Sonntag den 2. Dezember 150. Jahrgang 1900 Drittes Blatt Gießener Anzeiger General-Anzeiger Amts- tmb Anzergeblatt für den Ureis Gieren $ j ** Teil zu vergüten. Syndikats hinein. Mitwirkung der niedrigem Preise Preise hochhalten Erst verschleudert es unter freundlicher Eisenbahnverwaltung die Kohlen zu an das Ausland, um im Jnlande die zu können, und nun soll auch noch, Bezugspreis Diertcliäbil. Mk 2LO monatlich 75 Psg. mit Bvii'grrlo!)n; durch die AbbolrstcÜr» »ierkeljährl. M?. 1,90 monatlich <>5 '13 fg. Bei Posldczng Mk. 2,40 vicrleljährl. mit Bestellgeld. Alle Anzeigen-BcrmtttlungSstellen deS In- und BuSiandr» nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger ciugegee, Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg. BMHe», Expedition und Druckerei: Fch.lßraße Nr. 7. Lore Sck •■iS S‘.5 k der heimischen Industrie in der Form von Ausfuhrvergütungen die Kohle billig geliefert werden, damit wenigstens die Preise, welche die privaten Verbraucher zahlen müssen, künstlich in die Höhe geschraubt werden können. Wenn nämlich die Industrie, wie das ja schon mehrfach! berichtet worden ist, die Werke stillstehen lassen muß, weil sie bei den hohen Kohlenpreisen nicht produzieren kann, dann stockt der Kohlenabsatz und die Preise müssen sinken. Dies Glück soll aber dem „Publikum" nicht blühen und deshalb wird auch die Ausfuhrindustrie unter die Begünstigten des Syndikats ausgenommen. Immer ist es das Ausland, dem die „nationale Arbeit" des Syndikats zu gute kommt. Es fehlte nur noch, daß auch der Staat der Industrie Ausfuhrprämien gewährt, damit sie die Kohlenpreise zahlen kann und die privaten Verbraucher weiter geschraubt werden können. Bereits wird berichtet, der preußische .Handelsminister habe sich für die Ausfuhrvergütungen des Syndikats erwärmt. Ta ist bis zu den staatlichen Ausfuhrprämien nicht mehr gar so weit. Das Zentrum hat eine Enquete über die Wirkung der Kartelle und Syndikate beantragt. Wenn das Kohlensyndikat es so weiter treibt, wie bisher, wird man nicht warten können bis zum Abschluß der Enquete, ehe man von Staats wegen dem Treiben der Ringe und Syndikate eine Schranks setzt. Daß die Syndikate wirtschaftlich sehr nützliche Organisationen sein können, wird nicht bestritten; der Grundgedanke derselben ist sogar gesund. Sie haben sich bei uns auch noch! von den ärgsten Ausschreitungen ferngehalten, welche die Ringe in Amerika sich gestatten. Allein, wenn es sich immer deutlicher Herausstellen sollte, daß die wirtschaftlich nützlichen Zwecke der Syndikate nur Vorwand sind für Gratisbeilagen: tpießenrr Familienblütler, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde. Adreffe für Depeschen: Anzeiger tiUlflL Fernsprecher Nr. 51. leae|»« »en Anzeigen zu der nachmittags für bat frtyeti» tag erscheinenden Nummer viS von». 10 Uhr. UthefteSungen spätesten- «bendS vorher. die rücksichtslose Preisschrauberei gegenüber den inländischen Verbrauchern, so wird man bei uns dem nicht mit Geduld zusehen, sondern das Einschreiten des Staates verlangen und erreichen. Wir erinnern bei dieser Gelegenheit daran, daß schon in den ersten Erörterungen über die Notwendigkeit gesetzlicher Bestimmungen zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes die Syndikate schon eine Rolle spielten. Der Berliner Rechtsanwalt Dr. Alexander Katz, der in einer s. Z. viel besprochenen Schrift ausschließlich strafgesetzlichen ^Bestimmungen wider den unlauteren Wettbewerb das Wort redete, forderte und formulierte solche auch gegen gewisse Erscheinungen des Syndikatswesens. Man ist dieser Anregung bei Erlaß des Gesetzes vom 27. Mai 1896» nicht näher'getreten. Jetzt wird man eher geneigt sein, zu prüfen, ob die geplante Erweiterrmg dieses Gesetzes nicht auch gewisse Ausschreitungen der großgewerblichen Hinge in Betracht zu ziehen habe. Ein Atustervorschlag, der dem rheinisch-westfälischen Kohlensyndikat so recht ähnlich sieht, taucht soeben aus dessen Mitte auf. Es hat einen Ausschuß eingesetzt zur Beratung mit den Vertretern des Roheisensyndikats und des Halbzeugverbandes zum Zwecke einer eventuellen Bewilligung von Ausfuhrvergütungen. Also das Kohlensyndikat beabsichtigt, der Industrie die zur den stillen Frieden des Arbeitszimmers schmettert: die erschreckende Verbilligung der neuesten Landplage, des Phonographen, der von seinen infamen Wachswalzen alles hundert und tausendmal wieder ertönen läßt, was irgend ein Tenorist oder Coupletsänger in den tückischen Trichter hineinschreit, diese unglaubliche Verbilligung sorgt dafür, daß das herrliche Lied zu jeder Tageszeit von rechts oder links, oben oder unten durch die dünnen Wände der Berliner Wohnungen dringt und Dich für eine nächtliche Kaltwasserkur, in den ersten Frühlingstagen spätestens zu beginnen, reifer' und reifer macht. Von dem wohlthätigen Preise von 150 Mark, die das entsetzliche Ding noch vor ein paar Jahren kostete, ist es jetzt glücklich bi§ unter 10 Mark — natürlich auf Kosten der Qualität gesunken, so daß Hinz und Kunz, Müllers oder Schützens, kurz: die Leute in allen Etagen, sich nichts besseres und den Sinn für das Höhere Bethätigende anzuschaffen wissen als dieses amerikanische Ungeheuer. Es ist eben gar zu verlockend, sich ganz nach Belieben eine Wagner-Arie von Scheidemantel oder ein Schubertlied von Hildach Vorsingen zu lassen, dazwischen einen forschen Militärmarsch zu hören und danach verständnisinnig dem neuesten pikanten Couplet von Thielscher oder Helmerding zu lauschen, ohne sich bei gewissen Anzüglichkeiten entrüsten zu müssen. Daß der Genuß im höchsten Grade zweifelhaft ist, daß das Schnarren und Quietschen der unaufhörlichen Nebentöne geradezu einer Folterqual gleich kommt, dafür hat das sonst so kritische Berliner Publikum, das sich so gerne als „nervös" bedauern läßt, anscheinend keine Ohren; denn die wie Pilze auftauchenden Geschäfte in diesem Teufelsartikel florieren samt und sonders und sind im stände, sich die teuersten Läden zu mieten. Der einzige Trost an dieser Landplage liegt darin, daß eine ganze Reihe vielfach sonst brotloser Künstler zum Besingen der Walzen engagiert werden und sich dadurch über Wasser halten können in dem großen, sich wenig um die Not des andern kümmernden Berlin. Denn die „Scheidemantel"- und „Sembrig"-Walzen 2c. haben ihre begeisternden Töne gewöhnlich aus sehr unbekannten Stellvertreter-Kehlen, wenn der glückliche Besitzer auch Stein und Bein schwört, etwas „Echtes" bieten zu können. Und das ist der Humor davon' . . . A. R. Erzeugung des ausgeführten Eisens gebrauchte Kohle zum Tas paßt ganz in das „System" des ter Stadl'1 voU-W' Zur Anfertigung von Druckarbeitfl aller Art empfiehlt lieh L W'ck liiiMiiW (Pietsch Lrh I Gleesen, 8ch» =\ // Berliner; die Rejane wurde gefeiert in allen Gesellschaftsschichten, und als unlängst Ivette Guilbert, die Königin des Pariser Chansons, als Patientin des Professors Israel in Berlin weilte, brachten etliche Zeitungen alle paar Tage Berichte über das Befinden des berühmten Gastes. Da lebt aber z. B. ein deutscher Dichter in Braunschweig, ein Mann, dessen weltumfassender, tiefer und doch sonniger Humor einzig ist und sich neben jeden Norweger und Franzosen sehen lassen darf: wer spricht von ihm, wer kümmert sich um ihn, im lieben deutschen. Vaterlande? Es ist, als wäre er verschollen, der große Meister des Humors. Ob sich Berlin seiner erinnern wird, wenn er im nächsten Jahre feinen 70. Geburtstag feiert? Aber es ist Deine Schuld, Wilhelm Raabe, warum bist Du nicht in Norwegen oder in Italien zur Welt gekommen? Vielleicht auch mag man den klaren Blick Deiner Augen nicht in dem Berlin, das Deinem „Hungerpastor" dereinst so wenig gefallen. Man Hebt neben dem mystischen Dunkel der Nordländer als Ausgleich eine leichtere Ware als Deine herzerschütternden, Lachen und Weinen lösenden Geschichten; wenigstens hörte ich von den Lippen eines der Björnson- Gäste noch am selben Abend das neueste Produkt der Berliner Blödsinnsperlen, jenes idiotenhafte Lied von den zwei Pflaumen, das wie eine Seuche durch Berlin schleicht und immer neue Interpreten findet. Diese unsinnigen Gesänge, die auch Paris von Zeit zu Zeit gebiert," und die uns immer ein Gradmesser gegolten haben, zeigen, daß auch wir es schon hübsch weit gebracht haben auf dem Weg zum Ziele, an der Spitze der Zivilisation zu marschieren. Natürlich wollen Sie nun das holde Lied wenigstens in seinem Texte kennen lernen; ich will es Ihnen nicht vorenthalten. Hier ist es: „An dem Baume — da hängt ’ne Pflaume — die möcht ich gerne ha'm! — An noch, ’nem Baume — hängt noch ’ne Pflaume — die möcht' ich auch gern ha'm! — eine hat 'ne Made — die andre hat ’n Loch — So nimm se Du se Dir se — So nimm se Du se doch!"— O ja, es ist ein Lied, dem man eine gewisse Kraft nicht absprechen kann; wenigstens packt's mich und schüttelt mich dermaßen, daß ich Reißaus nehme, sowie ich nur die erste Zeile höre. Leider, leider braucht man heutzutage nicht mehr auf den Leierkasten zu warten, der einem die Musik zu dieser Jrrenhausstrophe von der Straße her in Dir iutrrptllation itü totrumi wtgtu der Kohlrnml ifC nunmehr im Reichstage eingegangen. Sie ist, wie sä)on erwähnt, an erster Stelle von den Abgg. Heim und Müller (Fulda) unterzeichnet und hat folgenden $Mtlaut: Was gedenken die verbündeten Regierungen zu thun, wm der bestehenden, weite Volkskreise schwer bedrückenden Kohlenteuerung wirksam abzuhelfen und für die Zukunft die Wiederkehr solcher Mißstände zu verhüten? Die Interpellation soll, wie aus parlamentarischen äre-isen verlautet, am 3. Dezember auf die Tagesordnung gksc'tzt werden, falls der Reichskanzler sich, bereit erklärt, an jenem Tage zu antworten. Im Laufe der Erörterungen über die KohleNnot sind jchom eine ganze Reihe Vorschläge gemacht worden: Auf- hebang der die Kohlenausfuhr begünstigenden Eisenbahn- lacife, Steigerung der Proouktion auf den staatlichen Bergwerken, Nötigung der privaten Grubenbesitzer zum Abbau neuer Kohlenfelder, direkter Verkauf an die Ver- breucher seitens der Staatsgruben, Kohlenausfuhrverbot, Begünstigung der Kohleneinfuhr, Deckung des Kohlen- bediarfes der Eisenbahn und der Marine im Auslande u. i. w. Alle diese Vorschläge sind ustht rundweg von der tzaiud zu weifen, wenn das Treiben der Kohlensyndikate uilio der Großhändler im Interesse der Allgemeinheit inet tere Maßregeln als geboten erscheinen läßt. Muß denn die Regierung nach der wirkungslosen Ermäßigung der Kstnbahntarife unbedingt die Hände in den Schoß legen untn erklären: Ich habe das Meinige gethan, seht nun zu, wie ihr fertig werdet? Als Radikalmittel bliebe schließlich noch die Ver - sla a t l i ch u n g der Kohlenbergwerke. Heute wird maiit diesen Gedanken ja noch leicht nehmen, und die Ambenbesitzer werden sich dadurch nicht einschüchtern laffien. Längst hat er aber weit über die Sozialdemokratie himaus Anhänger gewonnen und täglich gewinnt er mehr. $ctz Darum schrieb einmal bei nächtlicher Weile ein schätz Spaßmacher auf die jungfräulich weißgewa-chene Wand Ständehäuses mit roter Kreide und verruchter Hand i, , höhnischen Worte: Eio popeio, schlag's Gickelchen tot! Es legt mir keine Eier und frißt mir mein Brot. Gickelchen wurde aber keineswegs totgeschlagen, soudy fuhr tapfer fort, vom besten arkadischen Brot nebst Zu,;, zu freffen. Universität und Hochschule. Marburg, 29. November. Das „Verzeichnis des Persons v der Studierenden auf der König! Universität Marburg" ist sort«. schienen. Es gießt über den Besuch der Universität folgende Im Sommersemefier 1900 sind immatrikuliert gewesen 1153 ©tuünrr davon sind abgegangen mit Exmatrckel 418, weggegangen, ohnefi^ zumelden 4, gestrichen 3; hinzu sind gekommen im Wintersemchr ij sodaß die Gesamtzahl der Studierenden 1 0 5 5 foirti Mit Erlaubnis des Rektors hören 49 Personen, darunter,-^ Vorlesungen, sodaß die Gesamtzahl der Berechtigten sich auf Mh, läuft. Auf die einzelnen Fakultäten verteilen sich diese wie folgt-, logische Fakultät 82 Studenten, 2 Hörer, juristische Fakultät 345 v denten 7 Hörer, medizinische Fakultät 2i7 Studenten, 5 Höker,rk sophische Fakultät 409 Studenten, 35 Hörer. Professor Röntgen hat von der Cvlumbia-Universitit i New-Por! die Barnard-Medaille erhalten, und diese AuszeiHnq mit einem Briefe an den Präsidenten der Universität beantwortet. 2* Forscher sagt darin mit Bescheidenheit: „Durch die Verleihung M Medaille seitens einer so hervorragenden wissenschaftlichen Anstalt i der Columbia-Universität im Verein mit der National-Akademt, t Wissenschaften hat meine Arbeit über die X Strahlen eine Anerkenn erhalten, die mich, obgleich sie nach meiner eigenen Schätzung über -? Verdienst hinausgeht, hoch erfreut hat, und für mich ein Spom, weiterer Arbeit sein wird." M Ä V. Optische Waaren Giessen Seltersweg 3 Reichhaltiges Taget Rhein- und Moselweinen, LranMschen, Ungarischen, Spanischen und Griechischen weinen, i°wt. m portugiesischen Gebirgsweinen, unter 6«antie für absolute NetnheU. Deutscher und Französischer Champagner, Deutscher und Französischer Uognat, iowi« diverse Liqoeure. 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