Nr. 192 Zweites Blatt Donnerstag den 17. August 1S99 Meßmer Anzeiger Heneral-Aiyeiger vierteljährlich 2 Mark 20 Pf«, monatlich 75 Pf« mit Brmgerlotzw. ^knoohrne lew Innigen zu Vt nachmittag» für tat zHgtnltH Teg erfcheinenden Nummer W tzorm. 10 Uhr. Ile Lnjeigcn-Bermittlung-stelen M In« uni ÄuiUeNk wehmen Anzeigen für len Gießener Anzeiger ewtyye« Bei Postbezug t Mark 50 Pf^ ^erieljährltch trftdwt täßNch mit »usnehme bei Montags. Die Gießener :piwrt !____> manöver. i r i N. /• Göttingen /• Kassel * i \ Butzbach VB Frankfurt !• Darmstadt zG Heidelberg /"• /Stuttgart • Straßburg __J Wir bringen nachstehend ein Uebersichtskärtchen über den Distanzritt der 13. Ulanen, über den wir bereits in einer einleitenden Betrachtung den Lesern Mitteilung machten. Im Laufe des 16. (Mittwoch), während diese Zeilen zum Druck gelangen, fährt das hannoversche Ulanen-Regiment in vier mit etwa 3 bis 4 stündigen Zwischenräumen einander folgenden Extrazügen nach Gießen und Butzbach, wo sich dann nach einem Rasttag die fünf Schwadronen vereinigen. Der letzte der vier Extrazüge trifft erst am Donnerstag Vormittag an seinem Bestimmungsort ein. Dem Vernehmen nach dürfte nördlich Frankfurt den Weitermarsch eine kleine Manöverübung einleiten. Als Beginn des Marsches ist der 18. August festgesetzt, das Endziel Straßburg soll am 31. August erreicht werden; sodaß einschließlich der Rasttage 14 Tage bis zur Ankunft jenseits des Rheines vergehen werden. Es handelt sich mithin, da eine Strecke von 250 Kilometer zu durchmessen ist, um zum Teil recht weite Märsche. Heidelberg, das genau auf halbem Wege liegt, dürfte am 24. August erreicht werden. Major von Heyden-Linden, der Führer des Regiments, äußerte sich am Tage vor der Abreise dahin, daß eine Leistung, wie sie in dem Begriff Distanzritt verstanden werde, keineswegs angestrebt werde. Die einzelnen Eskadrons würden meist getrennt die jeweiligen Marschquartiere erreichen, nur beispielsweise durch Frankfurt werde das Regiment geschloffen reiten; auch seien während des Marsches Hebungen irgend welcher Art nicht geplant. Die Entfernung von Hannover nach Straßburg komme nahezu der zwischen Berlin und Wien gleich, aber hier würde doch ein großer Teil des Wegs auf den Schienen zurückgelegt und der Rest in zweiwöchentlichen Märschen mit Einschluß der Rasttage, während damals der ganze Ritt in drei Tagen gemacht wurde einschließlich aller Ruhepausen. v. M. Deutsches Keich. Berlin, 15. August. Der Kaiser vollzog heute vormittag in Kassel die Nagelung und Weihe der dem Bataillon des Königin-Augusta-Garde-Regiments und dem 4. Magde- burgischen Infanterie-Regiment Nr. 67 sowie der Unter* offizierschule zu Potsdam verliehenen neuen Fahnen und nahm hierauf über die Garnison Kassel die Parade ab. Später empfing der Kaiser den Botschafter Freiherrn v. Marschall. Berlin, 15. August. Nach einer Meldung des „Lokal« Anzeiger" aus Kopenhagen sind zu den Jagden beim Grafen Thott, an denen auch Kaiser Wilhelm teilzunehmen beabsichtigt, die Könige von Schweden und Dänemark eingeladen worden. Berlin, 15. August. Das Staatsmini st erium trat heute nachmittag 3 Uhr in seinem Dienstgebäude unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe zu einer Sitzung zusammen. Die Minister sind, mit Ausnahme des Kultusministers Dr. Bosse, sämtlich nach Berlin zurück- gekehrt. Ein Berichterstatter will wissen, daß u. a. die Besetzung des Erzbistums Köln auf der Tagesordnung stand. Berlin, 15. August. Aus London ließ sich unlängst ein Berliner Blatt melden, der deutsche Dampfer „Reichstag", welcher für Transvaal bestimmt ist und u. a. 15000 Gewehre an Bord hat, sei in der Delagoa- Bai auf Befehl der portugiesischen Behörden angehalten worden, wogegen der deutsche Konsul vorläufig Einsprache erhoben und sich wegen weiterer Instruktionen nach Berlin gewandt habe. Wie die „Post" auf Erkundigung an unterrichteter Stelle erfährt, ist dort von einem solchen Vorgänge in der Delagoa-Bai nichts bekannt. Berlin, 15. August. Die Fraktionssitzung der nationalliberalen Partei des Abgeordnetenhauses begann heute früh 10 Uhr unter dem Vorsitz des Abgeordneten v. Eynern und war sehr stark besucht. Wie die „National-Zeitung" meldet, wies die Fraktion einmütig und mit größter Entschiedenheit jede Verquickung der Mittelland- Kanal-Vorlage mit der Kornnmnal-Wahlreforrn zurück. Beide Vorlagen seien durchaus getrennt und sachlich zu behandeln. Die nationalliberale Fraktion wird geschlossen für die Kanal- Vorlage eintreten. — Bei der jetzt dem vollständigen Abschluß sich nähernden Versetzung richterlicher Beamten in den Ruhe st and stoßen, wie die „Köln. Ztg." erfährt, einige Richter, die bereit wären, nach Maßgabe des nun feftgelegten Gesetzes ihr Amt aufzugeben, auf unerwartete, für die davon Betroffenen sehr unerfreuliche Schwierigkeiten. Es ist nämlich mehreren Amtsgerichtsräten, deren Beschäftigung gegenwärtig wie feit Jahren schon ausschließlich in der Bearbeitung von Strafsachen besteht, vornehmlich begehrten und altgewohnten Vorsitzenden von Schöffengerichten, die nachgesuchte Versetzung in den Ruhestand beanstandet worden, und zwar mit der Begründung, diese Strafrichter — hony soit, qui mal y pense — würden als solche von den mit dem 1. Januar Kraft erlangenden neuen Gesetzen und Bestimmungen wenig oder gar nicht berührt ; es fei auch nicht zu erwarten, daß sie in den nächstfolgenden Jahren zu einer anderen Geschäftsabteilung übertreten würden, geschweige denn gegen ihren Willen überzugehen sich gezwungen sehen würden, — mithin fehle es an genügenden inneren Gründen, in diesen Fällen ohne Nachweis der Dienstunfähigkeit lediglich im Hinblick auf den 1. Januar 1900 die Versetzung in den Ruhestand zu gewähren. Bekanntlich wird für jedes Amtsgericht alljährlich eine Verteilung der Geschäfte durch das Präsidium des Kammergerichts, zu dem es gehört, vorgenommen, wobei felbstver- ständlich die Wünsche des einzelnen Amtsrichters nach Mög« lichkeit berücksichtigt werden, soweit nicht besondere äußere oder innere Schwierigkeiten im Wege stehen. Die Beschäftigung mit Strafsachen pflegt im ganzen weniger gesucht zu fein, dies zum Teil auch wegen der, rein amtlich genommen, größern Anstrengung und Mitleidenschaft nach der Gefühlsseite. Gewöhnung und Hebung mögen nun auch hier ausgleichend wirken, oder auch gegen Hnannehmlich- Feuilleton. Anschluß verpaßt.*) Skizze von Otto Bruhnsen. „Hie guet Württemberg allerwege!" Froh kam's mir aus der Kehle, und meiner sonstigen Gemessenheit entgegen, faßte ich rasch und herzlich beide Hände des Sinnenden, der, mich alsbald erkennend, die Begrüßung des so unerwartet auftauchenden Freundes mit Lebhaftigkeit erwiderte. Auf Helgoland war es. Mein lieber Stuttgarter stand in Gedanken an der windumwehten Nordspitze, als ich, eine einsame Wanderung oben an den zerklüfteten Steilwänden beschließend, auf ihn zutrat. Wir hatten uns vor einigen Sommern auf Sylt kennen gelernt, waren damals als Duzfreunde auseinander gegangen, hatten zuerst gar fleißig miteinander korrespondiert, uns dann aber nach und nach aus den Augen verloren. Wie das bei Freundschaften ja eigentlich selbstverständlich ist, trotz des Amico pectus hosti frontem, dem immerdar nachzuleben wir uns zugeschworen hatten. Der Stuttgarter war bereits feit vierzehn Tagen an ber See, und solcher Aufenthalt hatte ihm gut gethan, wie leichtlich zu ersehen war. Von der Sonnenglut des Heumondes tief gebräunt, ■ftanb er vor mir. „Hub Du?" „Bin gestern von Hamburg eingetroffen. Es ist eigentlich erstaunlich, daß wir erst jetzt aufeinander stoßen." „Du wohnst unten?" fragte er. «Im „Prinz Heinrich", nickte ich. „Ich bin nur *) Nachdruck nur mit Erlaubnis des Verfassers gestattet. während kurzer Zeit nach oben gestiegen, um bei Jansen zu Abend zu essen." „Jansen?--ist mir ganz unbekannt. Da mußten wir uns ja verfehlen. — Du kennst doch meine Naturschwärmerei noch von früher her. Nun hatten wir hier gestern prachtvolles Abendglühen, das noch eine Stunde vor Mitternacht am Horizonte glomm. Ich konnte mich nicht losreißen von der balsamischen Nacht und dem unbeschreiblich herrlichen Leuchten und Funkeln der Sterne über Helgoland, das mich märchenhaft berührte. Meine anfängliche Absicht, drunten im Konversationshause noch einen Schoppen zu trinken, wurde dadurch vereitelt. Aber froh, unendlich froh stimmt es mich, daß wir uns in diesem Sommer nicht verfehlt haben, wie leider schon in so manchen anderen." Uni) mit herzlicher Zuthum.chkeit nahm er meinen Arm und pilgerte mit mir langsam an der Westküste entlang. Mit vielem Humor erzählte er dabei, wie er vor kurzem von seinem greifen Vater beauftragt worden fei, die unhaltbar gewordenen Verhältnisse seines jüngsten Bruders, der bereits im sechsten Jahre in Göttingen die Rechte studiere, einmal vom Fundament auf zu regeln. Bei solch heißem Bemühen sei er leider selbst in mancher Nacht illuminiert zu Bett gegangen. Die Sachen hätten doch übrigens nicht so desperat gelegen, wie viele der Kommilitonen aus echt landsmannschaftlichem Gefühl heraus sie daheim geschildert hätten. Um Michaelis wollte der tolle Junge ins Examen steigen und hoffentlich werde er noch mit Ehren bestehen. „Hm!" machte ich nachdenklich zu seinen letzten Worten . . . „Sag mal, wie sieht denn eigentlich besagter Thunichtgut aus? Hat er Ähnlichkeit mit Dir?" Der andere blickte erstaunt. „Nun, die Ähnlichkeit ist zurzeit nicht gerade frappierend. Immerhin ist eine solche vorhanden. Er hat blondes Haar, ich braunes. Seine Gesichtszüge sind schärfer geschnitten als meine. Er wird später einmal meine Statur erhalten. Ganz gleich sind bei uns nur die Augen. Doch wie kommst Du . . ." „Die braunen Augen," nickte ich, ihn mit seiner Frage nicht zu Ende kommen lassend. „Diese sind es aut) zunächst, welche mich zu diesem Verdacht führen . . ." „Zu welchem Verdacht?" fragte Eberhard Sachs, immer aufmerksamer werdend. Wir waren im langsamen Fürbaßschreiten am Ende des Falms angekommen; vor uns gähnte der Abgrund der großen Treppe. „Daß es Dein lebenslustiger Bruder war, der gestern auf der „Silvana", studentisch zechend, zwölf Flaschen Bier zum Frühstück trank." „Finden Sie das so erstaunlich?" fragte eine klangvolle Stimme ganz in unserer Nähe. Wir fuhren beide überrascht auf den Absätzen herum. Eberhard Sachs prallte außerdem zurück, als sähe er ein Gespenst. In einem weit offenstehenden Parterrefenster der Villa Anna lag die zur Korpulenz neigende Gestalt eines jungen Mannes, der im ganzen Aeußeren und Gehaben so unverkennbar einem deutschen Studenten glich, daß es des unter der Weste hervorlugenden dreifarbigen Burschenbandes nicht eigentlich bedurft hätte, um feine Bedeutung im sozialen Staate augenblicklich und mit Sicherheit festzustellen. „Emil — wo kommst Du her?" fragte mein Begleiter ganz entsetzt. „Von Hamburg," erklärte der Angerufene gleichmüttg, zunächst ganz ungeniert im Fenster liegen bleibend. „Alles, was honett ist, kommt von Hamburg. Bist Du über Bremen angelangt? Hebrigens . . . stelle ich mich . . . den Herren . . . ganz zur . . . Ver.. fügung." feiten wappnen, denen zarte Geister gar bald erlegen sein würden, — aber soviel erscheint unzweifelhaft, wenn diese gegenwärtig in ihren vorgerückten Jahren um den Eintritt in den Ruhestand sozusagen kämpfenden Richter von vorgerückten Lebens- und Dienstjahren vor Jahresfrist gewußt hätten, welche Schwierigkeiten ihnen als Vorsitzenden am Schöffengerichte oder überhaupt als Strafrichter daraus erwachsen, daß sie eben jetzt nichts anderes, als was im Geschäftsplane ihnen zugeteilt worden, treiben, sie würden wohl darauf bedacht gewesen sein, sich Heuer nicht in den Abteilungen für Strafsachen erwischen zu lassen, und lieber mit der Beschäftigung gewechselt haben. So aber ist ihr Schicksal noch immer ungewiß, so sehr man auch diesen im Dienst ergrauten Richtern die Wohlthaten des neuen Gesetzes, das ja überhaupt eine Verjüngung unseres Richterstandes anstrebt, und auf dem Boden allgemein wechselnder Beschäftigung nach Gattungen steht, eine alsbaldige Versetzung in den Ruhestand, gleich den vielen andern, von Herzen gönnen möchte. M.P.C. Die parlamentarische Lage ist heute noch ganz ungeklärt. Es wird durchaus nicht für ausgeschlossen betrachtet, daß die Kanalvorlage, wenn nicht schon im Abgeordnetenhause, dann im Herrenhause fällt, daß aber die Gemeindewahlrechtsreform angenommen wird und daß dann das Abgeordnetenhaus aufgelöst wird. In diesem Falle würde der Vizepräsident des Staatsministeriums, Finanzminister Dr. von Miquel seine Entlassung nehmen. In Kreisen, die ihm nahestehen, glaubt man, er habe nicht ohne Grund seinen Rückweg von Langenschwalbach über Frankfurt a. M. genommen. Dort besitzt Herr von Miquel eine schöne Privatwohnung. Er scheint es selbst nicht für ausgeschlossen zu halten, daß er dieselbe über kurz oder lang beziehen werde, um — hoffentlich noch viele Jahre über die Vergänglichkeit alles Irdischen Betrachtungen anzustellen. Schon vor Jahren sagte Herr von Miquel, er werde sofort aufhören Minister zu sein, wenn er das Gefühl habe, daß er nicht mehr über eine Mehrheit im Abgeordnetenhause verfügen dürfe. M.P.C. lieber den Zeitpunkt der Rückreise des Prinzen Heinrich aus Ostasien werden neuerdings allerhand einander widersprechense Lesarten verbreitet. Bis jetzt steht darüber noch gar nichts fest. — Am 6. September geht ein großer Ablösungstransport nach Kiautschou von Bremen ab. Mit dem betreffenden Lloyddampfer reisen auch die Frauen der deuschen Beamten nach Kiautschou, die dort voraussichtlich länger bleiben sollen. M.P.C. Der Direktor im Kultusministerium, Herr Alt hoff, ist, wie wir hören, soweit wieder hergestellt, um in Kürze seinen Dienst wieder in vollem Umfange übernehmen zu können. Herr Althoff litt lange an den Folgen einer Infektionskrankheit. Er mußte sich im Zusammenhang mit derselben auch einer Operation unterziehen. M.P.C. Aus London wird uns bestätigt, daß der im Herbst zu erwartende Besuch des deutschen Kaisers wahrscheinlich in Windsor Castle stattfinden werde. Die Verhältnisse in Schloß Balmoral hätten sich bei der letzten Anwesenheit des Kaisers von Rußland als unzulänglich herausgestellt, es sei schwer zu ermöglichen gewesen, dem Gefolge des hohen Besuches ausreichende Unterkunft zu gewähren. Ausland. Serbien. Wie die große Razzia auf die Radikalen anläßlich des Mordangriffs vom 6. Juli in Serbien betrieben worden ist, hat man zur Genüge zu lesen bekommen. Wie es in den Gefängnissen zugegangen ist, darüber erfährt man jetzt int „92. Wiener Tgbl." näheres von einem aus dem gleichen Anlaß in Belgrad verhafteten, dann freigegebenen und aus Serbien ausgewiesenen russischen Chemiker Dr. Josef Sadomski. Die Einzelheiten der 23 tägigen Haft, welche dieser Mann in Semlin dem russischen Geschäftsträger Manzurow zu Protokoll gegeben hat, sind ziemlich stark. Die Zellen seien enge, schmutzig und entbehrten der primitivsten Einrichtung; sie seien voll Unrat, verpestet und wimmelten von Ungeziefer. Die Häftlinge schlafen auf der der bloßen Erde, da sich in den Zellen nicht einmal Pritschen befinden. Die Gefangenen seien der Rohheit der Wächter preisgegeben, welche sie mit Stöcken und mit Sand gefüllten Säcken schlagen, um Geständnisse zu erpressen. Die Verpflegung der Gefangenen sei überaus mangelhaft; sie erhalten nur in unbestimmten Zeiträumen Brod, noch seltener Wasser. Die Speisen, welche die Gattin Sadomskis für ihren gefangenen Gatten übergab, wurden von den Wächtern verzehrt. Es entbehrt nicht eines humoristischen Beigeschmacks, daß bei der Freilassung dem Dr. Sadomski 9 Dinar für Beleuchtung angerechnet wurden, obwohl er die 23 Tage und Nächte feiner Haft in einer durch keinen Lichtstrahl erhellten Finsternis zubringen mußte. Der also Gequälte will als russischer Unterthan um Audienz beim Zaren einkommen, damit dieser die serbischen Greuel erfahre.__ Lokales und Provinzielles. Grebenhain, 13. August. Heute morgen ereignete sich hier ein bedauernswerter Unglücksfall. Jrn unbewachten Augenblicke fiel das jüngste Kind des Kaufmanns D. in eine Pfuhlgrube und ertrank. Z. Reichelsheim W., 14. August. Man klagt bekanntlich feit Jahren über Mangel an Arbeitern, insbesondere auf dem Lande zur Zeit der Ernte an Hilfsarbeitern. Das Klagen hilft aber nichts, es muß gehandelt werden und — die Not macht erfinderisch. In vielen Fällen sind die Mittel zur Abhilfe schon vorhanden, nur Vorurteile verhindern die Anwendung. Diesen Gang der Dinge findet man besonders häufig in der Landwirtschaft. Vor etwa 20 Jahren hörte man von Säemaschinen, man wandte sie aber nicht an. Da kamen die Zuckerfabriken in Friedberg und Stockheim, sie schrieben das Säen des Zuckerrübensamens mit der Maschine vor, die Bauern lernten die daraus entstehenden Vorteile kennen, und nun bricht sich das Säen mit der Maschine bei den Getreidearten immer mehr Bahn. Bei den Dreschmaschinen erging es ähnlich. Man drischt nur noch Roggen mit der Hand, um Seilstroh zu gewinnen. Gegen die Gras- und Getreidemähmaschinen sträubte man sich lange, wir haben jetzt deren fünf hier. Die Leute sind fast ausnahmslos entzückt von den trefflichen Leistungen dieser Maschinen. Sie arbeiten viel sauberer als die Menschen, heißt es, und in wenigen Tagen ist man fertig. Freilich fördert die Arbeit da, wo Feldbereinigung statt- gefunben hat und die Grundbesitzer ihre Aecker in wenigen Plänen beisammen haben, noch ungleich mehr, als in zerstreuter Lage. Welche Vorurteile mußten bekämpft werden und sind heute noch zu überwinden, bis eine Feldbereinigung zu stände kommt! Es steht auch richtig, daß durch eine Feldbereinigung die nützlichen Vögel Schaden leiden, daß eine Mähmaschine bei niedergedrücktem, durcheinanderliegendem Getreide nichts ausrichten kann und daß der Handdrusch im Winter den Leuten wochenlang einen guten Verdienst brächte. Aber man nehme einmal die Errungenschaften der letzten 20 Jahre fort, wohin kämen wir? Unser Ort zählt kaum 1000 Einwohner, wir haben jetzt 3 Dreschmaschinen, 5 Getreidemähmaschinen und 12 bis 15 Säemaschinen hier, doch niemand möchte sie missen. Solche Beispiele muß man anderen Gegenden zur Anfeuerung vorführen, sie können sich ein Beispiel daran nehmen. Die neuen Zeiten bringen neue Aufgaben, neue Schwierigkeiten, aber auch die Mittel zur Ueberwindung. *f Elektrische Straßenbahn. Der Aktien-Gesellschaft Elektrizitätswerke (vormals O. L. Kummer u. Co.) zu Niedersedlitz wurde auf die Dauer eines Jahres die Erlaubnis erteilt, Vermessungen und Vorarbeiten für eine elektrische Straßenbahn von Bad-Nauheim nach Friedberg vorzunehmen. D. T. A. Friedberg, 14. August. Der hiesige „Oberhess. Anz." schreibt: In verschiedenen Blättern taucht das Gerücht auf, der Kaiser von Deutschland und der Kaiser von Rußland kämen hier im Großh. Schlosse zusammen. Nach Erkundigungen, die wir einzogen, steht nur so viel fest, daß die jährlichen Neparaturarbeiten im Schlöffe etwas beschleunigt werden, da gelegentlich der Manöver Se. Königl. Hoheit der Großherzog wahrscheinlich einige Tage hier sein wird. Darmstadt, 15. August. Zu der von Mitte September bis Ende Oktober d. I. stattfindenden zweiten Ausstellung der „Freien Vereinigung Darmstädter Künstler“ sind Anmeldungen in so großer Zahl eingelaufen, daß die vorhandenen Räume des KunstgewerbegebäudeS zur Unterbringung der Kunstwerke nicht genügen. Die Vereinigung hat daher beschlossen, an der Westseite des Gebäudes für die Dauer der Ausstellung einen provisorischen Anbau Herstellen zu lassen. Das Projekt ist von den zuständigen Behörden genehmigt worden, und die Aufführung des Anbaues wird in allernächster Zeit beginnen. N. H. B. Vermischtes. * Straßburg, 11. August. Für die reichsländische Landwirtschaft ist dieses Jahr bisher ein recht gutes gewesen. Die Ernte ist schon zum größten Teil beendigt, und aus allen Teilen des Landes kommen recht befriedigende Nachrichten über ihr Ergebnis. Namentlich die Halmfrüchte, Roggen, Weizen, Gerste und Hafer, haben einen reichen Ertrag gegeben, und die Kartoffeln lassen einen solchen noch erhoffen. Das Wetter der letzten Wochen hat die Ernte aufs schönste begünstigt und den Landleuten ihre saure Arbeit erleichtert. Auch die für das Elsaß besonders charakteristischen Gewächse, Hopfen und Reben, eröffnen nicht schlechte Aussichten. Der Stand der Reben ist im allgemeinen ein guter, doch haben Regen und die kalten Nächte während der Blütezeit den Spätsorten großen Nachteil gebracht; die Frühsorten hatten bereits abgeblüht. Nach fachmännischem Urteil wird der Herbst daher verschieden ausfallen. In einigen Gegenden sind die Aussichten sehr befriedigend, in andern weniger günstig. Im Durchschnitt ist ein halber Herbst zu erwarten. Leider hat das Oidium ebenso wie im vorigen Jahre den Reben wieder vielen Schaden zugefügt. Man sucht diese böse Rebkrank- heit durch Spritzen und Schwefeln zu bekämpfen, doch ist sie auch bei vielen Reben, die gespritzt und geschwefelt worden sind, heftig aufgetreten. Die Winzer sind infolge dessen mutlos geworden und klagen, daß die modernen Mittel gegen die Rebkrankheiten von keinem Nutzen seien. — Für die Radfahrer wird es interessant sein, von einer Erfindung zu hören, die nach elsässischen Blättern ein Herr aus Zabern gemacht hat. Sie besteht darin, daß in den Luftschlauch ein zweiter Schlauch gezogen ist, der lose in ihm liegt. Die beiden Schläuche sind nun mit entsprechend konstruiertem Doppelventil ausgerüstet. Wird jetzt der äußere Luftschlauch durch Eindringeu von Glas ober Nägeln beschädigt, so wird der innere Schlauch durch Umstellung des Ventils aufgepumpt, und die Fortsetzung der Fahrt kann sofort erfolgen. Jedes Rad kann ohne große Umstände mit dem neuen Doppelschlauch ausgerüstet werden. Die Erfindung soll die angefteöte Probe bereits glänzend bestanden haben. „Köln. Ztg." * Der Kaiser und fein Pathenkind. Ein hübscher Zwischenfall wird ans Remscheid mitgeteilt: Dort wurde dem Kaiser beim Besuch der Thalsperre auch das dreijährige Söhnchen des Feilenhauers Kirschner aus dem benachbarten Neuberghausen vorgestellt, bei welchem der Kaiser einst Pathenstelle angenommen und seine Genehmigung zur Führung des Namens Friedrich Wilhelm erteilt hatte. Der kleine Knirps sollte seinem hohen Pathen einen prächtigen Blumenstrauß überreichen, hielt ihn aber so krampfhaft in den Händen fest, daß der Kaiser, der die Indem er so sprach, fuhr er in ein auf dem Stuhl liegendes Jacket, nahm auf dem Flur Mütze und Hakenstock vom Nagel, sagte seiner Wirtin in aller Eile, daß man unter allen Umständen stets um 6 Uhr morgens „purren" möge (das heißt wecken, wenn sie's denn noch nicht wisse) und stellte sich uns draußen mit einer eleganten Verbeugung vor. Ich nannte ihm meinen Namen. Sein Bruder fixierte den sicher Auftretenden während dieser Präliminarien mit einiger, sichtbar zum Ausdruck kommender Beklommenheit. „Woher ich das Geld zu dieser Spritztour genommen habe, möchtest Du um alles in der Welt gern wissen — ist's nicht so?" fragte der angehende Jurist trocken. Der Angeredete nickte ihm Antwort zu. „Sollst es wissen, Brüderchen. Geheimnisthuerei ist nicht mein Fall. Ich wandte mich ganz einfach schon vor längerer Zeit an Onkel Albert in Bradford. Du weißt, der ist noch nie knickerig gewesen. Richtig flog da in der verflossenen Woche eine Anweisung über 10 Pfd. Sterling auf meine Bude, allerdings von der zarten Andeutung umhüllt, daß ich, da es die letzten Subsidien seien, die aus Onkels Tasche flössen, im Interesse meines guten Fortkommens das Examen unter allen Umständen bestehen müsse." „Wonach zu richten," warf hier der Bruder ernsten Tones ein. „Gewiß," pflichtete ihm Emil bei. „Aber nun stecke einmal die hohe Miene in die Tasche und hilf mir, den Mammon hier unter die Leute bringen." „Junge. Das kriegst Du doch ganz allein fertig," scherzte Freund Eberhard, der zu meiner Dankverpflichtung endlich gute Miene zum bösen Spiel machte. „Namentlich wenn Du so aus dem Vollen wirtschaftest." Der letzte Ausspruch bezog sich auf einen Einkauf, den Emil mittlerweile im Handumdrehen gemacht hatte. Er war in einen Laden der Kaiserstraße getreten und hatte eine geteerte oder geölte Kopfbedeckung, so man Südwester nennt, verlangt und nach Erlegung schmählichen Geldes auch erhalten. „Was willst Du eigentlich mit dem Ding da anfangen?" konnte sich der Bruder nicht enthalten, mit leise durchklingender Ueberlegenheit zu fragen. „Dem Onkel Albert schicken, — soll sich unter diesem ulkigen Regendach in Brighton photographieren lassen, sobald ihn sein Spleen dorthin treibt.“ „Du wärst im stände, ihm diesen Vorschlag zu machen?" „Verlaß Dich darauf. Und ich will Pimp heißen, wenn er ihn nicht acceptiert. Ach, Bruder! —--das Geld ist doch recht eigentlich der Uhrzeiger an dem Zifferblatt unseres Wertes." „Das stimmt — wenn Du Helgoland verläßt, wird Dir der Uhrzeiger schon beibringen, daß Du fast nichts mehr wert bist," spottete mein Freund gutmütig. „Teufel — da hast Du wieder Recht," gab Emil kleinlaut zu. Diese Niederlage hielt ihn indes nicht ab, im Verlaufe des nun im Unterlande beginnenden Spazierganges mancherlei luftige Streiche auszuführen. Einem ihm an der Landungsbrücke dienstwillig nahenden Schiffer legte er, noch ehe der Mann mit den unbewegten Gesichtszügen sein Angebot anbringen konnte, die aus seinem Munde verblüffend wirkende Frage vor: „Soll ich Sie nu mal ’n bischen um die Insel fahren?" lieber das verlegene Gesicht des Helgoländers wollte sich der Fragesteller, der sich luftig ein um das andere Mal auf die Kniee klopfte, schier totlachen. Alles um ihn herum lachte mit. Wie ein Wirbelwind mit schiefgerückter Mütze zog er uns voran. In der Lübeckerstraße kaufte er für seinen Leibfuchs ein paar der leckeren Schalentiere, die im Binnenlande etwas so rares sind. „Mensch, die werden doch verdorben in Göttingen ankommen," gab ihm sein Bruder zu bedenken. „Nach so langem Aufenthalte auf Helgoland solltest Du doch etwas besser beschlagen sein," lautete die in mitleidigem Tone gegebene Antwort. „Wisse, frische Hummer halten sich immerhin drei bis vier Tage." Beim Fr. Dischinger aus Bayern stießen wir auf ein Häuflein biederer Sachsen, mit denen sich unser Emil, dieweil er ihrer treuherzigen Einladung zu einem Wurstpicknick am Fuße des Schornsteins bereitwillig entsprochen hatte, schon auf dem Hamburger Dampfer angefreundet hatte. Großes Halloh! Sie nahmen ihn sogleich in ihre Mitte. Schwere Tropfen fielen, ein Gewitter zog aus Nordosten herauf. Der Student spannte das ihm zunächst liegende Gloria- Regendach eines der Sachsen auf. „Mer werd'n Widder feicht," sagte er nach einem vorwurfsvollen Blick gen Himmel mit unnachahmlichem Tonfall, der die Lachlust auch derjenigen entfeffelte, deren Idiom hier verspottet wurde. Hei, wie die Krüge mit dem schäumenden Naß zusammenfuhren ! Ueberall dort, wo der Humorist an diesem und an den nächsten Tagen auftauchte, gab's fröhliche Gesichter und unaufhörliches herzliches Lachen. (Schluß folgt.) duftende Blumenspende mit sanfter Gewalt aus den Fingern seines Pathenkindes loslösen mußt hell auflachte und sagte: „Ja, ja, was der Deutsche einmal hat, das hält er auch fest." Der Monarch unterhielt sich darauf mit dem Kleinen und seinem Vater längere Zeit und fragte letzteren, ob wohl auch der achte Junge zu erwarten sei. Als ihm hierauf von dem glücklichen Vater eine ganz entschieden bejahende Antwort zu Teil wurde mit dem Bemerken, daß das kaiserliche Pathenkind einmal der Marine beitreten solle, meinte der Kaiser, daß ihn das herzlich freue, und wenn es einmal so weit sei, möge er sich ruhig an seinen Kaiser wenden. Zum Abschied reichte der Herrscher Vater und Sohn die Hand und übergab dem Kleinen ein Geldgeschenk von 50 Mark als Grundstock für ein Sparkassenbuch. * Generalversammlung des Deutschen und Oesterreichischen Alpen-Vereins in Passau. Am 11. August vormittags versammelten sich die Festteilnehmer im Ratskeller am Fischmarktplatz an der Donau, um von dort einen Ausflug durch das romantische Thal der schwarzen Jlz zu unternehmen. Der Ausflug verlief aufs schönste. Um 11 Uhr hielt der Zentralausschuß eine Vorbesprechung im Ratskeller ab. Am Abend fand ein Kellerfest auf dem herrlich gelegenen Jnn- stadtbrauereikeller statt, das unter kolossalem Andrang einen prächtigen Verlauf nahm. In der Generalversammlung am 12. August, der als Ehrengäste anwohnten Regierungsrat v. Artin als Vertreter der Negierung von Niederbayern, Bürgermeister Muggenthaler von Passau, der Vorstand des niederösterreichischen Alpenvereins, Gerber, und der Vorstand des österreichischen Touristenklubs, Dr. Klotzberg, wurde die 14 Punkte umfassende Tagesordnung unter Anwesenheit von 163 Sektionen mit 2943 Stimmen und lebhafter Beteiligung an der Diskussion erfolgreich erledigt. Nach dem Jahresbericht ist die Zahl der Unterkunftshütten auf 191 gestiegen. Ein meteorologischer Turm auf der Zugspitze ist fast vollendet und ein Alpiner Pflanzengarten für botanische Versuche mit Alpenpflanzen bei der Bremerhütte im Geschnitz- thal vorgesehen. Die Zeitschrift für 1899 wird das erste Blatt einer Karte der Ferwallgruppe enthalten. Der Zentralausschuß wird ermächtigt, versuchsweise eine Kommission von fünf Mitgliedern für Führer-Angelegenheiten einzusetzen. Bei der Ersatzwahl in den wissenschaftlichen Beirat wird Herr Professor Th. Fischer (Marburg) und in den Weg- und Hüttenbauausschuß Herr Geheimerat Sydow (Berlin) und Direktor A. von Schmid (Graz) gewählt. Für das Jahr 1900 sind einschließlich 10,337 Mk. aus dem Vorjahre 300,200 Mk. in Einnahmen und ebensoviel in Ausgabe vorgesehen, darunter 165,500 Mk. für die Vereins - Publikationen und 66,000 Mk. für Weg- und Hüttenbauten. Für die Unkosten des Atlas der Alpenflora werden aus der Erübrigung des Jahres 1898 10,000 Mk. und ein entsprechender Betrag für 1899 angewiesen. Die neuen Satzungen der Führerkasse gelangen nach dem Anträge des Zentralausschusses einstimmig zur Annahme. Schließlich erfolgt die Wahl von Straßburg i. Els. als Ort der nächstjährigen Generalversammlung. Für die folgenden Jahre haben sich bereits Innsbruck, Meran, Teplitz, Wiesbaden, Chemnitz und Waidhofen a. Mbs gemeldet. — Nach der Generalversammlung wurden vom Zentralausschuß an den Prinzregenten, den deutschen Kaiser und Kaiser Franz Josef Huldigungsdepeschen abgesandt. Beim nachmittägigen Festmahl brachte in der Reihe der Trinksprüche der erste Präsident des Alpenvereins, Ministerialrat Burkhard, den Toast auf den Regenten, zweiter Vorsitzender, Universitätsprofessor Oberhummer, den auf die beiden Kaiser aus. Die Wasserfahrt auf der Donau nach Obernzell gewährte einen Blick auf landschaftlich herrliche Partien. Die Stadt- und Höhenbeleuchtung sowie das Bombardement zwischen Passau und Oberhaus bot ein überwältigendes und in der Welt wohl nirgends wieder zu sehendes Schauspiel. D. T. A. * Der Rieseneisbrecher „Jermak", der von Norwegen aus einen Vorstoß in die spitzbergischen Meeresteile machte und dann zum Karischen Meer gehen sollte, ist bekanntlich von Spitzbergen nach Newcastle gegangen, um die im Polareise erlittenen Beschädigungen ausbessern zu lassen. Diese Beschädigungen sind dem „Fränk. Kurier" zufolge ganz beträchtlich, während die englischen Blätter seinerzeit berichteten, der Rieseneisbrecher, der in England gebaut worden, wäre nur ganz unwesentlich beschädigt. Er hatte aber bei seiner Ankunft in Newcastle 10 Fuß Wasser im Vorderteil. Ein Blatt der Vorderschraube (der „Jermak" hatte nach amerikanischer Art vorn und hinten Schrauben) war abgebrochen und die Achse sehr verbogen. An der Außenwand müssen drei neue Platten eingesetzt und zwölf von neuem genagelt werden. Einen besonders deutlichen Begriff von dem Schaden, den das Vorderschiff erlitten, . erhält man aber, wenn man hört, daß an jeder Seite 15 neue Spanten eingesetzt werden müssen. * Für die Pariser Welt-Ausstellung ist ein Wunderwerk der Miniaturschreibkunst bestimmt, das angesichts des Drey- fusprozesses aktuelles Interesse hat. Der Kalligraph M. Sopher in Berlin hat es fertig bekommen, Zola's berühmten „J'accuse"-Artikel, mit dem dieser den Feldzug für Dreyfus rinleitete, vollständig auf einer gewöhnlichen deutschen Reichs- Postkarte abzuschreiben. Das merkwürdigste ist, daß die Schrift ohne Vergrößerungsglas mit freiem Auge lesbar erscheint. Die Fertigstellung hat mehrere Wochen in Anspruch genommen, da die Arbeit wiederholt mißlang und immer von neuem in Angriff genommen werden mußte. * Ein egyptischer Prinz als preußischer Gefreiter. Seit dem 16. April er. ist der jüngste Sohn des Vizekönigs von Egypten, der Prinz Fazyl Osman, beim 1. Bataillon des dritten Garde-Grenadier-Regiments (Königin Elisabeth) in Berlin als Avantageur eingestellt. Der etwas schwächlich gebaute Prinz, der im 19. Lebensjahre steht, bewohnt eine Stube in der Westend-Kaserne, wo das Regiment liegt, und macht seit seiner Einstellung beim Regiment den Dienst wie jeder andere Grenadier mit, er trug bei dem Exerzieren auf dem Tempelhofer Felde das Gepäck wie jeder andere Soldat. Von den Offizieren und Mannschaften wird er einfach „Prinz" angeredet. Der deutschen Sprache ist er vollkommen mächtig. Nun ist der Prinz zum Gefreiten be- ördert worden und hat eine Korporalschaft erhalten. Diese resteht aus durchweg großen Leuten, die den Prinzen an Körperlänge und -Umfang überragen. ♦ Ein Lehrbuch für die Zuschneidekunst, für den Selbstunterricht verfaßt, ist im Verlag der Deutschen Bekleidungs- Akademie München, M. Müller & Sohn, soeben erschienen. Mit der Herausgabe dieses Werkes hat die Deutsche Bekleidungs-Akademie München, an der schon Tausende von Fachleuten ihre Ausbildung als Schneidermeister oder Zuschneider fanden, dem ganzen Gewerbe einen großen Dienst erwiesen. Die vielen Konstruktions-Zeichnungen, sowie die auf photographischem Wege hergestellten Bilder, welche verschiedene Körperformen zur Anschauung bringen und somit die Anleitung zu deren Bekleidung bilden, sind für den Kleidermacher ein großer Behelf zur Ausübung seines Gewerbes. Die Darstellung der Sportskleider, Uniformen, kirchlichen Gewänder, Knaben-Garderobe und Damenkleider in Wort und Bild machen dies Werk zum Lexikon des Kleidermachers. Der Preis des vollständigen gebundenen Werkes beträgt 15 Mk. * Die Anfertigung der Medaillen für die Pariser Weltausstellung 1900 ist, wie man aus Paris schreibt, den Künstlern Chaplain und Roty übertragen worden. Chaplain soll die Medaillen, welche als Anerkennung und Belohnung verliehen werden, gravieren, während Roty die Erinnerungs-Medaille schlagen wird. In einigen Wochen gedenken sie, Herrn Picard, dem Generalkommissär der Ausstellung, sowie dem Direktor der schönen Künste, Roujon, ihre Entwürfe vorzulegen. Augenblicklich ist man ferner eifrigst mit der Zusammenstellung des Weltausstellungs- Katalogs beschäftigt. Er soll 19 Bände enthalten. * Beethoven's letzte Wohnungen in Wien. In einem Artikel der Neuen Freien Presse: „Beethovens Wohnungen in Wien" schreibt Dr. Th. v. Frirnrncl u. A.: „Nicht vollkommen klar ist eiu Intermezzo, während dessen der Meister „am Jose phstädter Glacis" gewohnt haben soll. Danach hatte er seine Wohnung wieder auf der Landstraße, diesmal in Nr. 244, das ist im großen Hause der Augustiner. Dann 1822 und 1823 kam die Kothgasse an die Reihe, die ihren bis heute charakteristischen Namen gegen die Benennung Gumpendorferstraße eingetauscht hat. Will man dem Anton Ziegler'schen Adreßbuche Glauben schenken, so wohnte Beethoven zur angegebenen Zeit in Nr. 60 der Kothgasse. Bei anderen steht anderes. Das Haus Nr. 60 war eigentlich in der Pfarrgasse gelegen, dürfte aber einige Fenster mit dem Blicke nach der Kothgasse zu besessen haben. Hierauf hätte Beethoven in einem der Häuser an den Ecken der Ungargasse und Bockgasse gewohnt. Die Bockgasse ist seither zur Beatrixgasse veredelt worden. Genaue Angaben über diesen Wohnsitz des unruhigen Künstlers waren bisher nicht zu ermitteln. Dagegen ist es durch allerlei zerstreute Nachrichten, die sich ungezwungen haben vereinigen lassen, klar geworden, daß Beethoven im Jahre 1824 einige Monate in jenem Hause gewohnt hat, das noch jetzt als Nr. 1 der Johannesgasse an der Ecke der Kärntnerstraße zu sehen ist. Damals gehörte es, wie Schimmer's Häuserchronik und andere Quellen ausweisen, der Familie Kletschka. Hausnummer war 969. Ein Brief Beethoven's bezieht sich auf das Hereinkommen von der Landstraße in diese Wohnung, welche der stocktaube, grobkörnige, durch Enttäuschungen und endloses Ungemach tief verstimmte Meister für sich, seine Haushälterin und seinen Neffen Karl gesucht hatte. Herr Dr. Iurie v. Lavandal in Wien, mit der Familie Kletschka verwandt, teilte mir vor Jahren freundlichst eine Ueberlieferung mit, die von Beethoven's Aufenthalt in jener Wohnung Kunkw gibt. Iuries Urgroßmutter war die Vermieterin. Ihre Tochter Nanette Kletschka (später Gemahlin des Hof-Antiquars Riegl) erzählte späterhin oft, daß sie sich lebhaft an die auffallenden Mieter der Wohnung in der Johannesgasse erinnere, so kurz sie auch im Hause geblieben waren. Beethoven, so berichtete Frau Kletschka-Niegl, behandelte nicht nur den Neffen, sondern auch die Haushälterin geradewegs roh. Es gab lärmende, auffällige ©eenen. Auch die Benützung des Klaviers war mehr geräuschvoll als angenehm, denn der taube Beethoven soll hie und da übermenschlich hineingedroschen haben. Die anderen Hausbewohner beschwerten sich, und nun riß der Hausbesitzerin die Geduld. Sie rief ihre Tochter herbei und befahl ihr: „Nanette, jetzt gehst d' hinauf und sagst V dem Narren auf!" (d. h. „kündigst ihm." D. N.) Nach der mißglückten Campagne in der Johannesgasse dürfte Beethoven mit seinen wenigen Habseligkeiten in die benachbarte Krugerstraße gezogen sein. Wie es scheint, ist es die heutige Nr. 13 in der genannten Straße, die für kurze Zeit dem berühmten Manne Obdach geboten hat. Ein Zeitgenosse Beethovens unterrichtet uns davon, daß die Wohnung in der Krugerstraße dürftig eingerichtet und unbehaglich war. Ungefähr ebenso hört man es von allen Wohnungen Beethovens. Sie waren ihm stets nur Mittel zum Zweck, und dieser Zweck hieß: künstlerisch schaffen. Aller äußerliche Tand war ihm lästig und hätte ihn gewiß beim Eintritt i'ns innerste Heiligtum seiner Kunst beirrt. Einfach und schlicht war auch seine Wohnung im Schwarzspanierhause, die er im Herbst 1825 bezog. Doch war dieses Heim wenigstens hell und freundlich, ziemlich geräumig, wie sehr auch die Ausstattung zu wünschen übrig ließ. Als Beethoven auch diese Wohnung aufgeben mußte, war es für die Ewigkeit. Man weiß es: der Meister ist vom Schwarzspanierhause nicht mehr lebend hinausgekommen. Dort ist er am 26. März 1827 verschieden." * Elektrizitätswerke in Deutschland. Die kürzlich von der „Elektrotechnischen Zeitschrift" veröffentlichte Statistik der Elektrizitätswerke in Deutschland nach dem Stande vom 1. März d. I. konstatiert einen Fortschritt auf dem Gebiete des Centralenbaues in dem Berichtsjahre, der den der früheren Jahre noch um ein Erhebliches übertrifft, und zwar sowohl hiirsichtlich der Errichtung neuer Werke, wie bezüglich des weiteren Ausbaues der bereits vorhandenen. Neu in Betrieb gekommen sind im vergangenen Jahre 114 Werke, so daß am 1. März 1899 im Deutschen Reich 489 Elektrizitätswerke vorhanden waren gegenüber 375 im Vorjahre. Von den in der Statistik als noch im Bau begriffen angeführten 123 Werken sind inzwischen weitere 15 Werke in Betrieb gekommen, so daß sich die Zahl der gegenwärtig im Betrieb befindlichen Werke auf 594 beläuft. Hiervon sind 486 Werke im Laufe des letzten Jahrzehnts, die übrigen 16 vor Ende des Jahres 1888 errichtet worden. Gegenüber diesem rapiden Fortschritte im Baue elektrischer Centralen hat ein Vergleich mit der Entwickelung der Gascentralen ein besonderesJnteresse. Die Geschichte der Gasanstalten in Deutschland blickt auf einen Zeitraum von ungefähr 75 Jahren, diejenige der elektrischen Centralen auf einen solchen von etwa 15 Jahren zurück. In dem langen Zeitraum von drei Viertel Jahr- junderten sind 816 Gascentralen errichtet worden gegenüber 504 Elektrizitätswerken in anderthalb Jahrzehnten. Von Ende 1895 bis Ende 1898 betrug die Zunahme der Zahl der Gaswerke 62, die der Elektrizitätswerke 261. Der Gleichstrom wird in 80,6 % aller Werke, 394, angewendet, von denen 361 mit und 33 ohne Akkumulatoren arbeiten. Je 33 Werke haben Wechsel- und Drehstrom, 2 monocyklische Generatoren, 27 gemischte Systeme. Die Leistungsfähigkeit der Drehstromwerke hat sich auf mehr als das Doppelte gegenüber dem Vorjahre erhöht. Als Betriebskraft nimmt auch jetzt wieder der Dampf die erste Stelle ein, der bei 290 Werken zur Anwendung kommt. Wasser-Betriebskraft haben 55 Werke, Gas 21, Druckluft, Elektromotor und Drestrom-Gleichstrom-Umformer je 1, ge- mifchtesSystem 117, davon 103 Wasser und Dampf. Wenn man von dem großen Rheinfeldener Werke mit 12,000 Kilowatt Leistung absieht, so ist, wenn sich auch die Zahl der mit Wasser betriebenen Werke um ein Geringes vermehrt hat, die Maschinenleistung gegenüber dem Vorjahre erheblich herabgegangen. Wiederum haben verschiedene Wasser-Werke, da sie den Anforderungen nicht mehr genügen konnten, eine andere Vetriebskraft zu Hilfe genommen. Der Gesamtleistung nach besitzen immer noch nahezu die Hälfte aller Werke weniger als 100 Kilowatt Gesamtkapazität. 184 haben eine solche von 101 bis 500, .20 von 501 bis 1000, 23 von 1001 bis 2000, 13 von 2001 bis 5000 und 4 von 5001 bis 12,000 Kilowatt. Das größte Elektrizitätswerk Deutschlands sind gegenwärtig die Kraftübertragungswerke Rheinfelden mit 12,000 Kilowatt; dann kommt die Centrale Zollvereinsniederlage in Hamburg mit 7033, Centrale Spandauerstraße Berlin mit 6708, Centralen Mauerstraße und Schiffsbauerdamm Berlin mit 5486 und 4828, Frankfurt a. M. mit 4152, Straßburg i. E. mit 3820, Dresden Lichtwerk mit 3580, Centrale Poststraße Hamburg mit 3150, Oberspree Berlin mit 3000 Kilowatt u. s. w. Die Zahl der im ganzen angeschlossenen Glühlampen stellte sich im letzten Jahre auf 1,940,744 (Vorjahr 1,429,901), der Bogenlampen auf 41,172 (32,586), Elektromotoren auf 68,629 (35,867) Pferdestärken. Der Gesamtanschluß- ivert, auf Glühlampen reduziert, stellt sich auf 3,587,23 Normallampen. Universitäts-Nachrichten. — Karl v. Weizsäcker. Aus Tübingen, 13. August wird der „Frks. Ztg." geschrieben: Wie bereits telegraphisch mitgeteilt, ist in der Nacht von Samstag aus Sonntag der Kanzler der Tübinger Hochschule und Professor der Theologie Geheimer Rat Dr. Karl v. Weizsäcker nach längerem Leiden gestorben. In dem 77jährigen Kanzler verliert unsere Universität nicht nur ihren Nestor und thrm obersten, dem jeweiligen Rektor koordinierten Verwaltungsbeamten, sondern auch einen ihrer bedeutendsten und zweifellos den populärsten ihrer Lehrer. Mit herzlichster Anteilnahme verfolgte man deshalb weit über die Kreise der Hochschule hinaus in der Stadt und im ganzen Lande den Verlauf der Krankheit, die den greisen Herrn seit einigen Monaten befallen hatte. Karl Heinrich v. Weizsäcker war geboren zu Oehringen am 11. Dezember 1822. Er studierte in Tübingen und Berttn und habilitierte sich dann, nachdem er den philosophischen Doktortitel erworben, im Javre 1847 als Privatdozent der Theologie in Tübingen. Er gav aber bald darauf die akademische Laufbahn wieder auf, um 1848 eine Pfarrei in Btllings- bach zu übernehmen, und 1851 wurde er als Hofprediger nach Stuttgart berufen, wo er verblieb, bis er 1861 einen Ruf als ordentlicher Professor der Theologie an die Tübinger Hochschule erhielt. Volle 38 Jahre wirkte er hier in dieser Stellung, zu der 1889, nach Rümelintz Tod, noch die eines Kanzlers binzukam, nachdem er vorher schon zweimal (1867/68 und 1877/78j das Amt deS Rektor» bekleidet hatte. AlS Kanzler hatte er auch das Mandat der Universität in der Württembergtschen Abgeordnetenkammer inne, der er schon früher einmal als gewählter Abgeordneter angehört hatte. Infolge seines konzilianten Wesens und seiner trefflichen Charaktereigenschaften, erfreute sich der greise Kanzler im Landtag der größten Wertschätzung bet allen Parteien des Hauses, und es wird ihm unvergessen bleiben, daß bet den Verhandlungen über die Verfassungs- reviston er allein von allen „Privilegierten" unbefangen genug war, um für das Ausscheiden der Privilegierten aus dec zweiten Kammer zu stimmen. Hier wie in seiner ganzen öffentlichen Thättgkett zeigte er sich alS wahrhaft liberaler Mann. In früheren Jahren hat Ka.l von Weizsäcker auch eine umfangreiche lttterarische Thättgkett entfaltet, tnsbesondere wird seine Uebersetzung deS Neuen Testamente» in theologischen Kreisen sehr geschätzt. Vor etwa zwei Jahren war es ihm vergönnt, sein 50jährtges philosophisches Doktorjudiläum zu begehen, au6 welchem Anlaß ihm aus weiten Kreisen herzliche Kundgebungen dargebracht wurden; u. a. ernannte ihn die juristische und die staatSwtssenschaftltche Fakultät zum Ehrendoktor, sodaß er schließlich den Doktortttel von vier Fakultäten führte. Dem verdienstvollen Manne, zu dessen Füßen Hunderte von württembergtschen und auSwärttgen^Theologen gesessen, wird man nicht nur in akademischen Kreisen, sondern tm ganzen Lande Württemberg, ein ehrendes Andenken bewahren. [• Meyers Konversalions - Lexikon (auch in ümtauioh gegen ilterr »Werke) eowie alle andern Bücher | liefert gegen Teilzahlungen von monatl. 3 M. an y® H. 0. Sperling, Buchhandlung, Stuttgart VIL * ausgeführt von der Kapelle des 5882 4499 H^amhaltoogsbllche« n. Stirn Zahn-, Kopf- und Kleiderbürsten ^asshaltongsbürsten n. Kefen 11 Thürvorlagen, Schwämme öf Fensterleder re. A. 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