»ir. 77 Drittes Blatt. Freitag dm I. April 1898 Gießener Anzeiger General-Anzeiger Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den ftlgtnbtn Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr. Alle Anzeigen-BermittlungSstellen nehmen Anzeigen für en Krscheinl täglich mit AuSitabmr öc« Montags. Die Gießener -amitkentkätter «erden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt. Nqu-»»rei- vierrel^ührlich 2 Mark 30 Pfg- monatlich 75 Pfg. mit Brttttzerlohn. Bei Postbezug Mark 50 Pfg. ierteljährlich. I In- und LuslanbeL ner Anzeiger 'Ntgegea. Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gietzen. Aedaction, Expedition und Druckerei: Zchnkstrahe Nr. 7. Gratisbeilage: Gießener Familienblätter. Adreffe für Depeschen: Anzeiß«» ♦ Ujeik Fernsprecher Nr. 51. Friedliche Eroberungen Rußlands. Der arme Chinese! Er weiß sich vor den Vertraulichkeiten der anderen Mächte kaum zu retten, die mit ihm nach dem Grundsätze verfahren wollen: „Was Dein ist, sei auch mein!" Man steht an dem chinesischen Reiche so recht deutlich, wie verhanguißvoll eS für eine Festung ist, wenn erst eine Bresche geschlagen wurde- immer weniger Widerstand vermag man dem F:inde entgegenzusetzen, und mit Sicherheit darf man dem Zeitpunkt entgegensehen, in welchem die Capt- tulation erfolgen muß. ES war s. Zt. den Engländern sehr schwer gefallen, sich in China sestzusetzen und im Verein mit den übrigen Mächten einzelne BertragShäfen zu erhalten, in denen der ausländische Handel sich ausdehnen konnte. Sonst blieb daS ungeheure Reich dem Welthandel verschlosien, und erst in neuerer Zeit ist darin eine Wandlung eingetreten. Seitdem Deutschland in v:rhältuißmäßig leichter Weise festen Fuß in China gefaßt hatte, war natürlich die Beg.hr» Uchkeit anderer Nationen auf« Höchste angeregt worden, und die „Aufteilung" des chinesiichen Reichs war unS schon recht geläufig geworden. Aber bis dahin wird es wohl kaum kommen, und China ist ja groß g-nug, um jedem Lande etwas abgeben zu können und dann immer noch ein Ganzes zu bleiben. In diesen Tagen ist bekanntlich der Vertrag zwischen Rußland und China abgeschlosien worden wegen der „Verpachtung" von Port Arthur und Talienwan an da» rnsfiiche Reich und die Etbauung einer Eisenbahn nach diesen beiden Plätzen. ES hat erst langer Berhandlungea bedurft, ehe die chinesische Regierung sich darauf etnließ, denn sie wußte sehr wohl, daß die Abtretung eine dauernde sein und sie niemals in die Lage kommen wird, die Rusien wieder zu verdrängen. Aber China befand fich bireit» vor einem fait accomph, als eS vor wenigen Monden den russischen Kriegsschiffen ge- stattete, tu den Hafen von Port Arthur einzulaufen- schon damals stand eS bet der Petersburger Regierung fest, nicht wieder zu weichen, sondern an der Petsch.ltbai einen dauernden Stützpunkt für die russische Flotte zu schaffen, deffeu sie bedurfte, um ihr Endziel, die Oberherrschaft tu Ostafieu, zu erreichen. ä n Was will eS heißen, daß Rußland, um Japan vorläufig zu beruhigen, seine Ansprüche auf Korea fallen gelosten hat. Die Festsitzung in China selbst am oben genannten Meer» buseu war ungleich wichtiger, denn von hier auS kann Rußland seine Fü)!er ausstricken über Korea, Japan und China, und ihm ist damit eine OperattonebafiS gegeben worden, deren Werth nicht hoch genug veranschlagt werden darf. Bekanntlich hat die Petersburger Regierung in der koreanischen Angelegenheit nachgegeben, aber Niemand wird ernstlich glauben, daß eS damit endgilrig verzichtet hat, seinen Einfluß auf Korea geltend zu machen. Diese Halbinsel wird von Japan und China patronifirt, und der Wettstreit dieser beiden Mächte führte bekanntlich zum letzten japanisch chinesischen Kriege. Rußland denkt heute ganz richtig, wenn eS Korea sich selbst überläßt- einmal wird doch der Zeitpunkt eiutreten, wo es wieder in die Arme Rußlands zurückkehrt, wenn es sich der Zumuthungeu Chinas oder Japans nicht mehr erwehren kann. Und dann kann der Czar mit einer überwältigenden Macyt aufsptelen, da er fich in dem ihm von China Überlastenrn, strategisch überaus wichtigen Gebiet inzwischen häuslich eingerichtet und den Bahubau vollendet hat, auf dem es ermöglicht ist, große Truppenmaffeu nach Ostafien zu werfen. Man fieht, die russische Diplomatie hat ungemein geschickt operirt, waS am besten daraus hervorgrht, daß keine Macht, selbst da« so dirrct bethetligte Japan nicht, gegen den jüngsten Vertrag Einspruch erhoben hat. Daß England der vollzogenen Thatsachr gleichgiltig gegenüber stehen sollte, ist natürlich nicht auzunehmen- aber abgesehen von einigen verschämten Redensarten feiner Minister im Londoner Pnlamevt wird e- die neueste russische Erwerbung guthe ßen müsten. Deutschland hat kein dlrccteS Jntcreffe daran, der befreundeten russischen Regierung nicht den Erfolg zu gönnen. Unsere Bestrebungen in Ostasten werden dadurch in keiner Weise berührt, Rußland ist un« gegenüber in der Klaotschau>Angelegenheit legal verfahren, weßhalb sollten wir nicht Gleiches mit Gleichem vergelten! (xx) Herrsche* Seich» Berlin. 30. März. fDie ReichSschuldeucommtssion wird am nächsten Freitag zusammentreten und u. A. auch die Frage wegen der Controlleinrichtung bezüglich der von der ReichSbavk auSgrgebeneu Banknoten erörtern. Außerdem soll eine Revtfion der Bücher der Reichsdruckerei und der ReichShauptdank bezüglich der An- und Ausfertigung von RetchSkaffenscheinen erfolgen. Berlin, 30. März. Ja der Affaire Grünenthal wird jetzt amtlich bestätigt, daß Grünenthal eiugestandeu hat, in der Reichsdruckerei Reichsbankuoten gestohlen zu haben. Grünenthal erklärte, daß er uur ein einziges Mal und zwar an einem Januarabend des vorigen Jahres, al« ihm wegen Erkrankung eines anderen Oberbeamten auch der zweite Schlüssel zum Tresor zugänglich war, einen tiefen Griff tu den Tresor gethau und sich vv' den zur Vernichtung bestimmten Scheinen eine größere Anzahl angeeignet habe. In seiner Wohnung habe er dann die rothen Nummern und mittelst des mitgenommenen und demnächst zurückgebrachten Stempels den rothen Aufdruck der ReichSbankotrectlon auSgesührt. Köln, 30. März. Die „Köln. Zrg." schreibt zur vennung de» StaatSseeretärS Ttrpitz zum Staatsminister: Soweit wie die Lage übersehen werden kann, ist bet der Er- nenuung des Contreadmlral« Ttrpitz zum M tglted des Staats- Ministeriums uur der Wunsch maßgebend gewesen, dem preußischen M nisterpräsidenten einen größeren Einfluß im StaatSministerium zu verschaffen. Nun werde der p.eußtsche Ministerplästdent tu dem aus 12 M tg ledern best.hendcn Mtntstercollegium unbedingt auf vier Stimmen, feine eigene und die der drei Reichsstaatssecrrtäre zählen können. Im Berhältuiß zur ReichSmartne sei dadurch nicht daS geringste geändert worden. Arr-laird. Zürich, 30. März. Eine internationale Ginbrecherbande wurde hier verhaftet. Die Verbrecher heißen Josef Tadel, Jakob Lutz und Nicolaus Mattern. Sir arbeiteten hauptsächlich in den größeren Städten Hollands, Deutschlands und Oesterreich«. Unmittelbar nach den Ein- drüchrn verschwanden die elegant gekleideten Verbrecher. Bei den bereits von den Bihörden in München und Heilbronn gesuchten Verbrechern wurden neben Einbruchswerkzeugen und Waffen auch mehrere Tausend Mark baareS Geld gefunden und beschlagnahmt. Wien, 30. März. Der Verband der deutschen Volke- Partei beschloß, an den Fürsten Bismarck anläßlich deffeu Geburtstag eia Glückwunsch-Telegramm zu richten. *Rordhauseu, 28. März. Wegen unlauteren Wettbewerbs wurde der „Nordh. Ztg." zufolge gegen da» „Nordh. Tagebl." verhandelt, weil eS in seinen Anküadig- ungen eine Abonuentenzahl von 6000 angegeben und unter Berufung darauf zur Aufgabe voa Inseraten aufgefordert hatte, während die wirkliche Abonuentenzahl unter 4000 war. ES wurde ^bei einer Geldstrafe von 100 Mk. für jeden UebertretungSfall verurtheilt, künftig die Veröffentlichung unrichtiger Angaben über die Anzahl der zahlenden Abonnenten zu unterlaffeu. Ebenso wurde eS verurtheilt, die Veröffent- tichnng falscher Angaben über seine Auflage im Annoncen- cataloge von Haasenstein & Vogler bet Vermeidung einer Geldstrafe von 100 Mk. für jeden UebertretungSfall uad die Veröffentlichung der Behauptung, daß daS „Nordhäuser Tageblatt" daS gelesenste Blatt in Nordhausen, dem Südharz und der goldenen Aue sei, zu unterlaffeu._________________________ Literat», wn6 Kauft. — „Alles schon dagewesenl" DteS Wort des bekannten Weisen wird Lügen gestraft, wenn man die ioeden erschienene erste Aprti- nummer deS Universal-Moden- und Famtltenblattes „Move und Haus", Verlag John Henry Schwerin, Berlin W.35, etnstebt, des außer einem im großen Stil gehaltenen Modenblatt mit Moden- Genre-Bildern zu jeder 14>ägigen Nummer einen großen Schnittmusterbogen bringt; ferner eine gehaltvolle, reich illustrirte Belletristik, eine illustrirte Flauen Zeitung, eine vierseitige Musikzeitung (darunter eine nachgelassene Composttion Karl Loewrs), ein Darnen- Witzblatt „Humor", eine medicinische Zeitschrift „Aerztlicher Rathgeber", eine illustrirte Jugend-Zeitschrift „Kinderwelt", eine RSthsel- und Schachzeitung, eine Handarbeiten-Zeltung rc. Dennoch kostet „Mode und HauS" nur 1 Mk. vterteljähilich, mit achtseitiger Romanbeilage, Colorit und Musterfrisuren 1.25 Mk. Abonnements bei allen Buchhandlungen und Postanstalten. GratiS-Probenummern • durch erstere und den Verlag. FcniUeton. Der Gsrten um dir MernM. SBon I. E. Schmidt, Kunst- und HandelSgärtnerei, Erfurt. (Nachdruck verboten.) Ostern, Sieg der Sonne, des Lichtes, des Lebens über Kälte, Nacht und Tod. Mit neuer Lebenslust und Schaffensfreude geht der Gartenfreund an feine Arbeiten. Welch wunderbarer, erhabener, erquickender Gedanke, die Natur in unserem Garten nach unserem Willen lenken zu können. Unmögliches und Unverständiges läßt sie sich allerdings nicht abtrotzen, aber der liebevollen, verständigen Hand beugt sie sich gerne. In diesem Monat muß das Aufdecken der Rosen besorgt w erden. Man kann, wie bei dem Zudecken, dafür keine bestimmte Woche, noch weniger einen bestimmten Tag angeben. Das hängt von dem mehr oder weniger frühen Eintritt des Frühjuhrs ab. Man merke sich, da im Allgemeinen die Zeit nicht mehr ferne ist, daß man das Aufdecken nur an recht trüben, feuchten Tagen vornimmt. Gewöhnlich wird man dazu durch warme, sonnenhelle Tage verlockt, das ist aber falsch, weil die wärmenden Sonnenstrahlen den tm Dunklen erschienenen Trieben vorläufig schaden würden. Wenn anderntheils aber Ost- und Nordwind vorherrschen, vermeide man das Herausnehmen ebenfalls, sondern warte lieber, selbst 8—14 Tage auf Süd- oder Westwind, immer aber unter Berücksichtigung auf recht regnerische Tage. — Man schneide sodann die Krone und zwar starkwachsende Sorten auf 4—6, schwachwachsende mehr, al'o auf 2 bis 4 Augen, zurück. — Schling- oder Trauerrosen garnicht oder nur in den Sp.tzen beschneiden. Ein Abwaschen mit Waffer, in dem recht satt schwarze Seife aufgelöst ist, ist den Stämmen wie Zweigen sehr dienlich. Es wird dadurch viel Brut von Ungeziefer zerstört. Eine herrliche Einfassung für Rosenbeete sind zunge Pflanzen der deutschen Eiche. Man pflanzt 1—2 jährige Pflanzen, auf 8 Zentimeter zurückgeschnitten, in Entfernungen van 4 Zentimeter an die