Donnerstag den 17. August 1899 Erstes Blatt. Amts- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gietzen 2. 3. 4. v. Bechtold. ÄBe Anzeigrn.BermittlimgSstellm M In« und Äiilleaki nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger enigeG«, Itoettbn, Lspeditivn und Druckerei: >4*CHrai X«| erscheinenden Nummer Ml vor». 16 Uhr. Adreffe für Depeschen: Anzeiger Hieß«. Fernsprecher Nr. 51. Bekanntmachung, betreffend: Vorträge über Obstbau. Der Obstbautechniker des Oberhessischen Obstbauvereins, ! Herr Metz aus Friedberg, beabsichtigt am Samstag dem IS. August in Alte» Buseck von nachmittags 3 Uhr ab praktische Unterweisungen an Obstbäumen und abends 8 Uhr einen Vortrag über Obstbau abzuhalten. Sonntag den 20. August, nachmittags 3 Uhr, wird in Großen-Buseck eine Versammlung stattfinden und am Schlüsse des Vortrags werden 14 Stück Obstbäume an anwesende Mitglieder, welche sich durch Mitgliedkarte ausweisen, verlost und können Mitglieder aus folgenden Ortschaften teilnehmen: Alten-Buseck, Annerod, Bersrod, Beuern, Burkhardsfelden, Großen-Buseck, Hattenrod, Lindenstruth, Reiskirchen, Rödgen und Trohe. In Großen-Buseck finden die praktischen Unterweisungen Montag den 21. August, von vormittags 8 Uhr an, statt. Souutag den 27. August, nachmittags 3 Uhr, findet in Langgöns eine Versammlung statt mit Verlosung von 8 Stück Obstbäumen für die Mitglieder der Ortschaften Langgöns, Holzheim und Grüningen. Montag den 28. August, von vormittags 8 Uhr ab, praktische Unterweisungen in Langgöns. Neu hinzutretende Mitglieder können an den Verlosungen teilnehmen. Zahlreiche Beteiligung erwünscht. Gießen, den 15. August 1899. Der Vorsitzende des Vereinsbezirks Gießen. Frhr. Schenck. Die Herren Großh. Bürgermeister der aufgeführten Orte werden ersucht, vorstehendes im Laufe dieser Woche ortsüblich bekannt zu machen. Gratisbeilage«: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Kälter für hessische Volkskunde.__________________ KezngrpreiL nikrteljährlich 2 Mark 20 Pf«, monatlich 75 Pf« mit Bringerloh». Bei Postbezu, 2 Mark 50 Pf«. vierteljährlich. Gießener Anzeiger General-Anzeiger worden ist; durch wen die Anfertigung der Pläne erfolgte; und 5. wer die obere Bauleitung hatte. Bekanntmachung. Wegen Maul- und Klauenseuche Verdacht ist über ein Gehöft zu Ttefeubach, Kreis Wetzlar, die Sperre verhängt worden. Gießen, 14. August 1899. Großherzogliches Kreis amt Gießen. v. Bechtold.__ Zur Lage. Mit größerer Spannung ist den Parlamentsverhandlungen kaum je entgegengesehen worden, als bei der Wiederaufnahme der Sitzungen des preußischen Abgeordnetenhauses, von deren Verlauf es voraussichtlich abhängt, ob die zweite Kammer Preußens ein vorzeitiges Ende nimmt, oder noch weiter ihres Daseins sich erfreuen darf. Man mag die in Dortmund gesprochenen Worte Kaisers beurteilen, wie man will, sie klingen in ein E^.oeder — Oder aus und lassen eine andere MögliAeit ni ht zu. Die Entscheidung wird ja nicht lange au,^-ch warten lassen, da die Beratungen bereits begonnerMben. Daß die gegenwärtige unsichere Situation ganz dazu anqethan ist, Gerüchte der verschiedensten Art zu zeitigen, haben wir schon vor kurzem erwähnt, und wenn man die Berliner Zeitungen der letzten Tage liest und alle m dem Gehirn der Berichterstatter entstandenen Meldungen zur Lage zusammenfaßt, dann kommt wenig gescheites heraus: der Schluß würde dem Anfang widersprechen und das in der Mitte gesagte wieder verleugnen. Unter den gebrachten Nachrichten ragt besonders eine durch ihre Kühnheit hervor. Der Kaiser soll gesagt haben, die Minister zwangen ihn durch ihr Verhalten, in einzelnen politischen Fragen selbst- thätig zu handeln und seine Person zu ihrer Deckung in den Vordergrund zu stellen. Hatte der Kaiser diese^Aeuß^ runa aethan so wäre das unleugbar em Tadelsvotum sür^das^ gesamte preußische Ministerium, und d.e i-tz,g-n Porteseuille-Jnhaber könnten nicht umhin, die Konsequenz aus den Worten ihres Monarchen zu ziehen, und m seine Hände ihre Aemter zurückzulegen. Man darf an- Nr 192 eit Aurruchee bet WeHn» Wie »ewmt »Miher webe* kn Anjnzrr •Mart#* ei-crmel IcifdefL Zu Nr. M. d. I. 15187. Darmstadt, am 27. Juli 1899. Betreffend: Die Verwaltung und Rechnungsführung der Gemeindekrankenversicherung. Das Großh. Ministerium des Innern an die Großherzoglicheu Kreisämter. Zur Beseitigung hervorgetretener Zweifel und Herbei- I führung eines einheitlichen Verfahrens fehen wir uns veranlaßt, unter Bezugnahme auf unsere in obigem Betreff erlassenen Anweisungen vom 26. März 1891 — Amtsblatt I Nr. 4 von 1891 — und vom 18. Januar 1893 — Amts- | blatt Nr. 2 von 1893 — im Einvernehmen mit der Groß- I herzoglichen Oberrechnungskammer hinsichtlich der Verwaltung I und Rechnungsführung der Gemeindekrankenversicherung für die Fälle, in welchen gemäß Ziffer 8 der Anweisung vom 26. März 1891 als Rechner oder Ortserheber der Gemeindekrankenversicherung der Gemeindeeinnehmer fungiert, folgendes zu bestimmen: 1. Auf die Verwahrung der Kassenbestände findet § 42 der Dienstanweisung für die Gemeinde-Einnehmer vom 24. Februar 1898 (Reg.-Blatt Nr. 30, S. 368) Anwendung; es hat hiernach eine gesonderte Verwahrung dieser Bestände in der Regel nicht stattzufinden. Da, wo die gesonderte Verwahrung aus besonderen Gründen wünschenswert ist, kann dieselbe von den Großherzlichen Kreisämtern gestattet I werden (vgl. Abs. 2 des genannten § 42). 2. Die durch Ziffer 9 der Anweisung vom 26. März 1891 vorgeschriebene Führung eines besonderen Tagebuchs für die Gemeindekrankenversicherung hat nach wie zu geschehen. Dasselbe ist jedoch als Hilfstagebuch im Sinne des § 3 der genannten Dienstanweisung für die Gemeindeeinnehmer anzusehen. Die Einträge in demselben sind nach Maßgabe des § 7 der mehrerwähnten Dienstanweisung am Ende der Woche summarisch in das nach § 5 ebendaselbst von dem Gemeindeeinnehmer für sämtliche von ihm verwaltete Kassen zu führende allgemeine Tagebuch zu übertragen. Wir beauftragen Sie hiernach die Vorstände und Rechner der Gemeindekrankenversicherungen zu bedeuten. -In Vertretung: E m m e r l i n g. Dr. Wörner. Gießen, den 14. August 1899. Betr.: Das Hochbauwesen der Kreise, Gemeinden, Kirchen und Stiftungen. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grosih. Bürgermeistereien der Landgc- meiudeu, Kirchenvorstände oder Tttstuugs vorstäude des Kreises. Sie wollen uns binnen längstens 14 Tagen berichten: 1. welche Hochbauten von Ihnen feit Beginn des Rechnungsjahres 1894/95 mit einem Kostenaufwand von je nehmen, daß der Kaiser, falls er mit dem Ministerium nicht zufrieden ist, eine andere Form fände, um die etwa mißliebigen Persönlichkeiten von seinen Anschauungen zu unterrichten. Wozu ist denn Herr v. Lucanus da, der doch seine Sache so gründlich versteht? Nein, wir glauben nicht, daß der Kaiser jene Worte, die ihm in den Mund gelegt werden, gesprochen hat. Damit wollen wir jedoch keineswegs behaupten, daß bei der kommenden Klärung der Lage sich alle Minister als sattelfest erweisen werden, der eine oder der andere mag immerhin aus dem Sattel gleiten. Das meiste Interesse bringt man natürlich der Frage entgegen, ob Herr von Miquel noch lange das Ministerpalais im Kastanienwäldchen zu Berlin bewohnen werde; während die einen die Amtsmüdigkeit des Fmanzministers betonen und die Nichtanwesenheit desselben bei der Feier in Dortmund auf eine Abweichung seiner Anschauungen von denen des Kaisers zurückführen, versichern andere wieder das Gegenteil und begründen die eilige Reise des Ministers nach Berlin mit dessen Kränklichkeit ober mit dringenden Geschäften. Wer soll sich dabei auskennen? Wie schon oben gesagt, wird die Klärung der Lage nicht mehr lange auf sich warten lassen. Auch abgesehen von der Frage der Kanalvorlage ist die Lage recht gespannt, und wir sind der Ansicht, daß schon die nächste Zeit wichtige Entscheidungen bringen muß, die auf unsere innere Politik reinigend wirken. Wer's erlebt, wird's schauen!(xx) Deutsches Reich. Berlin, 15. August. Zur zweiten Lesung der Kanal-Vorlage wird einer Blättermeldung zufolge die Staatsregierung nicht ausdrücklich und formell nochmals in einer besonderen Sitzung des Staatsministeriums Stellung nehmen, sondern in der morgigen Sitzung des Abgeordnetenhauses nur auf die früheren Erklärungen zu gunsten des Entwurfes sich berufen. Berlin, 15. August. Die konservative Fraktion des Abgeordnetenhauses hat heute nachmittag li/3 Uhr ihre Beratungen geschloffen. Nachdem die Interpellation Wangenheim wegen Abwesenheit des Referenten Freiherrn v. Wangenheim von der Tagesordnung abgesetzt worden war, wurde in die Besprechung der Kanal-Vorlage eingetreten. In der Erörterung wurde nochmals Stellung I gegen diesen Entwurf genommen, jedoch für die Abstimmung jeder Fraktionszwang ausgefchloffen. Die Mehrheit wird gegen die Kanal-Vorlage stimmen. Nur etwa 10 Stimmen | dürsten für die Vorlage abgegeben werden. Die Stimmung machte sich dafür geltend, jeder Verschleppung dieser Angelegenheit entgegenzutreten, namentlich aber die Absicht des I Centrums, wenn sie noch besteht, zu durchkreuzen, das geheime Wahlreformgesetz alle parlamentarischen Stadien durchlaufen zu lassen und erst die endgiltige Entscheidung über die Kanal-Vorlage herbeizuführen. Berlin, 24. August. Den „Berliner Neuest. Nachr." wird bestätigt, daß nach amtlichen Telegrammen aus Peking dort keinerlei positive Nachrichten über neue Christen- I Verfolgungen in Tsinning in der Provinz Lautung I vorliegen. Die Mandarinen hatten auf Befragen erklärt, I daß ihnen nichts bekannt fei. Auch Kaufleute, welche jungst aus dieser Gegend eingetroffen sind, wußten nichts von Unruhen. Den Mandarinen ist eingeschärft worden, daß jede christenfeindliche Aufreizung mit Nachdruck bestraft werden müßte. Im übrigen muß das Ergebnis der eingeleiteten Untersuchung abgewartet werden. — Die Enthüllungsfeier des Kaiser Wilhelms-Denkmals in Arolsen begann kurz nach 1 Uhr auf dem glänzend geschmückten Festplatze gegenüber dem Residenzschlosse. Der Kaiser nebst Gefolge nahm im Kaiserau Platz; dann trug ein Sängerchor Beethovens Hymne: Die Himmel rühmen" vor, worauf Geheimrat vr. von M öhlmann im Namen des Ausschusses die Festrede hielt. Auf ein vom Fürsten von Waldeck nach eingeholter Genehmigung des Kaisers gegebenes Zeichen stel hierauf die Hülle des Denkmals. In demselben Augenblicke gab eine I Batterie des Artillerie-Regiments Nr. 11 Ehrenschusse ab, während das in Arolsen garnisonierende 3. Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 83 das Gewehr präsentierte und sämtliche Glocken der Stadt mit Geläute einfielen. Der Fürst brachte ein Hoch auf den Kaiser aus, welches dieser mit dreimaligem Hurrah auf den Fürsten und sein Hau erwiderte. Hieraus erfolgte die Besichtigung d-S Denkmals Der Kaiser nahm sodann Ausstellung vor demselben, woraus Amtlicher Heil. Gießen, den 14. August 1899. Betreffend: Die Verwaltung und Rechnungsführung der Gemeindekrankenversicherung. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien und Gemeiude- krankeuversicheruugsrechuer des Kreises. Indern wir die nachstehend abgedruckte Verfügung Großh. Ministeriums des Innern vom 27. Juli 1899 zu Nr. M. d. I. 15,187 zu Ihrer Kenntnis bringen, weisen wir Sie an, sich für die Zukunft streng hiernach bemeffen zu wollen. Die in unserem Amtsblatt Nr. 11 vom 28. November 1898 bezüglich der Buchführung getroffenen Anordnungen werden hierdurch selbstverständlich in keiner Weise berührt; nur sind die Einträge in dem Tagebuch der Krankenkaffe allwöchentlich, oder doch jedenfalls allmonatlich, in das Allgemeine Tagebuch zu übertragen! Zugleich genehmigen wir hiermit, daß diejenigen Rechner, die seither den Kassenbestand der Krankenkassen gesondert von denjenigen der Gemeindekasse gehalten und aufbewahrt haben und dies Verfahren beizubehalten wünschen, die Kassen, wie seither, getrennt verwahren dürfen. v. Bechtold. der Vorbeimarsch des 3. Bataillons des 83. Regiments und der 1800 Mann starken Waldeckschen Kriergervereine erfolgte. Nach Schluß der Feier kehrten die Herrschaften nach dem Schlosse zurück. In der Ansprache, welche der Fürst bei der Denkmalsenthüllung an den Kaiser richtete, dankte er demselben in seinem Namen und in dem seines Volkes. Deutscher Sinn und deutsche Treue seien stets waldeckische Art gewesen, und schon sein Vater habe Deutschlands Einheit unter Preußens Führung gewollt. Ich gelobe aufs neue: „Wir Waldecker wollen treu stehen zu Kaiser und Reich. Se. Majestät der Kaiser lebe hoch!" Der Kaiser antwortete, indem er an die Rampe des Kaiserzeltes trat, er sage dem Fürsten und Volke herzlichen Dank und in der Ueberzeugung, daß die Gesinnungen des Vaters des Fürsten noch bestehen und weiter gepflegt werden, rufe er: „Der Fürst und sein Haus Hurra!" Hierauf legten die Herrschaften Kränze am Denkmal nieder. Um 2 Uhr fand im Schlosse Galatafel statt. — Nach der Galatasel hielt Se. Majestät der Kaiser Cercle und begab sich um 41A Uhr, geleitet vom Fürsten und der Fürstin zum Bahnhofe, wo sich auch die übrigen Fürstlichkeiten und die Spitzen der Behörden eingefunden hatten. Auf der Fahrt zur Bahn wurde Se. Majestät von der Bevölkerung aufs lebhafteste begrüßt. Der Kaiser ist abends um 6 Uhr von Arolsen wieder in Wilhelmshöhe eingetroffen. — Die Gemeindewahlrechtsvorlage. Gestern wurde mitgeteilt, daß auch die Vorstände der freikonservativen Vereine von Elberfeld und Barmen sich gegen die Beratung der Gemeindewahlrechts-Vorlage erklärt haben, da die betreffenden Steuerverhältniffe nicht genügend erforscht seien. Es heißt nun in einer zustimmenden und erklärenden Notiz der in Barmen erscheinenden „Westdeutschen Zeitung": Wie wir erfahren, herrschte in der vorerwähnten Versammlung völlige Einhelligkeit über die hier in Betracht kommenden wichtigsten und grundsätzlichen Fragen. Mehrfach wurde betont, daß die Städte im Westen, insbesondere auch unsere beiden Nachbarstädte, nicht zu leiden gehabt haben unter den sogenannten „plutokratischen" Einflüssen; deshalb wünschten auch die Vertreter des „kleinen Mannes" nichts weniger, als eine Beschränkung dieses bisher segensreich wirkenden Einflusses. Die ganze Frage ist ja zweifellos eine außerordentlich schwierige. Die Verhältnisse im Staate find so unendlich verschieden, daß es fast unmöglich ist, sie über einen Kamm zu scheren, und wir meinen, daß ba§ historisch gewordene vor allem da geschützt werden müsse, wo es sich bewährt hat. Das kann aber nur geschehen, wenn man mit äußerster Vorsicht und auf Grund von zweifellos zutreffenden Thatsachen vorgeht, nicht aber leichten Herzens Beschlüsse faßt, die im schärften Sinne des Wortes „ein Sprung ins Dunkle" genannt werden müssen. Es muß ja zugegeben werden, daß zum Beispiel in der Weltstadt Berlin sich eigentümliche Verhältnisse herausgebildet haben. Wir erinnern nur au die dort hervortretenden Seltsamkeiten, daß in dem einen Wahlkreise der Minister in der dritten Klasse und in einem benachbarten Bezirk ein schlichter Bürger in der ersten Klasse wählt, Berlin nimmt aber schon in mancher anderen Beziehung eine Ausnahmestellung ein; mag man sie dieser Millionenstadt also auch hier nötigenfalls gewähren, nicht aber durch Verallgemeinerung unseren blühenden Gemeinwesen eine höchst bedenkliche Einrichtung auferlegen. Jetzt in Uebereilung ein Gesetz zu machen, dessen Tragweite sogar nach dem Eingeständnis der Regierungsvertreter wegen der unvollständigen Unterlagen nicht zu übersehen ist, scheint uns durchaus verkehrt. — Nachdem das Kieler Konsistorium die Wählbarkeit eines Sozialdemokraten zum Kirchenältesten anerkannt und die sozialistischen Kirchenwahlen in Sande bestätigt hat, erläßt die Schleswiger Regierung eine Verfügung über ihre Stellung zur Wahl eines Sozialdemokraten zum Mitglied des Schulkollegiums. Die Verpflichtung eines zum Mitgliede des Schulkollegiums gewählten Sozialdemokraten se: so lange auszusetzen, bis die Frage eingehend geprüft ist, ob gegen die Person des Gewählten, gegen die Wählbarkeit oder das Wahlverfahren Bedenken vorlieqen, und bejahendenfalls bis das Ergebnis dieser Prüfung'der Regierung vorgetragen und deren Entscheidung eingeholt ist. Bei der Wiederwahl eines Sozialdemokraten sei in derselben Weise zu verfahren. Die Enthebung der Sozialdemokraten von ihrem Amt als Mitglied des Schulkollegiums soll jedesmal erfolgen, wenn sie es unterlassen, dahin zu streben und dafür zu sorgen, daß die Heranwachsende Jugend nicht nur in den für das bürgerliche Leben nötigen allgemeinen Kenntnissen und Fertigkeiten unterwiesen, sondern auch zu gottesfürchtigen, sittlichen und vaterlandsliebenden Menschen erzogen werde. Zur Einleitung des Enthebungsverfahrens ist stets die Entscheidung der Regierung einzuholen. — Die „Ehrentafel", welche der sozialdemokratische Parteivorstand allmonatlich mit den Namen der „Opfer des Zuchthauskurses" veröffentlicht, enthielt bekanntlich seinerzeit nicht die Namen der in dem Löbtauer Prozeß Verurteilten Der Parteivorstand erklärte das damit, daß die Strafthat mcht m dem geringsten Zusammenhang mit der sozialdemokratischen Bewegung stehe; er sei nicht geneigt, die ©traf- lljat zu beschönigen ober gar als mit der Parteibewequnq zusammenhängend erscheinen zu lassen. Jetzt aber stehen die wegen der Herner Krawalle Verurteilten mit 14 Jahren, 6 Monaten und 4 Wochen Gefängnis in der neuesten Ehrentafel" verzeichnet. Der Vorstand erkennt allo den Zusammenhang der Ausschreitungen mit der sozialdemokratischen Bewegung an. Als sie stattsanden, wies die sozialdemokratische Preffe jeden solchen Zusammenhang ab. Der Unwille, welchen das Verhalten des Vorstandes in dem Löbtauer Falle bei den „Genossen" erregt hat, scheint ihn diesmal bewogen zu haben, die Herner „Opfer" aufzuführen ehe Reklamationen kämen. Alle übrigen auf der Ehrentafel" aufgeführten „Opfer" haben zusammen AAL Jahre Gefängnis erhalten wegen Erpressung, Nötigung, Beleidigung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und dergleichen Die in Bochum verurteilten Polen werden einfach als „am Herner Streik Beteiligte" aufgeführt. Magdeburg, 15. August. Auf dem 12. Berbandstag des Centralverbandes deutscher Bäckerinnungen „Germania" gab heute, am zweiten Verhandlungstage, der Reichstagsabgeordnete Euler (Centr.) die Erklärung ab, daß er namens seiner Fraktion den deutschen Bäckern die Versicherung abgeben könne, das Centrum werde alles daran setzen, daß die Bäckerei-Verordnung, wenn nicht aufgehoben, so doch gemildert werde; z. B. auf die Minimalruhezeit von 8 Stunden. Des weiteren trat Abg. Euler für den Befähigungsnachweis ein. Zur Frage der Konsum-, Be- amten-Vereine und Bazare wurde eine Resolution angenommen, worin verlangt wird, durch gesetzliche Maßnahmen die betreffenden Vereine einer Besteuerung zu unterwerfen. Bezüglich der Gründung eines allgemeinen Streikfonds der deutschen Bäckermeister wurde beschlossen, den Centralvorstand zu ermächtigen, bei Ausbruch von Streiks im Bäckergewerbe aus der Kasse bis 30 000 Mark zu bewilligen. Vom 1. Januar 1900 ab bis zum nächsten Verbandstag sind pro Kopf pro Jahr 50 Pfennig zu erheben. Der nächste Verbandstag wird dann weitere Dispositionen treffen. Der Antrag wurde einstimmig angenommen; damit ist ein Ge- neralstreikfonds begründet._______________________ Ausland. Paris, 15. August. „Jntransigeant" berichtet, daß Rochefort sich in San Sebastian befinde. Paris, 15. August. In vergangener Nacht wurden seitens der Sozialisten und Radikalen vor dem Gebäude der „Libre Parole" und des „Jntransigeant" feindliche Kundgebungen veranstaltet. Die Demokraten begaben sich hierauf vor das Lokal der „Aurore" und der „Petit Nepu- blique" und brachten Hochrufe auf die Redakteure aus. Die Polizei schritt ein und zerstreute die Demonstranten. Mehrere Verhaftungen wurden vorgenommen. Die Verhafteten wurden aber alsbald wieder auf freien Fuß gesetzt. Paris, 15. August. Heute früh 4Uhr wurde Guvrin der Verhaftsbefehl zugestellt. Derselbe äußerte, er fei entschlossen, bis zum Tode Widerstand zu leisten. Er veröffentlichte heute früh einen Aufruf an die Einwohner von Paris, worin er zum Aufruhr und zur Empörung auffordert. Paris, 15. August. Vor dem Lokal der Antisemiten, in welchem Gusrin sich aufhält, zogen gestern abend tausende von Kundgebern vorüber. Unter ihnen wurde der Afrika-Reisende Kapitän Monteuil erkannt. Er gab Veranlassung zu einer Kundgebung zu gunften der Armee. Kurz nachher erschien in einem Wagen ein General. Er wurde lebhaft akklamiert und eines Stücks Weges begleitet. Für heute abend, nach Ablauf der 24stündigen Frist, welche Guerin und seinen Genossen von der Polizei gestellt worden ist, werden wichtige Ereignisse erwartet. Paris, 15. August. Es giebt noch Humor in der Weltgeschichte. Während in Rennes der Dreyfusprozeß, der, wie er auch ablaufe, für Frankreich eine herbe Tragödie ist, seinem Ende zuschleicht, spielt sich in Paris eine Posse ab, die von überwältigender Komik ist. Die große Nation hat ihren internen Krieg, bei dem sie nur Hohn ernten kann, selbst wenn sie Siegerin bleibt. Der Antisemitenführer Gusrin, den man mit Döroulöde verhaften wollte, hat sich im Klubhaus verschanzt und pfeift auf die ehrwürdige Republik. Er ist ein Komödiant von Talent und zweifellosem Mut. Die gute Dampfspritze der Berliner Feuerwehr würde dem unglaublichen Ulk in 5 Minuten ein Ende wachen, aber an solche Mittel denken die Franzosen nicht. Erst haben sie das Schlachtfeld in der Rue Chabrol abgesperrt, dann haben sie versucht, den Belagerten auszu- hungern und auszudürsten, und schließlich haben sie drei, sage drei Kompagnien Soldaten vor die Festung mit angeblich 40 Insassen geschickt, die gestern den Sturm unternehmen sollten, wenn der Eingeschlossene nicht kapitulieren wollte. Wie es sich bei einem ehrlichen Krieg geziemt, hat man durch den Polizeipräsekten den widerhaarigen Gegner zunächst aufgefordert, sich zu ergeben. Er hat indessen, wie der Draht mit treffender Kürze meldet, abgelehnt. Da sich aber die französische Republik auch nur bis zu einem gewissen Grade narren läßt, so wurde dem Zernierten mit- geteilt, daß nachmittags der Sturm auf das Haus von den drei ruhmsüchtigen Kompagnien ausgeführt werden sollte. Nach menschlichem Ermessen war für die Angreifer Aussicht auf Erfolg vorhanden. In einer Anwandlung von Großwut hat der Kriegsrat, bestehend aus dem Minister Waldeck- Rouffeau und dem Polizeipräfekten Lepine, den Sturm noch aufgeschoben und sich damit begnügt, zu dem letzten fried- ichen Mittel zu schreiten und den Belagerten die Fcrn- prechleitung abzuschne^n. Bis zum Schluß der Redaktion ist eine Siegesnachricht noch nidjt eingetroffen und wir wüsten uns mit der Schild^rng der Wahlstatt begnügen. Es handelt sich um das §«r. 51 in der Rue de Chabrol, 5 Minuten vom Ostbahnhofi Die Rue de Chabrol ist zwar emeswegs eine sogen, „stille" Straße, denn außer einer großen Omnibusliine bewegt sich tagsüber viel Fracht- und Lastfuhrwerk durch sie hindurch, aber doch eine im bürger- ichen Sinne „ruhige" d. h. wohlanständige Straße. In )em Hause Nr. 51 befindet sich der Sitz, das Hauptquartier )e§ gefürchteten antisemitischen Agitators Jules Gusrin. Sehen wir uns das Haus — von außen wenigstens, denn )inein kann nicht einmal die hohe Polizei — ein wenig an. Es sieht funkelnagelneu aus in seinem erst voriges Jahr ertiggefteßten freundlichen cremefarbenen Anstrich, mit den Weißen, jetzt hermetisch geschlossenen Fensterläden und kohl- chwarz glänzenden Blechschildern, die, vier an der Zahl, in ber Hohe bes ersten unb einzigen Stockwerks angebracht, in goldener Schrift allerhanb Inschriften tragen: „L’Antijuif, )ublication hebdomadaire illustree“, „Le grand Occident de France, rite antijuif (!), „La main d’oeuvre, Organe du travail national“ usw. Unten, in der Mitte, eine dunkelgrün gestrichene, recht solide ausschauende Flügelthür, in- der ein sauberer Briefeinwurf aus Messingblech und ein kleines Schiebefenfterchen angebracht sind. Das Haus, das- wie ausgestorben dasteht, ist nur ein Stockwerk nebst Dachstuhl hoch und wird daher von ber nebenstehenben Nr. 49, die fünf Geschosse aufweist, erheblich überragt: eine bort etwa aufzustellende Belagerungsbatterie bes weltberühmten „120 Court" würde die belagerte Festung demnach wesentlich und sehr vorteilhaft „überhöhen", wie der Fachausdruck lautet. Auf der anderen Seite stößt das Hauptquartier ber Antisemiten an bie Cito b'Hauteville, einen an sich schon, ziemlich engen Durchgang, der gegenwärtig durch das Baugerüst des neuaufzusührenden Hauses Nr. 53 (ber Rue de Chabrol) auf einen ganz schmalen Gang von etwa 1V2 Mtr. Weite beschränkt ist. Am unteren Ende ber Site b'Hauteville befindet sich bas „seinbliche Hauptquartier", nämlich das Polizeikommissariat des Stadtviertels Enclos- Saint-Laurant. Die Rue de Chabrol, aus die allein bie Fenster des belagerten Hauses hinausgehen, ist schon den ganzen Tag über von einer sonntäglich vergnügten Menge erfüllt, bie mit Mühe von etwa einem Dutzenb, übrigens recht menschenfreunblich auftretenben Schutzleuten für den Wagenverkehr freigehalten wirb. Aller Blicke richten sich nach einem ber kleinen Dachfenster — die einzigen, bie offen stehen —, wo sich in luftiger Höhe an einem Binbfaben ein kleiner rotbrauner Affe aus Papiermach« im Winbe schaukelt. Von dem Aefflein hängt an einem zweiten Bindfaden ein säuberlich ausgeführtes weißes Plakat herab, auf dem in weithin sichtbarer schwarzer Schrift bie Worte zu lesen sind: „Le Traftre J. Reinach“. Natürlich freut sich alle Welt über den „kolossalen Witz", unb bie „belagernden" Schutzleute haben ebenfalls nichts einzuwenben. Freilich wissen sie ganz genau, daß ihnen etwaige Einwänbe nichts nützen würden, denn so lange der „Feind" nicht „kapituliert" hat, läßt sich auch gegen den Affen nichts unternehmen. So beschreibt bie „Straßb. Post" den Ort, wo sich, wenn bie Großmut ber Regierung nicht anhält, bie tollsten Dinge ereignen können. Rennes, 15. August. Das Besinben Laboris hat sich währenb ber Nacht etwas gebessert. Das Fieber läßt nach, aber ein stechenber Schmerz längs ber Wirbelsäule ist vorhanben. Labori ist bas Sprechen strengstens untersagt. Seine Gattin wacht unentwegt bei ihm. Der bekannte Arzt Doyen ist aus Paris hier eingetroffen. Er sprach sich über die Chancen einer Operation günstig aus. Es besteht keine Gefahr für bie Lunge. Als Labori gestern im Fieber lag, sprach er fortwährenb vom Prozeß Dreyfus. U. a. sagte er in seinen Fieber-Phantasien: Sagt General Mercier, baß ich ihm heute Fragen stellen will. Ich kehre zur Verhanb- lung zurück. Sagt General Chanoin, baß ich ihn über ein gewisses neues Dokument aus bem geheimen Dossier befragen will. Im Laufe bes heutigen Vormittags sollte eine Beratung zwischen Matthieu Dreyfus unb Demange unb anberen stattfinden, in ber über bie Ersetzung Laboris beschlossen werben soll. Man glaubt, baß Mornarb, ber in ber Dreysus-Sache vor bem Kassationshofe plaibierte, mit ber Verteidigung Dreyfus betraut werben wirb. — In ber von Labori bewohnten Villa ziehen fortwährenb Freunbe bes Verwunbeten Erkunbigungen über sein Befinben ein. Bis gestern abend waren 500 Depeschen im Hause Labori eingelaufen. — Von dem Attentäter fehlt noch jede Spur. Es sind Anzeichen vorhanden, daß der Mann das Verbrechen schon am Freitag ausführen wollte. Man sah das signalisierte Individuum jenen Tag früh zwischen Pont Chateaubriand und Pont Richmond. Offenbar waren ihm aber die Umstände nicht günstig für sein Vorhaben. Der in Le Mans verhaftete, des Attentats verdächtige Maschinist Gallain ist wieder freigelassen worden, nachdem er sein Alibi Nachweisen konnte. — Die Agitation für bie Annexion San Do- w i n g o s burch bie Vereinigten Staaten zieht rasch weitere Kreise. Das amerikanische Synbikat, bas bie Finanzen ber Negerrepublik tatsächlich kontrolliert, ihre Zölle unb Staatseisenbahnen verwaltet, setzt alle Hebel in Bewegung, um bie Regierung von Washington zur Intervention zu veranlassen, unb wenigstens bie Verkünbung eines amerikanischen Protektorats durchzusetzen. Diese Leute berufen sich jetzt in der mit ihnen arbeitenben Expansionspresse vor allem ba- rauf, daß bereits General Grant während seiner Präsibent- chaft bem Senate einen Vertrag unterbreitete, worin bie Regierung San Domingos der Annexion durch bie Vereinigten Staaten formell zustimmte. Der Senat verwarf )en Vertrag bamals mit nur einer Stimme Mehrheit. Die- elben Leute begünstigen auch ben Prätenbenten Jimenez, unb sie ftnb es, bie diesem in der Hauptsache die Mittel zu einen Flibustier-Expeditionen liefern. Lokales und Provinzielles. Gießen, den 16. August 1899. * * Ordens-Verleihung. Seine Königliche Hoheit der Großherzoghaben Allergnädigst geruht, zum 1. August dem Prokuristen der Firma Dörr u. Reinhart in Worms, Johann Franz Jllig dortselbst, das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps bes Großmütigen, — am 2 August l. I. der Gemeinbehebamme Eva Schmelig zu Hofheim die Silberne Mebaille des Ludwigsordens zu verleihen. * * Das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde verliehen durch Allerhöchste Entschließung Sr. Königl. Hoheit bes Großherzogs vom 12. Juli bs. Js. bem Mitgliede der freiwilligen Feuerwehr zu Gau-Algesheim, Jakob Hassemer, sowie den Mitgliedern ber freiwilligen Feuerwehr zu Bingen: Heinrich Ritz, Joh. Bernet unb Math. Dulcius zu Bingen. * * Kirchliche Dienstnachrichten. Seine Königl. Hoheit der Großherzog habenAllergnäbigst geruht, am 9. August dem Pfarrer Lubwig Storck zu Ober-Mossau bie evange- lische Pfarrstelle zu Ueberau, Dekanat Reinheim, zu übertragen. * * Ernannt wurde am 9. August der Gefangenwärter am Landeszuchthause Marienschloß, Karl Langgöns, zum Gefangenaufseher an dieser Anstalt, mit Wirkung vom 25. August 1899 an. * • Das Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm ist gestern nachmittag 4 Uhr mittelst Sonderzügen nach Mainz ausgerückt, um dort zunächst an dem Brigade-Exerzieren und dann an der Parade vor Seiner Majestät dem Kaiser teilzunehmen. Das Regiment bezieht Quartier in der Kaserne des 88. Regiments, das inzwischen bei Griesheim übt. Auch das 1. Bataillon des 168. Regiments in Butzbach fuhr gestern nachmittag 5 Uhr mit Sonderzug nach Mainz. Die Rückkehr der Truppen erfolgt am 30. August. Die 49. Infanterie-Brigade (Regiment Nr. 115 und 116) haben den Vorzug, vor Beginn der Parade vor dem Kaiser eine Gefechtsübung auszuführen. Die Verpflegung sämtlicher in Mainz eintreffenden Truppen wird das dortige Gouvernement übernehmen. Als ein besonderes Geschenk erhält jeder Soldat, der an der Parade teilnimmt, 50 Pfg. und jeder Unteroffizier 1 Mk. * * Landwirtschaftlicher Verein für die Provinz Oberhefsen. Unter dem Vorsitz des Herrn Grafen zu Solms-Laubach, Erlaucht, fand gestern im Hotel zum „Prinzen Karl" dahier eine Aus schuß sitzung des landw. Vereins für die Provinz Oberhessen statt, der auch der Referent für die Landwirtschaft im Großh. Ministerium, Herr Ministerialrat Braun beiwohnte. Aus der großen Zahl der Verhandlungsgegenstände, über welche beraten wurde, wollen wir nur auf einige Hinweisen, die von allgemeinerem Interesse sein dürften. So wurde z. B. die Errichtung einer Vermittelungsstelle für An- und Verkauf von Zuchtvieh in der Provinz Oberhessen beschlossen. Dieselbe soll im Anschluß an die Geschäftsstelle des landw. Vereins in Alsfeld eingerichtet werden und bezweckt, wie schon ihr Name sagt, die Erleichterung in der Zuchtviehbeschaffung. Die Verkaufsvermittelung ist für die Mitglieder der landw. Vereine und Zuchtvereine unentgeltlich. Ein weiterer Gegenstand der Tagesordnung betraf die Fortsetzung der Hutweidenmeliorationen im Vogelsberg. Auf Vorschlag der betr. Kommission sollen in Zukunft diese Meliorationen nicht mehr planlos in den einzelnen Gemeinden ausgeführt werden, sondern es soll als Hauptzweck fest in das Auge gefaßt werden, in den einzelnen Gemeinden aus diesen jetzt sterilen Flächen, Jungviehweiden zu schaffen. Allerdings sollen die in Angriff genommenen Flüchen derjenigen Gemeinden, welche sich schon voriges Jahr zu diesen Meliorationen gemeldet hatten, noch melioriert werden. Der Schwerpunkt soll aber nunmehr auf die Errichtung von Jungviehweiden gelegt werden, und hofft man hierdurch die Bestrebungen zur Hebung der Viehzucht energisch zu unterstützen. Es wurde fernerhin beschlossen, die Prämien für die Versicherung der 19 Bullen auf den Bullenstationen auf die Vereinskaffe zu übernehmen. Zur Verhandlung stand ferner die Frage der Bildung eines Verbandes der Geflügel- zuchtvereine in der Provinz, über welche seinerzeit in dieser Zeitung berichtet wurde. Es wurde beschlossen, diesen Verband vom Provinzialverein anzuerkennen, die Bildung desselben, wie sie von der Kommission, die seinerzeit hier tagte, vorgeschlagen wurde, zu acceptieren und den Vorsitzenden des Verbandes, Herrn Lehrer Knauß in Heldenbergen als Referent für Geflügelzucht in den Ausschuß des Provinzialvereins aufzunehmen. Zur Unterstützung für ihre Bestrebungen sollen der Geflügelzuchtvercin Gießen 300 Mk., Friedberg 200 Mk., Lauterbach und Allendorf je 100 Mk. und die Sektionen der landw. Vereine Alsfeld, Büdingen und Schotten ebenfalls je 100 Mk. erhalten. In derselben Sitzung wurden wieder gegen vierzig neue Mitglieder ausgenommen. • * Die Feldartillerie tritt mit dem 1. Oktober ds. Js. einen Uebergang an, der auch teilweise eine Verschiebnng der Standorte mit sich bringt. Das am 1. April l. I. ins Leben gerufene 18. Armeekorps (Frankfurt a. M.) hat die 21. Brigade in Frankfurt a. M., Regiment Nr. 27 in Mainz, 2. Abteilung in Wiesbaden; Regiment Nr. 63 ist in Frankfurt a. M. Die 25. Brigade ist mit beiden Regimentern Nr. 25 und 61 in Darmstadt, 2. Abteilung Nr. 61 in Babenhausen. Die 2. Abteilung Nr. 25 hat eine reitende, zwei fahrende Batterien. Das Regiment Nr. 61 heißt 2. Großh. Hessisches. N. H. V. * * In einem stattlichen Bande liegt jetzt die Festschrift aus Anlaß der 25jährigen Jubelfeier des Verbandes der hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaften zu Mainz um 29. September 1898 gedruckt vor: „Das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen im Großherzogtum Hessen in den Jahren 1873 bis 1898." Die reichhaltige Schrift giebt ein getreues Bild von der wahrhaft großartigen Entwickelung, die das Genossenschaftswesen in unserem Großherzogtum , bahnbrechend und vorbildlich für das ganze übrige Deutschland, in dem letzten Vierteljahrhundert genommen hat. •* Geburten und Todesfälle im Großherzogtum Hessen. In dem abgelaufenen Jahre sind in dem Großherzogtum Hessen 35,301 Geburten und 21,710 Todesfälle vorgekommen, mithin übersteigt die Zahl der Geburten die der Todesfälle um 13,591. Auf die Provinzen verteilt kommen auf Starkenburg 16,501 Geburten und 9560 Todesfälle, auf Oberhessen 7904 Geburten und 4901 Todesfälle und auf Rheinhessen 10,896 Geburten und 7249 Todesfälle. Aus der Zeit für die Zett. Vor 100 Jahren, am 17. August 1799, wurde zu Stuttgart der ausgezeichnete Staatsrechtslehrer Robert von Mohl geboren. Die Niedersetzung einer Kommission zur Entwerfung eines Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuches, die Verkündigung der deutschen Wechselordnung, der Grundrechte und der Reichsverfassung waren die hauptsächlichsten Verdienste seiner amtlichen Thätigkeit. Er starb am 5. November 1875 zu Berlin. Temperatur der Lahn und Luft ned) Reaumur gemessen am 16. August, zwischen 11 u. 12 Uhr mittag-: Wasser 18°, Luft 22'/,°. Rübsamen'sche Badeanstalt. Neueste Meldungen. Depeschen deS Bureau „fcetolb'. Cassel, 16. August. Im Anschluß an die Kaiserparade fand nachmittags 3 Uhr eine Galatäfel im Residenzschloß statt, zu welcher außer dem kaiserlichen Gefolge die Generalität und die Kommandeure der Regimenter zugezogen wurden, welche bei der Fahnenweihe beteiligt waren. Außerdem waren geladen die Spitzen der Behörden, Professor Knackfuß und zwei frühere Lehrer des Kaisers, der Gymnasial-Direktor Dr Heuschner und Professor Dr. Kius, die der Kaiser durch Ansprachen auszeichnete. Magdeburg, 16. August. Der Bäckertag wählte für nächstes Jahr München oder Frankfurt a. M. alsVorort, wenn die Zustände der Vereinigung in Süddeutschland es benötigen. Gmunden, 16. August. Kaiser Franz Josef traf gestern nachmittag 4 Uhr hier ein und stattete dem König von Dänemark auf dem Schlosse des Herzogs von Cumberland einen zweistündigen Besuch ab. Josefsstadt, 16. August. Der in Sportkreisen bekannte Trainleutnant Hoblik wurde auf der Straße von einem tollwütigen Hunde gebissen. Hoblik mußte sich sofort nach Wien in das Pasteur'sche Institut begeben. Budapest, 16. August. Durch die Unvorsi chtigkeit eines Arztes und eines Apothekers wurde das vier Monate alte Söhnchen des Grafen Szecheny getötet. Der Arzt verschrieb für das Kind eine Medizin zur Einspritzung und Karbolsäure zur Desinfektion. Der Apotheker verwechselte die Etiquette auf den Flaschen und der Arzt benutzte das Karbol zur Einspritzung, nach welcher das Kind unter den fürchterlichsten Schmerzen verstarb. Gegen den Arzt und den Apotheker ist die Untersuchung eingeleitet. Paris, 16. August. Hier zirkuliert das Gerücht von der bevorstehenden Verhaftung Judets und Beaurepaires. Paris, 16. August. Das ganze Viertel der Rue Chabrol ist gesperrt. Seit abends werden alle, welche die Antisemiten « Burg verlassen oder betreten , verhaftet. GuSrin wurde von seinen Freunden aufgefordert, sich zu ergeben. Die Nationalisten versuchen erfolglos, die Bevölkerung aufzuhetzen. Die Boulevards und die Vorstädte sind ruhig. Paris, 16. August. Gestern wurde die Rue Chabrol von Tausenden von Neugierigen besucht, welche das Anti- semiten-Lokal sich ansehen wollen, woselbst Guörin belagert wird. Die Antisemiten wurden von der Polizei nicht im geringsten belästigt. Zahlreiche antisemitische Freunde hatten in der Umgebung des Lokals Aufstellung genommen und hielten jeden Vorübergehenden an mit der Aufforderung, den Hut abzuziehen und „Nieder mit den Juden!" zu rufen. Ein Arbeiter, welcher sich dem widersetzte, wurde mit Stockhieben mißhandelt. Warschau, 16. August. Hier ist ein allgemeiner Arbeiter streik ausgebrochen, der große Dimensionen annahm. Die Zahl der Streikenden, welche alle Jndustrieen in Mitleidenschaft zieht, beträgt bereits 20 000. Ruhestörungen sind bis jetzt nicht vorgekommen. KWWWWtzl Verdingung über die Ausführung von Bauarbeiten zu zwei Stallgebäuden nebst Aborten für die Wärter-Wohnhäuser in ßlm 130,9 4- 67 und 132,5 + 55 (Strecke Cassel— Frankfurt). Termin am 30. August 1899, vormittags 10'/2 Uhr, im Arbeitszimmer der Betriebs-Inspektion 1 Gießen. Zeichnungen und Bedingungen können daselbst eingesehen und die Verdingungsunterlagen gegen kostenfreie Einsendung von 1,50 Mk. von daher bezogen werden. Zuschlagsfrist 2 Wochen. 6026 Gießen, den 12. August 1899. Großherzoalich Hessische Eisenbahn-Betnebs-Jnspektion 1. 1000 abgängige hölzerne Bahn- schwellen, sowie die Weidennutzungen an der Bahnstrecke Klm. 135,6 bis 151,2, Gemarkung Klein-Linden bis Butzbach, kommen daselbst am Dienstag, dem 22. d. Mts., zur Versteigerung. Anfang vormittags 8 Uhr bei Posten 73, Gemarkung Klein-Linden. G'.eßen, den 15. August 1899. 6023 Großh. Eisenbahn-Betriebs-Jnsvektion 1. Nkljlkiznuß. Samstag bett 19. August d. I., vormittags, läßt die Aktien- Brauerei Gießen ihre diesjährige Hrummeternle, ca. 18 Morgen in Parzellen, versteigern. Zusammenkunft vormittags 9 Uhr vor dem Brauerei- gründstück Leihgesternerweg. 6040 VttßeigernnMMigr. Donnerstag den 17. d. M., nachmittags 3 Uhr, sollen im Bieker'schen Saale — Neustadt — dahier Haus- und Küchengeräte aller Art, sowie ein größerer Posten Schuhwaren zwangsweise gegen Bar versteigert werden. Gießen, 16. August 1899. 6035 Seipel, Gerichtsvollzieher u'iiipfchhiimiii SM. Schlachthaus. 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Die Beerdigung findet statt: 6031 Donnerstag den 17. August, nachmittags 5 Uhr, vom Sterbehause, Kirchenplatz 9, aus. Allen Verwandten, Freunden, sowie Bekannten die schmerzliche Nachricht von dem am 15. August nachmittags nach kurzem, schweren Leiden im 44. Lebensjahre erfolgten Ableben unseres innigst geliebten Gatten, Vaters, Bruders, Schwiegersohnes, Schwagers und Onkels Herrn Cigarrenfabrikant Karl Friedrich Leib Mainzlar. Todes - Anzeige. Um stille Teilnahme bitten Giessen, den 16. August 1899. Die trauernden Hinterbliebenen» 6039 Sin gkdranchttt.ZMtmgeu zu verkaufen. Westanlage 7, III. WxMWM ^4**i******»*****444*v Unserem lieben Kollegen, dem * Lackierer Georg Reh L die besten Aucklvuuslhe r > anläßlich seines 25jährigen Zuöi- $ * käums in der Kauffmann'schen * Lampenfabrik. 02886 * * * Mehrere ältere Mitarbeiter. 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Burkhardt. — Veshl'schai llmuerfit-tZ-Buch« rmd 6trinbnickrd (Pietsch Lrben) in Ließen. Die Heutige Mummer umfaßt 12 Seiten»