um den Weg völlig zu sichern und den Telegraph zu überwachen. Jetzt gehen die Drahtmeldungen aus Peking durch — chinesische Hände über Tsinanfu! Welch ein Hohn! Man kann sich denken, daß die Herren Chinesen sich Mühe geben, den Dienst zu verlangsamen und so den fremden Regierungen Verlegenheiten zu bereiten. Die Kaiserinwitwe hält sich jetzt nebst der Regierung in Taiyuenfu, der Hauptstadt von Schansi, auf, bei einem Gouverneur, der hinterlistig über fünfzig Europäer, darunter viele Missionare, in sein Aarnen gelockt haben soll, angeblich, um sie zu schützen, um sie dann aber niederhauen zu lassen. Er verlange jetzt für diese Verbrechen von der Kaiserin noch Belohnung. Die Kaiserin hat eine Kommission ernannt, die mit den Mächten wegen des Friedens verhandeln soll. Die Zusammensetzung dieser Kommission ist eine Verspottung der Mächte. Diese verlangen bekanntlich als Bestandteil der Sühne für die Ermordung der Fremden die Bestrafung der Schuldigen. Zu diesen Schuldigen gehören aber gerade Yunglu und Hsütung, die zu Mitgliedern der chinesischen Kommission ernannt worden sind. Rilßland, das zur unwürdigen Mäßigung gegenüber dem chinesischen Hochmut rät, trägt die Hauptschuld daran, daß die Chinesen so etwas den Mächten zu bieten wagen. Im Pachtgebiet von Kiautschou hat der erste Zusammenstoß deutscher Truppen mit einigen hundet Boxern stattgefunden; möglicherweise werden die zahlreichen deutschen Soldaten, die jetzt in China fällig sind, also in Schantung zum Teil wenigstens Arbeit finden. Jm Yangtse- gebiet ist es auch unruhiger geworden, und Pessimisten künden schon innerhalb eines Monats einen großen fremdenfeindlichen Aufruhr an. Bei Shanghai liegt jetzt das stärkste deutsche Kriegsgeschwader, das jemals im Auslande zusammengezogen worden ist; es soll aber in nächster Zeit nach Taku gehen. Inzwischen ist — difficile est satiram non scribere — das Werk der Haager Friedenskonferenz zum Abschlüsse gelangt. Am 4. September erfolgte die Niederlegung der von den Mächten unterzeichneten Protokolle im niederländischen Staatsarchiv. Wie wenig das Werk vollendet ist, das man mit so viel Pomp ankündigte, zeigen die unter wesentlichen Beschlüssen der Konferenz mangelnden Unterschriften wichtiger Staaten. Dem internationalen Schiedsgericht haben sie ja alle zugestimmt, die meisten aber wohl in der Erwartung, daß er doch nicht praktisch zur Geltung kommen werde; hat es doch gleich versagt in der südafrikanischen Angelegenheit, wo England den Krieg vorzog und es niemand gab, der es daran gehindert hätte. Die Grundsätze von Humanität im Landkriege haben den Amerikanern nicht gepaßt und sind von ihnen nickst unterschrieben worden. England allein hat bezeichnender Weise seine Zustinnnung zu dem Verbot versagt, Explosivgeschosse aus Luftballons zu werfen, Geschosse anzuwenden, die eine erstickende Wirkung üben, oder mit Dumdumkugeln zu schießen. England aber marschiert nach wie vor an der Spitze der Humanität! Da es nicht gelingt, d.as chinesische Riesenreich zu annektieren, versucht England es zuerst einmal mit der kleinen Transvaal-Republik, aber vorläufig ist es notiji nichts mit der „Zähmung der Widerspenstigen", selbst die Rosen dieser Besitzergreifung sind, wie Lord Roberts und die Engländer erfahren, nicht ohne Dornen. Denn diese Annexion steht lediglich auf dem Papier, das ja bekanntlich geduldig ist. Sie ist nicht nur völkerrechtswidrig, da man nur ein Land annektieren kann, das man erobert hat, sondern sie ist auch ein lächerlicher Akt, denn thatsächlich ist noch nicht ein Viertel der Transvaal-Republik in den Händen der Engländer. Es ist anzunehmen, daß die Buren weiter das ihre thun, um die Feinde nickst leichten Kaufes in den Genuß ihrer Annexion gelangen zu lassen. Vielleicht gehören auch die „Teilung Chinas" und die „Pazifizierung Südafrikas" zu den Problemen, die wie das Schicksal des „kranken Mannes" in der Türkei als permanente Ladenhüter der Geschichte figurieren. Er, der schon vor längeren Jahren totgesagt wurde, erfreut sich wie alle Totgesagten eines zähen Lebens. Und als soeben der Sultan sein fünfundzwanzigstes Regierungsjubiläum beging, zeigte die Haltung der Mächte, daß der Glaube an die allmähliche Auflösung des osmanischen Reiches zu den überwundenen Vorurteilen der europäischen Politik gehört. Im Zeichen der Auflösung steht zurzeit auch die Politik in unserem Nachbarlande O e st e r r e i ch, wobei es sich freilich nur um die Auflösung des Reichsrates handelt, die dem Kabinett Körber als der Weisheit letzter Schluß erscheint, um einen Ausweg aus dem Labyrinth der politischen Wirren zu finden. Allzu tiefgründig ist diese Weisheit freilich nicht und ob die Losung der Auflösung eine Lösung des politischen Problems in Oesterreich zu bringen vermag, das scheint noch sehr die Frage zu sein. Die G en e r a l v e r s a m m l u u g der Katholiken Deutschlands ist in der verwichenen Woche abgehalten worden. Das Ausland hatte, wie immer, wenn die deutschen Katholiken gerade am Rheine Generalmusterung halten, manchen Vertreter geschickt. Während in den geschlossenen Versammlungen in hergebrachter Weise eine Reihe Anträge erledigt wurden, reihten sich in den öffentlichen zahlreiche Reden aneinander, die naturgemäß teilweise auf jene Anträge Bezug nahmen, so z. B. in der römischen Frage. Die Reden berührten alle Gebiete, die dem Katholiken als solchem, zumal unter Berücksichtigung der Zeitverhältnisse nahe liegen, seien sie religiöser, poli tischer, wirtschaftlicher oder sozialer Art. Professor MauS- bach hielt eine bemerkenswerte Rede über Freiheit nnd Autorität. „Den Mann kann das Zentrum brauchten", sagte ein liberales Blatt von dem Landwirt Blum, der über Lage und Bedürfnisse der Landwirtschaft sprach. Rechtsanwalt Fehrenbach sprach über die Notwendigkeit der Teilnahme der Katholiken am höheren Studium, lvobei auch die Frage, ob seminaristische Konviktsbildung ober auch Universitätsstudium für die katholischen Theologen berührt wurde. Pfarrer Dr. Wnrm verbreitete sich über die Kirche an der Jahrhundertwende, Abg. Roeren über den Schutz der Jugend gegen die Auswüchse in Kunst und Belletristik. Abg Lieber hielt die Schlußrede. Neben der Generalversammlung hielt, wie alljährlich, der Volksverein für das katholische Deutschland seine Hauptversammlung ab. Wo die Heerschau der deutschen Katholiken im nächsten Jahre stattfindet, ist noch unbestimmt. In Rom tagte seit dem 2. September der 17. itaUe - nische Katholiken kongreß. Kongreßraum war, wie das in Italien gebräuchlich, eine .Arche, die zu St. Apollinarios. Das Laienelement hat dort nur ein recht schwaches Interesse für solche Veranstaltungen; der Klerus bildete die überwiegende Mehrzahl. Politische Tagesschau. Die Einberufung des deutschen Reichstages soll, wie die „Tägl. Rundschau" von zuverlässiger Seite erfahren haben will, für den 16. Oktober erfolgen. Die „Tägliche Rundschau" fügt selbst hinzu, daß sie für den Augenblick die Richtigkeit dieser Meldung nicht kontrollieren könne. Wie die „Dtsch. TageSztg." erfährt, ist über den Tag der Einberufung zurzeit noch nichts EndgiltigeS bestimmt worden. Der einzig richtige Zeitpunkt der Einberufung war der Juli oder vielleicht noch der Anfang August. Nachdem einmal dieser gegebene und eigentlich selbstverständliche Zeitpunkt versäumt worden ist, kann eS jetzt auf eine Woche früher oder später kaum mehr an« kommen. Die Regierung wird nicht nur die Berant« wortung allein tragen, sondern sich auch den Vorwurf gefallen laffen müffen, daß sie auf den zweiten Faktor der Gesetzgebung nicht die Rücksicht genommen habe, aus die er berechtigten Anspruch hat. Zu einer außerordentlichen Tagung den Reichstag jetzt auf kurze Zeit zusammenzuberusen, würde kaum noch zweckmäßig sein. Die Negierung wird gut thun, BeratungSstoffe vorzubereiten und den Reichstag nunmehr so bald wie möglich zu seiner ordentlichen Tagung einzuberufen. Der Vorstand des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins hatte auf Grund von Beschwerden, die über die Behandlung der deutschen Sprache in unseren Kolonien laut geworden waren, Hrn. v. Liebert, den Gouverneur von Deutsch- Ostafrika, um einen Bericht gebeten, der in der Septembernummer der „Zeitschrift des Sprachvereins" abgedruckt ist. Der Gouverneur bezeichnet es als rätselhaft, wie die Deutschen in Afrika in den Verdacht der Engländerei gekommen seien. Herr v. Liebert sagt u. a.: In unfern sehr stark besuchten und Ausgezeichnetes leistenden NegierungSschulen wird überall Deutsch gelehrt, und von dort auS wird sich unsre Sprache sehr langsam, aber stetig ihren Weg durch das Land bahnen. „frell Dir im Stegerkranz" wird den Kindern weidlich eingepaukt; denn sie müssen selbstverständlich unsere Nationalhymne fingen können. AlS ich kürzlich mit dieser Hymne begrüßt wurde, hörte ich von der einen Strophe deutlich die Laute: „Hasoha detiim Fatalam“, das sollte heißen: „Herrscher des Vaterlands". Nach solchen Erfahrungen begünstige ich die Bemühungen unsrer Lehrer, die unsre schönen deutschen Lieder in Suaheli übersetzen, und freue mich, wenn ich von den Kindern auf der Straße unsre Melodien, wie „Der Mai ist gekommen", „Der Lindenbaum" u. a. im Suaheli vortragen höre. Die Neger sind sehr musikalisch, lieben den Gesang sehr und werden durch solche Lieder an unsre Denkweise gewöhnt. Die in der Kolonie von früherer Zett her befindlichen zahlreichen englischen MtssionSanstalten sind streng gehalten, sich, da säst kein Engländer Deutsch versteht, nur der Landessprache zu bedienen. Stundenplan, Lehrbücher usw. sind nur in Kisuahili gestattet. Auch der Verkehr mit den deutschen Bezirksämtern wird in Kisuahili geführt. Als ich die hiesigen Geschäfte übernahm, wurde ich von dem britischen Generalkonsul in Sansibar ausgefordert, mit ihm französisch zu verkehren. Ich lehnte die« höflich ab und be- merkte, seit den Zetten des Fürsten BtSmarck set die deutsche Sprache in den internationalen Verkehr etngrführt, ich bäte ihn, mir englisch zu schreiben, ich würde deutsch antworten. Ebenso sind alle mir unterstellten Offiziere und Beamten angewiesen, ,tm Verkehr mit dem britischen Protektorat, mit Uganda, dem Kongostaat und Britisch- Zentralasrika sich ausschließlich der deutschen Sprache zu bedienen. Wie viel Wert an maßgebenden Stellen der Pflege der deutschen Sprache beigelegt wird, geht nicht nur aus dem von uns bereits mitgeteilten Schreiben des Staatssekretärs Grafen Bülow an den Vorsitzenden des Sprachvereins hervor. Wir erfahren aus der neuesten Nummer der Zeitschrift des genannten Vereins, daß der hessische Staatsminister, Dr. Rothe, neuerdings ebenfalls dem Sprachverein beigetreten ist. Bemerkenswert ist auch folgende Mitteilung, die Geh. Hofrat Prof. Dr. Behaghel in Gießen als Beispiel „für den vortrefflichen Geist, der unsere hessischen Beamten auch in sprachlichen Dingen beseelt," in dieser Zeitschrift veröffentlicht: Einer der höchsten Staatsbehörden war der Entwurf einer Dienstanweisung vorgelegt worden. Ihr Gutachten enthielt an hervorragender Stelle den Satz: „Es dürfte sich empfehlen, wie dies auch in vielen neuen derartigen Erlaßen geschehen ist, alle Fremdwörter, die durch gangbare deutsche Wörter ersetzbar erscheinen, auszu- merzen und an ihrer Stelle die deutschen Ausdrücke zu wählen." Prozeß Jsraelski. Könitz, 8. September. Um 9 Uhr begannen die Verhandlungen. Jsraelski versichert seine Unschuld. Er will zwar auf der Mühlen- straßc beim Landgericht gewesen sein, jedoch nicht die Schützenstraße zur, Fundstelle entlang gegangen sein. Bäcker meister Lange sagt aus über das Verschwinden des Winter und das Auffinden der Leichenteile im Mönchsee. Bauunternehmer Winter, der Vater des Ermordeten, bestätigt diese Aussage und erzählt von einem ihm aus Hammerstein zugegangenen anonymen Schreiben, das ihm 50000 Mk. bietet, wenn er in der Zeitung erklären wolle, die Juden seien nicht die Mörder seines Sohnes. Der Brief befindet sich in den Händen des Abg. v. Liebermann. Zeugin Frl. Lange. Nach dem Herausnehmen des Rumpfes aus dem See sei blutgefärbtes Wasser dem 'Packet, das den Rumpf enthielt, entflossen. Amtsrichter Gorski, der gleich nach Auffindung des Kopfes die Erhebung an der Fundstelle geleitet hat, macht darauf aufmerksam, daß sich dort ein Stück desselben Packpapiers, in das Rumpf und Kopf eingewickelt waren, unweit des (trabens in vollkommen trockenem Zustande gefunden hat, obwohl es damals jeden Tag geregnet hat. Der Kopf selbst ist fast vollständig von Moor und Wasser bedeckt ^gefunden worden. Aus dem Fund des trockenen Papiers schließt der Zeuge, daß der Kopf erst unmittelbar vordem Funde dorthin gebracht wurde. Tas Papier ist, wie sich während der Verhandlung herausstellt, in der Untersuchung verschwunden. Botenmeister Fiedler hat um 10 ein Viertel Uhr den Angeklagten gesehen, einen Sack, wahrscheinlich Salzsack, auf dem Rücken. Tie linke Ecke sei gewölbt, die rechte Ecke leer gewesen. Nach fünfviertel Stunden sah er den Angeklagten zum zweiten Mal, die Schützenstraße am Landgericht zurückkommend, ohne Sack und mit stark beschmutzten Stiefeln. Erst als der Kopf gefunden, fiel dem Zeugen diese Begegnung auf. Mehrere Zeugen Haben auch am Eharfreitag in der Nähe der Fundstelle einen verdächtigen Mann um halb zehn Uhr gesehen, der aber nicht identisch mit Fsraelski ist. Zeuge M a - schewski hat den Angeklagten auch um halb zwölf Uhr gesehen und konstatiert, daß dieser sehr schmutzige Stiefel getragen hat. Sanitätsrat Dr. Müller- Könitz berichtet über den Leichenfund und giebt das Gutachten ab, daß als Todesursache Verblutung infolge eines Schnittes durch den Hals anzusehen sei, doch seien auch Anzeichen von Erstickung wahrzunehmen, nämlich flohstichartige Punkte in der Lunge und am Kopfe. In der Speiseröhre und im Rachenraum hat der Sachverständige Reste von Kartoffelbrei, Fleisch und Gurken gefunden und nimmt nach dem Grade der Verdauung der Speisen an, daß der Tod zwischen vier und fünf Uhr eingetreten sei. Der Kopf war auffallend frisch; es muß entweder das Wasser und die Moorerde, in der man den Kopf fand, besonders zur Konservierung geeignet sein oder der Kopf muß die ganze Zeit über auf Eis gelegen haben. Am Halse und an einer Backe war stellenweise die Haut abgelöst, was a uf die Thätigkeit von Käfern zurückzuführen sein soll. In diesem Fall muß der Kopf längere Zeit dort gelegen haben. Tie Berliner- Gutachter Dr. Mittenzweig und Stürmer haben ebenfalls als wahrscheinliche Todesursache Verblutung durch den Halsschnitt angegeben, behaupten aber, daß ein Erstickungsversuch vorangegangen ist, sodaß die Schnittwunde am chalft dem Ermordeten erst in der Agonie beigebracht wurde. , Dr. Puppe, an der Berliner Universität Dozent für- gerichtliche Medizin, giebt sein Gutachten dahin ab, daß nicht Verblutung, sondern wahrscheinlich Erstickung die Todesursache sei und der Schnitt am Halse ebenso wie alle andern Schnitte an der Leiche zwecks Zerstückelung vorgenommen sind. Der Leichenbefund zeige braunrötliche Färbung der Lungen, ebenso rötliche Färbung der Herzklappen und der großen Gefäße des Oberschenkels, trotzdem die Leichenteile mehrere Tage im Wasser und 11 Tage im Spiritus gelegen, haben und dadurch eine Entfärbung eintreten mußte. Aus dem Rumpf floß bei seiner Auffindung noch eine blutige Flüssigkeit. Endlich zeigte die Halsschnittfläche keinerlei vitale Reaktion. Aus allem diesen ergiebt sich, daß Verblutung nicht die Todesursache gewesen sein kann, daß der Körper gar nicht blutleer war und der Halsschnitt erst an der Leiche vollzogen ist. Einziger Anhaltspunkt für die Todesursache seien die Petechien (kleine flohstichartige Blutunterlaufungen) an der Lunge, dem Gesicht und anderen Teilen des Körpers und diese lassen auf Erstickung schließen. Was endlich das Vorhandensein von Speiseresten in der Speiseröhre und dem Rachenraum betrifft, so sei dasselbe nicht auf Erbrechen zurückzuführen, sondern mit Wahrscheinlichkeit auf die Manipulationen an der Leiche, wodurch sich die Speisereste aus dem Magen auf rein mechanischem Wege in die Speiseröhre und den Rachen gezogen haben. Justizrat Gordon fragt, ob der Transport des Kopfes in einem Sack ohne Eis nicht dessen baldige Verwesung herbeiführen mußte, während der Kopf fast frisch gefunden wurde. Dr. Müller erklärt, diese Frage nicht beantworten zu können, während Dr. Puppe den Standpunkt von Gordon teilt. Der Schlachthausdirektor Wendt findet den Schächtschnitt nicht vor, giebt aber die Möglichkeit zu, daß ein zuerst vorgenommener Schächtschnitt durch die spätere Zerstückelung verdeckt sei. Kreistierarzt U h l kann den Schächtschnitt nicht erkennen. Staatsanwalt Sette gast hält die Anklage aufrecht und kombiniert noch einmal die Zeugenaussagen, die gegen Jsraelski sprechen. Er schließt mit dem Anträge auf 5 Jahre Gefängnis. Verteidiger Gordon plaidiert auf Freisprechung, da man die Thäter nicht entdeckt habe und da außerdem die Sachverständigen über die Todesursache uneinig seien. Es stehe juristisch nicht einmal fest, ob überhaupt ein Mord oder etwa nur ein Unglücksfall vorliege. Nach halbstündiger Beratung verkündet der Präsident das Urteil. Jsraelski wird freigesprochen, sofort aus der Haft entlassen und die Kosten werden der Staatskasse auferlegt. Belastend sei nur das Zeugnis Fiedler, doch stehe weder fest, daß Jsraelski nach der Fundstelle ge- gangen sei, noch was er in dem Sacke gehabt habe. Die Todesursache sei mit Sicherheit nicht festgestellt. Ein Schächtschnitt liege nicht vor und die anderen Momente seien unerheblich. Aus Studl und Zand. Gießen, 10. September 1900. Auszeichnung. Dem Gemeindeeinnehmer Rentmeister Dämel Ehrhardt in Viernheim wurde die Krone zum Silbernen Kreuze des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen. * * Die Produktion der drei Salzwerke des Großherzogtums ergab im Jahre 1899/1900 eine Salzmenge von 172 034 Doppelzentnern (im Jahr vorher 169 407 Dz.), wovon 156 005 Dz. auf das Privalsalzwerk Ludwigshalle bei Wimpfen, 15228 auf das Staatssalzwerk Bad Nauheim und 801 Dz. auf die Fabrik Amöneburg, in welcher das Salz als Nebenprodukt gewonnen wird, entfallen. Der Steuerbetrag dafür betrug 488 713 Mk. * * Die Generalversammlung des landwirtschaftlichen Bezirksvereins Gießen fand am Samstagnachmittag auf dem Lenz'schen Felsenkeller statt. Ter Vizepräsident, Oekonomierat Schlenke, der in Verhinderung des Provinzialdirektors, Geh. Rat v. Bechtold die gut besuchte Versammlung leitete, gab zunächst der Trauer über den Tod zweier verdienter Mitglieder, des Bürgermeisters Faulstich-Weitershain und des Grafen Friedrich zu Solms-Laubach Ausdruck. Besonders hob Herr Schlenke die Verdienste des Grafen L a u b a ch um den landwirtschaftlichen Provinzialverein hervor; trotz seines Leidens, das ihn zum Aufsuchen einer Heilstätte in Italien zwang, sei er stets auf seinem Posten gewesen. Noch in letzter Zeit habe er erklärt, daß er infolge seines Leidens alle Ehrenämter quittieren müsse, das Amt eines Präsidenten des Provinzialvereins aber werde er behalten bis an sein Ende; er habe Wort gehalten. Zum Zeichen des ehrenden Angedenkens an die Tahingeschiedenen erhob sich die Versammlung von den Sitzen. — Kreisamtmann Dr. Boeck - mann legte hieraufr nlt Okt 2.50%, 1»dkuuLo-Kommaadit per alt. tiept. 1.20 %, do. per ult. Okt. 2.40 %, Lombarden per ult Sept. 0.80%, do. per ult. Okt. 1.05%. Deutsche Bank per ult. Sept. 0.00%. Dotierungen : Kreditaktien 207.80-208.60-00 , Bfakonlo- Kommandit 175.40-70-175.60, Staatsbahn 142.30-60, Lombarden 26 10-00.00, Italiener 84 20, Spanier 72.90, 3proz Mexikaner 25.65, Bochumer 184.20-185.00 bz., Laura1 198.70-00-000 bz., Harpen er 178.30-179-0 bz., Gelsenkirchen 190.70-000.00 G., Privat-Diz - kont 4%%. 1% bis 2% Uhr: Kreditaktien 208.60-208.80-000-00 bz., Die- konto-Kommandit 175 60-30-00 bz., Staatabahn 142 70-142.70 bz., Lombarden 26.20-40.00 b., Laura 000-00, Berliner Handelsgesellschaft 00.00 bz., 3proz. Mexikaner 00.00 bz , 3proz. Portugiesen 00.00-00 bz., Ottomanbank 000.00 bz. Märkte. Grünberg, 8. September. Fruchtmarkt. Merzen 15,58—15,75 Mark, Korn 14,00—16,50 Mark, Gerste 00,00—00,00 Mark, Hafer 12,44—13,00 Mark, Erbsen 00,00—00,00 Mark, Linsen 00,00—00,00 Mark, Samen 12—00,00 Mark, Kartoffeln 0,00-0,00 Mark. Markus Bauer. Giessen, Kirchenplatz 11. Aus Rand und Rand könnte man kommen, wenn man schönen Teint, zarte, sammtweiche Haut gehabt hatte und all diese Schönheiten durch den Gebrauch sodascharfer Toiletiseifen verloren hat. Wie beugt man solchem Verluste vor? Sehr einfach I Gebrauchen Sie zum Waschen des Gesichtes rc. nichts anders, als Doerings bewährte Eulen-Seife. Für die Toilette der Damen wie zum Waschen der Kinder nichts besseres, nichts empfehlenswerteres. Für 40 Pfg. erhält man diese Seife überall.1903 a .-.--V*. Q (Hessen) zw. Darmstadt u. Heidelberg, Hotel u. Pension „zur Krone“, Sommerfrische. Pensionsprospekt u. Führ. grat. Bee.: G. Diefenbach Schul-Anzüge in grosser Auswahl! Danksagung Herrn Heinrich sprechen ihren herzlichsten Dank aus 5993 .H! 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