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Aezngsprei» vierteljährlich । 2 Mark 20 Pf,. ; monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn. Die Gießener ^««rrtenttttter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt. Aints- und Anzeigeblatt fiir den "Kreis Gieren. Redaktion, Axpedition und Druckerei: Schnkstraße Ar. 7. Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde. 1 — ■ _ —1 Adreffe für Depeschen: Anzeiger chieh«. Fernsprecher Nr. 51. Deutsches Keich. Berlin, 29. Juli. Die „ Hohenzollern" ist, um Kohlen für die Rückfahrt einzunehmen, in Bergen em- getroffen. Die Abreise erfolgt voraussichtlich Sonntag abend. Die Kommandanten der in Bergen lagernden englischen Schiffe haben gestern abend an Bord der „Hohenzollern" gespeist. Samstag fand ein Frühstück bei dem deutschen Konsul statt. Es regnet andauernd. — Die Abreise der Kaiserin und ihrer Kinder von Berchtesgaden wird neueren Bestimmungen zufolge am 5. August stattfinden. Wie bereits mitgeteilt, siedelt die kaiserliche Familie nach Schloß Wilhemshöhe über, wo sie längere Zeit zu verweilen gedenkt mit Ausnahme der drei ältesten Prinzen, und zwar des Kronprinzen Wilhelm und der Prinzen Eitel Friedrich und Adalbert, welche am 9. August zur Fortsetzung ihrer Studien wieder im Prinzenhause zu Plön ihren Einzug halten werden. Als Abschiedsgruß wird die Einwohnerschaft Berchtesgadens den hohen Herrschaften am Abend vor der Abreise eine großartige Huldigung darbringen, deren Einzelheiten noch nicht bestimmt sind. Die Geburtstagsfeier des Prinzen Oskar und die in Aussicht genommenen Veranstaltungen von der Einwohnerschaft Berchtesgadens und Umgegend ist trotz des am Abend eingetretenen Regens in glänzender Weise verlaufen. Wie von dort geschrieben wird, brachte die Kapelle der Bamberger Kaiser-Ulanen dem Geburtstagskind um 8 Uhr morgens ein längeres Ständchen, und abends bot das Berchtesgadener Thal einen geradezu märchenhaften Anblick. Während die Musikkapelle vor dem „Grand-Hotel" spielte, wurden auf den hohen Bergen der Umgegend zahlreiche Almfeuer angezündet. Der ehrwürdige Watzmann war in glühendrotes bengalisches Licht getaucht, und von seinen beiden Gipfeln stiegen zahllose farbige Raketen in die Höhe. Durch das sogen. „Weihnachtsschießen" der Bauernburschen wurde die Wirkung des von der Sektion Berchtesgaden des deutsch- ssterreichischen Alpenvereins, sowie des Verschönerungsvereins der Stadt veranstalteten Feuerwerks noch erhöht. Die Kaiserin nahm, in einem Armsessel ruhend, von ihrem Empfangszimmer aus an den Festveranstaltungen teil und war Gegenstand lebhafter Huldigungen der festlich erregten Volksmenge, während die kaiserlichen Kinder teilweise um die Mutter, teilweise auf dem vor dem Zimmer befindlichen Balkon weilten. Der Geburtstagstisch des 11jährigen Prinzen Oskar war natürlich überreich mit Geschenken bedeckt; auch der Kaiser hatte im hohen Norden seines Sohnes gedacht und außer einem Glückwunschschreiben einige hübsche Geschenke gesandt. Die Mitte des Tisches nahm ein mächtiger Blumenstrauß ein, welchen die Bürgerschast des Ortes dem kaiserlichen Geburtstagskind durch ein junges Bauernmädchen in der altgeschichtlichen Tracht überreichen ließ. Die Geburtstagsfestlichkeiten erreichten erst in später Abendstunde ihr Ende, und auch die Kaiserin blieb bis zum Schluß, ohne irgend welche Ermüdung zu zeigen, am Balkonfenster sichtbar. Berlin, 29. Juli. Wie der Post mitgeteilt wird, verlautet in Lehrerkreisen, daß seitens des Unterrichtsministers eine Erläuterung zu dem sogenannten Züchtigungs- Erlaß ausgearbeitet wird, welche alle Bedenken, die grade von Lehrern gegen die Verfügung geäußert worden sind, zu beseitigen im stände sein wird. — Jn Friedrichsruh traf Freitag mittag eine aus sechs Herren bestehende Abordnung von Ehrenmitgliedern und Mitgliedern des königlich sächsischen Militärvereins „Deutscher Kriegerverein zu Glauchau" ein, um am Sarge des Fürsten Bismarck einen massiv silbernen Lorbeerkranz niederzulegen, auf dessen Schleise die Widmung steht: „Dem Schöpfer des Deutschen Reiches". Nach der ebenso kurzen wie erhebenden Trauerfeier in der Gruftkapelle begab sich die Abordnung auf Einladung des Fürsten Herbert Bismarck ins Schloß hinab, wo dieser den Herren bewegten Herzens dankte für die seinem entschlafenen Vater bewiesene Treue und Anhänglichkeit. Der Fürst gab insbesondere seiner Freude darüber Ausdruck, wie gerade die sächsischen Städte bei Lebzeiten seines Vaters wiederholt Beweise ihrer Verehrung gegeben hätten, wie sie nun auch nach dem Tode des Fürsten noch in Dankbarkeit desien Andenken bewahrten. Die Herren wurden dann noch ins Stcrbezimmer geführt, in dem die Riesenmenge der bisher eingegangenen Kränze nach Möglichkeit untergebracht worden ist. — Die Ernennung von Bibliothekaren. Die Ernennung eines Berliner Privatdozenten zum leitenden Bibliothekar der Landesbibliothek in Wiesbaden hat die preußischen Bibliotheksbeamten sehr verstimmt. Sie bedauern, daß kein Fachmann an die Spitze der Bibliothek gestellt wurde. Die jetzige Ernennung bedeute die Umkehr zu dem früheren System, Universitätslehrer als Bibliothekare anzustelleu, das man nach den trüben Erfahrungen vergangener Zeiten und der seit den letzten Jahrzehnten geübten, für die Bibliotheken und unser ganzes Bibliothekwesen geradezu Epoche machenden und überaus erfolgreichen Praxis für immer abgethan glaubte. In einem Schreiben heißt es dann weiter: Die Anstellungsverhältnisse sind namentlich in letzter Zeit so schlecht geworden, daß die soeben Angestellten bereits volle zehn Jahre im Bibliotheksdienste thätig sind und das 36. Lebensjahr überschritten haben, unseres Erachtens wahrlich Grund genug für die oberste Spitze der preußischen Biliotheksverwaltung, auf ein schnelleres Aufrücken der Beamten Bedacht zu nehmen und es nicht noch durch Ernennungen nach Art der Wiesbadener zu verschlechtern. — Heer und Arbeitsvermittelung. Aus dem Hannoverschen wird der „T. R." geschrieben: Der Kriegsminister hat neuerdings die königlichen Generalkommandos angewiesen, Bestrebungen, die entlassenen Soldaten wieder dem Lande und der landwirtschaftlichen Arbeit zuzuführen, zu unterstützen. Die Kommandosielleu lassen infolgedessen die Listen derjenigen Mannschaften, welche eine Arbeitsstelle innerhalb des Bezirks einer bestimmten Landwirtschasts- kammer wünschen, der betreffenden Kammer zustellen. — Kaiser Wilhelm-Denkmal in Straßburg- Professor von Zumbusch war bekanntlich vor einiger Zeit von dem Vorstande der Universitätsbibliothek zu Straßburg i. E. mit der Ausarbeitung eines Entwurfes für ein Kaiser Wilhelm-Denkmal beauftragt worden. Der Künstler hat nunmehr das Modell zu dem Denkmal fertiggestellt und es nach Straßburg gesandt, wo es am 3. September vom Kaiser besichtigt werden wird. Das Modell stellt den greisen Kaiser in aufrechter Stellung in der Infanterie Generals- Uniform mit Helm dar. Die linke Hand umfaßt den Degenknauf, die rechte die Widmungsrolle für die genannte Bibliothek, die seiner Zeit von dem Kaiser gegründet worden ist. Die ganze Gestalt wird von einem Mantel mit losem Faltenwurf umschloffen. Der Gesichtsausdruck ist wohl getroffen und zeigt jene Milde, die dem alten Kaiser eigen war. Der Sockel wird umgeben von Palmen und Lorbeer und trägt die in Goldschrift auszujührende Widmung: „Wilhelm der Große". — Die Augen derKöniginvon England. Bor einiger Zeit verlautete, daß die greise Königin ihres hohen Alters wegen so schwachsichtig geworden sei, daß der Zustand der Augen fast an Blindheit grenze. Zur Behandlung wurde der bekannte deutsche Augenarzt, Prof. Pagen steche r aus Wiesbaden, zugezogen. Dieser hat nun während der letzten 10 Wochen die Augen der Königin sorgfältig beobachtet und es wird jetzt gemeldet, daß die Bemühungen des berühmten deutschen Arztes sehr glücklich ausgefallen sind. Das Augenlicht ist jetzt nicht mehr gefährdet und eine Operation wird nicht nötig sein. Die Königin trägt nur sehr starke schwarzgeränderte Brillen von ungewöhnlicher Größe, die Professor Pagenstecher für sie angeordnet hat. Die eine wird von ihr beim Lesen oder Schreiben, die Feuilleton. Johann Gutenbergs MMriger Geburtstag. Von Hans R. Fischer. (Nachdruck verboten.) „Seht ihn mit Ehrfurcht an, Gutenberg ist der Mann, Der ewig lebt! Würdig der Huldigung, Denn zu dem kühnsten Schwung Brack er dem Geist die Bahn, Die ihn erhebt." (Altes Volkslied.) Deutschland hat manchen seiner großen Söhne darben urfb verkümmern lassen, aber keiner hat mehr des Volkes Undank erfahren, als Johann Gutenberg, der Erfinder der Buchdrucktrkunst. Im Leben ging es dem Herrlichen zum Teil tief traurig; andere beuteten seine Erfindung aus, und wollten sogar die Großthat für sich in Anspruch nehmen. Aber die Geschichte ist gerecht; heute wird niemand mehr daran zweifeln, daß Gutenberg allein der Ruhm der Erfindung gebührt; auch das Ausland neigt sich zustimmend. Noch im Jahre 1823 konnte die niederländische Stadt Harlem eine große Feier für ihren Coster, der angeblich den Druck geschaffen, veranstalten; doch dann regte es sich mächtig im VaterlÄnde des wirklichen Meisters. Schon zu Anfang dieses Jahrhunderts war in Mainz, der Vaterstadt Gutenbergs, an die Gewissen appelliert worden; denn so unglaublich es klingt: er war seit Jahrhunderten vergessen worden. Selbst Napoleon I., unter dessen Herrschaft Mainz gekommen war, konnte sich nicht dem Genius Gutenbergs entziehen. Er ehrte ihn auf eigene Art. Der Cäsar verfügte am 1. Oktober 1804: „In dem Kaiserlichen Palaste zu Mainz. Napoleon, Kaiser der Franzosen, verordnet wie folgt: Art. 1. Es soll in der Stadt Mainz, in dem Bezirke der Dompropstei, ein neuer Platz errichtet werden. Dieser Platz soll einen Flächeninhalt von 10- bis 12,000 Meter haben. Art. 2. Die in diesem Bezirk liegenden Nationalhäuser, die nötig sind, um diesen Platz zu bilden, sollen niedergerissen werden. Art. 3. Die Achse dieses Platzes soll vom Tiermarkt gegen den Gemüsemarkt gerichtet sein. Seine Hauptlinie wird durch die achteckige St. Sebastians- kapelle, welche abgerissen wird, gehen. Auf diesem Platze soll eine Stelle zur Erbauung eines Theaters Vorbehalten bleiben. Art. 4. Dieser neue Platz wird den Namen Gutenbergs, des Erfinders der Buchdruckerkunst, führen . . . Art. 7. Die Minister des Innern und der Finanzen sind mit dem Vollzug dieses Dekrets beauftragt. Napoleon. — Auf Befehl des Kaisers, Maret, Staatssekretär." Hinreißender ist die Huldigung, die Napoleons Stellvertreter in Mainz, der Präfekt Jeanbon St. Andr«, am 6. April 1804, in der Sitzung der Gesellschaft zur Beförderung der Künste und Wissenschaften im Departement Donnersberg, den Manen Gutenbergs darbrachte: „Der Tag wird kommen, wo das Andenken Gutenbergs gerächt, das Vergeffen gut gemacht werden wird, wo die Weisen von ganz Europa es als heilige Pflicht ansehen werden, jeder einen Stein auf sein Grab zu tragen und ihm ein einfaches, aber hehres Denkmal zu errichten, auf dem sein Name mit unauslöschlichen Buchstaben wird geschrieben werden. Man wird einsehen, daß, wenn die Vergangenheit durch die Gegenwart übertroffen wird, es Gutenberg allein ist, dem wir dies verdanken." Der Mahnruf griff an die Herzen, aber ehe man sich zur That aufraffte, verstrich wieder eine geraume Zeit. Es war schon viel erreicht, als die Mainzer Kasinogesellschaft ihrem Hause — auf dessen Terrain einst das Stammhaus der Mutter Gutenbergs gestanden haben soll — den Namen „Hof zum Gutenberg" aufs neue gab. Ja, nach einigen Jahren setzte man ihm im Garten der Gesellschaft ein von dem Bildhauer Scholl geformtes Standbild, das Professor Lehne mit einer tiefempfundenen Inschrift schmückte: „Was einst Pallas Athene dem griechischen Forscher verhüllte, Fand der denkende Geist deines Geborenen, o Mainz! Völker sprechen zu Völkern, sie tauschen die Schätze des Wissens; Mütterlich-sorgsam bewabrl, mehrt sie die göttliche Kunst; Sterblich war einst der Ruhm, sie gab ihm unendliche Dauer, Trägt ihn von Pole zu Pol, lockend durch Thaten zur That; Stimmer verdunkelt der Trug die ewige Sonne der Wahrheit, Schirmend schwebt ihr die Kunst wolkenverscheuchend voran Wandrer, hier seine den Edlen, dem so viel Gröhes gelungen; Jedes nützliche Werk ist ihm ein Denkmal des Ruhms." Der Samen war ausgestreut, und langsam sproßte es empor; im engeren, wie im weiteren Vaterlande, und selbst im Auslande besannen sich die Menschen immer mehr darauf, welch ansehnliche Schuld an Gutenberg abzutragen sei. Freudig wurde dem Gedanken, den Meister durch ein würdiges Monument an der Stätte seiner Geburt zu ehren, zugestimmt. Vielleicht interessieren darüber einige Zahlen. Es spendeten für das in Mainz zu errichtende Denkmal: Mainz selbst 10,382 Gulden, das Großherzogtum Hessen 1403 Gulden, andere deutsche Länder 5452 Gulden, König Louis Philipp von Frankreich 800 Gulden, Rußland (davon die Moskauer Akademie 452) 470 Gulden, Belgien 14 Gulden, Ungarn 10 und die Schweiz 9 Gulden. Zum Glück fand sich auch der Künstler, welcher Gutenbergs würdig war: Albert Thorwaldsen. Ein Mainzer Maler, Dr. Eduard v. Heuß, hatte Anfang der 30er Jahre den Meister für den Denkmalsplan zu entflammen gewußt, und mit jugendlicher Begeisterung und Selbstlosigkeit ging Thorwaldsen darauf ein. Er verzichtete auf jedes Honorar Der Künstler nahm den Auftrag im Sommer 1832 an doch die Neberlastung mit anderen Arbeiten ließ das Mode. andere im Freien benutzt. Abends gewährt die Königin den Augen so viel wie möglich Ruhe, und wenn sie bei künstlichem Licht lesen oder schreiben muß, zieht sie Wachskerzen vor. — Die Nachricht von der Bäreninsel, daß der Kommandant des russischen Kriegsschiffes „Swetlana" Herrn Lerner mit einem nicht näher bezeichneten Einspruch begegnet sei, und daß er auch der deutschen Seefischerei-Expedition im Namen der russischen Regierung mit Widerspruch gegen ihre Thätigkeit entgegengetreten sei, ist offenbar unrichtig. Denn aus Tromsö meldete gestern der Draht: Das russische Panzerschiff „Swetlana" traf nach viertägigem Aufenthalte an der Büreninsel heute nachmittag hier ein. Die Russen legten Lerner keine Hindernisse in den Weg. Sie berichteten über sehr viel Nebel und schlechte Hafenverhältnisse. Die deutsche Seefischerei-Expedition hält sich an der Nordostseite auf, wo der beste Hafen ist. Die „Swetlana" wird Sonnabend mittag Tromsö verlassen. Ausland. Wien, 29. Juli. Der Kaiser verlieh dem Reichskriegsminister Kriegshammer anläßlich seines 50 jährigen Dienstjubiläums den erblichen Freiherrnstand. Wien, 30. Juli. Oesterreich lebt jetzt wirklich in einem Maßregelungs-Zeitalter. Immer klarer wird es, daß die Regierung weder Versammlungen gegen den Ausgleich und die Erhöhung der Zuckersteuer, noch den Abdruck solcher Kundgebungen in öffentlichen Blättern dulden will. Beweis dessen ist, daß das Amtsblatt vom Freitag nicht weniger als 57 in den letzten Tagen erfolgte Beschlagnahmen von Zeitungen amtlich bestätigt. Allein die Wiener „Deutsche Zeitung" ist in sechs Tagen sechsmal beschlagnahmt worden. Wien, 29. Juli. Alle Verbote, Aufiösungen, Beschlagnahmen, Sistierungen vermögen die Volksbewegung gegen den § 14 in Oe st erreich nicht einzuschränken. Die Aufträge an die Behörden, aufs Strengste gegen jede Regung des Volksunwillens einzuschreiten, verfehlen Zweck und Wirkung vollständig. In Deutschböhmen haben bis nun über 80 Gemeindevertretungen gegen die Anwendung des § 14 protestiert! Dieselben werden auch die für die Ausführung der letzten § 14 Verordnung notwendige Mitwirkung der Gemeinde verweigern. Nun regt sich auch in den niederösterreichischen Städten der Widerstand gegen die Erhöhung der Zuckersteuer. Zu morgen, Sonntag, sind siebzehn Volksversammlungen in niederösterreichischen Ortschaften einberufen. Die Wiener Polizeibehörden treffen alle Vorbereitungen, um etwaigen Straßenereignissen gegenüber gerüstet zu sein. Prag, 29. Juli. Die hiesigen Zuckerbäcker beschlossen, am Tage des Inkrafttretens der Zucker st euer. Erhöhung ihre Geschäfte geschlossen zu halten und einen Protest-Umzug durch die Stadt und Protest-Meetings abzuhalten, zu welchen alle in Prag weilenden Abgeordnete geladen werden. Arad, 29. Juli. Die Gemeinde Zar an steht in Flammen. Bisher sind über 50Wohnhäuser eingeäschert. Paris, 29. Juli. Ein Tendenz-Märchen wird jetzt auch amtlich widerlegt. Im Ministerrat erklärte Minister Delcassv, daß die angebliche Depesche des Kaisers von Rußland an den Prinzen Louis Napoleon vollständig erfunden sei. Sie sei von keiner russischen Zeitung veröffentlicht, vielmehr in allen ihren Teilen in Paris erdichtet worden. Waldeck-Rousseau bestätigte, daß wegen der an der vorgestrigen Pariser Börse verbreiteten falschen Nachrichten die Untersuchung eingeleitet worden ist. Rennes, 29. Juli. Die Verteidigung Dreyfus machte als Zeugen Beaurepaire sowie alle Personen namhaft, die über den Verkauf des Robin-Geschosses an Deutschland Angaben machen wollen. Belgrad, 29. Juli. Im „Hamb. Corresp." entwirft ein dieser Tage aus Belgrad zurückgekehrter Politiker fob gendes Belgrader Stimm^lgsbild, das mit der Veschwichti- gungsnote der Berliner serbischen Gesandtschaft recht wenig übereinstimmt: Seit einigen Tagen findet eine wahre Völkerauswanderung aus Serbien, vornehmlich aus Belgrad, nach Süd-Ungarn, Bosnien und nach Fiume und Triest statt. Alles, was in Belgrad und im übrigen Lande auch nur das geringste Anzeichen von Radikalismus trägt, wird verfolgt und „rennet, rettet, flüchtet" deshalb, gerade als ob in Serbien die Pest herrschte. Belgrad selbst macht bereits einen unheimlich öden, verlassenen Eindruck. In seinen Straßen promenieren fast mehr Schutzleute als andere Sterbliche. Das Volk gewöhnt sich allmählich an den häufigen Anblick der radikalen Opfer, welche gefesselt von den Konstablern nacb den Kasematten gebracht werden. Ist es ein „vornehmes Opfer", so wird es im Fiaker dorthin befördert — die „minderen" müssen den Weg zu Fuß zurücklegen. Will solch ein armes Opfer im Bewußtsein seiner völligen Unschuld nicht schnell genug gehen, so wird es durch „Kitzeln" mit dem Säbel sehr bald in Trab gebracht. Weber 200 Personen schmachten bereits infolge des Attentates im Belgrader Kerker. Die jetzigen Zustände in Belgrad erinnern lebhaft an die Vorgänge in Petersburg im Jahre 1883, als nach dem Attentate, dem Kaiser Alexander II. Zum Opfer fiel, ins Ungemeffene Personen verhaftet wurden, die nur des entferntesten Zusammenhanges mit nihilistischen Bestrebungen verdächtigt wurden. Vermischtes. * Zerschneiden von 20 Pfennig-Stücken. Aus Hersfeld wird geschrieben, daß dort beim kaiserlichen Postamte in den letzten Tagen zur Einzahlung benutzte kleine silberne Zwanzigpfennigslücke, die etwas abgenutzt oder in geringem Maße beschädigt waren, am Postschalter von dem Ännahme- beamten einfach zerschnitten und nach dieser Entwertung den Einzahlern zurückgegeben wurden. Von den Geschädigten ist der Beschwerdeweg beschritten. Es hat auch in dieser Angelegenheit bereits eine Versammlung von Beteiligten stattgefunden, in der beschlossen wurde, eine Eingabe an das Finanzministerium zu richten. Das Postamt soll zu diesem merkwürdigen Vorgehen dadurch veranlaßt worden sein, daß ihm von der Reichsbankstelle in Hanau eine größere Anzahl solcher kleinen Zwanzigpfennigstücke ebenfalls in durch Zerschneiden entwertetem Zustande zurückgesandt wurde und der entstandene Schaden von den Beamten gemeinsam ersetzt werden mußte. Es ist die Meinung vorherrschend, daß es sich in dem vorliegenden Falle um eine vorsätzliche Be- chädigung fremden Eigentums handelt, und daß die Schalterbeamten kein Recht haben, Geldstücke, deren Annahme sie glauben verweigern zu müssen, durch Zerstückelung zu entwerten. * Römische Wandmalereien sind in Straßburg aufgefunden worden. Es wird augenblicklich in der Stadt iine umfangreiche Schwemmkanalisation eingerichtet, und dabei die Straßen in der Altstadt allenthalben von Grund aus aufgerissen. Dabei wurden denn vor kurzem in dem ältesten Stadttelle in der Nähe der alten Thomaskirche Wandmalereien aus römischer Zeit gefunden. Man schätzte ie zunächst nicht besonders. Nähere Prüfung hat jedoch ergeben, daß jene Gemälde doch wertvoll sind. Sie wurden in das alte Schloß, in dem sich das Straßburger Museum befindet, überführt und werden dort jetzt durch den Museumsdirektor Professor Henning zusammengesetzt und restauriert. Sie geben außer einem großen Formenschatz an geometri- cher und pflanzlicher Ornamentik auch Darstellungen aus )er Mythologie und dem Menschenleben wieder. Besonders chön sind zwei halbmetergroße Figuren eines Tänzers und einer Tänzerin, sowie zwei Genrebilder, deren eines eine Opferung im Pallastempel, das andere einen Wettlauf in )er Arena darstellt. Die beiden Bilder sind durch eine Anzahl gut gezeichneter, kaum fingergroßer Menschen belebt. Das eine Bild ist durchgängig in braunen, das andere in grünen Tönen ausgeführt. Zur Umrahmung der Flächne sind Guirlanden, Trophäen und dergleichen verwandt worden. Infolge dieses schönen Ergebnisses hat man die Ausgrabungen an der Fundstätte wieder ausgenommen, und weitere Funde gemacht. Die nachträglich entdeckten Stücke stellen völlig anders geartete, tapetenartige Muster dar, worunter Baumgruppen mit singenden Vögeln den Hauptraum einnehmen. Die Farben sind vortrefflich erhalten. Es hat sich wieder einmal gezeigt, daß die römischen Honigfarben nicht nur unter der trockenen Lavaschlacke Pompejis, sondern auch im Grundwasserschlamm Straßburgs über zwanzig Jahrhunderte zu triumphieren vermögen. Unterhaltungen in Bad-Nauheim vom 1. August bis 5. August. Dienstag den 1. August, nachmittags von 4»'r bis 6Ve und abends von 8 bis 10 Uhr auf der Terrasie: Konzert der Kurkapelle. Nachmittags 4 Uhr: Theater (Kindervorstellung). Die drei Haule- mSnnerchen. Abends 9 Uhr: Bengalische Beleuchtung am Teiche. Mittwoch den 2. August, nachmittags von 4'/, bis 6'/, und abends °on 8 biS 10 Uhr auf der Terrasse: Konzert der Kapelle des 2. Großh. Hefi. Infanterie Regiments (Kaiser Wilhelm) Nr. 116 aus Gießen. Bei gutem Welter spielt die Kurcapelle nachmittags von 4 bis 6 Uhr am Tetchbause. Abends 8 Uhr im Saale: Theatervorstellung unter Mitwirkung der Kurkapelle. Der Bettelstudent. Donnerstag den 3. August, nachmittags von 4'/, bis 7 Uhr auf der Terrasie: Konzert der Kurkapelle. Abends von 8 bis 10 Uhr im Saale: Tanz. Freitag den 4. August, nachmittags von 4«/, bis 6«/r und abends von 8 bis 10 Uhr auf der Terrasie: Konzert der Kurkapelle. Abends Solisten-Konzert. Abends 8 Uhr: Theatervorstellung. Onkel Bräsig. Samstag den 5. August, nachmittags Don 4*/, MS 6% und abends von 8 bis 10 Uhr auf der Terrasie: Konzert der Kurkapelle. Abends 8 Uhr im Saale: Zauber Vorstellung des Hofzauberkünftlers Belachtni-Marburg. 8piklp!«i^krs,vkttiaiitr«)Frsvksmrkr Stadtihkalkr. Opernhaus. Dienstag den 1. August: Tannhäuser. 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