Nr 236 Zweites Blatt. Dienstag den 9 Oktober 150. Jahrgang rooe Gießener Anzeiger General-Anzeiger Alle Anzeigen'Vermittlungsstellen deS In« und Ausland«» nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg. Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher. Bezugspreis Vierteljahr!. Ml. 2,20 monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn; durch die Abholestelleu vierteljährl. Mk. 1,90 monatlich 65 Pfg. Bei Postbezug Mk. 2,40 Vierteljahrs, mit Bestellgeld. Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener MnmiklerrStStter werden dem Anzeiger im Wechsel mit „Hess. Landwirt" u. „Blätter für Hess. Volkskunde" avöchtl. 4 mal beigelegt. Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Gieren. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schurstraße Ar. 7. Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Matter für hessische UolKsKunde. Adresse für Depeschen: Anzeiger Hietze«. Fernsprecher Nr. 51. Politische Wochenschau. Zu der Forderung der Landwirtschaft über den Maximal- und Minimalzoll hüllt sich die Regierung in Schweigen, und führende Organe des Zentrums verschanzen sich hinter Vorbehalten und weigern sich, Hün jetzigen Stadium der Vorverhandlungen" bereits bindend sich zu verpflichten. Der „Deutschen Tageszeitung" gibt die „Köln. VolkSztg." folgende provisorische Antwort: „Wenn in dem betr. Artikel abermals auf das Zentrum hingewiesen wird, das sich bereit erklärt habe, der Landwirtschaft eine wesentliche Erhöhung der Zölle zuzugestehen, und wenn nun verlangt wird, daß das Zentrum dem vom Verfasser angegebenen Zollsatz zustimme, so haben wir schon wiederholt Veranlassung gehabt, mit Rück- stcht auf den Stand der Verhandlungen zu betonen, daß ein solches Festlegen auf einen bestimmten Zollsatz zur Zeit unmöglich ist. Das hindert rnchts daran, daß das Zentrum der Landwirtschaft den ihr notwendigen Schutz angedeihen lassen wird." Die freikonservative „Post" findet die Forderungen des Bundes „übertrieben", bemerkt aber, daß man mit der Aufstellung unerreichbarer Forderungen dieser Art in spezifisch landwirtschaftlichen Kreisen offenbar nur den Zweck verfolgen könne, die Durchsetzung der im Interesse der Landwirtschaft notwendigen Erhöhung der jetzigen Zollsätze bei Regierung und Reichstag zu erleichtern, und fährt fort: „An manchen Stellen mag vielleicht auch der Wunsch mtt- fprechen, sich auch für die Zeit nach der Neuregelung unserer Zoll- und Handelsbeziehungen zum Auölande ein wirksames AgitattonSmittel bei der ländlichen Bevölkerung zu er- * Elt en. Abgesehen von dem letzteren Momente will es uns indessen mindestens fraglich erscheinen, ob mit der Aufstellung so weitgehender Forderungen, wie sie eingangs erwähnt wurden, den wirklichen Interessen der Landwirtschaft nicht mehr geschadet als genützt wird." Der Vorgänger des jetzt amtierenden Kolonialdirektors Herr Dr. v. Buchka ist, wie erinnerlich, auf Empfehlung des Herzog-Regenten Johann Albrecht von Mecklenburg auf seinen Posten gekommen. Dr. Stübel ist ohne derartige Protektion berufen worden, hat sich aber doch zu Anfang dieser Woche in Schwerin dem Herzog-Regenten porgestellt. * Die „Berliner Neuesten Nachrichten" motivieren diese Reise und schildern ihren Verlaus wie folgt: Der Herzog nimmt bekanntlich an den kolonialen Fragen den regsten Anteil und fördert die bezüglichen Aufgaben mit vieler Hingebung. Er gehört nicht nur dem Kolonialrat als Mitglied an, sondern steht auch an der Spitze der Deutschen Kolonialgesellschaft. Die Beziehungen des Herzogs zur Kolonialverwaltung sind somit recht vielseitige und weitgreifende. Herr Dr. Stübel hat, wie uns geschrieben wird, am Schweriner Hof die beste Aufnahme gefunden. Nach den Ereignissen der verflossenen Woche glaubt man, daß das unter den Kabinetten dank den unausgesetzten Bemühungen der deutschen Reichsregierung sich allmählich, aber sicher anbahnende Einvernehmen in der Schuldfrage auf die Chinesen einen entmutigenden Eindruck übe, und ihnen weitere Versuche, die Durchführung einer angemessenen Sühne der begangenen Verbrechen zu hintertreiben, verleiden müsse. Diese Annahme stützt sich unzweifelhaft auf gute Gründe, andererseits aber liegen auch Anzeichen vor, die eine baldige glatte Auseinandersetzung mit China, sei es selbst nur in der Schuldfrage, als noch immer sehr zweifelhaft erscheinen lassen. Die Aufgabe, die chinesischen Wirren einer Lösung zuzuführen, birgt schon in ihrem ersten, nur die Vorfragen betreffenden Teil Schwierigkeiten genug in sich. Um so richtiger erscheint der in den bisherigen deutschen Vorschlägen festgehaltene Grundsatz, sich vorläufig auf die nächstliegenden und unerläßlichsten Forderungen zu beschränken, diese aber mit Nachdruck und Konsequenz zu vertreten, und sie im übrigen so zu formulieren, daß ihnen das Einverständnis aller Regierungen gesichert ist. Wenn das Pariser Kabinett in seiner letzten Note bereits die weiterreichenden Fragen Aber die Bedingungen des definitiven Friedensschlusses zur Diskussion stellt, so braucht man ihm deshalb gewiß nicht die Absicht einer unnützen Erschwerung der Verhandlungen zuzuschreiden, jedenfalls aber schießen seine Vorschläge über das nächsterreichbare Ziel hinaus, und es bekundet einen übertriebenen Optimismus, wenn es für möglich hält, daß diese so recht mäßigen Bedingungen in kurzem von der chinesischen Regierung angenommen werden. Lord Roberts weilt noch immer in Prätoria, obwohl die Verhältnisse in den Burenstaaten, wie sie nach englischer Auffassung gegenwärtig sind, seine Anwesenheit kaum noch notwendig machen sollten. Auch der Feldmarschall selbst weiß von zunehmender Verminderung der noch nicht bewältigten Burenscharen zu berichten. In einem Telegramm vom Freitag meldet er: Die Zahl der Buren, die sich ergeben oder die gefangen genommen toerben, wächst täglich und dürfte sich zurzeit aus 16 000 belaufen. — Diese Zahl könnte man allerdings erst dann aus ihren wahren Wert schätzen, wenn man wüßte, ob damit nur die in der letzten Zeit im Lande selbst in die Gewalt der Engländer Geratenen gemeint sind, oder ob dabei die seit Beginn des Krieges überhaupt Gefangenen mitgerechnet sind. Noch weniger Bedeutung hätte die angegebene Ziffer, wenn darin auch Frauen und Kinder inbegriffen wären. Im Uebrigen sind die britischen Truppen selbst jetzt noch nicht vor kleinen Mißerfolgen und Verlusten sicher. Wie General Kelly-Kenny berichtet, wollte ein Bataillon Freiwilliger eine Abteilung Buren in der Nähe von Bultsontein überraschen; die Buren waren jedoch stärker, als man erwartet hatte, und das Bataillon mußte sich nach dreistündigem Kampfe zurück zieh en. Daß trotz dieses längeren Kampfes die Engländer nur sechs Verwundete gehabt haben sollen, während die Verluste der Buren als schwer bezeichnet werden, wird man nicht für sehr glaubwürdig halten können. Von den Wahlen zum englischen Parlament waren bis SamStagnachmittag 6 Uhr 470 vollzogen. Gewählt waren 318 Ministerielle, 39Liberale, darunter der frühere Minister Asquith, und 63 irische Nationalisten. ES stehen also noch gerade 200 Wahlen aus. Davon brauchen die vereinigten Konservativen und Unionisten nur noch 18 zu gewinnen, um die absolute Mehrheit im Unter» hause zu bekommen; 81 Mandate fehlen ihnen noch an der Zahl, die sie in dem aufgelösten Parlament besaßen, während die Liberalen, um die ehemalige Stärke von 189 zu erreichen, noch genau 100 Sitze erringen müßten. Den Irländern fehlen noch 19 Mandate an der früheren Zahl von 82. Da bei den noch rückständigen Wahlen eine völlige Umkehrung des Verlaufes, der sich bisher ergeben hat, nichts weniger als wahrscheinlich ist, darf man die schwere Niederlage der Opposition schon jetzt als besiegelt ansehen. Die Wirre« in China. Aus Shanghai wird telegraphiert: Graf W a l d e r s e e geht in der Säuberung des Weges zwischen Tientsin und Peking von Boxern und anderen aufrührerischen Elementen ganz systematisch vor. Li-Hung- T s ch a n g reiste in sehr gedrückter Stimmung nach Peking ab;GrafWalderseehatteesabgele'hnt,ihnzu empfangen. Am 1. Oktober verlegte der kaiserlich chinesische Hof seine Residenz nach Sianfu, nachdem die Vicekönige int Aangtsethale und die anderen Gouverneure aufgefordert worden waren, Geld, Lebensmittel und Munition über Hankau nach Sianfu zu schicken. Vuanschikai, der Gouverneur von Schantung, erhielt den Befehl, Truppen nach Paotingfn zu entsenden. Die Aufständischen in Kwan- tung haben die Truppen des Vicekönigs bei Kwanglaufu geschlagen, ein Beweis, daß der Ausstand in den südlichen Provinzen zunimmt. Die Antwort Kaiser Wilhelms auf das Schreibendes Kaisers von Chincuhat unter den hiesigen Europäern wahren Jubel hervorgerufen, dagegen Schrecken unter den aufrührerischen Elementen. — Der Seesoldat, der bei dem Strafzuge nach dem.Jagdpark gefallen ist, heißt Michael Siska, und ist vom 1. Seebataillon. Der Feldartillerist Johann Brecht ist gestorben. Aus London wird gemeldet: Während hier seit ein paar Tagen allgemeine Befriedigung über die günstige Wendung der Dinge zur Verständigung der Mächte rn China herrscht, lausen von Tientsin und Shanghai neuerdings Meldungen ein, die die dortige Lage in ungünstigerer ! Beleuchtung erscheinen lassen. Berichterstatter der großen Blätter teilen einstimmig mit, die neuesten scheinbar nachgiebigen kaiserlichen Erlasse seien wertlos, da gleichzeitig Geheimerlasse ausreizender Natur umliefen. Ein Erlaß । vom 30. September erkläre außerdem, der Kaiser bedaure lebhaft die Notwendigkeit, nach Singan als dauernder Hauptstadt gehen zu müssen wegen Mangels an Fourage für seine tausend Packtiere und 10 000 Mann Kavallerie. Er weist die Provinzbehörden Schansis an, Geld und Reis zu beschaffen und befiehlt den Bedeckungstruppen strengste Mmmszucht und gute Behandlung der Bewohner an. Die Kaiserin ernennt zahlreiche Mandschubeamte auch in Liukunyis Amtsbereich, wie man glaubt, um diesen zur Abdankung zu bringen. In Shanghai herrscht die Ansicht vor, die neuerliche scheinbare Nachgiebigkeit der leitenden Persönlichkeiten Chinas verfolge lediglich den Zweck einer allgemeinen Verschleppung bis zunt Anfang des Winters. Nach einer vorgestrigen Meldung der „Times" aus Tokio sind die leitenden Staatsmänner Japans unbedingt davon überzeugt, daß die Wiederherstellung des Friedens nur dann möglich sei, wenn die verantwortliche chinesische Regierung an einem Orte eingerichtet werde, wo mit den Mächten die Verhandlungen geführt werden könnten. Heute bestehe der Hof thatsächlich nicht für Verhandlungszwecke, seine heutige Umgebung schließe außerdem die Hoffnung aus, seine Zustimmung zu befriedigenden Bedingungen zu erlangen. Die unvermeidliche Folge der Formulierung von Friedensbedingungen unter den heutigen Verhältnissen würden weitere militärische Operationen sein, deshalb müsse die Rückkehr des Hofes unter ausländischen Bürgschaften die wesentliche Einleitung zu den Verhandlungen bilden und Tsching und Li-Hung-Tschang aufgefordert werden, die Rückkehr des Hofes vor Beginn der Verhandlungen zu veranlassen. Unter solchen Verhältnissen würde auch der Abzug der Truppen der verbündeten Mächte nach! einem anderen chinesischen Gebietspunkte als ein Zeichen von Schwäche mißdeutet werden. Zu der Meldung, daß englische Marinetruppen Tsching- wantgo in der Absicht besetzt hätten, den Ort als Ueber- winterungsstation für das britische Geschwader einzurichten, bemerkt die „Westminster Gazette": „Das Volk erwartet mit dem größten Interesse eine amtliche Aufklärung darüber, was dieser Schritt bedeutet und ob er mit oder ohne Einwilligung der übrigen Mächte unternommen wurde." Eine weitere Reutermeldung behauptet, die Deutschen hätten die Bahn Tientsin-Peking beansprucht; b'ie Russen, die bekanntlich die Strecke schon teilweise ausgebessert haben, hätten diesen Anspruch als berechtigt anerkannt, und die Deutschen würden nunmehr mit der Widerherstellung dieser Bahn von Aangtsun bis Peking beginnen. Ist diese Meldung, die von deutscher Seite bis jetzt nicht bestätigt ist, richtig, so wird es sich dabei nicht sowohl um einen deutschen Besitzanspruch, als vielmehr darum handeln, daß die deutschen Truppen dank ihrer Ausrüstung in der Sage sind, diese wichtige Bahnlinie am schnellsten wieder fahrbar zu machen. Ter deutschen Rundnote vom 1. Oktober zollt, laut einem; Privattelegramm aus Newvork, selbst die sonst deutschfeindliche Presse Amerikas rückhaltlose Anerkennung. Allgemein wird betont, daß ein wirksames Zusammengehen der Mächte in China jetzt durch die Politik des Grafen Bülows gesichert sei. Dagegen glaubt man, wie dem Wolff'schien- Bureau aus Newyork berichtet wird, in den politischen Kreisen der Vereinigten tSaaten, daß Amerika verschiedenen Punkten in der französischen Note nicht werde zustimmen können. In einer Depesche der „Tribuna" aus Taku vom 4. Oktober wird die tapfere Haltung der italienischen Bersaglieri bei dem Angriff auf Shanghaikwan betont. Es ist hierin ferner von einem Zwischenfall die Rede, der die französischen und russischen Truppen betrifft. Die Ruffen hätten hiernach die Franzosen für Boxer gehalten und auf sie gefeuert, woraus die Franzosen erwiderten. Auf beiden Seiten sollen etwa 12 Mann getötet und mehrere verwundet worden sein. Berichte des russischen Generalstabs vom 3. d. M. melden: Der Mongole Lagolde, ein einflußreicher Bewohner von Chailar, teilte dem Kommandanten von Chailar, dem Obersten Worobiew, mit, die Mongolen des chailarschen Kreises hätten in einer Zusammenkunft ihn (Lagolde) zum Bevollmächtigten ernannt, um die russischen Behörden zu fragen, ob nun Friede fei, und wie die Russen sich den Mongolen gegenüber verhalten würden. Oberst Worodiew unterrichtete Lagolde über die bereits getroffenen Anordnungen der Regierung, und machte ihm den Vorschlag, die Mongolan möchten in ihre alten Ortschaften zurückkehren. Lagolde erklärte, er werde in fünfzehn Tagen übersiedeln und andere Mongolen würden ihm folgen. Die Mongolen bitten, man möge sie mit Kleidung, Lebensmitteln und Zelten unterstützen, wofür sie in Tausch Rindvieh geben wollen. Sie versichern, die Chinesen hätten bei ihnen viele Räubereien begangen. Aus Petersburg wird vom 5. ds. gemeldet: Nachdem die Unruhen in der Umgegend von CH ar bin aufgehört haben, hat man mit der Ausbesserung der Bahnstrecke von Charbin nach dem Süden begonnen. Weiterhin treiben sich Aufrührerbanden umher, die noch nicht zerstreut werden konnten. Die Arbeiten können daher nur langsam sortschreiten. Auf der Endstrecke der Zweigbahn Charbin- Port Arthur verkehren die Züge jetzt bis Chaitschen. Der Bahndamm ist bis Laojan ausgebessert. Aus Washington wird gemeldet: Hier ist eine Depesche aus Peking vom 2. ds. eingetroffen derzufolge der Rückzug der japanischen Truppen begonnen hat. Amtlich wird gemeldet, daß die Hälfte der japanischen Truppen nach Japan zurückkehren wirb. — In mehreren Eisenbahnzügen, bte mit Japanern Peking verließen, sollen, wie es heißt, sich große Gelbbeträge befunben haben. Die Japaner behaupten, es habe sich nur Munition barm befunben. — Britische Truppen verhafteten in Peking Chinesen, die den Boxern Mnnition verkauften. Nach einer Meldung aus Tokio ist am 5. ds. abend- Deutsches Reich. Berlin, 7. Oktober. Am 31. Oktober gedenkt der Kaiser in Wernigerode einzutreffen und bis zum 2. November Jagdgast des Fürsten zu sein. An der Enthüllung des Denkmals für den Fürsten Otto, die schon am 30. d. M. stattfindet, wird der Kaiser demnach nicht teilnehmen können. — Aus Elberfeld wird berichtet: Am Tage des Besuchs des Kaiserpaares wird auch den Armen der Stadt eine Freude bereitet. Die in den städtischen Anstalten untergebrachten Armen werden festlich bewirtet. Von den Außenarmen erhält jeder Einzelnstehende und jedes Famrlrenhaupt eine Festgabe von 3 Mk., die bei dem Manne lebende Ehefrau 1 Mk., jeder weitere Familienangehörige 50 Pfg. Auch für die Zöglinge des städtischen Waisen- Hauses und der Anstalt für verlassene Kinder wird eine Fest- speisung veranstaltet. — Der Kronprinz begab sich gestern abend von Wildpark nach Kreuth zur Teilnahme an den Jagden auf den Besitzungen des Herzogs Karl Theodor. — Staatsminifter Graf Bülow hat sich einer Einladung des Kaisers folgend, nach Hubertusstock begeben. — Aus Kiel wird gemeldet: Auf der Germaniawerft fand heute Mittag 12 Uhr im Beisein des Crbgroß- herzogs und der Erbgroßherzogin von Baden, des Prinzen und der Prinzessin Heinrich von Preußen, sowie der Spitzen der Staats- und Civilbehörden der Stapellauf des kleinen Kreuzers F. statt. Die Taufrede hielt Staatssekretär von Tirpitz, während die Erbgroßherzogin von Baden den eigentlichen Taufakt vollzog und im Auftrage des Kaisers das Schiff „Amazone" taufte. Nach dem Stapellauf fand bei dem Prinzen und der Prinzessin Heinrich im Schlöffe Tafel statt. — Die „Germania" meldet: Die feierliche Grundsteinlegung der MariaHeimgang-Kirche aus dem Grundstück der Dormition in Jerusalem wird morgen unter Teilnahme der Mitglieder des deutschen Pilgerzuges vollzogen. — Mit Bezug auf die allgemeine Lage der preußischen Finanzen wird offiziös geschrieben, man dürfe hoffen, daß die finanziellen Verhältnisse Preußens sich auch in den nächsten Jahren so gestalten werden, daß selbst der Ausbau des Staatsbahnnetzes und anderer neuer Verkehrsanlagen sich im wesentlichen ohne Belastung des Geldmarktes werde ausführen lassen. München, 6. Oktober. Das finanzielle Ergebnis der bayerischen Staatsbahn in 1899 beträgt: Einnahmen Mk. 161 376 127, Ausgaben Mk. 111 834 667, Ueberschuß Mk. 49 542 260. Von diesem Ueberschuß wurden verwendet: Zur Verzinsung und Verwaltung der Staatseisenbahnschuld 36 842 127, zur Ablieferung an allgemeine Staatsfonds Mk. 12 700133. Gegenüber dem Vorjahre haben sich die Einnahmen um Mk. 8 386 605 oder 5,48 Proz., die Ausgaben um Mk. 7 576 959 oder 7,27 Proz., der Einnahmeüberschuß um Mk. 809 644 oder 1,66 Proz. erhöht. Die Verzinsung des durchschnittlichen (statistischen) Anlagekapltals berechnet sich nach dem Rechnungsabschluß für 1899 aus 3,91 Proz., während sie im Jahre 1898 3,95 Proz. betrug. Dieselben würden sich nach dem Ueber- fchuß der eigentlichen Betriebseinnahmen über die eigentlichen Betriebsausgaben auf 4,28 beziffern, gegen 4,40 Proz. im Vorjahre. - Eine Regierungszuschrift an den Landwirtschaftsrat vertritt eine angemessene Erhöhung des Tabakzolles und empfiehlt gleichzeitig den pfälzischen Tabakspflanzern sorgfältigere Einerntung und Behandlung des Tabakes. Straßburg. 6. Oktober. Der Oberschulrat Dr. A l b r e ch 1 wurde zum Ministerialrat und zum Präsidenten des elsaß- lothringischen Oberschulrats, der Direktor des Gymnasiums in Hagenau Dr. Scherer zum Oberschulrat ernannt. Ans Stadt und Land. Gießen, 8. Oktober 1900. * • Vou der Universität. Herr Dr. Schwarzmann, dem unlängst die venia legendi für Mineralogie erteilt wurde, verläßt die Universität, bevor er noch seine Lehr- thatigkeit begonnen, um eine Assistentenftelle beim Großh. Naturalienkabinett in Karlsruhe zu übernehmen. * ’ Landes Lotterie Bei der heutigen Ziehung fielen ein Gewinn von 30 000 Mk. auf Nr. 22445, ein Gewinn von 10000 Mk. aus Nr. 25110, einGewinn von 5000 Mk. auf Nr. 1352, ein Gewinn von 3000 Mk. auf Nr. 31010, 2 Gewinne ä 2000 Mk. auf Nr. 3962 16209, 4 Gewinne ä 1000 Mk. auf Nr. 11672 11808 25226 25492, 6 Ge Winne L 500 Mk. aus Nr. 241 2774 2958 3960 14362 18945, 12 Gewinne ä 400 Mk. auf Nr. 4714 7503 8038 12259 14187 16859 18941 21039 23368 23146 27902 29636, 36 Gewinne i 200 Mk. auf Nr. 484 1949 3181 3499 5876 6097 6560 6680 7886 7936 8032 8136 8154 9180 9509 12139 12872 14641 15423 15587 16384 16589 18187 21766 23599 25570 26288 26402 26665 26990 27353 27913 28283 28648 29541 31633 31969. (Ohne Gewähr.) • * Bürgermeisterwahl. Morgen Nachmittag sind die Stadtverordneten zu einer nichtöffentlichen Sitzung berufen, um die Wahl des Bürgermeisters vorzunehmen. * * Stadttheater. Wie bereits bemerkt, findet die erste Volksvorstellung dieser Saison am Dienstag den 9. ds. Mts statt, für die Gutzkows bedeutsames Drama Uriel Acosta ausgewählt worden ist. Die Erstaufführung des fünfaktigen indischen DramaS Vasantasena ist aus nächsten Donnerstag den 11. ds. MtS. verschoben worden. Die Proben zu diesem eigenartigen, hochinteressanten Werke haben bereits begonnen. * * Der Verein „Geselligkeit" feierte am Samstag sein 14. Stiftungsfest im „Cafe Leib". Dem abwechslungsreichen Programm zollten die zahlreich erschienenen Mit- I glieder und Gäste wohlverdienten Beifall. Ein Ball schloß die Feier des ersten Tages, während für Sonntag ein 10 Uhr unter russischer Eskorte von Li-Hung-Tschang Tientsin per Boot nach Peking abgereist. • ♦ Telegramme deS Gietzerrer Anzeigers. London, 8. Oktober. „Daily Mail" berichtet aus Schanghai: Die Expedition nach Taontingsu ist gescheitert. Die Schuld daran liegt hauptsächlich an den ungenügenden Transportmitteln, über die die deutsche Garnison verfügte. Hier verlautet bestimmt, daß der Feind im Besitze mehrerer Kanonenboote sei, die sich in großen Zwischenräumen auf dem Flusse befinden. Man glaubt, daß die Expedition auch infolge dieser Thatsache unterblieben ist. Loudon, 8. Oktober. In Peking befahl General Gaselee sämtlichen englischen Truppen, Vorbereitungen zur Ueberwinterung zu treffen. Loudon, 8. Oktober. Aus Hongkong wird gemeldet: Eine Bande Räuber und Plünderer ist in der Stadt Singang, acht Meilen nördlich von Sangschang aufgetaucht. Eine Abteilung von 100 chinesischen Soldaten ist dorthin zur Hilfe abgegangen, mit dem Befehl, die Stadt anzugreisen. Die englische Grenzwache wurde verdoppelt und erhielt eine Mitrailleuse. Weitere Truppen werden in Bereitschaft gehalten, um nötigenfalls von Tientsin nach dem Süden abzugehen. Der Krieg irr Südafrika. Lord Roberts meldet aus Pretoria vom 5. ds.: Die Zahl der Buren, die sich ergeben oder gefangen werden, wächst täglich. Sie dürfte sich zurzeit auf 16000 Mann belaufen. General Kelly-Kenny berichtet: Ein Bataillon Freiwilliger wollte eine Buren-Abteilung in der Nähe von Bultsontein überraschen, die Buren waren jedoch stärker als man erwartet hatte. Das Bataillon zog sich nach dreistündigem Kampf zurück. Die Engländer hatten sechs Verwundete. Die Verluste der Buren sind schwer. Ausland. London, 7. Oktober. Bis 11 Uhr abends waren gewählt: 322 Ministerielle, 90 Liberale und 65 irische Nationalisten. Paris, 7. Oktober. Der ehemalige Ministerpräsident und Senator Charles Dupuy trat in einer Rede vor seinen Wählern unter Hinweis und Erwiderung auf dre Bankettrede Loubets entschieden gegen die Wiederaufnahme des Dreyfus-Prozesses auf. Paris, 7. Oktober. Der „Eclair" behauptet, daß zwischen dem Kriegsminister Andre und dem General B r u g e r e ein sehr gespanntes Verhältnis bestehe. Brugere sei über verschiedene vom Kriegsminister verfügte Maßnahmen, insbesondere über einzelnePer- sonal!-Veränderung en sehr ungehalten und habe dieser Verstimmung auch unverhohlen Ausdruck gegeben. Das Bestreben des Kriegsministers gehe nun' dahin, Brugere zum R ü cktr i t t zu bewegen. Als sein Nachfolger sei bereits General Zurlinden in Aussicht genommen. Paris, 7. Oktober. Der jüngst aus der Gefangenschaft des Emirs von Abrar entlassene Forschungsreisende B l a n ch e t ist dem „Matin" zufolge in St. Louis am Senegal am gelben Fieber gestorben. Madrid, 7. Oktober. 20 Mitglieder des General- rats von Madrid wurden suspendiert und dem Gericht übergeben. Sie werden ersetzt durch Angehörige des Adels, der Künstlerschaft, der Gewerbekreise, der Bankwelt und Presse. Budapest, 7. Oktober. Im Februar wird die große rumänische Legislative zusammentreten, um den auf die Thronfolge sich beziehenden Paragraphen 88 der Verfassung dahin abzuändern, daß, wenn der König minorenn ist, ihn eine Regentschaft vertritt, der das älteste Mitglied des Hauses Hohenzollernn-Sigmaringen, der jeweilige Primas-Metropolit und der Kriegsminister angehören. Die Ursache dieser Aenderung soll darin liegen, daß König Karl den Thronfolger Prinzen Ferdinands dessen Konstitution seit der letzten Krankheit sehr geschwächt ist, dazu bewogen hat, zu Gunsten seines siebenjährigen Sohnes Karl ab zu danken. Angeblich soll hierbei auch die allzugroße Russenfreundlichkeit der Gattin des Thronfolgers, Prinzessin Marie, die der dreibundfreundlichen Politik des jetzigen Königs stark entgegenarbeitet, mit eine , Rolle gespielt haben. K o n st a n t i n o p e l 7. Oktober. Der r u s s i s ch e B o t- | schafter Sinowjew geht auf eine Einladung des ; Zaren Ende der nächsten Woche nach L i v a d i a. Er i verbleibt dort auch während der Anwesenheit der vom Sultan zu entsendenden Deputation, als deren Chef Türkan oder Marschall Fuad Pascha ausersehen ist. Konstantinopel, 7. Oktober. Die Dette Publique hat neuerdings der Pforte ein Vorschuß-Darlehen von 200 000 Pfund gewährt. D-ie Pforte! gab Garantie durch die Ueberschüsse aus den Zehnten und gewährt eine sechs- prozentige Verzinsung. Der vom Conseil der Dette Publique gefaßte Beschluß erfolgte in Abwesenheit der in Urlaub befindlichen deutschen und österreichischen Delegierten, sowie gegen das Oppositionsvotum des I italienischen Delegierten Marquis Guiccoli. Der Sultan I verlieh dem Präsidenten der Dette, dem französischen Dele- I gierten Berger, den Großkordon der Osmanie-Brillan- I ten, eine für diese Stellung außergewöhnlich hohe Aus- I Zeichnung. Berger bekleidete vor einigen Jahren Majors- I rang in der französischen Armee. New Port, 7. Oktober. Eine Depesche des „New I Borker Herald" aus Washington meldet: Die Regier- I ung beabsichtigt, entscheidende Schritte zu thun, um die I Türkei zur schnellen Erfüllung ihrer Ver-I iflichtungen und Versprechungen bezüglich der I Zahlung von 90 000 Doll, als Entschädigung für die | Verluste der Amerikaner während der armenischen I Metzeleien zu bewegen. Der amerikanische Gesandte I Straus kehrt nach der Türkei zurück und zwar mit I >em ausdrücklichen Auftrage, auf die Erfüllung der I Forderung zu dringen. I feuchtfröhlicher Frühschoppen vorgesehen war. Ein AuS- "3?gdschlößchen Dutenhofen" bildet^ den Schluß des 14. Stiftungsfestes. I lein - Linden, 7. Oktober. Gestern durchzog I Zigeuner bettelnd unfern Ort. Äuch I !^ud mehreren Kenten Sachen abhanden gekommen dre niemand anders als die braunen Gesellen rnit- I A^mmen haben. Zwei Gendarmen folgten den in der I Richtung nach Gießen Abziehenden nach In nuferem I tn zwei Hauptverkehrstraßen, Frankfurter- und I Wetzlarerstraße, sich, treffen, ist überhaupt die Zigeuner- I e r 9r°$ Unb 9anä besonders war sie es inwiefern I (?) Grün berg, 6. Oktober. Heute nackmittaa ftieft I Ä zirkslehrerVerein Grünberg hier anläßlich des Lehrers Dern aus Ni?der-Ohmen eine ÄX"’ B6- *ein tourbe "°ch ~ uf1" Schotten, 7. Oktober. Am letzten Sonntag im ^ptemb-er fand das diesjährige Dekanatsmifsions- dNffswnar Flad, bekannt durch fein inter- SQ^re in China", predigte in der I esn?inb fb^ch m feer Nachversammlung, in der auch I -?'er • Frisch- Ruppertsburg eine packende An- I Fnnnfp n«.J.L ~ic im hiesigen De- kanate stationierten zwei Krankenpflegerinnerr I ^ben fa viel Arbeit in den Gemeinden des Dekanats ge- funden, daß, die hiesige evangelische Gemeinde mit dem stellen ken um9e^' eine eigene Gemeindeschwester anzu- f. ..-i- Laubach, 7. Oktober. In der Versammlung des hiesigen christlich-sozialen Vereins fand eine Feier zum Gedächtnis des verstorbenen Vorsitzenden, des Grafen Friedrich zu Solms-Laubach statt, von dem der langjährige Hausarzt des Entschlafenen eine ausgezeichnete Charakteristik gab. Sodann hob Pfarrer Vo lp die Verdienste hervor, die der Verstorbene um den hiesigen christlich-sozialen Verein hatte und zeigte, wie der Verein fernem Führer voll Ueberzeugung in allen wichtigen Stellungnahmen folgte. . a u 6 a et), 7. Oktober. Die neue, bereits abgesteckte Bahnlinie Laubach-Mücke wird einen Teil des hiesigen Friedhofes durchschneiden. Infolge davon werden eine größere Zahl von Gräbern verlegt werden. Dies konnte aber nicht vermieden werden, da ein anderes Projekt mindestens 60 000 Mk. Mehrkosten für die Stadt ergeben hätte. -k- Ruppertsburg, 7. Oktober. Am Mittwoch । tagte hier die diesjährige Synode des Dekanates Schotten. Zur Verhandlung kam die Frage: „Was kann Kirche, Schule und Staat thun zur Förderung der Bestrebungen der sogen. Sittlichkeitsvereine." Der Referent, Pfarrer Freund lieb-Ulrichstein, wies dem Hause die wichtigste Aufgabe zu und hob scharf die üblen Einflüsse des heutigen Elternhauses auf die Jugend hervor. Der Dekanatsausschuß soll eine Ansprache auf Grund des Referates ausarbeiten lassen, dste in allen Kirchen des Dekanates zur Verlesung kommen soll. Aus der ernsten Diskussion sei nur hervorgehoben, daß Bürgermeister Weid- n er-Herchenhain die ernste Pflicht des Staates zur Bekämpfung ibier Unzucht hervorhob und das Vorbild der höheren Stände in Erfüllung ihrer kirchlichen Pflichten betonte. -u- Schadges (bei Lauterbach), 8. Oktober. Unsere kleine Gemeinde erhält nun mit einem Male ein neues schönes Schulhaus, das zugleich auch! als Gotteshaus dient. Unsere Gemeinde hat ein geräumiges Gebäude (nebst Garten für den! Preis von 9200 Mark erworben. Da hierorts keine Kirche ist, so wird außer der Wohnung des Lehrers und dem Schulsaale noch ein Betsaal in dem Gebäude eingerichtet werden. Ferner soll es einen Turm mit zwei Glocken erhalten. In unserer Gemeinde werden also Kirche und Schule in einem Hause sein. Der LlNiider Mord roithnnm vor Gericht. Könitz, 6. Oktober. Die Ermordung des Gymnasiasten Ernst Winter hält die hiesige Bevölkerung noch fortgesetzt in Atem und Aufregung. Es sind kaum drei Wochen seit der Verhandlung gegen den Abdecker Jsraelski verflossen, die mit der Freisprechung desselben von der Anklage der Begünstigung endete, unb schon wieder wird sich das Gericht mit der Blutthat beschäftigen. Diesmal handelt es sich um mehrere Meineidsprozefse, die gegen Zeugen in der Voruntersuchung eingeleitet sind. Der erste, am Freitag vor der ersten Strafkammerves hiesigen Landgerichts begonnene Meineidsprozeß richtet sich gegen den in Untersuchungshaft befindlichen Präparanden Sp eisig er alias Rückwart. Als die ^Untersuchung bereits im Gange war und in der Oeffentlichkeit gegen bestimmte Personen Anschuldigungen erhoben worden waren, meldete sich Speisiger zur Zeugnisabgabe, und er soll nun mehrere Bekundungen gemacht haben, welche mit den von anderen Zeugen gemachten eidlichen Aussagen und mit den von den Behörden ermittelten Thatsachen in Widerspruch stehen. Eines der größten Rätsel in dieser Afsaire bildet der Verbleib Ernst Winters am 11. Mrz. Der junge Mann war noch an jenem Sonntag nachmittag gegen 4 Uhr in Begleitung von zwei jungen Männern von verschiedenen Personen gesehen worden. Die Ermittelung dieser beiden jungen Leute ist bis heutigen Tages nicht möglich gewesen. Trotz zahlloser Aufforderungen und ungeachtet der hohen Belohnungen, die für jeden nennenswerten Nachweis ausgesetzt worden sind, haben fie sich nicht gemeldet. Es ist unaufgeklärt, wer sie waren und wohin sie ober Winter allein sich begeben haben. Kameraden gegenüber soll Winter angedeutet haben, daß er zu einem ganz besonderen Rendezvous gehe er soll auch vor dem Weggang sorgfältig Toilette gemacht haben. Das ist alles, was man ermitteln konnte. Da trat eines Tages Speisiger mit der eidlichen Aussage hervor, daß er am Sonntag Nachmittag Winter mit der Meta Caspari, der Tochter eines hiesigen jüdischen Kaufmanns, zusammen gesehen habe. Thatsächlich hatte Winter mit dem genannten jungen Mädchen und mit deren Freundin Fräulein Tuchler ebenso wie mit anderen jungen Mädchen der Stadt, u. a. der jüngsten Tochter des sehr angesehenen Schlächtermeisters und Stadtverordneten Hoffmann, leb- hasten Umgang gepflogen. Er hatte die jungen Mädchen in der Tanzstunde kennen gelernt und war bei ihnen als angenehmer Gesellschafter wohl gelitten. Fräulein Meta Caspari ist es nun aber gelungen, einen Alibibeweis .zu erbringen. Sie war an jenem Tage bei ihrem Oheim in dem drei Meilen von Könitz entfernten Dorfe Groß- Konarczyn zum Besuch. Der Angeklagte Speisiger hatte außerdem beschworen, daß er den Schlächter Moritz Lewy mit Winter und noch zwei jungen Leuten im Gespräch gesehen habe, während Lewy unter seinem Eide jede Bekanntschaft mit Winter in Abrede gestellt hat. Da sich Speisiger, dem Vernehmen nach, bei seinen späteren Vernehmungen auch in Widerspruch zu seiner eidlichen Aussage gesetzt hat, so wurde er in Haft genommen, und es ist jetzt gegen ihn Anklage wegen wissentlichen Meineids erhoben worden. Die Anklage kommt vor der Strafkammer und nicht vor Len Geschworenen zur Aburteilung, da der Angeklagte noch nicht 18 Jahre alt ist. Die Verteidigung führt Rechtsanwalt Hunrath von hier. Unter den geladenen Zeugen, deren Zahl 40 beträgt, befinden sich u. a. Fräulein Tuchler, Fräulein Meta Caspari, Moritz Lewy und verschiedene jüdische Geschäftsleute. Die Verteidigung will, wie verlautet, einen umfangreichen Entlastungsbeweis antreten. Auf die Vernehmung von Moritz Lewy ist man sehr gespannt. Die z w e i t e M e i n e i d s s a ch e nimmt am 24. Oktober ihren Anfang und richtet sich gegen vier Personen: die Arbeiter Maslow'schen Eheleute, die Aufwärterin Roß und eine Frau Berg, die beiden letzteren die Schwiegermutter bezw. Schwägerin Maslows. Auch dieser Fall steht im engen Zusammenhänge mit den gegen Moritz Lewy Und dessen Bruder Albert in Umlauf gesetzten Gerüchten. Unter ungeheuerem Andrange des Publikums nahmen die auf zwei Tage berechneten Verhandlungen gegen Speisiger ihren Anfang. Den Vorsitz rm Gerichtshöfe führt Landgerichtsdirektor Schwedowitz. Der Angeklagte ist ein für sein jugendliches Alter großer und kräftiger junger Mann von nicht sehr intelligentem ueußern. i Es sind 45 Zeugen geladen, darunter der Bürgermeister Deditius von Könitz, Bäckermeister Lange, bei welchem der ermordete Gymnasiast Winter in Pension war der Kriminalkommissar Wehn-Berlin, Schneidermeister Plath, gegen den sich seinerzeit auch ein Verdacht richtete, die Tochter Anna des Fleischermeisters Hoffmann, Selma Tuchler, die auch mit Winter in Verkehr gestanden haben soll, desgleichen Meta Caspari, Moritz und Adolf Lewy, die Söhne des Schlächtermeisters Lewy, und schließlich mehrere Gymnasiasten, Präparanden und Lehrer. Als Sachverständiger ist Sanitätsrat Müller anwesend. . , . ^er Angeklagte wird des wissentlichen Meineides in drei Fällen beschuldigt. Speisiger, der gegenwärtig rm 11. Lebensjahre steht, ist in Bischofsburg gehören. Er habe nach genossenem Schulunterricht die Präparanden- anstalt in Könitz besucht und hier Winter kennen gelernt. ~ /^.gestern abend waren 25 Zeugen vernommen, die Verhandlungen werden darauf kurz vor 8 Uhr abends abgebrochen. Der Präsident schlägt vor, morgen früh zunächst über die geschlechtlichen Beziehungen Ernst Winters in nichtöffentlicher Sitzung zu verhandeln. Staatsanwalt nnd Verteidiger schlossen sich! dem an. Das Gericht beschloß, über die,e Punkte morgen früh in nichtöffentlicher Sitzung zu verhandeln, sowie den Zeugen Barbiergehilfen Reinhold Hillenberg vorführen zu lassen, ferner den Sekundaner Hans O p p e l aus Danzig zu laden. Zu Beginn der heutigen Sitzung wurde die Öffentlichkeit bis auf weiteres ausgeschlossen. Wie die „Franks. Ztg." meldet, ist S P e i s i g e r f r e i - gesprochen worden. Vermischtes. Heidelberg, 7. Oktober. Heute abend 6i/2 Uhr stieß der ÄurSzug 126a, von Neckargemünd kommend, auf den vor der Station Karlsthor haltenden, dicht besetzten Lokalzug, von dem die letzten Wagen zertrümmert wurden. Neun Personen sind getötet, 20 schwer und viele leichter verletzt. Unter den Toten befinden sich Fräulein Busch von hier, Julie Munter-Mannheim, Hassel von hier. Schwerverletzt sind Dr. Vendiger-Halle, Dr. und Frau Hauer-Mannheim, Dr. Virn hab er- Mannheim, Frau Sch ule-Wiesbaden, Frau Medizinalrat Walter- Mannheim und R u tz e l - Wien. Eisenbahnassistent Weibert vom Karlsthor, der irrtümlich die Bahn freigegeben hatte, wurde verhaftet.__________________ Universität und Hochschule. — Gestern trat Professor Dr. Rudolf Haym in Halle, einer der letzten noch lebenden Mitglieder der Frankfurter Nationalversammlung, der Begründer der Preußischen Jahrbücher, in sein achtzigstes Lebensjahr. Wie die Nationalzeitung mitteilt, erfüllt Professor Haym noch mit großer Rüstigkeit die Pflichten seines Lehramtes ^Philosophie und neuere deutsche Litteraturgeschichte), nachdem er vor kurzem, am 29. Juni, sein fünfzigjähriges Dozentenjubiläum gefeiert. — Wie aus Halle berichtet wird, folgt der a. o. Profeffor der angewandten Mathematik und Maschinenkunde an der dortigen Universität Dr. Lorenz einem Rufe des physikalisch-technischen Instituts der Universität Göttingen. — Bei der medizinischen Fakultät der Berliner Universität treten mit Beginn des nächsten Halbjahres zwei neue Lehranstalten ins Leben, eine für Heilgymnastik und eine zweite für Massage. Die Leitung der ersteren übernimmt Dr. Gustav Schütz, der jetzige Leiter des mediko mechanischen Instituts im Architektenhause; an die Spitze der letzteren tritt Professor Dr. Zabludowski. — An der Universität Kiel hat sich Dr. P. Sick auf Grund einer Schrift über den „Erreger der Strahlenpilzkrankheit" als Privatdozent in der medi- zinischen Fakultät habilitiert. Sport, Spiel, Jagd. -81. GieFrn, 8. Oktober. Das Herbst-Rad-Rennen auf der Rennbahn an der Hardt am gestrigen Sonntag hatte folgendes Ergebnis: 1. Erösfnungsfahren (zwei Vorläufe) über 2000 Steter. Em- scheidungslauf: Karl Duill-Gießen 2,544/6, 2. Erich Möder - Frankfurt a. M. 2,56, 3. Luigi Corrato-Turin 2,56