Nr. 168 Erstes Blatt. Donnerstag den 20. Juli 1S99 Gießener Anzeiger General -"Anzeiger Bei Postbezug 2 Mark 50 'Bf9. vierteljährlich Aezugsprels vierteljährlich 2 Mark 20 Psg. monatlich 75 Pig. mit Bringerlohn Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den folgenden Lag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Alle Anzeigen-BermittlungSstellen deS In« und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Die Gießener Alamttienßkitler werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt. Amts- und Anzeigeblatt für den Tireis Gietzen. Nedaktion, Expedition und Druckerei: Kchntstraße Ar. 7. Gratisbeilagen: Gießener FamMenblätter, Der hessische Landwirt, KtStter für hessische Volkskunde. Adreffe für Depeschen: Anzeiger Hietzrn. Fernsprecher Nr. 51. Amtlicher Teil. Nr. 29 des Reichsgesetzblattes, ausgegeben den 14. d. M., enthält: (Nr. 2596). Gesetz, betreffend Abänderung und Ergänzung des Gesetzes über die Rechtsverhältnisse der deutschen Schutzgebiete. (Reichs-Gesetzbl. 1888, S. 75.) Bom 2. Juli 1899. (Nr. 2597). Verordnung, betreffend die Vereinigung von Wohnplätzen in den Schutzgebieten zu kommunalen Verbänden. Vom 3. Juli 1899. (Nr. 2598.) Bekanntmachung, betreffend die Vereinbarung erleichternder Vorschriften für den wechselseitigen Verkehr zwischen den Eisenbahnen Deutschlands und Luxemburgs. Vom 6. Juli 1899. (Nr. 2599). Bekanntmachung, betreffend die Einfuhr von Pflanzen und sonstigen Gegenständen des Gartenbaues. Vom 7. Juli 1899. Gießen, den 19. Juli 1899. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Bechtold. Bekanntmachung, betreffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Daubringen. Nachdem sich mehr wie ein Fünfteil der beteiligten Grundeigentümer, welche mehr als die Hälfte der beteiligten Fläche besitzen, bei der am 15. Mai d. I. stattgehabten Abstimmung für die Feldbereinigung der Gemarkung Daubringen erklärt haben, und nachdem keine Einwendung gegen die Zulässigkeit bezw. Rechtsbeständigkeit des Abstimmungsergebnisses erhoben worden ist, hat die Großh. Obere landwirtschaftliche Behörde den Beginn der Feldbereinigungsarbeiten angeordnet und den Unterzeichneten zum Bereinigungskommissär ernannt. Indem ich dies zur öffentlichen Kenntnis bringe, lade ich in Gemäßheit des Art. 16 des Gesetzes vom 28. September 1887 die sämtlichen beteiligten Grundbesitzer zu einer am Samstag, dem 5. August 1899, Vorm. 9 Uhr, im Schulsaale zu Daubringen stattsindenden Versammlung ein. Diese Versammlung hat: 1. darüber zu beschließen, ob die im Grund-(Flur-) Buch enthaltenen Größenangaben, oder ob die durch eine Vermessung zu ermittelnden Flächengehalte der Bereinigung zu Grunde zu legen sind; 2. zu bestimmen, wie die Bereinigungskosten aufgebracht werden sollen, ob durch Ausschlag auf den Flächengehalt, oder den Abschätzungswert der Grundstücke, oder durch Bildung und Verkauf von Massengrundstücken, sowie ferner, ob die Beiträge nach Bedürfnis erhoben, oder ob die Kosten durch Kapitalaufnahme aufgebracht werden sollen; 3. die zur Vollzugskommission zu berufenden Sachverständigen und deren Stellvertreter, sowie ein Mitglied des Schiedsgerichts und dessen Stellvertreter zu wählen. Außerdem können Wünsche und Anträge seitens der Beteiligten vorgebracht und beraten werden. In dieser Versammlung hat ein jeder anwesende beteiligte Grundeigentümer eine Stimme; die Beschlüsse erfordern zu ihrer Giltigkeit eine Mehrheit von Zweidrittteilen der Anwesenden und sind unter dieser Voraussetzung auch für die nichterschienenen Beteiligten verbindlich. Kommen gütige Beschlüsse nicht zu stände, so hat zu 1.: durch Vermessung der Grundstücke bte Ermittelung des Flächengehaltes derselben zu erfolgen, zu 2.: die Vollzugskommission die erforderlichen Beschlüsse zu fassen, zu 3.: die Großh. Obere landwirtschaftliche Behörde die Sachverständigen und Schiedsrichter zu ernennen. Friedberg, den 15. Juli 1899. Der Großh. Bereinigungskommissär: Süffert, Kreisamtmann. Bekanntmachung, betr.: Die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst im Herbst 1899. Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Herbst 1899 stattfindenden rubr. Prüfling zu unterziehen, werden hierdurch aufgefordert, ihre desfallsigen Gesuche um Zulassung bei Meidung des Ausschlusses von dieser Prüfung spätestens bis zum 1. August 1899 bei der unterzeichneten Kommission einzureichen. Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird im Speziellen das Folgende bemerkt: 1. Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs- Kommission nur dann einzureichen, wenn der sich Meldende im Großherzogtum Hessen seinen dauernden Aufenthaltsort hat. 2. Die Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr erfolgen. 3. Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn stets die nähere Adresse angegeben wird. 4. Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen: a. Geburtszengnis; b. Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über dessen Bereitwilligkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen aktiven Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen und muß die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein. c. ein Unbescholtenheitszeugnis, welches von der Polizei- Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde auszustellen ist; d. ein selbstgeschriebener Lebenslauf. 5. In dem Gesuch ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen (von Französisch, Englisch, Lateinisch und Griechisch) der sich Meldende geprüft sein will. 6. Ist bereits früher ein Gesuch um Zulassung zur Prüfung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein Unbescholtenheitszeugnis beizulegen. Ueber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden gestellt werden, gibt die Prüfungs-Ordnung (Anl. 2 zur Wehr-Ordn. vom 22. Novbr. 1888 — Neg.-Bl. Nr. 27 von 1894 —) Aufschluß. Bezüglich des Prüfnngstcrmins sowie des Lokals, in welchem die Prüfung stattfindet, erfolgt event. weitere Bekanntmachung; auf spezielle Ladung kann nicht gerechnet werden. D a r m st a d t, den 3. Juli 1'899. Großherzogliche Prüfungskommission für einjährig Freiwillige. Der Vorsitzende: I. V.: v. Hahn. Beim diesseitigen Kommando ist am 1. Oktober d. Js. die Stelle eines Schneiders neu zu besetzen. Bewerber wollen sich alsbald unter Vorlage eines Lebenslaufes nebst Zeugnissen ihrer Brodherrn hier melden. Diejenigen Leute, welche bereits Uniformstücke bearbeitet haben, erhalten den Vorzng. Gießen, den 17. Juli 1899. Großherzogliches Bezirks-Kommando. Detring, Oberstleutnant und Kommandeur. Bekanntmachung. Das Königliche Proviantamt in Hanau giebt bekannt, daß seine Räume gefüllt sind, und es Pferdeheu in den nächsten drei Wochen nicht annehmen kann. Eine vorherige Anfrage bei dem Proviantamte ist erforderlich. Gießen, den 18. Juli 1899. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Bechtold. Hessischer Landtag. Zweite Kammer der Stände. nn. Darmstadt, 18. Juli 1899. Die Sitzung wird durch Präsident Metz um l/zll Uhr eröffnet. Am Ministertisch die Ministerialräte v. Biegeleben, Ewald, Deißler, Bittel, die Regierungsräte Lorbacher und Rothe, sowie Oberfinanz-Assessor Schneider. Der erste Gegenstand der Tagesordnung betrifft die Vorlage der Regierung wegen Abtretung von Gelände in der Gemeinde Mosbach. Der Ausschuß beantragt, die Abtretung zu genehmigen, und beschließt die Kammer in diesem Sinn. Zur Rückäußerung der Ersten Kammer wegen Erbauung einer Nebenbahn vonBüdingen nach Oberseemen und vonBüdingen nachLindheim beantragt der Ausschuß: Beharren auf dem früheren Beschluß. — Graf Oriola tritt für den Ausschußantrag in warmer Weise ein, der auch den Wünschen der Bewohner des Seementhals gerecht werde. — Gegen den Ausschußantrag sprechen die Abgeordneten Erk, Weidner und Bähr, während Abg. Ulrich für Durchführung des Bahnprojektes eintritt. — Ministerialrat Ewald stellt fest, daß zwischen Preußen und Hessen neuerdings Verständigungen erzielt worden seien, wonach durch Verlegung der Trace eine bessere Verbindung herbeigeführt werde. — Abg. Köhler-Langsdorf hält die Bahn für wichtig, will sie aber erst später gebaut haben. — Bei der Abstimmung wird der Ausschußantrag, Beharren auf dem früheren Beschluß, gegen 11 Stimmen angenommen. Die Rückäußerung der Ersten Kammer bezüglich des Gesetzentwurfs, die Abänderung des Einkommensteuergesetzes betr., veranlaßt in der Kammer nochmals eine ausdehnte Debatte. — Ministerialrat Deißler hebt hervor, daß es dem Herrn Finanzminister sehr schwer geworden sei, bis zu 5 Prozent in der Progression zu gehen. Den Antrag Reichardt werde die Regierung wieder aufgreifen, und hofft sie, daß das Existenzminimum von 500 auf 600 Mk. erhöht werden könne. Der Ausfall, welcher in den unteren Klassen entstehe, werde durch die erhöhte Progression und durch die noch weiter bewilligten Mittel aufgebracht werden. — Die Abgeordneten Schmitt, Köhler- Darmstadt und Osann stellen fest, daß es Pflicht der Kammer sei, das Steuerreform-Werk zur Durchführung zu bringen. Die Beschlüsse der Ersten Kammer seien acceptabel, und auch die Regierung habe einen ganz anderen Standpunkt als früher eingenommen. — Abg. Schröder freut sich, daß die Regierung ihren ablehnenden Standpunkt aufgegeben hat. Das „Unannehmbar" der Regierung möge aber auch für die Folge in Wegfall kommen, wo es sich darum handle, einen Kompromiß herbeizuführen. — Nachdem noch der Abg. Ulrich seinen Standpunkt bezüglich der Progressionsskala dem Haus klar gemacht hat, nimmt die Kammer das Einkommensteuergesetz, sowie den Gesetzentwurf über die Vermögenssteuer und die Hundesteuer sowie den Gesetzentwurf über den Urkundenstempel nach dem Beschluß Erster Kammer an. Damit wird die Sitzung um Uhr abgebrochen. Um 4 Uhr findet eine Nachmittags-Sitzung statt, in welcher die Interpellation David über den Fall Schiller Beantwortung finden wird. Nachmittagssitzung. Die Sitzung wird um 4 Uhr eröffnet. Zur Beratung steht die Rückäußerung der ersten Kammer über den Antrag Reinhardt wegen Erbauung von Mietwohnungen für die Beamten und staatlichen Arbeiter. Die erste Kammer hat in ablehnendem Sinne beschlossen. — Abg. Häusel beantragt, für den nächsten Landtag erst eine Statistik über die nötigen Bauten und Geldmittel festzustellen. — Graf Oriola stellt fest, daß dieser Antrag nicht gestellt werden könne, da er gegen die Geschäftsordnung verstoße. — Abg. Köhler- Darmstadt beantragt, auf dem früheren Beschluß zu beharren, und beschließt die Kammer demgemäß. Bezüglich der Kosten zur Wiederherstellung der Stiftskirche zu Wimpfen hatte die zweite Kammer beschlossen, die Forderung der Regierung zu bewilligen. Die erste Kammer wollte die Einstellung dieses Postens in Erwägung gezogen haben. — Abg. Köhler-Langsdorf spricht für den Antrag der ersten Kammer, während Abg. Köhler- Darmstadt beantragt auf dem früheren Beschluß zu beharren und beschließt die Kammer demgemäß. Nach einer Pause von l1/, Stunden findet sodann die Beantwortung der Interpellation David „über den Fall Schiller" statt. — Staatsminister Rothe erklärt, daß nach dem Edikt von 1820 der Negierung das Recht zustehe, die nichtrichterlichen Beamten in den Ruhestand zu versetzen. Von diesem Recht war die Negierung genötigt, dem Oberschulrat Dr. Schiller gegenüber Gebrauch zu machen weil die Artikel, wie er sie in der Tagespresse zur Veröffentlichung gebracht hat, geeignet waren, die hessische Regierung und das hessische Schulwesen zu miß- kreditieren. Die Frage, ob das Disziplinarverfahren eingeleitet sei, könne bejaht werden. Eine Wiederanstellung des Genannten sei vollständig ausgeschlossen. Erst nach Abschluß der Untersuchung über diesen Fall werde sich die Regierung weitere Schritte Vorbehalten. — Abg. David bedauert, daß man einen Mann, der große Verdienste um das hessische Schulwesen habe, ohne Anerkennung kurzer Hand bei Seite geworfen habe. Man könne der Meinung sein, daß es einem Beamten nicht zustehe, in dieser Weise an die Oeffentlichkeit zu treten. Nach den Aeußerungen des hessischen Staatsministers entsprach das Auftreten Schillers nicht der Staatsräson; dabei frage es sich aber, ob das Vergehen so grave gewesen sei, daß eine solche Sühne eintreten mußte. Von Dienstgeheimnis könne hier keine Rede sein, da er ja dem hessischen Staatsminister nach der „Frkf. Ztg." Mitteilung gemacht und ihm die Artikel zur Verwendung anqeboten habe. Wenn man daher in Betracht ziehe, daß Schiller mit dem Staatsminister vorher konferiert habe und er müsse annehmen, daß es wahr sei, so sei das schnelle Vorgehen der Regierung nicht zu verstehen. Schuld und Sühne sei hier nicht mit dem richtigen Maß gemessen worden. Im Falle Dettweiler war die Negierung zu langsam und hier zu schroff vorgegangen. Redner schildert hierauf die Vorzüge Schillers als Schulmann und Pädagoge und stellt fest, daß der Weggang einen unersetzlichen Verlust für Hessen bedeute. Auch die lex Knorr wird noch hervorgeholt und breit getreten und eine Reihe pädagogischer Schäden vom Redner beleuchtet. Auf einzelne Mißstände will er erst bei der Budgetberatung zurückkommen. Auch in anderen Ländern bestehen die gleichen Mißstände, und Hessen brauche sich nicht zu schämen. Reformiere die Regierung aber jetzt gründlich, so werde sich dieselbe den Dank des ganzen Landes erwerben. — Die Abgg. Schmeel, Osann, Jöckel, Schmitt und Bähr betonen, daß es absolut zu verurteilen sei, wie der Oberschulrat Schiller aufgetreten sei, zu einer Zeit, wo man Ruhe erwartet habe. Warum sei Schiller nicht schon vor elf Jahren mit seinen Reformplänen hervorgetreten. Das feste Vorgehen der Regierung sei mit Freuden zu begrüßen denn das Verfahren, welches Schiller eingeschlagen, sei verwerflich und sei eine direkte Verletzung des Dienstgeheimnisses. Das dürfe sich eine starke Regierung nicht bieten lassen. — Abg. Schmitt ruft noch dem Staatsminister unter Anerkennung der Wahrung des richtigen Taktes und des Eintretens der Kammer mit Ausnahme der Sozialdemokraten zu „Landgraf werde hart". Ministerialrat Braun, Eisenhuth und Oberschulrat Nothnagel widerlegen Wort für Wort die dem Staatsminister in den Mund gelegten Aeußerungen über die Audienz Schillers. Damit ist die Interpellation um 9 Uhr abends beendet. Deutsches Reich. Berlin, 18. Juli. Dem Vernehmen nach hat der Kaiser die Absicht, neben seinem Gute (Sabinen eine weitere Gutsherrschaft in Westpreußen zu erwerben, nämlich das bei Schwetz gelegene Sarto Witz. Aus diesem Anlasse sollen bereits zwischen dem Besitzer dieses Gutes und dem Kaiserlichen Hofmarschallamt Verhandlungen schweben. Berlin, 18. Juli. Ueber die Thätigkeit unseres Kreuzers „Geier" und die ihm von einigen Blättern zugeteilte Rolle zur Erledigung des Streitfalles zwischen Deutschland und Guatemala" melden die „Berl. Neuest. Nachr.", daß der Kreuzer während der letzten Monate bereits mehrfach den Haupthafen von Guatemala, San Joss, angelaufen hat; so zuletzt während der ersten Tage dieses Monats. Die seitens der Regierung von Guatemala abgegebenen Versprechungen wegen Zahlung der berechtigten Geldansprüche an Reichsangehörige müssen vorderhand das Kommando des „Geier" befriedigt haben, denn das Schiff ist die westliche Küste der mittelamerikanischen Staaten nördlich entlang gedampft und in dem mexikanischen Hafen Akapulco zu Anker gegangen. Berlin, 18. Juli. Französische Auszeichnung eines Deutschen. Die französische Negierung hat einem deutschen Schiffsarzt das Kreuz der Ehrenlegion verliehen. Die näheren Umstände verleihen der Sache einen politischen Beigeschmack. Der Ausgezeichnete ist der gegenwärtig in Nordamerika angesiedelte deutsche Reichsbürger Max Breuer, ' der 1891 als Schiffsarzt der „Russia" vom Norddeutschen Lloyd auf hoher See mit Lebensgefahr an Bord der „Wild- flower" ging, um dem französischen Matrosen Clement einen brandig gewordenen Vorderarm zu amputieren. Als damals der Schiffsführer dem tapfern deutschen Arzt ein Honorar anbot, sagte Breuer: „Für Pflichterfüllung unter Lebensgefahr nimmt man bei uns kein Geld. Ich freue mich, einem Franzosen beigestanden zu haben." Die Beteiligten, schreibt der „Figaro", regten gleich die Auszeichnung Breuers an, allein acht Jahre lang hatten die Minister des Auswärtigen und die Präsidenten der Republik nicht den Mut zu dieser Höflichkeit, selbst als Delcassö vor einigen Monaten die Maßregel beschloß, mußte er gegen gewaltige Widerstände ankämpfen, welche die Feigheit gewisser Politiker ihm in den Weg legte. — Ein Gesetz über das Rechnungswesen im Reiche. In den nächsten Tagen werden, wie alljährlich um diese Zeit, die Zahlen des am 31. März beendeten Rechnungsjahres der Reichsfinanzwirtschaft veröffentlicht. Es darf bei dieser Gelegenheit wohl die Bitte um ein übersichtlicheres Rechnungswesen des Reichs wiederholt werden. Ein Gesetz darüber thut not, um den allgemein durchgeführten Brutto-Etat sicherzustellen, wie er in Preußen entworfen wird. Daneben könnte sich das Reichsschatzamt endlich das Verdienst erwerben und einen Netto-Etat zur Erläuterung beizugeben, wie er in Preußen ebenfalls seit Jahren schon beigegeben wird, damit die Oeffentlichkeit auch erfährt, wie viel das Reich überhaupt zu Lasten der Steuerzahler verbraucht. Nicht minder wichtig erscheint das Bedürfnis einer Reform der sinanzrechtlichen Beziehungen des Reiches zu den Einzelstaaten, die sogenannte Reichsfinanz- reform. Durch sein gesetzgeberisches Vorgehen von 1886 hat das Zentrum selbst eingeräumt, daß die Franckensteinsche Klausel zur Plage geworden ist, und selbst Hand angelegt, um dem Gegenteil der Klausel so nahe als möglich zu kommen. Aber dann sollte man auch auf die dichten Staubwolken verzichten, hinter denen einstweilen geschieht, was der klerikal-partikularistische Gesetzgeber von 1879 für alle Zeiten verhüten wollte. Wenn Ende der Woche die Rechnungs- ergebniffe veröffentlicht werden, wird sich wieder einmal zeigen, wie lästig jener Wolkenschleier ist, wie der (voraussichtliche) Ueberschuß von 80—90 Millionen hin- und hergezerrt wird, bis jeder Anteilsberechtigung entsprochen ist, wie die Vergangenheit dabei noch mit ihren Einflüssen nachwirkt, wie die Zukunft im voraus dadurch beeinflußt wird, kurz, welcher Widersinn bei uns im Reiche zur finanziellen wirtschaftlichen Ordnung erhoben ist. — Zur antisemitischen Bewegung. Der Reichstagsabgeordnete Liebermann von Sonnenberg schreibt in den „Deutschsozialen Blättern": „Es unterliegt keinem Zweifel, und es wäre thöricht, wenn man sich in unseren Parteikreisen darüber einer Selbsttäuschung hingeben wollte, daß die große nationale antisemitische Bewegung im Deutschen Reiche augenblicklich auf einem toten Punkte angekommen ist, der überwundenGverden muß." — Die überseeische Auswanderung hat wieder etwas zugenommen. Sie übersteigt im ersten Halbjahre 1899 mit 79 367 von Bremen und Hamburg beförderten Personen weitaus die betreffenden Zahlen für die Periode 1. Januar bis 30. Juni in den vier vorausgegangenen Jahren (1895: 54 151, 1896: 69 884, 1897: 39 684, 1898: 51 432). 1899 wanderten also im ersten halben Jahre gerade doppelt so viele Personen über Bremen und Hamburg aus wie 1897. Kiel, 17. Juli. Sieben junge Bauarbeiter, welche gestern eine Bootfahrt nach Holtenau unternahmen, brachten auf der Rückfahrt durch übermütiges Schaukeln das Boot zum Kentern. Drei von ihnen ertranken, die übrigen konnten durch herbeieilende Fischerboote gerettet werden. — Bayerische Landtagswahlen. Bei der Hauptwahl zur Zweiten Kammer erhielten am Montag von insgesamt 159 Mandaten das Zentrum 83, die Liberalen 45, die Konservativen 4, der Bauernbund mit seinen verschiedenen Schattierungen (südbayerische 6, unterfränkische 2, mittel- fränkische 5) zusammen 13, die Sozialdemokraten 11, die Demokraten 1 Mandat, außerdem wurden 2 Wilde gewählt. Nach einer Meldung aus Nürnberg haben die Freisinnigen sieben Mandate verloren und nur je eins in Ansbach, Bayreuth und Fürth behauptet. Danach scheint die Niederlage der Liberalen noch weit schlimmer zu sein, als die Nachrichten über die Wahlmännerwahlen befürchten ließen. Das Gesamtergebnis der Wahlen ist ein vollkommener Sieg des Zentrums, das sieben Stimmen über die absolute Mehrheit in der Kammer hat, und ein Vordringen der agrarischen Bestandteile in der liberalen Partei, das hauptsächlich auf Kosten der Freisinnigen geht — auch auf Kosten der Demokraten, die in Ansbach-Schwabach ihr einziges bisheriges Mandat verloren und nur in Würzburg mit Hilfe der Liberalen ein anderes gewonnen haben. Der eigentliche südbayerische Bauernbund hat zwei Mandate eingebüßt. — Personentarif- Reform in Süddeutschland. Die Finanzkommission der Kammer in Württemberg beschloß, der Kammer vorzuschlagen, das geplante Zusammengehen der süddeutschen Verwaltungen in der Personeutarif- Reform im wirtschaftlichen und sozialen Interesse zu begrüßen. Die Kommission erblickt in diesen Zielen einen weiteren Schritt zur Herbeiführung eines einheitlichen Personentarifs für ganz Deutschland. Ministerpräsident Dr. Freiherr von Mittnacht erklärte in der Kommission, es sei eine wesentliche Ermäßigung des Schnellzugszuschlags sowie im Nahverkehr ein Zweipfennigsatz für den Kilometer in Aussicht genommen. — Von der deutsch-französischen Grenze. Aus Deutsch-Avricourt wird der „Straßb. Post" geschrieben: Der Zuzug der Elsaß-Lothringer zu dem am 14. b. M. in Frankreich gefeierten Nationalfeste war bieses Mal ganz außergewöhnlich gering. Währenb früher Hunberte aus ben Grenzorten, sowie aus Saarburg unb aus bem Elsaß an biesem Tage hier burchkameu, um nach Nancy zu fahren, waren es heuer nur einige Dutzenb, welche bie Grenze passierten. Auch ein Zeichen ber Zeit, bas ber Beachtung wert ist. M.P C. Die Vorgänge bei ben Lanbtagswahlen in Bayern sinb bazu angethan, auf bie parlamentarische Lage in Preußen zurückzuwirken. Das Zusammengehen bes Centrums mit ben Sozialbemokraten hat bie Position ber- jenigen Parteigruppen in Preußen verstärkt, welche von ber vorgeschlagenen Veränberung bes Gemeinbewahlrechts besorgen zu müssen glauben, es werbe burch bieselbe bas Heft in einer Reihe von erstlichen Kommunen bem Centrum unb ber Sozialbemokratie in bie Hänbe gespielt werden. Speziell im Wupperthal z. B. wo eine Centrumsmehrheit nicht zu befürchten ist, war eine Stadt schon unter bem jetzigen Wahlgesetz in Gefahr, baß bie 3. Klasse ben Sozialbemokraten verfallen würbe. Es wirb befürchtet baß biefe Gefahr sich vergrößern werbe, wenn nach ben neuen Verfahren bie Zahl ber Wähler ber 3. Klaffe von 15 000 auf über 18 000 wachsen bürste. Jebenfalls werben bie Verhanb- htng im Abgeorbnetenhause über bie Gemeinbewahlreform heftige Kämpfe zeitigen. M.P.C Man schreibt uns aus London: In ber City, auf bereu Stimmung bie englischen Staatsmänner Rücksicht nehmen, erhält sich der Glaube, es werde möglich sein, über die Schwierigkeiten ber Transvaal-Krisis ohne Krieg Hinwegzukommen. Die englische Politik hat baburch, daß sie als eine zum Aeußersten entschlossene auftrat, in letzter Zeit wiederholt so eklatante Erfolge davon getragen, daß auch jetzt nicht daran gezweifelt zu werden braucht, sie werde zu einem unblutigen Ende führen. Als ein wenig teuer stellt sich ja das Verfahren heraus, der wirkliche Krieg könnte aber schließlich dem großbritannischen Reiche doch noch I teurer zu stehen kommen. Ausland. Budapest, 18. Juli. Die großen Magazine am hiesigen Westbahnhofe stehen in vollem Brand. Da viele Explosivwaren sich dort befinden, finden fortwährend Explosionen statt. Die gesamte Feuerwehr arbeitet vergeblich an der Löschung des Feuers; die umliegenden Häuser schweben in der größten Gefahr. Man befürchtet Menschenverluste. Paris, 18. Juli. In diplomatischen Kreisen verlautet, die holländische Regierung verhandle augenblicklich mit den Kabinetten von Paris, Berlin und Petersburg, um diese zu veranlassen, im Falle einer Kriegs-Erklärung Englands an Transvaal auf England wegen der Annahme der Einsetzung eines Schiedsgerichtes zur Lösung der streitigen Fragen einzuwirken. Soweit bisher verlautet, soll eine Einigung zwischen den vier Staaten bereits dahin erzielt worden sein, die Anwendung der Dum-Dum-Geschosse seitens Englands gegen bie Buren nicht zu bulben unb sofort einen internationalen Kongreß einzuberufen, um bie Verwenbung ähnlicher Geschosse zu untersagen. Belgrad, 18. Juli. Nunmehr wurden auch ber Geheim- Agent bes Prinzen Karageorgievic, namens Stakovics sowie ber bekannte Journalist Regnerovic verhaftet. Belgrad, 18. Juli. Die Untersuchung wegen bes Attentates erstreckt sich, wie der Belgrader Korrespondent der „Köln. Ztg." erfährt, auch auf alle mit dem Attentat nicht zusammenhängenden verdächtigen Verbindungen der Verhafteten. So wird jedermann eingezogen, von dem es sich herausstellt, daß er mit irgend einem Freunde der Karageorgewitsch oder mit dem bekanntlich in Cetinje weilenden radikalen Bauerntribunen Ranko Tajsitfch in letzter Zeit brieflich oder sonstwie verkehrte. Ueber die Untersuchung bringt nichts in bie Oeffentlichkeit, bie Blätter schweigen unb melden nicht einmal bie Verhaftungen, bie vorgenommen würben. Die Aufsehen erregenbe Verhaftung bes Vetters bes Fürsten von Montenegro, bes Wojwoben Blazo Petrowitsch Njegusch, erfolgte, weil er eine verbächtige Korrespondenz zwischen dem Petersburger Gesandten, General Gruitsch, und bem Exminister Wesnitsch vermittelte. Blazo Petrowitsch hat sich mit seinem fürstlichen Vetter vor Jahren überworfen unb mußte beshalb Montenegro verlassen. @r kam nach Serbien zur Zeit als General Gruitsch Minister- präsibent war, unb erhielt eine Unterstützung aus bem Dis- positionsfonbs, bie ihm Milan, weil er in ihm einen Gegner bes Fürsten Nikolaus erblickte, bebeutenb erhöhte. Ferner würben ein rabifaler Rechtsanwalt unb zwei Belgraber Ge- meinberäte, beibe ehemalige Fortschrittler, verhaftet. Madrid, 18. Juli. Der Ministerrat beschloß auf Antrag bes Finanzministers, ber mit seiner Demission brohte, ben Kampf im Parlament aufzunehmen, nachbem bie Opposition vorläufig nur bie Rentensteuer bewilligt hat. Der Hof reift morgen ab. Konstantinopel, 18. Juli. Aus bem süblichen Armenien wirb hierher berichtet, baß bort neuerbings Streitigkeiten entstauben sinb, unb zwar wegen ber Steuern, welche angeblich ungleich zwischen Kurben unb Armeniern verteilt seien. Males und Provinzielles. Gießen, ben 19. Juli 1899. • • Ordens-Verleihungen. Seine Königliche Hoheit ber Großherzog haben Allergnäbigst geruht, am 23. Juni bem Lehrer am Gymnasium unb an ber Realschule zn Offenbach, Philipp Vogt, aus Anlaß seiner Versetzung in ben Ruhestanb, bas Ritterkreuz 2. Klasse, — an bemselben Tage bem Schullehrer an ber Volksschule zu Mainz, Jakob Goertz, aus Anlaß seiner Versetzung in ben Ruhestanb, bas Silberne Kreuz bes Verbienstorbens Philipps bes Großmütigen, — am 28. Juni bem seitherigen Kommandanten der Festung Mainz, Generalmajor Volk, das Komturkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen zu verleihen. * * Ernannt wurden am 4. Juli l. I, die Vorarbeiter bei der Main-Neckar-Eisenbahn: Heinrich Behrmann, Ludwig Bi eg er, Peter Krenkel, Gottlieb Schneider, Peter Thomas, Heinrich Wolff, sämtlich zu Darmstadt, zu Monteuren bei ber Main-Neckar Eisenbahn. ♦ * Ausflug des Oberhessischen Geschichtsvereins. (Verspätet.) Letzten Samstag, ben 19. ds. unternahm ber Oberhessische Geschichtsverein seinen heurigen Sommerausflug, an bem etwa 40 Personen, Damen unb Herren, teilnahmen. Das Ziel bes Ausfluges war biesmal bie alte Reichsstabt Wetzlar. Im schattigen Garten bes Hotel Kessel begrüßten bie Wetzlarer Mitglieber bes Vereins, an ihrer Spitze die Herren Rektor L u e r s s e n und Gymnasialoberlehrer Dr. Hofmann die Gießener Gäste. In schwungvoller Rede entwarf der letztere ein kurzes, inhaltreiches Bild von der reichen historischen Vergangenheit Wetzlars und bereitete die Versammlung auf die Besichtigung der Sehenswürdigkeiten der Stadt vor, der bann die nächste Stunde gewidmet war. Im Rathause endete bann bie Wanberung. Hier bewill- kommte Herr Bürgermeister Moritz mit herzlichen Worten bie Mitglieber bes Oberhessischen Geschichtsvereins, benen sich inzwischen eine größerer Anzahl Wetzlarer Freunbe zugesellt hatte. Dann ergriff Herr Rektor Luerssen bas Wort unb erläuterte eine Anzahl für bie Geschichte Wetzlars be- beutsamer frühmittelalterlicher Urlauben. Die wichtigsten kaiserlichen Privilegien für bie alte Reichsstabt, etwa 40 an ber Zahl, waren in bem großen Saal bes Rathauses zur Schau gestellt. Nachbem der Vorsitzende des Vereins, Herr Professor Dr. Höhlbäum, dem Danke der Versammlung für die Begrüßung Ausdruck gegeben hatte, begab sich die Versammlung in den schattigen Garten des Wetzlarer Kasinos, um dort an reichbesetzter Tafel nach so bedeutenden geistigen Genüssen auch bem Magen zu seinem Rechte zu verhelfen. Ernste unb heitere Trinksprüche würzten bas Mahl. Dann kam der dritte Redner des Tages, Herr Privatdozent Dr. Collin aus Gießen, zum Wort. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte die Versammlung den geistvollen Ausführungen des Redners, der sich das dankbare Thema: „Göthe in Wetzlar" zum Vorwurf gewählt hatte. Erst in später Nachtstunde trennten sich die Teilnehmer des in jeder Hinsicht genußreich und befriedigend verlaufenen Ausflugs. *Z. Der gärtnerische Teil der Südaulage zwischen Plock- straße und Goethestraße hat in den letzten Monaten eine vollständige Umgestaltung erfahren, welche sich jetzt nach ihrer Fertigstellung als eine bedeutende Verschönerung des Straßenteils darstellt. Mag auch vielleicht mancher alte Gießener Bedauern darüber empfunden haben, daß wieder ein ihm lieb gewesenes Stück der alten „vier Schooren" damit gefallen ist, so wird er sicher doch bald mit der Neuerung sich befreunden und über die Schönheit des Geschaffenen seine ehrliche Freude empfinden. — Den ersten Anstoß zu den Arbeiten gab wohl der Platzmangel in der Umgebung des Wetterhäuschens, welcher sich namentlich bei den so beliebten und stark besuchten Mittwochs-Promenade- Konzerten fühlbar machte, und die Vergrößerung dieses Platzes wird nun der Kapelle wie dem Publikum in gleich angenehmer Weise zu statten kommen. Der Verbindungsweg von dem Wetterhäuschen nach der Plockstraße ist verbreitert, bezw. gerade gelegt und von dem Schoorgraben weiter abgerückt worden, und das „Tempelchen" hat seinen seitherigen anspruchsvollen Platz im Mittelpunkt mit einem bescheideneren weiter rückwärts nach der Plockstraße gelegenen vertauschen müssen; die neue muldenförmige Rasenfläche ist von schön gewundenen Spazierwegen durchbrochen und mit edlen, zum Teil blühenden Ziersträuchern und Bäumen in geschmackvoller Anordnung bepflanzt. Sie wird in harmonischster Weise von den alten Baumriesen nach Osten abgeschlossen. Die Leitung der städtischen Gärtnerei hat sich mit dieser Schöpfung ein neues Verdienst um unsere Stadt erworben, welche dadurch — vollends erst nach fertiggestelltem Ausbau der Plock- und Johannesstraße — um ein wirklich vornehmes Straßenbild bereichert wird. ** Vorbereitungen für den höheren Staatsdienst im Finanzfach. Durch Großh. Verordnung vom 17. Juli ds. Jahres sind die bestehenden Vorschriften über die Vorbereitung für den höheren Staatsdienst im Finanzfach, insbesondere die Verordnungen vom 30. Juni 1879 und 4. August 1888, soweit sie diesen Gegenstand betreffen, ferner die Verordnung vom 29. März 1899 aufgehoben und durch die über die Vorbereitung für den Staatsdienst im Justiz- und Verwaltungsdienst bestehenden Bestimmungen ersetzt worden. Die in § 1 der Verordnung vom 4. August 1888 genannten Stellen des Finanzfachs sollen jedoch bis auf weiteres mit solchen Anwärtern besetzt werden, die bereits die allgemeine Staatsprüfung im Finanzfach bestanden haben oder dieselbe bis zu einer von dem Ministerium der Finanzen festzusetzenden Frist bestehen werden. •’ Aus der Untersuchungshaft entlasten wurde gestern gegen Hinterlegung von 3000 Mk. der ehemalige Schlachthausverwalter Julius Möhl. ** Polizeibericht. In der Nacht vom 18. auf 19. d. M. zwischen 1 und 2 Uhr früh haben leider wieder einmal Corpsstudenten die öffentliche Ordnung gestört und die schuldige Achtung vor dem Gesetz hintangesetzt. Als den Herren in der Restauration zum „Perkeo" am Seltersweg von einer Schutzmann-Patrouille Feierabend geboten, wurden die Beamten von einem der Zechbrüder durch allerhand Redensarten belästigt und an dieselbe zuletzt die Frage gestellt, wie lange er noch sitzen bleiben dürfe, worauf ihm zum Ueberfluß in anständiger Weise auch ein Zeitpunkt (*/< Stunde) genannt wurde. Hiermit nicht zufrieden, lief der Student den Schutzleuten bis auf die Straße nach, schrie und skandalierte derartig, daß die Beamten genötigt waren, ihn zur Strafanzeige zu notieren und, weil er sich weigerte, sowohl seine Legitimationskarte vorzuzeigen als auch seinen Namen zu nennen, wurde er zur Wache verbracht, wogegen er sich anfangs ebenfalls sträubte. Während dieser Szene waren auch seine Komilitonen aus der Restauration auf die Straße gekommen, und ging nun der Skandal erst recht los, indem dieselben zur Wache folgten, die Beamten unterwegs teilweise angriffen und sich denselben in den Weg stellten, um den Arretierten dadurch zu befreien, wobei sie einen derartigen Höllenlärm verursachten, daß die Bewohner ganzer Straßen aus dem Schlafe geweckt wurden, und viele derselben sich am anderen Morgen nach der Ursache dieser außergewöhnlichen Ruhestörung erkundigten. Auf der Wache trieben die Bachanten ihre üblichen Allotria und weigerten sich zuletzt, das Wachtlokal zu verlassen, sodaß ihrer einige sich wegen Hausfriedensbruches zu verantworten haben werden. — Als gestern abend ein 13 Jahre altes Mädchen seinen Vater (einen Bahnbeamten) auf dem Bahnsteig der Oberhess. Eisenbahn erwartete, gesellte sich ein hiesiger Studierender zu dem Kinde, belästigte es in unschicklicher Weise, und stellte schließlich das Verlangen an dasselbe, mit ihm zu gehen, wodurch das Mädchen geängstigt wurde und weinend davon lief. 4- Ober-Lais bei Nidda, 17. Juli. Bei schönstem Wetter wurde gestern in Verbindung mit unserer Kirchweihe der hiesige neue Schulhausbau eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben. Um 3 Uhr bewegte sich ein hübscher Festzug unter Musik durch den geschmückten Ort nach den neuen Schulräumen, woselbst Herr Pfarrer Scheid die Festrede hielt, und weißgekleidete Kinder unter sinniger Widmung die Schlüssel Übergaben. Unter den zahlreichen Festteilnehmern bemerkten wir auch Vertreter der Kreisschul- und Baubehörde. — Heute nachmittag zog ein von Hagelschlag begleitetes schweres Gewitter über unsere Gegend, ohne jedoch nennenswerten Schaden anzurichten. T. Salzhausen» 18. Juli. Damit auch die tanzlustige Jugend zu ihrem Rechte gelangen kann, findet Samstag, den 29. Juli eine Reunion mit Tanz im hiesigen Kursaale statt, wozu zahlreiche Einladungen ergangen sind. H. Aus dem Horloffthale, 18. Juli. Gebrannte Kinder scheuen das Feuer! sagten vor acht Tagen einige Landwirte, die Hagelschaden erlitten, aus der Versicherung ausgeschieden waren, aber sogleich wieder eintreten wollten. Wir kommen diesen Sommer vielleicht noch einmal, meinte die Schadenabschätzungs-Kommission, denn es hagelt nicht selten zweimal in derselben Gegend. Der Ausspruch hat sich thatsächlich bewahrheitet, denn gestern gegen 6 Uhr abends stießen drei Gewitter, aus West, Nord und Südost kommend in unserer Gegend: Bisses, Echzell, Reichelsheim und Blofeld zusammen, wodurch ein heftiger Aufruhr in den Elementen: wolkenbruchartiger Regen und Hagelschlag verursacht wurde. Besonders interessant ist hierbei, daß der Hagel, der stellenweise so dicht lag, daß man ihn zusammenraffen konnte wie Schnee und worunter Körner von der Stärke eines Klickers waren, nach einer geraden Richtung zog und nur eine verhältnismäßig schmale Fläche traf. Der Schaden auf dieser Fläche erreicht aber auch die Höhe von 60 Prozent. Der Blitz schlug in Bäume, ohne diese schwer zu schädigen. W. Friedberg, 18. Juli. Die hiesige „Ev. Vereinigung" und die ganze evangelische Gemeinde dürfen mit Freude und Stolz auf das Landesfest des Hessischen „Evang. Bundes" am 16. Juli, welches in allen seinen Teilen gut und harmonisch verlaufen ist, zurückblicken. Ein 11/4ftiinbiger Gottesdienst mit sorgfältig gewählter und sachentsprechend gestalteter Liturgie (Prof. Schöler), einer mit reichem kirchen- geschichtlichem Material glücklich ausgestalteten lebendigen, packenden und erbaulich-warmen Predigt über Römer 11, 22 (Ernst und Freundlichkeit Gottes) von Pfarrer Reinhardt, einer von Herrn Gymnasiallehrer Müller tüchtig gespielten Fuge von R. Schumann und 2 schönen Choralgesängen des Seminaristenchors unter Herrn Schmidt's bewährter Leitung gaben dem Festtag die rechte Weihe. Um 8/45 wurde durch den Vorsitzenden (und zugleich Sekretär) des Hessischen „Evang. Bundes", Herrn Hofprediger Ehrhardt von Darmstadt, die General- oder Hauptversammlung im großen Saal der „Drei Schwerter" eröffnet, und nach einer warmen Begrüßung zunächst der Jahresbericht verlesen, an den sich eine Diskussion anschloß. In derselben wurde auch die seit kurzem durch die eifrigen Bemühungen einer „Prostestantin" ins Werk gesetzte Einführung von nicht weniger als 6 katholischen Pflegeschwestern in dem (fast ganz evangelischen) benachbarten Bad-Nauheim erwähnt, aktenmäßig genaue Mitteilung von kompetenter Seite darüber gegeben, und die Befürchtung, daß bei einer nicht blos für die Kurzeit, sondern etwa als dauernd beabsichtigten Ansiedelung dieser sechs Schwestern (bei 400—500 katholischen Einwohnern!) eine Störung des konfessionellen Friedens stattfinden müsse, unumwunden ausgesprochen. Hierauf erfolgte die Rechnungs - Ablage durch Herrn Rummel- Darmstadt, dem Decharge und Dank zu Teil wurde. Bezüglich der Bundes-Krankenpflege wurde beschlossen, noch ein und zum letzten Male mit dem Kuratorium des Diakonissenhauses „Elisabethenstift" in Darmstadt zu verhandeln und eine Vereinbarung zu erstreben. Ein vom Vorstand des Landesvereins vorgelegtes neues Statut, das u. a. die Einrichtung einer jährlichen Delegierten-Ver- sammlung vorsieht, wird auf Antrag von Dekan Meyer en bloc angenommen. Hierauf erstattete Direktor Weiffenbach ein mit lebhafter Zustimmung aufgenommenes Referat über den dermaligen Stand der Frage der religiösen Erziehung der Kinder in Hessen und legte eine entsprechende Resolution vor. Die sehr gut besuchte Abend-Versammlung unter dem Vorsitz von Direktor D. Weiffenbach verlief programmmäßig und war sehr anregend und interessant. Die beiden Ansprachen von Pfarrer Dr. Weitbrecht über die Jubiläums- Bulle Leos XIII (vom 11. Mai 1899), deren „Curial-Styl" er den „Luther-Styl" gegenüberstellte, und von Realgymnasial- Lehrer Waitz, der in anregender Weise über das Bildungs- Ideal des Ultramontanismus sprach, fanden reichen Beifall. Ebenso wurden die von dem persönlich erschienenen Ober- konsistorialpräsidenten Geh. Rat Buchner verlesene Begrüßungsansprache der obersten Kirchenbehörde, die längere Ansprache von Prälat D. Habicht Namens des „älteren Bruders des Bundes" des Gustav Adolf-Vereins, diejenige von Dekan Meyer im Namen des hiesigen evangelischen Kirchenvorstandes und der Kirchengcmeinde, sowie von Pfarrer Komtzler aus Zell in der Pfalz im Auftrag des Pfälzer Hauptvereins und des Komitees der Speyerer Protestationskirche, sowie das Schlußwort des Hospredigers Ehrhardt (Vorsitzender des Landesvereins) sehr beifällig ausgenommen. Einen Glanzpunkt des Abends bildeten die herrlichen Gesänge des Vereins „Liederkranz" und im besonderen der meisterhafte Vortrag der altniederländischen Volkslieder (wobei Verein und Dirigent, Solisten Mörschardt und Trapp, Text- Sprecher, Pfarrer Haacke und Begleiter, Gatzert, trefflich zusammen wirkten). Aus der Zett für die Zett. Vor 20 Jahren, am 20. Juli 1879, gelangte auf der Umschiffung der Nordküste Sibiriens der schwedische Polarforscher Nordenskjöld bis zur Beringstraße und bewerkstelligte somit die nordöstliche Durchfahrt. Auf dieser gefahrvollen Seereise saß der Dampfer „Vega" 10 Monate im Eise fest und es wurden mehrere Expeditionen ausgesandt, von denen die amerikanische, die „Jeanette", ein trauriges Schicksal hatte. Das Schiff sank und von der Besatzung reiteten sich nur wenige nach entsetzlichen Leiden. Temperatur der Lahn und Luft nach Reaumur gemessen am 19. Juli, zwischen 11 u. 12 Uhr mittags: Wasser 17°, Lust 18°. Rübsamen'sche Badeanstalt. Neueste Meldungen. Depeschen des Bureau „Herold". Berlin, 19. Juli. Wie aus Berchtesgaden gemeldetwird, hat sich die Kaiserin gestern bei einem Ausfluge in die Berge bei Bartholomae am Königssee eine Fußverstauchuug zugezogen. Elberfeld, 19. Jnli. Nach der gestrigen Stadtrats- Sitzung ist das Projekt einer Bereinigung Elberfelds und Barmens aussichtslos. Die endgiltige Beschlußfassung erfolgt nach dem Eingang des Vereinigungs-Entwurfes des Regierungspräsidenten. Wien, 19. Juli. Aus Belgrad wird berichtet: Den Verhafteten wurde gestattet, mit ihren Familien schriftlich zu verkehren. Die Voruntersuchung des Attentats ist beendet. Alle Verhafteten wurden dem Untersuchungsgefängnis des Landgerichts übergeben. Stojan Ribarac, der Führer der liberalen Opposition, hatte beim König Alexander und bei Milan Audienz. Budapest, 19. Juli. Peinliches Aufsehen erregt in militärischen Kreisen die Abweisung eines Baugesuches des Kommandos der Radetzki-Kaserne durch den Gemeinderat, weil das Gesuch in deutscher Sprache abgefaßt war. Brüfsel, 19. Juli. Der König der Belgier beabsichtigt, im Falle der Ergebnislosigkeit der Verhandlungen des Wahlreform - Ausschusses ein liberales Geschäftsministerium unter dem Vorsitz des Finanzmiuisters Baron Lambermont zu berufen, welches die Kammer auflösen und Neuwahlen ausschreiben soll. Antwerpen, 19. Juli. Die Vlamen organisieren eine große Petition an die englische Regierung, um gegen die Möglichkeit einer Kriegserklärung gegen ihre holländischen Brüder, die Buren von Transvaal, zu protestieren. Paris, 19. Juli. Es verlautet, der ehemalige Kriegsminister Billot werde bald erklären, er könne sein Ministerwort, daß Dreyfus verdientermaßen und regelrecht abgeurteilt worden sei, nicht mehr aufrecht erhalten. Bordeaux, 19. Juli. Die französische Regierung hat den Marquis Cerralbo, dem Vertreter Don Carlos in Frankreich mitgeteilt, daß er binnen 24 Stunden die französisch-spanische Grenze zu verlassen und fortan seinen Wohnsitz in einer Stadt Nord-Frankreichs zu nehmen habe. Falls er dieser Aufforderung nicht nachkomme, werde er sofort des Landes verwiesen. London, 19. Juli. Unter dem Vorsitz Salisburys sand gestern ein Kabinettsrat über die Transvaal-Angelegenheit statt. Wie verlautet, wurde dieser Kabinettsrat auf Anraten Chamberlains einberufen, um über den im Volks- raad angenommenen Vorschlag zu beschließen. Salisbury sprach sich energisch für die Wahrung des Friedens aus. Eine gütliche Beilegung des Konfliktes ist zuversichtlich zu erwarten. Salisbury reiste nach dem Kabinettsrat nach Windsor zum Besuch der Königin. London, 19. Juli. „Morning Post" meldet aus Samoa, daß neue Unruhen dort ausgebrochen seien, daß die Ruhe aber bald wieder hergestellt werden dürfte. Bukarest, 19. Juli. Die im Auslande verbreiteten Meldungen vom Ausbruch einer Sch Warzen-Pocken- Epidemie in Sinaia wird als unbegründet bezeichnet. Prätoria, 19. Juli. Der Volksraad nahm gestern mit 22 gegen 5 Stimmen den Antrag an, nach welchem allen Uitländern, die am Tage der Veröffentlichung des Gesetzes sich seit 7 Jahren in Transvaal aufhalten, das allgemeine Wahlrecht zugebilligt wird. Kelranntmachung. Donnerstag den 20. d. M., nachmittags 3 Uhr, sollen im Bieker'schen Saale — Neustadt — dahier: Hausgeräte aller Art, sowie ein Kafsenschrank, ein großer Posten Sckuhwaren, mehrere Warenschränke und mehrere Dutzend Filz- Hüte zwangsweise gegen Barzahlung ver- stelgert werden. L418 Seipel, Gerichtsvollzieher Neue Vollheringe wieder eingetroffen. 5423 Ti. Kalkhof. dinpfrlilumuii IM. WM ms. Freibank. 5403 Heute: Ochsenßeisch 40 Pfg. MeudrKachkttbskMnMk bei M. Simon, Asterweg 7. Prima neue Vollheringe Matjesheringe Maltakartoffeln frisch eingetroffen bei 5422 A. & G. Wallenfels, Markt 21____Telephon 46. KMau und SlheUWe srisch im Rebstock. 336 ä 10 Pfg. das Täfelchen für '/, Liter vorzüglicher Suppe, empfiehlt bestens 5030 Eberh. Dort, Wallthorstraße 45. Schotts Weinstube Bahnhofstrasse Ecke Wolkengasse Täglich 5407 frische Erdbeerbowle. Heute frische Schellfische, Kabliau, Zander, Schollen, Flutz« hechte, lebende Karpfen, Schleie, Forellen eingetroffen. _ 310 Prompter Versandt nack auswärts. I. M. 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