Samstag den 26 August Erstes Blatt. 18 neu Änrts- unb Anzeigeblcrtt für den Atveis Gieren s«ßn?offjrag 1. 5. NSr Anzeigrn.Bermtttlun-rstrllen M In- unk Äiiileetat nrtzmen Lnjrizen für den dteitnct Anzeiger Saue*»« Anzeigen zu bet nachmittag» für bte (tf^tuben Xe| erscheinrnbm Nummer bi» vor». 16 U|t. ui < hUtitiltiittii nid zur ken n. 7. Hcbeftien, Lxpebitton und Druckerei: Kchukstrahe Ar. 7. f etiett. Die zu schonenden Grundstücke sind zu bezeichnen und zwar: r a) Die vom Betreten durch die Lruppen überhaupt aus- geschlossenen Gärten, Parkanlagen, Holzschonungen, Pflanzqärten ec., sowie die Versuchs-Anstalten land- und forstwirtschaftlicher Lehranstalten und Versuchsstationen, soweit dieselben nicht als solche abgezäunt oder von weither für jedermann deutlich erkennbar sind — vermittelst hochstehender Tafeln mit Aus- b) Die^vorzugsweise zu schoueudeu Felder (Zuckerrüben, Erbsen, RapS, Flachs, Samenk ee, Samenrüben u. dergl.) mittelst etwa 2 Meter hohen Stangen mit Strohwiepeu. Adresse für Depeschen: Anzeiger -letz«. Fernsprecher Nr. 51. Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter. Der hessische Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde.__ Die Herbstübungen der Gr. Hess. (25.) Division finden in der Zeit vom 1. bis 20. September statt und werden sich fast auf den ganzen Kreis erstrecken. Um Flurschäden und Unglücksfälle möglichst zu verhindern, empfehlen sich die nachstehenden Maßnahmen, welche zu ergreifen die Interessenten ersucht werden. Die reifen Feldfrüchte sind, soweit ohne Schaden möglich, vor den Uebungen abzrreruteu und nach der Aberntung möglichst bald eiuzusahreu bezw. auf Schober zu At.agaPrei» virrikljährlich 2 Mart 20 Pf, monatlich 75 mit Vringerloh» Sei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. . vierteljährlich. Maschine« __ 616» «Ä --«ft Bekanntmachung. Betreffend: Die Herbstübungen der Großh. Hessischen (25.) Division in 1899. MW" Abonnements I auf den Gießener Anfkiger für den Monat September werden von allen Postanstalten, Zeitungsträgern und der Expedition, Schulstraße 7, sowie den Zweigstellen, jederzeit entgegen-! genommen. Neueintretende Abonnenten erhalten die Zeitung bis 1. September kostenfrei.____===== Hmtliche^Ml. Bekanntmachung. Betreffend: Schießübungen. Es wird hiermit zur öffentlichen Kevutuis gebracht, daß das Infanterie-Regiment „Kaiser Wilhelm" Nr. 116 am 31. August, 1„ 4. und 5. September l. Js., jedesmal von morgens 6 bis nachmittags 6 Uhr, Schießübungen mit scharfen Patronen in dem Gelände zwischen Groß-Rechtenbach—Bübliugshäuser-Hof—Stoppelberg—Nauborn—Reiskirchen mit allgemeiner Schußrichtung von Großrechteubach nach Westen gegen die Linie „Hohe Birken—Stoppelberg" ab. — Die Straßen Wetzlar—Groß-Rechtenbach, Nauborn —Reiskirchen, Reiskirchen— Bolpertshauseu—Weideuhauseu—Groß-Rechtenbach und der Weg Bübltugshäuser-Hof—Forsthaus Stoppelberg—Kirscheuwäldchen —Nauboru sind ungefährdet. Die Wege, welche in das von vorgenannten Straßen und Weg umgrenzte Gelände hineiuführeu, find gefährdet, sie werden während der Dauer des Schießens von 7 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags durch Posten gesperrt und dürfen, ebenso wie oben genanntes Gelände selbst, nicht betreten werden. Besonders wird noch darauf hiugewieseu, daß au den geuannteu Tagen während der Dauer des Schießens fich keine Holzhauer, Holzsammler «ud Beereusucher in den gefährdeten Waldungen Aushalten dürfen. Gießen, am 25. August 1899. Großh. Kreisamt Gießen. v. Bechtold.______________ Gießener Anzeiger General-Anzeiger Gießen, den 24. August 1899. Betreffend: Wie oben. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Großh. Gendarmerie des Kreises. Unter Bezugnahme auf vorstehendes geben wir Ihnen auf, soweit es Ihre übrigen Obliegenheiten nur irgend zulassen, die Truppengendarmeriepatrouillen innerhalb Ihres Dienstbezirks thatkräftig zu unterstützen. v. Bechtold. Kärsss » jiitbigftkA • ' Der» -S-'A ' v u 6162 1 Mädchen . (i totben (fiiinl 3. Bei Kartoffeln, minderwertigen Rüben, Dickwurz u. s. w. I bedarf es der Bezeichnung mit Wiepen nicht. Das unter- I schiedlose Bestecken aller Felder mit Warnungszeichen würde den Truppen nur das Erkennen der wertvolleren I Felder erschweren. Besonders sei hervorgehoben, daß eine Vergütung für etwa entstehende Flurschäden auch bei solchen Feldern gewährt wird, welche nicht abgewiept waren. 4. Nach einer Verfügung des Kriegsministeriums vom 30. 7. 95. darf das Einebnen der etwa während der Herbstübungen ausgehobenen Schützengräben durch die Truppen selbst nicht mehr stattsinden. Die betreffenden Geländeeigentümer haben daher das Einebnen dieser Gräben selbst zu veranlassen, wofür ihnen alsdann eine Entschädigung auf Grund des Naturalleistungsgesetzes seitens der Flurabschätzungs-Kommissionen zuerkannt werden wird. Das Einebnen der Koch- rc. Löcher in den Biwacks wird durch diese Bestimmung nicht berührt, sondern ist nach | wie vor Sache der Truppen. 5. Um Unglücksfälle zu verhüten, sind die Ränder von Stein- brüchen, Lehm-, Kies- und Sandgruben, Hohlwegen und Steinabfällen, außerdem sumpfige Stellen im Gelände durch Aufstellen schwarzer Flaggen zu kennzeichnen. Die Brückendecken sind in stand zu setzen, sodaß em Einbrechen von Fahrzeugen und Durchtreten von Pferden verhütet wird. Sensen, Pflüge, Eggen sind von dem Manöverfelde zu entfernen. Schließlich werden die Bewohner des Kreises aufgefordert, bei allen Durchmärschen von Truppen durch Ortschaften von selbst möglichst viele Eimer und Gefäße mit gutem Trinkwasser längs der Marschstraße aufzustellen, sodaß die Truppen an möglichst vielen Stellen gleichzeitig Wasser schöpfen können. Gießen, den 21.»irAugust 1899. Großherzogliches KreiLamt Gießen. v. Bechtold. Gießen, den 24. August 1899. Betreffend: Wie oben. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen O* die Großh. Bürgermeistereien des Kreises. Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie in Ihren Gemeinden, soweit sie davon betroffen werden, ortsüblich veröffentlichen und durch eigene Anregung für deren Ausführung Sorge tragen. Das Polizei- und Feldschutzpersonal wollen Sie anweisen, gemeinsam mit den den Truppen zugeteilten Gendarmeriepatrouillen dahin zu wirken, daß Flurschäden durch Zuschauer auf den Uebungsfeldern und namentlich in der Nähe der Biwacksplätze unter allen Umständen verhindert werden. Auch die Großh. Gendarmerie wird I zur Mitwirkung angewiesen werden. v. Bechtold. „'.ylN* SM SÄ* eien F 1 Wr. 200 «U luiM^me be» Rente»». Die Gießener weben bem Anzeißrr biermel btiyfcfll SireineraefeQen gesM. ' mdtt, Steinftraße 29. Ockl Mm ing wird zum iS.Septbr Hotel KWnMn fiauManpr ms lestasligung flefuit von Laucht, Neuenweg 42. »arbeitet tagelöhner mernbe Bestäsligung bet | kevhock & Lchneidtt. in »ursche "AL gesucht. 617t , Wer Mirrgelhöfftk. M Km gesucht. 6180 Neins Garten. MHr ges. Mu-burg 12. wusbursche gesucht. Reiß, Westanlage N. ifäufcdT n ?? Expedition diese» , L 6132 erbeten. __ rkauserin Lchuhgcschäst «!&* Gießen, den 25. August 1899. Betr.: Die Krankenversicherungspflicht der Dienstboten. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien des KreifeS. Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 18. August 1899 Kreisblatt Nr. 196 benachrichtigen wir Sie, daß der fettgedruckte Schlußsatz desselben aus Versehen der Druckerei ausgenommen wurde und ungültig ist. Die Berichte sind binnen 14 Tagen einzureichen. v. Bechtold. Bekanntmachung. Die Königliche Eisenbahn-Direktion Frankfurt a. M. hat, gleich wie früher die Eisenbahndirektion Mainz zur Erleichterung des Besuchs der Gewerbeausstellung in Groß- Umstadt nunmehr angeordnet, daß alle in der Zeit vom 6. August bis 17. September d. Js. auf den Stationen ihres Bezirks gelösten einfachen, direkten Personenzug- und Schnellzugkarten nach Groß-Umstadt am Tage der Lösung auch zur Rückfahrt nach der Ausgabestation giltig sind, wenn der Besuch der Ausstellung durch Abstempelung der Fahrkarten mit dem Ausstellungsstempel bescheinigt ist. Auf dem Hin- und Rückweg ist je einmalige Fahrunterbrechung gestattet. Kinder im Alter bis zu 10 Jahren genießen die tarifmäßige Vergünstigung des gewöhnlichen Verkehrs, Freigepäck wird nicht gewährt. , Für die Benutzung von v- und L-Zügen, sowie beim Uebergang in eine höhere Wagenklasse oder in eine höher tarifierte Zuggattung sind die erforderlichen Zuschlagkarten zu lösen. Dieburg, den 19. August 1899. Großh. Kreisamt Dieburg. I. V.: Welcker._________________ Prozeß Dreyfus. Rennes, 24. August. Die Sitzung wurde heute früh 6 Uhr 40 Minuten mit der Verlesung eines Briefes des abwesenden Tenot, eines Freundes von Sandher eröffnet. In dem Briefe erklärt er, von Sandher erfahren zu haben, daß die Gebrüder Dreyfus ihm 150 000 Franks angeboten hätten, wenn das Verfahren gegen Dreyfus eingestellt würde. Sandher habe hierauf die Brüder Dreyfus vor die Thür gesetzt. Demange verlangt die Verlesung einer eigenhändigen Notiz Sandhers, worin dieser über denselben Zwischenfall erklärt, die Brüder Dreyfus hätten, da sie an die Unschuld ihres Bruders glaubten, angenommen, es sei eine Machenschaft gegen denselben vorhanden. Sie wollten dem Zeugen Sandher ihr ganzes Vermögen anbieten, damit die Wahrheit herauskäme. Der Verteidiger deutet auf die Widersprüche der beiden I Aussagen hin. __ . , . Sodann wird der frühere Beamte Ninonne, der bei I der Familie Bodson verkehrte, verhört. Er erklärt, Bodson habe die Ansicht ausgesprochen, Dreyfus sei des ihm zur I Last gelegten Verbrechens nicht schuldig. Der Zeuge weiß sich nicht zu erinnern, ob in der Familie Bodson ausländische Diplomaten verkehrt haben. Sodann wird der Oberst Maurel, Vorsitzender des Kriegsgerichts von 1894, verhört. Derselbe bestreitet energisch, daß während der Dauer des Prozesses irgend welche geheimen Schriftstücke vorqelegt, oder gefälschte Mitteilungen den Mitgliedern des I Kriegsgerichts gemacht worden seien. Seine Meinung über Dreyfus stütze sich ausschließlich auf die Untersuchungsakten und das Zeugenverhör. Er spricht sodann von der Haltung Dreyfus während des Prozesses. Der Angeklagte sei vollständig ruhig gewesen und habe sich korrekt verhalten. Er protestierte mit größter Energie und machte auf ihn, den Zeugen, den Eindruck der Natürlichkeit. Maurel bezeichnet es als falsch, daß Picquart ihm ein geheimes Dokument ausqehändigt habe. Er habe Mercier erst tm Juni 1895 I kennen gelernt. Von Labori befragt, wer das geheime I Schriftstück: Cette Canaille de D. mitgeteilt haben könne, er- I klärt Maurel, seiner Ansicht nach sei es Dupaty de Elam I gewesen. Von Labori weiter befragt, ob er das gesamte I geheime Dossier gelesen habe, erklärt Zeuge, er habe nur ein einziges Schriftstück gelesen und aus dieses hm sei er I von der Schuld Dreyfus überzeugt gewesen. Labori weist darauf hin, wie eine solche Haltung ml Gegensatz stehe-zu den einfachsten Regeln der Justiz und Gerechtigkeit. Maurel erklärt, er könne keine weiteren Auskünfte über da« be- I treffende Schriftstück geben, weil dessen Charakter ihm da« Bekanntmachung, betr.: Die Maul- und Klauenseuche zu Langd. In einem Gehöfte zu Langd ist die Maul- und Klauenseuche festgestellt und Gehöftsperre angeordnet worden. Gießen, 25. August 1899. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Bechtold. Bekanntmachung. Infolge Beurlaubung des Großh. Distriktseinnehmers Rendanten M ü l l e r zu G r ü n b e r g ist der Flnanzaspirant Lotz aus Darmstadt mit der interimistischen Verwaltung der Großh. Distriktseinnehmerei Grünberg vom 21. Augup an beauftragt worden. Gießen, den 22. August 1899. Großh. Kreisamt Gießen. v. Bechtold. Bekanntgeben desselben untersage. Labori fordert vom Vorsitzenden Gegenüberstellung des Zeugen mit dem Kapitän Freystätt, was ihm zugesagt wird und später erfolgen soll. Labori stellt alsdann eine ganze Reihe von Fragen an Mercier, z B. ob Mercier einen Befehl gegeben habe, geheime Schriftstücke dem Kriegsgericht von 1894 zu übermitteln. Mercier antwortet: Er habe niemals einen formellen, wohl aber einen moralischen Befehl dazu gegeben. (Große Sensation im Saal.) Mercier gesteht weiter zu, daß bei der Verhaftung Dreyfus keine direkten Beweise gegen diesen vorlagen, und daß alle Beweise sich nur auf das Bordereau und die Vermutungen gegen den Angeklagten stützten. Labori sagt zu Mercier: Wie hat General Mercier sich gegenüber Hanotaux verpflichten können, die Verfolgung gegen Dreyfus nicht fortzusetzen, falls kein neues Material vorliege. Mercier entgegnet, er sei keine Verpflichtung eingegangen. Labori: Wenn die anderen Beweise genügten, warum hat Mercier gesagt, von dem Ausgange der Diktat- Szene werde es abhängen, ob Dreyfus verhaftet werden solle. Mercier entgegnet, das Diktat habe ein weiterer Belastungspunkt mehr sein sollen. Labori: Warum hielt der Zeuge die sofortige Verhaftung des Dreyfus für nötig, statt ihn eine Weile überwachen zu lassen. Mercier antwortet, weil in Verrats-Affairen Eile Not thue. Eine UeberwachungDreyfuswar unmöglich. Labori: Kannte General Mercier den Artikel der „Libre Parole", worin er ein Schurke genannt wurde. (Heiterkeit.) Mercier sagt, er sei an derartige Angriffe gewöhnt, das ließe ihn vollständig gleichgültig. Labori fragt: Weiß General Mercier von der Indiskretion der „Libre Parole", wodurch die Verhaftung bekannt geworden war. Mercier antwortet mit Jawohl. Ich war aber nicht der Meinung, daß sie aus dem Generalstabe stammte. Sie konnte von der Familie Dreyfus stammen oder von einem Experten. Labori läßt die bekannte Zuschrift der „Libre Parole" vom 18. Oktober 1894, gezeichnet Henry, verlesen. Dieselbe schließt mit den Worten: Ganz Israel ist in Bewegung. Glaubt Mercier, daß diese Notiz von der Familie Dreyfus stammte. Mercier antwortet mit nein. Er habe sagen hören, der Brief sei nicht Henrys Schrift. Labori wurde aufs äußerste erregt. Herr Vorsitzender, ich habe Sie vor Beginn der Verhandlung angefleht, den Brief einzufordern und prüfen zu lassen. Sie haben dies verweigert. Vorsitzender Jouaust: Halten Sie es wirklich für erheblich, diesen Brief zu haben? Labori starr vor Staunen. Wie? ol) ich das für erheblich halte. Sehen Sie denn die ungeheure Wichtigkeit nicht ein, volles Licht auf Henrys Treiben zu werfen? Wie denkt Zeuge über Henrys Indiskretionen. Mercier erwidert, er habe Henry nicht befohlen, der „Libre Parole" die Mitteilung zu machen. Es entspinnt sich nun eine längere Diskussion über die verschiedenartige Datierung des Bordereaus, in dessen Verlauf Mercier bemerkt, hierum habe er sich nicht gekümmert. Die Untersuchung sei nicht seine Sache gewesen. Labori: Wie, nennt Zeuge das Begleitschreiben eine Einzelheit? Präsident Jouaust unterbricht heftig Labori. Er ersucht ihn, Mercier nicht weiter zu befragen. Labori verwahrt sich ganz entschieden gegen diese Vergewaltigung. Er will nun Mercier über die 12 Etm.-Geschütze befragen. Präsident Jouaust will das nicht zulassen. Labori besteht aber darauf, weil er bei der ersten Vernehmung des Generals Mercier aus dem bekannten Grunde nicht anwesend gewesen sei. Mercier wiederholt seine bei der ersten Vernehmung gemachte Aussage über das Geschütz. Betreffs des angeblichen Geständnisses Dreyfus' bemerkt Mercier, dieses habe 1895 keine Bedeutung gehabt, weil niemand an die Möglichkeit einer Wiederaufnahme dachte. Labori: Was denkt der Zeuge über den Fall Esterhazy? Mercier: Gar nichts, ich kenne den Fall nicht. Bei einer späteren Frage Laboris, ob Zeuge das Strafverfahren von 1898 gegen Esterhazy kenne, fragt der Vorsitzende: Was haben diese Fragen mit dem Fall Dreyfus zu thun? Labori, ganz erstaunt: Der Esterhazy-Fall steht doch auf das allerengste mit dem Dreyfus- Fall in Verbindung. Mercier bemerkt, er kenne den Fall Esterhazy nicht. Labori sagt, Zeuge hat von 35 Millionen gesprochen, welche ausgegeben worden seien. Wozu sind diese Millionen verwendet worden? Mercier erwidert: Das könnte ich Sie fragen. Es sind doch zweifellos ungeheure Summen im Interesse des Angeklagten verausgabt worden. Labori: Meinen Sie Ausgaben für Veröffentlichungen oder zum Ankauf von Ueberzeugungen? Mercier schweigt. Labori sucht hierauf festzustellen, wenn Henry seine bekannten Fälschungen verwendet hat. Carriöre unterbricht Labori in ganz brutaler Weise. Präsident Jouaust springt auf und schreit zu Carriöre: Schweigen Sie, Sie haben nicht das Wort, Sie richten nur Verwirrung an. Carriöre erwidert, er wisse ganz genau, was die Verteidigung mit den Fragen beabsichtige. Er werde aber die Echtheit des Briefes, auf die Henrys Fälschung die Antwort darstellt, beweisen. Gonse bekundet, daß der gefälschte Brief, wenn er überhaupt gefälscht war, jedenfalls schon im Jahre 1894 im Besitz des Generalstabs war. Labori fragt, warum er denn dann nicht im 1894er Prozeß figuriert habe? Mercier erklärt, er habe ihn jedenfalls nicht gekannt. Labori befragt Mercier über das Verschwinden von Dupaty de Clams Erläuterungen zu den Geheimpapieren. Vorsitzender Jouaust schneidet hierbei Labori das Wort ab. Labori fragt weiter, wie General Mercier zu der vom Auswärtigen Amt niemals gelieferten Lesart der Panizzardi Depesche kam, welche besagte, Dreyfus habe zu Deutschland Beziehungen gehabt. Dreyfus setzt nun auseinander, daß er 1889, als er in Bourges war, sich nur mit seiner Abgangsprüfung beschäftigt habe und nicht wußte, was im Arsenal vorging. Vorsitzender meint, der Angeklagte habe aber doch die Kameraden über allerlei plaudern hören. Zeuge Kommandant Curve sagt aus, er habe Picquart sehr ungünstige Mitteilungen über Esterhazy gemacht und ihm gesagt, sei vorsichtig, Du hast es mit einem zu thun, der stärker ist, als Du. Zeuge Geheim-Agent Desvernire bekundet, wie Picquart ihn mit der Beaufsichtigung Esterhazys beauftragte. Er habe dreimal Esterhazy in die deutsche Botschaft eintreten sehen, das letzte Mal am 22. Oktober 1897 nachmittags 3 Uhr. Esterhazy sei bis um 4 Uhr dort geblieben. La bori fragt den General Roget, was er von dem Besuch Esterhazy in einer Botschaft denke. Roget entgegnet, er halte das Faktum nicht für erwiesen. Labori fragt: Auch jetzt noch nicht. Roget antwortet: jetzt, ja. Labori fragt, was denkt nun der General davon. Roget: Was ich denke, habe ich Ihnen nicht zu sagen. (Bewegung). Labori: So, das genügt mir. Es folgt die Vernehmung des Zeugen Müller. Es ist das derselbe, der im Schlafzimmer des Kaisers zu Potsdam gewesen sein will. Er schildert das Schlafzimmer und den Schreibtisch, auf dem die Libre Parole gelegen habe. Darauf seien die Worte geschrieben gewesen: Dreyfus ist gefangen. Demange fragt den Zeugen, ob er auch sicher sei, daß er das Schlafzimmer gesehen habe. Zeuge erwidert, man habe es ihm gesagt. Ich bin es sicher. Nunmehr wird die Sitzung auf morgen vertagt. Deutsches Reich. Berlin, 24. August. Der Kaiser hörte heute vormittag von 9 Uhr ab den Vortrag des Kriegsministers v. Goßler im Anschluß an denjenigen des Chefs des Militär-Kabinetts v. H ah nke. — Zur Frühstückstafel beim Kaiserpaar war der Gesandte Freiherr v. Rothenhahn und Dr. Steubel geladen. Berlin, 24. August. Der Kaiser beabsichtigt am Samstag der Enthüllung der beiden neuen Standbilder in der Siegesallee beizuwohnen. Am Samstagnachmittag findet in Gegenwart des Kaisers die Einweihung des letzten Teiles des großen naturwissenschaftlichen Instituts bei Potsdam statt. Am 1. September wird bekanntlich die große Herbstparade abgehalten. Am 3. September reist der Kaiser zu den Manövern bei Straßburg. Bei seiner Rückkehr von dort begiebt er sich vom 14. bis 19. September zur Jagd nach Hubertusstock. Daran schließt sich die Reise nach Schweden und später die Herbstjagd in Rominten. Berlin, 24. Audust. Die Kaiserin Friedrich hat auf eine Einladung des Freien deutschen Hochstists in Frankfurt a. M. ihr Erscheinen bei der daselbst am Sonntagnachmittag von allen Frankfurter musikalischen Gesellschaften stattfindenden großen musikalischen Goethe-Feier zugesagt. Auch dem Hauptakte an dem eigentlichen Geburtstage des Dichters am Montag wird die Kaiserin beiwohnen. Berlin, 24. August. Wie der „Post" über die augenblickliche Lage von einem parlamentarischen Korrespondenten geschrieben wird, ist die Auffassung, welche sich im gestrigen Kronrat geltend gemacht hat, eine durchaus nüchterne und kühle. „Die Kanal-Vorlage ist abgelehnt, die Vorlage wird wiederkommen", war als Grundgedanke festgehalten worden. Dementsprechend ist von einem Wechsel an leitender Stelle keine Rede, wenn auch von dieser der sehr dringende Wunsch geltend gemacht worden sein soll, sich zurückzuziehen und die Arbeit jüngeren und kräftigeren Schultern aufzuerlegen. Eine Veränderung in der Zusammensetzung des Staatsministeriums ist höchstens in einem Ressort wahrscheinlich, welches bei der Beratung der Kanal-Vorlage nicht unmittelbar im Vordergründe stand. Der Gedanke einer Auflösung des Abgeordnetenhauses ist ernstlich nicht mehr in Frage gekommen. Dagegen wird es als wahrscheinlich bezeichnet, daß der Kaiser der Volksvertretung persönlich bei ihrem Auseinandergehen seine Ansichten mitteilen wird. Es dürfte also anfangs nächster Woche offizieller Schluß des Landtages mit einer Thronrede stattfinden. — In einem Artikel: „Verschleppte Krisis" schreibt die „National-Zeitung": Die Anzeichen, welche für eine Beurteilung über den augenblicklichen Stand der inneren Krisis vorliegen, machen es wahrscheinlich, daß die gestern getroffene Entscheidung noch keine endgiltige ist. Wir halten überraschende Wendungen nicht für ausgeschlossen, denn wir haben den Eindruck, daß die Beratungen zwischen dem Kaiser und seinen Ministern nicht zu einer alle Teile befriedigenden Lösung der das weitere Vorgehen betreffenden Fragen geführt haben, daß vielmehr ein Rest von Zweifeln geblieben ist, welcher neue Entschließungen Hervorrufen könnte. Vor der Hand ist nicht abzusehen, wie der gegenwärtigen Negierung die Entschlossenheit und die Fähigkeit zu einem Kampf gegen die Agrar-Konservativen kommen sollte. Deshalb halten wir eine Nachprüfung der allem Anscheine nach in der gestrigen Sitzung des Kronrates gefaßten Beschlüsse binnen einer etwas kürzeren oder längeren Frist nicht für unwahrscheinlich. M.P.G. Berlin, 24. August. Die Regierungskrisis ist in der Hauptsache beigelegt oder vertagt. Hohenlohe wie Miquel bleiben, nur der Minister des Innern v. d. Recke scheint einen Nachfolger bekommen zu sollen. Als Kandidat für diesen Posten wird der Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau Graf Zedlitz-Trützschler genannt. Schon als Puttkamer im Jahre 1888 aus dem Ministerium des Innern schied, war Graf Zedlitz als dessen Nachfolger in Aussicht genommen. Er wollte aber nicht der unmittelbare Nachfolger Puttkamers werden. Er wurde dann bekanntlich als Nachfolger von Goßlers zum Kultusminister ernannt, arbeitete mit seinem Unterstaatssekretär v. Weyrauch das vielberufene Volksschulgesetz aus, durch dessen Beratung dann im Februar 1892 die Volksschulkrisis herbeigeführt wurde. Der Kaiser ist in diesem Jahre mehrmals in Kassel gewesen und hat aufs neue Fühlung nehmen können mit dem Grafen Zedlitz. Dieser habe ihm kein Hehl daraus gemacht, so wird im Abgeordnetenhause erzählt, daß auch er keineswegs ein Freund der Kanalvorlage sei. Als Minister des Innern würde Graf Zedlitz gar nichts mit der Vertretung der Kanalvorlage zu thun haben. Es darf aber erwartet werden, daß, wenn er an Stelle des Herrn v. d. Recke das Ressort der inneren Verwaltung übernimmt, die politischen Verwaltungsbeamten von ihm die Weisung erhalten würden, Mandate zum Ab- geordnetenhause nicht mehr anzunehmen. — Der Zentralverband deutscher Kaufleute und Gewerbetreibenden hat noch folgende Entschließungen angenommen: 1. „Die Versammlung beschließt, die königliche Staatsregierung zu ersuchen, der Landesvertretung baldmöglichst einen Gesetzentwurf vorzulegen, der Warenhäuser, Bazare, Offiziers- und Beamtenvereine u. s. w. mit einer in Berücksichtigung der Branchen, sowie des Umsatzes progressiven Einkommensteuer, sowie Konsumvereine, Filialgeschäfte, Rabatt-Sparvereine u. s. w. mit einer glatten progressiven Umsatzsteuer belegt." 2. „Die Versammlung erblickt in dem immer weiter um sich greifenden Konsumvereinswesen eine große, die allgemeine wirtschaftliche Lage des Handels- und Gewerbestandes schwer schädigende Gefahr und beschließt, die hohe Staatsregierung zu ersuchen, daß das Gesetz betreffend die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften derart abgeändert werde, daß 1. Konsumvereine alle in eignem Betriebe erzeugten Produkte einer Produktivgenossenschaft an Nichtmitglieder nicht verkaufen dürfen, 2. daß die Konsumvereine beziehungsweise solche Vereine, deren wesentlicher Zweck es ist, ihren Mitgliedern im Bezüge von Waren Vorteile zu verschaffen, zur Zahlung einer wirklichen Umsatzsteuer herangezogen werden, 3. daß die Heranziehung derjenigen Konsumvereine, die sich bisher der Einkommensteuer entzogen haben, zu dieser Steuer für die Zeit nach Einführung der Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches über die Vereine in die Wege geleitet werde." — Der Rückgang in den Zolleinnahmen, der mit dem Monat Juni einsetzte, während bis Ende Mai sich ans ihnen noch gegenüber dem gleichen Zeiträume des Vorjahres ein Mehreinkommen von 0,7 Millionen Mark verzeichnen ließ, hat bis Ende Juli schon die Höhe von 5,4 Millionen erreicht. Der Hauptteil des Rückganges fällt dem Juli zur Last, denn in ihm betrug das Weniger 4,6 Mill. Mk. Es darf diese wenig günstige Entwicklung der Jsteinnahme aus den Zöllen auch noch nicht als ganz abgeschlossen angesehen werden, denn die Differenz zwischen den zur Anschreibung gelangten Einnahmen in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres gegenüber denen des Vorjahres betrug noch mehr, nämlich 8,5 Millionen, zu Ungunsten des ersteren. Es ist daraus mit ziemlicher Sicherheit zu schließen, daß in den nächsten Monaten das Weniger bei den Zolleinnahmen sich noch steigern wird. Indessen braucht man sich Besorgnissen über die Entwicklung der Finanzen des Reichs deshalb nicht hinzugeben. Einmal hat das Mehr aus den Einnahmen der Verbrauchsabgaben immer noch hingcreicht, das Weniger der Zölle wett zu machen, sodann würde der Etatsansatz für 1899 auch überschritten werden, wenn sich die Einnahmen nur in der Höhe des Jahres 1898 hielten, und schließlich sind für die Höhe der Zolleinnahmen eines Jahres hauptsächlich Herbst und Winter bestimmend. Im übrigen muß stets Bedacht genommen werden, daß der Rückgang der Zolleinnahmen auf die Minderung im Getreideimport, also auf einen Umstand zurückzuführen ist, der auf eine aufwärts gerichtete wirtschaftliche Entwicklung der heimischen Landwirtschaft deutet. — Ein königstreuer Genosse. Ein Vorfall, der sich gelegentlich des Kaiserbesuches abspielte beweist abermals, daß die Solinger Sozialdemokraten in ihrer Mehrheit nicht als blindes Gefolge der Bebel-Liebknecht- Auer-Singer betrachtet werden dürfen, sondern ihre eigene Meinung in vielen Fragen haben und sich damit den bürgerlichen Parteien mehr oder minder nähern. Die „Köln. Ztg." berichtet Folgendes: Mit den übrigen Stadtverordneten hatte sich zum Empfang des Kaisers auch der von den Sozialdemokraten in den Stadtrat gewählte Verordnete Langenberg eingefunden und damit bewiesen, daß er noch sehr viel für das monarchische Staatswesen übrig habe. Dieser vernünftige Standpunkt Langenbergs rief natürlich bet den radikalen Elementen Wutausbrüche hervor, und besonders die Solinger „Arbeiterstimme" glaubte in einem recht scharfen Artikel ihrem gepreßten Herzen Luft machen zu müssen, indem sie unter anderem behauptete, Herr Langenberg sei schon längst von der Partei über Bord geworfen. Die Antwort auf diese Anzapfung hat der königstreue Genosse gestern in der Stadtverordnetensitzung gegeben, indem er erklärte, daß er dem Blatt, das in seiner bekannten rüpelhaften Weise ihn angefallen habe, für eines dankbar fei, nämlich für die im Schlußsätze des fraglichen Artikels gemachte Mitteilung, daß er (Redner) mit dem Blatte durchaus nichts gemein habe. Es werde das auch nie der Fall fein, denn er begebe sich nicht unter das Gefolge von Leuten, bei denen Niedertracht und Verleumdung als Tugend gelten. Er thue als Stadtverordneter, was er für richtig halte, ob es dem Blatt nun paffe, oder nicht. Daß die Kollegen im Stadtverordnetenkollegium des so herzhaft von der Leber Redenden feine Ausführungen mit lebhaftem Beifall begleiteten, ist selbstverständlich, und auch die vernünftig denkenden Arbeiter werden sich darüber freuen, daß ihre Interessen durch einen Mann vertreten werden, der feine eigene Meinung hat, und sie auch gegen Schablone und Diktaturgelüste hochzuhalten versteht. — Die Sozialdemokratie in Thüringen bemüht sich eifrig, einen größeren Einfluß in den Gemeindevertretungen zu gewinnen, und bereitet, sich, um dies zu erreichen, für die Gemeinderatswahlen durch eine planmäßige, rege Agitation vor. Für diese ist nunmehr in zwei Konferenzen ein umfangreiches Kommunalprogramm entworfen worden, das selbstverständlich auch den achtstündigen Arbeitstag für die Beamten und Arbeiter der Gemeinden fordert. Die letzte Konferenz erklärte sich gegen jedes Kompromiß mit anderen Parteien bei den Wahlen. Es wurde schließlich empfohlen, daß jeder das Bürgerrecht und damit das Gemeindewahlrecht erwirbt. Möge diese Empfehlung auch von den Mitgliedern anderer Parteien beherzigt werden. ®*t[ 1«««, dr "•'9'«. btt'®'?"9 sowie de« n i0111 9teif*nS„”U"ä reobigenbegefZ ®rtf*'™6 j ^»ffeit“ Mnfuamertine t Mufti»“ >bütfen, 2,ba6 ? bet„ '™ ® ®W »on ««S tratr teittlii)« bet Sintontum, ;„K bl'8«t »Och a?** '°lleinnahmen, *W bis Ende Mai -lchen Zeiträume des U Millionen Mark fyont die Höhe von leil des Rückganges betrug das Weniger günstige Entwicklung noch nicht als ganz e Differenz zwischen hmen in den ersten WnLber denen des I 8,5 Millionen, zu raus mit ziemlicher ichsten Monaten das noch steigern wird, n über die Entwick- lb nicht hinzugeben. )men der Verbrauchs- Weniger der Zölle Etatsansatz sür 1899 ie Einnahmen nur in id schließlich sind sür Wahres hauptsächlich übrigen muß stets ückgang der Zollein- ldeimport, also aus us em auHvM y-- hümM Landwirt- rosse. Ein Vorfall, hes abspielte beweist Idemokraten in chrer der Bebel-Liebknecht- , sondern ihre eigene sich damit den bürger- nähern. Die „Köln, übrigen Stadtverord- laisers auch der von t gewählte Verordnete Wiesen, daß er noch latitt* übng * tnbtrgb tief tin« itiiie heim, Md »«- ”glaubte in <* Senen £«ft ^Supto,$=rr8X ,‘SS A r eines dankbar lebhastenl Lei- Ä die vernnnf"ö sü ss s!s bieJ.l« dur-hn« / j M Hin«'!1cniworf"1 alprog»0®. „ arbeit ««wSk aen leb L schlieW & da- fÄfer** Ausland. Wien, 24. August. Die Zustände in Oesterreich werden immer haltloser. Die Unzufriedenheit mit der ministeriellen und klerikalen Mißwirtschaft wächst von Tag zu Tage. Die Empörung im Volke ist so groß, daß sie bei den unerheblichsten Anlässen zum Ausbruch kommt. In verhältnismäßig kurzer Zeit hat es die Negierung dahin gebracht, aus treuen und ruhigen Unterthanen sich heftige Feinde zu schaffen. Dieselbe Bevölkerung, die in Graslitz die Gendarmerie mit einem Steinhagel empfing, war, so sagt die „N. Fr. Pr.", noch vor 20 Jahren die ruhigste, treueste, im besten Sinne konservative Wählerschaft, aus ihren Abgeordneten wurde regelmäßig der Kern der Regierungspartei gebildet. Daß sic sich so verwandelte, ist nur durch das zu erklären, was sie in diesen zwanzig Jahren erfuhr und erlitt. Daß die radikalen Parteien emporkamen und so mächtig wurden, das kommt daher, daß die gemäßigten sie nicht dagegen zu schützen vermochten. Das Unglück ist ist von der Politik verschuldet, die in diesen zwanzig Jahren den Deutschen gegenüber beharrlich fortgesetzt wurde. Konsequentes Beharren auf dieser Politik kann keine anderen Folgen haben, als konsequentes Verharren im Widerstand, und das zeitigt dann solche Früchte. Auf Salzburg folgte Cilli, Asch und Graslitz. Die bewaffnete Macht ist immer Sieger geblieben, aber die Wiederholung desselben ungleichen Kampfes hat sie nicht gehindert, und ohne gründliche Aenderung des Systems ist sehr zu befürchten, daß auch die Opfer von Graslitz vergeblich gefallen sind. Gegen ein Volk von der geschichtlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedeutung der Deutschen kann Oesterreich nicht kämpfen. Es ist zu augenscheinlich, daß die traurige Rolle, in der man es zum ersten Male erblickt, seit der Staat besteht, nicht aus seinem Naturell und seinen Neigungen hervorgeht, sondern ihm aufgedrungen wird. Damit muß ein Ende -gemacht werden. Dann werden Polizei und Gendarmerie wieder ausruhen und sich ihrer natürlichen Domäne, den Dieben und sonstigen Uebelthätern widmen können. — Unter ungeheurer Beteiligung aller Bevölkerungskreise hat gestern nachmittag in Graslitz das Leichenbegängnis der bei den Straßenkämpfen am Sonntag Gefallenen stattgefunden. Die Zahl der Teilnehmer an dem riesigen Leichenzuge wird auf viele Tausende geschätzt. Die Menge benahm sich musterhaft. Es fand nicht die geringste Störung statt; Militär, Landjäger und Polizei waren nirgends zu sehen, da die verschiedenen Parteiführer versprochen hatten, selbst für Aufrechthaltung der Ordnung Sorge tragen zu wollen. Auf dem Kirchhofe sprachen die Abgeordneten Hofer und Dr. Verkauf, beide in den schärfsten Worten gegen das herrschende System sich wendend. Zahllose Kränze wurden am Grabe der Gefallenen niedergelegt. Lokales und MovinMes. Gießen, den 25. August 1899. Ernennung. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, am 19. August den praktischen Arzt Dr. Adolf Schwan in Gießen zum Kreis, assistenzart bei den Kreisgesundheitsämtern Schotten und Büdingen, mit dem Wohnsitz in Gedern, mit Wirkung vom Tage des Dienstantritts, zu ernennen. Ernannt wurde am 19. August der Gefangenwärter am Provinzialarresthaus zu Darmstadt, Adam Rück, zum Gefangenaufseher an dieser Anstalt, der Gefangenwärter an der Zellenstrafanstalt Butzbach, Theodor Freitag, zum Gefangenaufseher an dieser Anstalt. Straf- und Untersuchungsgefaugene sollen nach einer Anordnung des Großherzoglichcn Ministeriums zur Beobachtung ihres Geisteszustandes in der psychiatrischen Klinik zu Gießen nicht länger belassen werden, als dies durch den Zweck ihres Aufenthalts dortselbst geboten ist. Für die Aufnahme kriminell Irrer kommt in erster Linie die Landesanstalt in Hofheim in Betracht. Beim Regimentsexerzieren mit dem Pferde gestürzt ist vorgestern der Bataillons-Adjutant Limpert vom 166. Infanterie-Regiment in Hanau. Wie verlautet, sind die Verletzungen, welche Limpert (ein geborener Gießner) erlitten, nicht so schwer, wie auswärtige Blätter melden. *' Der diesjährige Hauptausflug des Vogelsberger Höhen- klubs wird voraussichtlich am 10. September auf den Hoherodskopf stattfinden. Auf dem Taufstein soll ein Bismarckturm errichtet werden. •* Der Durst während des Schützenfestes. Nach den endgiltigen bezüglichen Feststellungen wurden bei Gelegenheit des Schützen festes getrunken: 17,12 Hektoliter Bier in der Kantine, 11,41 „ „ bei der Vorfeier, 441,59 „ „ an den Festtagen, einschließlich des Konsums im „Schützenhaus", worunter 182,09 Hl. Münchener. In klingende Münze umgewandelt, dürfte das Publikum für hiesiges Bier rund 11,000 Mk., für Münchener Bier denselben Betrag ausgegeben haben. Die Ungunst der Witterung kommt durch die außer allem Verhältnis stehenden geringen Zahlen für den Verbrauch hiesiger Biere scharf zum Ausdruck. Dagegen hat diese Witterung wohl zu einem gesteigerten Weinverbrauch geführt: 725,5 Liter Zapfwein, 9045 i/p 1627 i/z Flaschen stille Weine, 562 Flaschen Schaumweine sind getrunken worden, aber auch wiederum nur 1737 i/i, 505 i/z Flaschen und Krüge künstliches und natürliches Wasser und Limonade. Die Barleistung des Publikums hierfür erreicht eben- fals die Summe von 22,000 Mk., sodaß sich hinsichtlich des Geldwertes Wein- und Bierkonsum die Wage halten, während bei früheren Festen die Ausgaben für Bier diejenigen für Wein bedeutend überstiegen haben. — Die Gießener haben sich nach diesen Zahlen als brauchbares Festpublikum aufs glänzendste bewährt. *' Verunglückt an der Dreschmaschine ist gestern nachmittag der Maurer H orn in Wies eck. Demselben wurde ein Bein bis zum Knie vollständig abgerissen. Der Schwerverletzte wurde in die Klinik gebracht. *f Zum 2. September! Wie in den vorderen Jahren, kommen wir auch in diesem Jahre zum 2. September mit der Bitte um G a b e n für die I n v a l i d e n und die Hinterbliebenen gefallener Soldaten jenes Krieges. Ueberall, wo man an jenem Tag, in Gotteshäusern oder bei sonstigen Vereinigungen, dieses Fest feiert und sich dessen erinnert, was vor neunundzwanzig Jahren geschah, möge man auch der Opfer des Krieges dankend gedenken und durch Gaben je nach Vermögen dazu beitragen, daß ihr Los auch weiterhin besser gestaltet werde, als Reich und Staat allein es vermögen. Wenn wir uns auch von jener großen Zeit mehr und mehr entfernen, so darf doch unser Dank sich nicht mindern. Wir bitten insbesondere, wie früher, die evangelischen Pfarrämter und Kirchenvorstände gemäß der ihnen von Großh. Ober-Konfistorium erteilten Erlaubnis, bei den betr. Gottesdiensten Kollekten für jenen Zweck zu erheben. Unsere Zweigvereine ersuchen wir, wie seither möglichst für die Verbreitung dieser Ansprache und Durchführung unserer Idee zu wirken, insbesondere an geeigneten Orten Sammelbüchsen aufzustellen. Alle, welche uns demnächst die Erträgnisse von Sammlungen zu übermitteln haben, bitten wir, dieselben durch Posteinzahlung an unseren Schatzmeister, Herrn Ministerialkalkulator Lang in Darmstadt einzusenden. Der Vorstand des Hess. Landesvereins vom Roten Kreuz, als Landesverein der Kaiser-Wilhelms-Stif- tung für deutsche Invaliden. A. Buchner, Oberkonsistorial- Präsident, Vorsitzender. Aus der Zett Mr die Zett. Vor 97 Jahren, am 26. August 1802, wurde zu München Ludwig Michael von Schwanthaler geboren. Er schuf mit staunenswerter Fruchtbarkeit nicht nur für seine Vaterstadt, sondern auch für viele andere deutsche Orte eine Menge herrlicher Kunstwerke, z. B. die „Bavaria", die Standbilder eines Goethe, Mozart und Jean Paul. Schwanthaler starb am 15. November 1848 zu München. Temperatur der Lahn und Luft ned) Reimmur gemessen am 25. August, zwischen 11 u. 12 Uhr mittag«: Wasser 15Va°, Luft 20°. Rübsamen'sche Badeanstalt. Kirchliche Nachrichten. Evangelische Gemeinde. Sonntag den 27. August. 13. nach Trinitatis. Gottesdienst. In der Stadttirche. Vormittags 8 Uhr: Pfarrer Dr. Grein. Zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten aus der Markus- gemeinde. Vormittags 9«/r Uhr: Pfarrer Schlosser. In der Johanneskirche. Vormittags 8 Uhr: Pfarrassistent Dr. Heußel. Vormittags 91/» Uhr: Pfarrer Dr. Naumann. Beichte und heil. Abendmahl für die LukaS- und Johannes- gemeinde. Anmeldungen vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. ______________ Katholische Gemeinde. Samstag den 26. August. Nachmittags um 4'/, Uhr und abends um 8 Uhr: Gelegenheit zur heil. Beichte. Sonntag den 27. August. 14. Sonntag nach Pfingsten. Vormittags von 6»/, Uhr an: Gelegenheit zur hl. Beicht. „ um 7 Uhr: Die erste heil. Messe; vor und in derselben Austeilung der heil. Communion; Vormittags um 8 Uhr: die zweite heil Messe; „ um 9’/a Uhr: Hochamt mit Predigt. Nachmittags um 2