Nr. 23t Aweitcs Blatt. Mittwoch dm 3 October 150. Jahrgang 1900 Gießener Anzeiger General-Anzeiger An»ts- und Anzeigeblatt für den 'Kreis Giefzen ßrscheint täglich -mit Ausnahme des MontagS. 'Die Gießener Kamitienvlätter werden dem Anzeiger int Wechsel mit „Heff. Landwirt" u. „Blätter tfüc heff. Volkskunde" wöchtl. 4 mal beigelegt. Alle Anzeigen-Bermittlungsstellen des In« und Auslände- nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg. Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher. Bezugspreis vierteljährl. Mk. 2,20 monatlich 75 Psg. mit Bringerlohn; durch die Abholestellen vierteljährl. Mk. 1,90 monatlich 65 Pfg. Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljährl. mit Bestellgeld. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schutstraße Ar. 7. Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde. Adresse für Depeschen: Anzeiger Hietze«. Fernsprecher Nr. 51. Die Wirren iti China. Von denjenigen Seiten, die die deutsche Chinapolitik bekämpfen und überhaupt von einer überseeischen Ausdehnung nichts wissen wollen, werden bekanntlich sehr heftige Angriffe gegen die Missionare gerichtet, die man in erster Linie, wenn nicht ausschließlich, für -den Ausbruch des Fremdenhasses in China verantwortlich macht. Daß die Missionen im Zusammenhang mit andern Erscheinungen, wie dem Vordrängen europäischer Kultur im allgemeinen, gegen chinesische Anschauungen und Vorurteile verstoßen haben, liegt auf der Hand, und es kann auch nicht bestritten werden, daß von feiten mancher Missionen Fehler begangen wurden, die zur Aufreizung weiter Bevölkerungsschichten beigetragen haben. Soweit wir bis jetzt sehen konnten, haben sich solche Vorwürfe Weniger gegen die deutschen Missionen gerichtet als gegen die anderer Nationen. Unter diesen Umständen ist es von besonderem Interesse, die Verhandlungen des allgemeinen evangelisch-protestantischen Missionsvereins zu verfolgen, dessen Jahresversammlung am 27. September in Hamburg abgehalten wurde. Auf dieser Versammlung hat der Rektor der Berliner Universität, Professor Harnack, einen Vortrag gehalten, der sich durch große Sachlichkeit und Heranziehung neuer Gesichtspunkte auszeichnet. Er verteidigt die Missionare gegen den Vorwurf, als ob sie allein den Fremdenhaß hervorgerufen hätten. Denn wenn auch wohl manches von ihnen versehen worden sei, so habe sich doch das Eindringen einer neuen Religion in ein Land noch niemals ohne schwere Krisen vollzogen, die nm so heftiger seien, je hoher das Volk entwickelt ist. Sodann tritt Harnack mit großem Nachdruck dafür ein, daß zu Gunsten der christlichen Mission niemals Gewalt einzufetzen oder Gewalt für sie anzurufen sei. Damit die Mission möglichst unabhängig bleibt von politischen Verwicklungen, sollen nicht die Landeskirchen als solche Mission treiben, sondern, wie bisher, freie private Vereine". Die Versammlung „erklärte sich mit Harnack in allen wesentlichen Punkten einverstanden". Zugleich aber -begrüßt sie „alle staatlichen Bestrebungen mit Freude, die die Hüter der christlichen Gesittung und der Gewissens- und Religionsfreiheit schützen und ihre Verbreitung fördern". Es ist bis heute nicht bekannt, ob das Edikt über die Bestrafung des Prinzen T u a n und anderer hochgestellter Rädelsführer echt ist; auch fehlt es noch an einem Beweise, ob die chinesische Regierung, die Echtheit vorausgesetzt, ihm auch wirklich praktische und ausreichende Folge geben will. Auf solche kaiserliche Erlasse ist verzweifelt wenig'Verlaß, und es geschieht nicht selten, daß sie innerhalb 24 Stunden widerrufen oder in ihr Gegenteil verkehrt werden. Bevor man also auf diese neueste Meldung große Hoffnungen baut, wird man abznwarten haben, ob und inwieweit sie sich bestätigt. Was wir schon wiederholt über die Unzuverlässigkeit, und somit in diesem Falle über die Unzulässigkeit chinesischer Gerichtsverfahren gesagt haben, bleibt auch jetzt bestehen, wie überhaupt die Bedeutung des Edikts im wesentlichen darin zu suchen wäre, daß die chinesischen Machthaber einsehen und anerkennen, daß ein Widerstand gegen die Mächte ganz aussichtslos ist. Unter eben diesem Gesichtswinkel wird die Nachricht von einem andern kaiserlichen Edikt betrachtet werden müssen, der das Bedauern über die .Ermordung des Herrn v. Ketteler ausspricht und ein'e, große Trauerfeierlichkeit in Aussicht stellt. Auch ein solcher Erlaß würde nur die Bedeutung eines Anzeichens haben dafür, daß die chinesischen Machthaber einzulenken gesonnen sind. Wir möchten darauf Hinweisen, daß dre Veröffentlichung dieser Edikte zusammenfällt mit dem neuerdmgs wieder schärfen gewordenen militärischen Vorgehen der Mächte. Das Bombardement und die Eroberung von Peitang, die militärischen Erkundungszüge in der Umgebung von Peking, die Vorbereitung von Expeditionen nach Paotingfu und.Schanhaikwan können den chinesischen Machthabern schon sehr wohl bekannt sein und dazu bei- Hetragen haben, ihre wohlberechtigten Bedenklichkeiten zu vermehren. Dem „Standard" wird aus Shanghai vom 28. v. M. gemeldet: Im hiesigen Arsenal wird Tag und Nacht an der Herstellung von Kriegsmaterial gearbeitet, das nach dem Norden und Westen verschifft wird. Wie verlautet, verstärken die Vizekönige am Pangtse schleunig die Verteidigungsmittel der Flußhäfen. Die „Times" erfährt aus Peking vom 24. v. M.: Wie amtlich gemeldet wird, waren die Engländer aufgefordert worden, an dem Angriffe auf Peitang teilzunehmen; da sie aber zu spät eintrafen, fanden sie das Fort bereits im Besitze der Russen, Franzosen und Deutschen. Aus Hongkong wird der „Times" vom 28. v. M. gemeldet, daß die Unruhen am Ostflusse sich weiter ausbreiten. Dw rheinische Mission in Tungkun sei zerstört Horden, und eine strenge Bewachung des Hinterlandes von Kautung würde daher nötig sein. Ans Tientsin wird vom 28. gemeldet: General Gaselee ist heute morgen hier eingetroffen und wird nach! einem Besuch beim Feldmarschall Grafen Waldersee sich natty Taku begeben, um Admiral Seymour einen Besuch ab- zustatten. Nach seiner Rückkehr wird eine Besprechung der Befehlshaber der verbündeten Truppen abgehalten werden. Gestern abend wurden von den Deutschen zu Ehren des Grafen Waldersee ein Fackelzug und Zapfenstreich veranstaltet. Die 2. Division des ersten deutschen Geschwaders traf am 28. September in Taku ein. Die „Times" veröffentlichten heute folgendes Telegramm aus Shanghai, 29. September: Der chinesische Kaiser hat an den deutschen Kaiser einen Brief folgenden Inhalts gerichtet: „Der Kaiser von China entbietet dem deutschen Kaiser seine Grüße. Ein plötzlicher Aufstand in China hat die Ermordung Ihres Gesandten zur Folge gehabt. Meine Untertanen haben schlecht gehandelt und leider sind alle freundschaftlichen Beziehungen zwischen uns abgebrochen worden, was ich tief bedaure. Ich habe heute Befehl erteilt, daß der hohe Rat Kongan der Leiche des getöteten Gesandten die Trauerehren erweise und daß Li-Hung- Tschcmg und Liukunyi aus allen Kräften die Ueberführung des Sarges nach Deutschland erleichtern. Außerdem habe ich meinen Gesandten in Berlin angewiesen, ebenfalls der Leiche bei ihrer Ankunft die Trauerehren zu erweisen. Ich drücke Ihnen über das Geschehene mein tiefes Bedauern aus umsomehr, als vorher unsere Länder im besten Frieden miteinander lebten. Ich richte nunmehr an Sie die Bitte, in unserm gemeinsamen Interesse die Verhandlungen zu eröffnen, um den ewigen Frieden wieder herzustellen. .. (gez.:) Kuangsü". Feldmarschall Graf Waldersee hat nach seinem Eintreffen in Taku am 27. v. M. seine militärische Thätigkeit in Petschili begonnen. Aus Tientsin wird vom 27. gemeldet: Feldmarschall Graf Waldersee ist heute nachmittag hier eingetroffen. Bei seiner Ankunft hatte eine Ehrenwache aus Truppen aller verbündeten Mächte auf dem Bahnhofe Aufstellung genommen. Der deutsche Gesandte Mumm v. Schwarzenstein ist am 29. dort eingetroffen und vorläufig im deutschen Konsulat abgestiegen. Die Witwe des Gesandten Frhrn. v. Ketteler fährt auf dem deutschen Dampfer „Halle" nach Japan. Der Petersburger Regierungsbote veröffentlicht ein Telegramm des Gesandten v. Giers aus Taku vom 27. ds., worin es heißt: Auf allerhöchsten Befehl fahre ich mit der ganzen Gesandtschaft nach Tientsin. Wie der russische Admiralstab bekannt giebt, trat Vizeadmiral Skrydlow am 20. September den Oberbefehl über das Stille Ozean-Geschwader an und setzte seine Flagge aus dem Kreuzer Rossija vor Taku. Der bisherige Chef des Stillen Ozeangeschwaders, Vizeadmiral Hildebrandt, ist in Petersburg eingetroffen. Ein Telegramm aus Taku vom 28. September meldet, daß die kombinierte Land- und Schiffsexpedition nach Schau haikw an, die am 1. ds. von Taku abgehen soll, aus 4000 Mann Landtruppen bestehen solle. Die Flottenstärke sei noch nicht bestimmt. Südlich von Schau- haikwan sollen die Truppen gelandet werden, um mit einem beträchtlichen, bereits auf dem Wege dorthin befindlichen russischen Kontingent zusammen vorzugehen. Der „Daily Expreß" meldet aus Schanghai: Die Verbündeten ergriffen Besitz von Schanhaikwan und hinterließen eine starke Besatzung, um es gegen die Boxer zu halten, die offenbar einen neuen Angriff beabsichtigen. Die Deutschen marschieren in starker Kolonne nach Tongschwang, um die Kaipung Minen zu beschützen, die unter der Direktion Tschangyin Maos die Arbeit wieder ausnehmen werden. Die Engländer ergreifen starke Maß- regelu, um die Russen an der Besitznahme von Tiai- Tschwang-Tai zu hindern. Aus Tientsin wird vom 28. September telegraphiert: Die Vorbereitungen zur Zurückziehung der amerikanischen Truppen haben begonnen. Es verlautet, ein Regiment Infanterie, eine Schwadron Kavallerie und eine Batterie Artillerie würden in Peking zurückgelassen zum Schutz der amerikanischen Interessen. Der Rest der Truppen geht nach Manila. * * * Telegramm des Gießeuer Anzeigers. London, 2. Oktober. Li-Hung-Tschang erklärte in Tientsin, daß die Auslieferung der Boxerführer unannehmbar sei, weil dies eine Herabsctzuug Chinas zu einem Vasallenstaate gegenüber Europa sein würde. Ebenso könnte eine Hinrichtung des Prinzen Tuan nicht zugestanden werden, weil an einem kaiserlichen Prinzen dieser Akt nicht vollzogen werden dürse. London, 2. Oktober. Die Russen haben den Pekinger Sommerpalast regelrecht ausgeraubt. Große Kisten lagern zum Abgang nach Rußland bereit. Die Verluste, die die reichen Chinesen erleiden, sind sehr bedeutend, da auch die Engländer plünderten. Von wohl informierter chinesischer Seite wird dem Korrespondenten der „Morning Post" berichtet, TuanS Tod würde die Krisis vereinfachen. China benutze den gegenwärtigen Waffenstillstand, um seine Waffenvorräte zu ergänzen. Petersburg, 2. Oktober. Angesichts der Depeschen über die Absetzung und die Bestrafung der Häupter der Boxer, unter denen sich auch kaiserliche Prinzen wie Tuan an der Spitze befinden, sowie angesichts der Bereitwilligkeit des Kaisers von China, das Grab Kettelers persönlich zu besuchen, wird mächtig zum Rückzug geblasen. Die Blätter erwarten einen sofortigen Beginn der Friedensunterhandlungen und Einstellung der Feindseligkeiten. Es verlautet, der russische Einfluß durch Li Hung-Tschang habe diesen Umschwung am chinesischen Hose bewerkstelligt. Washington, 2. Oktober. Wie verlautet, beabsichtigt die amerikanische Regierung, in ihren Verhandlungen die Kaiserinmutter ganz bei Seite zu lassen und nur mit dem Kaiser zu verhandeln. Der General Chaffee traf bereits die Auswahl unter den amerikanischen Soldaten, die in Peking überwintern werden. Der amerikanische Gesandte in Peking, Conger, telegraphierte am 27. September, daß Prinz Tsching ihm die Namen von drei weiteren Friedensvermittlern angegeben habe, nämlich Tsong-Li, Ju- Kun-Gi und Tschung-TschstTung. Der Krieg in Südafrika. Die schon seit mehreren Wochen in Aussicht gestellte Ernennung des Feldmarschalls Lord Roberts zum Oberbefehlshaber der Armee an Stelle des Feldmarschalls Lord W o l s e l e y wird nun pmt- lich mitgeteilt. Vermutlich wird Lord Roberts bald Südafrika verlassen, wo es ihm nicht nur -richt beschieden war, neuen Ruhm zu erwerben, sondern er sich auch um den Ruf eines wohlmeinenden und großherzigen Soldaten brachte, der ihn seit seinen erfolgreichen Feldzügen in Indien auszeichnete. Seine völkerrechtswidrigen Proklamationen, sowie die Erschießung des früheren Transvaal- Offiziers Cordua bilden für alle Zeiten einen Flecken auf der Ehre des Siegers von Kandahar. Es bleibt dabei freilich die Frage offen, wie weit Lord Roberts bei seinem unentschuldbaren Thun aus eigenem Antrieb ging unb wie weit er dabei unter dem Einfluß des Herrn Chamberlain stand. Die Kriegslage in Südafrika wird Lord Roberts nicht zurückhalten, seinen Posten in London zu übernehmen. Von einer ordentlichen Kriegführung kann weder in Transvaal, noch im Oranjefreistaat mehr die Rede sein, und was dort noch zu thun übrig bleibt, darf ruhig Minder bewährten Führern überlassen bleiben. Ruhm ist bei der Erfüllung der Aufgabe, die noch der Losung harrt, ohnehin nicht mehr zu gewinnen. Welche Bedeutung der nachstehenden Meldung aus London beizumessen ist, wird sich wohl bald ergeben: „Die „Morn. Post" erfährt aus Pretoria vom 29. September : Barend Vorster, eines der schlimmsten Mitglieder der alten Volksraad-Partei, hat im Distrikt Zontpansberg eine Republik hergeftellt. Botha sei mit 2000 Buren abmarschiert, um sich Vorster in Petersburg anzuschließen." Das Reutersche Bureau meldet aus Lourenzo Marques: Der Dampfer „Styria" vom österreichischen Lloyd geht mit 400 Flüchtlingen aus Transvaal in See. Es befinden sich darunter die italienischen, irischen, amerikanischen und französischen Kontingente. Mle Ausgaben an Bord trägt die Transvaal-Regierung, außerdem erhält jeder Flüchtling 10 Pfund Sterling Md hat freie Wahl bezl. des Hafens, wo er landet. Aus Lourenzo Marques wird gemeldet: In Komatipoort fand eine furchtbare Explosion statt, während die Engländer die von den Buren iin Stiche gelassene Munition vernichteten. 20 Go r d o n - h vchl ander wurden getötet. Weitere Nachrichten aus Komatipoort besagen, daß durch die Explosion nicht 20 englische Soldaten getötet wurden, sondern nur zwei. Dagegen wurden 18 Mann verwundet, darunter ein portugiesischer Soldat. Aus Pretoria wird vom 1. Oktober gemeldet: Ba den-Piowell übernimmt morgen das Kommando der P o l i z e i t r u p p e für Transvaal und den Oranje-Frei flaut Es ist eine Polizeitruppe von 12 000 Mann borge schlagen. Eine Meldung aus London besagt: Der „Manchester Guardian" glaubt zu wissen, daß Holland lauf dem Standpunkte steht, daß Transvaal solange Republik bleibt, bis England den Mächten die Annexion no- d i f iz i e r t hat. Spoliant) werde auch wahrscheinlich wegen der Behandlung vertriebener Transvaal er bei England Vorstellungen erheben. Es handle sich dabei nickt um vertriebene Holländer, sondern um Buren aus Transvaal und dem Oranje-Freistaat und viele «Individuen russischer, polnischer und deutscher Nationalität, die in Holland gelandet sind, und deren Erhaltung Holland aufgebürdet ist. Deutsches Reich. Berlin, 1. Oktober. Zu den Feierlichkeiten während des Besuches des Kaiserpaares in Elberfeld werden von den Städten Elberfeld-Barmen und dem Kreise Mettmann eingeladen: Reichskanzler Fürst Hohenlohe, die Minister v. Miquel, Dr. Studt, Brefeld, v. Thielen, v. Rhein- baben und der Minister des königlichen Hauses Herr v. Wedel, Dr. v. Lucanus, Oberpräsident Nasse, Regierungspräsident v. Holleuser, der Vorsitzende des Provinziallandtages Fürst zu Wied, Landeshauptmann Dr. Klein, der Vorsitzende des ProvinzirlausschusseS Landrat a. D. Janssen, und der kommandierende General des 7. Armeekorps General der In« fanterie Frhr. v. Bülow. — In Eisenach ist Prinz Bernhard Heinrich von Sachsen-Weimar-Eisenach heute morgen 8 Uhr gestorben. Prinz Bernhard Heinrich ist nur 22 Jahre alt geworden. Er wurde als zweiter Sohn des 1894 verstorbenen ErbgroßherzogS Karl August am 18. April 1878 zu Weimar geboren und stand als Leutnant beim 3. Garde- Ulanenregiment in Potsdam; außerdem wurde er ä la suite des 5. thüringischen Infanterie-Regiments Nr. 94 (Großherzog von Sachsen) und des königlich sächsischen 1. Königs - Husaren - Regiments Nr. 18 geführt. Außer dem 1894 verstorbenen Erbgroßherzog Karl August sind aus der Ehe des jetzt 82jährigen Großherzogs Karl Alexander Söhne nicht hervorgegangen, sondern nur noch zwei Töchter, Prinzessin Marie, die Gemahlin des Prinzen Heinrich VII. von Neuß j. L., und Prinzessin Elisabeth, die Gemahlin des Herzog-Regenten Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin. Erbgroßherzog Karl August hinterließ bei seinem Tode zwei Söhne, den jetzigen Erbgroßherzog Wilhelm Ernst und den heute verstorbenen Prinzen Bernhard Heinrich. Die direkte Erbfolge im Mannesstamm des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach steht demnach jetzt allein auf Erbgroßherzog Wilhelm Ernst, geboren am 10. Juni 1876 zu Weimar, der noch unvermählt ist. Er wird als Leutnant L la suite des 1. Garderegiments z. F., des 5. thür. Jns.-RegimentS Nr. 94 (Großherzog von Sachsen), des königl. sächsischen Karab.-Regiments und des kaiserl. russischen Drag.-RegimentS Ingermanland Nr. 30 geführt. — Staatsminister Gras v. Bülow traf am Sonntag, begleitet von seiner Gemahlin und seiner Schwiegermutter, Madame Minghetti, aus Flottbek zum Besuch des Fürsten und der Fürstin Bismarck in Friedrichsruh ein. Nach dem Frühstück geleitete Fürst Bismarck seine Gäste in das Mausoleum und unternahm später eine Spazierfahrt mit ihnen in den Sachsenwald. Gras Bülow ist gestern abend wieder in Berlin eingetroffen, muß aber wegen Erkältung das Zimmer hüten. — Dem „Reichsanz." zufolge wurde der dem russischen Adelstande angehörige Professor Dr. med. Ernst Otto Buengner, Direktor des Landkrankenhauses zu Hanau, als von Buengner in den preußischen Adelstand ausgenommen. — Der „Nat. Ztg." zufolge steht es jetzt fest, daß der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika General von Lieb er t von seinem Posten zurücktritt, um ein militärisches Kommando zu übernehmen, und den jetzigen Konsul von Sansibar Frhrn. v. Rechenberg, zum Nachfolger erhält. — Wie aus Berliner militärischer Quelle verlautet, dürfte die Besetzung des deutschen Militär- AttachS-Postens in Paris binnen Kurzem erfolgen. Wie verlautet, kommt in erster Linie der Major von HeinecciuS vom 1. Garde-Feld Artillerie-Regiment in Betracht. — Durch eine an sämtliche Regierungspräsidenten gerichtete Zirkularverfügung der Minister für Handel und des Innern vom 28. September ist bestimmt worden, daß die Ortspolizeibehörden ermächtigt werden, das Feil biet en von Zeitungen und anderem Lesestoff aus öffentlichen Wegen, Straßen, Plätzen, Bahnhöfen rc. während der Zeit, wo die Verkaufsstellen geschlossen sein müssen, an Werktagen insoweit zuzulassen, als es bisher schon während dieser Zeit üblich war. Wie die „Nat.-Ztg." erfährt, haben einige Mit- glieder der landwirtschaftlichen Kommission des Wirtschaftlichen Ausschusses, Hie vor einigen Tagen hier versammelt waren, sich dahin geeinigt, in dem Wirtschaft- lrchen Ausschuß die Erhöhung des Weizen- und NoggenzolleS von 3,5 auf 8 Mk. in einem General- tarif und auf 6,5 Mk. in einem Minimaltaris zu beantragen, d. h. der Zoll soll 8 Mk. denjenigen Ländern gegenüber betragen, mit denen keine Handelsverträge zu Stande kommen, und mindestens 6,5 Mk. auf Grund solcher Verträge. - Der „ReichSanzeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung betr. die Anmeldung unfallversicherungspflichtiger Betriebe, sowie eine Anleitung betr. Anmeldung. Die Frist für die Anmeldung wird auf die Zeit bis 15. November inkl. festgesetzt. — Die russische Negierung hat den Einfuhrzoll für Draht und Drahtwaren um 10 Prozent erhöht. | Diese Zollerhöhung trifft aber die aus Deutschland ein- gesührten Waren infolge des Handelsvertrages nicht. Jetzt ist, so schreibt der „Ruff. D. B.", Gelegenheit für die deutschen Draht- und Drahtwaren-Fabrikanten gegeben, den russischen Markt zu gewinnen. — Wie aus Leipzig gemeldet wird, wurde dort heute früh der fünfte national-soziale Parteitag eröffnet. Vorsitzender ist Prof. Gregori-Leipzig. 180 Delegierte sind anwesend. Stuttgart, 1. Oktober. Die VertrauenSmänner-Ver- sammlung der deutschen Partei hat gestern das Wahlprogramm sestgestellt. Bemerkenswert ist zunächst, daß die Partei es für gut befunden hat, ihrem Programm offiziell die unwahre Behauptung einzuverleiben, die Volkspartei trage die Schuld an dem Scheitern der Steuerreform, Erleichterung des Feld- und Weinbaus, stärkere Belastung der Großbazare und Warenhäuser, für später auch Vermögenssteuer und Ausdehnung der Erbschaftssteuer, ferner Versassungsrevision, die Abschaffung der Lebenslänglichkeit der Bürgermeister, aber ohne Rückwirkung, fachmännische Schulaufsicht, Pflege der wirtschaftlichen Interessen des Mittelstandes und Eintreten für das Wohl der Lohnarbeiter. München, 1. Oktober. Der Vorsitzende des bayerischen Landwirtschastsrates, Reichsrat v. Soden, erklärte in der heutigen Central-Versammlung des Landwirtschaftlichen Vereines, das Ziel bei der Beratung neuer Handelsverträge sei, das Prinzip des Maximal- und Minimalzolls in Anwendung zu bringen. — Anläßlich der morgen fiattfindenden Vermählung der Herzogin Elisabeth von Bayern mü dem Prinzen Albert von Belgien sand am Nachmittag bei dem Prinzregenten im Residenzschlosse eine Galatafel statt, wobei der Prinzregent einen Trinkspruch aus das Brautpaar auS- brachte. — Der König von Rumänien und der Fürst von Hohenzollern sind zu den HochzeitSfeierlichkeiten am bayerischen Hof eingetroffen. Sie wurden auf dem Bahnhof von dem Prinzregenten und Herzog Karl Theodor empfangen. Ausland. Kopenhagen, 1. Oktober. Der Reichstag ist beilte zusammengetreten. Tie bisherigen Präsidenten wurden wiedergewählt. Das Landsthing wählte indessen zum ersten Vizepräsidenten den ehemaligen Justizminister Nelle- mann, zum zweiten Vizepräsidenten den Generalauditeur Steffensen, früherer erster Vizepräsident. London, 1. Oktober. Bis heute nachmittag waren ohne Gegenkandidaten g e w ä h l t : 97 Un ionisten, 8 Liberale und 8 irische Nationalisten. Unter den Wiedergewählten befinden sich John Gorst, John Red- moild und Edward Grey. Der Staatssekretär für Indien Lord Hamilton rvurde in Ealing ohne Gegenkandidaten wiedergewählt. Wellington, 1. Oktober. Beide Häuser des Parlaments nahmen den Antrag des Premierministers an, worin die Annektierung der Co oksiuseln durch Neu-Seeland für ratsam erklärt wird. Ein englisches Kriegsschiff ging ab, um die Annexion vorzunehmen. An Bord desselben befindet sich der Gouverneur von Neu- Seeland, Earl of Raufully. Paris, 1. Oktober. Die Regierung wird bei ihrem Wiederzusammentritt ein Gelbbuch über die chinesische Angelegenheit veröffentlichen und die bis Ende d. I. erforderlichen Kredite verlangen. Die Gesamtsumme der Kredite wird 70 Mill. Frcs. betragen. Bewilligt sind bereits 19 Mill. Frcs. Während der Parlamentsferien ließ die Regierung im Staatsrat einen Kredit von 12 Mill. Frcs. eröffnen, sodaß nach Wiederbeginn der parlamentarischen Arbeiten ein Ergänzungskredit in Höhe von 39 Mill. Frcs. beantragt wird. Wien, 1. Oktober. Auf Grund von Erkundigungen stellt die „Pol. Korr." fest, daß der hiesigen japanischen Gesandtschaft von der angeblichen Absicht des Kaisers von Japan, im Frühjahr eine Reife nach Europa cmzu- treten, nichts bekannt ist. Eine so weite Reise des Kaisers, die ihn seinem Lande länger fern halten würde, sei überhaupt sehr unwahrscheinlich. / Görz, 30. September. Kaiser Franz Josef ist heute nachmittag unter begeisterten Kundgebungen der Bevölkerung abgereist und hat sich nach Schönbrunn begeben. Budapest, 1. Oktober. Der erste ungarische Bergarbeiterkongreß beschloß Petitionen an die Regierung wegen Verkürzung der .Arbeitszeit, Regelung der arg verwahrlosten Bruderladen, Maßregeln gegen die Brutalität und Ausbeutung durch die Vorgesetzten und Einschränkung der Verwendung fremder Arbeiter. Belgrad, 1. Oktober. Der russische Geschäftsträger in Belgrad, Paul Maussurow, wird als Botschaftsrat zur russischen Botschaft in Konstantinopel versetzt. — Es wird ein Projekt zur „Reform" des Skupschtina- und des Gemeindewahlgesetzes vorbereitet, das der Skupschtina in ihrer bevorstehenden Session vörgelegt werden soll. K o n st a n t i n o P e l, 1. Oktober . Die hiesigen türkischen Blätter veröffentlichen Artikel auf persisch, worin ie den Schah willkommen heißen. Es wird in diesen Artikeln für Vereinigung allev Muselmanen unter Führung des Sultans als Kalifen eingetreten und erklärt, daß die Annäherung zwischen Persien und der Türkei die ganze Muselmanische Welt mit Freude erfülle. —- Gestern abend fand im Pildiz-Palais zu Ehren des S ch a h ein Galadiner statt, an dem der Sultan, der Schah mit Gefolge und türkische Würdenträger teilnahmen. Der Sultan verlie'ß dem persischen Großvezier den Jmtiaz- Orden mit Brillanten. Petersburg, 1. Oktober .Der Kaiser und die Kaiserin mit den Kindern sind gestern in Sebastopol eingetroffen._______ Politische Tagesschau. In Trautenau nahmen zur österreichischen Wahlbewegung die feindlichen Brüder aus dem Lager b>- Deutsch Fortschrittlichen und die Radikal-Nationalen, in gesonderten Versammlungen Stellung. Die Fortschrittlichen hatten ihren Parteitag zu und die Schönerianer hatten daraus eben- ^4 auserwählt, in der zweifellosen >en=n /rästen dort Abbruch zu thun. Indes S“'8 b°-h em übereilter Schritt, daß der Bürgermeister Rauch aus Besorgnis vor Ruhestörungen sich an di-Bezirks- hauptmann chaft mit dem Ersuchen wandt^ den Parteitag K x iU ""'"sagen, womit er denn auch abschläg l^ch b-sch,-den wurde. Seme .Befürchtungen sind in keiner Weise gerechtfertigt worden, w,e nachstehender Bericht über den Verlaus des gestrigen Tages darthut: Trautenau, 30. September. Der heute vormittag hier abae- haltene, vorl etwa 4000 Personen besuchte VolkStag der deutsch radikal, nationalen Partei verlief ohne Störung; er nahm einstimmig eine Reso- welcher die Notwendigkeit einer energischen, rücksichtslosen nationalen Politik betont und verlangt wird, die Volksvertreter sollen zukünftig insbesondere dahin wirken, daß die deutsche Sprache als Staatssprache erklärt, das Bündnis mit dem Deutschen Reiche den Sm ®tnöet(ei6t und ein Zoll- und Handelsbündnis mit ken angestrebt werden soll. In der gleichzeitigen Ver. J9 b/r Oralen Partei erblicke der Volkstag einen Versuch, dem aut bie Beine zu helfen und spreche dem 23ürgets Trautenau die schärfste Mißbilligung darüber aus, daß er su emem Telegramm an die Kabinettskanzlei um das Verbot des Volks- beutsch-radikal-nationalen Partei gebeten habe; der Volkstag °°re den Bürgermeister auf, sein Amt niederzulegen. Nach Schluß “f Un^et! Je£ten» blre Teilnehmer des Volkstages einen Kranz an dem Kaiser Josef-Denkmal nieder. ^ichZeitig fand deutsch-fortschrittliche Parteitag statt, an welchem über 1000 Personen, darunter zahlreiche Abgeordnete, teilnahmen. Der Bürgermeister von Trautenau gab die Erklärung ab, daß er das Telegramm an die Kabinetskanzlei nicht im Einverständnis mit der Parteileitung der deutsch-fortschrittlichen Partei, sondern als Bürgermeister von Trautenau abgesandt habe, weil er eine Gefährdung der Ruhe und der Ordnung befürchtete. Der Parteitag nahm eine Resolution an, in welcher die Notwendigkeit einer gründlichen Heilung der den ganzen Staat schädigenden trostlosen Zustande betont und hervorgehoben wird, daß eine dauernde Gesundung der staatlichen Verhältnisse nur möglich fei, wenn den gegen die Reichseinheit, die Verfassung und auf die Zurück- drängung des Deutschtums gerichteten Bestrebungen jede Aussicht ans Verwirklichung genommen werde. Die Grundbedingung für die Herstellung geordneter Verhältnisse sei die gesetzliche Festlegung der deusschen Staatssprache, Durchführung der nationalen Abgrenzung und nationalen Teilung der gesamten Verwaltung Böhmens. Der Parteitag bezeichne als wichtigste Pflicht der Regierung, die Rechte und Interessen des Staates gegenüber den mit der Reichsverfassung unvereinbaren nationalen Ansprüchen, insbesondere den auf Verwirklichung des böhmischen Staatsrechts, zu schützen. Der Parteitag nahm ferner eine Resolution an, selche die Spaltung der Deutschen Oesterreichs in mehrere Parteien auf das tiefste beklagt und sich für den Zusammenschluß aller national und fortschrittlich gesinnten Deutschen zu einer einheitlichen nationalen Parteiorganisation ausspricht und die gegen die deutsche Fortschrittspartei gerichteten Angriffe und Beschuldigungen als grundlos zurückweist. Nach Schluß der Beratungen wurde ein Kranz am Kaiser Josef-Denkmal niedergelegt. Die Gasexplosion in der Berliner landwirtschaftlichen Hochschule. Eine schwere Gasexplosion hat, wie schon kurz gemeldet, Sonntag abend die Landwirtschaftliche Hochschule in der Jnvalidenstraße Nr. 52 heim gesucht, und an dem Gebäude und den Sammlungen, die es enthält, große Verwüstungen angerichtet. Im Keller Äes Hauptgebäudes befindet sich an der Südostecke der Maschinenraum, der für die Beleuchtung der ganzen Anstalt eine große und eine Kleine Gasmaschine enthielt. Neben dem Maschinenraume liegt an der Ostseite die Wohnung des Maschinenmeisters Külitz. An diese schließen sich auf der Nordseite Werkstellen zur Herstellung von Apparaten, zum Ausstopfen von Tieren und zur Anfertigung von Tischlerarbeiten an. Nach Westen zu folgen dann bis nach Süden herum wieder Wohnungen des zweiten Mafchinenmeisters und des Heizers Schurbaum, des Pförtners Schulz u. a. Gestern hatte im Lause des Tages der Pförtner Kubis einen Gasgeruch wahrgenommen, ohne seine Quelle entdecken zu können. Das Anzünden der Lampen ging abends noch ohne Störung vor sich. Da erfolgte um 7 Uhr plötzlich eine heftige Explosion. Der Luftdruck war" so stark, daß man den Knall und die Erderschütterung weithin, z. B. bis nach dem Wedding wahrnahm. In der Nachbarschaft klirrten alle Fensterscheiben. Die Scheiben des Keller-Geschosses flogen in Scherben auf die Straße und den Hof, und hohe Flammensäulen schlugen aus den Fensteröffnungen hervor. Die meisten Bewohner des Hauses befanden sich zufällig draußen, um sich auf dem Hofe zu ergehen. In unmittelbarer Nähe per Maschine war niemand. So ging es glücklicherweise ohne Verlust von Menschenleben und lebensgefährliche Verletzungen ab. Am schwersten wurde der 18 jährige Sohn Schurbaums, der Gürtlerlehrling Karl Schurbaum verwundet, namentlich an den Händen und am Gesicht. Er mußte nach der Charfltee gebracht werden. Die Frau des Pförtners Schulz konnte aus einer tiefen Ohnmacht von mehreren Aerzten nur schwer wieder zum Bewußtsein gebracht werden. Die meisten Verletzungen leichter Art wurden durch Glassplitter, die in großer Menge umherflogen, verursacht, unter den Bewohnern sowohl wie unter Sen Leuten, die zufällig an der Hochschule vorbei durch die Jnvalidenstraße gingen. Wie viele Personen im ganzen verletzt worden sind, ist nicht festgestellt. Sehr schwer sind die Verwüstungen im Gebäude, Kellergeschoß sind sämtliche Fenster- und Thürscheiben, die zum Teil sehr stark waren, zerstört. Pfeiler per Gewolbe- decke, anderthalb Meter starkes Mauerwerk, wurden teilweise umgeworfen. Die gewölbte Decke über dem Mcr- chinenraum hob sich und fiel in Trümmern:in den Keller zurück. In die Wände, die Kulitz's Wohnung von der verwüsteten Maschinenhalle trennen, wurden große Locher ge- chlagen, obwohl sie anderthalb Steine dick sind. Die Wohnungseinrichtung Kulitz's wurde gänzlich zerstört, lieber dem Maschinenraum und deii Kellerwohnungen be- findet sich im Erdgeschoß und Zum Teil im ersten Stock- wer! das landwirtschaftliche Museum mit einer ObcrlicW- kialle Das Glasdach wurde vollständig zerstört. Auch nicht ein Splitter einer Scheibe blieb in den eisernen Fassungen, die zum Teil zerrissen und verbogen wurdem Durch den EinstnrA des Deckengewolbes wurde leider auch diewert- volle zoologische Sammlung Professor Neh- r in gs vernichtet. Die Schränke mit den Gerippen, -Schädeln, ausgestopften Säugetieren und Vögeln wurden mit der emporgeschleuderten Decke und dem Mosaikfuß^ Loden hochgehoben und stürzten mit ihr in den Keller hinab. Dort liegen nun im wirren Durcheinander Mauertrümmer, Glasscherben und die zerschmetterten Gerippe A. s. w., und eine Sammlung von 'Miniaturmodellen landwirtschaftlicher Geräte Pller Völker. Auschs in den ßNuseums- räumen im ersten Stock und den hier gelegenen Laboratorien und Hörsälen ist die Verwüstung wahrzunehmen. Instrumente und dergleichen wurden von Tischen und Wänden herabgeschleudert. Wie hoch der Schaden ist, läßt sich noch nicht übersehen; bei der Sammlung ist er überhaupt nicht zu schätzen. Am Haupteingange an per Jn- validenstraße hat der Luftdruck die,schwere Sandstein-Einfassung herausgedrängt. Zwölf Zentner schwere Sandsteinblöcke wurden hochgehoben und fielen zertrümmert wieder herab. Eiserne Thüren, die im Innern verschiedene Räume abschlossen, wurden gesprengt und zum Teil verbogen. Die Hochschule wurde, nachdem die Feuerwehr mit den Löscharbeiten fertig war, .abgesperrt und ist es auch jetzt noch. Große Menschenmengen belagern sie fortwährend, um sich die Verwüstungen ianzu- fehen. Vermischtes. * B e r l i n, 1. Oktober. Der HerzogderAbruzzen äußerte bei der Durchreise nach Norwegen gestern in Kopenhagen, er werde mit 'Nansen verhandeln und ein neues Schiff für die nächste P o l ar exp e d itio n taufen, die im Frühjahr stattfinden soll. * Berlin, 1. Oktober. Die Gesellschaft m. b. H. „Papiereinkaufs stelle des Vereins deutscher Zeitungsverleger" hielt im Hotel „Kaiserhof" eine aus Berlin, Hannover, Osnabrück, Frankfurt a. d. Oder, Graudenz, Königsberg i. Pr., Altona, Braun- fchweig und anderen Städten zahlreich besuchte Generalversammlung ab, in der der Syndikus der Gesellschaft, Direktor Lehmann, über die bisherige Thätigkeit der Einkaufsstelle und die gegenwärtige Lage auf dem Papiermarkte eingehend berichtete. — Bezüglich des Neubaues von vier großen Papierfabriken und, Des Umbaues resp. der Erweiterung zweier bereits bestehender Fabriken sind bereits die einleitenden Schritte geschehen. Die Versammlung war einstimmig der Ansicht, daß nur durch den Bau neuer Papierfabriken den jetzigen unhaltbaren Verhältnissen entgegengetreten werden könne und beauftragte ipen Syndikus, die rwch weiter bestehenden, resp. noch auftauchenden Bauprojekte nach Möglichkeit durch Rat und That zu fördern. Große finanzielle Unterstützungen wurden in Aussicht gestellt. Eine Anzahl Gemeinden haben unentgeltlich Grundstücke für den Bau von Fabriken zur Verfügung gestellt und Steuererleichterungen versprochen. Da mehrere hundert Zeitungen die Deckung ihres Papierbedarfs bei der Einkaufsstelle angemeldet haben, so ist der Syndikus in der Lage, neuen Fabriken durch Ueberweisung von Massen-Aufträgen lohnende Beschäftigung zu sichern. * Berlin, 1. Oktober. DasSchicksal desMaub- mörders Gönczi scheint nunmehr besiegelt zu sein. Denn gestern wurde demselben der Beschluß des Strafsenats des Kammergerichts vom 24. September d. I., durch welchen die von dem Verteidiger in dem Wiederaufnahmeverfahren eingelegte Beschwerde als unbegründet zurückgewiesen ist, zugestellt. Von den in dem erneuten Anträge unter Beweis gestellten neuen Thatsachen dürften folgende von allgemeinem Interesse sein: Es ist nämlich gelungen, den bei der Flucht von pem Gönczischen Ehepaar .in Brüssel genommenen Aufenthalt zu ermitteln, und zwar in dem 5)ause Rue Jourdan 121, einem der Polizeibehörde als Verbrecheraufenthalt bekannten Orte. Der dafür angebotene Beweis, daß der vielgenannte Loewy die gedachte Wohnung für Gönczi gemietet habe, wurde nicht als solcher über eine neue Thatsache, sondern als zum Zwecke der Anstellung von Ermittelungen erachtet. Aus demselben Grunde wurde die Vernehmung der Zeugen, welche über den Aufenthaltsort des Loewy Auskunft geben könnten, als einflußlos für die beantragte Wiederaufnahme erachtet. Auch einem Schreiben des vermeintlichen Loewy in Brüssel, welches nach der Hauptverhandlung an Die Adresse Gönczis eingegangen ist, wird kein Gewicht beigelegt, weil aus der Unterschrift keineswegs folgt, daß er von der Person gleichen Namens geschrieben ist. Frau Gönczi befindet sich immer noch im hiesigen St. Hedwigs-Mankenhause. Für das Interesse des Publikums an dem Gönczi-Prozeß spricht n. ja. die Thatsache, daß bei per Staatsanwaltschaft bereits über 200 Gesuche um Bewilligung von Eintrittskarten zur erwarteten Hinrichtung des Raubmörders eingegangen sind. * Berlin, 1. Oktober. Zum Millionendiebstahl in der Villa Wrede wird gemeldet: Kriminalkommissar von Bäkmann, dem polizeilicherseits die Untersuchung in dieser Sache übertragen wurde, stellte fest, daß Dr. Wrede im März einen Diener entlassen hatte, der wiederholt untreu gewesen war. Auf unerklärliche Weise waren auch dem Dr. Wrede aus seinem gut verschlossenen Pult und Koffer Geldbeträge bis zu 1000 Mk. verschwunden; da er aber immer an die Möglichkeit von Irrtümern glaubte, machte er keine Anzeige bei der Polizei. Die Diebstähle waren ihm unheimlich und er entließ am 1. März den verdächtigen Diener. Jetzt ist nun sestgestellt, daß dieser Diener, Hermann Buß, vor Jahren bereits einen ähnlichen Einbruch begangen hat und deshalb mit Zuchthaus und außerdem mit Gefängnis vorbestraft worden ist. Die angestellten Ermittelungen der Polizei schafften denn auch sehr starkes Belastungsmaterial herbei. Einmal wurden in der Wohnung des Buß Nachschlüssel zu dem Hause Tiergartenstraße 8c, sowie 1200 Mark baareS Geld vorgefunden, über dessen Erwerb er unwahre Angaben machte. Sodann wurde sestgestellt, dckß Buß mit dem Portier Heinrich Waldschmidt aus der Viktoriastraße in der fraglichen Nacht in der Nähe des Thatortes gesehen worden ist, obgleich er in der Fennstraße wohnt. Erwiesen ist, daß Buß sich während seiner Dienstzeit Nachschlüssel angeschafft hatte. Der Fall beweist wieder einmal den Wert von Empfehlungen. Buß, der eine so dunkle Vergangenheit hat, wurde dem Dr. Wrede sehr warm empfohlen, woraufhin dieser ihn für den Vertrauensposten engagierte. Auf die Herbeischaffung der fehlenden Wertpapiere hat Dr. Wrede eine hohe Belohnung ausgesetzt. * Leipzig, 30. September. Die Stadt Leipzig rüstet sich, die Grundsteinlegung des Völkerschlacht- Denkmals festlich zu begehen. Am 18. Oktober, am Jahrestage des großen Kampfes, der Deutschlands Freiheit begründete, soll in feierlicher Weise vor den Thoren der Stadt in nächster Nähe des Napoleonsteines der Grundstein zu dem gewaltigen Monument gelegt werden, das aus freiwilligen Gaben des deutschen Bürgertums erstehen soll. Der Vorstand des „Deutschen Patriotenbundes" hat durch ganz Deutschland hin die Einladungen zur Teilnahme an dem Festakte ergehen lassen, namentlich an alle jene Vereine und Gesellschaften, die durch Beteiligung an den Sammlungen zur Förderung des Werkes beigetragen. Je mehr solcher Vereine sich durch Deputationen, namentlich Fahnen- Deputationen, an der Feier der Grundsteinlegung beteiligen, um so glänzender wird natürlich der Verlauf des Festaktes werden. Bereits sind aus allen Gegenden Deutschland- Anmeldungen eingelaufen. Erwünscht ist, weitere Meldungen möglichst bald zu bewirken, und zwar an den Vorsitzenden des deutschen Patriotenbundes Architekt Clemens Thieme, Leipzig, Rathausring 11, der über alle Einzelheiten, auch über Wohnungsangelegenheiten, Auskunft erteilt. * Leipzig, 30. September. (Zeitungspreis- erhöbmng). Die „Leipz. Reuest. Nachr.", das „Leipz. Tageblatt" und der „Leipz. Stadt- und Dorf-Anzeiger" machen bekannt, daß sie vom 15. Oktober den Anzeigenpreis um 25 Prozent erhöhen, und begründen diese Erhöhung mit der P a p ier p r e i s st e i g e r u n g und der Erhöhung des Postzeitungstarifs. ^Kopenhagen, 1. Oktober. Während eines furcht- baren Orkans auf Island sind 14 Schiffe gestrandet. Gleichzeitig sind durch ein Erdbeben mehrere Wohnhäuser eingestürzt. Viele Menschen sind utngekommen. Eine ähnliche Katastrophe ist in Island noch nie vorgekommen. Sport, Spiet, Jagd. -h- Gießen, 2. Oktober. Während bisher nur stets zwei Radrennen alljährlich auf hiesigem Sportplätze abgehalten wurden, haben sich in diesem Jahre das „Kuratorium" und die „Wanderer", G. R.-G., entschlossen, noch eine dritte Veranstaltung am nächsten Sonntag dem 7. Oktober stattfinden zu lassen. Dem Programm entnehmen wir, daß mit Rücksicht auf die vorgerückte Jahreszeit, wo viele Rennfahrer das scharfe und anstrengende Training bereits aufgegeben haben, nicht vorwiegend auf die Heranziehung der Fahrer aus weiter Ferne Bedacht genommen ist, sondern daß diese« Schlußrennen vielmehr einen Maßstab für daß Können und daS gegenseitige Verhältnis der bekannteren Hrrrenfahrer abgeben soll. Es ist deshalb auch mit Genehmigung des „VerbandeS deutscher Radrennbahnen" in Berlin eine Meisterschaft von Oberhessen ausgeschrieben worden, die nach den Etnschreibungcn heiß umstritten sein wird, und als Beweis dafür, daß auch zu den übrigen Programm-Nummern von den guten Amateuren die bestbekanntesten gemeldet haben, teilen wir hier schon mit, daß der Gewinner deS Großen Preises von Mainz, Herr Luigi Cerrato-Turin, am nächsten Sonntag bestimmt hier starten wird, ebenso wie der Gewinner des großen Gutenberg:Preises, Herr Karl Duill-Gteßen, der auch jüngst bei den WeltauSstellungs-Rennen in Paris die deutschen Farben siegreich vertreten hat. Arbeiterbewegung. New-Bork, L Oktober. Morgen wird in den Kohlenbergwerken der Anthracit-Gegend eine Mitteilung angeschlagen, daß die 10 Prozent Lohnerhöhung mit dem 1. Oktober in Kraft tritt und daß die Bergwerksbesitzer bereit sind, den Streit an ein Schiedsgericht zu verweisen._____ Handel und Verkehr. Volkswirtschaft. Vießr«- 2. Oktober. Marktbericht. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Butter ver Pfd. Jt 0.90-1.05, Hühnereier per Sr. 7—8 4L 2 St. 00—00 Enteneier 2 St. 00—16 Gänse« eier per St. 00—00 Käse 1 St. 5—8 Käsematte 2 St. 5—6 Hrbsen per Liter 24 Linsen per Liter 34 Tauben per Pam JL 0.65—0.80, Hühner per St. 1.00—1.40, Hahnen per Stück JL 0.50—1.20, Enten per St. «M* 1.80—2.00, Gänse per Pfund M 0.00-0.00 Ochsenfleisch per Pfd. 68—74 X Kuh. und Rindfleisch per Pfd. 62—64 A Schweinefleisch per Pfd. 50—70 Schweme. fleisch, gesalzen, per Pfd. 74 3), Kalbfleisch per Pfd. 64—66 3. Hammelfleisch per Pfd. 50-70 H, Kartoffeln per 100 Kilo 5.00 bi? 6.00 Ji, Weißkraut per St. 06—00, Zwiebeln per tttr. M. 5.50—6 00, Milch per Liter 18 H. Bohnen per Pfund 8—10 Dauer der Marktzeit von 8 Uhr morgens bis 2 Uhr nachmittags. Während der ersten drei Stunden der Marktzeit darf im Umherziehen nicht feilgeboten werden. Gottesdienst in der Synagoge. Mittwoch den 3. Oktober 1900: Versöhuuugssest. Vorabend 6 Uhr Predigt, morgens 7^ Uhr, Predigt 11« uyr, nachmittags Predigt 5 Uhr, SesieSausgaug 6Sammle,Velvets^ V dITDd11 Blusen, Besatz liefern wir direkt am Privat». , Man verl. Muster unserer großen Auswahl. MMMvon Elten & Keussen, Krefeld. Das Scheiden unseres langjährigen, hochverdienten Oberbürgermeisters, des nunmehrigen Präsidenten des Finanzministeriums, Herrn Gnauth hat allseitig in der Bürgerschaft das lebhafteste Bedauern hervorgerufen. Dem Danke für die hervorragenden Verdienste, welche sich Herr Gnauth um unfere Stadt erworben, nochmals vor seinem Wegzuge von Gießen Ausdruck zu geben, ist ein Bedürfnis vieler Mitbürger. Es ist zu diesem Behufe am 11. Oktober l. Js., abends 772 Uhr pünktlich, in SteiuS Gaalbau ein einfaches Abendessen in Aussicht genommen; ich beehre mich, auf diesem Wege eine allgemeine Aufforderung Lur Teilnahme an der geplanten Abschiedsfeier ergehen zu lassen. Anmeldungen werden bis spätestens Gamstag den 6. I. Mts. aus der Bürgermeisterei — Zimmer Nr. 15 — und bei Herrn Ernst Balser, Mäusburg 11, entgegen genommen. Gießen, den 2. Oktober 1900. 6487 Im Namen und Auftrage der Stadtverordneten-Versammlung: Wolff, Beigeordneter. Bekanntmachung. Der Termin für die Abgabe von Anmeldungen zum Anschluß au das Leitungsnetz des städtischen Elektrizitätswerkes ist bi« zum 15. Oktober verlängert worden. Gießen, den 2. Oktober 1900. 6495 Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen. I. V.: Wolff. Mkidkvmkkigkrmig. Mittwoch, den 3. Oktober d. I. werden die Weidennutzmigen an den Böschungen und Seitengräben der Eisenbahnstrecke Gießen-Hungen in 3 Losen auf 5 Jahre versteigert. Anfang der Versteigerung vormittags 6Vs Uhr an hem BahnwärlerhauS Nr. 17 bei Hungen; die Bedingungen werden daselbst bekannt gegeben. 6478 Gießen, den 1. Oktober 1900. Großherzogliche Bahnmeisterei VIII. Bei mir kann gekeltert werden. Emil Fischbach. 6457 6492 Keschäfts-Gröffnung Johs. Nickel 04166 Wilhel Engelhardt 6 <74 Zum KchSnschreili 1900. D.GDTHIEB, entgegen. 6484 zu verkaufen. Bleichstraße 4 I. 6472 4788 Alte Klinik 6480] Bermtwvrttich für len >A>em einen Lett: P. Wi^44^ »ruck nntz Verl«, tzer vrühpschrn UnirerstlLf^uch. uni •ttt*ht*