Rr. 288 Drittes Blatt. Donnerstag den 7. December LAOS Aints- unb für den lltei» (Biefectt Alle Anjeigen-Derm'^lungSfiellen deS In« und Ausland«- nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegn». Annahme von Anzeigen zu dec nachmittag- für den folgenden Tag erfcheinenden Nummer bl- vorm. 10 Uhr. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schutstraß« Dr. 7. Gratisbeilagen: Gießener Familienbläiter, Der hessische Landwirt, Klätter für hesssche Uatlrskunde. In Oesterreich-Ungarn sind in diesen Tagen die Delegationen mit einer Rede des Kaisers eröffnet worden. ES wird erzählt, in dem sich anschließenden Cercle habe der Kaiser den Abgeordneten zugeredet, d. h. den deutschen und den czechischen, sie möchten doch zum Abschluß eines modus vivendi sich verstehen. Dieser dringende Wunsch ist beim Kaiser verständlich; leider aber sind die Aussichten auf Erfüllung des Wunsches noch gering. Die Czechen bestehen hartnäckig darauf, daß ihnen die czechische Amtssprache zugestanden wird und daß der Ministerpräsident Graf Clary samt dem Justizminister von ihren Aemtern zurücktreten. Graf Clary setzt all diesen Zumutungen eine hocherfreulrche Energie entgegen. Neben der Anhänglichkeit der Völker an die Person des Kaisers ist diese Energie auch tatsächlich der einzige Felsen, an dem die brandenden Wogen nationalistischer Anmaßungen sich brechen. Sinkt er, dann ergießt sich die reißende Flut der Zwietracht zerstörend über alle Länder des Kaiserstaates. Mit Aufbietung unermeßlicher Kosten erfolgt in England eine Truppennachsendung nach der andern, aber die Lage in Südafrika bleibt unverändert. Der Sieg ist an das Banner der Buren geheftet. Fast scheint es, daß England, je mehr Truppen es in Südafrika zusammenzieht, um so mehr Verluste erleidet. Mit der Ruhe des Waidmannes auf dem Anstande zielen die treffsicheren Buren auf die englischen Ossiziere, und rote gewaltig die Erfolge dieser Taktik sind, das zeigen dte englischen Verlustlisten. Wie soll das enden? Kein Wunder, daß den englischen Staatsmännern bange wird — über ihre Politik ergeht ein furchtbar gerechtes Gericht. Abrisse für Depeschen': Anzeiger Hieße». Fernsprecher Nr. 51. Reichsgewerbeordnung. Ja noch mehr: während die Partei sonst alle sozialresormerische Arbeit des Reiches nur mit höhnischer Mißachtung behandelt, wird hier ein Produkt dieser Arbeit ausdrücklich anerkannt, nämlich die Einigungsämter der Gewerbegerichte. Aus allen diesen Gründen möchten wir das Einbringen dieses Gesetzentwurfs fast als einen Wendepunkt in der Entwickelung der Sozialdemokratie bezeichnen. Damit ist durchaus nicht gesagt, daß wir den Entwurf, so wie er da ist, auch nur annähernd für annehmbar halten. Keineswegs; aber wir halten es auch nicht für unmöglich, daß sich etwas brauchbares daraus machen läßt. Denn das kann doch nicht bestritten werden, daß unsere Reichsgewerbeordnung mit ihren alljährlichen Novellen allmählich ein Monstrum ist, mit dem man kaum noch zurechtkommen kann, und daß es deshalb recht praktisch wäre, manche Materien ganz daraus zu entfernen und mit anderen, wie Arbeiterschutz und Arbeitsnachweis und Arbeitsdauer und bergt m. zu einem besonderen Gesetze zusammenzuschließen. Ob dieser Reichstag dazu noch kommt, muß man freilich abwarten; denn allerorts werden Unkenrufe über die nahe Auflösung des Reichstages wegen der Flottenvorlage und des preußischen Abgeordnetenhauses wegen der Kanalvorlage hörbar. Das dürfte aber verfrüht sein; denn vorläufig ist noch keine der beiden Vorlagen bekannt. Trotzdem halten wir, was den preußischen Landtag angeht, die Ablehnung der Kanalvorlage für ziemlich gewiß, für noch gewiffer aber das, daß etwaige Neuwahlen die kanalgegnerische Mehrheit noch verstärken werden. Anders aber liegt die Sache mit der Flottenvorlage beim Reichstage. In der „Nordd. Allgem. Ztg." hatte ein Mann aus dem Volke" für eine freiwillige Flottensteuer Stimmung zu machen versucht, in Wirklichkeit mit seinem Vorschläge aber überall nur Unwillen über so unwürdige Bettelei wachgerufen für eine Sache, die der Allgemeinheit zugute kommt und die auszuführen daher Sache des Reiches und damit aller ist. Das ist so richtig, daß es nicht bestritten werden kann und deshalb glauben wir, daß es im Reichstage ohne Auf- i lösung gut gehen wird. Trifft das aber nicht zu, dann werden Neuwahlen unter der Parole der Flottenvermehrung sicher zum Ziele führen. Kaum hat sich die nicht unberechtigte Entrüstung über die neue Landkonzession in Kamerun einigermaßen verflogen, da taucht schon die Nachricht von einer dritten derartigen Freigebigkeit unserer Kolonialverwaltung auf. Die neue Konzession soll an den bayrischen Großindustriellen v. Cramer-Klett verliehen werden, doch sagt man, daß der bekannte Mitbegründer der Südkamerungesellschast, Douglas, dabei beteiligt sei. Wir glauben gern, d^ß dem die erste Sache I gefallen hat, bei der er mit seinem Kumpan Dr. Scharlach zu- I sammen in wenigen Wochen 18 Millionen verdiente. Ist es aber wahr, was gleichfalls behauptet wird, daß der Ko- I lonialrat bereits seine Zustimmung zu der Konzession gegeben hat, dann würde es unseres Erachtens hohe Zeit, die Angelegenheit im Reichstage zur Sprache zu bringen. Man darf sich wahrlich nicht rounbern, wenn bort feine Neigung vorhanben ist, große Summen für ein koloniales Gebiet zu bewilligen, von dem das Reich keinen Nutzen hat, sondern I nur Leute, die bisher nichts, gar nichts für Kamerun qc- I than haben, ungeheuren Gewinn ziehen. Es soll sich I dies Mal um das Gebiet von Tibati und Adamuua I handeln. So unerquicklich wie die Erörterung über die Landkonzession ist eine andere, die sich an ministerielle Auseinandersetzungen in der Sächsischen Zweiten Kammer über die preußische Eisenbahnpolitik geknüpft hat. Wie der I preußische Eisenbahnminister es jetzt mit Sachsen macht, hat er es auch mit Hessen getrieben, das sich infolge der I Ableitung des Güterverkehrs von seinen Bahnen zum Abschluß einer Verkehrsgemeinschaft mit Preußen entschlossen hat. Württemberg hat bisher allen Anträgen getrotzt I und von seiner Etsenbahnselbftändigkeit noch nichts geopfert; wohl aber hat Baden Zugeständnisse gemacht und Braunschweig hat sich ganz in Preußens Arme werfen müssen. Offenbar will man in Berlin auf diese Weise zum Retchs- eisenbahnsystem überleiten und nimmt sich wohl die Methode I des Zollvereins zum Muster. Die Rechnung scheint uns I aber an einem Fehler zu leiden. Was vor der Einigung I Deutschlands konzentrierend wirkte, kann, zumal wenn noch Mangel an Rücksicht damit verbunden ist, tm geeinten Deutschland womöglich die entgegengesetzten Folgen Haven. I Etwas mehr Vorsicht wäre deshalb sehr am Platze. Ucjugsprci- vicrlkljährlich 2 Mark 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn. Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich. Gießener Anzeiger General-Unzeiger Krscheinl täglich mit Ausnahme de- MonlagS. Die Gießener Aamilkeubtälier werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt. Deutscher Reichstag. 115. Sitzung vom 4. Dezember. 1 Uhr. Das Haus ehrt das Ableben des Abg. Ratzinger (batet. Bauernbund) durch Erheben von den Sitzen. Das Haus ist wiederum sehr schwach besetzt. Zunächst wird der Beschluß des Bundesrats 6etr. die Genehmigungspflichtigkeit der Anlagen zur Herstellung von Zündschnüren und elektrischen Zündern in 1. und 2. Lesung genehmigt. Es folgt die 1. Lesung der Vorlage betr. Aenderungen tm Münzwesen. Schatzsekretär von Thielmann begründet zunächst den ersten Teil der Vorlage: Die Außerkurssetzung der Funimarkstücke in Gold, sowie der Zwanzigpfennigstücke in Silber und aus Nickel. Alle 3 Geldsorten hätten sich nicht bewahrt bezw. sich nicht genügend eingebürgert. Was den zweiten Teil der Vorlage: Erhöhung des Gesamtbetrages der Reichssilbermünzen auf 14 Mk. per Kopf der Bevölkerung (statt bisher 10 Mk.) anlange, so wolle er bemerken, daß die gesetzliche Grenze von 14 Mk. selbstverständlich nie erreicht werden könne, schon weil die Bevölkerung stetig steige und die Prägung dem nachhinke. Außerdem komme der Bedarf der Kolonieen in Betracht und drittens bie Festlegung deutscher Münzen bei Wechslern im Auslande. Dazu komme der Abgang durch Brand und Schiffsunfälle. Wenn man sage, die Novelle bezwecke die Beseitigung des Thalerbestandes, so sei das irrig. Thatsache aber sei, daß die Thaler nicht so beliebt seien, wie die Reichssilbermünzen (Rufe rechts: Oho!). Er bitte, die Vorlage unbefangen blos auf die Verkehrsbedürfnisse hin zu prüfen. . Abg. von Felge (kons.) stimmt namens semer Partei der Beseitigung der goldenen Fünfmarkstücke zu, bemerkt aber, die silbernen Fünfmarkstücke seien nichts weniger als beliebt. Auch die Abschaffung der Zwanzigpfennigstücke fei zu billigen. Wünschenswert Jtien aber Fünfundzwanzigpfennigstücke. Redner beantragt Verweisung der Vorlage an eine Kommission. Reichsbankpräsident Koch führt aus, bei der Reichsbank habe man ein ganz genaues Urteil über den Bedarf an Scheidemünze. Der Verkehr sei außerordentlich bereit, Scheidemünze, auch in Silber, aufzunehmen, aber nicht entfernt so bereit in Bezug auf Thaler. Es sei nicht richtig, daß die Thaler hauptsächlich in 5 Mk.'Stücke umgeprägt werden sollen: Thatsache aber sei alleidings, daß der Verkehr auch in sehr erheblichem Umfange 5 Mk.-Stücke beanspruche. Er bitte, diese Vorlage, die lediglich aus praktischen Erwägungen hervorgegangen, auch nur danach zu beurteilen. _ , L. „ . Abg. Heiligenstadt (nl.) bemerkt, daß die Thaler Line geeignete Umlaufsmünze sind, könne auch er nach seinen eigenen Erfahrungen nur bestätigen. Den Zeitpunkt, jetzt dieses Gesetz vorzulegen, halte er für ganz geeignet. Redner plaidiert schließlich noch für em unbedingtes Festhalten an der Goldwährung. r ., L Schatzsekretär v. Thielmann beruhigt schließlich den Abg. von Frege noch darüber, daß etwa aus den Thalern hauptsächlich 5 Mark- Stücke geprägt werden sollten. Das sei durchaus nicht der Fall. Er sei persönlich ein großer Freund der 2 Mk -Stücke, die übrigens neuerdings sehr stark von Süddeutschland verlangt würden. Abg. Speck (Centr.) erklärt, seine Freunde ständ.n der Vorlage sympathisch gegenüber, verlangten aber Kommissionsberatung. Erfreut sei er über eine Andeutung des Schatzsekretärs, daß die 50 Pfg-Stücke umgeprägt werden sollten. Was die Umprägung der Thaler anlange, so solle mit dieser Vorlage die Verantwortung für eme solche Beseitigung der Thaler dem Reichstage aufgeladen werben. Um so nötiger fei eine gründlich^ Pruffmg.^ ^fft, bie Darlegungen der Regierung in der Kommission würden es auch seinen Freunden ermöglichen, die Vorlage in allen ihren Teilen anzunehmen. Redner verbreitet sich weiter über die Währungsfrage im Allgemeinen. Er sei der Ansicht daß Nach- prügungen von Silbermünzen nicht nötig feien. Die Vorlage bringe nicht einen Abschluß der Währungsfrage, sondern nur eine Versumpfung. * Innere und nutzere Politik. Gießen, ben 6. Dezember 1899. Der Kaiser ist von seiner vielbesprochenen Reise nach England zurückgekehrt unb weilt vorübergehend wieder im Neuen Palais bei Potsbam. Fast schien es, als wollte er jeben Verbacht auslöschen, baß er sich auf irgend eine den Buren feindliche oder auch nur unfreundliche Politik in England eingelassen hätte, und als begrüßte er dazu in Vlissingen die jugendliche Königin des Stammlandes der Buren. Ist der Eindruck beabsichtigt gewesen, so kann man I gern zugeben, daß er erreicht wurde; Ränkespiel ist etwas | dem Charakter des Kaisers völlig Fremdes. Sonst wird auf deutscher Seite tiefes Schweigen über den Erfolg der Reise beobachtet. Graf Bülow ist ganz still über Potsdam nach Berlin gekommen; die dienstbeflissenen Offiziösen warten mit Sehnsucht auf einen Wink, irgend eine Andeutung, in deren mehr oder weniger ungeschickter Verarbeitung sie dann einen unrühmlichen Wettkampf beginnen könnten. Das I offizielle Schweigen ist vorläufig nur konsequent: hat man vor der Reise in allen Tonarten deren familiären Charakter betont, so ist eben über eine familiäre Begegnung kein amt- I licher Bericht zu erstatten. Es ist nicht unmöglich, daß wir bis zur ersten Lesung des Etats, die am 11. Dezember I beginnen soll, auf das Lösen der amtlichen Zungen warten I müssen. Je schweigsamer man sich in Deutschland verhält, desto redseliger zeigt sich aber Mr. Chamberlain. Wir haben von der großen Rede berichtet, die er in Leicester gehalten hat. Wenn man jedes Wort der dortigen Ausführungen für bare Münze nehmen wollte, dann müßten fast „uferlose" politische Abmachungen in Windsor getroffen worden sein. Aber die Darlegungen des englischen Kolonialministers über die Allianz mit Deutschland und über ben neuen Dreibund „Deutschland, England, Nordamerika" gehen auch nach besonnener englischer Auffassung weit über ben Stand der Thatsachen hinaus und finden in der englischen Presse mancherlei Einschränkung und Widerspruch. Wir teilten solche Weiterungen der Blätter schon mit. Am verständigsten schreibt die „Westminster Gazette", daß durch solche Mitteilungen unmittelbar nach dem Besuche des Kaisers dieser in eine peinliche Lage gebracht und gleichzeitig Chamberlain einem Dementi ausgesetzt werde, das die englischdeutsche Freundschaft oder Verständigung stören und schädigen wird. Ein Bündniß würde nicht den Bedürfnissen Englands entsprechen, das in seinen Freundschaften opportunistisch sein müsse. Gerade in den letzten Worten dieser Bemerkung ist durchaus zutreffend der Grund genannt, aus dem keine Macht der Erde England als Bundesgenossen jemals brauchen kann: Englands opportunistische Politik. Diese macht ein dauerndes Zusammengehen völlig unmöglich. Zum Schluß seiner Rede scheint Herrn Chambcrlan auch eingefallen zu fein, daß er zu weit gegangen war. Darum fügte er einschränkend hinzu: „Ich möchte bemerken, wenn ich das Wort „Allianz" brauche, daß es wenig ausmacht, ob eine Allianz auf dem Papier festgelegt wird, oder ob ein Einverständniß im Geiste der Staatsmänner der betreffenden Länder vorhanden ist." Jedenfalls ist dieser Enthusiasmus und Optimismus Chamberlains recht beachtenswert: in seiner vollständigen Vereinsamung verherrlicht er Deutschland und versucht mit Rücksicht auf die militärische Ohnmacht Englands durch ^ert^ibung nmger Verständigungen mit dem mächtigen Deutschen^ Reiche die Illusion der Kraft und Stärke für jede Art des Krieges zu erwecken. Der Reichstag arbeitet das vor der Vertagung unerledigt gebliebene Arbeitspensum unter recht dürftiger Beteiligung seiner Mitglieder allmählich auf, und wir geben gern zu, daß ganz leidliche Ergebnisse seiner Arbeiten zu stände kommen. Mit seltener Einmütigkeit wurden die sozialdemokratischen Anträge zum Koalitionsrecht abgethan, und man darf gespannt fein, wie sich die hohe Körperschaft zu der von derselben Seite kommenden Vorlage über den Schutz der Arbeit verhalten wird. Jene Anträge Haden auch wir scharf verurteilt, sie waren politisch überhaupt nicht ernst zu nehmen. Anders dieser Entwurf. Mit ihm machen die Sozialdemokraten, soweit wir uns entsinnen, zum erstenmal den Versuch, sich an positiver Arbeit zu beteiligen, und damit eine Forderung zu erfüllen, die seit Jahrzehnten immer wieder vergeblich an sie gerichtet worden ist. Man kann dem Entwurf auch keineswegs den Vorwurf machen, daß er direkt destruktive Tendenzen verfolge. Er lehnt sich an die bestehenden Einrichtungen an unb bewegt sich in deren Rahmen: BundcSrat, Reichstag, Siner künftigen binretallistischen Gesetzgebung «erde man damit doch nicht vorbeuzen. Abg. Siemens (frs. 23g.) führt au5, die Vorlage wolle weiter nicht«, als einen bestehenden Zustand legalisieren, sie wolle gewisiermaßen den Silberumlauf nicht erhöhen, sondern eher ermäßigen, indem sie einen Teil der Thaler in Scheidemünze umwandeln «olle. Ueber so etwas entscheide in England einfach das Ministerium, ohne daß ein Hahn danach kräht (große Heiterkeit, da Abg. Hahn ebenfalls zum Wort gemeldet ist). Bon der gesetzlichen Vollmacht, die Thaler als Gold zu behandeln, sei nie Gebrauch gemacht worden; diese Vollmacht habe uns höchstens kleine Schädigungen zugefügt, imdem man sich in London gesagt, wir könnten doch einmal dazu kommen, Wechsel in Thalern auszuzahlen; deshalb hätten auch unsere Diskontowechsel im Auslande immer einen etwas niedrigeren Kurs, als sie haben würden, wenn wir absolut eine Goldwährung hätten. Redner geht hierauf die Vorlage im einzelnen durch und tritt weiter einigen Ausführungen des Abg. Arendt entgegen. Abg. Hahn (wild) erklärt sich gegen die Vorlagen, für welche gerade zurzeit gar keine Gründe vorliegen. Die augenblickliche wirtschaftliche Krisis, das Ausbleiben von Gold aus Transvaal, treffe die Länder mit Goldwährung besonders schwer. Redner empfiehlt das Zurückkehren zur Bismarck'schen Politik; dann würde man die 300000000 Mark in Thalern ruhig in Umlauf lassen können, ohne sie in Scheidemünze umwandeln zu müssen. Selbst im Falle eines Krieges würde das nicht nötig sein. Eine Kommissionsberatung finde er als sehr nötig. Zweifelhaft sei, ob das Zentrum bei seinen katholischen Wählern überall Beifall mit seinem Verhalten gefunden. (Murren un Zentrum.) Abg. S ch ö n l a n k (Soz.) wendet sich zunächst gegen Herrn von Frege und bezeichnet alsdann als die bedenklichste Bestimmung der Vorlage den Artikel 4, welcher die Vermehrung der Scheidemünzen verlangt. Redner schließt: Die Silberwährung war eine agrarische Jugendträumerei, dieser Traum ist vorbei! Nach einer kurzen Bemerkung des Abg. v. Kardorff (Rp.) und des Abg. Fischbeck (frs. Vp.) wird die Vorlage an eine vierzehn- gliedrige Kommission verwiesen. Morgen 1 Uhr: Fünfte Lesung der Zündschnurfabrikvorlage, Antrag Heyl. Novelle zur Kranken-Versicherung und Novelle zur Gewerbeordnung. Schluß 6ürfte und zu finden berechtigt ist. *t Die Hauptversammlung des Landwirtschaftlichen Vereins für die Provinz Oberheffen fand am Montagvormittag 11 Uhr im Hotel „Großherzog von Hessen" statt. Den Vorsitz führte Herr Oekonomienat Sch lenke von hier. Herr Schlenke setzte zunächst die Versammlung davon in Kenntnis, daß der Präsident des Vereins, Se. Erlaucht der Herr Graf Friedrich zu Solms-Laubach zurzeit wegen seines unbefriedigenden Gesundheitszustandes nicht in )er Lage sei, die Vereinsgeschäfte zu leiten; er schlage vor, denselben durch eine Depesche zu begrüßen, ihm gute Besserung zu wünschen und der Hoffnung Ausdruck zu geb^n, daß Se. Erlaucht bald wieder an die Spitze der Vereins- geschäfte treten könne. (Allseitige Zustimmung.) — Hierauf erstattete Herr Oekonomierat Schlenke den Jahresbericht. Er schickte die Bemerkung voraus, daß er in Rücksicht auf die knapp bemessene Zeit nur das wesentlichste aus dem sehr umfangreichen Berichte mitteilen könne. Die Thätigkeit des Vereins sei im verflossenen Jahre eine sehr rege gewesen. Die durch das Wohlwollen der Großh. Negierung zur Verfügung gestellten Mittel konnten zum erstenmale verwendet werden, in der Hauptsache zur Förderung der Viehzucht. Er danke den in dieser Beziehung thätig gewesenen Kommissionen; allerdings werde an manchem, was im letzten Jahre geschaffen, noch zu korrigieren sein, der Präsident rechne hierbei auf die Mitwirkung aller. Mit dem Aufschwünge, den daslandwirtschaftlicheGewerbe gefunden, sei vieles besser geworden; besonders befriedige die Verwendung künstlicher Düngemittel,die vor etwa 20 Jahren noch dem gleichen Mißtrauen begegneten, wie die Kraftfuttermittel; ihre Verwendung hatte die Verbesserung der Landwirtschaft im allgemeinen, sowie der Viehzucht zur Folge; auch die Maschinen, ohne welche ein landwirtschaftlicher Betrieb nicht mehr denkbar, fanden allenthalben Eingang, offensichtlich sei ferner die Verbesserung der Ackergeräte. — Auch im Obstbau seien Fortschritte zu verzeichnen, man sei darüber im klaren, welche Obstsorten sich für unsere Gegend am besten eigneten, der Absatz wurde in bessere Bahnen geleitet. In dieser Beziehung gebühre vornehmlich dem Oberhessischen Obstbauverein für seine ersprießliche Thätigkeit Dank. — Auf dem Gebiete der Geflügelzucht wurden gute Resultate erzielt infolge der Anlage von Zuchthöfen und Jnslebentreten von Zuchtvereinigungen, deren Verband im landwirtschaftlichen Provinzialverein vertreten ist. — Trotz verbesserter Arbeitsbedingungen habe sich leider die wirtschaftliche Lage der Landwirte nicht gehoben; der Grund dieser Erscheinung liege in den niedrigen Preisen der landwirtschaftlichen Produkte, die oft kaum die Erzeugungskosten deckten. Der Aufschwung der Industrie habe Arbeitermangel in der Landwirtschaft zur Folge, unter diesem Arbeitermangel litten kleine und große Grundbesitzer in gleichem Maße. Der Provinzialverein sei bereits dem Gedanken näher getreten, Arbeiter von auswärts heranzuziehen. — Der Mitglieder- stand des Provinzialvereins habe sich im letzten Jahre infolge Herabsetzung des Beitrags von 5 auf 3 Mk. gehoben. Immerhin ständen noch tausende von Landwirten dem Verein fern, und die Fernstehenden seien noch dazu die schärfsten Kritiker; mau werfe dem Verein vor, er leiste nichts; er frage: warum kommen die Leute nicht in den Verein und arbeiteten mit? Die Mitgliederzahl betrug zu Anfang des Jahres 1227, sie stieg bis zu rd. 1800. Es fanden im Berichtsjahre eine Hauptversammlung und sieben Ausschußsitzungen statt. — Die vor Jahren noch mit Miß trauen angesehene Feldbareinigung mache gute Fortschritte, sie wären besser, wenn die beiden Kulturinspektionen nicht mit Arbeiten überhäuft wären. — Die Viehzucht werde durch die Bezirks- und Lokalvereine eifrig gefördert; diese Vereine zählen 1500 Mitglieder. Erfreuliche Fortschritte mache auch die Einrichtung der Bullenstationen für das Vogelsberger und Simmenthaler Vieh. Die dazu vom Verein ausgeworfenen Mittel wirkten segensreich für die Gemeinden. Zu den bestehenden drei Zuchthöfen werde bald wieder ein vierter errichtet werden. Die Benutzung der Vermittlungsstelle zwecks Ankaufs von Zuchtmaterial wurde den Mitgliedern besonders empfohlen. Die bei Hungen errichtete Jungviehweide war mit 40 Tieren beschickt; könnten nun auch nicht alle Gemeinden Jungviehweiden anlegen, so sollten sie wenigstens Tummelplätze Herrichten, damit dem Vieh Bewegung und frische Luft zuteil werde. Damit beuge man Tierkrankheiten vor und begünstige den Körperbau der Tiere. — Auf dem Gebiete der Schweinezucht sind die Fortschritte noch am langsamsten. — Die Ziegenzucht hat sich gehoben, die Vereine züchteten indes nicht nach einheitlichen Grundsätzen. — Der Obstbau sei auf dem besten Wege, ein nutzenbringender Nebenbetrieb der Landwirtschaft zu werden; die Erfolge werde man natürlich erst in Jahrzehnten merken, wenn die zur Zeit noch jungen Bäume Früchte tragen. — Auch die Molkerei mache erfreuliche Fortschritte. In >er neu errichteten Molkereischule zu Lauterbach wurden im vergangenen Jahre 12 Mädchen als Meierinnen ausgebildet. Ferner wurde mit der Landwirtschaftskammer ür den Regierungsbezirk Kassel ein Abkommen getroffen, wonach junge Männer aus Oberheffen, welche sich zu Meiern ausbilden wollen, in die Molkereischule zu Fulda eintreten önnen, wogegen die Molkereischule in Lauterbach dann Mädchen aus dem Regierungsbezirk Kassel aufnimmt. Zum Schluß seiner Ausführungen forderte Herr Schlenke die Anwesenden auf, in ihren Kreisen dahin zu wirken, daß recht viele Landwirte Mitglieder der landwirtschaftlichen Vereine werden, die Versammlungen fleißig besuche» und Mitarbeiten, nur dadurch könne die Landwirtschaft gefördert werden. -1- Bad Salzhausen, 5. Dezember. Nun regt sich auch »as Jntereffe und die Baulust in Gießen für unser reizend gelegenes Bad, für das die Regierung das größte Wohlwollen beweist. Es haben nämlich zwei Gießener Herren die Bauplätze Nr. 6 und 7 — 4930 Quadratmer und 18 und 19 — 4940 Quadratmeter, Die in der Nähe des Kur- rarks liegen, um etwa 9900 Mark erworben und gedenken rort hübsche Villen zu errichten. Die abgelaufenc Bade- aison hat nicht bloß einen ungewöhnlich großen Zufluß von Badelustigen, sondern auch außerordentlich günstige Kur- und Badeergebnisse geliefert, und das ist doch die Hauptsache. E Echzell, 5. Dezember. In großen Schrecken versetzt wurde gepern nachmittag eine ältere Frau, als sie in das obere Stockwerk ihrer Wohnung kam und ihre verheiratete Tochter hier hängen sah. Die Frau faßte ihren ganzen Mut und ihre Kräfte zusammen, schnitt die Unglückliche ab und sandte nach dem Arzte, dessen Bemühungen es gelang, die Lebensmüde vom Tode zu erretten. Zerrüttete Familienverhältnisse hatte die Bedauernswerte, die Mutter von sieben Kindern ist, zur Verzweiflung getrieben. H. Vom Fuße des Hoherodskopfs, 5. Dezember. Eine amerikanische Comfere, die Sitkafichte, von der Nordwestküste (König Georgs Archipelagus) stammend, hat sich bei uns im Vogelsberge akklimatisiert und wird in kurzer Zeit förmlich das Bürgerrecht erhalten. Das Wachstum dieses Waldbaumes und die trefflichen Eigenschaften seines Holzes berechtigen zu den schönsten Hoffnungen in Bezug auf die späteren Erträge unserer prächtigen Forsten. In letzter Zeit sind wieder 20000 Pflänzlinge der Sikka- fichte in den hiesigen Revieren zur Anpflanzung gelangt; die Pflänzlinge stammen aus Holstenbeck in Holstein. Kunst und Wissenschaft. München, 5. Dezember. Fräulein Irene Triesch vom Frankfurter Stadtlhealer gastiert gegenwärtig mit großem künstlerischem Erfolg im diesigen Hoftbeater. Weimar, 4 Dezember. Als Nachfolger des in den Nuhe- stand getretenen Archtorots Dr. Paul Mitzschke ist Dr. Treffs von der Leipziger Untversitäts-Btbliolheck an das hiesige Staatsarchiv berufen worden. Ktteratur. — Unter dem Titel »Sie Hohenzollern in Bild und SBort* (Preis elegant gebunden 5 Mark) bringt die Verlagsbuchhandlung von Martin Oldenburg in Berlin ein Werk auf den diesjährigen Weihnachtsmarkt, dessen Widmung S. M. der Kaiser angenommen hat. Dasselbe giebt in einem Prachtbande von stattlichem Folioformate in gediegenster typographischer und künstlerischer Ausstattung 43 halbseitige Abbildungen inreichemFünsfarbendruck, die nach Original- zeichnungen von Carl Röhling eine Reche der wichtigsten Momente aus der Geschichte der Hohenzollern darstellen. Den begleitenden Text zu diesen Abbildungen hat Prof. Dr. Rich. S t e r n f e l d verfaßt und in demselben eine gemeinverständliche Darstellung der wichtigsten geschichtlichen Begebenheiten aus den ruhmvollen Annalen des Hohen» zollcrnhauses geboten, die im warmen Tone echter Vaterlandsliebe, aber frei von serviler Einseitigkeit gehalten und daher geeignet ist, sowohl der heranreifenden Jugend als auch den weitesten Volkskreisen zur Belehrung und patriotischen Erbauung zu dienen. Der Preis des Buches — 5 Mark in elegantem Leinenband — ist ein verhältnismäßig so geringer, daß dem schönen Werke die weiteste Verbreitung von vornherein gesichert erscheint. O Die Äunftanftalt Trowitzsch u. Sohn in Frankfurt a. O., die sich zur Aufgabe gemacht hat, die Meisterwerke der klassischen Malerei in möglichster Vollkommenheit farbig zu reproduzieren, versendet soeben ihren ersten illustrierten Katalog, aus dem wir ersehen, daß in diesem Jahre Raffaels „Sixtina" und Palma vecchios „Heilige Barbara" neu erschienen sind. Das Verfahren bei der Herstellung der Farbenplatten in der Trowitzsch'schen Anstalt ist ein durchaus künstlerisches: die Platten werden mit der Hand in Kreide gezeichnet, jedes Hilfsmittel, auch die Benutzung der Photographie ist grundsätzlich ausgeschlossen. So nur ist es zu verstehen, daß bte Herstellung der Sixtina 4 Jahre annähernd gedauert hat. Einen großen Vorzug dieser Bilder, wodurch sie sich besonders schnell die Gunst des Publikums erworben haben, bilden die schönen Rahmen, in denen sie herausgegeben werde», auch zur Sixtina und Barbara sind eigens paffende Rahmen modelliert worden. — Viele Verehrer der Trowitzsch'schen Anstalt wird es interessieren, daß jetzt auch mit der Herausgabe kleinerer, moderner Bilder begönne« ist: 9 davon sind im Kataloge abgebildet. Wir finden Jagdbilder von Professor Recknagel, zwei Tiroler Köpfe von Kotschenreiter, ein fröhliches Kellerbild aus der Zeit des 30jährigen Krieges „Wein, Weib, Gesang" von Viktor Schwert, eine „Nachmittagsstimmung auf dem Chiemsee" von Dieffenbacher u. a. m. Jede Kunsthandlung führt Trowitzsch'sche Bilder, auf die hiermit vor Weihnachten aufs neue die öffentliche Aufmerksamkeit gelenkt werden soll. s eidenstofFe/^^Ä”»^'.”-™ Sammte von Elten & Keussen und Velvets Man »tri. unser Mustersortiwtot. Ml weniger Kohlen eine Neuerung, welche gewaltige Umwälzungen im Budget der Hausfrau hervorzubringen im stände ist und die Schreckwffe deS gefürchteten Waschtages zu bannen vermag. — Jede Hausfrau ist in der Lage, diese Ersparnis zu erzielen, indem sie statt gewöhnlicher Waschseife — SunlighttSeife verwendet. Diese vorzügliche Seife macht das Kochen und Brühen der Wäsche unnötig und reinigt dieselbe infolge ihres hohen Fettgehalte» in der Hälfte der Zeit. 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