fassung, je nach seiner größeren oder geringeren Fähigkeit, den wissenschaftlichen oder künstlerischen Werth eines Werkes, seinen volkSthümlichlichen Humor oder seine durch drastische Darstellung bildende, belehrende und erziehende Tendenz zu erkennen, wird dasselbe Werk in dem einen Fall als grob, unanständig und geeignet, daS Scham- und Sittlichkeitgesühl zu verletzen, angesehen und unter Strafe gestellt, da- andere Mal al- vollständig unbedenklich zugelassen werden. Berlin, 2. Februar. Gegenüber den beunruhigenden Blättermeldungeu über Deutsch-Südwestafrika erfährt die „Post", daß der Aufstand im Süden des Schutzgebiets, bet besten Niederwerfung ein Offizier fiel, bereit- feit Monaten völlig beendet ist. Der Rest der Empörer wurde gefangen genommen und steht seiner Aburtheilung entgegen. Im Nordea griff Hauptmann Estorf eine Anzahl aufftäodischer Swartboi-Hottentotten au und zersprengte sie. Estorf wurde zweimal leicht verwundet, blieb aber dienstfähig. ES sei nicht anzunchmen, daß die flüchtigen Swartboi-Hottentotten mit den Ovambos sich vereinigen und daß die letzteren sich gegen die deutsche Regierung, die sie noch gar nicht kennen, erheben. Daß die OvamboS portugiesische Truppen überfielen, ist ebensowenig bestätigt, wie die Nachricht, daß Lieutenant Franke erschossen worden ist. Die letztere Nachricht ist nach Lage der einschlägigen Verhältnisse durchaus unwahrscheinlich. Bremen, 2. Februar. Für die hiesige Kuusthalle haben, nachdem gestern schon der Kaufmann Schütte 200,000 Mk. gezeichnet hatte, heute der Fabrikant H as ch ez und der Kaufmann MelcherS je 100,000 Mk. gespendet. Bremerhaven, 2. Februar. Capitän, Steuermann und Netzmacher des Ftscheretdompfer« „Orion" llnd am Montag bet dem starken Seurme über Bord gegangen. Der Steuermann ertrank, während die beiden anderen Personen gerettet wurden. Dresden, 2. Februar. Die Verhandlungen des con- servattven Parteitages für Deutschland begannen heute Vormittag hterselbst. Man bemerkte unter den zahlreich Anwesenden viele hervorragende Vertreter der eonservativen Partei, viele Mitglieder des Reichstag-, des preußischen Abgeordnetenhauses, des sächsischen Landtages und eine große Anzahl der Vertreter der Preffe aller Partei- richtuugen. — Nach Eröffnung de- Parteitages durch Frhrn. v. Manteuffel begrüßte Hofrath Dr. Mehnert die Anwesenden Namens der Dresdener Eonservativen und betonte, daß besonders die Sozialdemokraten in den letzten Tagen für die RrichStagSwahlen die Parole: Gegen die Eonservativen aus- gegeben haben. Redner schloß seine kurze Ansprache mit einem Hoch auf Kaiser Wilhelm und König Albert. An beide Monarchen und den Fürsten BiSmark wurden Begrüßungs-Telegramme gesandt. Dann sprach Frhr. v. Manteuffel über die allgemeine Stellung der Partei. Die frei- konservative Partei sei eng mit den übrigen Eonservativen verbunden. Bei den Nationalliberaleu sei ein erfreulicher unverkennbarer Wandel zu bemerken, die Eonservativen könnten sehr wohl an ein Hand in Hand Gehen mit den National- liberalen denken. Mit dem Ceutrum werde daS nicht gelingen, da die demokratische Seite de- katholischen Volke- mehr und mehr die Oberhand gewonnen habe. Er bestreite, daß die Sozialdemokraten an der Gesetzgebung theilnehmen dürften, da sie sich gegen die bestehende Gesellschaft-ordnung wenden. Auch die freisinnige Partei müsse bekämpft werden, da sie als die Vorfrucht der Sozialdemokratie bezeichnet werden müsse. Die Antisemiten seien nur in conservative Kreise etngedrungen, trotzdem die Eonservativen den berechtigten Antisemitismus zuerst erkannt haben. Nach weiteren Reden wurden folgende zwei Resolutionen angenommen, welche im Wesentlichen wie folgt lauten: Resolution A: Der Parteitag der Eonservativen erachtet es für geboten, daß gegenüber den vielfach vordringenden rein materialistischen Bestrebungen die idealen Ziele der Partei fester betont werden müssen. Eine Interessengruppe ist die Partei niemals gewesen. Sie wolle erhalten, aber nicht Alles waS ist, sondern nur waS gut ist. Sie wolle feststehen auf dem Boden von Christenthum und Monarchie, von Gesetz und Ordnung. Sie wollten keine Einschränkung der persönlichen Freiheit, sondern Aufrechterhaltung derselben, sie wollen aber auch keine Einschränkung, sondern Aufrechterhaltung der Kronrechte. Resolution B: Der Parteitag der Eonservativen stellt heute die Erweckung, Erhaltung und Kräftigung der christlichen Lebensanschauungen al- da- Ziel seiner Aufgabe hin und erachtet den Kampf gegen die Socialdemokratie al» eine Hauptaufgabe der Partei und der Regierung. — Der Versammlung wurden hierauf zwei weitere Resolutionen zur Annahme vorgeschlagen, welche u. A. erklären, die konservative Partei werde die Interessen der productiven Stände einschließlich der Arbeiterschaft pflegen. Entschiedene Verwahrung müsse dagegen eingelegt werden, daß die conservative Partei einen Stillstand oder gar einen Rückschritt der Socialreform herbeiführen wolle. Die andere Resolution verlangt, daß bei den nächsten Reichstag-wahlen als vornehmlichste- Ziel die Bekämpfung der Soctaldemokratie und ihrer Helfershelfer aufzufaflen fei. • Dresden, 1. Februar. Gestern Abend gegen 10 Uhr hörten Passanten, in der Eircu-straße neben dem Residenz- theater mehrere Schüsse fallen, ES stellte sich heran-, daß der in dem Hause Eircu-straße 18 wohnende Tifchlergeselle Schumann auf die Ehefrau de-Theatermeisters Kahlert zwei Revolverschüffe abgegeben hatte, von denen der eint den Arm der Frau durchbohrte. Schumann richtete dann die gesangliche Virtuosität, die geschulteste Stimme, die Prevosti die meiste Wärme und die Bellinctoni da» fort- reißendste Temperament. Demgemäß gestaltet sich die Anlage der Partien. Gemma Bellinctoni, die wir vor etwa fünf Jahren in Frankfurt in Begleitung de- verstorbenen Tenoristen Stagno sahen und hörten, wird ihre ganze Kraft, gleichviel, ob sie nun die Kameliendame oder die Santuzza singt, llet» auf die Stellen con» centriren, wo entweder die Gluth der Leidenschaft oder die bittere Wahrheit der Situation ihr unverkürztes Recht zu fordern scheint. Da- Zarte, da- Weiche, das Knospenhafte in den Empfindungen ist weniger ihr Fall. Die Sellin* ctoni muß man vor Allem sterben sehen!! Wa- eine solche Kraft in dem Bereich der reproductrenden Kunst, ist Spinelli, der Componist von „A basso porto“ („Am unteren Hafen") in der producirenden. Da- Geheimniß der modernen italienischen Musiktragödie besteht vielleicht, um e» kurz zu sagen, darin: in der Fülle üppigsten Leben-rauscheS den Tod zu fassen, und zwar so, daß daS eine jäh auf daS andere folgt und der Zuschauer doch da- Gesühl eine- unmittelbaren Zusammenhangs erhält. Im Allgemeinen sind Operntextbücher keine fesselnde Lectüre, aber wenn man die 48 Seiten von „A basso porto“ durchfliegt, da- sich treu den aufregenden neapolitanischen BolkSscenen von Cognetti anschließt, wird man von Anfang bis zu Ende in unausgesetzter Spannung erhalten. Eugen Checchi, der Librettist, den Ludwig Hartmann mit gewohnter Kraft und Genauigkeit verdeutscht, hat e- verstanden, die Figuren und Vorgänge, welche ganz und zwar in die heißen Farben eine- südlichen Himmelsstrich- getaucht find, dramatisch zu verdichten und auf die Katastrophe, welche natürlich eine Messeraffaire ist, zuzuspitzen. Man könnte glauben, ein Stoff, wie der der Sptnelltschen Oper, ließe eine Verklärung durch die Musik garnicht zu. In dieser Annahme würde man jedoch irren. Im Stoff selbst liegt trotz aller Rohheit und Wildheit ein ideales Moment: das ist die unauslöschliche Schönheit der Landschaft, von deren Hintergrund sich die ©eenen abheben und deren Zauber schon unwillkürlich dämpfend wirkt, und sodann der süditalienische Volkstypus selbst, dessen Leidenschaften nie ganz abgetrennt find von einem gewissen Sinn für Schönheit. Einen so rohen und fast verkommene» Gesellen, wie den jungen Luigino, der feiner hochherzigen Mutter namenlofe- Herzeleid bereitet, eine Mondscheinserenade singen zu lassen . . . wäre in unserem nordischen Klima einfach unmöglich und eine innere Unwahrheit. Ein solcher Bursche, wie dieser Spieler, stammte er aus einem schlesischen oder pommerschen Dorfe, würde allenfalls ein derbes Zotenlied vortragen, wie er es unter ebenso derben Kameraden gelernt hätte, aber nicht diese warme, in Süße schwelgende Melodie: „Sei mir gegrüßt, o Meer, eS glänzt mild wie ein Zauber dein Silberkleid. Trag', ach mein Liebe-leid seufzend ihr zu." Für den Neapolitaner paßt sie jedoch, und einer der musikalischen Glanzpunkte der Oper wird mit ihr erreicht. In der Darbietung des Herrn v. BandrowSkt mußte diese Cangometta sogar wiederholt werden. Die übrige» Hauptpartien: die Maria, eine Heldin der Mutterliebe, bereit Tochter Sesella, Ctcctllo, daS böse Princip, werden durch Frau Ende-Andrießeu, Frau Jäger und Herrn Pröll mit charakteristischer Leidenschaft gegeben. Die Leitung der Oper ruht in den Händen von Herrn Capellmeister Großmann. HhbÄ1 tn s» tt wmrtj rr ‘■Äfft*"* ää j.* Ri «kmtfer leicht« SJ von J? frflkintg gti «schlrda uirM uid H CtWfaidxn m B Wflrfiug« bti Heb »• Mann ii ’• tn hotbeka »n so iß LM sicher, ju blnbai, bi< Amu «Weill babm. i- haben bei Uuf 281 affee M, 100, M Psg. n Pd. rc., . MPsg.perW.rc., wd rnnföme&nb, ’garine t. 60 Psg. per Pst. 818 Waüenftls, irftplae 17. > larmelade qarine extra W. 10 W snusbutter r W « AS- M «wMlt 1« »nTCigaretten vaoa-Iwvortell, a zvimagtitlMpW« 82t irl Retter, n, unb ene Möbrl WWW Nr. 29 Erstes Blatt.Freitag den 4. Februar 1808 Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Die Gießener Aiamilienkkätter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal brigelegt. Gießener Anzeiger Ae-ngsprei» vierteljährlich 2 Mark 20 Psg. monatlich 75 Pf^ mit Bringerloho. Bei Postbezug 2 Mark 50 Psg. vierteljährlich. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr. Henerat-Anzeiger Alle Anzeigen-BermittlungSstellen des In- und AuslanbeL nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger Aints- und Anzeigeblutt füv den Tlveis Gietzen. Redaction, Expedition und Druckerei: Schnkstraße Nr. 7. Gratisbeilage: Gießener Familienblätter. Adresse für Depeschen: Anzeiger -letze». Fernsprecher Nr. 51. Deutsches Reiche Berlin, 2. Februar. Die Kaiserin hat im Jahre 1897 inSgesawmt 144 goldene Dienstbotenkreuze nrbü eigenhändig vollzogenen Diplomen an weibliche Dienstboten für 40jährige Dienstzeit in derselben Familie der- l'-ehen. Hiervon entfallen auf Ostpreußen 8, auf Westpreußen 5, auf Brandenburg 10 (darunter 1 für Berlin), auf Pommern 11, aus Posen 5, auf Schlesien 25, auf Sachsen 10, auf Schleswig «= Holstein 7, auf Hannover 5, auf Westfalen 3, auf Hessen-Nassau 9, auf die Rhein- prvvinz 29, auf Elsaß-Lothringen 17. Berlin, 2. Februar. Der Etat für da- Auswärtige Amt wird sicherem Vernehmen nach am nächsten Montag zur weiteren Berathung im Plenum des Reichstage- gestellt werden. Berlin, 2. Februar. Gegen die Privat doeenten- Vorlage haben zahlreiche ordentliche Professoren eine Petition an das Abgeordnetenhaus gerichtet, in der um Ablehnung de» Entwürfe» gebeten wird. • Berlin, 2. Februar. Der Friseur Perplies, der gemeinschaftlich mit dem bereit- verhafteten Posthilfsboten Srutzki Checks im Betrage von ca. 35000 Mark auf die hiesige Firma Wolf gefälscht hatte, ist in Köln verhaftet worden. Berlin, 2. Februar. Gegen bie lex Heinze wendet sich der Vorstand des Börsenvereins der deutschen Buchhändler zu Leipzig mit einer Eingabe an den Reichstag. Er erklärt, daß er zwar mit der Absicht, die Berbreit- arg und An-stellung unzüchtiger und da- SittlichkritS- und Schamgtsühl durch grobe Unanständigkeit verletzender Schriften und Darstellungen zu unterdrücken, Übereinstimme, weist aber zugleich nach, daß ein solches Gesetz wegen der zu großen Unbestimmtheit der im Entwurf gebrauchten Ausdrücke die größten Unzutraglichkeiten berbeiführen müßte. Die Eingabe verwirft vor Allem den § 148a, der daS Ausstellen von Schriften und Abbildungen, die nicht unzüchtig find, sondern nur „burd) grobe Unanständigkeit da- Scham- und Sittlich- keitSgefühl zu verletzen geeignet sind", unter Strafe stellt, und bemerkt hierüber: „Wir glauben, daß dadurch der ehrenhafte Buchhandel gefährdet wird, ohne daß durch die neue Bestimmung der verfolgte Zweck erreicht würde. Die Frage, ob eine nicht unzüchtige Schrift als grob, unanständig und als das SittlichkeitS- und Schamgefühl verletzend angesehen werden kann, wird sich nicht mit auch nur einigermaßen genügender Sicherheit beantworten laffen. Je nach dem subjektiven Ermessen des jeweilig ertennenben Richter», je nach seiner Stellung zu den Sittlichkeitsbestrebungen im Allgemeinen, je nach seiner mehr oder minder engherzigen Auf- Feuilleton. .frankfurter Theaterbrief. (Origimllbericht für den „Gießener Anzeiger*.) (Nachdruck verboten). Da» Gastspiel der Gemma Belliueioni. — „Am untern Hafen" (A basso porto). Dr. M. Jede Zeit schafft sich die Kunst, die sie braucht. Nicht nur die Kunst, sondern auch die Künstler! müßte man diesen Satz, mit Recht, vervollständigen. In der Tonwelt dnel Haydn und Mozart hätte eine Erscheinung wie die Bellinctoni gar nicht auftauchen können. Die vollendete Lbenmäßigkeit de» Ton» und die Ausgeglichenheit in der Lantilene, welche dieser Gesangsstil erforderte, setzte dem elementaren Ausbruch der Affecte schon von vornherein einen Dämpfer auf. Die Sänger hatten viel zu viel ihre Stimme |U cultiviren, al» daß sie daneben ihrem Gebärdesptel und der dramatischen Auffassung der Partie anders als in zweiter, dritter Linie hätten Rechnung tragen können. Da» ist nun schon seit zwanzig Jahren ander» geworden. Merkwürdig hat sich das Berhältniß verschoben. Gewiß, in Her Kunst verlangen wir die Schönheit, und besonder» auf ier Gesangsbühne, abe niemals mehr auf Kosten der Wahr- leit. Ehedem hatte die Coloratursängerin da» wohl respectirte Hrivilegtnm, kalt sein zu dürfen, wofern nur ihre Läufer und Triller tadellos herauskamen, — heute beweist und eine -Sigrid Arnoldson und eine Prevosti, daß diese Toleranz auch zu den veralteten Dingen gehört. Durch den Namen der Belliueioni kommt daS Kleeblatt zu Stande. Wollen wir die drei vergleichen, so müssen wir, um Jeder äi8 Ihre zu geben, sagen: bie Arnoldson hat die größte Waffe gegen fich selbst. Er war sofort tobt. GS soll ein Racheact vorltegeu. Leipzig, 2. Februar. Der Vorstand deS deutschen Anwaltvereins hat eine Eingabe an den Reichstag ge- richret, worin gebeten wird, der Bestimmung der Civilprozeß- Novelle, nach welcher R chrSagenten (Wiukrlconsulenten) mit Genehmigung der Justizverwaltung als Parteivertreter zuge- gelassen werden sollen, ohne' vom Gericht zurückgewiesen werden zu können, die Znüirnmuog zu versagen. Kaiserslautern, 2. Februar. Der „Pfälz. Pr." zufolge erhielten nach amtlicher Feststellung bet der Reichstags« st t ch w a h l im Wahlkreise Hombura-Kusel Schmitt (uarl.) 8865, Lucke (Bund der Landwirthe) 7846 Stimmen. Ersterer ist somit gewählt. Att-Urnd. Wien, 2. Februar. Der Rector der Universität lehnte daß Verlangen der Studentenschaft, die Vorlesungen bis SamStag zu schlichen, ab und warnte die Studenten vor Ausschreitungen. — Die heutige Con- ferenz der Rectoren der deutsch österrechischen Hochschulen beschloß, au allen Hochschulen Vorlesungen abzuhalteu und die Thetlnrhmer an Störungen nach den akademischen Gesetzen znr Verantwortung zu ziehen. Wien, 2. Februar. Ist Kaiser Franz Iosefregierrang «müde? Die in österreichischen Angelegenheiten manchmal gut unterrichtete Berliner „Germania" bringt das Gerücht, dah Kaiser Franz Josef regierungSmüde sei. DaS Blatt schreibt: Wie unS von einem Petersburger Correspou- denten unseres Blattes mitgetheilt wird, verlautet in den dortigen diplomatischen Kreisen, daß der österreichische Kaiser Franz Josef fich durch den Kampf mit den in allen feinen Ländern wachgewordenen Decentralisationsbestrebungen sehr entmuthigt und ermüdet fühlt. In den Wiener Hofzirkeln stüstert mau sogar davon, daß der greise Herrscher mit dem Gedanken umgehe, nach der tu diesem Jahre stattfiudenden Feier seines 50jährigen RegterungSjubiläumS eineu großen Theil seiner RegteruugSlasten auf jüugere Schultern zu legen. Man denke für den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand an eine ähnliche Stellung, wie fie betspirlsweife unter Franz Josefs Vorgänger Ferdinand der Erzherzog Ludwig, der Onkel Ferdinands, inne gehabt. Derselbe empfing die Vorträge der Minister, erließ Weisungen an dieselben rc., so daß der Herrscher mit allen RegterungSdetailS verschont blieb und nur tu Fragen von erstklassiger Wichtigkeit eingriff. Da die Gesundheit des Erzherzogs Ferdinand jetzt wieder völlig hergrftellt scheint, könnte derselbe sehr gut zur Erledigung der laufenden Regierungsgeschäfte herangezogeu werden, womit noch der Vortheil verbunden wäre, daß derselbe genaue Vertrautheit mit den Staatsangelegenheiten sich erwerben könnte. Wien, 1. Februar. Die Vertrauensmänner der freisinnigen deutschen Studentenschaft au der hiesigen Universität haben heute beschlossen, fich den Lettmeritzer Beschlüssen aozuschließen. Die deutschnationalen Studenten werden morgen einen gleichen Beschluß fassen. Am Donnerstag beginnt der Ausstand an der Universität. Er soll in der Technik durch Sprengung und Vereitelung der Vorlesungen durchgesührt werden. An der Technik machten die deutschuationaleu Studenten auch Nachmittags die Vorlesungen unmöglich. Als eine Minorität fich dagegen auflehnte, kam es in einem Zeichnensaale zu Covflicteu. — Die sloventschen Studenten hielten heute eine Versammlung ab und beschlossen eine Resolution, die fich heftig gegen die Studenteo-Aurstände und die Einstellung der Vorlesungen wendet. — Heute trat der akademische Senat zu einer Berathuug zusammen, morgen werden die akademischen Behörden der Universität und der Technik gemeinsam berathen. — Die Rectoren der deutschen Hochschulen find in Wien einqetroffcn und werden morgen beim Rector Magnificus der hiesigen Universität eine gemeinsame Berathuug abhalten. Prag, 1. Februar. Im wetteren Verlaufe feiner Erwiderung auf die Interpellation Blazek und Genossen versicherte der Statthalter bezüglich des Vorgehen- der amtlichen Organe in den verschiedenen Orten de- Landes, er werde Alles aufbieten, um in den gegenwärtigen schwierigen Zeiten den anderssprachigen Minoritäten besonderen Schutz angedeihen zu lassen. An die Behörden sei die strengste Weisung ergangen, gegen jede Art der Hetzerei streng nach den Gesetzen einzuschretten, ebenso auch durch Belehrung, moralischen Etrfluß und Warnung zu wirken. Redner bat schließlich alle Abgeordneten, ihren Einfluß im Sinne des Frieden- geltend zu machen. Auf die Interpellation Baxa wegen des Angriffs zweier czechischer Studenten auf einen deutschen Techniker erklärte der Statthalter, daS gerichtliche Urtheil fei noch nicht gefällt, es fei aber constattrt, daß außer dieser geringfügigen Sache nur ein einziger Fall vorgrkommen sei, wo ein czechischer Student Anlaß zu einer gerichtlichen Untersuchung gegeben habe, was bet einer Zahl von über 3000 Hörern, welche die technische Hochschule besuchen, gewiß die Behauptung widerlege, daß auS den Rethen der czechtschen Studtreudeu Feindseligkeiten gegen die deutsche Studentenschaft hervorgegaugen seien. Rom, 2. Februar. Die Kammer setzte heute die Berathuug über die Vorlage, betreffend die Herabsetzung der Getreidezölle, fort, ohne daß e- zu Zwischenfällen kam. Neapel, 2. Februar. Die Studenten der hiesigen Universität riefen neuerdings Unruhen hervor. Sie zertrümmerten Fensterscheiben und Bänke. Mehrere Vorlesungen wurden unterbrochen. Dem Eingreifen deS RectorS ist es gelungen, die Aufregung ein wenig zu beschwichtigen. Der akademische Senat wird fich eventuell für Schließung der Universität entscheiden. Ein großer Theil der Studenten erhebt gegen die Agitation Widerspruch. — Die Blatter veröffentlichen einen Brief des SecrerärS der Uuiverfität, Santoro, worin dieser erklärt, daß eS fich bei dem gest> rtgen Zwischenfall nur um Nothwehr handelte. Paris, 1. Februar. Der russische Militär-Attache Fredericks überreichte dem Ministerpräsidenten Meline ein Bild deS Kaisers Nikolaus mit dessen eigenhändiger Unterschrift. CocaUs rrnd provinzielle». Gießen, den 3. Februar 1898. ** MUitardieustnachrichten. Prof. Dr. Gaffky, Oberstabsarzt 1. Klaffe der Reserve vom Landweh^bezirk Gießen wurde ein Patent seiner Charge verliehen, Dr. Dolina, Assistenzarzt 1. Klasse der Reserve vom Landwehrbezirk Gießen der Abschied bewilligt. ♦*H. Stadttheater. Im Repertoir unserer Bühne liebt man, das Aufeinanderfolgen von Gegensätzen tu der Voraussetzung zu bieten, daß solche Lontraste stets deS ungeiheilte Interesse deS Publikums finden würden. Leider ersüllt fich diese Logik nicht immer', selbst wenn eine beliebte und ob ihrer künstlerischen Befähigung geschätzte Künstlerin wie Fräulein Würdig ihre Benefiz-Vorstellung hat. DaS bewies der Besuch der gestrigen Vorstellung, der in Anbetracht des eben Angeführten ein noch besserer hätte sein dürfen. Gegeben wurde Blumenthals Schauspiel „®tn Tropfen Gift", in welchem der geistreiche Verfasser an einer sich in den höheren Gesellschaftskreisen abwickelnden Handlung in trefflicher, interessanter Weise klarlegt, wie ein Tropfen Gift der Ver- läumdung und üblen Nachrede im Stande ist, da» Glück und die Existenz Unschuldiger zu untergraben und zu vernichten. — Die Wiedergabe dieses dankbaren Stückes ließ im Zusammenspiel an Lebhaftigkeit zu wünschen übrig. Stellenweise war dieses recht flau, es konnte nicht erwärmen,- wäre nicht das belebende Element der Benrfiziantin der rettende Engel gewesen, so hätte der gestrige Abend sicherlich enttäuscht. Fräulein Würdig bot in der Wiedergabe ihrer Hertha Alles, waS die Verkörperung dieses FrauencharakterS um zur Geltung zu gelangen verlangt: Leidenschaft und Größe, Liebe und Empfindung. Wir zollen dieser schönen Leistung der beliebten Brnefiziantin unsere volle Anerkennung, die auch durch eine prächtige Lorbeerspende und lebhafte Bei- fallSbezeugungen seitens deS Auditoriums bekundet wurde. Die Leistungen der übrigen Mitwtrkenden waren die bekannt individuellen. * • Jubiläum. Heute vor 60 Jahren erwarb fich Otto Böhtlingk die Doctorwürde bei der philosophischen Facultät unserer Universität. Der greise Gelehrte, den man nicht nur als den besten Kenner der indischen Sprachen bezeichnen muß, sondern als einen der größten Philologen überhaupt betrachten darf, lebt jetzt in Leipzig in voller Rüstigkeit des Körper- und Frische deS Geistes. Die Arbeiten au- den letzten Monaten zeigen dieselbe Schärfe und Gründlichkeit, wie seine zahlreichen früheren. Zu dem seltenen Feste des 60jährigen DocirnjubiläumS hat, wie wir vernehmen, die hiesige philosophische Facultät dem Jnbilar ihre Glückwünsche dargebracht. * * Kausmäuuifcher Verein. Herr JenS Lützen, welcher heute Donnerstag und morgen Abend die hochinte- reffanten Vorträge über „Die Urgeschichte der Erde- und „Erduntergang" halten wird, erzielte vorgestern in Frankfurt a. M., wie die dortigen Blätter melden, mit gleichen Thematen großen Erfolg. ES ist zu wünschen, daß auch hier die beiden Vorträge die Beachtung weiter Kreise finden, und sich recht zahlreichen Besuch« erfreuen mögen, zumal eine Reihe von Lichtbildern wesentlich zur Erläuterung und Ergänzung der Vorträge beiträgt. • • Der Gießener Zitherelub hält am 6. Februar seinen diesjährigen großen Maskenball im „Cas6 Leib" ab. Es wird den Lesern noch bekannt sein, daß der vorjährige f Maskenball so besetzt war, daß Niemand mehr einen Platz finden konnte. ES wird aber auch noch bekannt fein, datz dem Publikum etwas für- Auge geboten wurde, und daß der Maskenball des Gießener Zitherclub fich zu den schönsten Festen zählen darf, und so können wir nur auch den diesjährigen Maskenball dem Publikum sehr empf hlen. Denn erstens wird der Ueberschuß zu wohltätigen Zwecken verwandt, wat wir am ersten Weihnachtsfeiertag in SteinS Saalbau gesehen haben, wo 70 hiesige arme Kinder voll ständig gekleidet wurden,- und dann wird besonder- aufmerksam gemacht, daß Alle«, wa- Annonce und Plakate besagen, in Wirklichkeit auch aufgeführt wird. Besonder- werden die Gruppen und da» Lebende Bild etwa- ganz Großartige« werden. Wir wünschen dem Verein wieder ein gutes Geschäft. • • Hebet die Aushändigung von gewöhnlichen Blies- sendnugen für Reifende in Gasthöfen veröffentlicht da- „Amtsblatt der Retchepostverwaltung" nachstehende Verfügung deS StaatSsecretarS v. Podbielskt: „Gewöhnliche Briefsend- ungen für Reisende in Gasthöfen find von jetzt ab an die Gastwirthe, die ihre eigenen Briefe rc. abholen lassen, auf Verlangen durch die PostauSgabeftelle auch dann zu verabfolgen, wenn auf den Sendungen der Gastwirth nicht namentlich bezeichnet, sondern nur der Gasthof al- Wohnung deS Empfängers angegeben ist." Bos der Bergstraße, 2. Februar. Ein aus Amerika herüber gekommener Herr au- Hohensachsen „vergaß" eine ihm in Amerika von einem Fräulein übergebene Summe von 900 Mark an den Bruder des Fräulein abzuliefern. Da nun der von seiner Schwester Beschenkte dieserhalb Anzeige erhob und der vergeßliche Deutsch Amerikaner verhaftet wurde, stellte fich heraus, daß da- Geld bereits bi» auf 400 Mark verjubelt war. Er fitzt jetzt hinter Schloß und Riegel. König i. £)., 30 Januar. Unser Ort hat jetzt die größte Hoffnung, tu kürzerer Zett ein Bade platz zu werden, denn gestern wurden tu der Umgebung des hier gefundenen Stahlwassers, welche- viel stärkeren Stahlgehalt "als viele Stahlwaffer der bekannten Bäder hat, Grundstücke zu sehr hohen Preisen von einer Gesellschaft von Aerzten, Apothekern, Fabrikanten und Kaufleuten aogekaust und sollen nun Tiefbohrungen alsbald borge-ommen werden. Man erwartet, daß noch weitere Kohlensäure, die dem jetzigen Wasser theil- wetfe fehlt, nach dem Tteferbohren gefunden wird. A Mainz, 2. Februar. In einer Extrasitzung der Stadtverordnetenversammlung wurden beute Abend die bet dem städtischen Gaswerk hier vorgekommernn Unter schleife, die einstweilen die Verhaftung de- KasfirerS, ersten Buchhalter- und eines Kassenboren zur Folge haben, öffentlich klar gelegt. Nach der vom Oberbürgermeister Dr. Gaßuer gegebenen Darlegung hat man bei dem Durchgang der 1896/97erRechnungen Buchungen des GaSdirectorS beanstandet, die zu einer allgemeinen Revision bei dem Gaswerk geführt und bei welcher man einen Fehlbetrag von 18000 Mark entdeckt hat. Der Kasfirer hat anfänglich zugegeben, 10000 Mark unterschlagen zu haben und späier machte er das Geständniß, daß die von ihm unterschlagene Summe 17 000 Mark betrage. Infolge diese- Geständnisse- ließ der Oberbürgermeister den Kassirer verhaften und da er der Ueberzeugung, daß letzterer nur unter Beihülfe anderer Beamten gehandelt, suSpendirte er einstweilen den Director und den ersten Buchhalter vom Dienst. GerichtlicherseitS ist heute auch die Verhaftung der Buchhalter- uud deS Kassenboten verfügt worden, während der Dir^n>kt bitte. Dieiei n schvihlichn Leise laievu^uKg abgiw rc fö: He lange 8». Bonb.t «achrn köone. 11 letztere gegen Len iJ rrn ter langen Bev E. Der svciaHisite 1 Verdienst bei, afleis ®3gegen aul der Lev »r bti ßidtischen Gat. « befanettn 8orgän[i :?$ Jrfj. Z'g. =n nnfreitoilligti Reit wenig eiftomi" ni, c'J man tu Rmbi- ’ bie Lbemischen Berte ^a-.joni einen fleinc ’ r Jahren Dorftab, bei,' f uafitiBtligin Änftoi' re Waggon mar len itton Äobenbat M . Dorr hätten ihr, it fepieltamnabin tnl« acht, unb mären Mm trüber, tritt »ehr SW [eine, btfien 64«i(d w Irjüt vor SrmettiDg, l bat bann He nnsrei' ttrber geiratt. Frentlb« caj uns labten ihn «t !31b Bieber nholtti « übergeben, bie für ieijt nj. Da» kleine Lnist' t ecke große Keile vci liditits- und ,sgcktzes. .;i3lU gtitrügim 3» bnW* to ,-nuianBalte« n» * "fetrug bi. 3# * .... unb ÜHrtw* Ms« TwT** «fÄ““ r?fi£’ü '\t .)<$ 1696295^ fil W^l^OS J.1 finb >" s* flin8«’tllff1896 »>Ä I J*’ ’u > W 1*^m798 WbJJ eba6ig,1i inli 2 lOflb18 getreten sind, 71663 und an die Hinterbliebenen von Versicherten 18 952, zusammen 90 615, bis zum 31. März 1897 92 706 und 24 540, zusammen 117 246, bis zum 30. Juni 1897 117 621 und 30 560, zusammen 148181, bis zum 30. September 1897 140 972 und 36 253, zusammen 177 225 und bis zum 31. December 1897 171392 und 31591, zusammen 212 983 Beitragserstattungen. Hiernach ist in der Zahl der laufenden Invalidenrenten, welche seit dem 1. Januar 1898 zum ersten Mal die Zahl der laufenden Altersrenten überschritten haben, während des Jahres 1897 eine ziemlich gleichmäßige erhebliche Steigerung eingetreten, während bezüglich der laufenden Altersrenten der Beharrungszuftand erreicht zu fein scheint. Bei den bewilligten Beitragserstattungen läßt sich nur eine langsame Steigerung erkennen. Vermischtes. • Frankfurt a. M., 1. Februar. Gestern kurz vor Abgang des Zuges Nm. 881 vom Fahrthor rief eine Frau einer den Zug erwartenden Büglerin die Worte zu: „Jose- sine, grüße alle herzlich von mir, ich heiße Minna!" Damit warf ste ihren Korb, ein rotheS Kopftuch und ein Paar Handschuhe weg und sprang oberhalb des Eisernen StegS in den Main. — Au der Schleuse bei Niederrad wurde die Leiche einet neugeborenen Knaben geländet. * Der Scat alö Lebensretter. Em eigenthümlicher Zufall war et, der dem Kaufmann Wiedemüller aus Gütersloh gelegentlich des letzten Eisenbahnunglück« in Herne das Leben rettete. Während er nämlich zuerst in einem vorderen Wagen saß, wechielte er auf einer Zwischenstation seinen Platz, um in einem Hinteren Wagen Scat zu spielen,- die Scargesellschaft kam nun bei dem Unfall mit dem bloßen Schrecken davon, während die Reisenden in dem vorderen Wagen the'ls getödter, theil« schwer verletzt wurden. • Selbstmord eines Millionär». In Newyork erregt der Selbstmord des zehnfachen Millionärs Robert Rhine- lander, der anscheinend in den glücklichsten Verhältnissen lebte, großes Aufsehen. Er wollte mit seiner (Satt n eine Reise nach Europa unternehmen unb befand sich bereits an Bord des Schiffes „Paris". Eine halbe Stunde vor Abfahrt des Schiffes gab er feine Absicht auf, fuhr mit feiner Gattin «ach seinem großartigen Landsitz La Rochelle, der an die Besitzung von Wilh. R. Banderbilt grenzt, und wenige Minuten später erschoß er sich in seinem Zimmer. Die Motive des Selbstmordes find ganz in Dunkel gehüllt. Gerüchtweise verlautet, die Ursache sei ein Zerwütfniß mit Vandrrbilt. Eines Tages verletzten VanderbiltS Hunde daß „Grenzgesetz" von La Rochelle, worauf Rhineläuder Fallen aufstellen'fließ und einige der kostbarsten Thiere des Krösus abfing. DaS führte zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Nachbarn. — Auch ein Grund zum Selbstmord l,„Verrückte Welt! ♦ Genügend quaftficirt. Hausfrau: „Haben Sie auch Atteste über gute Führung?" — Neues Mädchen: „Ich laffe mich nur von Ciargiiteu aut führen!" ♦ Gemuthlich Richter: „Sie haben fich also mehrere Wochen vagabondtrend Herumgetrieben!" — Strolch: „Na, wat iS da nu so schlimm, Sie kommen man ja ooch erst aus die Ferien!" — Der Postdampsrr „Kensington" der „Red Star Linie" in Antwerpen ist laut Telegramm am 1. Februar wohlbehalten in Newyork angekommen. Gottesdtsak t» der Syuagogr Samstag den 5. Februar 1898. 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