1S99 Amts- und Auzeigeblatt für den Ureis Giefzen Feuilleton Iwnebtn« mw Anzeigen zu der nachmittag- für d« jelimbea leg erscheinenden Nummer bii vor». 10 Uhr. Alle Anzeigen-BermlttlungSsteüen bei In- und Äuilnn»rf nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger enr,«,«. Donnerstag den 20 Juli Rebahten, Expedition und Druckerei: Kch.kstr.te Ar. 7. zu mehren, ihre sittliche und moralische Emporhebung zu fördern, ihnen in allen Lebensnöten Schutz und Hilfe zu gewähren." So trat die Organisation der Gewerkvereine 1868 ins Leben, und blühte derart auf, daß 1893 bereits 62,000 Mitglieder in 1350 Ortsvereinen und 16 Gewerkvereinen vereinigt waren. Diese Vereine boten ihren Mitgliedern Unterstützung in Krankheits- und Sterbefällen, Rechtsschutz, Schutz gegen Arbeitslosigkeit, Arbeitsnachweis u. s. w. Volksund Arbeiterbildungsvereine, sowie Konsumvereine kamen hinzu, sodaß die Thätigkeit der Gewerkvereine und die damit zusammenhängenden oder doch geistig verwandten Einrichtungen als eine in hohem Grade segensreiche bezeichnet werden darf. Bis 1893 wurden von den Gewerkvereinen allein mehr als 12 Millionen Mark an Unterstützungen an die Mitglieder ausgezahlt. eine gewiß enorme Summe, wenn sie auch gegen die Leistungen der englischen Trades Unions nicht aufkommen kann, welche nach dem 1893 von 677 Gewerkvereinen erstatteten Berichte insgesamt 2,232,290 Pfund Sterling (etwa 45 Millionen Mark) für Arbeitslosen-Unterstützung, Streik-, Kranken-, Unfall- und Jnvaliden-Unterstützung, Begräbnisgeld u. s. w. ausgaben. Dabei darf man allerdings nicht übersehen, daß die-Zahl der Mitglieder der englischen Gewerkvereine 1,270,789 betrug, und daß in Deutschland die größte Zahl der Arbeiter den sozialdemokratischen Gewerkschaften angehören. Im ganzen waren in Deutschland 1895 etwa ^00^00 Arbeiter in Jnteressenvereinen organisiert, in Frankreich (1894) ungefähr die gleiche Zahl, in den Bereinigten Staaten über 900.000. In Frankreich wurden sogen. Arbeitsbörsen, in Italien Arbeitskammern errichtet. Neben den sozialdemokratischen und rein beruflichen Gewerkvereinen der Arbeiter gehen auch soziale Bestrebungen religiöser Grundfärbung her. Stöcker errichtete 1878 die christlich-soziale Partei zur Pflege eines auf christlicher Grundlage ruhenden Sozialismus, während 1882 von dem Bergmann Fischer und dem Lehrer Bischof die Evangelischen Abreffe für Depeschen: Anzeiger Fernsprecher Nr. 51. Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt Mütter für hessische Volkskunde. falls sollte dabei auch etwas für ihn abfallen; er wollte zugleich Stimmung für sich machen, daher dieser eigentümliche Weg des Rats und der Hilfe. Und dann: es bestand, wie ein norddeutsches Blatt sich ausdrückt, zwischen dem Gießener Schul-Monarchen eine Spannung, die jetzt zur „Entladung" gekommeu ist (Dtsche. Ztg.). Der Anfang dieser Spannung datiert von jener Zeit her, da er „vor 11 Jahren (1888) nach ^jähriger Thätigkeit seine Entlassung aus der Schulabteilung des Ministeriums forderte", weil „zwischen ihm und den Herrn von Knorr und Soldan kein Vertrauensverhältnis bestand" und auch „keines möglich war". Wer sich noch daran erinnert, ein wie jähes Ende die Thätigkeit des damals erst vor neun Monaten zum Ober- schulrat ernannten Herrn Schiller in dieser seiner Eigenschaft fand, der wird es auch begreiflich finden, daß seit dieser Zeit eine „Spannung" bestand. Der Herr Oberschulrat wollte oder „sollte" sämtliche Gymnasien des Landes besichtigen; aber es kam nur zu zwei Besichtigungen, Darmstadt und Bensheim. Bei diesen beiden Anstalten hat Herr Schiller auch wirklich „in alle Winkel hineingeleuchtet". Die anderen Gymnasien sahen dieser „Hineinleuchtung" mit gemischten Gefühlen entgegen — da plötzlich ward dem vielversprechenden Beginnen ein Ende gemacht, Herr Schiller wurde kalt gestellt. Man suchte ihn nach dieser Zeit noch ab und zu auf, wenn seine Sachkenntnis und Arbeitskraft nötig war, so sagt er selbst; das geschah aber nicht oft. Man mißtraute ihm und gab diesem Mißtrauen einen für Herrn Schiller unangenehmen Ausdruck, deshalb schrieb er „cum ira et studio“. So beschreibt Herr Schiller selbst die Spannung und die darauf folgende Entladung. Gewöhnlich wird dieser Ausspruch des Tacitus in seiner ursprünglichen Gestalt zitiert: sine ira et studio („ohne Zorn und Vorliebe"), Herr Sch. verwandelt ihn absichtlich ins Gegenteil: „mit Zorn und Vorliebe" schreibt er. Da der Verfasser dies selber sagt, so müssen auch Die drei Aufsätze danach beurteilt werden. Die ira zeigt sich deutlich und'häufig genug; das Studium aber, in dem von Tacitus an jener Stelle gebrauchten Sinne, nur spärlich. Einer der wenigen, die mit Liebe vom Verfasser genannt werden, ist der „verdienstvolle Herr Oberstudienrat Wagner, der sachkundigste aller dieser vortragenden Räte"; desgleichen „Curtmann, dessen Name weit über Hessen Klang hat und noch hat". Sonst aber wird die Schale Nezugsprei« vierteljährlich 2 Mark 20 Pf, monatlich 75 Pf» mit Brmgerlohn. Bei Postbezug R Mark 50 Pf,. -qeNeljähriich Der „neue Fall" in Hessen. Die „Neuen Hessischen Volksblätter" schreiben: Gewaltiges Aufsehen erregten die in voriger Woche in der „Frankfurter Zeitung" erschienenen drei Artikel, überschrieben: „Der Fall Soldan, ein schulpolitisches Vermächtnis". Weit über die Grenzen Hessen hinaus, namentlich unter Schulmännern, aber auch in weiteren Kreisen des Publikums wurde dieses Aufsehen hervorgerufen, denn der Name des Verfassers, der als namhafter Pädagog und Historiker weithin bekannt ist, trug schon an und für sich zur größeren Verbreitung bei, und dann — der Gegenstand selbst! Vom „Fall Soldan" war ja in jüngster Zeit so viel geschrieben, gedruckt und geredet worden, daß eine weitere Mitteilung darüber, und zwar so ausführlich, in dieser (!) Zeitung, schon Aufsehen erregen mußte, noch ehe jemand eine Zeile gelesen hatte. Und nun die Ausführungen selbst! Wir wollen an dieser Stelle keine Inhaltsangaben derselben bringen; wir können die Artikel wohl als bekannt bei unsern Lesern voraussetzen. Nur einige Hinweise mögen uns gestattet sein. Der Verfasser will „Schäden" aufdecken, welche durch die Thätigkeit des Ministerialrats Soldan dem Lande Hessen verursacht worden seien. Auch Excellenz v. Knorr wird damit in Verbindung gebracht, weil er beinahe 25 Jahre Vorsitzender der Schulabteilung gewesen ist; beider Thätigkeit wird dann als „System" bekämpft. Es wird gesagt, „der Wissende" habe die Pflicht, „nach bestem Wissen und Gewissen zu raten und zu helfen". Der Wissende, darunter versteht Herr Schiller jedenfalls nur sich selbst — viel Bescheidenheit bekundet der Ausdruck gerade nicht. Mit dem „Raten und Helfen" meint der Verfasser sicherlich auch nur das Veröffentlichen der besagten Artikel in der „Frankfurter Zeitung". Konnte da kein anderes Mittel zum „Raten und Helfen" gefunden werden? Wenn einer seinem Nachbar, den er auf falschem Wege glaubt, helfen will, ist es da das beste Mittel, sich auf die Straße zu stellen und alle Fehler und Irrungen des Mannes in die Welt hinaus zu schreien? Wenn es dem „wissenden" Herrn Verfasser Ernst war, was zu sagen, wars da gleich nötig, zur „Frankfurter Zeitung" seine Zuflucht zu nehmen ? Ja, es macht den Eindruck, als seis Herrn Schiller mit dem „Raten und Helfen" nicht allein Ernst gewesen, jeden- Nr. 168 Zweites Blatt des „Zornes" reichlich ausgegossen, besonders über Exzellenz Knorr und Soldan. Die Artikel sind mit Bosheiten, satirischen Bemerkungen, scheinbar wohlgemeinten Ausfällen durchsetzt und damit „gepfeffert" (s. Dtsch. Ztg.); so z. B. wenn gesagt wird, die Lehrer seien „zur Unwahrhaftigkeit geradezu systematisch erzogen" worden, oder wenn es heißt, mit der „geläufigen (!) Unwahrhaftigkeit" sei erklärt worden, der „Wille" des Vorsitzenden der Schulabteilung sei mißverstanden worden, oder wenn dem Regiment von Knorr- Soldan „Mangel an Wahrheitsliebe" vorgeworfen wird u. bergt m. , Warum dies alles? Der Artikelschreiber sagt, er wolle damit dem „Lande Hessen (!) einen Dienst leisten", er wolle „zur Klärung der Lage und dadurch zur allein dauernden Beruhigung" beitragen. Also deshalb schreibt der Verfasser cum (!) ira („mit Zorn") und schickt seine Aufsätze in die „Frankfurter Zeitung", die besonders in der jüngsten Vergangenheit eine Ablagerungsstätte aller Anfeindungen gegen die hessische Regierung und gegen das Land Hessen überhaupt gewesen ist. Wir überlassen dem denkenden Leser selbst die Beurteilung dieses Vorgehens und begnügen uns mit diesen Hinweisen. Indessen muß doch anerkannt werden, daß besonders die beiden letzten Artikel sachlicher und weniger „satirischboshaft" gehalten sind. Wenn der Verfasser von der Nichtbesetzung etatsmäßiger Stellen und der dadurch herbeigeführten Schädigung einer größeren Zahl von Lehrern spricht, so muß zugegeben werden, daß dies den Thatsachen entspricht. Auch über die hohe Zahl der provisorischen Stellen, die zögernde Besetzung erledigter Stellen und das verspätete Aufrücken der Lehrer und Lehramtsassessoren im Gehalt, wurde von den akademisch gebildeten Lehrern öfters Beschwerde geführt. Auch der Landesverein akademisch gebildeter Lehrer war häufig genötigt, im Interesse seiner Mitglieder mit Besoldungs-, Rang- und Titel-Fragen der Regierung gegenüber vorstellig zu werden; dies ist allgemein bekannt. In seinem Schlußartikel vom Donnerstag, 13. Juli, bespricht der Herr Verfasser die Mängel des Volksschulwesens, die Schullehrer-Seminarien und deren Direktoren, welche letzteren besonders ungünstig beurteilt werden. Von den Hochschulen wird nur im Vorübergehen gesprochen, dann wird die „Leidensgeschichte der Arbeitervereine ins Leben gerufen wurden, die es bereits vor einigen Jahren auf zirka 80,000 Mitglieder gebracht hatten. Das Programm fordert die Ausgestaltung der Arbeiter-Versicherung und Arbeiterschutz-Gesetzgebung, Einführung obligatorischer Fachgenossenschaften, Sicherung des Koalitionsrechts und die Einführung von Arbeitervertretungen in den einzelnen Fabriken. Alljährlich tagt ein Evangelisch- sozialer Kongreß, mit welchem die Gesamtverbandssitzungen in der Regel verbunden werden. Auch die vom Pfarrer Naumann vor einigen Jahren gegründete National-soziale Partei stützt sich zum großen Teil auf die Evangelischen Arbeitervereine; dieselbe erstrebt bekanntlich die Einführung durchgreifender Sozialreformen, steht aber im Gegensatz zur Sozialdemokratie auf nationalem und christlichem Boden. Die katholische Kirche beteiligte sich ebenfalls an der sozialen Bewegung, indem nicht nur Papst Leo XIII. bereits 1891 in einer Encyklika die Arbeiterfrage behandelte, sondern auch eine große Zahl katholischer Vereine ihre Anteilnahme an der sozialen Bewegung vom katholischen Standpunkte aus beschlossen. Außerdem drang die Ueberzeugung von der Notwendigkeit sozialer Reformen in immer weitere Kreise, wenn sich auch das Wie und Was in den verschiedenen Köpfen total verschieden spiegelte. Soziale Romane und Abhandlungen überschwemmten den litterarischen Markt (am meisten Aufsehen erregten Bellamys „Rückblick aus dem Jahre 2000", Hertzkas „Freiland" und Dr. Edmund Bois- ailbem „Cäsars Säule"), zahlreiche Professoren Haupt- sächlich Vertreter der nationalökonomischen Wissenschaft, die sogen. Kathedersozialisten, betonten das Bedürfnis einer staatlichen Sozialpolitik, und gründeten 1872 den ^Verein für Sozialpolitik", dem sich in der Folge weitere Organisationen mit ähnlichen Zielen (u. a. die sozialwissenschaft- lichen Studentenvereine) anreihten. Auch die wichtige Agrarfrage gehört hierher, die wir aber in einem spateren Artikel in Verbindung mit der Entwickelung der Landwirtschaft besonders behandeln müssen. (Fortsetzung folgt.) tratet ti,N4 mit Intimi)bt« Momllzs. Di« G'rhtNkr »«»HitamtUr »erben b'm Anzeiger Wöchentlich viermal beigekgt Das 19. Jahrhundert. Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herausgegeben von Friedrich Thieme. (Nachdruck oder Auszug verboten.) XII. Die bürgerliche soziale Bewegung. Staats- sozialismus. Sozialrcform. — Anarchismus. Die deutsche Arbeiterbewegung beschränkte sich nicht aus die Anhänger der sozialdemokratischen Richtung, wenn diele auch in der Zahl die anderen Bewegungen ähnlicher Art weit überflügelten. Die Wirksamkeit des Begründers der deutschen Erwerbs- und Wirtschafts-Genossenschaften, Schulze-Delitzsch (1808-1883), galt wohl in erster Linie der Hebung des durch die Konkurrenz der Großindustrie bedrängten Kleingewerbes (siehe den später folgenden Artikel „Handel und Gewerbe"), doch hat er sich durch seine Mitwirkung an der Stiftung von Arbeitervereinen and seinen Einfluß auf die Konfumvereinsbewegung auch um die arbeitenden Klaffen hochverdient gemacht. In aus - geprägter Weise wandt- sich das Interesse eines politischen Gesinnungsgenossen Schulze's, de« Dr. Max Hirsch (ge- boten 1832), der Lage der arbeitenden Klassen zu. Aus einer Studienreise nach England lernte er die dortigen Gewerkvereine kennen, die ihren Mitgliedern gegen alle skährnisse des Arbeitslebens Schutz und Schirm boten. Seine sozialen Bries-, worin er über die englischen Gewerk- vereine berichtete, erregten Aussehen, und Di. Hirsch, nach Deutschland zurückgekehrt, setzte sich mit Schulze-Delitzsch und Franz Duncker in Verbindung, um wirkliche Beruss- Gewerkvereine nach englischem Muster zu gründen, deren Ziel es sein sollte, „auf friedlichem Wege die Verhältnisse der Arbeiter zu sichern, Bildung und Wohlfahrt unter ihnen Meßmer Anzeiger Mneral-Anzeiger Prüfungs-Ordnung für das höhere Lehramt" kurz dargelegt und es wird versucht die charakteristischen Züge des bisherigen Systems festzustellcn. Diese werden gefunden in „gänzlichem Mangel an Vertrauen in die eigne Kraft", der dann wieder aus der „mangelhaften und oberflächlichen Sachkenntnis" entsprang. Wir bemerken sofort, daß Herr Schiller sich hier als „Wissender" im Gegensatz zur „Unkenntnis und Halb- wisseret" fühlt. Außerdem wird der Mangel an Arbeitsfreudigkeit und Energie beklagt, dem dann wieder die „Unkenntnis des Stoffgebietes, die Abneigung vor jeder neuen Einrichtung, in die man sich erst einarbeiten muß, und das Verschleppen aller wichtigeren, weil schwierigeren Fragen entspringt". Zum Schluffe sagt der Verfasser: „Wir wünschen in der schweren Krise, die jetzt das hessische Schulwesen getroffen hat, daß es dem Staatsminister gelinge, Männer zu finden, die die amtlichen Mängel ihrer Vorgänger nicht haben; vielleicht ist es besser, die künftigen Räte allein nach ihren Kenntnissen (aha! also wieder die „Wissenden") und ihrer Arbeitskraft zu wählen." Die neuen Räte sollen „alsbald klipp und klar ihr Programm darlegen" und die Kammer mit „scharfem Auge die Ausführung dieses Programms beobachten" — diese letztere Forderung wird sich schwer realisieren lassen; nur wenn unliebsame Vorkommnisse an einer Lehranstalt sich zeigen, wird vielleicht in der Kammer eine Interpellation gestellt; aber die Ausführung des Programms von Oberschulräten beobachten und eventuell einschreiten, diese Aufgabe hat bisher noch keine Kammer der Welt übernommen und durchgeführt. Außerdem hat der Herr Verfasser der Artikel noch eine Anzahl von Wünschen auf dem Herzen, die er noch vorträgt: entschlossener Wille — starke Hand — Thaten, nicht Worte — tüchtige und wirkliche Sachkenntnis — Wahrheit, nicht Schein — Studiertisch, nicht Stammtisch — keine Vermehrung der technischen Räte — Decentralisation — Verminderung des Bureaukratismus — vermehrte Selbständigkeit der Direktoren — größere Freiheit der einzelnen Lehranstalten auf finanziellem Gebiet — Beschränkung der Vielgeschäftigkeit im Kleinen — Erneuerung des Geistes in der Schulabteilung des Ministeriums u. s. w. Man sieht, es ist nicht wenig, was der Herr Verfasser noch fordert, und man fragt unwillkürlich: wo wäre denn der Mann, der das alles leisten, der alle richtigen Einrichtungen anordnen, alle richtigen Entscheidungen treffen könnte? Wer errät dies wohl? Wir möchten unsrerseits gegenüber diesem reichhaltigen Schiller'schen Wunsch-Zettel uns nur noch einen Wunsch gestalten: möchte es so bald keinen „Fall" in Hessen mehr geben! „Laß, Vater, genug sein des grausamen Spiels", wollen wir mit dem andern „Schiller" ausrufen, denn „grausam" war das Spiel, das der Verfasser der drei Artikel mit seinen Ausführungen getrieben hat, er hat's mit verhängnisvoller Schnelligkeit am eigenen Leibe erfahren. Zu den bisher vorgekommenen „Fällen" ist der „Fall" Schiller hinzugekommen, nicht zum Vorteil des Ansehens unseres Landes, so daß ein der „Frankfurter Zeitung" nahe stehendes Blatt mit Pharisäermiene schreiben konnte: „Der Ruhm unseres hessischen Nachbar-Ländchens ist in der letzten Zeit weit in Deutschlands Gaue vorgedrungen, aber es ist kein feiner Ruhm" (s. „Kleine Presse"). Die drei Artikel Schillers haben schon die Pensionierung ihres Verfassers zur Folge gehabt, und schon knüpfen sich eine Reihe von weiteren Fragen und Gerüchten daran; weitere Folgen werden in Aussicht gestellt oder gar als schon eingetreten bezeichnet. So soll der Rektor der Gießener Universität mit den Dekanen mehrerer Fakultäten hierher gekommen sein, um gegen Schillers Zwangs-Pensionierung zu protestieren. Von anderer Seite wird diesem widersprochen; der Gießener Rektor mit seinen Dekanen sei auf „Einladung" des Staatsministers hierher gekommen, es habe eine „Besprechung" stattgefunden, und die Gießener Herren sollen „belehrt und beruhigt" von dannen gezogen sein. Eine andere Meldung besagt, daß Herr „Regierungsrat Best" zum Untersuchungsrichter in dem gegen Geh. Oberschulrat Prof. vr. Schiller zu Gießen eingeleiteten Dis- ziplinar-Strafverfahren bestellt sei. Auch dies wird von anderer Seite als unrichtig bezeichnet. In Gießen wurde Professor Dr. Schiller, als er im Universitätsgebäude erschien, um seine Vorlesung über Pädagogik zu halten, mit stürmischen Ovationen empfangen. Es wird andererseits versichert, daß der Herr Staatsminister schon seit Wochen unterrichtet war, daß drei Artikel Schillers in der „Frankfurter Zeitung" erscheinen würden. (!) Auch andere Ministerial-Beamte sprachen mehrere Tage vor dem Erscheinen des ersten Artikels von der demnächst zu erwartenden Veröffentlichung Schillers als von einem ganz feststehenden Ereignis. Herr Schiller soll sogar am 26. Juni dem Herrn Staatsminister über den Charakter der Artikel „klaren Wein eingcschenkt" haben. Hierüber liegt aber eine Bestätigung nicht vor. Noch einen Hinweis möchten wir uns gestatten: in den drei ausführlichen Artikeln, in welchen alle möglichen „Schäden" blosgelegt und die tadelnden Bemerkungen nicht gespart werden, hat Herr Schiller kein Wort der Mißbilligung über Dettweiler und Ahlheim! Warum? Doch genug der Hinweise! Hoffen wir, daß es den „neuen Männern" gelinge, die ihrer harrenden Aufgaben zu lösen. Möge das Land Hessen vor weiteren „Fällen" bewahrt bleiben, es ist schon genug und übergenug an den vorhandenen. Möge in Zukunft das hessische Staatsschiff, von kundigen Leitern gelenkt, einen stetigen und ungestörten Kurs segeln! Hessischer Landtag. Erste Kammer der Stände, nn. Darmstadt, 17. Juli 1899. Nachmittags-Sitzung. — Um 4 Uhr wird die Sitzung eröffnet. Zur Rückäußerung steht die Regierungs- Vorlage über den Bau e in er Bah n durch das Seementhal. Die Kammer beschließt, dem jenseitigen Beschluß beizutreten, daß mit den Vorarbeiten begonnen werde. Bezüglich einer Differenz in dem Gesetzentwurf über die Hundesteuer tritt das Haus dem jenseitigen Beschluß bei, wonach das Forstschutzpersonal von der Hundesteuer nicht ganz befreit werden soll. Da weitere Dissense nicht mehr vorliegen, wird die Sitzung um 4% Uhr geschlossen. Deutsches Keich. Berlin, 18. Juli. Die Verleihung der königlichen Krone und der Brillanten zum Großkreuz des Roten Adlerordens mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe an den deutschen Botschafter in Madrid, von Radowitz, wird heute amtlich publiziert; desgleichen die Verleihung der königlichen Krone zum Roten Adlerorden 2. Klasse mit Eichenlaub an den Unterstaatssekretär Freiherrn von Richthofen. Berlin, 18. Juli. Der königliche Hof legte gestern für den verstorbenen Großfürsten Thronfolger von Rußland die Trauer auf 14 Tage an. Berlin, 18. Juli. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Verordnung, betreffend Beschränkung der Einfuhr aus Aegypten wegen der Pestgefahr. Die Beschränkung erstreckt sich auf Leibwäsche, alte und getragene Kleidungsstücke, gebrauchtes Bettzeug u. s. w. Bremen, 18. Juli. Auf der Werft der Aktien-Gesell- schaft Weser hat heute nachmittag der Stapel lauf des Kreuzers B stattgefunden. Anwesend waren zahlreiche Vertreter von Armee und Marine. Bürgermeister Pauli taufte das Schiff „Niobe". Berlin, 18. Juli. Die schwarzen Pocken sind, wie das „Berliner Tageblatt" aus Sinaia, der Sommerresidenz des rumänischen Königspaares, meldet, daselbst und in der Umgebung ausgebrochen. Von der Garnison sind schon etwa 150 erkrankt. Die epidemische Krankheit nimmt bei vielen einen rötlichen Verlauf. Berlin, 18. Juli. Wie die „Kreuzzeitung" vernimmt, ist zum Regierungs-Präsidenten von Hildesheim der bisherige vortragende Rat im Ministerium des Innern, von Philipsborn ernannt worden. AuÄand. Brüssel, 18. Juli. Der Brüsseler Arbeiter-Verband nahm einen Vorschlag des Bürgermeisters Buls auf Schaffung einer aus den Mitgliedern desselben bestehenden Polizeitruppe an, welche bei allen künftigen Manifestationen und Versammlungen unter freiem Himmel für Aufrechterhaltung der Ordnung einzustehen hat. Nur unter dieser Bedingung sollen nunmehr alle öffentlichen Meetings erlaubt sein. Belgrad, 14. Juli. Daß vier tüchtige Offiziere in eine so abscheuliche Angelegenheit, wie es der Mord an sch lag auf des Königs Vater ist, gemengt werden, daß insonderheit, abgesehen vom General Sava Grujitsch, zwei so hervorragende und in Armeekreisen wahrhaftig volkstümliche Gestalten, wie die Obersten Wladimir Nikolitsch und Wasa Mostitsch, in den Verdacht antidynastischer Umtriebe geraten konnten, ist eine höchst bedenkliche Erscheinung. Man irrt nämlich, wenn man diese beiden Obersten unter die Radikalen rechnet. Im Gegenteil: Nikolitsch hat nie etwas mit den Radikalen gemein gehabt. Er ist ein strammer Soldat und ein Soldatenkind. Sein Vater war jener Hauptmann, der sich im Jahre 1858, als die Skupschtina die Enthronung Alexander Karageorgewitschs beschloß, in Gemeinschaft mit dem nachherigen General Belimarkowitsch vor das ausgerückte Militär warf und dieses am Schießen auf die Skupschtina verhinderte. Er und Belimarkowitsch haben damals die Armee zu gunsten der Obrenowitsch umgestimmt. Oberst Mostitsch dagegen war bis vor kurzem als einer der grimmigsten Feinde der Radikalen bekannt. Ein naher Verwandter des ehemaligen liberalen Ministerpräsidenten Awakumowitsch, war er es, der im Jahre 1892 gegen die radikalen Bauernmassen bei Goratschitsch Feuer kommandierte, wobei zwanzig radikale Schreier getötet wurden. Unter den Anklagepunkten gegen das damalige liberale Kabinett war dieser Vorfall der bedeutendste. Wie man sieht, hat also die Unzufriedenheit dieser beiden mit dem Treiben der Radikalen überhaupt nichts gemein; sie ist vielmehr die Folge einer schon seit Jahren immer mehr um sich greifenden Gärung innerhalb der Armee. Es wurde auf diesen Umstand schon im vorigen Jahre, als sich Milan zum Oberkommandanten ernennen ließ, hingewiesen. In der That ist es ja undenkbar, daß in Serbien, wo es keinen Adel gibt, wo sowohl der Soldat als auch der Offizier aus dem stets politisierenden Bauernstand hervorgeht, die jeweiligen Politischen Uebelstände das Heer unberührt lassen können. Dabei hat Milan fast alle verdienstvollen höheren Offiziere noch von Sliwniza her gegen sich. Schon damals ließen sich die hervorragendsten Befehlshaber in den Ruhestand versetzen; einige von ihnen gingen sogar so weit, ihn auf der Straße nicht mehr zu grüßen. Die seither verstorbenen Generale Horwatowitsch und Leschjanin haben samt dem nachherigen Regenten Belimarkowitsch noch zur Zeit seines Königtums ganz offen gegen ihn Stellung genommen und urbi et orbi behauptet, daß er „des Waffenrocks nicht würdig sei." Seither schieden aus dem aktiven Dienst die Generäle Sava Grujitsch, Anton Bogitschewitsch, Dragutin Franassowitsch, Jowan Pantelitsch, Mischkowitsch, mit einem Wort, alle, die einen Namen hatten und in Armeekreisen Ansehen und Einfluß genossen. In dem Augenblick, wo Milan das Oberkommando übernahm, gab es von vierzehn blos vier Generäle im aktiven Dienst; sie gelten in Armeekreisen als ganz und gar unbedeutend und verdienstlos. Genau so ging es auch mit den Obersten. Innerhalb eines Jahres wurden die bedeutendsten teils pensioniert, teils sonst gemaßregelt. Die Lücken wurden mit Milans Kreaturen ausgefüllt, auf die man zur Stunde im Konak am meisten rechnet. Im Heer aber gärt es nach wie vor. K. Z. Lokales und UrovinMes. Butzbach, 18. Juli. Gestern abend 6 Uhr zog ein schweres Gewitter über unsere Gegend, das leider nicht, ohne ein Menschenleben gefordert zu haben, vorüberging. Zwischen Pohlgöns und Kirchgöns erschlug der Blitz ein 20jähriges Mädchen namens Katharina Elisabetha Binzer aus Kirchgöns. Dasselbe war mit einem andern Mädchen auf dem Felde mit Futterholen beschäftigt, beide stellten sich bei dem starken Regen unter einen Baum. Wie oft wird davor gewarnt, bei Gewitter sich unter einen Baum zu stellen, jedoch wäre es diesmal ein Glück gewesen, wenn die Mädchen längere Zeit unter demselben geblieben wären. Als der Regen aufhörte, verließen sie diese Stelle, um das gemachte Futter nach der Chaussee zu bringen. Während dieser Beschäftigung durchzuckte nochmals ein greller Blitz die Gegend, und traf das obengenannte Mädchen, das sich in einiger Entfernung von dem andern befand. Als das Mädchen ihre Freundin vermißte, ging es zurück, und fand dieselbe alsbald mit versengtem Kopfhaar als Leiche vor. Den Schrecken der Hinzugekommenen bei diesem Anblick kann man sich lebhaft vorstellen. Kaum einige Minuten vorher wohl und munter und jetzt schon tot. Noch schrecklicher muß die Kunde die Angehörigen betroffen haben, tfiar doch die Verblichene das einzige Mädchen unter 8 Geschwistern und somit besonders die Hauptstütze der alten Mutter, der sie als braves Kind hilfreich in Haus und Hof zur Seite stand. Nach Bekanntwerden dieses Vorkommnisses bemächtigte sich des ganzen Ortes eine tiefe Bewegung, und in Anbetracht dieses jähen Todesfalles wird der schwergeprüften Familie allgemeine Teilnahme entgegengebracht. n. Von der mittleren Nidda, 17. Juli. Der Roggenschnitt hat heute bei uns begonnen. Die Ernte des Kornes scheint sehr gut auszufallen. Die Halme sind hoch und die Aehren lang und gut mit Körnern besetzt. Ein großer Teil der Halme hat eine Höhe von 2 Meter. In einem schmalen Strich von hier über die Horloff hat der Hagel vor etwa 4 Wochen Schaden gethan. Korn wurde am stärksten davon betroffen, weil es am weitesten in der Reife vorgeschritten war. Die Hagelversicherungsgesellschaften bezahlen bei Sommerfrucht und Weizen 10 bis 25 Prozent, bei Roggen 30 bis 50 Prozent, einem schmalen Strich bei Reichelsheim sogar 75 Prozent Entschädigung. n. Friedberg, 17. Juli. Die Direktion der Zuckerfabrik „Wetterau" teilt ihren Rübenlieferanten eben mit, daß auf wiederholten Wunsch größerer Lieferanten in Zukunft bei allen Rübenlieferungen die Proben zu Schmutz- und Zuckerbestimmungen mit der Gabel entnommen' werden sollen. Seither geschah das bloß bei Rüben, die mit der Bahn geschickt wurden. Im übrigen müssen die Lieferanten in Zukunft auch selbst für das Abladen sorgen, die Fabrik stellt dazu keine Arbeiter mehr. §§ Bermuthshain, 17. Juli. Als gestern Heinrich Eschenröder mit einem Wagen Heu nach Hause kam, fand er das dreijährige Kind des Johannes Schlotthauer hier in der Nähe seiner Wohnung im Bach schwimmend. Durch rasches Zugreifen gelang es ihm, das bereits mit Tode ringende Kind zu retten. §§ Ober Lais bei Nidda, 17. Juli. Der hiesige Landwirt Karl Eich geriet heute beim Mähen infolge Ausgleitens in einen Wassergraben, und fiel derart mit der linken Hand in die Sense, daß an zwei Fingern die Flechsen durchschnitten wurden. P.C. Groß-Umstadt, 18. Juli. Sehr schöne Ansichtspostkarten, von einem Künstler entworfen, und von der lith. Kunstanstalt Heinrich und August Brüning, Hanau sehr geschmackvoll, fein und sauber ausgeführt, giebt z. Zt. der Gewerbeverein Groß-Umstadt aus. Die Karten zeigen als Ansicht den freundlichen Ausstellungsplatz der kurz bevorstehenden Provinzial - Gewerbeausstellung mit seinen ausgedehnten Hallen, bewimpelten Türmchen, malerischen Kiosken, und kunstvollen Anlagen, links unten das prächtige Stadtwappen von Groß-Umstadt, rechts unten das verjüngte Reklameplakat der Ausstellung, im Hintergrund die Odenwaldberge, die mit ihren schattigen Waldungen — wie die Ausstellung durch ihre interessanten Ausstellungsgegenstände — zu zahlreichem Besuch unseres günstig gelegenen Städtchens einladen. Dem unermüdlichen Eifer des Vorsitzenden des Ausstellungskomitös, Herrn A. Staab, Kleiderfabrikant, und des Schriftführers, Herrn Reallehrer Tasche, sowie der Regsamkeit der Gewerbetreibenden und Handwerker aus unserer Provinz ist es zu danken, daß die hiesige Provinzial-Gewerbeausstellung nach sachkundigem Urteil sich selbst Ausstellungen in größeren Städten würdig an die Seite reihen wird. Vermischtes. • Die Berliner Maler aus der Pariser Weltausstellung. Das „Berl. Tagebl." berichtet: Die Berliner Lokaljury für die Weltausstellung ist vor kurzem zusammengetreten, um eine Auswahl der für Paris bestimmten Gemälde zu treffen. Den Berliner Künstlern werden nur geringe Räumlichkeiten zur Verfügung stehen. Es sind für sie nur etwa 35 Meter Wandfläche vorgesehen, sodaß sich kaum 35 Gemälde werden placieren lassen. Von bekannteren Künstlern, die die Pariser Ausstellung beschicken werden, sind zu nennen die Professoren Ludwig Knaus, Josef Scheurenberg, Eugen Bracht, Professor Max Koner, Adolf v. Menzel, Flielck und wahrscheinlich auch Anton v. Werner, der aber keines von seinen spezifisch vaterländischen Bildern ausstellen wird, da die deutsche Regierung nicht wünscht, daß den Franzosen Motive aus den letzten Kriegen vorgeführt werden sollen. Die Berliner Künstler werden diesem Wunsche sogar so peinlich nachkommen, daß sie beispielsweise auf die Ausstellung von Bismarck-Porträts Verzicht leisten, dagegen wird einer der obengenannten Künstler ein Kaiserbildnis ausstellen. Auch Künstler der Sezession werden sich an der Pariser Ausstellung beteiligen, vor allem werden vertreten sein: Professor Max Liebermann, Oskar Frenzel und Ludwig Dettmann. Welche Kunstwerke zur Ausstellung kommen, ist noch nicht bestimmt, da manche erst im Laufe des Jahres entstehen werden. Es ist aber in den Ausstellungssatzungen die Einschränkung vorgesehen, daß nur Arbeiten eingesandt werden dürfen, die nach dem Jahre 1889, also nach der letzten Pariser Ausstellung, entstanden sind. Die Berliner Bildhauer haben sich bisher über eine Auswahl noch nicht schlüssig gemacht, auch nicht der Jllustratoren- verband. * Die Beteiligung au der Pariser Weltausstellung ist von der in Mannheim abgehaltenen Hauptversammlung des Vereins deutscher Gartenkünstler beschlossen worden. • Die Unannehmlichkeiten der heißen Jahreszeit machen sich für niemand empfindlicher bemerkbar, als für die arme geplagte Hausfrau, besonders in kleinen Landstädten und Dörfern, im Gebirge und auf Reisen, wo die piece de resistance der Küche, nämlich frisches Fleisch nicht immer zu haben ist. Unschätzbare Dienste leistet ihr dann zur Herstellung einer guten Fleischbrühe und zur Kräftigung der meisten Speisen Liebigs Fleisch Extrakt, das sich unverändert bei jedem Thermometerstande und jedem Klima hält. * Schweizerische Ruudreisekarten. Bei den zahlreichen Sonderzügen, die gegenwärtig nach der Schweiz gehen, sei hiermit besonders darauf aufmerksam gemacht, daß die deutschen Ausgabestellen Rundreisekarten nur für das Gebiet der Schweiz nicht zusammenstellen; solche müssen vielmehr auf den dazu bestimmten schweizerischen Stationen, sowie -auf den badischen Stationen Basel B.B., Waldshut und Konstanz verlangt und in Frankenwährung bezahlt werden. Die deutschen Ausgabestellen setzen nur Rundreisen zusammen, welche auf Deutschland und die Schweiz gemeinsam lauten, letztere Fahrkarten werden denn auch ausschließlich in Markwährung bezahlt. ♦ RivieraSonderfahrten. Um den gegenwärtig in der Schweiz weilenden Fremden Gelegenheit zu geben, auf bequeme, billige und schnelle Weise die berühmtesten Punkte der Riviera wie Genua, Pegli, Savona, San Remo, Os- pedaletti, Bordighera, Ventimiglia, Mentone, Monte Carlo, Nizza rc. kennen zu lernen, geht in den Monaten Juli und August jeden Dienstag eine Ferien-Sonderfahrt über die Gotthardbahn via Como Mailand-Pavia nach den genannten Küstenorten des mittelländischen Meeres. Jede ganze Tour dauert zehn Tage, doch sind kürzere Teiltouren zulässig. Die Preise, welche alle ordentlichen Kosten der ganzen Reise, einschließlich Hotels und Verpflegung umfassen, sind sehr niedrig; sie betragen pro Person für eine viertägige Tour Mk. 81; für eine sechstägige Tour Mk. 101 u. s. w. Ausführliche Programme können auf Bestellung per Postkarte von der Central-Auskunftsftelle für den schweizerischen Verkehr in Basel gratis und franko bezogen werden. * Göttinger Musenalmanach. Auf das Jahr 1900 erscheint in der alten Musenstadt Göttingen demnächst wiederum ein „Musenalmanach Göttinger Studenten", redigiert von Levin Ludwig Schücking. Der im Jahre 1896 zum ersten Male nach mehr denn hundertjähriger Unterbrechung von Göttinger Musensöhnen mit Glück wieder ins Leben gerufene Almanach, den einst Lessing's, Herder's, Bürger's Namen geschmückt, fand seinerzeit an verschiedenen deutschen Hochschulen (Wien, Leipzig, Berlin) Nachahmung. Prof. Ziegler (Straßburg) hat indes noch vor kurzem mit Recht hervorgehoben, daß sie das dichterische Niveau ihres Göttinger Vorbildes nicht erreichten. Auch auf die neue Veröffentlichung, die mehr als die bloße Drucklegung der Erstlingsverse mehr oder minder begabter Laien bedeutet, darf man gespannt sein, um so mehr, als auch die Berliner Hochschule neuerdings zum selben Zweck ihre Vorbereitungen trifft. * liebet 3000 junge Männer sind allein in den beiden Monaten April und Mai nach Berlin zugezogen. — Wer nimmt sich dieser vielen jungen Leute an, ihnen einen festen Halt zu bieten, damit sie nicht den Versuchungen und Verführungen der Großstadt schutzlos anheimsallen? wird man fragen angesichts dieser großen Zahl. — Es besteht in Berlin seit zwei Jahren die „Gesellschaft zur Fürsorge für die einwandernde männliche Jugend", die es sich zur Pflicht gemacht hat, jeden jungen Mann, der nach Berlin kommt, aufzusuchen und ihm in allen Dingen Rat zu erteilen und eventuell auch Stellung nach außerhalb zu vermitteln. — Auch diese 3000 jungen Männer sind durch Vertrauensmänner der Gesellschaft besucht und durch Wort und Schrift gewarnt worden vor sittlichem und geistlichem Verderben. Wie notwendig es ist, immer wieder vor den Gefahren zu warnen, die einem jungen Mann drohen, beweist die Klage aus allen Schichten und Kreisen unseres Volkes über die zunehmende sittliche Verwilderung unserer Jugend, ganz besonders in den Großstädten. In Berlin befinden sich über 40 Vereine mit Tausenden von Mitgliedern und bieten jedem jungen Manne freundliche Aufnahme. — Alle Leser, besonders die jungen Männer und Eltern, deren Söhne in die Großstädte einziehen, weisen wir auf diese Bestrebungen und die Geschäftsstelle der „Gesellschaft zur Fürsorge für die einwandernde männliche Jugend" hin (Berlin C., Sophienstr. 19, Stfl. 2 Tr.). Auch erscheinen daselbst vierteljährlich Mitteilungen aus dieser Arbeit unter dem Titel „Heimatfremd", die jedem auf Wunsch kostenlos zu-, gestellt werden. * Die Verproviantierung der „Hohenzollern". Jetzt, da der Kaiser mit seiner Umgebung an Bord seiner Dacht „Hohenzollern" dem hohen Norden zusteuert, dürfte es wissenswert sein, auf welche Weise das Kaiserschiff mit dem nötigen Proviant für seinen hohen Passagier und dessen Gefolge versorgt wird. Für die Besatzung gelten nach dieser Richtung dieselben Grundsätze wie bei allen anderen Kriegsschiffen. Alle Getränke für die Kaiserliche Tafel, als da sind: Weine, Mineralwasser, Bier — letzteres auch teilweise in Fässern — und solche Sachen, denen die wochenlange Aufbewahrung in den Schiffsräumen nicht schadet, werden vor der Abreise an Bord genommen; dazu bringt der Kourier, welcher jeden zweiten bezw. dritten Tag auf der „Hohenzollern" eintrifft, außer den Briefsachen auch ganze Sendungen von frischen Fleischwaren, Butter, Eier u. s. w. und namentlich auch frisches Obst mit, welches von der Hofgartendirektion aus Potsdam geschickt wird. Da der Kaiser bei der Tafel als Getränk eine gute Bowle allem anderen vorzieht, wird schon hierfür ein gut Teil Obst verwendet. Außerdem pflegt der Kaiser nicht nur zu den größeren Mahlzeiten, sondern auch schon zum ersten Frühstück Obst zu essen. Außer den bekannten Ausflügen, welche der Kaiser von der „Hohenzollern" in die nordischen Berge unternimmt, ist für den Monarchen auch das Flaschenschießen an Bord ein belustigendes Vergnügen. Es werden hierzu vorher alle Flaschen, welche ihres mehr oder weniger köstlichen Inhalts bis dahin bar geworden sind, sorgfältig gesammelt und dann, vorzugsweise bei leicht bewegter See oder wenn das Schiff festliegt, in Gegenwart des Kaisers und seiner Herren zu Dutzenden über Bord geworfen, so daß von den Flaschen nur der Hals aus dem Wasser lugt — und die Jagd beginnt. Auch hierbei zeigt sich der Kaiser als vortrefflicher Schütze, er verfehlt fast nie sein Ziel. — Die Mannschaften der „Hohenzollern" tragen in diesem Sommer zum erstenmale am Mützenband den Namen „S. M. Y. Hohenzollern", früher mußte der Name „S. M. S. Hohenzollern" getragen werden. Universitäts-Nachrichten. — Marburg. Infolge seiner Ernennung zum ordentlichen Professor der juristischen Fakultät an hiesiger Universität ist der Gertchtsasiesior Dr. Franz Leonhard au« dem Justizdienst au« geschieden. — Würzburg. Professor W. C. v. Röntgen hat einen Ruf als Nachfolger Lommels nach München erhalten und wird ihm wahrscheinlich folgeleisten. — Erlangen. Zum Prorektor der hiesigen Hochschule für das Studienjahr 1899/1900 wurde am 15. d8. MtS. der Professor deS deutschen bürgerttchen Rechts und des römischen Zivilrechts, Dr. Th. Kipp, gewählt. — Heidelberg. Das Studentenkorps „Rhenania" beging am 16. und 17. ds. Mts. die Feier seines 50jährigen Bestehens. Unter anderem fand am 16. Juli ein Kommers in der »Hirschgaffe" und am 17. Juli eine Ausfahrt nack dem Spkyererhof statt, der sich abends eine Schloßbeleuchtung und Feuerwerk anschloß. — Leipzig. Von hier berichtet die Chemiker-Zeitung: ES wird beabsichtigt, die Erbauung eines physikalischen Instituts der Universität Leipzig in der Nähe des pbystkalisch-chimtschen Instituts beim M ntsterium deS Kultus und öffentlichen Unterrichts in Vorschlag zu bringen. — München. Dr. Ernst Ebermeyer, ordentlicher Profeffor für Bodenkunde, Meteorologie und Klimatologie an der hiesigen Universität, ist in den Ruhestand getreten. — Wien. Für die durch den Rücktritt des HofratS Adolf Beer erledigte Lehrkanzel für Geschichte an der technischen Hochschule sind primo loco die Professoren V klor Kraus in Wien, sowie Ottokar Weber in Prag und secundo loco HanS Zwtedinek v. Südenhorst in Graz vorgeschlagen. — Wien. Am Akademischen Gymnasium wurden am 13. ds. Mts. die Maturitätsprüfungen der diesjährigen Abiturientinnen der gymnasialen Mädchenschule des Vereins für erweiterte Frauen- btldung zu Ende geführt: Das Reifezeugnis mit Auszeichnung erhielt eine Kandidatin, das Reifezeugnis erhielten sechs, «probiert aus zwei Manate wurden zwei, reprobiert auf ein Jahr wurden drei Kandidatinnen. — Im Kloster Ein siedeln (Schweiz) soll auf Wunsch des Papstes ein neuer Kongreß von Fachmännern, Bibliothekaren und Chemikern zur Erhaltung alter Handschriften stattsinden. Auch die Anregung zur ersten derartigen Konferenz vor einem Jahr in St. Gallen war vom Vatikan ausgegangen, in deffen Bibliothek viele wertvolle Handschriften in kurzer Zeit unrettbar verloren find, falls nicht ein Verfahren zu ihrer Erhaltung gefunden wird. — Budapest. Der Rector Magnificos der hiesigen Universität Professor der Defkrtption und topographischen Anatomie, Dr. Geza Mthalkovtcs, ist im 56. Lebensjahr gestorben. — Prag. Die philosophische Fakultät der deutschen Universität Hal zum Nachfolger des Hofrates Professor Kelle primo loco und einstimmig den Professor der germanischen Philologie an der Universität Freiburg (Schweiz), Dr. Ferdinand Detter, in Vorschlag gebracht. — Genf. An der hiesigen Universität wurden ernannt zum ordentlichen Professor der medizinischen Poliklinik der Professor Albert Mayor; zum ordentlichen Professor der chirurgischen Poliklinik Profeffor August Reo er bin und zum ordentlichen Professor der gynäkologischen und geburtshilflichen Klinik Profiffor Alcide Jentzer. — Zürich. Hier feierte vorgestern der Professor für schweizerisches und allgemeines Staats- und Völkerrecht, Gustav Vogt, seinen 70. Geburtstag. Vogt war vordem Journalist und von 1878 bis 1885 Redakteur der „Neuen Züricher Zeitung". Meratur, Wissenschaft und Kunst. — Von Deutsche Kunst und Dekoration, Verlag von Alexander Koch, Darmstadt (Preis jährlich 12 Hefte Mk. 20, Einzelhefte Mk. 2) erschien soeben Heft 11 des zweiien Jahrganges unter dem Sondertitel Dresdener Kunst-Ausstellung H-fl 1: Moderne Jnnenräume rc. Dasselbe enthält an Textbeiträgen: Die deutsche Kunstausstellung zu Dresden von Mai bis Oktober 1899 von Dr. Paul Schumann, Dresden. Zur Reform im Buchgewerbe, von Fr. Ad. Lattmann-Goslar. Außerdem Wettbewerbenlscheidungen, Kleine Mittellungen, Bücherschau. Das mit einer Anzahl von Voll- bildern und kleineren Illustrationen reichhaltig ausgestattete Heft beweist wiederum, wie sehr der rührige und kunstsinnige Verleger eS sich angelegen sein läßt, mustergiltiges zu bieten und auf die Geschmacksbildung erzieherisch einzuwirken. — „Die Unglücksfälle in den Alpen" behandelt in der »Garten- taube" ein Aufsatz aus der Feder Professor Max Haushofers in München, der sich gegen den Leichtsinn unerfahrener Bergsteiger wendet und die Mittel und Wege angiebt, die zur Abwendung von Unfällen im Hochgebirge beitragen können. R. Artaria beleuchtet in einem längeren lesenswerten Artikel die Zustände, wie sie nach der Schrrckenszeit zu Ausgang deS vorigm Jahrhunderts in Frankreichs Hauptstadt herrschten, und entwirft ein interessantes Bild von der „Pariser Gesellschaft vor hundert Jahren". I. Proelß teilt uns mancherlei aus den „Jugenderinnerungen" des Dichters Rudolf von Gottschall mit und Dr. Hans Seifige macht uns mit einem Brauch der in der Saalestadt Halle altangesessenen Salzwirkerschaft, mit der Feier des „PfingstbiereS der Halloren", bekannt, von der O. Gerlach eine Anzahl hübscher charakteristischer Bilder entworfen fiat. Ferner enthält die „Gartenlaube" Kulturbilder aus Deutsch-Südwestafrika mit Illustrationen nach photographischen Aufnahmen und noch viele andere Beiträge in Wort und Bild. In der Novelle „Ausgeglichen" von Ernst Muellenbach (Ernst Lenbach), deren Schluß vorliegt, spricht uns die meisterliche Charakterisierung der handelnden Personm und ein feiner Humor an, während es Ida Boy-Ed trefflich versteht, uns mit ihrem Roman „Nur ein Mensch" in wachsender Spannung zu erhalten. Bekanntmachung. Das Waffer im Stadtbach wird wegen Reinigung desselben von Donnerstag den 20. d. Mts. ab während drei Wochen abgestellt. Während dieser Zeit findet der Zufluß des Wassers nur von Samstag abend bis zum Sonntag abend statt. Gießen, den 18. Juli 1899. 5402 Grobherzogliche Bürgermeisterei Gießen. Gnauth. Bekanntmachung. Die am 15. d. Mts. fällig gewesenen Pachtgelder von Trieb- Vierteln und anderen städtischen Grundstücken sind innerhalb 8 Tagen bei Meldung des Beitreibungsverfahrens zur hiesigen Stadtkaffe zu bezahlen. Gießen, den 18. Juli 1899. Der Stadtrechner: Doepfer. 5397 Pflichftkuerwchr. Uebung der gesamten Mannschaft Nnrratag de« 20. d. Mts., abends 8'/- Uhr pünktlich auf Oswalds Garten. Gießen, den 15. Juli 1899. 5364 Der Branddirektor: Traber. Miiuifrliliimjcn Als vorstgtiche MW* empfehle: pr. Fl. o. Gl tzardener Mosel.....50 Pfg. Hraacher „.....70 „ Ieltinger „.....90 „ Arauneberger,,.....100 „ ^auvenyeimer Ahein ... 60 „ Appenheimer „ .... 75 „ Niersteiner „ .... 100 „ Ital. 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