Nr. 233 Zweites Blatt Mittwoch den 4. October 1899 Meßmer Anzeiger Mneral-Nnzeiger Ntrugs,rew oierlkljährlich 2 Mark 20 Pf,, monatlich 75 Pfß. mit Bringerloh». Bei Postbezuj 2 Mark 50 Pftz. vierteljährlich. ■ Alle Anzeigen-vermittlungSstellen de< In- und ÄuilenHl nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger cntyf«. Ronachrne »en Anzeigen zu der nachmittags für len fnlßevden te| erscheinenden Nummer bi» vorm. 10 Uhr. Erscheint tt«Nch mit Ausnahme des MontagS. Di« Gießener »erden dem Anzeiger »Ichentlich viermal beige legt. Amts- und Anzeigeblntt füv den Kwb Gieszen. Rdefthn, Lxpedition und Druckerei: Kch»tßr»ße Nr. 7. Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Klätter sür hessische Volkskunde. Adresse für Depeschen: Anzeiger chlejhd». Fernsprecher Nr. 51. Polnische Lehrer. Der Herr Abgeordnete Motty hat sich vor einiger Zeit im Abgeordnetenhaus sehr eingehend mit den Lehrern, besonders den deutschen, in der Provinz Posen beschäftigt und sie dabei als die reinen Tyrannen hinstellt. Im folgenden möge dem Herrn eine kleine Blütenlese vom Verhalten der Lehrer polnischer Nationalität zur gefälligen Kenntnisnahme vorgelegt werden. 1. Vor einiger Zeit sollte an einer katholischen Landschule, an welcher bisher nur katholische Lehrer angestellt waren, wegen der Zunahme der evangelischen Kinder ein evangelischer Lehrer angestellt werden. Gegen die Anstellung legte die Gemeinde Beschwerde bei dem Herrn Minister ein. In der Beschwerde wurde ausgeführt, daß die ganze Gemeinde evangelisch gemacht werden solle. Der Verfasser der Schrift »ar der erste Lehrer des Orts. 2. Ein deutscher Lehrer hat sich einen Mann zum Holzhauen bestellt. Der andere Lehrer der Schule sieht ihn kommen und fragt ihn, wohin er gehe. Auf die Antwort, er gehe zu dem deutschen Lehrer arbeiten, erhält er die Belehrung: „Hast Du nichts anderes zu thun als zu dem deutschen Hund (przakref mhnice) arbeiten zu gehenI" 3. Gegen eine deutsche katholische Lehrerin, die aus einem Dorfe angestellt war, wurde eine Masseneingabe bei der königlichen Negierung eingereicht. In dem Schriftstück wurde die Lehrerin der Mißhandlung der Kinder und eines unsittlichen Lebenswandels beschuldigt. Eine Prüfung der Beschwerde ergab die Grundlosigkeit der Beschwerden. Es wurden nun Nachforschungen nach dem Verfasser angestellt; diese ergaben zunächst, daß eine Anzahl Unterschriften gefälscht waren. Es waren die Namen von längst Verstorbenen mit unterzeichnet. Schließlich stellte sich durch einen Zufall heraus, daß der Geistliche der Verfasser des Schriftstückes war, und daß der Organist dieses ins Deutsche übersetzt, abgeschrieben und die Unterschriften gesammelt hatte. 4. Eine Anzahl Lehrer, darunter ein des Polnischen nicht mächtiger Deutscher, kommen nach einer amtlichen Konferenz in einem Gaschos zusammen. Die Unterhaltung ist natürlich, obgleich der Deutsche mit am Tische sitzt, nur polnisch. Der Deutschs hört sich das eine Weile mit an, endlich ersucht er seine Herren Kollegen, doch mit Rücksicht auf ihn, sich der deutschen Sprache zu bedienen. Als Antwort wird ihm: „Wenn Sie unter uns verkehren wollen, so lernen Sie polnisch. Wir können sprechen wie wir wollen!" 5. Um nicht gar zu sehr Anstoß zu erregen, beteiligen sich die polnischen Lehrer an dem gemeinschaftlichen Festessen zur Feier des Geburtstages Sr. Majestät. Dann kann man jedoch stets beobachten, wie sie bei dem Hoch auf den Kaiser wohl von ihrem Platze aufstehen, jedoch in den Gesang der Volkshymne nicht mit einstimmen. 6. Einem Evangelischen, der zu einem katholischen Lehrer gehen mußte, um einen Schein zum Verkauf von Schweinen zu holen, verbat derselbe mit ihm Deutsch zu sprechen. Einem Andern sagte er: „Was haben Sie für eine (deutsche) Mütze, solche sind wir nicht gewöhnt zu sehen. 9. Vor einiger Zeit starb plötzlich ein deutsch-katholrscher Lehrer auf einem Dorfe. Die Zeit des BegräbnisieS war überall in der Umgegend bekannt gemacht. Zur Teilnahme hatten sich jedoch nur drei, ein polnischckatholischer, ein deutsch-katholischer und ein evangelischer Lehrer eingefunden. Der erste Lehrer des Ortes «Pole) war nicht anwesend. Bewohner des Ortes fehlten ebenfalls fast gänzlich. Als der Sarg aus der Wohnung getragen werden sollte, meinte der evangelische Lehrer, es würde sich doch wohl gehören, erst wenigstens ein Vaterunser am Sarge zu sprechen; dessen weigerte sich jedoch der erschienene Pole und so that- es der evangelische Lehrer. Dann wurde der Sarg von Knechten des Dominiums hinausgetragen zum Wagen. Jetzt fand sich der erste Lehrer des Ortes auch auf einen Augenblick ein. Er nahm den andern polnischen Lehrer bei Seite und sagte zu ihm auf polnisch: „Wir wollen hinten um das Dorf gehen. Es braucht Niemand zu sehen, daß wir mitgehen V* So bilden die Angehörigen des Verstorbenen und seine beiden deutschen Kollegen sein einziges Geleit. Am Begräbnisplatz angekommen, erwarteten die dortigen Lehrer den Zug. Auch hier fiel es auf, daß die polnischen Herren nicht anwesend waren. Auf dem Kirchhofe fanden sich auch die oben genannten beiden edlen Herren wieder ein. 8. Zur Feier des 25jährigen Amtsjubiläums eines polnischen katholischen Lehrers hatte sich aus dem Konferenzbezirk desselben ein Komitee gebildet, natürlich nur aus Polen bestehend. Der einzige in dem Bezirk angestellte evangelische, deutsche Lehrer erhielt (wahrscheinlich irrtümlich) eine Einladung zur Teilnahme an der Feier und sandte infolgedessen an das Komitee seinen Beitrag zum Jubiläumsgeschenke ein. Er erhielt ihn jedoch zurück, da seitens des Komitees die Annahme verweigert wurde. 11. Ein Lehrer hat aus Mangel an Platz ein der Schule gehörendes Bild des Kaisers in sein Wohnzimmer gehängt; dort sieht es ein anderer polnischer Lehrer, der zum Besuch kommt, und sagt zu dem ersten: „Was, ein solches Bild hast Du in Deinem Zimmer?" 12. Am Sedantage macht ein polnischer Lehrer, wie es befohlen ist, einen Spaziergang mit seinen Kindern. An einem pasienden Orte angekommen, wird längere Zeit gespielt. Schon dabei war von den Kindern fast kein deutsches Wort zu hören. Um weiter zu gehen, giebt der Lehrer auf Deutsch das Kommando: „Antreten!" Die Kinder sehen ihn groß an, aber rühren sich nicht zur Ausführung des Befehls. Erst nachdem das Kommando polnisch wiederholt worden ist, ordnen sie sich zum Zuge. Von solchen Leuten erwartet die Regierung die Erziehung der Jugend im deutschen Sinne! Politische Tagesüberslcht. lieber die Maßregelung der politischen Beamten schreibt Prof. Delbrück in den „Preuß. Jahrbüchern- : Die Räte, die den brandenburgischen Kurfürsten vom „Lande" beigegeben wurden, haben in ihrem ursprünglichen Charakter etwas vom Abgeordneten an sich, und es entsprach daher durchaus der historischen Entwicklung, daß man, obgleich ihr Beamtencharakter allmählich immer stärker geworden ist, ihnen dennoch die Wählbarkeit für die Volksvertretung ließ und die Kreise sie sogar oft mit Vorliebe deputirt haben. Daß ein gewisser Widerspruch darin liegt, ist unbestreitbar. Der Beamte, namentlich der Verwaltungsbeamte, der zugleich Abgeordneter ist, hat zwei Herren zu dienen: dem Willen von oben und dem Willen von unten. Aber da zuletzt doch alles Heil des Staates darauf beruht, daß diese beiden Willen sich immer wieder zu einem einzigen zusammenfinden, so ist es bis heute möglich geblieben, den formellen Widerspruch zu überwinden. Die Regierung war tolerant, die Landrats-Abgeordneten behandelten etwaige Opposition im einzelnen Fall mit dem nötigen Takt. Als ich selbst Mitglied des Abgeordnetenhauses war, war der Landrat v. Rauchhaupt der Führer der konservativen Fraktion und ich sagte mir damals öfter, mich in den Historiker der Zukunft versetzend, daß cs einmal als ein Ausdruck der besonderen Großartigkeit des preußischen Staatswesens betrachtet werden würde, wie ein Beamter der vierten Rangklasse mit solcher Selbständigkeit und freimütigen Kritik seinem vorgesetzten Minister als Macht gegen Macht gegenübertreten konnte, ohne daß doch das feste Knochengerüst der Subordination, dessen der Staat bedarf, dabei irgend welchen Schaden litt. Noch Herr v. Bennigsen hat als Oberpräsident den Widerstand gegen das Zedlitz'sche Volksschulgesetz geführt und die Allianz seiner Partei mit der radikalen Opposition dagegen angedroht, und das war eine nicht blos praktisch-wirtschaftiche, sondern eine Frage fundamentaler Prinzipien. Jetzt ist dergleichen für alle Zeiten vorbei Das Ministerium Hohenlohe-Miquel-Recke-Posadowsky hat aus unserem Staatswesen eine Kraft ausgeschaltet, die nie wieder ersetzt werden kann. Die preußischen Verwaltungsbeamten sind zu bloßen Präfekten herabgedrückt. Wenn bei den nächsten Wahlen für Landtag oder Reichstag Beamte aufgestellt oder gewählt werden sollen, so weiß man von vornherein, daß sie nichts als Regierungskommissare sein werden und sein wollen. Eine der stärksten Stützen der königlichen Autorität in Preußen, das Vertrauen, das nicht blos aus äußerem Gehorsam, sondern mit wahrer innerer Zustimmung die politische Intelligenz, die in unserem Beamtentum steckt, die Regierung unterstütze, dieses Vertrauen ist für die Zukunft unterbunden und muß absterben. Berlin, 1. Oktober. Die „Berliner N. Nachrichten" schreiben: Der Herr Abgeordnete v. Kardorff veröffentlicht eine Erklärung, in welcher er mitteilt, daß er seine Beziehungen zu den „Berliner Neuesten Nachrichten" in Folge unserer Behandlung der Mittellandkanalfrage abgebrochen habe. Wir glauben, mit unserer Haltung in dieser Frage den Jntereffen des Landes und dem Ausgleich zwischen Osten und Westen zu dienen, von dem wir überzeugt sind, daß er erfolgen und die Zukunft die Richtigkeit unserer Haltung erweisen wird. Aus dem Wahlkreis Wolmirstedt Neuhaldensleben meldet die „Magdeb. Ztg.": Am vergangenen Mittwoch wurde zu Wolmirstedt in einer Wahlmännerversammlung der einstimmige Beschluß gefaßt, einen Kandidaten aufzustellen, der zwar nach der zwischen der nationalliberalen und konservativen Partei bestehenden Abmachung ein Konservativer sein soll, doch seine Bereitwilligkeit zur Unterstützung der Kanalvorlage aussprechen müsse. — Reichssreundlichkeit in München. Vor einiger Zeit brachte mit dieser Ueberschrift die Münchener Wochenschrift „Odin" die Meldung, daß das Kommando des 1. Infanterie Regiments die Regimentskapelle zu einer Feier des Offizierkorps am 18. Januar verweigert, und daß am Kaisersgeburtstag das Kaiserhoch bei einer Feier im Kadettenkorps vom Kommandeur untersagt worden sei. Das Kommando des 1. Infanterie-Regiments teilte vor einigen Tagen mit, daß es dem „Odin" eine Berichtigung senden werde; sie ist in der letzten Nummer der Wochenschrift erschienen und lautet: Amtliche Berichtigung nach $ 11 des Preßgefetzes. Die in Nr. 23, Seite 6, Ihrer geschätzten Zeitung unter der Spitzmarke „Retchsfreundlichkeit in München" gebrachten Mitteilungen über Vorkommnisse im 1. Jnst.-Regt. und im Kadetten- Korps find unwahr. München, 22. 9. 99. von Thäter, von Langenmsntel, Komdr. dcs 1. J'.rf.-Regts. Oberst u. Komdr. des Kadettenkorps. Der „Odin" bemerkt zu dieser Berichtigung: Auf diese Berichtigung, die wir erwartet Haden, erwidern wir, was wir schon einmal betonten, daß wir an unserer Mitteilung sestbalten müssen. Unser Gewährsmann, dessen Namen wir selbstverständlich nicht preisgeben können, bürgt für die that- Feuilleton. * Der Autographenbettel. Wie einige unserer Dichter über den Autographenbettel denken, geht aus einem Dresdner Handschriftenkataloge hervor, in welchem Albumblätter von Wilhelm Jordan, Wilhelm Raabe und Johannes Scherr zum Verkaufe ausgeboten werden. Der Erstere schreibt: „Ich soll für Dich die müde Feder schwenken? Es giebt von mir weit bessere Angedenken, Und diese kannst Du Dir auch selber stiften: Statt meiner Schrift erwirb Dir meine Schriften." Demselben Gedanken giebt der Dichter des „Hunger- Pastors" Ausdruck, indem er schreibt: Wer den Bücherschrank nicht ehrt, Ist der Autographensammlung nicht wert!" Und der urwüchsige Johannes Scherr poltert folgendermaßen: „Zu den bösesten Findern, Gründern und Schindern, welche jemals die arme Menschheit heimgesucht haben, gehört meiner innigen Ueberzeugung zufolge der Erfinder von Autographensammlungen. Im übrigen — Im übrigen und dies beiseiten Bin ich ein Mann von Höflichkeiten und grüße Sie herzlich. Am Zürichberg, 29. September 76. I. Scherr." Man könnte in diesem Zusammenhang noch Grillparzers elegischen Ausruf anfügen: „Wann hört der Himmel auf zu strafen Mit Albums und mit Autographen!" * Dreyfus in England. Wie schon vor einiger Zeit verlautete, soll der einstige Gefangene von der Teufelsinsel die Absicht hegen, nach Beendigung seines Aufenthaltes in Carpentras dem Lande des Nebels einen Besuch abzustatten. Die Engländer schenkten dem Gerücht jedoch nur wenig Glauben, und es erregte daher kein geringes Aufsehen, als dieser Tage — wie uns aus London geschrieben wird — eine große Anzahl von Koffern und kleineren Gepäckstücken, an denen man hier und da eine Etikette mit dem Namen des berühmtesten Mannes des neunzehnten Jahrhunderts wahrnehmen konnte, aus Carpentras in Southampton anlangte. Das Gepäck wurde mit dem Südwestdampfer „Alma" von Havre herübergebracht und sollte sofort nach London weiterbefördert werden. Gleichzeitig wissen englische Blätter mitzuteilen, daß die Kinder des Begnadigten, denen man die schreckliche Wahrheit über den früheren Aufenthaltsort ihres Vaters bisher vollkommen zu verheimlichen vermochte, jetzt endlich durch einen Zufall entdeckt haben, weshalb ihr Vater ihnen so lange fern blieb. Die mit ihrer Gouvernante während des Prozesses an der See weilenden Geschwister kauften bei einem kleinen Krämer ihren Bedarf an Süßigkeiten und eines Tages fiel ihnen der Name ihres Vaters auf einer der aus Zeitungspapier gefertigten Düten in die Augen. Sie wurden aufmerksam und studierten mit großem Eifer einige Berichte über die Verhandlungen in Rennes. Dann fand der Knabe auch noch einen zerrissenen Papierdrachen, dessen Kopf aus einem Zeitungsblatte bestand, das eine kurze Uebersicht der ganzen Dreysusaffaire brachte. Die Kinder wandten sich um Auskunft an ihre Erzieherin und diese wollte ihnen einreden, daß es sich um einen anderen Mann namens Dreyfus handle. Der intelligente kleine Junge ließ sich aber nicht davon überzeugen, daß es außer seinem Vater noch einen anderen Hauptmann Alfred Dreyfus gäbe, dessen Frau Lucie hieße. Nun wüßte er auch den Grund, weshalb seine Mama immer so traurig gewesen märe, fügte er hinzu. Die ratlose Gouvernante nahm ihren Zöglingen das Versprechen ab, ihrer Mutter nie zu verraten, daß ihnen das Schicksal ihres Vaters kein Geheimnis mehr sei. * In welchem Alter hat ein Mädchen die meiste Aussicht, sich zu verheiraten? Die allgemeine Meinung scheint dahin zu gehen, daß dies mit 24 Jahren der Fall sei. Mit 24 Jahren aber hat ein Mädchen bereits 3/t $rer Aussichten, sich zu verehelichen, verpaßt. Stellt man diese Aussichten lächlichen Vorgänge. Wir fordern hiermit die beiden Herren Kommandeure auf, gegen uns Klage wegen Beleidigung zu erheben — unteres Ermessens ist in der Auslassung „Reichtzfreund- llcbkeit in München", wenn die angeführten Thatsach-n nicht der Wahrheit entsprechen, eine Beleidigung der genannten Kommando- ftellen unbedingt gegeben. Kommt es zu einer Verhandlung, dann werden wir durch Zeugenladungen den Nachweis führen, dah unsere Behauptungen wohl begründet waren. Wir erwarten also das weitere seitens des Kommandos des 1. Jnfanterie-RegimentS und des Kadettenkorps. ____________________________Die Schriftleitung des „OdtnS". Z-Kates Md ProvmMes. Gießen, den 3. Oktober 1899. •• Zum 4. Oktober! Unser Kalender feiert heute seinen Geburtstag. Es sind nun schon 316 Jahre her, als Papst Gregor XIII. eine Kommission zur Verbesserung des alten Kalenders einberief. Julius Cäsar setzte seinerzeit fest, daß immer auf drei gemeine Jahre von 365 Tagen ein Schaltjahr von 366 Tagen folgen solle. Dieser von Cäsar eingeführte Julianische Kalender, der alte Kalender, erhielt sich im Römerreich bis zum Ende desselben und ging auch in die christliche Kirche über. Da aber 129 Jahre dieses Kalenders um ungefähr einen Tag zu groß sind, so konnte derselbe nicht mit dem Laufe der Sonne in Uebereinstimmung bleiben. Es wurde daher die vorerwähnte Kommission einberufen. Da nach dem alten Kalender das Frühlingsäquinoktium 1582 auf den 11. März siel, anstatt auf den 21., ließ man 1582 zehn Tage ausfallen, und zwar wurde einer päpstlichen Bulle zufolge auf den 4. Oktober gleich der 15. gezählt. Damit aber im Laufe der Zeit der alte Fehler sich nicht wieder einstelle, wurde als Jahreslänge die Zeit von 365 Tagen 5 Stunden 49 Minuten 16 Sekunden angenommen. Da 400 solcher Jahre gleich 146 097 Tage 26 Minuten 40 Sekunden, 400 julianische Jahre aber 146100 Tage haben, so sind letztere um ca. drei Tage zu groß. Es wurde daher bestimmt, daß zwar im allgemeinen jedes Jahr, dessen Zahl durch 4 teilbar ist, ein Schaltjahr von 366 Tagen sein sollte, daß aber von den Schlußjahren der Jahrhunderte, wie 1600, 1700 usw. nur die mit 400 teilbaren — Schaltjahre, die anderen gemeine Jahre sein sollten. 1900 ist oeshalb kein Schaltjahr. ** Die Großherzoglichen Kreisämter haben die ihnen unterstellten Gendarmeriestationen und Ortspolizeibehörden beauftragt, genaue Neberwachung zu führen, daß keine auswärtigen, vom Staate nicht zugelassenen Lotterielose gespielt werden. Nachdem Artikel 4 der Bestimmungen des Gesetzes, betreffend Einführung einer staatlichen Klassenlotterie im Großherzogtum Hessen, ist nämlich seit 1. September das Spielen in außerhessischen Geldlotterien, sofern sie nicht neuerdings besonders staatlich genehmigt sind, verboten. ** Die Gestellungsbefehle der zur Infanterie eiuberufenen Rekruten der Großh. Hesfischne (25.) Division lauten auf den 13. Oktober. Eine Neuerung ist dieses Jahr insofern zu verzeichnen, als die Gestellungspflichtigen sich nicht mehr bei den zuständigen Bezirkskommandos zu melden haben, sondern direkt bei den Regimentern, denen sie zugeteilt sind. Außerdem ist den Leuten diesmal genaue Marschroute in Zeit und Fahrrichtung zu den Garnisonen vorgeschrieben. *’ Den jüngsten Bürgermeister im ganzen Großherzogtum dürfte demnächst, nach stattgefundener Be- stätigung, die Gemeinde Bodenrod besitzen. Daselbst ist am Donnerstag Herr P. Wissig VII. als Bürgermeister neugewählt worden, der mit 28 Jahren wohl das jüngste Ortsoberhaupt Hessens sein dürfte. ♦* Bauernregeln für den Monat Oktober. Trägt der Hase lang sein Sommerkleid, so ist der Winter auch noch weit. — Fällt der erste Schnee in'n Dreck, bleibt der Winter auch ein Geck. — Auf den Tag St. Gallus die Weidekuh in den Stall muß und der Apfel in den Korb muß. — Wenn Simon und Judas vorbei, rückt der Winter herbei. — Halten die Krähen Convivium, so sieh nach Feuerholz dich um. — Ist recht rauh der Hase, frierst bald du an die Nase. — Wenn im Moor viel Irrlichter steh'n, bleibt das Wetter lange schön. — Ist im Oktober das Wetter hell, bringt es her den Winter schnell. — Ist im Oktober Frost und Wind, wird Januar und Hornung gelind. — Oktober und März gleichen sich allerwärts. — Nordlichtschein bringt Kälte ein. — Sitzt das Laub an den Bäumen fest, sich strenger Winter erwarten läßt. — Wandert die Feldmaus nach dem Haus, bleibt der Frost nicht lange aus. — Bon Lukä bis St. Simonstage zerstört der Raupennester Plage. *' Manöver Nachklange. Der „Wetzl. Anz." schreibt: Ein sehr freundliches Urteil über die Verpflegung der in Wetzlar einquartiert gewesenen Truppen sinden wir in einem Artikel „Manöverbilder", lien ein Herr Guido von Franken in der „Sieg Lahn-Zeitung" in Siegen veröffentlicht hat. Es heißt daselbst: „Im Biwak kneipte Zivil und Militär nach Herzenslust. Vielfach wurden die guten Quartiere „im Preußischen" und vor allem in der Stadt Wetzlar gelobt. Sie erzählten alle, daß bei Fulda und in Oberhessen die Quartiere gut gewesen seien, aber besonders gelobt wurden die Ortschaften um Gießen und Wetzlar, vor allem letztere Stadt. Das freundliche Entgegenkommen der Wetzlarer Einwohnerschaft gegenüber den hessischen Truppen, vor allem des Kaiser Wilhelm- Regiments aus Gießen, wird allen in dankbarer Erinnerung bleiben. Möchte es doch ein guter Geist gnädig fügen, daß die alte, ehrwürdige Stadt wieder eine Garnison bekommt — vielleicht ein neu zu bildendes 18. Jägerbataillon! (?)" Hoffen wir, daß die guten Wünsche des Verfassers Erfüllung finden. ** Die Jahresversammlung der Auwaltskammer des Oberlaudesgerichtsbezirks findet am 7. d. Mts. in Gießen statt. Auf der Tagesordnung stehen außer dem Jahresbericht, der Rechnungsstellung, dem Voranschlag und Neuwahlen die Besprechung der Frage über Haftpflichtversicherung bei der Stuttgarter Versicherungsgesellschaft und Diskussion des Anerbietens der Magdeburger Versicherungsanstalt. Nach dem 20. Bericht des Vorstandes der Anwaltskammer ist die Zahl der Anwälte im Bezirk des Oberlandesgerichts auf 140 gestiegen. Auf Starkenburg entfallen 52 (50 im Vorjahre), auf Oberhessen 33 (gegen 31), auf Rheinhessen 55 Anwälte. Am 1. Oktober 1879 waren 114 Rechtsanwälte zugelassen, 1890 122 und 1899 sind 140 Anwälte in, den 3 Provinzen übernommen. Die Hilfskasse deutscher Rechtsanwälte hat in drei Unterstützungsfällen ansehnliche Unterstützungen ausbezahlt. Die Zahl der Armensachen, in denen Anwälte als Vertreter bestellt wurden, betrug im Berichtsjahr beim Oberlandesgericht 39, beim Landgericht Darmstadt 192, in Gießen 71 und in Mainz 232. In 22 Fällen wurden die Gesuche um Bewilligung des Armenrechts seitens des Oberlandesgerichts abgelehnt, während in Gießen nur 3 Gesuche dieser Art zurückgewiesen wurden. ** Zeitungs-Abonnements. In Bezug auf das Bestellgeld, das von den Zcitungs-Postabonnenten, neben dem Abonnementsbetrage zu zahlen ist, wenn diese die Zeitungen durch die Briefträger sich überbringen lassen, hat das Reichspostamt im vergangenen Jahre, worauf wir, da es zu wenig beachtet wird, einmal wieder aufmerksam machen, eine Verbesserung eingeführt. Bisher mußte beim Bestellen von Zeitungen das Bestellgeld stets für den ganzen Zeitraum, wofür der Abonnementspreis für die Zeitungen entrichtet werden muß, auch dann voll bezahlt werden, wenn die Postbestellung nicht gleich mit Beginn der nach dem Postzeitungskatalog bestimmten Bezugszeit der einzelnen Zeitungen, sondern erst später, also vielleicht um die Mitte des Monats-, Vierteljahres- oder Jahresabonnements, erfolgt war. Diese Einrichtung ist vom Reichspostamt dahin abgeändert worden, daß, falls die Bestellung auf eine Zeitung oder Zeitschrift „erst im Laufe einer Bezugszeit" geschieht, das Zeitungsbestellgeld dann von derPostanstalt „nach Verhältnis" nur für den Zeitraum erhoben werden soll, worin die betreffende Zeitung noch thatsächlich von der Post zu bestellen ist. *♦ Ein merkwürdiger Korrespondent aus Darmstadt treibt seit einiger Zeit in auswärtigen Blättern sein Wesen. Die „N. H. V." schreiben darüber: Als „Spezialität" scheint er Mitteilungen über angeblich verliehene Orden zu vertreiben. Wie er kürzlich die angebliche Verleihung eines hohen Ordens an den verflossenen Direktor Schiller nach auswärts berichtete, so übermittelte er gestern „telephonisch" an auswärtige Blätter die Meldung, daß die „Darmstädter Zeitung" (von gestern) „zahlreiche Ordensverleihungen durch )en Kaiser von Rußland" veröffentlichte. Die „Darmstädter Zeitung" veröffentlichte gestern aber nicht eine einzige russische Ordensverleihung. Man kann den betreffenden Blättern zu einem solchen gewissenhaften Berichterstatter nur gratulieren. *' Preisgekrönt. Aus Anlaß der Obstausstellung zu Friedberg für die Vereinsbezirke Friedberg und Gießen vom 22. bis 25. September wurden u. a. nachstehend ver- für die ganze Lebensdauer gleich 1000, so lassen sich dieselben für die verschiedenen Altersperioden wie folgt berechnen : Alter- Aussichten: Unter 18 130 18-19 219 20—21 233 22-23 161 24-25 102 26—27 67 28-29 45 30—31 18 32—33 14 34—35 8 36-37 2 38-39 1 Eine geheimmsvolle Schwimmerin. Aus dem fashionablen amerikanischen Seebad Narragansett auf Rhode Island wird folgende mysteriöse Geschichte berichtet: Seit vielen Wochen herrscht hier unausgesetzt das prächtigste Wetter. Der warme Sonnenschein und die herrliche klare Luft haben noch jetzt Hunderte von nervösen New-Yorkern, die während des Sommers nicht abkommen konnten, hierher gelockt. Das interessanteste Gesprächsthema der Badegäste bildet seit etwa zehn Tagen eine geheimnisvolle Fremde, die täglich dicht maskiert am Strande erscheint, ihr Bad nimmt und wieder verschwindet. Man weiß von der Dame nichts weiter, als daß sie eine ideale, schöne Figur besitzt, die der aus schwarzem Atlas gefertigte Badeanzug zur schönsten Geltung bringt. Lange, schwarze Handschuhe, schwarzseidene Strümpfe und eine das ganze Gesicht verhüllende, schwarze Atlasmaske vervollständigen den mysteriösen Eindruck, den die Badende hervorruft. Sie langt stets in einem von feurigen Rappen gezogenen eleganten, kleinen Coups an, läßt dieses bis dicht an das Wasser fahren und entsteigt dem Gefährt bereits im Badekostüm. Wenn nicht am Halse der maskierten Schönen ein schmaler Streifen blendend weißer Haut sichtbar werden würde, dürfte man sich veranlaßt fühlen, in ihr ein Menschenkind von derselben dunkelhäutigen Rasse zu vermuten, welcher der den Schlag öffnende Kutscher angehört. So große Mühe man sich auch schon gegeben hat, aus dem stämmigen Negerburschen herauszubekommen, wer seine Herrin ist — bisher war alles vergebens. Ohne die schwellenden Lippen auch nur ein einziges Mal zu öffnen, hält der Sohn Afrikas die Zügel der unruhig scharrenden Pferde und wartet auf die Rückkehr der schwarzverhüllten Nymphe, die gar keine Notiz von den zahllosen auf sie gerichteten Augenpaaren und Operngläsern nimmt und weit ins Meer hinausschwimmt. Nach etwa zwanzig Minuten taucht sie wieder am Ufer auf, läßt sich einen weiten, schwarzseidenen Waterproof-Mantel umlegen und verschwindet zeichnete Aussteller aus dem Kreise Gießen mit Preisen ausgezeichnet: 1. Für eine Sammlung von 16 Aepfelsorten je 10 Stück von Ortsgruppen mit Diplom I. Klasse: Bettenhausen und Klein-Linden. Mit Diplom II. Klaffe: Bellersheim, Grüniugen, Birklar, Hungen, Rabertshausen, Villingen und Röthges. Lobende Erwähnungen: Utphe, Trais-Horloff. 2. Für eine Sammlung von 16 Aepfelsorten, je 10 Stück ausgestellt von Baumwärtern. Diplom I. Klasse: Schmeel und Müller in Bettenhausen, H. Meyer in Langsdorf, I. Kreiling VI. in Heuchelheim bei Gießen. Mit Diplom II. Klasse: W. Jung in Holzheim, I. G. Rudolph in Lang-Göns, H. Gruber in Alten-Buseck. 3. Für eine Sammlung von 16 Aepfelsorten, je 10 Stück von Gemeinden ausgestellt: Mit Diplom II. Klasse: Lich. Lobende Erwähnung: Nonnenroth. 4. Für eine Sammlung von 16 Aepfelsorten, je 10 Stück von Kreisstraßen: Mit Diplom II. Kasse: Gießen. 5. Sammlung von 6 Birnsorten, je 10 Stück von Ortsgruppen. Lobende Erwähnung: Villingen. 6. Für eine Sammlung von 6 Birnsorten, je 10 Stück von Baumwärtern ausgestellt: Mit Diplom II. Klasse: I. Kreiling VI. in Heuchelheim. Lobende Erwähnung: W. Jung in Holzheim. 7. Für eine Sammlung von Apfelsorten, welche auch in ungünstigen Jahren verhältnismäßig gute Ernten liefern. Mit lobender Erwähnung: Baumwart Ferd. Hammer in Obbornhofen. 8. Für eine Sammlung von 6 Aepfelsorten, gezogen an Pyramiden: Mit Diplomen II. Klaffe: Christof Bonnarius in Großen-Buseck. 9. Für eine Sammlung von 12 Birnsorten von Pyramiden: Mit Diplomen II. Klasse: Christof Bonnarius in Großen-Buseck. 10. Für eine Sammlung von Aepfelsorten aller Art. Diplom II. Klasse: I. G. Hahn in Bellersheim. 11. Für eine Sammlung von Birn- sorten aller Art. Mit lobender Erwähnung: Pächter Kammer in Bellersheim. 13. Einzelne Obstsorten, je 10 Früchte: a. Kanada-Reinetten. Mit Diplom II. Klasse: I. G. Hahn in Bellersheim, Pfarrer König in Bellersheim. Mit lobender Erwähnung: Ortsgruppe Utphe, Ortsgruppe Bellersheim, b. Winter-Goldparmänen. Mit lobender Erwähnung: J.G.Hahn in Bellersheim, Christof Bonnarius in Großen-Buseck. c. Champagner-Reinetten. Lobende Erwähnung: I. G. Hahn in Bellersheim, ä. Große Kasseler Reinetten. Lobende Erwähnung: I. G. Hahn in Bellersheim, Ortsgruppe Bellersheim, e. Roter Eiser-Apfel. Mit Diplom II. Klasse: I. G. Hahn in Bellersheim, f. Boiken-Apfel. Mit Diplom II. Klasse: Pfarrer König in Bellersheim, g. Schafnasen. Lobende Erwähnung: I. G. Hahn in Bellersheim. 14. Handelsobst. 5 Kilo Tafeläpfel. Mit Diplom II. Klasse: Ortsgruppe Utphe, Christof Bonnarius in Großen-Buseck. 15. 5 Kilo Tafelbirnen. Mit Diplom II. Klasse: Christof Bonnarius in Großen-Buseck. -s Neu-Ulrichstein, 1. Oktober. Monatsbericht der Arbeiter-Kolonie Neu-Ulrichstein für den Monat September 1899. Am 30. September 1899 befanden sich in der Kolonie 28 Mann. Dieselben verteilen sich: 1. Nach der Geburt: Großherzogtum Hessen 3, Regierungsbezirk Kassel 2, Regierungsbezirk Wiesbaden 5, Provinz Rheinlande 3, Provinz Sachsen 1, Provinz Brandenburg 1, Provinz Schlesien 1, Provinz Ostpreußen 2, Königreich Bayern 3, Königreich Sachsen 4, Großherzogtum Baden 2, Thüringen 1. 2. Nach dem Gewerbe: Arbeiter 11, Barbier 1, Bureaugehülfe 1, Gärtner 1, Hutmacher 1, Kaufleute 2, Kürschner 1, Schlosser 3, Schneider 3, Schreiner 1,. Schuster 2, Weißgerber 1. Die Kolonie zählte im September 1899 761 Verpflegungstage, 671 Arbeitstage, 54 Sonntage und 36 Krankentage. Im Monat September wurden entlassen 7 Mann. Auf eigenen Wunsch 4, Arbeitsweigerung 3. Seit Bestehen der Kolonie wurden ausgenommen 3619, entlassen 3591, bleibt Bestand 28 Mann. 4* Grünberg, 2. Oktober. Der hiesige Krieg ex- verein veranstaltete gestern sein diesjähriges IctztesPreiS- Scheibenschießen, an welches sich die Verteilung der Preise schloß. Den ersten Preis errang Herr Christian Wagner. □ Grünberg, 2. Oktober. Auf Veranlassung des landwirtschaftlichen Bezirksvereins Gießen fand gestern im „Englischen Hof" dahier eine landwirtschaftliche Versammlung statt, die von Interessenten ziemlich gut besucht war. Den Vorsitz führte Herr Provinzialdirektor von Bechtold. Auf der Tagesordnung stand ein Vortrag des Herrn Oekonomierat Leithiger von Alsfeld über Schweinezucht. Im Anschluß an den Vortrag fand eine lebhafte Diskussion über das Thema statt, an welcher sich der Vorsitzende und viele Anwesende beteiligten. Es ging besonders im Innern der Equipage, die im schnellsten Tempo landeinwärts davonfährt. Die „jeunesse dor6e“ von Narragansett brennt vor Neugier, die Identität der schönen Unbekannten endlich feststellen zu können. * Zeitrechnung in der Schlafstube. Kommt mein Mann des Nachts nach Hause Und macht Lärm in seiner Klause, Dann kann ich ganz sicher geh'n: „Es ist zehn!" Aber, wenn er mehr, wie üblich, Sagt: „Guten Abend!" freundlich, lieblich Wenn er scherzt und wenn er lacht: „Mitternacht!" Wenn er aber leise, leise — In ganz ungewohnter Weise — Stumm sich legt mit Not und Müh': „Dann ist's früh!" * Die orientalische Frage. Bei Kommerzienrat Goldberger ist Gesellschaft. Pa gerade der griechisch-türkische Krieg ausgebrochen ist, unterhält man sich lebhaft von der „orientalischen Frage". „Ich muß offen gestehen", sagte die Gattin eines bekannten Diplomaten, „daß ich diese berühmte Frage durchaus nicht verstehe: sie ist mir zu verwickelt." — „Zu verwickelt?" rief schelmisch lächelnd der Kommerzienrat. „Ich kann Ihnen, meine Gnädige, die „orientalische Frage" mit zwei Worten erklären. Die orientalische Frage lautet . . . wie haißt?" Hieras nd sil ÄÄS stellung^ Klober teinber bis • „tbrf snrchleN/ bah SÄ»; Bei den Versteigerung Aepfel je N OuM 40 Psg. zu stehen. E « b bis 7 Ml- * Zweien, die sonst m ©immer kostet jetzt 2 Ertrag liefern gegenrot derselben wird mit w -- Utphe, 1. M wie dessen Dienstmädche in das Untersuchungsgef Ursache soll Meineid, b> Bad-Rauhem, 2.0 sind 130 Badegäste Bädern: «bezahl Zahl der vom 1. April Badegäste beträgt 2224 bezahlte und 11232 Fr A Seligenstadt, 1. der hiesigen Schn Mainz das einzige d ganzen GrvstherzvgtM Geschäftsjahre 85017 verzeichnen. Der Rei fahr 3946 Mk., roovo: zur Verteilung getan 57800 Mk., die Pass Generalversammlung im „Schwan" dahier Bingen, 2. Oktob rates Dr. Watyitf freunbin nad) btm 1 Schiss unb artete in Abfahrtszeichen. 1 UMng setzte, versuch Landnngtzdrnäe zn den Rhein und ertra gesunden werden. , Marburg, l.Olto tagen bei der hi g-g-n d°s Lochhr beschloß man in ein Stadtverordnetensltzum Wen zu geben. F « Ich 4 Prozent 4 /i Prozent. „..NW«, 2. O! S „ « btI M "'“ffiere auf $ol hngchcht. «18 btt W,. z. „Harn «Um M°° He,«- J jNs । Wtb Hi6«"bire' ^otsdam-x w' >vai ®°wmen uÄ’Wt \ fiit Ä. i d'nktor Mifit Ne Tbgr "so 'ns L 4)as 1 ®*e6th mit mre-r 9 von iß ans, >plom I orJ^Morttn °«uSr-N«t ’’bet^aufe» Ä’"8- l; Ul^e, Tr„^"S!» l°® I. Sin«.' ®*«®«',ObboW! ; “Rotten, aezoaen E' ^istof Bonnams QmmIun9 von 12 Birn, rjn-Me: Wf • (TUi eine Sammlung 'Iom U. Ach-. I. tz. ne Sammlung von Birn- Erwähnung: Pächter vzelne Obstsorten, je 10 Mit Diplom n. Klasse: er König in Bellersheim, ippe Utphe, Ottsgruppe nen. M lobender Er- i- Christof BonnariuS in Men. Lobende Erwähn« Aivhe Kasseler Reinetten. Bellersheim, OrtsgrMr M Diplom II. Klasse: oilen-Apsel. M Diplom lersheim. g. Schafnasen, hn in Bellersheim. 14. Mit Diplom II. Klasse: narius in Großen-Bnseck. iplom II. Klasse: Christof Monatsbericht der chstein für den Monat aber 1899 befunben sich 7 verteilen sich: 1. Mch :n 3, Regierungsbezirk den 5, Provinz Rhein- :ovinz Branbenbnrg l, frechen 2, Königreich Arohherzogtum Baden 2, >erl)e: Arbeiter 11, Bar« r 1, Hutmacher 1, Kauf- Schneider 3, Schreiner 1, Kolonie zahlte im vep- lüe, 671 Arbeitstage, 54 Monat September f eigenen Wunsch *, «J* Der Kolonie wurden aus« L Bestand 28 Mann. Der hiesige Kneger- )iesjähriges letztes d re li» tt di- #B*««*** '»»•Äff«* dwirtsch.af bc, Mag an° nrn- ichts nach va Klause, geh'"'- i!“ ilbllch'.. ..hsich reuiN;1" । n I* früi!“ . ,al ■ »*{ S*; hieraus hervor, daß die Schweinezucht und -Mast in Grün- bcrg und Umgegend für einen rentablen landwirtschaftlichen Betriebszweig gehalten wird, und daß man bemüht ist, denselben möglichst auszudehnen und zu fördern. Meder-Ohmen, 2. Oktober. Auf derAllgemeinenAus- stellung für Haus und Küche, welche am 23. September bis 1. Oktober l. I. zu Frankfurt a. Oder stattfand, erhielt die Molkerei Genossenschaft Nieder-Ohmen für ausgestellte Bogelsberger-Süßrahm-Tafelbutter die silberne Medaille. Q Vom nordwestlichen Vogelsberg, 2. Oktober. Trotz der regnerischen Witterung hat man nunmehr mit dem Ausnehmen der Kartoffeln begonnen. Der Ertrag ist als eine Mittelernte zu bezeichnen. Bei der Nässe ist zu befürchten, daß die Knollen in dem Keller stark von der Fäulnis befallen werden. Auf den Wiesen ist noch viel Grummet zu machen, und es wäre deshalb zu wünschen, daß bald beständiges, trockenes Herbstwetter eintreten würde. Gegenwärtig ist man allerorts mit dem Abernten des Obstes beschäftigt. Da der Ertrag in den einzelnen Gemarkungen sehr verschieden ist, läßt sich der Preis nur schwer seststellen. Bei den Versteigerungen des Gemeindeobstes kam das ©immer Aepfel je nach Qualität auf 1 Mk. 20 Pfg. bis 2 Mk. 40 Pfg. zu stehen. Schüttelobst wird von den Händlern zu 5 bis 7 Mk. aufgekauft. Sehr gesucht sind heuer die Zwetschen, die sonst in der Regel hier sehr billig sind. Das ©immer kostet jetzt 2 Mk. 50 Pfg. bis 3 Mk. — Reichen Ertrag liefern gegenwärtig die Brombeeren. Das Liter derselben wird mit 15 bis 20 Pfg. bezahlt. — Utphe, 1. Oktober. Der hiesige Gastwirt R., sowie dessen Dienstmädchen wurden plötzlich verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis nach Gießen verbracht. Die Ursache soll Meineid, bezw. Verleitung hierzu sein. Bad-Nauheim, 2. Oktober. Vom 22. bis 28. September sind 130 Badegäste angekommen, verabfolgt wurden an Bädern: 4203 bezahlte Bäder und 233 Freibäder. Die Zahl der vom 1. April bis 28. September angekommenen Badegäste beträgt 22 244, der verabfolgten Bäder: 287 530 bezahlte und 11 232 Freibäder. A Seligenstadt, 1. Oktober. Der Rohstoffverein der hiesigen Schuhmacher, neben Darmstadt und Mainz das einzige derartige Genossenschafts-Institut im ganzen Großherzogtum Hessen, hatte in seinem letzten (25.) Geschäftsjahre 85077 Mk. in Einnahme und Ausgabe zu verzeichnen. Der Reingewinn in Waren betrug im Jubeljahr 3946 Mk., wovon 3822 Mk. unter den 28 Mitgliedern zur Verteilung gelangen. Die Aktiven belaufen sich auf 57 800 Mk., die Passiven dagegen auf 53854 Mark. Die Generalversammlung des Vereins wird nächsten Sonntag im „Schwan" dahier abgehalten. Bingen, 2. Oktober. Die Dienstmagd des Medizinalrates Dr. Mathias begleitete am Samstagabend eine Freundin nach dem Trajektboot. Sie ging mit auf das Schiff und achtete in ihrer Unterhaltung nicht auf das Abfahrtszeichen. Als sich das Schiff bereits in Bewegung fetzte, versuchte das Mädchen noch, auf die Landungsbrücke zu springen; es sprang zu kurz, fiel in den Rhein und ertrank. Die Leiche konnte noch nicht gefunden werden. Marburg, 1. Oktober. Da im letzten Jahre die Einlagen bei der hiesigen städtischen Sparkasse gegen das Vorjahr um 30000 Mk. zurückgegangen sind, so beschloß man in einer gestern abend eiligst einberufenen Stadtverordnetensitzung, von jetzt ab anstatt 3 3>/z Prozent Zinsen zu geben. Für Darlehen gegen Hypotheken gibt es jetzt 4 Prozent und für solche gegen Faustpfand 4i/, Prozent. Kirchhasel, 2. Oktober. Auf dem hiesigen Kirchhofe wird das Grab der im Jahre 1866 gefallenen bayerischen Kürassiere auf Kosten des Regiments in würdiger Weife wieder hergestellt. Aus der Rhön, 29. September. In Vacha wird eine Ringofenziegelei für eine Jahresproduktion von 7 Mill. Ziegelsteinen errichtet.___________________________________________ ' Gerichtssaal. Die „Harmlosen" vor Gericht. Berlin, 2. Oktober. - An einem grauen Oktobermorgen begann heute im großen Saal zu Moabit die Gerichtsverhandlung, die während des Verlaufs dieser Woche für Berlin allem Anscheine nach alle anderen Sensationen in den Hintergrund drängen wird. Es war heute früh zwischen 8 und 9 im Potsdamer Viertel thatsächlich schwer, eine Droschke zu bekommen, da alle nach Moabit unterwegs waren, und um die Löwen-Schlangengruppe vor dem Kriminalgericht ging es viertelstundenlang wie ein ununterbrochener Korso; die Vorhalle, die Gänge wimmelten von Menschen, im Zimmer 32, wo die Kartenausgabe stattfand, war ein ununterbrochenes Kommen und Gehen, und die Diener hatten nicht Hände genug für alle die Visitenkarten, die an Herrn Landgerichtsdirektor Denso ins Nichterzimmer hineingeschickt wurden. Die Thür zum Zuschauerraum mußte eine Belagerung aushalten. „Rufen Sie die Zeugen herein!" mit diesen Worten eröffnete der Vorsitzende die Verhandlung — und ein endloser Menschenstrom schien sich in den Mittelraum des großen Schwurgerichtssaales ergießen zu wollen. Welche Fülle der Typen, welche Mannigfaltigkeit der Erscheinungen! Das Ofsizierkorps eines ganzen Regiments scheint hier aufzumarschieren — so viele graue Mäntel mit bunten Aufschlägen sind versammelt. Alle' Bevölkerungsklassen scheinen vertreten: Neben den frischen, schneidigen, offenen Offiziersgesichtern mit den durchgezogenen Schnurrbärten die korrekten Physiognomieen eleganter Regierungsasfefforen, die glattrasierten Gesichter von Oberkellnern und Kammerdienern — Studenten, Hotelwirte, Journalisten, alles bunt durcheinander. Das ewig Weibliche ist in der Minderheit, aber auch in allen Nüaneen schillernd, von der bleichen, in tiefes Schwarz nach dem neuesten Schnitt gekleideten Lebedame bis zur behäbigen Zimmervermieterin und zum schüchternen Dienstmädchen. Der Vorsitzende verliest die Zeugenliste: Kaum ein großer und geschichtsberühmter Name des preußischen Adels fehlt darunter: Die Kanitz, die Eulenburg, die Puttkamer und zahlreiche andere sind durch mindestens einen Sprößling vertreten, und jeder fünfte oder sechste Zeuge führt den Grafentitel , adlig ist die Mehrzahl. Ein sympathischer, menschlicher Zug kommt von vornherein in die Verhandlung; aber der Vorsitzende konstatiert, es sei überflüssig, die Vorgesetzten des Angeklagten von Kayser zu vernehmen, da er selbst dessen wissenschaftliche Arbeiten gelesen und aus ihnen den besten Eindruck von seinem Fleiß, seinem echt wissenschaftlichen Streben gewonnen habe. Durch diese autoritative Aeußerung wird der ganzen Verhandlung von vornherein jeder Zug von Bitterkeit genommen. Eine lange Debatte entspinnt sich bezüglich der fortgebliebenen oder nicht aufzufindenden Zeugen, unter denen die geheimnisvolle Gestalt des Dr. Kornblum einen vielleicht entscheidenden Schatten über die Verhandlung wirft. Während der langen Vordebatte hatte man genügend Zeit, sich die drei Angeklagten gut anzusehen. Der erste Eindruck ist bei allen Dreien der einer ziemlich grünen Jugendlichkeit. Am vollsten und männlichsten sieht v. Schacht- meyer mit feinem strammen, aufgedrehten Schnurrbart aus, er ist der nervöseste, zupft fortwährend am Bart, an der Kravatte, an den Fingern; v. Kayser, ein mittelgroßer, dürrer Jüngling mit kleinem Schnurrbart, sieht bleich und angegriffen aus; am meisten gewinnt vielleicht auf den ersten Anblick v. Kröcher mit seinem offenen, wenn auch ernsten Gesicht. Herr v. Kayser spricht über seine Spielabenteuer, als wären sie die natürlichste Sache von der Welt und die eigentliche und bestimmungsgemäße Thätigkeit der Menschheit. Er erzählt von seinen Gewinnen, seinen Schulden, seinen Räuschen mit einer Naivetät, als verstände er nicht, wie sich irgend ein Mensch der Welt darüber wundern könnte, er erklärt es für selbstverständlich, daß in Spielklubs der Oberkellner der Geldleiher fei, sobald der Spieler in Verlust sitze. Er bringt alle diese Intimitäten, diese Geschichten von Komplicen, die, wenn sie gewinnen, auf Zahlung dringen, und wenn sie verlieren, nicht zum Zahlen zu bewegen sind, mit einer Selbstverständlichkeit vor, die ganz eigentümlich anmutet. Seine Briefe lassen uns einen tiefen Blick in den Zustand eines Spielers thun, der auf einer ewigen Hetzjagd begriffen ist, um von feinen Schuldnern Geld aufzutreiben, um feine Gläubiger zu befriedigen, und der in der schmutzigsten Angelegenheit der Welt unablässig an Ehrenhaftigkeit, guten Willen und Treue und Glauben denkt. Die Verhandlungen unter Vorsitz des Landgcrichtsdirektor Denso finden im großen Schwurgerichtssaale statt. Zutritt zum Zuhörerraum ist nur gegen besondere Einlaßkarten gestattet. Unter den zahlreichen Zeugen, die bei Ausruf der Sache in den Saal treten (es sind weit Über 100 Zeugen geladen), befinden sich viele Offiziere, die zumeist Kavallerie-Regimentern angehören. Die drei Angeklagten v. Kayser, v. Kröcher und v. Schachtmeyer werden aus der Untersuchungshaft vorgeführt. Ihnen stehen Dr. Schachtel, Iustizrat Dr. Sello, Dr. Schwindt und Pincus I. als Verteidiger zur Seite. Die Anklage wird durch den Ersten Staatsanwalt Dr. Jsenbiel und den Staatsanwalt Keller vertreten. Wie der Vorsitzende mitteilt, wird die Verhandlung mehrere Tage in Anspruch nehmen, doch ist noch nicht vorherzusehen, wie weit sie sich ausdehnen wird. Eine große Anzahl der vorgeladenen Zeugen meldet sich beim Ausruf nicht. Der Grund ihres Ausbleibens ist sehr verschieden. Der Zeuge Dr. phil. Kornblum ist „nicht auffindbar" gewesen, Zeuge Graf Münster ist auf ein Jahr nach Afrika beurlaubt, ein anderer Zeuge befindet sich „in Norwegen auf der Jagd", ein dritter in Amerika, mehrere haben Kranlheitsatteste eingeschickt. Die Schauspielerin Lona Kusfinger hat ihr Wegbleiben damit entschuldigt, daß sie bei Nichtwahrnehmung ihrer Berufspflichten eine Konventionalstrafe von 500 Mk. würde zahlen müssen. Sie erklärt sich bereit, sich in Hannover vernehmen zu lassen. Ein Zeuge, Prinz Thurn und Taxis, ist vorläufig abbestellt worden, d»r Verteidiger erklärt jedoch, bei allem Entgegenkommen, auf die Durchlaucht nicht verzichten zu können. Als Zeugen sind u. a. auch die Kriminalkommissare v. Manteuffel und Damm zur Stelle, ferner als Sachverständige der Bücherrevisor Reuter und der Taschenspieler Hermann. Von der Verteidigung war noch ein Herr v. Oertzen vom Unionklub als Sachverständiger geladen worden, derselbe hat aber abge- lehnt, als Sachverständiger zu fungieren. R.-A. Dr. Schachtel giebt anheim, an seiner Stelle einen anderen Herrn zu laben, der weder Kriminalkommissar, noch Taschenspieler ist. Er glaube, daß die Mitglieder des Unionklubs, die als solche ohne weiteres GenUemen seien, sich zur Abgabe eines Gutachtens besonders eigneten. Er beantrage, den Rittmeister o Arnim als Sachverständigen zu laben. Dies wirb beschlossen. Dr. Schachtel verweist barauf, daß die Verteidigung Wert darauf lege, daß ein Zeuge aus Frankfurt a. O. über die Arbeitsamkeit und den Leumund des Angeklagten v. Kayser vernommen werde. Der Vorsitzende erklärte, daß der Gerichtshof durchaus nicht bezweifle, daß der Angeklagte v. Kayser fleißig gearbeitet habe. Der Vorsitzende habe sich sogar die Mühe genommen, die schriftliche Prüfungsarbeit des Herrn v. Kayser dnrchznsehen und habe den Eindruck gewonnen, daß es sich um eine fleißige und wertvolle Arbeit handle. — Rechtsanwalt Dr. Schachtel: Nachdem dies vom Gerichtshof anerkannt ist, erübrigt sich die Vorladung des Leumundszeugen; bisher waren Über Herrn v. Kayser andere Ansichten verbreitet worden. Nachdem festgestellt worden, welche Zeugen fehlen und welche Schritte zu thun find, um die nicht erschienenen zur Stelle zu schaffen, werden fast sämtliche Zeugen für heute, einige sogar bis Freitag entlassen. Nachträglich meldet sich Vizekonsul Moos als Zeuge. Vor Entlassung der Zeugen spricht der Vorsitzende die Zuversicht ans, daß sämtliche Zeugen bei Abgabe ihres Zeugnisses recht gewissenhaft verfahren werden. Sollte der eine oder der andere auch ein leidenschaftlicher Spieler sein und vielleicht das Gefühl haben, daß auch er etwas gewerbsmäßig gespielt hat, so sei er berechtigt, in letzterer Beziehung die Aussage zu verweigern. Rechtsanwalt Dr. Schachtel giebt anheim, ob es nicht noch Mittel gebe, den Dr. phil. Kornblum als Zeugen herbeizuschaffen. Dr. Korn- blum sei die Seele der ganzen Belastung, er habe die Zeitungsartikel inspiriert, er habe Herr v. Manteuffel instruiert, und es würde für die Verteidigung eine wahre Freude fein, diesen Herrn persönlich zur Stelle zu haben, um von ihm zu hören, aus welchem Grunde er die Angeklagten für schuldig hält. Es wäre interessant, zu erfahren, welche Recherchen die Staatsanwaltschaft zur Ermittelung des Dr. Kornblum angestellt hat — Oberstaatsanwalt Dr. Jsenbiel: Die Staatsanwaltschaft hat alle Mittel angewandt, die ihr zu Gebote stehen, um den Aufenthalt des Dr. Kornblum zu ermitteln, dies sei aber nicht möglich gewesen. — Dr. Schachtel: D,e Verteidigung hat alle Veranlassung, anzuiiehmen, daß dieser Hauptbelastiingszeuge sich von dem Zeugnis drücken möchte, und sie hat lebhaftes Jntereffe daran, diesen Zeugen hier an Gerichtsstelle zu haben. Nach Zeitungsberichten soll er sich in Brüssel befinden. — Oberstaatsanwalt Dr. Jsenbiel giebt anheim, die gerichtliche Aussage des Dr. Kornblum vorznlesen. Dr. Schachtel widerspricht diesem Vorschläge ganz entschieden und behält sich weitere Anträge für später vor. Die Verteidigung wünsche um keinen Preis eine Vertagung. — Iustizrat Dr. Sello: Bei dem erheblichen Interesse, welches die Verteidigung an der Vernehmung des Herrn Dr. Arthur Somblum hat, erbittet sie Auskunft, welche Schritte zur Ermittelung dieses verschwundenen Zeugen gethan sind. — Ans den Akten wird festgestellt, daß die verschiedensten Schritte vergeblich gethan sind; Dr. Kornblum ist „zu einer Reise nach Italien" abgemeldet. — Rechts- anw. Dr. Schachtel macht darauf aufmerksam, daß das Zeugnis des Dr. Kvrnblum nicht werde verlesen werden können..- Er habe dies Zeugnis seiner Zeit nicht als Zeuge, sondern noch als Angeklagter abgegeben. Das Verfahren gegen ihn sei erst später eingestellt worden. — Oberstaatsanwalt: Nach der Rechtsprechung sei dies ganz gleichgiltig. Nachdem beschlossen worden, den Versuch zu machen, einige sehr wichtige Zeugen durch Depeschen nach Italien, Montreux rc. hcrbeizn- holen, wird in die materielle Verhandlung eingetreten. Der Anklagebeschluß sowohl als auch der Beschluß, durch welchen die Eröffnung des Verfahrens wegen Betruges abgelehnt wird, wird verlesen. Das Kammergericht hat die hiergegen eingelegte Beschwerde der Staatsanwaltschaft zurückgewiesen, da die Strafkammer selbst zu prüfen haben werde, ob in einheitlichem Zusammenhänge mit dem gewerbsmäßigen Glücksspiel etwa auch Betrug vorliege. Der Vorsitzende erklärt daher, daß der Gerichtshof nun also in der Lage sei, zu erwägen, ob neben dem 'Vcr- gehen des gewerbsmäßigen Glückspiels in Jdealkonkurrenz noch Betrug vorliege. Das sei gegenüber irrtümlichen Auffassungen in Preßorganen hervorzuheben. Der Vorsitzende macht daher die Angeklagten mit dem Inhalte des § 263 St.-G.-B. bekannt. Bei der hierauf folgenden Vernehmung erklärt der Angekl. von Kayser: Er sei der Sohn des verstorbenen Oberst z. D. Edwin von Kayser, seine Mutter sei mit dem Oberlandforstmeister Ministerialdirektor Donner eine zweite Ehe eingegangen. Ain Tage nach seiner Verhaftung sei er durch Verfügung des Bezirkskommandos zur Garde- Landwehr-Cavallerie übergeführt worden. Zwei jüngere Brüder seien Offiziere, der eine sei sehr reich verheiratet. Seine Mutter habe in den letzten Jahren etwa 70 000 Mk. für ihn bezahlt, darunter befanden sich im Jahre 1894 17 000 Mk. Spielschulden, dann sei ihm, als er als Referendar in Berlin in das große Leben eintrat, ein Kapital von 12 000 Mk. überwiesen, durch Vermittelung seiner Mutter sei ihm ein Legat von 4000 Mk. überwiesen worden außerdem habe er durch seine Brüder und andere Personen Darlehen erhalten. Seine Mutter sei jederzeit in der Lage und bereit gewesen, Schulden in bedeutender Höhe zu bezahlen. Er habe im Jahre 1895 große Spielverlitste gehabt, die teilweise auch darauf zurückzuführen seien, daß er einmal in großer Trunkenheit sich auf Spiele eingelassen habe, in die er in nüchternem Zustande nicht hineingegangen wäre. Er sei im Winter 1894/95 nach anfänglichen Verlusten im Glücke gewesen, so daß er über 30 000 Mk. besessen habe, die aber im nächsten Winter wieder verloren gegangen seien. Schon im Oktober 1896 habe er seiner Mutter einen großen Posten Spielschulden beichten müssen. Jetzt habe er 14 000 Mk. Spielschulden, dagegen stehen ihm etwa 15 300 Mk. von anderen Herren zu. Auf Befragen des Vorsitzenden gibt der Angeklagte zu, den Oberkellner Kotz manchmal an Spielabenden angeborgt zu haben. Der Angeklagte meint, daß dies mit feiner Behauptung, zur Regulierung seiner Spielschulden fähig gewesen zu fein, nicht im Widerspruch stehe. Auch cm Bleichröder würde, wenn ihm während des Spieles einmal das Geld ausginge, auch Geld sich borgen, da er des Nachts doch nicht auf die Bank gehen könne. Vors.: Sie haben aber doch manchmal recht bedenkliche Aeußerungen gethan, die mit Ihren jetzigen Angaben in Wider- spruch stehen. So haben Sie dem Leutnant von Neymann gesagt: Sie sind Offizier, Sie bekommen nichts, ich bin zudem gänzlich mittellos. Angekl.: Ich bestreite das. Vors.: Herr von Neymann hat aber diese Aeußerung beschworen. Angekl. v. Kayser: Wenn ich etwas Derartiges gesagt habe, kann es nur in der Trunkenheit geschehen fein. Ich habe auch schließlich Herrn von Neymann einen Teil meiner Schulden abgezahlt, er hat also dadurch den besten Gegenbeweis von meiner Vermögenslage bekommen. (Fortsetzung folgt). Kirche und Schule. Koburg, 30. September. Die Einführung des Steno- graphieiinterrichts in den Schulen macht stete Fortschritte. Mit Beginn des kommenden Winterhalbjahres wird auch unser Herzogtum Koburg den stenographischen Unterricht als wahlfreien Lehrgegenstand einführen und zwar zunächst an der Oberrealschule in Koburg. Der Landtag hat die dazu erforderlichen Mittel auf Antrag der Regierung vor wenigen Wochen bewilligt. Die Auswahl des Systems hatte derselbe der Regierung anheimgestellt. Es ist nunmehr das System Gabelsberger gewählt worden, welches bereits in Bayern, Sachsen, Weimar, Oldenburg und Gotha, und ebenso auch in Oesterreich, unter Ausschluß aller anderen Systeme staatlicherseits in den Schulen eingeführt ist. Landwirtschaft. H. Aus dem Horloffthal, 2. Oktober. Mt den Obfipreisen ging es in her abgelaufenen Woche etwas auf und nieder und es hatte fast den Anschein, als wenn hier ein bischen „Mache" dabei wäre. Bald sprach man von 7 Mk., bann von 8 und 8L, Mk. für Schüttelobst, worauf ein rascher Rückfall auf sogar 6 Alk. gemeldet wurde, weil starke Zufuhren nach Frankfurt erfolgten. Heute spricht man allgemein von 8 Mk., womit wohl das richtige getroffen sein dürfte. — Diejenigen Hitzköpfe, welche bereits vor vier Wochen Kartoffeln 'ausmachten, schauen jetzt schon nach ihren Vorräten, denn damals war die Hitze noch sehr groß und man bringt die Kartoffeln nicht gerne heiß in die Keller. Die Knollen hatten aber auch dazumal noch keine rechte Schale, weil sie noch nicht genügend reif waren, wodurch die Kartoffeln unhaltbar werden. Das Regenwetter hat aber bis jetzt fast keinen Schaden gethan und die Knollen konnten ausreifen. Blinder Eifer schadet nur! Die Wirkung der Kräuter! „Was packst Du denn da für ein Packetchen in Deinen Koffer, liebe Bertha?" „Das ist mein Zaubertränklein, nicht allein aus Reisen, sondern auch im täglichen Gebrauch. Es ist mein steter treuer Begleiter und hat mir schon unzählige Dienste geleistet, liebe Anna." „So, so, das klingt ja ganz märchenhaft, darf man denn wissen, was für ein Marschall Dein steter Begleiter ist?" „Von Herzen gern. Du weißt, baß ich leicht an Lungenspitzen-Affektionen leibe. Im vorigen Sommer litt ich besonders schwer baran, unb selbst Lippspringe schien mir keine Linberung verschaffen zu wollen. Beinahe am Schluß meiner Kur wurde ich dort mit einer Leidensgenossin bekannt, die mir als Mittel gegen diese heimtückische Krankheit Kräuter-Thee anriet. Sie selber hatte von demselben gebraucht unb lobte ihn über alle Maßen. Ich selber muß bekennen, baß mir gleich nach ben ersten Tassen, die die liebenswürbige Dame für mich mit bereitete, besser würbe. Ich trinke seitdem jeden Morgen ein Täßchen von diesem Kräuter-Thee, der aus dem russischen Kraut-Knöterich (Poligon) gewonnen wird. Dies seltene Kraut gedeiht nur in einzelnen Ländereien Rußlands, wo es ungefähr einen Meter hoch wird. Aber nicht allein für mich wende ich diesen Thee an, sondern auch mein Mann, der oft an Heiserkeit und Husten leidet, trinkt ihn gern, weil er stets hilft. Meinem Jungen, der recht oft an Bronchialkatarrh leidet, thut er stets Wunder. Kurz unb gut, ber Thee ist von unbezahlbarem Wert. Ich weiß nicht, ob er in Spezialgeschäften zu beziehen ist. Echt bezieht man ihn von Ernst Weibemann, Liebenburg a. H. Viele ärztliche Aeußerungen unb Empfehlungen, sowie bie mannigfaltigsten Atteste beweisen hmreichenb bie vorzügliche Güte bieses Getränks, benn ber Thee hilft nicht nur bei den oben erwähnten Leiden, sondern heilt auch noch Asthma, Kehlkopfleiden, Atemnot, Brustbeklemmung, Bluthusten usw. Ein Universalmittel gegen alle Erkrankungen der Luftwege. Frau Dr. K. in R. per Vi Kilo. Wk 2.50 3.- ff 3.50 5.- flioeN1 An und Qabelsberger hograph-te Giessen e 9 Uhr ab. 4743 Das Honorar beträgt 6 Mark. 6637 Wied- r frisch eingetroffen. 6975 Carl Reh, Wagengaffe. Msrkt 2l. A. & G. Wallenfels, «riephw is vermieten. Ederstratze 2 6978 Aeivfteu tzIioinpÄZ 6731 mieten. Licherstratze 7. mieten. Schillerstraße 27. 6533] Ein kl. Familienlogis per 1. Okt. zu vermieten. Afterweg 6. Kutscher gesucht s 6919 Htth«, Hoflohnkutscher. I Verantwortlicher Redakteur DMWrililM (ihiuiffhhiiiflcu Uevmietttngen (Offene Stellen H 3.t r und mit ♦4 Werkführer g sucht. 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