m. '77 Drittes Blatt. Mittwoch den 1. August 190» Gießener Anzeiger General-Anzeiger ZSezugspreis vierteljährl. Mk. 2M monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohnr durch die Abholestel« vierteljährl. Mk. IM monatlich 65 Pf-. Bei Postbezug Mk. 2,40 Vierteljahr« mit Bestellgeld. Alle Anzeigen-BermittlungSstellen deS In« und Huilente nehmm Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgeg« Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auSwtrtS 20 Pfg. ds«»«h»e »mi Anzeige« zu der »»chmMagS für tat frlgmd« 1*| «scheinenden Nummer bis »orm. IS Ahr. «4est.Iu»gen fp-testens »orcher. Grscheint Hgfid) Btt LuSmihme deS »•Mag». Die Gießener M«mtkte«»tLtter »erden de« Anzeiger tat »echfel o*t »Heff. ieabnMrt* ■. ^Blätter Mr hest. M»lttkunde- »Mchtl. 4 M*l beigelegt. und Anzeigeblatt ffit den Ureis Gietzen. MaMM, Grpedition und Druckerei: Ach«kßr«tze Nr. 7. Gratisbeilage«: Gießener Familienblätter, Der heffifthe Kandwirt, Kälter für hessische Volkskunde. Adreff« für Depefchm: Anzeiger chirtzo» Fernsprecher Nr. 61. Chamberlains Pläne. Der englische Staatssekretär sür das Kolonialamt, Mr. Joseph Chamberlain, hat sich im Parlament entschieden dagegen verwahrt, in Südafrika eine Politik der Rache verfolgen zu wollen. Und doch ist das, was er sowohl in den eroberten Staaten wie auch in der Kapkolonie gegen das holländische Clement plant, nichts anderes als ein Rachezug gegen alle, die sich seinen imperialistischen Bestrebungen entgegengestellt haben. Bae victis! ist die Parole, die er jetzt ausgegeben hat, schonungslose Vernichtung der besiegten Gegner. ES fragt sich nur, wie weit es ihm gelingen wird, das ganze Kabinett für sein Vorhaben zu gewinnen und ob die englische Nation mit ihren Traditionen der Menschlichkeit und der milden Behandlung der unterworfenen Völker völlig brechen will. Freilich darf man keine große Hoffnungen auf die humane Gesinnung der englischen Politiker setzen, da zur Zeit, wie es! scheint, die Anschauung eines Kolonialamts mit der des größten Teils der englischen Nation übereinstimmt. In Bezug auf die künfttge Stellung der Burenrepubliken hat der englische Kolonialminister zu wiederholten Malen erklärt, daß er nicht im Entferntesten daran denke, ihnen auch nur ein Atom von staatlicher Selbständigkeit zu lassen. Diese Erklärung hat er im Parlament anläßlich der Debatte über den Antrag Lawson aufs neue abgegeben. Die eroberten Burenrepubkiken sollen, wenn der Friede dort völlig hergestellt sein wird, eine Selbstregierung erhalten, wie sie alle britischen Kolonieen besitzen, d. h. eine lokale Selbstverwaltung unter Aufsicht eines englischen Gouverneurs. Chamberlain ist der Meinung, die Buren werden sich im Laufe der Zeit mit ihrem Schicksal aussöhnen, und dann werden die ehemals selbständigen südafrikanischen Staaten die Organisation einer britischen Kolonie erhalten. Bis dahin freilich müsse die militärische Verwaltung weiter dauern. Daß der Kleinkrieg noch sehr lange dauern werde, glaubt der Kolonialminister in keinem Fall. Die Buren werden bald genug einsehen, daß sie die britische Macht unterschätzt haben und in ihre Farmen zurückkehren. ( Auch die Holländerfrage in der Kapkolonie wurde im englischen Parlament gestreift. Man weiß, daß das holländische Element beim Ausbruch des südafrikanischen Krieges für die Stammesgenossen in den Republiken Sympathie gezeigt hat; zum Teil ist es auch zu einer Erhebung gegen England gekommen, indem viele Holländer in dem Krieg gegen die Engländer teilnahmen. Diese „Aufftändischen" haben oft nur gezwungen zu den Waffen gegriffen oder den kämpfenden Buren in anderer Weise geholfen, und in jedem Fall ist es einer großen Nation unwürdig, nationale Gefühle mit besonderer Härte zu sttafen. Dies be- absichttgt aber Chamberlain ganz entschieden, derselbe Chamberlain, der die Zumutung, sich an den Holländern rächen zu wollen, weit von sich wies. Aber aus den Noten, die zwischen dem Kapministerium und dem Kolonialamt über die Frage der Behandlung der Aufftändischen gewechselt worden sind, geht die Absicht des Kolonialministers sehr klar hervor, und es ist recht eigentümlich, daß dieser Meinungsaustausch gerade jetzt bekannt wird, fast in derselben Zeit, in der Chamberlain seine Erklärung abgegeben hat, die von Billigkeit und Gerechtigkeit trieft. Das Kolonialamt betrachtet jede Kundgebung seitens der Holländer in der Kapkolonie sür die um ihre staatliche Selbständigkeit ringenden Buren als Hochverrat, und alle, die an diesem Hochverrat mehr oder weniger teilgenommen, sollen nach dem Grade ihrer Schuld bestraft werden. Daß alle, die den Ausstand gegen die englische Herrschaft organisiert oder gefördert, oder sich Gewaltthätigkeiten gegen die englisch gesinnte Bevölkerung erlaubt haben, vor Gericht gestellt werden sollen, wird man noch begreiflich, finden. Man muß nur abwarten, wie das Urteil lauten wird, ob es von Haß und dem Wunsch nach Vergeltung diktiert sein wird, oder lediglich nur der Ausdruck der staatlichen Autorität sein soll, die das englische Gouvernement auftecht erhalten will und muß. Gegen diejenigen, die in den Reihen der Buren gefochten, oder ihnen Lebensmittel geliefert, selbst olche, die den Kämpfenden durch Zuttagen von Nachrichten genützt haben, soll, falls sie sich reuig für schuldig erklären, aus eine Geldstrafe erkannt werden, mit der aber die Entziehung des Wahlrechts verbunden sein soll. Aber auch solche, die nachweisen können, daß sie nur gezwungen zu den Aufftändischen gehalten haben, sollen mit dem Verlust des Wahlrechts be- sttaft werden. Chamberlain ist sogar der Ansicht, daß der Verlust des Wahlrechts nicht temporär, sondern lebenslänglich zu verhängen sei. Im Parlament hat er es auch offen ausgesprochen, daß es äußerst thöricht wäre, den Feinden Englands die Waffen zu entwinden, aber ihnen das Wahlrecht zu lassen. Die Abstimmung über den Antrag Lawson und die Stellungnahme des Parteiführers der Liberalen, Camp- bell-Bannermann, in dieser Debatte haben zur Genüge gezeigt, daß Chamberlain seine Absichten wohl durchsetzen Tann und wird. Er ist auch der Mann dazu, sich ruhig über den schreienden Gegensatz zwischen den Ansprüchen der britischen Regierung in der Uitlandersrage und dem Verhalten Englands in der Angelegenheit der burenfteund lichen Kapkolonisten hinwegzusetzen. Vor noch kurzer Zeit hat die englische Regierung nicht genug über das bittere Unrecht klagen können, das in Transvaal den Uitlandern angethan worden, indem man dort Leuten, die von ihrer feindseligen Gesinnung gegen die Republik gar keinen Hehl machten, erst nach einer Reihe von Jahren das Wahlrecht geben wollte. Und jetzt sollen Bürger, die gezwungen an fter Sympathiekundgebung für ihre Stammesgenossen teilgenommen haben, für immer als politisch rechtlos erklärt werden! Tas englische Kolonialamt giebt sich! der zuversichtlichen Stimmung hin, der Kleinkrieg der Buren in Transvaal werde bald sein Ende finden. Ob sich aber nicht unterdessen in der Kapkolonie ein gefahrdrohender Herd der Unzufriedenheit und der Erbitterung bilden wird? Meint man chjenn an der Themse wirklich, daß sich Bürger für Lebenszeiten ruhig zu Heloten werden herabwürdigen lassen? Und gesetzt der Fall, die Holländer würden jetzt, da die englische Herrschaft in Südaftika über ein großes Heer verfügt, ihren Grimm verbergen und die drakonischen Maßregeln scheinbar ruhig über sich ergehen lassen, so können ja im Laufe der Zeit Wandlungen eintreten, die es die englische Regierung gereuen lassen werden, solche Saat des gerechten Hasses und der Feindschaft ausgestreut zu haben. Das englische Gouvernement ist für viele Jahre dazu verurteilt, nicht nur in den ehemaligen Republiken, sondern auch in der Kapkolonie wie in einem eroberten Lande mit Gewehr bei Fuß zu stehen. Daß Chamberlain in seinem Haß gegen die Holländer sich selbst treu bleibt, ist eigentlich nicht zu verwundern. Wohl aber i]i es ebenso verwunderlich wie bedauerlich daß die gesamte Regierung wie auch die Mehrheit der Volksvertretung ihm darin folgt. Ist man jenseits des Kanals gegen die Gefahr, die mit dieser schonungslosen Ausrottungspolitik verknüpft ist, völlig blind? Von dem Gefühl der Gerechtigkeit, das dadurch verletzt wird, wollen wir schon gar nicht reden, da man sich jetzt in vielen Kreisen leider gewöhnt hat, die Moral von der Politik zu trennen! ftnd erstere nur dann gelten zu lassen, wenn sie auch bare Vorteile bringt. Ter Begriff der Moral in der Politik gehört zurzeit zu den veralteten Anschauungen, von denen „Realpolitiker" wie Chamberlain nichts wissen wollen. Politische Tagesschau. Als eine sehr segensreiche Einrichtung hat sich im Feldzuge 1870/71 unsere Feldpost glänzend bewährt. Sie bildete ein Bindeglied zwischen Feld und Heimat, erwies sich als äußerst leistungsfähig und erfreute sich infolgedessen im Heere sowohl wie unter der heimischen Bevölkerung großer Beliebtheit. Gerade die Organisation der Feldpost hat den Namen des ersten deutschen Generalpostmeisters mit einem Nimbus umgeben, daß er immer unvergeßlich bleiben wird. Die Beamten der Poftverwaltung müssen sich fortgesetzt über die aus den Feldpostdienst bezüglichen Bestimmungen aus dem Laufenden erhalten, im Einverständnis mit den militärischen Behörden ist eine besondere Feldpostdienstinstruktion ausgearbeitet worden, deren einer Teil zu den Schriftstücken gehört, die geheim gehalten werden müssen. Schon im Frieden sind die Beamten und Untcr- beamten bezeichnet, die im Falle einer Mobilmachung zum Feldpostdienst ausgehoben werden; ebenso werden alle Materialien, Fuhrwerke usw. vorrätig gehalten, damit sie jeder Zeit in Benutzung genommen werden können. Die Wirksamkeit der deutschen Feldpost im letzten Kriege war so musterhaft, daß die Einrichtung von vielen Staaten nachgeahmt worden ist. Auch den Truppen, die jetzt nach China abgehen, sind Beamte und Unterbeamte der Postverwaltung zugeteilt worden, deren Ausgabe cd ist, den brieflichen 23er- kehr zwischen den einzelnen Truppenkörpern und zwischen diesen und der Heimat herzustellen. In Anbetracht der besonderen Verhältnisse und der nicht großen nach China entsandten deutschen Militärmacht, ist die abkommandierte Feldpost von nur geringem Umsange, doch wird es ersorder- lichen Falls möglich sein, sie durch die im Kiautschougebiet bereits thätigen Beamten zu verstärken. Jedenfalls darf man die Hoffnung hegen, daß auch neuerdings die Feldpost ihren alten Ruf bewahren, und im vollen Maße den in sie gesetzten Erwartungen entsprechen wird. Der moralische Einfluß, den ein geregelter Briesbesörderungsdienst von und nach der Heimat aus die Truppen auöübt, ist nicht gering zu veranschlagen, und man darf voraussetzen, daß dieser Einfluß bei der großen Entfernung, die jetzt in Betracht kommt, sich erst recht Geltung verschafft. Die in Aussicht genommene Einrichtung von chiffrierten Feldtelegrammen auS China kann im Interesse der Beteiligten nur freudig begrüßt werden, da sie auch dem unbemittelten Soldaten die Möglichkeit gewährt, in dringenden Fällen kurze Mitteilungen telegraphisch in die Heimat zu senden, waS in vielen Fällen dazu beitragen wird, den Angehörigen Beruhigung über das Schicksal der im Felde Stehenden zu verschaffen. Der Deutsche HandelStag veranstaltet gegenwärtig bei seinen Mitgliedern, zu denen sämtliche Handelskammern und gleichbedeutenden Körperschaften zur Vertretung der Interessen von Industrie und Handel deS Deutschen Reichs gehören, eine Umfrage über die Errichtung einer Auskuuftsstelle für den auswärtigen Handel in Deutschland. Als Zweck einer solchen Stelle ist gedacht, den Gewerbetreibenden Auskunft zu geben über dasjenige, was sie zur Anbahnung, Erhaltung und Erweiterung geschäftlicher Beziehungen mit dem Auslande wißen müssen. Zu diesem Zwecke sollen gesammelt und für Nachfragen zur Verfügung gehalten werden Auskünfte über ausländische Gesetze, Verordnungen u. dergl. betr. Zollwesen, Gewerbe- und Handelsrecht, Patent-, Muster, und Zeichenschutz, Steuern u. a., sür den Handel wichtige Statistiken, Auskünfte über Beförderungswege und Frachten, Länder und Orte für den Bezug und Absatz, auch Marktberichte u. s. w., Uber Personen und Firmen für Bezug und Absatz, Rechtsanwälte. Die Fragen an die Mitglieder des Handelstages lauten in erster Linie, ob die Errichtung einer derartigen AuskunftS- stelle erstrebenswert sei, bezw. ob das von ihr zu Bietende nützlich und erreichbar sei. Fernere Fragen beziehen sich aus den Charakter der Einrichtung (Veranstaltung deS Reiches oder der Gewerbetreibenden selbst bezw. ihrer In- teressenvertretungen), die Organisation (Anstalt in großem Maßftabe oder bescheidenere Einrichtung), die sür die Lei- tung der Anstalt und die Durchführung ihrer Aufgaben anzustellenden wissenschaftlich gebildeten und kaufmännisch geschulten Beamten, die an diese zu stellenden Anforderungen, thre Besoldungen u. s. w. Weiter wird gefragt, wie zur Gewinnung der Kenntnisse der Verkehr mit den heimischen Behörden, den deutschen Konsuln, den deutschen Kaufleuten und deutschen Handelskammern im Ausland, und wie zur Verbreitung der Kenntnisse der Verkehr mit den heimischen Gewerbetreibenden zu gestalten sei. Endlich sollen die Handelskammern darüber Auskunst geben, wie hoch die Zahl der Gewerbetreibenden in ihrem Bezirk zu schätzen sei, die Jahresbeiträge sür die AuSkunstSftelle entrichten würden, wenn diese aus 100 Mk. und wenn sie aus 50 Mk. bemessen würden, und welche Beiträge die Handelstagsmitglieder selbst leisten würden. Vermischtes. * Lehrer Liebknecht. Im Neuen Weltkalender erzählt Liebknecht, wie er in seiner Jugend als Schulmeister wirkte. Im Herbst 1847 verließ Liebknecht Marburg und begab M;. nach, Zürich, wo er Lehrer an der Fröbel- schsetn Musterschule wurde. Aus jener Zeit berichtet er u. a. folgerndes: „Nebenbei machte ich noch ein pädagogisches Experiment auf eigene Faust. Ich bereitete einen neunzehnjährigen Bauerns ohn aus der Umgegend von Zürich, der nur die Dorfschule oesucht und nie lateinisches und griechischen Unterricht gehabt hatte, binnen sieben Monaten in den alten Sprachen, Deutsch und Geschichte so erfolgreich vor, daß er das Maturitätsexamen! gut bestand und im Herbst 1848 die Universität Zurich, beziehen konnte. Ich hatte, empört über die Zeit- und Kraftvergeudung bei dem altklasfischen Sprachstudium, mir in Gießen eine eigene Lehrtheorie zurechtgemacht und war nicht wenig stolz, daß sie sich hier bewährte. Seitdem habe ich erfahren, daß Schliemann das Griechische nach einer ganz ähnlichen Methode erlernt hat. Beiläufig die einfachste Methode der Welt, denn sie besteht darin, sich möglichst großen Schatz von Wörtern und Wendungen anzueignen, waS am besten durch möglichst rasches Lesen und Wiederholen des Gelesenen, bis es geläufig ist, sich erreichen läßt. Um nicht zu ermüden und um das Interesse der Lernenden rege zu halten, sind diesen zum Lesen nur solche Bücher zu geben, die sie auch fesseln. Daß dabei die Grammatik nicht zu kurz kommt, ist Sache der Lehrer ..." , „ * Eine Geschichte, die zu denken giebt. Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht Adolf Bartels irrt „Kunst- wartt (Verlag von Georg D. W. Callwey in München! einen lesenswerten Aufsatz, dessen ersten Absatz wir hier wiedergeben möchten: In einer deutschen Residenzstadt mit großer geschichtlicher Tradition (also Weimar . ®. Web. b. ®. Ä.) tauchte vor einigen Monaten das Gerücht von einem neu* entdeckten Dichter auf, der, noch Primaner, mft einem an einem größern süddeutschen Theater aufgeführten Lustspiel großen Erfolg gehabt habe und nun einen Band Gedichte zu veröffentlichen beabsichtige. Bald vernahm man, daß bei der Hundertjahrfeier eines großen Vereins der Residenz Gedichte von *** gesprochen worden seien, und daß man den Autor einem Mitglied des regierenden Hauses vorgestellt habe. Selbst der regierende Fürst empfing darauf, wie es hieß, den jungen Dichter, und man konnte, als inzwischen die „Kleinen Gedichte" erschienen waren, auch nichts Ungewöhnliches darin finden; denn diese Gedichte, ein schmales Bändchen, verrieten unzweifelhaft Talent. Nun aber las man in den Zeitungen Besprechungen der Verse, von Professoren und mit adeligen Namen unterzeichnet, die den jungen Mann als die große Hoffnung der deutschen Litteratur bezeichneten, quasi als den neuen Goethe hinstellten. Da schüttelten vernünftige Leute die Köpfe, denn, mochte das Talent des Primaners auch unzweifelhaft sein, ebenso unzweifelhaft konnte man doch auf die jährlich in Deutschland erscheinenden zwei Dutzend Gedichtsammlungen nicht viel älterer und nicht minder begabter Lyriker Hinweisen. Also sprach man es offen aus, ld-aß eine solche Kritik das junge Talent in Grund und Boden verderben würde. Einige Wochen vergingen, in dem Gymnasium der Residenz sand die schriftliche Miturientenprüfung statt, an der auch der Autor der „Kleinen Gedichte" teilzunehmen hatte, — da vernahm man plötzlich, Haß der deutsche Aufsatz des Miturienten den offenbaren Größenwahn des jungen Dichters verraten habe, und daß er in einer Irrenanstalt untergebracht worden sei. Nun kam eine ganze Reihe unerhörter Dinge ans Tageslicht: Die Aufführung des Lustspiels an dem süddeutschen Theater hatte niemals stattgefunden, die Besprechungen der „Kleinen Gedichte" waren von ihrem Autor selber verfaßt, dieser hatte schon Postkarten mit seinem Bildnis anfertigen, ja, sich halbnackt als „Büste" photographieren lassen,. Diamanten gekauft u. s. w. Es mag sein, daß da einige Uebertreibung mit unterläuft, auf die Art und Weise, wie sich der Größenwahn äußerte, kommt es ja auch! nicht an. Kurz und gut, der Autor der „Kleinen Gedichte" sitzt im Jrrenhause, und die deutsche Litteratur wird schwerlich wieder von ihm hören. *EinArtikelausderFeder, oderviel Mehr dem Pinsel eines chinesischen V i z e k ö n i g s läßt Uns die ostasiatischen Zustände aus erster Quelle er- I kennen. In diesem Artikel sagt der Vizekönig Chang-Chi- I Tung nach der ostasiatischen Monatsschrift folgendes: „Die vielen Millionen von Einwohnern im Westen (Europa) haben eine Menge der verschiedensten Zeitungen, sowohl politische, als auch volkstümliche. Die politischen Zeitungen beschäftigen sich mit Angelegenheiten des Staates, die volkstümlichen mit den Angelegenheiten der Familie. Man kann sich da unterrichten über die Aufrechterhaltung des Staatswesens, über den gegenseitigen Verkehr der Länder, den Fortschritt oder Rückgang des Handels und Wandels, die Stärke der Land- und Seemacht, neue Wissenszweige und neue Lehrmethoden. Die Einwohner eines Landes treten sich dadurch nahe, wie die Glieder einer Familie, und Angehörige der fünf Erdteile unterhalten sich durch die Zeitung miteinander.....Der Taotai von Shanghai hat sich monatelana aus europäischen Zeitungen die neuesten Nachrichten übersetzen lassen und sie vor jetzt zwei Monaten dem Tsungliyamen und den Handelssuperintendenten der nördlichen und südlichen Häfen eingereicht;,— aber was bei uns Anstoß hätte erregen können, das hat er einfach ausgelassen, und oadurch verliert seine Eingabe sehr an Wert..... Unsere auswärtigen Verwickelungen und Aenderungen der politischen Lage mehren sich mit jedem Tage, aber die wichtigsten Entschließungen und Staatsaktionen zu ihrer Bekämpfung vollziehen sich im Verborgenen, und kein Mensch wagt> sie zu erörtern. Indessen haben die ausländischen Zeitungen unsere Maßnahmen bereits längst über die ganze Erve verbreitet . . . Wenn man heute eine europäische Zeitung zur Hand nimmt und darin liest, wie sie China tadeln und nichts Gutes an ihm lassen, wie sie von ferner Trunkenheit und Morschheit reden und sich gegenseitig im Tadeln zu überbieten suchen, so muß man unbedingt in höchsten Zorn geraten. Nun frage ich: Genügt es, in Zorn zu geraten? Chu-Ko hatte nichts dagegen einzuwenden, wenn sein Haus offen angegriffen wurde, aber Chou-Tse scheute die schleichenden Krankheiten, die den Körper töten. Ein altes Sprichwort sagt: Ein Gebildeter braucht einen Freund, der ihn zurechtsetzt. Wäre es nicht auch angebracht, wenn man heute sagen wollte: Ein Land braucht einen Nachbarn, der es zurechtsetzt?" Nun, diesen „Nachbarn, der es zurechtsetzt" hat China in Gestalt der solidarischen, gebildeten Welt gefunden. Möge der eigene Wunsch des chinesischen Vizekönigs voll und ganz in Erfüllung gehen! Der Industrie, dem Handel und Wandel der Erde wäre es nur zum Segen. Auszug ans -en KirchrntrSchrra irr Stadt Gieße*. Evangelische Gemeinde. Getraute. MittbSuSgemeinde. Den 21. Juli. Georg Wilhelm Karl Zimmermann, Drechsler in Biedenkopf, und Amalie Möckel, Tochter deS zu Ortenberg verstorbenen LandgertchtsdtenerS t. P. Kari Möckcl. Den 24. Juli. Adolf Theodor Bramm, Kaufmann zu Witten a. d. Ruhr, und Johanna Luise Karoltne Kühne, Tochter deS Hotel- befitzerS Heinrich Kühne zu Gießen. JohanneSgemeinde. Den 21. Juli. Karl Heinrich Joseph Belz, Tapezier und Dekorateur zu Gießen, und Karoltne Wilhelmine Löber, Tochter deS FrtedhofSaufsehers Friedrich Löber zu Gießen. Getaufte. MatthiiuSgemeinde. ,, , Den 22. Juli. Dem GerichtSdiener-Substitut Ludwig Wald- schmtdt ein Sohn, Heinrich, geboren den 4. Juli. n_„r Denselben. Dem Kutscher Heinrich Prinz eine Tochter, Emmi Elisabeth, geboren dm 6. Juni. MarkuSgemeinde. Den 22. Juli. Dem Bremser Valentin Ruppel ein Sohn, Otto Heinrich, geboren den 13. Mai. LukaSgemeinde. Den 22. Juli. Dem Kaufmann Wilhelm Jullmann eine Tochter, Anna Margarethe, geboren den 19. Juni. Denselben. Dem Schmied Heinrich Becker eine Tochter, Marie Elise Minna Emma, geboren den 24. Juni. Denselben. Dem Friseur Karl Muhl eia Sohn, Wilhelm, geboren den 21. Juli. Denselben. Dem Taglöhner Hermann Vogel eine Tochter, Anna Maria, geboren den 14. Juli. JohanneSgemetnde. Den 22. Juli. Dem GerichtSassesjor Dr. Georg Moritz Hansult eine Tochter, Brunhtlde Auguste Ottilie Natalie, geboren den 19. Mai. Beerdigte. MarkuSgemeinde. Den 25. Juli. Julie Hellmold, Tochter deS verstorbenen Postschaffners Martin Hellmold und dessen verstorbenen Ehefrau Marie, geb. Schäfer, 31 Jahre alt, starb den 22. Juli. JohanneSgemetnde. Den 23. Juli. Ernst BooS, Schuhmacher, 36 Jahre alt, starb den 21. Juli. Schluss des Inventur-Ausverkaufs Samstag den 4. August er. Seltersweg ^eltersweg Ecke Plocksftraese. WFraw WM« Ecke Plockstraese. Spezial-Geschäft für Wäsche- und Braut-Ausstattungen. Schutz- Mai-kfr» Kaufen Sie nur Professor Bischof 1825. Professor Freytag 1876. 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