1900 Samstag den 1. September M. 204 Gießener Anzeiger General-Anzeiger Anrtr« ttitb Anzeigeblatt ffl* den Nveis Gieren. Weznqspreie »tertdiäbrl. Mk. LAS monatlich 75 9fe. mit Bringerlrrhn; durch Die AdholksteL» vierleljährl. Mk. IM monatlich 65 Psg. Bei Postbezug Mk. 2,40 oierteljätz^ mit Bestellgeld. Llle Anzeigen'BermittlungSstellm de» I«- und luflte** »hmm Anzeigen für dm Gießener Anzeiger entgeh ZeilenpreiS: lokal 12 Pfg., auSwSrlS 20 Pf,. fceeet*« *•* Anzeige« zu der »«chmtttagS für b* Mgca»i» le, »scheinender. Kummer Wf wenn. 1H Ahr. MMwr spätestens OnM »«her. Vie yeelfieaBUttei »«dm fctic* Anzeiger h» *MM ** -Heff. ä. „Blätter Ar Hl. »»iUtunbe* «SchL 4 Ml dvigelr-t. Erstes Blatt. Ndreffe für Depeschen: Anzeiger chi«ß«e Fernsprecher Nr. 5L GlMsdellaKe»: Gießener Famitienblätier, Ker heWhr Kandwirl, KStter Mr hMchc UMsknnde._____________ 'seÄneaeeeeeeee-—=======»* »MMn, «rP-ditton und Druckes: Ach«rar«Ke Ar. 7. Aus den Kämpfen um Tientsin. Den ihr zur Verfügung gestellten Briesen des Kapitänleutnants Kühne vom Kanonenboot „Iltis", aus Tongku, 7. Juli, entnimmt die „Straßb. Post" nachstehende Schilderung der Rückkehr der Expedition Seymour nach Tientsin, sowie der Erstürmung des Tientfiner Ostarsenals durch Russen und Deutsche am 28. Juni: „Am 24. Juni sollte eigentlich schon eine größere Expedition losgehen, um die nördlich von Tientsin eingeschlossenen Peking-Entsatztruppen zu befreien, doch waren die Mannschaften von den Anstrengungen der letzten Tage noch so erschöpft, daß ein sofortiger Weitermarsch ausgeschloffen war. Aber am 26., bei Tagesanbruch, marschierte ein kombiniertes Korps — darunter auch eine Kompagnie von un- serm Seebataillon — los. Am nächsten Morgen kam die frohe Kunde, daß die Expedition geglückt sei, und die Truppen mit den Entsetzten in kurzer Frist einrücken würden. Ich begab mich zum Bahnhof hinaus, wo sie die Geleise passieren mußten. Der Bahnhof war ein wüstes Bild der Zerstörung. Alles war zerschossen und niedergebrannt, auf den Wegen lagen halbverbrannte Chinesenleichen und andere, die von Hunden angefreffen waren und schon lange dort lagen — entsetzliche Bilder! Gegen 9 Uhr kam die Spitze des Zuges (Engländer) langsam an mit einer Menge Verwundeter. Admiral Seymour sagte mir, daß unsere Mannschaften gleich folgten. Es war ein reiner Trauerzug, diese abgespannten, ermüdeten und abgemagerten Gestalten. Dann sah ich bald die Unsrigen und begrüßte Kapitän von Usedom und die übrigen Kameraden, von denen leider Kapitän Buchholz fehlte und mehrere schwer verwundet waren, darunter Schlieper mit einem Schuß durch das Bein und H. v. Krohn mit einem ausgeschossenen Auge; außerdem hatten wir noch 50 Verwundete. Der Zug ging dann durch die Stadt nach der großen chinesischen Universität vor unfern Walle, die ich sür unsre Mannschaften in Beschlag genommen hatte und wo sie sehr gut untergebracht wurden. Die Verwundeten kamen in den in ein Hospital umgewandelten deutschen Klub. Am nächsten Vormittag wurden die Leute, die erst am Tage vorher von all den Anstrengungen zurückgekehrt waren, Plötzlich wieder alarmiert, da der russische General das große chinesische Oftarsenal stürmen wollte und dazu unsre Unterstützung erbat. Nur mit Mu- nition versehen, ohne Feldflasche und Proviant, ging es los bei fürchterlicher Hitze. Das Arsenal lag ungefähr dreiviertel deutsche Meilen nordöstlich von der Militärschule am anderen User des Peiho. Im schnellsten Tempo ging es los, da die Ruffen schon in Stellung waren und wir nicht zu spät kommen wollten. Meine Leute blieben zwar zurück, um den Wall besetzt zu halten, ich aber wurde mit zum Stabe des Kapitäns v. Usedom kommandiert und mußte ebenfalls gänzlich unvorbereitet mit. Als wir dann am Eisenbahndamm ankamen, sausten bereits die ersten Kugeln über unsre Köpfe. Dann ging es im Laufschritt über das Feld, hinter den Schutz eines großen Ziegelosens, und von hier aus konnte man menige hundert Meter vorwärts die russische Linie überblicken, an die wir unS rechts anschließen sollten. Links vom Bahnhof her dröhnte der Donner der russischen Kanonen, die das Arsenal beschossen, und vor uns knatterte die Infanterie Salve auf Salve. Aber auch vom Arsenal her, deffen Wälle stark besetzt waren, donnerten feurige Grüße und heftiges Gewehrfeuer. Unsre Leute gingen jetzt in die Linie der Russen und nahmen das Feuer auf. Da plötzlich — steigt vom Arsenal eine mächtige schwarze Wolke auf, Balken und Steine fliegen in die Luft — eine Granate war in ein Pulvermagazin geschlagen. Mit Hurrah ging es nun vorwärts, immer sprungweise, bis in die nächste Deckung; aber die Strecken, die man im dichtesten Kugelregen zurücklegen mußte, waren doch so groß, daß es ein Wunder ist, daß unsre Verluste nicht größer als drei Schwerverwundete waren. Dazu kam die furchtbare Hitze. Die Zunge klebte am Gaumen — nichts zu trinken mit — ein Mann hatte zufällig etwas Rotwein und Wasser in seiner Feldflasche und ließ mich trinken. Dann ging es wieder weiter und weiter immer im Sturmschritt. Immer dichter wurde der Kugelregen, hart neben mir schlugen die Geschosse ein, daß mir der Sand ms Gesicht spritzte. Etwa 200 Meter vom Arsenal entfernt, hinter einem Damm, wurde die letzte Pause gemacht und Schnellfeuer auf den Feind abgegeben. Da — ging wieder ein Pulvermagazin im Arsenal in die Luft. Es sah wundervoll cu6, wie die mächtige, diesmal weiße Wolke wre eine Garbe hoch stieg — ohne jeden Knall, ebenso wie vorher. Gleich daraus begann der Sturm mit Hurrah, und die Chinesen flohen aus der festen, fast uneinnehmbaren Stellung. Wir verfolgten sie bis auf die andere Seite des Arsenals, wo sie in wilder Flucht über die Felder rannten, eine Menge Toter zurücklassend. Nun erst hatten wir Ruhe — aber wo war etwas zu trinken? Da, ein Loch mit schmutzigem Wasser, aus dem die Leute gierig schlürften. Ein schmieriger Russe hatte eine Flasche mit kaltem Thee und bot sie mir freundlich an. Was machte mir jetzt der Schmutz, wo ich am Verdursten war — ich trank in großen Zügen und war dem Kerl sehr dankbar. Das Arsenal war unser. Die Russen machten sich sofort daran, es anzustecken, worin sie eine große Virtuosität besitzen, und wir hatten für heute genug und traten den Rückmarsch an. Mit Hurrah und Gesang marschierten wir zurück. Das Lied: „Ich halt' einen Kameraden" hat jetzt einen ganz eigentümlichen Klang. Begeistert erschallte „Die Wacht am Rhein" und lustig tönten die Weisen von „Mein Herz, das ist ein Bienenhaus". Unsre Kerls waren wirklich famos, nach all der Anstrengung so munter, als ob nichts gewesen wäre. Da kam der russische General mit seinem Stabe auf der anderen Seite des Wallgrabens, nahm die Mütze ab und schrie fortwährend „Bravo!" was mit Hurrah'beantwortet wurde. Die Waffenbrüderschaft mit den Russen ist überhaupt sehr enge. Die russischen Offiziere sind begeistert von unfern Leuten, und der russische General, der den Oberbefehl führte, sagte unumwunden, das wären seine besten Truppen. Totmüde kamen wir wieder in die Stadt zurück nach fünsstündigem Marsche und Gefecht in glühender Hitze, und da ein Angriff nicht mehr zu befürchten war, so konnte ich beruhigt schlafen." Politische Tagesschau. Das Hauptthema des demnächst in Mainz zusammen- tretenden sozialdemokratischen Parteitags ist Punkt 9 der Tagesordnung: Die Taktik der Partei bei den Landtagswahlen. Mit großer Mehrheit hat der hannöversche Parteitag im vorigen Jahre diese Frage auf die Tagesordnung der diesjährigen Generalverfammlung gefetzt. Zuvor hatte man sich mit gleicher Mehrheit Über die von dem Führer Bebel entworfene programmatische Resolution geeinigt, der zufolge die Partei die Notwendigkeit, ihr Programm zu ändern, abweist und für ihr Verhältnis zu anderen Parteien als Grundsatz aufstellt: daß sie ein Zusammengehen mit Vertretern der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung von Fall zu Fall nicht ablehnt, wenn sich eine Stärkung bei den Wah lein daraus ergiebt, aber jede Aktion in dieser Beziehung nur als einen Schritt betrachtet, der die Umsturzbewegung ihrem Endziel näher bringt. Den äußeren Anlaß zu einer besonderen Behandlung der Landtagswahltaktik hat das Verhalten der bayerischen Sozialdemokratie gegeben, die bei den vorjährigen bayerischen Landtagswahlen mit dem Zentrum ein Wahlkartell eingegangen war, das zwar der Sozialdemokratie eine volle Fraktion, dem Zentrum aber auch die Mehrheit in der bayerischen Kammer verschaffte, so daß die Gefolgschaft des Genossen v. Vollmar dadurch ihre bisherige Stellung als Zünglein an der Wage verlor. Es kam hinzu, daß in der nächsten Zeit in den Landtagen im Königreich Sachsen, in Württemberg, Baden, Weimar und Coburg-Gotha Neuwahlen und Ergänzungswahlen bevorstehen. Vor allen Dingen hat die sozialdemokratische Partei das Bedürfnis, zu einer bestimmten Stellungnahme zu den preußischen Landtagswahlen zu gelangen und zu Mandaten im preußischen Abgeordnetenhause. Im preußischen Abgeordnetenhause hat bisher noch kein Sozialdemokrat gesessen. Der erste Anlauf dazu wurde im Jahre 1898 unternommen, aber nur in etwa 10 Wahlkreisen und mit „halber" Kraft. Die Partei als solche hatte eine Beteiligung an den Landtagswahlen abgelehnt und den Ge- noffen der einzelnen Wahlkreise die Entscheidung überlassen; die eklatanten Mißerfolge erbrachten dann auch den Beweis, daß die Trauben noch immer zu hoch hingen. Um so mehr Erfolge hat die Sozialdemokratie in den parlamentarischen Körperschaften der meisten übrigen Bundesstaaten aufzuweisen. Nur im Königreich Sachsen ist infolge der Aenderungen des Wahlrechts die Zahl der Sozialdemokraten von fünfzehn aus vier zurückgegangen. In der bayerischen Kammer sitzen elf, in der württembergischen Kammer einer, in der badischen Kammer sieben, in der Hessischen fünf Sozialdemokraten. Sachsen-Weimar und Oldenburg, Reuß ä. L. und Schwarzburg haben je einen Sozialdemokraten im Landtag, Koburg-Gotha sechs, Altenburg fünf, Meiningen fünf bei 24 Mitgliedern, Renß j. L. hat bei 15 Mitgliedern drei Sozialdemokraten; dazu kommen dann noch elf sozialdemokratische Mitglieder in bet „Bürgerschaft" der freien und Hansestadt Bremen. Königin Wilhelmine von Kolland WA Heute, am 31. August, feiert die schöne Königin Wilhelmine von Holland ihren 20. Geburtstag, ein Fest, das in den ganzen Niederlanden mit großer Pracht gefeiert werden wird. Mit Recht nennt der Niederländer seine jugendliche Königin „ons" Wilhelmina, denn von allen Nachkommen des Hauses Oranien erfreute sich bisher keiner einer gleich großen Beliebtheit. Auch heute beim Geburtstag der Königin werden Gerüchte laut, daß die jugendliche Herrscherin sich zu verloben gedenkt, deren Bestätigung den nächsten Tagen Vorbehalten bleiben muß. Aus Stadt und Kand. Gießen, den 31. August 1900. Auszeichnung. Dem Kreisrat des Kreises Friedberg, Geh. Regierungsrat Dr. Julius Braden, wurde das Komturkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen. •• Personalnachrichten. Der evangelische Pfarrer August Röm Held zu Düdelsheim, zurzeit in Darmstadt, und der evangelische Pfarrer Dr. Emil Hansult zu Lehrbach wurden auf ihr Nachsuchen in den Ruhestand versetzt, desgleichen der Kanzleidierer am Landgericht der Provinz Rheinhessen Philipp Glock auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste mit Wirkung vom Dienstantritt seines Dienstnachfolgers. ♦* Zur Aufklärung des Raubmordes in Kloppenheim (f. „Gieß. Anz.^ Nr. 196) erläßt die Staatsanwaltschaft zu Gießen folgendes Ausschreiben: „Am 19. August 1900 wurde im hinteren Wäldchen bei Kloppenheim die Leiche des Taglöhners (früher Schuhmachers) Heinrich Möller aus Sontra mit zerschmettertem Schädel aufgefunden. Die Leiche war der Hosen und aller Wertobjekte beraubt und nur noch mit rotem, weiß kartiertem, fast neuem Baumwollenhemd, blau und weih kartiertem Metzgerkittel, darüber dunkelblau und weiß kartierter Tuchweste bekleidet; Legitimationspapiere usw. fehlten. Es liegt Raubmord vor, der am 13., 14. oder 15. August begangen sein muß. Ueber der Leiche fand sich in einem blutigen, mit W. gezeichneten rot und weiß kartiertem Taschentuchs ein spitzer Stein, der offenbar als Mordwaffe gedient hat. Der Ermordete war am 9. März 1852 geboten, ein Witwer, war dem Trunk und der Vaga- bondage ergeben, hatte untersetzte Statur (1.55 Meter groß), dünne, halblange Haupthaare, blonden, kleinen Schnurrbart, jüngeres Aussehen, trug runden, weichen, schwarzbraunen Filzhut, braungrauen, abgetragenen Sackrock und ganz neue, hell und dunkelgraue gestreifte Hosen. Möller hatte zuletzt in Hattersheim bei Johann Wilhelm Schlacket gearbeitet, war dort am 13. August ausgetreten, hatte sich mit etwa 10 Mark in Bar nach furt a. M. begeben. Vom Thäter fehlt jede Spur, jedoch dürfte das Nachstehende zur Ermittelung beitragen können Es wurden nämlich am 14. August in Dortelweil und auf i»cr Staatsstraße Vilbel-Kloppenheim drei dem Arbeiterstand angehörige Personen beobachtet, von denen der ältere wie der Erschlagene geschildert wird. Von den beiden anderen soll der eine ca. 25 Jahre alt, etwa 1.70 Metjer groß, gesetzter Statnr, mit grauer Manchestermütze und dunkelgrauem Rock bekleidet, der Jüngere etwa 18 Jahre «lt, ca. 1.60 Meter groß, schmaler Statur und mit braunem Rock, braunem Hut beüeidet gewesen sein. Möglicherweise sind die beiden Letztgenannten die Thäter. Sie sollen sich mit dem Aelteren wegen des Bezahlens von Schnaps gestritten haben; an dem Thatort fand man eine leere Schnapsflajche. Am Thatorte sanden sich noch folgende Gegenstände, die möglicherweise dem oder den Thätern gehört haben: Frankfurter General-Anzeiger und Frankfurter Kleine Presse vom 14. August 1900; „Kleines Witzblatt" Nr. 33; „Der Nachbar", Sonntagsblatt für Waldeck und Pyrmont vom 10. Juni 1900; „Zuger Nachrichten" vom 10. Mai 1900; eine Hutdüte des Hutlagers von H. Klipper in Offenbach a. M., ein Lappen mit dem Aufdruck der Firma Gustav Schweiß, Sackgeschäft in Königsberg. — Wir ersuchen um Ermittelungen, wann und in wessen Begleitung der Erschlagene zuletzt gesehen worden ist, sowie um Mitteilung aller Anhaltspunkte, die zur Ergreifung des Thäters führen können. Demjenigen, der zur Ermittelung der oder des Thäters so beiträgt, daß Ergreifung und Verurteilung erfolgt, wird eine Belohnung im Betrage bis zu 400 Mark zugesichert." ** Nachweis der Befähigung zur Uebernahme eines Kirchenamt». lieber den Besitz der nach Artikel 1 und 4 des Gesetzes vom 5. Juli 1887, die Vorbildung und Anstellung der Geistlichen betreffend, zur Uebernahme eines Kirchenamts notwendigen Eigenschaften ist der Nachweis erbracht worden bezüglich der Kandidaten der evangelischen Theologie Ludwig Bernhard aus Großen-Linden, Adolf Goldmann aus Laubach, Georg Hoch aus Partenheim, Friedrich Marguth aus Michelstadt und Ernst Wagner aus Damstadt. Beleuchtet die Treppen! Mit der Abnahme der Tage und dem frühen Eintreten der Dunkelheit werden sich alsbald wieder die Klagen über verspätete oder mangelhafte Beleuchtung der Haus- und Treppenflur erheben. Es sei daher zur Vermeidung von Polizeistrasen und empfindlichem Schadenersatz und Schmerzensgeldern darauf hingewiesen. Die Beleuchtung hat aus sämtlichen Treppenabsätzen und Fluren, die jedermann zugänglich find, also gleichsam dem öffentlichen Verkehr dienen, zu geschehen. Die Beleuchtung muß nach den Bestimmungen der Polizei eine derartige fein, daß ein deutliches Erkennen der beleuchteten Räumlichkeiten möglich ist. Für Unfälle, die durch Nicht- oder mangelhafte Erfüllungen dieser Bestimmungen veranlaßt werden, ist der Hauswirt oder dessen Stellvertreter regreßpflichtig und kann einer empfindlichen Strafe verfallen. -r- Klein-Linden, 30. August. In unserer Gemeinde ist eine große Anzahl von Kindern an Scharlachsieber erkrankt, ja sogar Erwachsene sind von der Krankheit be- fallen worden. Glücklicherweise tritt jedoch diese Hautkrankheit nicht in heftiger Form auf, sodaß bis jetzt noch kein Sterbefall zu beklagen ist. Der Vertreter des Kreis- gesundheitsamtes ist einige Male hier gewesen und hat strenge Verhaltungsmaßregeln vorgeschrieben. -x- NiederBeffingeu, 20. Angust. In unserer Gemeinde, sowie in den Nachbarorten ist in diesem Jahre der Ertrag der Gurken so groß, daß die hiesigen Einwohner ganze Wagenladungen verkaufen konnten, und zwar hauptsächlich nach dem höher gelegenen Teile Oberhessens. Teils wurden die Gurken nach Grünberg zur Bahn gefahren, teils auch von Bewohnern des Vogelsberges selbst per Wagen geholt. Ein schönes Stück Geld ist dadurch in die Gemeinden gefloffen. 11 Aus dem Wetterthale, 29. August. Endlich ist der milde Südwestwind, der uns so viel Regen brachte, und deshalb anfing, mißliebig zu werden, einem rauheren, aber auch trockeneres Wetter bringenden Nord-Ostwind gewichen. Von niemand wird der Witterungswechsel freudiger begrüßt als von dem Landmann, bet dem das trockene Einbringen der Ernte auf dem Spiele stand. Es ist ja leicht begreiflich, daß es nicht zu den Annehmlichkeiten der Landwirtschaft gehört, wenn man im Freien mit der Dreschmaschine arbeitet, alle Augenblicke mit einem störenden Platzregen überschüttet zu werden. Mag daS Wetter ost auch noch so ungünstig für den einheimsenden Landmann gewesen sein und ihm Grund zu Klagen gegeben haben, mit der Ernte selbst ist er zufrieden, und vor allem ist der Weizen so gut gediehen, wie seit Jahren nicht. Der langsam sich ankündende Herbst bringt ihm nun auch schon reifes Obst aller Sorten, vornehmlich aber Zwetschen in Hülle und Fülle. Leider ist an vielen Aepfelbäumen ein vorzeitiges Welkwerden und Abfaller; der Blätter zu bemerken, wodurch das Obst in Wachstum und Reife gestört wird. So bitter diese Thatsache für den Baumbesitzer ist, so kann er sich doch Heuer einigermaßen damit trösten, daß an anderen Bäumen, die gesund blieben, sich die Aeste unter der Last der reifenden Früchte tief herabbeugen und den Baumzüchter wieder ganz für die ausgewandte Mühe und Arbeit entschädigen. Mainz, 29. August. DaS „Mzr. Tagebl.- erzählt: Ein köstlicher Witz ist kürzlich unserem, bekanntlich mit einem guten Stück Mutterwitz ausgestatteten Stadtoberhaupt passiert. Herr Oberbürgermeister Dr. Gaßner ging vor einigen Tagen spazieren und blieb, durch irgend etwas ge« fesselt, in der Nähe des Eisenbahnviadukts stehen. In einiger Entfernung standen drei Arbeiter, die sich eifrig über irgend etwas zu streiten schienen. Plötzlich löste sich einer von der Gruppe los, ging auf den Herrn Oberbürgermeister zu und fragte im unverfälschtem „Meenzer- Idiom: „Sie, sage Se entöl, mir streite uns schun die ganze Zeit, fin Sie der Oberbürgermeister?" Da hier so hübsch sein Inkognito gewahrt, war, plagte unser Stadt- oberhaupt die Neugierde, was wohl herauskomme, wenn et die Frage verneine, und so sagte er kurz: „Nein!" — „Gelt, ich hab' doch recht gehabt, ich hab' nämlich behauptet, Sie wärn's nit, aber" — eine kleine Panse — „gelt, Sie wärn'S doch gern!" Sprachs und schlug sich seitswärtS in die Büsche! Aus vollem Halse über die Komik der Situation lachend, setzte Herr Dr. Gaßner seinen Weg fort. ________________________________________ Verbandstag der deutschen evangelischen Pfarrervereine. X. D a r m st a d t, 29. August. Pfarrer Soldan - Rödderau b. Kassel referierte nun über die^ Fürsorge für Pfarrertöchter ausführlich. In einzelnen Staaten hat man schon gute Resultate erzielt. In Hessen hat inan definitive Entscheidungen noch nicht treffen können, da es bisher an der nötigen ständigen Unterstützung fehlte; doch hat man in Darmstadt eine Erleichterung der Ausbildung der Töchter von Angehörigen durch Gewährung von Rabatt bei einzelnen Instituten erwirkt. Es werden nachstehende Sätze otine Debatte angenommen : 1. Als das Wünschenswerteste erscheint es, daß der ganze Pfarrerstand einer Provinz, ganz abgesehen von der Zugehörigkeit zum Pfarrerverei j, sich zu diesem Unterstützungswerk zusamtnenschließt und nach festen Normen beiträgt, ohne daß geradezu ein gesetzlicher Zwang besteht, wie es in der Rheinprovinz der Fall ist (freiwilliger Zwang) und daß allen unterstützungsbedürftigen Pfarrertöchtern die Fürsorge sich zuwendet. In diesem Falle erscheint auch die synodale Angliederung in die Hereinziehung der Kirchenbehörde angemessen und förderlich, selbstverständlich dann, wenn von der Synode das Werk positiv gefördert und mit Mitteln unterstützt wird. 2. Tie Beteiligung aller Pfarrer oder doch weitaus der meisten wird indes nicht leicht zu erreichen sein. In diesem Falle empfiehlt es sich, daß der Pfarrerverein selbständig die Sache in die Hand nimmt, unvorgesehen, ob von Nichtmitgliedern etwas gethan wird. 3. Dabei gießt es drei Wege: Entweder die Fürsorge beschränkt sich aus die Töchter der Vereinsmitglieder (Westpreußen, prinzipiell auch Kassel), dann verliert sie aber den Charakter der Wohlthätigkeit und nimmt den des erworbenen Rechts an; oder sie erstreckt sich auf alle hilfsbedürftigen Pfarrertöchter (in Sachsen) ohne Unterschied, ob die Väter dem Verein angehörten oder angehören könnten, oder nicht, oder die gemischte Form tritt ein, wie in Brandenburg und teilweise Kassel. Daß zwar die Fürsorge alle ins Auge faßt, aber die Töchter der Bereinsmitglieder in höherem Maße, mit dem Unterschiede, daß auch bei diesen entweder die Bedürftigkeit in Frage kömmt, oder nicht. Die gemischte Form dürfte als die empfehlenswerteste gelten. Wo es sich kirnt Schaffung von Rechtsansprüchen für die Töchter der Vereinsmitglieder handelt, ist die Festsetzung bestimmter Beiträge unerläßlich (Westpreußen und Kassel). Wo die Fürsorge den Charakter der Wohlthätigkeit hat, ist die Freiwilligkeit der Beiträge das angemessene. 4. Die Ansammlung eines gewissen Fonds ist bei jeder Form der Fürsorge zu empfehlen. Hierauf bespricht der Vorsitzende die Neuorganisation der Deutschen Evangelischen Pfarrervereine und nach einem Vorschläge des Vorsitzenden Sternberg sollen dem Vorstände außer den fünf zu wählenden Mitgliedern auch die Vorsitzenden sämtlicher Landesvereine Sitz und Stimme haben. Reisekosten und Tagegelder werden aber nur dann vergütet, wenn diese Vorsitzenden im Interesse des Vorstandes berufen werden. Trotz verschiedener Widersprüche wird a uch dieser Antrag nach dem Vorschläge W a h l - Langen vorläufig auf ein Jahr angenommen. — Ein Vorschlag zur Arbeitseinteilung im Verbände von Superintendent Hassen stein-Allenstein wird nach verschiedenen Widersprüchen dem Vorstand zur Erwägung überwiesen. Der nächste Punkt betrifft das Verbands-Organ „Deutsche P f a r r e r b 1 a 11" und den Pfarrerverein. Es wird ein Entwurf der von der in Stendal eingesetzten hessischen und nassauiscken Kominission vorgeschlagenen Satzungen vorgelesen uno einstimmig angenommen. Hierbei wird der Kommission für die mühevolle und sachliche Arbeit, sowie dem Berbandssekretär Pasche für seine seitherigen Bestrebungen der Dank der Versammlung ausgesprochen. Nach den neuen Satzungen führt der Verein den Namen „Deutsches Psarrerblatt", eingetragener Verein, und hat seinen Sitz in Dieskau mit dem Rechtsstand in Halle a. d. Saale. Man spricht die Hoffnung aus, daß diese Satzungen auch ein äußeres festes Band für alle Vereine bilden. Es folgt der Bericht über die Rechnungslegung des Kassenführers H a s en jä ger-Cladow; namens der ernannten Prüfungskommission, bestehend aus den Pfarrern Röschen, Krolle, Tadt und H a s s e n st e i n , referiert Pfarrer Tadt und findet die Rechnung in Ordnung. Die Einnahme beträgtMk. 2367.—, die Ausgabe beträgt Mk. 1151.70; somit ist ein Kassenbestand von Mk. 1215.30 vorhanden. Dem Rechner wird Entlastung erteilt. Pfarrer Fritsch-Ruppertsburg nimmt hierauf das Wort, um die mannigfachen ungerechten Angriffe der Presse gegen die evangelische Mission in energischer Weise zurückzuweisen. Es wird nachstehende Resolution beschlossen: 1. Anläßlich der chinesischen Wirren sind in einer großen Anzahl deutscher Zeitungen die Missionen, besonders die evangelischen in einer überaus gehässigen Weise angegriffen und sogar mit der Anklage belastet worden, die Hauptschuld an ihnen zu tragen. 2. Der Berbandstag evangelischer Pfarrervereine weist diese Angriffe unter schmerzlicher Bewegung über den feindlichen Geist, dem sie entflammen, energisch zurück, denn sie beruhen entweder auf Unbekanntschaft mit der Geschichte, den Aufgaben, dem Betrieb und dem Erfolg der evangelischen Mission oder sie sind einem Hasse gegen die Mission und Feindschaft gegen das Evangelium , welches die Mission zur Pflicht macht, entsprungen. 3. Die heutige Versammlung wendet sich daher an alle Träger des geistlichen Amtes in deutschen Kirchen mit der ebenso herzlichen wie dringenden Aufforderung, sowohl durch mündliches Zeugnis, wie durch Benutzung der Presse, besonders der lokalen, soweit sie ihnen zur Verfügung steht, das evangelische Bol? über PfliM und Wesen der evangelischen Mission mehr als bisher aufzuklären, die gegen jene Angriffe erschienenen Schriften, besonders Prof. D. Warn eck „Die chinesische Mission im Gericht der deutschen Z e i t u n g s p r e s s e" massenhaft zu verbreiten. Dies ist um so nötiger, da große Preßorgane parteiisch die evangelische Mission nicht zu Wort kommen lassen. Angesichts der großen Verluste an Missionseigen- tum, welche deutsche Missionen in China, Süd-Afrika und Assanta erlitten haben, muß es den Geistlichen, als Hauptträgern des Missionsgedankens in der »eimat, gerade jetzt heilige Pflicht sein, alles aufzubieten, um die Liebe zur und die Opfer für die Mission kräftig zu steigern. Es kommt noch die militärische Stellung der Geistlichen im Mobilmachungsfalle zur Sprache, doch soll, ehe man weitere Schritte in der Sache thue, durch den Vorstand zunächst genaue Aufklärung und Feststellung des gegenwärtigen Zustandes erfolgen. Auch ein Antrag, nach dem den Militärgeistlichen die Dienstzeit mit in Anrechnung kommen und denjenigen Pfarrern, die erst später zur Anstellung kommen, die Zeit vom Tage ihres zweiten Examens an gerechnet werden soll, wie es jetzt schon in Hessen geschieht, wird denk Vorstand zur Erledigung überwiesen. Es wird noch beschlossen, den beiden hessischen Vorstandsmitgliedern des hessischen Pfarrervereins, die zur Regelung der Tagesordnung re. der letzten Vorstandssitzung beigewohnt haben, den neuen Satzungen entsprechend die Reisekosten zu vergüten. Zum Schluß wird noch durch Zettelwahl der Vorstand bestimmt: Vorsitzender: Superintendent Sternberg -Selchow mit 58 Stimmen^ Beisitzer: Superintendent Pillmann-Uehrde mit 58, Superintendent Deißmann-Nassau mit 57, Pfarrer Köppel- .Sachsendorf mit 51 und Pfarrer Meyer-Sachsen mit 37 Stimmen. Durch Zuruf werden als Ersatzmänner die Herren: Soldan, Köhler ünd Wahl bestimmt. Hierauf wird die Abgeordnetensitzung nach 2 Uhr geschlossen. Alsdann folgten Mittagessen, Besichtigung der Stadt und um 6 Uhr Gottesdienst in der Stadtkirche. Die Predigt hielt Superintendent a. D. Meyer-Sachsen. Von 8 Uhr ab war zwanglose Vereinigung im Kaisersaal. Morgen findet die Hauptversammlung statt. Generalversammlung des ZeutralverbaudeS deutscher Kaufleute und Gewerbetreibenden. (Fortsetzung aus Nr. 196.) Die Generalversammlung beschäftigte sich hieraus mit dem Ausverkaufs- und Auktionswesen. Von allen Rednern wurde übereinstimmend hervorgehoben: Das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb habe wohl dem Ausverkaufs- und Auktionsunwesen einige Schranken gezogen, das Gesetz werde aber noch vielfach umgangen. Ein Ausverkauf dürfe nur gestattet werden, wenn es sich um wirkliche Auflösung des Geschäfts oder um einen Konkurs handle. Die Ausverkäufe müssen außerdem auf eine gewisse Zeit beschränkt und eS müsse bei Gefängnisstrafe verboten werden, einen Nachschub von Waren herbeizuschaffen. Ferner sei eine Gesetzbestimmung notwendig, die denjenigen mit Gefängnisstrafe bedrohe, der unter dem Kostenpreis verkaufe und dann in Konkurs gerate. — Kaufmann Müller (Soest) ersuchte im Namen des Verbandes der vereinigten Kaufleute für Rheinland und Westfalen, auszusprechen, daß auch allen Zwangsversteigerungen Beschränkungen auferlegt werden, daß insbesondere öffentlich bekannt gemacht werden müffe, für wen die Versteigerung vorgenommen werde. Kaufmann Tripp (Kassel) bezeichnete diese Forderung als zu weitgehend. Es genüge, wenn bei der Behörde angegeben werde, für wen die Versteigerung geschehe. — Es gelangte schließlich folgende von Tripp (Kassel) beantragte Erklärung einstimmig zur Annahme: „Die Versammlung beauftragt den Vorstand des ZentraloerbandeS, der Regierung Mittel und Wege vorzuschlagen, die geeignet find, die Ausverkäufe durch Konzessionierung auf Zeitdauer zu beschränken und die Nachschübe von Waren zu verbieten.* Kaufmann Kaiser (Breslau) befürwortete danach folgenden Antrag: . f n t „Der Verbandstag spricht nach wie vor seme feste Ueberzeugrmg dahin aus, daß Konsumvereine jeder Art e»nersertS den alle Lastrn tragenden legitimen Handel schwer schädigen, daß andererseits, wie leicht nachweislich, der durch die Konsumvereine angeblich entstehende wirtschaftliche Vorteil in den allermeisten Betrieben nur em scheinbarer tft. Der Redner bemerkte: Er komme aus der Stadt, m ber sehr viele Leute wohnen, die den Bestrebungen deS Centralverbandes naturgemäß feindlich gegenüberstehen und dessen Oberbürgermeister im preußischen Herrenhause den Mittelstand aufs schärfste angegriffen habe. Auf der vorigen Generalversammlung deS Vereins für Sozial-Politik in Breslau habe Prof. Dr. Sombart einen Ausspruch gethan, ber nicht in Zeitungen gestanben habe, ben er (Redner) aber der Oeffentlichkeit mitteilen wolle. Professor Som bart sagte nach seinen (beß Rebners) Aufzeichnungen „Man verlangt bie Erhaltung beß Mittelstandes. Der Mittelstand steht aber nicht mehr auf ber ökonomischen Höhe, er kann baher auch nicht weiter erhalten Heroen, auch nicht aus Gründen der Sittlichkeit und ®erec9ttQteit. Wollte man einen Stand, der den ökonomischen Fortschritt hindert, aus Sittlichkeitsgründen erhalten, so wäre baß ber Anfang vom Ende aller Kultur. (Rufe: Pfui. Hört Hört!) Die Konsumvereine tragen allerdings dazu bei, daß ber gewerbliche Mittelstand immer mehr verschwinde. Der Umsatz des Breslauer K°nsumvere.nS der57F,l.alen m der Stadt unterhalte, beziffere sich ans saft 12 Millionen Mn» im ^abre er verteile eine Dividende von 11 vom Hundert, «ehnlich Dürften die «-rMniss- überall liegen. Dabei habe unser Kaiser gesagt: „Ich wünsche, daß der Mittelstand erhalten und gekräftigt werde." Es habe aber den Anschein, als werde selbst von den Beamten diesem Kaiserworte keine Beachtung geschenkt. Die Konsumvereine werden selbst von hohen Beamten begünstigt. Es werde dabei nicht beachtet, daß die große Mehrheit der Konsum- vereinrmitglieder aus Sozialdemokraten bestehe, die die Konsumvereine als geeigneten Boden betrachten, um für ihre Ideen Propaganda zu machen. Indem also die Beamten die Konsumvereine unterstützen und fördern, tragen sie dazu bei, die Existenz des Mittelstandes zu ruinieren und die Umsturzparteien zu fördern. Es sei hohe Zeit, daß daS Wort unseres Kaisers zur Wahrheit werde, ehe der Mittelstand, der das festeste Bollwerk von Thron und Vaterland bilde, vollständig verschwunden sei. Es müsse dahin gewirkt werden, gesetzliche Bestimmungen zu erlaffen, daß die Errichtung von Konsumvereinen von dem vorhandenen Bedürfnis abhängig zu machen sei, daß die Konsumvereine besteuert werden und denselben verboten werde, Dividende zu zahlen. Er ersucht, seinem Anträge zuzustimmen. (Beifall.) Kaufmann Schulz (Magdeburg): Die Behörde habe auf eine Eingabe um Beschränkung der Konsumvereine ablehnend geantwortet und auf die Wohlfahrts-Einrichtungen und die Bibliothek der Konsumvereine hingewiesen. Der Magdeburger Verein habe darauf geantwortet, daß die Konsumvereine den Sozialdemokraten als Propagandastätte dienen, und daß in ihren Bibliotheken die sozialdemokratische Litteratur die erste Stelle einnehme. Die Konsumvereine tragen somit dazu bei, den sozialdemokratischen ZukunstS- staat zu fördern und den Mittelstand zu ruinieren. — Kaufmann Bogel (Breslau) führte auS: Wenn die Konsumvereine sich in bisheriger Weise weiter ausdehnen, dann sei die Zeit nicht mehr fern, wo der letzte Kaufmann genötigt sein werde, Lagerhalter und der letzte Bäckermeister Geselle zu werden. Er könne sich nicht denken, daß die Regierung noch länger müßig zusehen werde, wie der Mittelstand allmählig zu Grunde gehe. In der weiteren Besprechung wurde auch auf die „den gewerblichen Mittelstand in hohem Maße schädigenden" Beamten- und Offizier- Konsumvereine hingewiesen. — Senator Schulze (Gifhorn) bezeichnete die Ausbreitung der Konsumvereine als Unfug, dem mit aller Energie gesteuert werden müsse. Er sei geradezu erschrocken, als er vor einiger Zeit nach Görlitz kam und gefunden habe, daß dort im ganzen noch zwei Detaillisten vorhanden seien, alle anderen haben die Konsumvereine beseitigt. (Hört! Hört!) — Der Antrag Kaiser gelangte schließlich mit einem Zusatzantrage des Kaufmanns Neumann (Berlin), dem Anträge hinzuzusügen: „und Rabattsparvereine", einstimmig zur Annahme. Auf Antrag des Kaufmanns Vogel (Breslau) gelangte danach folgender Antrag einstimmig zur Annahme: „Der Verbandstag erblickt in einer gedeihlichen Fortentwickelung kLufmänntschen FortbtldungsschulwesenS eine wesent- ULe Förderung des Kletr Handels, und wünscht, daß die errichtet.n Focibtldungsschulen bestehen bleiben, jedoch obligatorisch und von der Königlichen Regierung, den städtischen Behörden und der Kauf- mannschäft die erforderliche Förderung zum Ausbau erfahren." Eine sehr lange Erörterung veranlaßte ein Antrag des Vereins Dortmund: „Der Centralvorstand wolle mit allen Kräften dahin wirken, daß für die Vertretung der Detaillistenkreise Detaillistenkammern geschaffen werden." Dieser Antrag begegnete vielfachen Widersprüchen. Es wurde bemerkt, daß dadurch Kaufleute zweiter Klasse geschaffen werden. Die Detaillisten müßten bestrebt sein, in den bestehenden Handelskammern eine Vertretung zu finden, nicht aber eigene Detaillistenkammern zu schaffen. Kaufmann Renner (Witten) bat um Annahme des Dortmunder Antrages. In den Handelskammern des Jnduftrie- bezirks werden die Detaillisten einfach überstimmt. Kaufmann Sch Wirker (Dortmund): Die Detaillisten seien von der Wahl zur Dortmunder Handelskammer so gut wie ausgeschlossen, da man dort die Zugehörigkeit zur Handels- kammer von 72 Mk. Gewerbesteuer abhängig gemacht habe. Senator Schulze (Gifhorn) ersuchte, das Beispiel in Hannover nachzuahmen. Dort sei es durch nachhaltige Arbeit gelungen, die Handelskammer in das Fahrwasser des Centralverbandes zu bringen. Auf Antrag des Kaufmanns Schulz (Magdeburg) gelangte schließlich folgende Erklärung zur Annahme: „Der Zentralverband möge dahin wirken, daß für die Vertretung des Kleinhandels in den Handelskammern ausgiebiger gesorgt werde, was schon dadurch geschehen kann, daß die Berechtigung zur Teilnahme an den Wahlen an einen niedrigeren Gewerbesteuersatz geknüpft wird, als es jetzt vielfach der Fall ist, oder eine Mindestzahl von Vertretern des Kleinhandels gesetzlich festgelegl wird." Auf Antrag des Vereins Soest wurde beschloßen: „Der Zentralvorstaud wolle dahin wirken, daß die Ausdrücke „Fabrik" und „Fabrikation" durch Gesetz genau festgelegt werden." — Auf Antrag des Vereins der Stettiner Kaufleute wurde beschlossen: „Der Zentralvorstand wolle, entgegen den Bestrebungen des Bundes deutscher Gastwirte, beim Reichstage und Bundesrat erneut dahin gehend vorstellig werden, daß dem Wunsche einer Einschränkung der Schankkonzessionserteilung, wie des Flaschenbierhandels, insbesondere unter Mitwirkung des Gastwirtsstandes nicht stattgegeben werde. — Eine längere Besprechung veranlaßte folgender Antrag der beiden Berliner Vereine der Kolonialwaren-Branche: „Der Zentralverband deutscher Kaufleute und Gewerbetreibenden erklärt die Aenderung des Nahr- uungSmittelgesetzes für dringend notwendig; im besonderen hält er es für geboten, daß bei Beanstandung von Waren, die zur Klageerhebung zwingen, nicht immer nur das Gutachten eines Chemikers, sondern auch das von Sachverständigen aus der Branche maßgebend dafür sein soll, ob Anklage zu erheben ist. (Schluß folgt.) Vermischtes. * Zum Kouitzer Mord. Justizrat Dr. v. Gordon aus Berlin, der in Gemeinschaft mit Rechtsanwalt Maschke aus Könitz am 8. September die Verteidigung des inhaftierten Händlers Jsraelski führen wird, ist zum Studium der Akten und zur Besichtigung der Oertlichkeiten in Könitz eingetroffen. Nach umgehenden, zunächst unkontrolierbaren Gerüchten wird die Untersuchung in der Winter'schen Mordsache wieder nach einer bestimmten Richtung hin mit großem Eifer betrieben. — In der letzten Strafkammersitzung in Könitz wurde der Arbeiter Hugo Somnitz aus Trzebiatkowo, der in Gemeinschaft seines Bruders Franz einen jüdischen Handlungsgehilfen mißhandelt hatte, zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Franz Somnitz war zur Verhandlung nicht erschienen, eS wurde deshalb seine Verhaftung beschlossen. * Aus den Bergen. Die Studentenbrüder Lampl, die einzigen Söhne einer Hoftatswitwe aus Graz, find bei Schladming, wo sie zum Sommeraufenthalte weilten, vom Kriegerzinken abgestürzt. Beide wurden tot aufgesunden. * Von der Weltausstellung in Paris. Der französische Handelsminister hat infolge einer Anregung des Deputierten Pascal Grouffet eine Enquete über die Frage angeordnet, ob es sich empfehle, die Weltausstellung bis zum Frühjahr 1901 zu verlängern. * Die deutsch.franzöfische Waffenbrüderschaft in China wird auch durch folgenden Vorfall beleuchtet, den ein Unteroffizier Kordes vom 3. ostasiatischen Jnfanterie-Regiment, der sich zur Kit mit auf dem Dampfer „Rhein" auf der Ausreise nach China befindet, feinen in Vlotho wohnenden Eltern von Port Said aus berichtet hat. Bei der Begegnung mit einem französischen Panzerkreuzer am 13. August spielte zur Begrüßung sowohl die deutsche wie auch die französische Kapelle. Letztere spielte das Lied „Ich bin ein Preuße". „Dieses Lied, von einer sranzösischen Militärkapelle gespielt, erweckte in uns", so schreibt der deutsche Unteroffizier in seinem Brief, der von den Blättern abgedruckt wird, „ganz sonderbare Gedanken. Mit abgenommenen Hüten fuhren wir an dem französischen Schiff vorbei." SchMnachrichte« Norddeutscher Lloyd. Vertreten in Gießen durch die Agenten: Carl Loos und I. M. Schulhof. Bremen, 20. August. (Per transatlantischen Telegraph.) Der Doppelschrauben-Schnellpostdampser Kaiser Wilhelm derGroße, Capt. H. Engelbart, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, ist gestern 10 Uhr vormittags wohlbehalten in New-Dork angekommen. P. P. Den Eingang sämtlicher Saison-Neuheiten äW in Tuch und Buckskin -w für Herbst und Winter 181 zeige ergebt an. Hochachtungsvoll Markus Bauer. Anfertigung noch Mass in eigener Werkstätte. Essig-Essenz wird aus essigsaurem Kalk der meistens aus Holz, Holzabfällen etc. gewonnen wird, hergestellt. 4634 Die Abwelirkommisslon des Deutschen Essigfabrikanten-Verbandes. Bekanntmachung, betreffend: Städtisches Elektrizitätswerk. Um die Abgabe von Elektrizität für den Bedarf des Stadtgebietes bis zum 1. April 1901 bewirken zu können, ist es j tzt schon erforderlich, die Verteilung elektrischer Energie in diesem Gebiet festzustellen. Das Wer wird im Gleichstrom-Dreileitersystem 2 mal 220 Volt ausgeführt. Die Stärke der Leitungen und die Führung derselben wird in den Straßen entsprechend dem voraussichtlichen Bedarfe an elektrischer Energie für die einzelnen Bezirke bestimmt. Wird dabei auch Spielraum für einen über den Rahmen der »ersten Anmeldungen hinausgeheuden Verbrauch vorgesehen, so können durch nachträgliche Anmeldungen den Abnehmern Schwierigkeiten und besondere Kosten erwachsen. Es wird deshalb dringend gebeten, den voransfichtlicheu Bedarf an elektrischer Energie bis znm 1. Oktober bS. Js. auf den dafür in dem Büreau des städtischen Elektrizitätswerkes (Reumühle) und bei der Großherzoglichen Bürgermeisterei unentgeltlich zur Verfügung stehenden Formularen auzumeldeu. Die Bedingungen für den Bezug elektrischer Energie sind ebendaselbf erhältlich Die Aufforderung zur Stellung definitiver Anträge auf Anschluß erfolgt dann später. Zur Erläuterung sei bemerkt, daß jedes Grundstück in der Regel nur einen Anschluß an die elektrische Leitung erhält, daß aber die verschiedenen Gebäude eines Grundstückes oder die verschied nen Stockwerke eines Gebäudes durch besonderen, mietweise überlaffenen, Zähler in ihrem Verbrauche kontrolliert werden können. Bei der Anmeldung ist getrrnnt anzugeben der voraussichtliche Bedarf an elektrischer Energie: a) Beleuchtungszwecke durch Bezeichnung der Art, Stärke und Zahl der Lampen, b) für elektrische Motoren nach Pferdestärken des Elektrometers, c) für sonstige Zwecke unter Beschreibung der Verwendung, die beiden letzten Angaben mit Zufügung der Tageszeiten und Stunden, in welchen der Betrieb voll und beschränkt stattfindet. Jede gewünschte weitere Auskunft erteilt der Betriebsleiter des städtischen Elektrizitätswerkes, Herr Mulert, auf der Neumühle in den Stunden von 11 — 12 Uhr vormittags und 5—6 Uhr nachmittags Gießen, den 27. August 1900. Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen. I. V.: Wolff. 5705 1928 eisser Putz-Etffract ——-—- mit der Glocke —----- von Rud. Starcke, Melle in Hannover ist das beste Putzmittel für ffletalle! Wegen vorgerückter Saison verkaufe 5687 A. Simon, Lollar WWWWA eäermann 1 / W probirc den aus prpSdlCFs prima MMkr, llloH 1900, zu bedeutend ermäßigten Ureisen. Zusatz von Wasser in weniger Minuten selbst bereiteten absolut chemisch reinen Essig und urtheile dann über die Qualität im Vergleich zu derjenigen des Gährungs-'Essigs. \ Zu haben in allen-------------------- JfeJfca tess;CoJonial-WaarenundDroguen;Handlungen. y, Gebäude verkauf auf Abbruch. In der Pfarrhofraite zu Eberstadt bei Lich soll Montag den 3. September 1900, mittags 2 Uhr, eine aus gutem Eichenholzfachwerk bestehende, mit Ziegeln gedeckte, gut erhaltene Scheuer — 11,25 m lang, 8,5 m tief, 2 Stock zus. 5,1 m hoch, auf den Abbruch öffentlich versteigert werden. Lich, den 27. August 1900. Die Fürstlich Solmsische Bauverwaltg. Schön, Bauinspektor. 5707 Samstag den 1. September 1900, nachmittags 2 Uhr, werden im Bieker'scken Saale versteigert: 1 Pferd, 3 Kastenwagen, 1 Sofa mit 6 Stühlen und 2 Sesseln, 1 Sofatisch, 3 Bilder und 1 Nähmaschine. 5762 Geißler, Gerichtsvollzieher, ff. geräucherte Frankfurt. Sratlvjjrstiheu ä Paar 25 und 30 Pfg. empfiehlt von heute ab jeden Freitag und Samstag Fr. Schreiner, 5398 Wetzgermeister. Kartoffeln 50 Pfund für 1 Mk., 5741 werden abgegeben. Ludwigstratze 31. St. Goar a. Rhein. ZumgoldenenLöwen Hotel Jung. Gut bürgert, historisch berühmtes Haus, verlegt in die Rheinpromenade. Gedeckte Terraffe. 6697 Rudats Moffe, Kavrsarg. 5752 Dauernde Garantie. Eigenes Fabrikat. 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