1S97 Sonntag den 30 Mai R*. 125 Drittes Blatt Der Ktrtzever Anjelger erscheint täglich, eit Ausnahme bei Montags. Die Gießener K«mttte»vrülter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigefegt. Wchener Anzeiger Kenerat-Itnzeiger. vierteljähriger Aöonnementsprei»^ 2 Mark 20 Pfg. mit Lringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Psg. Redactian, Lxpeditie- und Druckerei: Kchnlar-tzeKr.^ Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de, snlgendm Tag erscheinenden Nummer bi- Lorm. 10 Uhr. äs™***™™*™™™™™******™* Hrqtisöeitage: chießener Ilamitienbkätter. Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Au-lande- nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Hmtlidjcr CfrtiL G'eßen, den 28 Mai 1897. Betr.: Errichtung eines Denkmals für Kaiser Friedrich. Großherzogliche Kreisamt Gieße« AM btt Grstzh. »ftxfltrmdfteteit* bei Atdfei. Von Seiten des Comitö«, welches sich die Errichtung eines Denkmals für den hochseligen Kaiser Friedrich in Cron- berg am Taunus zur Aufgabe gestellt hat, ist uns der nachstehende Aufruf nebst Listen für die Einzeichnung freiwilliger Beiträge unter dem Ersuchen zugegangen, die Großh. Bürgermeistereien zu veranlagen, die Sammlung solcher Beiträge in die Hand zu nehmen. Wir empfehlen die« p^riotische Unternehmen Ihrer eifrigen Förderung und werden die EinzeichnungSlisten Ihnen k. H. durch die Post zugehen lassen. Die gesammelten Beiträge wollen Sie im Laufe des Monats Juli gelegentlich an unseren Kreiskasserechner mit der Einzeichnungsliste abliefern. v. Gagern. Der Wunsch, dem erhabenen Monarchen und rühm« reichen Feldherrn, dem hochherzigen Förderer von Kunst und Wissenschaft, dem edlen stillen Dulder und Liebling des Volkes, Kaiser Friedrich int Herzen Deutschlands ein Denkmal zu errichten, bewegt seit geraumer Zeit weite Kreise der deutschen Nation. In Crouberg, zu Füßen der alten Burg und des herrlichen Taunusgebirges, unfern am Gestade des Mainstromes, über welchen Kaiser Friedrichs ruhmreiche Waffenthaten die Brücke geschlagen haben zur Vereinigung Alldeutschlands, an der Stätte, wo der hochsel'ge Kaiser oft und gerne geweilt und welche Seine Erlauchte Gemahlin Sich zur dauernden Heimath erkoren hat, soll das Denkmal errichtet werden, inmitten eines zu diesem Zwecke zu schaffenden öffentlichen Parkes. Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Baden hat nach Zufttrnmung ©einer Majestät des Kaisers und Königs die Gnade gehabt, das Denkmal Unternehmen unter Höchstseine Schirmherrschaft zu stellen. An alle Deutschen, in deren Herzen die Liebe und Verehrung für Kaiser Friedrich noch lebendig ist, richten die Unterzeichneten die Bitte, ein Scherflein beizutragen zur Verwirklichung de« Planes. Je größer die Zahl der Geber, desto vollkommener wird der Zweck des Denkmals erreicht werden. Auch die geringste Gabe wird daher hochwillkommen sein. Sitzung der Stadtverordneten am 28. Mai 1897. Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herr Beigeordneter Woiff, von Seiren der Sraütverordnelen die Herren Adami, Brück, EmmeliuS, Flett, Dr. Gutfleisch/ Haubach, Heichelheim, Heyligenstaedt, Homberger, Habenicht, Keller, Krrch, Loos, Löber, Petri, Scheel, Schiele, Schwall, Dr. Thaer und Wallenseis. Die Herren Beigeordneter Georgi und Stadtverordneter Bogt haben mttgetheilt, daß fie genöthtgt seien, einen längeren Badcausenthalt zu nehmen und für die nächste Zeit den Sitzungen fern zu bleiben. Die Entschuldigung wurde für begründe erachtet. Die zwei ersten Gesuche, nämlich deS Herrn Joh. Re usch- ling in Heuchelheim um Erbauung eines BackfteinhäuSchenS im Neustädter Feld, und des Herrn Jean Dern zur Aufführung eine« Gartenhäuschens auf dem Hamm werden auS- nahmSwerse und widerrufl ch, die folgenden Gesuche de« Herrn Georg Bichler zur Vergrößerung der Küche aus der Hardt und deS Herrn Peter Heinrich Michel zur Er« richtung eines Nebenbaues an der Frankfurterftraße ausnahmsweise befürwortet. Die Baugesuche des Evangelischen Arbeitervereins für die Straße nach den Kohlensträngen und Crednerstraße, bezüglich deren eS sich um einige in dem Zweck und der Eigenart der dort zu errichtenden Gebäude begründete Verstöße gegen die baugesetziichen Bestimmungen handelt, wurden befürwortet. Das Gesuch deS Herrn Peter Senßfelder um Er- laubniß zum Bauen in der Stephanstraße wurde auf Grund des § 7 des OctsbaustamtS beanstandet. Herr Heinrich Winther beabsichtigt, an Stelle der im vorigen Herbst abgebrannten Scheuer eine Scheuer und daneben am hinteren Eichgartenweg ein Wohnhaus zu errichten. Das Gesuch wird beanstandet, da daS Project nicht Rücksicht nimmt auf die Gestaltung des neuen Bebauungsplanes. Das Gesuch deS Herrn I. Atzbach, den nach Errichtung eines Hauses an der Grünbergerstraße die Eigenschaft eines Vorgartens erhaltenden, bisher zur Aufstellung von Grabdenkmälern benutzten Platz vor seinem Hause weiter in der seitherigen Weise benutzen zu dürfen, wird nach längerer Debatte abgelehnt. Doch soll dem Gesuchsteller die Ausstellung einiger Denkmäler im Rahmen eines Ziergartens gestattet werden. Herrn Apotheker Dr. Julius Cäsar soll für die Monate Juni und Juli ein Raum im alten Schloßgebäude gegen die übliche Pacht überlaffen werden. Bei der Beschaffung von Diplomen für freiwillige Feuerwehrleute, welche 15 und mehr Jahre actio als solche thätig find, wurde der Kostenvoranfchlag um 30 Mk. überschritten, welche nachträglich bewilligt werden. Für die Südanlage, welche demnächst erhöhte Trottoirs erhalten soll und wofür ein specteller Voranschlag über 24000 Mk. vorliegt, wurde die beantragte Veränderung des Längenprofils genehmigt. Nachdem vor einiger Zeit beschloffen wurde, die parallel zur Frankfurterstraße zwischen dieser und den Bahnhöfen neu anzulegende ,Straße „Crednerstraße" zu benennen, lag der heutigen Versammlung die Benennung dreier Straßen ob, welche von der Frankfurterstraße aus senkrecht zu den Bahnhöfen anzulegen sind. Es wurde auf Antrag der Baudeputation beschloffen, die Fortsetzung der Klinikstraße in bezeichneter Richtung ebenfalls „Ktinikstraße" zu benennen, für die Straße, welche von der Frankfurterstraße bis zur Crednerstraße führt, wurde die Bezeichnung „Hillebrandstraße" gewählt und für die Straße nach den Kohlensträngen die Bezeichnung „Mittelweg". Eine Eingabe der Residenzstadt Caffel an den Köaigl. Eisenbahnminister, in welcher um die Einlegung eines Vor- mittaaS-SchnellzugeS gebeten wird, welcher zwischen 8 unh 9 Uhr Vormittags in Caffel in der Richtung nach Frankfurt abgeht, also zwischen 11 und 12 Uhr Gießen pafsirt und den Anschluß an dcn Gotthard-Schnellzug in Frankfurt ermöglicht, soll unterstützt wcroen. Gleichzeitig soll dabei da« Interesse betont werden, welches Gießen an der Einlegung eines entsprechenden GegenzugeS hat, welcher etwa gegen 5 Uhr Nachmittags von Frankfurt in der Richtung Gießen-Caffel abgelaffen wird und sowohl den Anschluß des Gotthard-ZugeS, wie des von Ulm, Stuttgart usw. kommenden Schnellzuges in Frankfurt ermöglicht. 33. Tonkünstler -Versammlung des allgemeinen deutschen Musikvereins zu Mannheim. Pr. Mannheim, 28. Mat 1897. Die Idee, die diesjährige Tonkünstler-Versammlung in Mannheim abzuhalten, hat sich, wie der Erfolg bis jetzt zeigt, als eine äußerst glückliche erwiesen, denn die Hoffnungen, die der Vorstand damit verknüpfte, find mehr als erfüllt. Mannheim, das mit Stolz auf eine ruhmvolle künftle- rifche Vergangenheit znrückbltcken kann, hat in der That Alles gethan, um den aus allen Himmelsrichtungen herbeigeeilten und immer noch herbeieilenden Musikern nicht nur einen würdigen, ehrenden Empfang zu bereiten, sondern ihnen auch den Aufenthalt in seinen Mauern in jeder Beziehung so angenehm wie möglich zu machen. Große, gewaltige Vorbereitungen waren dazu nölhig, manches schwere und Gefahr bringende Hinderniß mag sich bei den Vorarbeiten drohend in den Weg gestellt haben, aber Dank der Energie und Rührigkeit des Festausschusses, der keine Opfer gescheut hat, ?>as Fest zu einem wirklich wohl gelungenen zu gestalten, find alle Vorbedingungen für ein gutes Gelingen ausS Glänzendste erfüllt worden, so daß man mit froher Zuverficht und mit dem wohlthuenden Bewußtsein, hier nur Gutes zu erfahren, dem weiteren Verlauf der Dinge ent- gegensehen kann. Getreu feinem Princip, auf den Tonkünstlerversamm- lungen hauptsächlich moderne Mufik zu bieten und in erster Linie die Werke lebender Meister zu berücksichtigen, hatte der Feuilleton. Wochendriese ans der Nrsiden). (Origin-lbericht deS „Gießener Anzeigers"). Z. Darmstadt, 27. Mai. «ul dem Knnstlebeu. Rennen im Bicycle-Club. Verschiedenes. Den Schluß feiner dieSwtnterlichen Thätigkeit machte als letzter der hiesigen musikalischen Vereine in vergangener BertchtSwoche der Instrumental-Verein, Über dessen aus diesem Anlaß stattgehabtes Coneert heute noch nachträglich zu berichten ist. Der Verein, dessen Orchester nur ans Dilettanten besteht, hat sich die Pflege gerade ter klassischen Mufik zur Ausgabe gemacht und er hat namentlich im letzten Winter unter der Leitung de« jungen, energischen Compontsten Carl HallwachS, von dessen Werken gelegentlich einer Aufführung derselben im hiefigen Richard-Wagner Zweigverein an dieser Stelle ausführlich die Rede war, einen tüchtigen Schritt auf feiner eingescyiager.en Bahn vorwärts gemacht. Auch das letzte Coneert bedeutete einen vollen Erfolg für die Veranstalter- da« Programm zeigte nur Werke von Beethoven und zwar die D-äur-Symphonie Nr. 2 op. 36 und die Ouvertüre zu ,,Egmont". Beide Werke bieten selbst einem geschulten Berufs Orchester nicht zu unterschätzende Schwierig- ketten, umsomehr ist eß anzuerkennen, daß von einer Dilettanten- Bereinigung die Wiedergabe derselben in so exacter, künstlerisch wohlabgerundeter Weise gelang, der der stürmische Beifall deS zahlreichen Auditoriums wohl gebührte. Als Solisten wirkten in dem Concerte noch mit: die Opernsängerin Frl. Frieda Zerny, die mehrere Beethoven'sche Lieder in vornehmem Stile und mit künstlerischem Empfinden vortrug und Herr Hofmufiker F. Mehme l, der die hier längst bekannten Vorzüge seines herrlichen Violinspiels durch die Wiedergabe des zweiten und dritten Satzes des Biolinconcertes aufs Neue bethätigte. Nummhr, da die osficielle Concertsaison zu Ende ist, beginnt eS sich allenthalben im Freien zu regen, die beliebten AuSflugSpunkte in der Umgegend bieten allsonntäglich und die Garten Restaurants in der Stadt selbst an den Wochentagen Concerte, deren Veranstalter die Capellen der vier hier garnisonirenden Regimenter find. Auch die Großh. Commandantur der Stadt hat sich auf Anregung der Bürgermeisterei entschlossen, den beiden öffentlichen Wochen- Concerten vor dem Neuen Palais ein drittes zuzusetzen, das auf dem hinter dem Neuen Palais belegenen Marien- platz ftattfinden soll. Also Mangel an musikalischen Genüssen wird auch die kommende Saison kaum haben. Dem vor vierzehn Tagen des schlechten Wetters wegen verschobenen FrühjahrS-Meeting des Darmstädter Bicycle-ClubS zeigte der Himmel am letzten Sonntag ein freundliches Gesicht. Herrliche Frühjahrswitterung herrschte, die sowohl zu dem von mehr als 300 Fahrern veranstalteten PreiScorso durch die Straßen der Stadt, wie namentlich zu den Rennen auf der neu erbauten Bahn am Carlshos rin ungemein zahlreiches, nach vielen Tausenden zählendes Publikum gelockt hatte. Die Abwickelung des Rennprogramm- dauerte geraume Zeit, da die Zahl der ein- gelaufenen Nennungen außerordentlich groß war. Im Ganzen waren sechs verschiedene Rennen zu erledigen, zu denen nur Amateurfahrer zugelassen waren. Das größte | Interesse nahmen die beiden Mehrsitzer-Fahren in Anspruch, bei denen die bekannten Gebrüder Opel aus Rüsselsheim am Main, die sich auch sonst rühmlich heroorthaten, besonders mit Ehren genannt zu werden verdienen. Im Allgemeinen war der gebotene Sport ein vorzüglicher und namentlich die Endkämpfe stets außerordentlich spannend. Die nach den neuesten sportlichen Vorschriften errichtete Rennbahn mit ihren an der Außenseite 3 Meter hohen Curven bewährte sich vorzüglich. DaS Renn-Comitv hatte sich deS hohen Besuches des Prinzen Wilhelm bis zum Schlüsse der Veranstaltung zu erfreuen. Nachdem man fett langer Zeit nichts mehr von dem Museums-Neubau gehört hatte und nur die auf dem Platze, wo früher daS Zeughaus stand, lagernden Steinhaufen daS Mißfallen aller Passanten erregt hatten, scheint nun endlich Leben in die Sache zu kommen. Gegenwärtig ist man mit der Untersuchung des Untergrundes beschäftigt, die durch mehrere Schachte bewerkstelligt wird. In der in letzter Woche abgehaltenen Stadtverordneten- Sitzung hat die Stadt ein feit langer Zeit dahier bestehendes gemeinnütziges Werk übernommen, das erwähnt zu werden wohl verdient. ES ist dies die von Darmstädter Bürgern gegründete und fubventionirte Knaben-Arbeitsanstatt, welche die Kinder armer Leute in der schulfreien Zeit mit leichten Arbeiten beschäftigt, fie so dem Straßenleben entzieht und ihnen zugleich Gelegenheit gibt, fich einen Spart groschen zurückzulegen. Hoffentlich entwickelt fich daS Jnstitu- so segensreich weiter unter der städtischen Verwaltung wie dies seither unter der privaten der Fall war. Vorstand auf daS Programm der beiden ersten Tage eine Reihe hochintereffavter Novitäten gesetzt, deren Aufführung «an mit größter Spannung erwarten durfte, um so^ mehr, al- keine Geringeren als Eugen d'Albert, Richard strautz, Felix Weingartner und E. v. Reznicek eS waren, deren neueste Tonschöpfungen — zum größten Theil unter ihrer eigenen Leitung — geboten werden sollten. d'AlbertS Oper „Gernot", die in Mannheim zum ersten Mal das Licht der Lampen erblickt hat, konnten wir leider nicht mit anhören, da andere Verpflichtungen unsere Ankunft etwas verzögert harten. Die Meinungen von Fachleuten, welche wir darüber hörten, waren ziemlich getheilt, doch scheint unS das Werk nach Allem, waS wir darüber in Erfahrung brachten, reich an intereffanten Einzelheiten zu fein und eine Achtung gebietende Stelle in der Opernlitteratur einzuoehmeu. Der zweite Abend brachte zwei symphonische Dichtungen: „also sprach Zarathustra" von Richard Strauß, und „die Ge- filde der Seligen" von Felix Weingartner, und ein Requiem des Mannheimer HoscapellmetsterS E. v. Reznicek. Das intereffaote Werk davon war entschieden die Strauß'sche Tonschöpfung. Mag man über den Versuch des Künstlers, philosophische Probleme tu Töne umzusetzen, denken und schreiben, so viel man will: so viel steht fest, daß Richard Strauß ein hervorragendes Genie ist, das unbeirrt seine eigenen Bahnen wandelt und bei der geradezu staunens- werthen Sicherheit in der Handhabung musikalischer Formen ganz Bedeutendes zu leisten und zu schaffen im Stande ist. Leichter verständlich, weil contrapunktltch mit geringeren Schwierigkeiten ausgestattet, erschien uns die symphonische Dichtung von Weingartner, doch ist hier daS Vorbild Richard Wagner noch unverkennbar. Die Wiedergabe beider Werke durch die verstärkte Mannheimer Hofcapelle war eine geradezu mustergiltige, mit der das Publikum und sicher auch die beiden Dirigenten vollauf einverstanden und zufrieden waren. Einen großen, wenn auch nach unserer Meinung nur localen Erfolg hatte ferner da» Requiem deS Mannheimer HoscapellmetsterS v. Rezntcek. Man muß unbedingt zu- gestehen, daß derselbe ein hervorragender Meister in der Behandlung de» ChorS und des Orchesters ist, aber in der Erfindung war er offenbar nicht immer vom Glück begünstigt, und eS schien, al» ob manche der darin enthaltenen Motive eher für die Oper al» für ein Requiem geeignet seien. Der gewaltige, auS verschiedenen Gesangvereinen Mannheim» zusammengesetzte Chor wirkte großartig, ja überwältigend, und wohl diesem Umstande war eS hauptsächlich zu verdanken, daß das Werk, in dem auch Orchester und Orgel schöne, davkenSwerthe Aufgaben zufielen, die sie mit Glück und Geschick lösten', eine so begeisterte Aufnahme fand. Die Solisten, auf deren Leistungen näher etnzugehen unS leider der Mangel an Zeit verbietet, führten ihre Parthien im Allgemeinen befriedigend durch und wurden verschiedentlich durch retchltchen, ehrenden Beifall ausgezeichnet. (Fortsetzung folgt.) Proeetz v. Tausch-Lützow. Berlin, 28. Mai. Beim Eintritt in die Verhandlung werden zunächst die für heute vorgeladenen Zeugen aufgerufen. Der Präsident theilt mit, daß die Vernehmung frühesten» heute Mittag 1 Uhr beginnen könne und entläßt die Zeugen bis zu dieser Zeit. Auf verschiedene Zeugen, welche über den Leumund der Angeklagten aussagen sollten, wird verzichtet. Alsdann wenden sich die Dertheidiger Holz und Lubczinski gegen die Berichte des „Local-Anzeigers", in welchen der GertchtSsaal zu einer Theatervorstellung herabgewürdigt worden sei. Oberstaatsanwalt Drescher bedauert, daß der Gerichtshof keine Handhabe gegen eine derartige Berichterstattung hätte und wendet sich sodann gegen den „Vorwärts", dessen Stimmung»- berichterstarter dem Vertheidiger Dr. Sello, welcher eine Majestätsbeleidigung Lützows zur Sprache gebracht, eine Denunciation vorgeworfeo und ihn, den Oberstaatsanwalt selbst, der Liebedieneret nach Oben bezichtigt habe. Der Angeklagte v. Tausch wird alsdann über seine Briefe an den Grafen Philipp zu Eulenburg vernommen, v. Tausch schildert den Verkehr mit demselben als einen sehr loyalen. Er habe niemals daran gedacht, den Boschafter mit falschen oder er- fundenen Nachrichten zu bedienen, v. Tausch erzählt sodann, 1« Abbazia habe ihn Graf Eulenburg gebeten, gelegentlich Reichrkaozler», Major Ebwkyrr nach dem Namen deS Autor» gefragt worden. Er babe aber nur angedentet, daß der Autor eine hohe politische Persönlichkeit sei. Als die Thätig- keit de» Normann-Schumann kurz vor Beginn des Lecken- Lützow ProzeffeS öffentlich gebrandmarkt worden sei, habe er sich dahin geäußert, daß v. Tausch gern verschwinden «ächte. Seine Koffer seien gepackt und er würde verschwinden, sobald er al» Zeuge verlangt «erde. Angeklagter v. Tausch bemerkte, er habe sich öfter» über die Wissenschaft deS Norman« gewundert, denn thatsächlich habe derselbe die mehrmalige Ber- Haftung deS Schriftsteller» Paasch innerhalb 5 Tagen jedeSmal einige Tage vorher schon gewußt. Der Zeuge Dr. Bauer bekundet, daß Norman« mit der „Neuen deutschen Zeituog Fühlung gesucht, als der Ritualmord zu Xanten die Oeffent- ltchkeit beschäftigte. Journalist Dr. Große wird bezüglich de» Angeklagten v. Lützow vernommen, dem sich im Jahre 1895 ein Herr als Beauftragter de» Ministerium» de» Inner« unter dem Namen RegierungS Affeflor v. Ackermann vorstellte. Letzteren will Zeuge Große auf der Journalisten- tribüue deS Reichstages in der Perion des v. Lützow wiedererkannt haben, v. Lützow bestreitet, jemals diesen Herrn besucht zu haben. Oberstaatsanwalt Drescher sieht ein, daß er bei dieser BeweiSsühruog nicht weiter kommt und so der Zweck der Verhandlungen nicht ersüllt werde, dem Tausch die Verletzung der Eide-pflicht nachzuweisen. Bei künftigen Zeugenvernehmungen über diesen Punkt wolle er sich nur auf daS Aller- nothwendigste beschränken und wenn nöthig, ganz auf die Zeugenvernehmung verzichten. Gegen 5 Uhr erklärt Tausch, er könne den Verhandlungen nicht mehr mit Aufmerksamkeitfolgen, weSbalb Vertagung auf morgen früh 9 Uhr eintritt. Zeituagsmelduugen über seine Familie zu geben, worauf er (Tausch), als s. Zt. die Leckert Lützow-Artikel über die Zaren- toast-Fälschung kamen, deren Spitze sich gegen der Oberhof- marschall Graf Eulenburg richtete, sich für verpflichtet gehalten habe, auch diese Artikel dem Botschafter zu unterbreiten. Der Präsident hält dem Angeklagten v. Tausch entgegen, daß ihm doch die unlautere Quelle dieser Nachrichten bekannt gewesen sei. Die Verhandlung beschäftigt sich weiterhin mit dem Artikel deS „Bcrl. Tag-bl.", welcher s. Zt. zur Verhaftung de» v. Tausch geführt hat. Tausch bleibt bei seinen früheren Aussagen und bestreitet, daß er behauptet habe, Leckert sei im Auswärtigen Amt empfangen worden. Bei der weiteren Vernehmung kommen zumeist die durch den Leckert-Lützow- Proceß bereits bekannten, v. Tausch belastenden Vorgänge zur Sprache, bezüglich deren Tausch jede Schuld leugnet. Nunmehr tritt eine einstündige Pause ein. Nach Wiederbeginn der Verhandlung wird in die Zeugenvernehmung etngetreten. Erste: Zeuge ist Polizeirath Gröber, der darüber vernommen wird, ob v. Tausch in hohem Grade an Selbstsucht und Eitelkeit leide. Zeuge kann davon nicht» sagen. Er glaubt nicht, daß v. Tausch der Mann sei, auf Kosten seiner College« seine eigenen Verdienste heraus zustreichen. Criminal-Commiffär Henning» hat gleichfalls nie bemerkt, daß Tausch danach trachte, andere Collegen zu verkleinern, um seine Verdienste hervorzuheben. Oberlandes- Culturrath Wulsten kann keinerlei Thatsachen zu Ungunsten von Tausch angeben. Er habe ihn für einen ehrenhaften und diScreten Mann gehalten. Zwei Schutzleute bekunden, daß sie Tausch immer ermahnt habe, nur wahrheitsgetreue Berichte zu erstatten. Es folgt die Vernehmung deS Reichs- tagsabgeordneten Bebel. Derselbe kennt den angeklagten Tausch gar nicht. Er habe in der Voruntersuchung nur Aussagen gemacht über die Thätigkeit Normann- Schumanns, letzteren habe er in Zehlendorf persönlich kennen gelernt. Derselbe habe auf ihn, den Zeugen, den Eindruck eines sehr geriebenen und intelligenten Herrn gemacht und ihm sei eS ausgefallen, daß Normavn in seiner Unterhaltung Kenntntß von Vorgängen in den höheren Kreisen verratheu habe, die darauf schließen ließen, daß er vorzüglich unterrichtet fein müsse. Durch einen eigenthümlichen Umstand habe man erfahren, daß Normann-Schumann mit der Berliner politischen Polizei in Verbindung stand, er habe Kreuzbänder zum Versandt von Zeitungen und Manuskripte an Redactionen benutzt, die in der Innenseite die Adreffe deS PolizeirathS von Mauderode trugen. Ob daS ein Versehen oder Berechnung gewesen sei, habe man nicht wtffen können. Auf die Frage deS Präsidenten, ob Normann mit dem „Vorwärts" in Berührung gekommen fei, antwortet der Zeuge mit: Ja. Die betreffenden Artikel feien sehr eigenthümliche gewesen. Er, Zeuge, hätte das Gefühl gehabt, als sollte damit etwa- er- reicht werden. Den Hintermann von Tausch» kann Zeuge nicht bestimmen, davon sei er jedoch fest Überzeugt, daß Nor- manu-Schumann auS vorzüglichen Quellen Informationen erhalten habe. Auf die Artikel im „Memoriale diplomatique* kann Zeuge sich nicht mehr besinnen, er weiß nur einen, daß sie außerordentliche sensationelle Naturgrößen seien. ES folgt die Vernehmung deS Director Dr. Mantler vom Wolff'schen Telegraphenbureau, der über LützowS Thätigkeit in der Zeit, wo er dem Bureau angehört habe, eine nicht ungünstige Aussage macht. Redacteur Erkmannsdorf von der „Deutschen Warte" schildert den Lützow als einen guten famosen Kerl, aber als einen sehr unzuverlässigen Journalisten. Längere Zeit nehmen die Vernehmungen der Zeugen Schriftsteller Brentano al» früheren Redacteur der „Saale- Zeitung", des RedacteurS Hensel und deS Schriftstellers Bauer von der früheren „Neuen Deutschen Zeitung" in Leipzig in Anspruch. Die Zeugen werden darüber gehört, in welcher Weise Normann-Schumann ihnen politische Artikel, die angeblich von Tausch inspirirt haben sollte, zukommen ließ. Zeuge Brentano sagt u. a. au». Normann-Schumann habe die Redaction der „Saaleztg." unaufhörlich mit Artikeln hochpolitischen Inhalt» überschüttet, die sich zum Theil mit der Person des Kaisers und mit dem Grafen Waldersee als Nachfolger des Reichskanzlers, Grafen Caprivi beschäftigten. Die Artikel seien, bi» auf einen, welcher die bekannte Bötticher-Affaire behandelte, zurückgeschickt worden mit dem Vermerk, ob er die Redaction der Saalezeitung sür verrückt halte. Infolge deS Bötticherartikels sei Zeuge Brentano nach Berlin gekommen und sei von dem früheren Attache deS liebet Nutrosc wird von ärztlicher Seite geschrieben: _Auf Grund von verschiedenen Versuchen kann ich behaupt«, daß »ntrose ein in jeder Beziehung geeignete« Fleischersatzmitkel ist. Ein wetßeS Pulver von appetitlichem Aussehen, geruchlos und fast geschmacklos, leicht löslich und — eine sehr ins Gewicht fallende Eigenschaft — nicht theuer. 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