Mittwoch den 8 AuguA 1900 Nr. 183 EBesBlatt. Kießmer Anzeiger Heneral'-Un^iger Kr H- »^58funbe* ***l briykft 1 Du Gtche«rr »nboi bem ÄHjtigtr Alle Lnzngen-BcrmtttlrmgSstelleu de» Iw- und Äu»(«nN» nehmen Anze,gen für den Gießrner Anzeiger enkgeG«, Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auSwäri» 2Ö Pfg. Innigen |u ber nachmMag» für bm Motas Sej «fchrinenbrn Nummer M wnn. W tt$K. WMiM»wy» Wäteßcn» OeeW »«r-«r. Netugspreis öicrtfliäbrl. Ml. SM monatlich 75 Pfß. mit vrmgerlohnr durch bit AbbolefieS» metteljährl. Mk. IM monatlich 65 Pfy. vei Postbezug Mk. 2,40 vieneljLtzM mit Bestellgeld Amts- und Anzeigeblutt für den Ttreis Gieren. UrteMwa, WkprdiNan und Bruder* >#*f#re6< Nr. 7. Gratrsdeüage«: Gießener Farniüenbiättrr, Der heWtze KanLwitt, Klütter Mr hePlche UsMsKundr. ------ ' ---B-2J2J---um Bbrefk für Depeschen: Anzeiger chilß«, Fernsprecher Nr. 51. AmtLi^r Teil. Bekanntmachung. Alle zu einer Verwendung in China bereiten, augenblicklich dienstfähigen Unteroffiziere nn> Mannschaften des Beurlaubtenstandes der Infanterie, Kavallerie, Feldartillerie, Pioniere und Eifenbahn-Truppen — in erster Linie Reserve — Ersatzreserve ausgeschlossen — haben sich bei den zuständigen Kontrollstellen unter Vorlage ihrer Militärpapiere bis zum SamStag dem 11. August, abends, anzumelden. Es ist in Aussicht genommen, daß Kapitulationshandgeld, sowie LöhnungSzuschuß gezahlt wird. Gießen, den 3. August 1900. Großherzogliches Bezirks-Kommando Gießen. F. d. b. B.-K.: Morneweg. Bekanntmachung. Betr.: Vertilgung der der Forst- und Landwirtschaft schädlichen Vögel, bezw. Tiere. Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß infolge unserer Abschußverfügung vom 21. November 1899 im laufenden Jahre im Kreis Gießen nach den vorliegenden Berichten vertilgt worden sind: 1960 Raben, 284 Häher, 3 Habichte, sowie 303 Eichhörnchen. Gießen, den 4. August 1900. Großherzogliches KreiSamt Gießen. v. Bechtold. Bekanntmachung. Betreffend: Die Ernennung der Vertrauensmänner und deren Stellvertreter der land- und forstwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft für das Großherzogtum Hessen. Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntnis, daß Herr Georg Keil, Müller in Grünberg zum Stellvertreter des Vertrauensmannes des 79. Bezirks der land- und forst- ivirtschaftlichen Berufsgenossenschast für das Großherzogtum Hessen ernannt worden ist. Gießen, den 3. August 1900. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold. Bekanntmachung. Am Touutag dem 12. ds. Mts., nachmittags 3 Uhr, wird Herr Oekonomieral Leit Higer in der Grö ßer'schen Wirtschaft zu Grotzeu-Buseck einen Vor- trag über „Die Gründung einer Molkerei und über Molkereiweseu überhaupt" halten. Ich lade dazu alle Mitglieder des landwirtschaftlichen Vereins und jedermann, der sich dafür interessiert, freundlichst ein. Gießen, den 4. August 1900. Der Direktor des landw. Bezirksvereins. __v. Bechtold.___________________ Bekanntmachung. Der Gchotteuer Sommermarkt — Viehmarkt — wird am 13. und 14. August abgehalten. Der Austrieb der Tiere zum Markt beginnt um 5 Uhr morgens. Früher dürfen die Tiere nicht auf der Straße aufge- stellt werden. Zuwiderhandlungen werden mit Geldbuße bis zu 60 Mk. bestraft. Der Auftrieb des Rindviehs erfolgt am 13. August vom sogenannten Kreuz und von dem Hause des Ludwig Spamer I. aus, am 14. August nur vom Hause des Lud- wig Spamer I. aus. Der Auftrieb der Schweine am 14. August erfolgt vom Schießhorst aus. Bei dem Auftrieb sollen nicht mehr als 2 Stück Rindvieh zusammengekoppelt sein. Schotten, 2. August 1900. Großherzogliches Kreisamt Schotten. __________________Schönfeld.__ Die neue hessische Vermögenssteuer. Fortsetzung. Wie die Einkommensteuer, so kennt auch dieVer- mögenssteuer 2 Abteilungen. Bildet bei jener die Grenze ein Einkommen von 2600 Mk., so werden in dieser alle die in die 1. Abteilung eingereiht, die schon bezüglich der ersteren in dieser Abteilung sind, oder, wenn sie nicht einkommensteuerpflichtig sind, ein steuerbares Vermögen von mindestens 60 000 M k. besitzen; die mit weniger Vermögen bilden die 2. Abteilung der Steuerpflichtigen. Die Höhe der Vermögens st euer beträgt 55 Pfg. für jede angefangene 1000 Mk. über ein Vermögen von 3000 Mk. hinaus. Bis zu 30000Mk. Vermögen wird jedes einzelne Tausend mit 55 Pfg. berechnet, bis zu 60 000 Mk. je 2000 Mk. mit 1.10 Mk., bis zu 90 000 Mk. je 3000 Mk. mit 1.65 Mk., bis zu 150 000 Mk. je 4000 Mk. mit 2.20 Mk., bis zu 300 000 Mk. je 6000 Mk. mit 3.30 Mk., bei höheren Vermögensbeträgen je 10000Mk. mit 5.50 Mk. Die Steuer stellt sich also bei einem Vermögen von 3000 Mk. auf 0.55 Mk. „ „ „ , 10 000 „ „ 5 50 „ „ „ „ „ 30000 „ „ 16.50 „ „ „ „ „ 100 000 „ „ 55 00 „ „ „ „ „ 1000000 „ „ 550 00 „ Die Veranl agungen der Vermögen zur Steuer geschehen verschieden nach den oben bereits angeführten drei Vermögensgattungen. Als allgk> meiner Grundsatz ist jedoch festgehalten, daß die Steuerpflichtigen zu jeder Zeit berechtigt sind, zum Zwecke der Veranlagung der Kommission ihr steuerbares Vermögen anzugeben. In den Fällen, in denen von dieser Berechtigung kein Gebrauch gemacht wird, wird die Veranlagung der Grundstücke, Gebäude und der auf solchen lastenden Rechte durch die Veranlagungskommission geregelt. Diese Kommission wird alle 3 Jahre für jedes Steuerkommissariat von dem Kreistag des betreffenden Kreises aus denjenigen im Bezirk wohnenden Personen gewählt, die ein Einkommen von wenigstens 2600 Mk. beziehen. Die Zahl der Mitglieder richtet sich nach der Größe der Steuerkommissariate und den Einkommensverhältnissen der Einwohner. Die Gebäude sind schon von einer anderen Kommission gewertet, von oer Brandschätzungskommission zur Veranlagung in die Brandkasse. Man hat die Wahrnehmung gemacht, daß diese Taxierung gegenüber dem wirklichen Wert gar oft eine geringe ist. Es wäre die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß Gebäude von den verschiedenen Kommissionen verschieden bewertet werden, zur Brandkasse geringer, zur Steuerveranlagung höher. Es gilt darum auf diesen Punkt die Aufmerksamkeit der Beteiligten zu richten, diaß jeder Hausbesitzer darauf Acht habe, daß seine Anlagen gleichmäßig abgeschätzt werden, entweder zu einem höheren Satze in die Brandkasse oder zu einem niedrigeren für die Steuer. Für das land-und for st wirtschaftliche, sowie das gewerbliche Anlage-und Betriebskapital erfolgt die Veranlagung gleichfalls im Wege der Sck>ätzung durch die Kommission, doch- sind die der 1. Abteilung zugeteilten Betriebsunternehmer, wenn sie zum ersten Male veranlagt werden, verpflichtet, eine schriftliche Erklärung über das verwendete Anlage- und Betriebskapital und der darauf lastenden Schulden abzugeben, während die übrigen Betriebsunternehmer nur auf Verlangen der Kommission dazu herangezogen werden können. Das tote und lebende Inventar wird nach dem gemeinen Werte geschätzt. Dieser stellt d,en Verkaufswert dar, den die betreffenden steuerbaren Objekte zurZeitderVeranlagung unter der Voraussetzung haben, daß das Unternehmen as Ganzes unter normalen Verhältnissen und zum Fortbetrieb verkauft werde. Reben dem Wirtschaftsinventar sind alle die aus wirtschaftlichen Vorjahren noch vorhandenen, durch den Betrieb erzeugten Vorräte steuerpflichtig. Das sonstige steuerbare Vermögen (dasjenige über 3000 Mk.) wird, nachdem bei der ersten Veranlagung eine schriftliche Erklärung von dem Steuerpflichtigen abgegeben ist, später durch Schätzung von seiten der Kommission veranlagt. Bares Geld wird nach dem Nennwert, Silber und Gold in Barren und fremde Münzsorten nach dem Verkaufswert, Wertpapiere nach dem Kurswert angeschlagen. Schluß folgt. Einige Momente aus der Tragödie des Königsmords in Italien. Von A. D., zurzeit Florenz. Nachdruck verboten. Florenz, 5. August. „Du wärest zu gut und Dicv haben sie ermordet, Dich, der Du nie jemanden etwas zu leide thatest und für alle nur iLebe hattest"', soll in bitterem Schmerze die Königin Marguerita ausgerufen haben, als ihr der Tod des Gatten zur Gewißheit wurde. In kurzen Worten ist wohl kaum je eine bessere Charakteristik des verstorbenen Königs gefällt worden. Er, der tapfere Krieger Viktor Emanuels und Garibaldis, der 1866 allen voran auf dem Schlachtfelde Lorbeeren errungen, war int Grunde seines Herzens ein Friedensfürst. Er hatte nach dem Tode seines großen Vaters keine leichte Erbschaft angetreten. Die Kirche duldete das Königtum, aber sie liebte es nicht. Italien war in den Augen der Klerikalen das Reiche des Papstes, der König nichts als ein Usurpator. Viktor Emanuel hatte, um dem tiefgesunkenen Lande aufzuhelfen, 1866 die Klöster säkularisiert und in Schulen oder Kasernen umwandeln lassen. Als er seinen Einzug in Rom hielt, mit dem festen Entschluß, es zur Hauptstadt des neuen, vereinten Reiches zu machen, sprach er die denkwürdigen Worte: „Hier sind wir und hier bleiben wir". Wer die Verhältnisse Italiens kennt, weiß, daß diese Worte einen eisernen Klang haben. Und dem Willen des Eisernen fügten sich alle. Die Verhältnisse waren nicht weniger kompliziert, als 1878 König Humbertus den italienischen Thron, bestieg. Bis dahin hatte die Bildung des Volkes ganz in der Hand des Klerus gelegen, auf dem Lande existierten kaum Schulen, von Schulzwang war keine Rede; selten fanden sich im Volke Leute, die lesen und schreiben konnten und erst allmählig konnten andere Verhältnisse angebahnt werden. Statt offener Feindseligkeit wurde von Seiten des Klerus der Krieg in der Stille weitergeführt. Charakteristisch tft, daß, als der König neuerdings bedacht war, die Familien der nach Afrika ziehenden Krieger durch eine Pension etwas zu sichern, es sich zeigte, daß ein großer Prozentsatz der Ehepaare ohne staatliche Trauung, nur durch den Segen der Kirche verbunden, mit einander lebten. Dem Staate gegenüber waren also die Kinder dieser Paare Bastarde; die etwaigen Witwen der im Kriege Gefallenen ohne jedes Anrecht auf staatliche Unterstützung. Das ist ein Beispiel statt vieler. Es bedarf nicht erst der Auseinandersetzung, daß der milde, weitblickende, wohlwollende Herrscher des Vatikans für die Gesinnung in den weiten Regionen seines Reiches so wenig verantwortliche zu machen ist, wie der Herrscher auf dem Königsthron für die Ausschreitungen fanatischer Untertanen. Es ist der ewige KampfderUnwtssenheitgegendte I n t e l l i g e n z. — Und mit dieser geringen geistigen Retfe trat das Volk in den furchtbaren Kulturkampf unseres Jahrhunderts; Kindern wurden Waffen in die Hand gedrückt, denen nur Männer gewachsen sind; in kaum urbar gemachten Acker wurde von den Parteiführern eine Saat gestreut, die aufging zu furchtbarer Ernte. Der König empfand dies alles; mit seinem klaren Blicke sah er, wie die einzelnen litten, fein Herz gehörte vor allem den Geringsten seines Volkes, und ihr Los zu lindern war sein ernstes Bestreben. Eine Uebergangszeit, wie sie das italienische Volk durchzumachen hatte, um aus völliger geistiger Abhängigkeit zu geistiger Selbständigkeit zu gelangen, wird nie ohne extreme Ausschreitungen fein. Manche Maßregeln der Regierung, um erst ein Nationalvermögen zu schaffen, scheinen hart, z. B. die Steuern, die auf den täglichen Gebrauchsartikeln der Aermsten liegen; aber der König war nicht allmächtig — er persönlich hätte gern sein Herzblut gegeben für den Aermsten seines Volkes und ist ja in der That einMärtyrer seines unerschütterlichen Vertrauens zu seinem Volke geworden. Neben dem Könige wirkte seit 1868 seine ihm in jeder Hinsicht ebenbürtige Gemahlin, die Königin Marguerita, der Liebling des ganzen italienischen Volkes. Ich war Zeuge, als sie und ihr Königlicher Gemahl auf einige Tage nach Venedig kamen. Im Geiste sehe ich wieder den Canale Grande mit den Tausenden der geschmückten Gondeln, ich höre die rauschende Musik und den nicht endenwollenden Jubel des Volkes. Ich höre die Rufe der Bewunderung und Verehrung, das Jauchzen der Menge, wenn die geliebte, schöne Königin durch den Corso in Rom fuhr. Haben aber alle in den Tagen des Glückes die Königin bewundert wegen ihrer Schönheit, ihrer Intelligenz, ihrer Anmut und Liebenswürdigkeit, so erhebt sich aus dem tiefen Schmerze dieser Tage ihre Gestalt vor uns wie das Bild einer Verklärten. Jedes ihrer Worte!, und ihrer Handlungen verrät eine Seelengröße, vor der wir uns bewundernd beugen. Die heiligen Stunden des Alleinseins mit ihrem toten Gatten, der echte, tiefe Schmerz, die Art, wie ihr frommer Sinn Trost sucht in den Uebungen ihrer Religion, die edle Fassung, zu der sie sich immer wieder durchzuringen sucht, die zarte Liebe, mit der fte stets von neuem das Sterbegemach des geliebten Toten schmückt und nicht am wenigsten die Selbstloslgkett, mit der sie in diesen schweren Tagen an ihre Unterthanen denkt, die Dankbarkeit für die Teilnahme de» Volkes. — Allianzkriege. Mit großer Ungeduld wartet man in der ganzen Welt aus Nachrichten vom chinesischen Kriegsschauplatz. In der ersten Ausregung über die bedrohlichen und beängstigenden Vorgänge in und um Peking glaubte man annehmen zu dürfen, daß die Großmächte ein durchaus einmütiges und rasches Vorgehen in Oftasien beschließen und auch durchführen würden. Statt dessen erlebt mau das kläglich^Schauspiel, daß über die Frage, wem das Oberkommando über die Kontingente der verschiedenen Staaten anzuvertrauen sei, ergebnislos verhandelt wurde, ohne daß es bis jetzt zu einem Einvernehmen gekommen wäre. Jeder Staat wird mithin zunächst für sich allein operieren, was unter Umstünden aus die militärischen Vorgänge sehr ungünstig zurückwirken und den Chinesen die Verteidigung erheblich erleichtern wird. Die chinesischen Machthaber sind zweifellos über diesen Stand der Dinge ganz gut informiert, und daß sie danach ihr Verhalten einrichten, läßt sich leicht begreifen. Vor einigen Jahren, als es sich um die Schlichtung der kretischen Streitigkeiten handelte, gelangte das „europäische Konzert" zu einer recht heiteren Berühmtheit. Schließlich bekamen einige Teilnehmer dieses Konzerts das Ganze satt und zogen es vor, die Flöte aus den Tisch zu legen und den anderen das Spiel allein zu überlassen. Damals freilich handelte es sich um eine politische Frage, die, verglichen mit der brennenden Frage in Oftasien, von untergeordneter Bedeutung war. Europa hatte aus Kreta keinen barbarischen und brutalen Bruch des Völkerrechts zu rächen, keine in der größten Gefahr schwebenden Staatsangehörigen zu schützen, und vielleicht wäre es damals viel ersprießlicher gewesen, die europäischen Großmächte hätten von Anbeginn der kretischen Frage weniger Bedeutung beigelegt. Jetzt liegen die Dinge viel anders. Ein rasches und energisches Vorgehen der Mächte wäre gewiß am Platz. Statt dessen find noch immer die Diplomaten viel mehr beschäftigt als die Heerführer, uyd leider will es scheinen, daß die Diplomatie schon im voraus alles verderben will, was das Schwert erst schaffen soll. In einem Gespräch, das Napoleon III. einst mit Herrn v. Bismarck, dem damaligen preußischen Gesandten am französischen Hofe, führte, äußerte jener, zu einem Kriege gehöre vor allem, die Hand voll guter Allianzen zu haben. Dieser Ausspruch hat vielleicht seine Berechtigung, wenn es sich um die Defensive handelt, dagegen thun Allianzen selten ihre Schuldigkeit, wo es wesentlich auf die Offensive ankommt, da sind sie in der Regel eher hinderlich als förderlich. Dafür kennt die Geschichte hinreichend Beispiele; und nur aus dieser inneren Schwäche der Koalition läßt es sich erklären, daß oft eine an sich übermächtige Verbindung mit verhältnismäßig viel schwächeren Gegnern nicht fertig werden kann. Schon im siebenjährigen Kriege hat sich dieser ünv stand zu Gunsten des großen Friedrich bemerkbar gemacht, der gegen eine so erdrückende Uebermacht im Kampfe stand. Während seine Gegner auf Schritt und Tritt lange berieten und sich fast niemals über ein gemeinsames Vorgehen einigen konnten, hatte er den Vorteil der uu« gehinderten raschen Initiative und noch rascheren Durchführung der Pläne. Die Entschiedenheit, mit der zu Anfang von den Mächten die Notwendigkeit des Einschreitens in China anerkannt wurde, erinnert lebhaft an die Bewegung, bie im Jahre 1792 bei den Kabinetten Europas entstanden war. Auch damals waren sie von einer „heiligen Entrüstung" ersaßt und man war mit Worten einig in der Entschlossenheit zu einem Rachezuge gegen das revolutionäre Frankreich. Eine europäische Koalition gegen die Republik war leicht zu Stande gebracht. Wie verlies aber dieser Allianzkrieg? In kurzer Zeit stellte sich die Uneinigkeit unter den alliierten Mächten und die Jntereffenverschieden- heit hervor, und der klägliche AuSgang der Unternehmung ist bekannt. Von der klugen Kaiserin Katharina II. erfuhr man nachher, daß sie die Koalition gegen Frankreich eigent- jeber Zug verrät echteste Weiblichkeit, gepaart mit Heldengröße. Seltenes Glück ist hier ruchjos zerstört. Italien chatte in dem edlen Familienleben, der Sittenreinheit und der innigen gegenseitigen Liebe seines Königspaares ein Beispiel vor Augen, das allein schon einem Volke hätte zum Heil gereichen sollen. Der einzige Sohn dieses edlen Königspaares ist der neue König Viktor Emanuel III. Die Trauerslagae an Bord der Yacht, die ihn der Heimat zubrachte, ist ein Symbol der Empfindungen, mit denen er seine Regierung antritt. Wohl geben die allgemeine Trauer seines Volkes, die Kundgebungen ehrlicher Teilnahme von allen Thronen und aus allen Nationen ihm Mut, dem Leben wieder ins Antlitz zu schauen und die schlveren Regentenpflichten auf sich zu nehmen; aber nie werden er und seine junge Gemahlin diese erste Königsfahrt mit der Trauerslagge am Mast und der Qual im Herzen vergessen. Der junge Fürst ist bekannt als tapferer, pünktlicher, passionierter Soldat. Mehr aber noch als ein Freund und Jünger der Wissenschaften, als gründlicher Kenner der Geschichte. In der Abgeschlossenheit, fern von dem Treiben der Residenz, nur seinen Studien hingegeben, hat er dre beste Vorbereitung für seinen Beruf gefunden. Dre genaue Kenntnis der geschichtlichen Vergangenheit seines Volkes wird rhn bei seinem ernsten Willen, seinem Haren Verstände und warmem Herzen am besten befähigen, den Anforderungen der Gegenwart und Zukunft gerecht zu werden. Ergreifend wirkt der Bericht über seine Begrüßung durch die Minister im Salonwagen des Zuges nach, der Ankunft in Rom, die Begegnung des jungen Monarchen und des greisen Generals di San Marzauo, und wer schildert die Empfindungen des Königs und seiner edlen Mutter, als sie sich, endlich in ihrem Schmerze vereint sanden am Totenbette des Gemordeten! Schluß folgt. lich nur zu dem Zweck eifrig gefördert hatte, um, während Oesterreich und Preußen am Rhein beschäftigt waren, in Polen „die Ellenbogen frei bewegen zu können". Auch unter den beiden anderen Großstaaten des Ostens herrschte Zwietracht und Eifersucht, und das Ende war daher, daß die Koalition zerfiel und die ftanzöfische Republik über die vereinzelten Gegner triumphieren und schließlich allen den Frieden diktieren konnte. Auch in den Befreiungskriegen, an denen Deutschland so hervorragend und glorreich teilgenommen hat, zeigte sich das Mißliche der Allianzkriege — die Zwistigkeiten und Widersprüche zwischen den Mächten haben während der Feldzüge von 1813 und 1814 niemals auf» gehört, und wer weiß, ob sie ein für die europäischen Völker so glänzendes Ende genommen hätte, wenn nicht glücklicherweise die nationale Begeisterung des preußischen Volksheeres und seiner Führer der Kabinettspolitik das Konzept gründlich verdorben hätte. Dasselbe Schauspiel gewährt, wie erinnerlich, auch der Krimkrieg. Die geringe Uebereinstimmung zwischen den Truppen der gegen Rußland verbündeten Westmächte hat auf den Fortgang der Belagerung von Sebastopol sehr hindernd gewirkt und mit dazu beigetragen, daß Rußland schließlich ein außerordentlich billiger Friede gewährt wurde. Diese geschichtlichen Erinnerungen sind nicht danach angethan, das Vertrauen der öffentlichen Meinung auf rasche Erfolge der gegen die Chinesen aufgebotenen „verbündeten" Truppen zu verstärken, um so weniger, als eben das bisherige Verhalten der Mächte zu schweren Klagen Veranlassung giebt. Obwohl es sich um hohe Güter der Kultur und um wertvolle Menschenleben handelt, die in der größten Gefahr schweben, vergehen Tage um Tage, ohne daß man sichere Nachrichten hat, daß mit dem Beginn des Vor- marscheS gegen Peking Ernst gemacht ist. Mögen diese Verzögerungen ihre Ursache in wirklichen Schwierigkeiten technischer Art bei den einzelnen Kontingenten haben, man kann sich schwer davon überzeugen, daß solche Hemmnisse bei ernsthaftem Willen nicht rascher überwindbar sein sollten, und muß die unbehaglichsten Besorgnisse hegen, ob nicht mangelnde Uebereinstimmung rnid Hilfsbereitschaft das Unternehmen zur Befreiung der in Peking Eingeschlossenen in der bedauerlichsten Weise schädigen werden, sobald es einmal wirklich in Angriff genommen ist. Die Kabinette und die militärischen Führer der Mächte an Ort und Stelle würden der Oeffentlichkeit, die durch ganz Europa augenblicklich wenig Sinn für die Hervor- kehrung von Sonderinteressen und Eifersüchteleien auf dem Felde der chinesischen Wirren hat, einen Stein vom Herzen wälzen, wenn sie dahin wirkten, daß die alte traurige Erfahrung von der mangelhaften Art, wie Allianzkriege geführt werden, in diesem Falle, wo es sich zunächst um ein so einfaches, klares Ziel handelt, keine Bestätigung fände. Aus Stadt Md Kand. Gießen, den 7. August 1900. * • Postpersonaluachrichten. Versetzt sind: die Ober- Postdirektoren Maier von Darmstadt nach Frankfurt (Main) und Hol selb von Oppeln nach Darmstadt, der Post- üreftor Schäfer von Gleiwitz nach Gießen, der Ober- Postdirektionssekretär Neutze von Darmstadt nach Kreuznach als com. Postkassierer, der Postsekretär Eh le von Magde- mrg nach Darmstadt als com. Ober Postdirektionssekretär, )er Postverwalter Feik von Reinheim nach Horchheim und >er Ober-Postassistent Quaeck von Darmstadt nach Reinheim als Postverwalter. Ernannt ist: zum Ober-Post- etretär der Postsekretär Röder in Darmstadt. Ange- teilt sind: als Postsekretär: der Postpraktikant Justus in Offenbach (Main) und der Postverwalter Weber aus Balduinstein in Gießen. Angenommen find: als Postagenten: der Metzger Karl Weber in Oberroden und Fran Baßmann, geb. Seipp, in Okarben (Oberhessen). Ausgeschieden ist: der Postagent Franz Jakob Weber in Oberroden. Gestorben ist: der Postagent Baß mann in Okarben (Oberheffen). * * Zum 80. Geburtstag. Heute vollendet Herr Lehrer i. P. Kolb, hier, der 17 Jahre in Langgöns und 31 Jahre in Annerod thätig war, sein 80. Lebensjahr in bewundernswerter geistiger und körperlicher Frische. Von hier und auswärts trafen in reichem Maße Beglückwünschungen ein; mehrere befreundete Kollegen gratulierten persönlich unter leberreichung eines passenden Andenkens. Möge dem verdienstvollen, würdigen Greise ein weiterer froher Lebensabend beschieden fein. * * Lehrerprüfungen. Die diesjährige Definitorialprüsung )er Schulamts-Aspiranten und Aspirantinnen ist von dem Ministerium auf den 22. Oktober d. I. festgesetzt worden. Im Dezember findet olsdann die erweiterte Prüfung für Hauptlehrer und Lehrer an höheren Bürgerschulen statt. ** Invaliden- und Altersrente. Nach der im Reichs-Versicherungsamt gefertigten Zusammenstellung, die auf den Mitteilungen der Vorstände der Versicherungsanstalten und der zugelassenen Kassen - Einrichtungen beruht, betrug die Zahl der seit dem 1. Januar 1891 bis einschließlich 30. Juni 1900 von 31 Versicherungsanstalten und den 9 vorhandenen Kasseneinrichtungen bewilligten Invalidenrenten 541 876. Davon sind in- olge Todes oder Auswanderung der Berechtigten, Wiedererlangung der Erwerbsfähigkeit, Bezugs von Unfallrenten oder aus anderen Gründen weggefallen 176353, sodaß am 1. Juli 1900 liefen 365 523 gegen 343 341 am 1. April 1900. Die Zahl der während desselben Zeitraums bewilligten Altersrenten betrug 366 786. D-avon sind infolge Todes oder Auswanderung des Berechtigten oder aus andern Gründen weggefalwn 175160, sodaß am 1. Juli liefen 191626 gegen 194 869 am 1. April 1900. Invalidenrenten gemäß § 16 des Jnvalidenversicheruugsgesetzes (Krankenrenten) wurden seit dem 1. Januar 1900 bewilligt 3008. Beitragserstattungen sind bis zum 30. Juni. 1900 bewilligt an weibliche Versicherte, die in die Ehe getreten sind, 506 136 gegen 465 333, an versicherte Personen, die d^urch einen Unfall dauernd erwerbsunfähig im Sinne des Jnvalidenversich.erunasgesetzes geworden sind, 154 gegen 84, an die Hinterblrejbenen von Versicherten 116374 gegen 106 486, zusammen 622 664 gegen 571903 bis zum 31. März 1900. b. Friedberg, 6. August. Am 18., 19. und 20. d. M° feiert der hiesige Kriegerverein das Fest seines 25- lährigen Bestehens. Mit dieser Feier ist auch das Bezirksfest des Kriegervereinsbezirks Friedberg verbunden. Die Veteranen von 1870/71 werden auch zu der Feier eingeladen. Zum Festplatz ist die geräumige Seewiese aus- erfthen. Die Feier ist auf den Tag von Gravelotte gelegt worden, weil derselbe jedes Jahr in unserem Krieger- üerem festlich begangen wird. -Qu- Friedberg, 6. August. Gestern tagte hier die H auptversammlung des landwirtschaftlichen Bezirks- und des ViehznchtvereinS. Der Vorsitzende, Geh. Regierungsrat Dr. Braden, leitete die Verhand- lungen und eröffnete um 3J/2 Uhr die Versammlung mit einigen begrüßenden Worten an die zahlreich Erschienenen. Hieraus verlas Direktor Dr. von Peter die vorn Ausschuß geprüfte Rechnung für den landwirtschaftlichen Bezirksverein von 1899/1900 und den Voranschlag für 1900/1901. Die Rechnung schließt mit einer Einnahme von 3883 Mk. 70 Psg., der Reservefonds beziffert sich auf 1215 Mk. 75 Psg. Der neue Voranschlag balanciert mit 3855 Mk. in Einnahme und Ausgabe. Die einzelnen Posten der Rechnung und des Voranschlags wurden vom Redner eingehend begründet und erläutert und sanden ohne Diskussion die Zustimmung der Versammlung. Die hierauf verlesene Rechnung des Zuchtvereins für 1899/1900 wies eine Einnahme von 814 Mk. 26 Psg. auf; zum Reservefonds gehören 579 Mk. 26 Pfg. Der Voranschlag für 1900/01 schließt mit 1280 Mk. in Einnahme und Ausgabe ab. Auch hier fand nach den eingehenden Erläuterungen niemand etwas zu erinnern. Bei dem für die Viehzucht so wichtigen Kapitel der Viehweiden verweilte Dr. von Peter längere Zeit. Zwei Viehweiden find errichtet: eine in Hungen, eine in WerningS bei Wenings. Von den 55 Mk. für ein Stück Vieh auf diesen Weiden betragenden Verpflegungskosten trägt der Provinzialverein 20 Mk., sodaß der Eigentümer außer den etwaigen Transportkosten nur noch 35 Mk. zu bezahlen hat. Da die Vorteile des Weideganges von den Viehzüchtern immer noch nicht genügend gewürdigt werden, und die Beschickung darum eine noch zu geringe ist, so schlägt Dr. von Peter mit Hinweis auf den günstigen Rechnungsabschluß vor, kleinere Leute, die sich- als Züchter schon ausgezeichnet haben, zur Beschickung der Viehweiden noch besonders zu unterstützen, damit die hieraus resultierenden Vorteile allgemein mehr erkannt werden. 200 Mk. werden zur Verwendung hierfür vorgeschlagen und debattelos bewilligt. Nunmehr ging der Redner zur Verlesung des Jahresberichts Über, aus dem wir folgendes erwähnen: Die Arbeiten find im Provinzialverein konzentriert und die Detailarbeiten den Vorständen überliefern Diese können aber nur bewältigt werden, wenn draußen in den Gemeinden die nötige Unterstützung zu finden ist. Die Mitgliederzahl des Zuchtvereins ist um 110 gewachsen. Bei dem Kapitel über Vorträge äußerte der Redner, daß er sich von Ortsschauen, Stallschauen und gemeinsamen Rundgängen viel mehr versprechen würde als von Vorträgen, denen nicht jeder zu folgen vermöge. Eine gegenseitige Aussprache bei solchen Gelegenheiten hätte einen viel größeren praktischenWert. DieViehschauen mußten wegen der Maul- und Klauenseuche beschränkt werden, sanden aber nach dem April noch statt. In Butzbach wurde die Prämiierung abgehalten, aber durch den Zudrang des Publikums den Preisrichtern sehr erschwert. ES sei bei dieser Gelegenheit schon der Vorschlag gemacht worden, kleinere und dadurch mehr Prämien zu verteilen. Da wir aber noch im Anfang einer zielbewußten Viehzüchtung stünden, seien höhere Prämien zunächst noch am Platze, zumal ja auch Weggelder bei den Schauen bewilligt würden. Es sei schon ein erfreulicher Fortschritt bemerkbar, und deshalb seien viele Prämien verteilt worden. Nach Melbach kam ein neuer Stationsbulle. Tummelplätze für Jungvieh sink nur zwei vorhanden (in Griedel und Niederweisel), obgleich den Gemeinden eine Geldunterstützung gewährt wird, wenn der Platz die Größe von einem hessischen Morgen erhält. Die Bestrebungen zur Hebung des Gerstenbaues sind mit Erfolg gekrönt worden. ES ist der Beweis erbracht, daß aus unserer Wett er au er Gerste ein vorzügliches Bier gebraut werden kann. Es wäre darum wünschenswert, wenn noch zahlreichere Anmeldungen für die Ausstellung in Darmstadt erfolgten. Genügende Anmeldungen sind nur in Obst erfolgt. Auch die Viehzüchter müßten noch reichlicher anmelden, die Landwirte überhaupt die Gelegenheit zur Reklame, die hier unentgeltlich für sie gemacht wird, mehr benutzen. Bei der Erwähnung der Thätigkeit der Herdbuchkommission wurde sowohl vom Redner als auch später vom Geh. Regierungsrat Dr. Braden betont, daß die Körungen in unserem Bezirk seither zu ungünstiger Zeit und zu unregelmäßig vorgenommen worden feien, und daß Abhilfe dringend notwendig fei. Graf Oriola meinte, daß, da die Bildung kleinerer Körbezirke wohl nicht angängig fei, die Angelegenheit beim Provinzialverein zur Sprache gebracht werden müffe, da der Bezirk Friedberg bei den Körungen nicht zurückstehen dürfe. Die diesjährige Schau für die südliche Wetterau findet auf dem Selzer-Brunnen statt. Zum Schluß der Versammlung wies Graf Oriola auf die Ende dieses Monats fallende 50jährige Jubelfeier des Geh. Regierungsrats Dr. Braden hin, dem er namens des Vereins Anerkennung und Dank aussprach und ein jubelnd aufgenommenes Hoch ausbrachte. Bewegt dankte der Gefeierte und sprach seine Freude darüber aus,' daß er hier in der Wetterau einen schönen Wirkungskreis gefunden hätte, in dem man ihm immer mit dem nötigen Verständnis entgegengekommen wäre. Sein Hoch galt der Landwirtschaft. b. Bruchenbrücken, 6. August. Der Wetterauer Zweigverein der Gustav-Adolf-Stistung feiert nächsten Sonntag (12. August), nachmittags 2 Uhr, hier sein diesjähriges Jahres fest. Da unser Ort Station an der Main-Weser-Bahn ist, so wird sich die Feier großen Zuspruchs erfreuen. § Lauter, 6. August. Vor kurzem wurde auf dem Felde, an der Straße zwischen Laubach und Lauter, an einem dort arbeitenden Mädchen von einem unbekannten Menschen ein Notzuchtverbrechen auszuüben versucht. Der Mann, dem der Versuch nicht gelungen, entkam. DaS angefallene Mädchen erstattete Anzeige und gab eine genaue Beschreibung des Wegelagerers. Der Umsicht des Fußgendarmen Dörr zu Ruppertenrod gelang es, den Menschen in der Person des Georg Thomas aus Ober- Ohmen zu ermitteln und vorgestern in Hast zu bringen. Der Inhaftierte soll schon ähnliche Versuche unternommen haben. Darmstadt, 6. August. Die in Darmstadt am 18. August 1895 zur 25 jährigen Erinnerungsfeier versammelten Kriegskameraden aus 1870/71 beschlossen ein auf den 19. August 1900 anberaumtes Rendezvous auf der Oppenheimer „Landskrone". Inzwischen wurde dieser begeistert «aufgenommene Beschluß dahin erweitert, daß sämtliche Kameraden der ehemals Großherzoglich Hessischen Pionier-Kompagnie und die während der Feldzüge 1866 und 1870 ihr angehörenden Trainsoldaten ebenfalls zu dieser Kriegerversammlung eingeladen werden sollen. Da aber am 19. August auf der „Landskrone" in Respektierung eines schon vor Jahren gefaßten Beschlusses auch ein Gau- Turnfest gefeiert wird, so findet das kriegskameradschaftliche Erinnerungsfest nicht in Oppenheim, sondern am 19. August zu Nierstein statt. Zu dieser schönen Feier werden neben dem Obersten Brentano auch die übrigen Offiziere, sowie der Militärarzt aus 1870/71, Dr. Schramnr und die Familienangehörigen der alten Kampfgenossen erwartet. Mit den vorbereitenden Schnitten zur würdigen Begehung der patriotischen Veranstaltung wurde-der Großh. Hochbauauffeher A. Dorn zu Mainz betraut. Frankfurt a. M., 6. August. Heute wurde der Fern- sprech-Verkehr zwischen Frankfurt—Paris und Berlin—Paris ausgenommen. Die Verständigung war sehr gut._______________________ Vermischtes. * Berlin, $• August. Wegen Erkrankung an e ch t c n P o cke n ist gestern abend eine Kaufmannsfrau mit ihren fünf Kindern von Kl.-Glienicke bei Potsdam nach Berlin in ein Krankenhaus gebracht worden. Es handelt sich um leichte Fälle. Gegen eine etwaige Weiterverbreitung durch Ansteckung sind sofort alle erforderlichen Maßregeln getroffen worden. * Plauen, 5. August. Die Erdbeben im oberen Vogtland sind nach mehrtägiger Unterbrechung vergangene Nacht mit neuer Heftigkeit aufgetreten. Die Stöße waren teilweise von starken Gewittern mit Sturm- wind begleitet. Die Aufregung in der erschreckten Bevölkerung steigt zusehends. * Sellin (Rügerr), 4. August, lieber 100 Personen wollten heute frilh mit dem Stettiner Dampfer „Freya" Sellin verlassen. Zum Anbooten wurden neun Ruderboote (davon 3 mit Gepäck beladen) und ein Segelboot benutzt. Letzteres war nur von einem Bootsmann geführt und angeblich überfüllt. Die Zahl der Insassen ist unbekannt. In der Nähe des T-amPsers kenterte das Segelboot, nach Aussage des Badeverwalters infolge einer Windhose, nachj Aussage der Bootsleute, weil das volle Boot überstürzte ünd die geängstigten Insassen aufstanden -ind nach der entgegengesetzten Seite drängten. Als der Unfall geschah, war erst ein Ruderboot entladen, ein zweites folgte schnell ünd konnte sich so ebenfalls an den Rettungsversuchen beteiligen. Ter Dampfer gab ununterbrochen Notsignale mit der Dampfpfeife, die sogar Binzer Boote herbeiführten. Ein Rettungboot des Dampfers wurde sofort ins Wasser gelassen. Die meisten Personen wurden durch nahebei ankernde fremde Fischerboote auf den Dampfer gerettet. Genaue Feststellungen über den Umfang des Unglücks sind dadurch erschwert, daß der Dampfer weiterfuhr, ohne eine Mitteilung über Zahl und Namen der Geretteten zu hinterlassen. Aus telegraphischen Nachfragen von Göhren und Heringsdorf geht hervor, daß Prof Hoeffer aus Breslau, seine Gattin, eine Frau Schulz aus Berlin nebst Kind und Mädchen vermißt werden. Außerdem soll eine Familie Wolter, angeblich aus Helmstedt aus drei Personen bestehend, umgekommen sein. Ein Sanitätsrat Krause starb an Bord infolge Herzschlages In den Nachmittagsstunden wurde bisher vergeblich die Unfall- stelle durch Fischer abgesucht. — Dazu werden noch folgende Einzelheiten gemeldet: Als der Passagierdampfer „Freya" am Morgen des Samstags um 7 Uhr in Sicht kam und auf der Höhe von Sellin die Anker lichtete, um die nach Stettin ihren Kurs richtenden zahlreichen Passa- giere cüus Sellin aufzunehmcn, stachen 9 Ruderboote und vin Segelboot, das nur mit einem, aber sehr erfahrenen und erprobten Schiffer bemannt war, in See, die die abfahrenden Badegäste an den Dampfer zu bringen hatten ~'er Segler befand sich unter den letzten Booten. Als das erste, vom Schiffer Hoffmann geführte Ruderboot seine Passagiere ausgebootct hatte, bemerkte der Führer des Bootes, daß der Segler sich ganz auf die Seite legte. Sofort ahnte er das Unheil und eilte zur Unalücksstätte. Man sagt, daß dler Segler sich 100, nach; anderer Darstellung 3—400 Meter vom Dampfer befunden habe, als die Katastrophe eintrat. Man glaubt, daß das Fahrzeug entweder von einer hochgehenden Welle erfaßt wurde, oder sich vornüber gebeugt habe und so gekentert sei und unter Vollwasser gestanden habe. Schreckliche, ergreifende Szenen spielten sich ab, überall Schreien, Weinen, Flehen, ein großer Teil der Insassen hielt sich am Rand des Bootes fest oder hatte an der Segelraa Zuflucht und Halt gesucht. Ein anderer Teil war in die Fluten gefallen und rang verzweifelt um seine Rettung. Der Schiffer Hoffmann, der zuerst herbeigeeilt war, machte zunächst auf die im Wasser schwimmenden Personen Jagd und hatte es seiner Gewandtheit und Geistesgegenwart zu verdanken, daß er sieben Personen seine Hilfe zur Verfügung stellen konnte Ein korpulenter Herr konnte ihm entgegenschwimmen und wurde unter größter Kraftanstrengung von Hoffmann in dessen Ruderboot geborgen, auch einer Dame, die so aut wie verloren war, reichte er die rettende Hand. Von der „Freya" wurden schleunigst die Rettungsboobe gelöst, auch andere von Sellin zur Hilfeleistung herbeieilende Boote griffen ein, ebenfalls zwei von Karlshagen am Freitag herübergekommene Segelboote. Die Selliner thatcn ihr möglichstes, um d,ie Unglücklichen zu bergen. Alle Verunglückten, soweit sie gerettet waren, wurden auf Verlangen an Bord der „Freya" gebracht, zwei Professoren, darunter Prof. Eismann vom Friedrich-Wilhelms-Gymnasium in Posen, waren stark angegriffen und bewußtlos. Drei Personen, Buchhändler Wolter aus Helmstedt mit Gattin und Kind, wurden von einer Verwandten der Frau im Wasser um ihr Leben ringend erblickt. Sie sind alle drei ertrunken. Die Gattin eines Berliner Bankbeamten Schulze ist gerettet, während ihr Kind ertrank. Auch Prof. Hoeffer, außer der Gattin, dürfte mit der übrigen Familie gerettet sein. Die Angabe der Zahlen der ins Wasser Gefallenen schwankt zwischen 14 und 20. Seitens der Badeverwaltung wurde in Swinemünde telephonisch Nachfrage gehalten und von dort aus scstgestellt, daß einer der Geretteten, Sanitätsrat Krause jaus Berlin, während der Fahrt an Bord der „Freya" gestorben sei ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. Panischer Schrecken hatte das Gros der Bevölkerung ergriffen; von früh an war der Strand belebter als je, und wurde das ans Land gebrachte Wrack des Seglers, in dem verschiedene Kleidungsstücke und Hand- gepäck wirr durcheinander lagen, in Augenschein- genommen. Die Urteile über das Unglück selbst gehen sehr auseinander; allgemein wird das Schicksal der Verunglückten beklagt Zur Untersuchung des Thatbestandes sind Samstag und Sonntag eingettoffen der Amtsvorsteher Fürst Putbus, der Vertteter des Bergener Landrats Bülow, der Granitzer Gemeindevorsteher, Förster Schneider und der Gendarm Kutz aus Göhren. * Schahs als Künstler. Der Schah machte, wie aus Paris berichtet wird, bei seinem Einzug in Paris einen sehr abgespannten Eindruck. Trotzdem aber hat er seiner Vorliebe für musikalische Genüsse nicht entsagt. Als er entdeckte, daß sich in der Villa Evans kein Klavier befand, fragte er, ob er nicht sofort eins bekommen könnte. Ein Fabrikant, der den Schah in Teheran bedient, wurde antelephoniert, und nach kaum einer Stunde war das große Klavier da, das von acht Männern in den Salon geschleppt wurde, wo es bleiben soll. Das Klavier war bald für den Schah bereit, er setzte sich hin und spielte einen Walzer und dann ein Nocturno. Er hat musikalisches Gesühl, aber seine Finger, sind etwas kurz und haben keine Muskelkraft. Aber das Klavier ist ihm, wie er sagt, ein angenehmer Gefährte. Mehrere Mitglieder seines Gefolge- sind ausgezeichnete Spieler. Sie verstehen, ihn dadurch bei guter Laune zu erhalten. Der Schah ist auch sehr belesen und er schätzt die Literatur sehr hoch; aber er besitzt freilich nicht die Fähigkeiten seines Vaters, der sich sowohl als Maler wie als Schriftsteller und Dichter bethätigte. Als Barde konnte NaSr-ed-din „die Nachtigall der Feder um die voll erblühten Rosen des Harems flattern lasten." Auf seiner Reise durch Europa schrieb er auch ein Tagebuch, d. h. er diktierte eS in jeder Nacht seinem Sekretär; eine englische Uebersetzung des interessanten und amüsanten Werkes wurde von Murray veröffentlicht. Die Liebe zur edlen Dichtkunst ist in der Familie des Schahs überhaupt herkömmlich. So war auch der Ururgroßvster des gegenwärtigen Schah ein Dichter; von diesem wird ein hübsches Geschichtchen erzählt. Trotzdem er selbst dichtete, hielt er sich doch, vielleicht in geheimer Selbsterkenntniß, einen Hofpoeten, und zwar einen, der zugleich ein scharfer Kritiker und ein Humorist war. Eines Tages hatte Seine Majestät einige Verse beendet; er schickte nach seinem Hospoeten und deklamierte sie ihm vor. „Was hältst Du davon?" fragte der „König aller Könige". „Und müßte ich Euch auch zum Opfer fallen", war die Antwort, „aber ich halte das Ge- dicht für Unsinn". „Fort mit Dir", donnerte die beleidigte Majestät, „führt den Esel in den Stall!" Und so geschah es. Nach einiger Zeit hatte sich des Königs Wut einigermaßen gelegt. Da dachte er daran, einen zweiten Versuch mit dem Hofdichter zu machen, jedoch mit einem anderen Gedicht. Wieder ließ er den Dichter holen und deklamierte es ihm vor. Nach einer kurzen Pause stand der Hofpoet aus und wollte hinausgehen. „Wohin gehst Du?" fragte ihn der König. „Nach dem Stall", antwortete er. Dieses Mal mußte der „König aller Könige" jedoch lachen — aus seine eigenen Kosten. — Der verein Hundesport für «letzen und Umgegend beschloß in seiner gestern abend im Hotel „Prinz Karl" abgehaltenen Monatssitzung, im Mai n. Js. eine Hundeausstellung in Gießen zu veranstalten. Familien Nachrichten. Gestorbenr Herr Gustav Berbenich, Großh. PalaiS-Jnspektor in Darmstadt. Handel und Verkehr. Volkswirtschaft. Frankfurter Börne vom 6. August. Wechsel auf New-York zu 0.00-00. PrÄmieu auf Kredit per ult Äug. l.eO’/o, do. per ult Sept 2.70o/o, Diskonto-Kommandit per ult. Äug. 1.30 %, do. per ult. Sept. 2.350/o, Lombarden per ult Ang. 0.70%, do. per ult Sept. 1.10%. Deutsche Bank per ult. Juli 0.00 o/o, Notierungen: Kreditaktien 206.60-50-60.000, Diskonto- Kommandit 175.40-20-00, Staatsbahn 140.80, Lombarden 25.50-00, Italiener 93.50, Spanier 71.70-60, Bproz. Mexikaner 26.20, Bochumer 191.80-20.0 Laura209.30bz., Harpener 188 182.10 bz., Gelsenkirchen 191.80 bz., Ungar. Goldrente 00, Oesterr. Coupons 00.00, Amerlk. Coupons 0.00, Privat-Diskont 4,/6°/o- ly« bis 2® h Uhr: Kreditaktien 206.50-30.00-0 bz., Diskonto-Kommen di t 176.20-174.50-70 bz., Berliner Handelsgesellschaft 00 bz., Staatebahn 139 90-00 bz., Lombarden 25.50 b., Laura 00,00. Harpener 181.50-180 bz„ Hibernia 201.20-200.50 bz. Wegen vorgerückter Saison ▼erkaufe ich die noch vorrätigen Wasch-Anzüge, Blusen, Hosen, Loden-Joppen und Sommer-Havelocks zu bedeutend herabgesetzten Preisen. ist Markus Bauer. flk AyXfi aU (Hessen) zw. Darmstadt u. Heidelberg, ■■ WÄvU Hotel u. Pension „zur Krone**, Sommerfrische. Pensionsprospekt u. Führ. grat. Bes : G. Diefenbach. 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