1897 Samstag den 29. Mai Nr. 124 Zweites Blatt Gießener Anzeiger Kenerat-Anzeiger. Die Gießener Aa«ikie»StLl1er werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigrlrgl. Der chietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de« Montag-. Vierteljährig« Avonnementsprei« r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Marl 50 Pfg. , Redaction, Expedition und Druckerei: rchnlsiratzeVr.?. Fernsprecher bl. Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Gießen chratisöeitage: Gießener Kamitienötätter. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr. Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Aintlicher Theil. Gießen, den 25. Mat 1897. Bett.: KreiSlehrerconftrenz. Die Wchh. Kreis-SchÄc-mmifKou Gießen au die Schulvorstände des KreiseS. Rubr. Confereoz findet Freitag den 4. Juni, Vormittags IO Uhr, in Steins Garten dahier statt. Sämmtliche Lehrer find verpflichtet, zu derselben zu erscheinen. Tagesordnung: 1. Stastistik der Volksschulen des Kreise- zu Beginn des Schuljahres 1897/98. 2. Vortrag de- Lehrer- Kling zu Watzenborn Über: „Die Stellung der Lehrer." 3. Vortrag des Lehrer- Grün zu Reiskirchen über: „Wie erzieht die Schule zum Wahren, Guten und Schönen." An die Conftrenz schließt fich ein einfache- Mittagessen an. Wir beauftragen Sie, die Lehrer Ihrer Gemeinden hiernach zu bedeuten. v. Gagern. Deutsches Reich. Cetlhi, 26. Mai. Im Herrenhause hat heute Vormittag 11 Uhr unter dem Borfitz des Reichskanzler- Fürsten Hohenlohe eine Sitzung des Staatsministeriums stattge- funden. Es soll fich dabei um die Stellung de- Ministerium- zur BereinSgesetznovelle gehandelt haben. Berit*, 26. Mai. Im preußischen Abgeordnetenhause wurde heute die zweite Berathung des Handelskammergesetzes erledigt. Nächste Sitzung Freitag 12 Uhr: Zweite Lesung des Vereinsgesetzes. AusUrud. Budapest, 26. Mai. Anläßlich der bevorstehenden parla- mentarischen Verhandlungen über die neue Strafproceß- orduung haben sämmtliche oppofittonelle Clubs beschlofien, alle parlamentarischen Mittel zur Anwendung zu bringen, damit der Paragraph 16 (Einschränkung der Preßfreiheit) nicht bewilligt werde. Madrid, 26. Mai. Ministerpräsident CanovaS erklärte, er werde in den Verkauf von Cuba absolut nicht willigen. London, 26. Mai. In hiesigen RegierungSkreisen herrscht große Entrüstung über die Proteste, welche von mehreren englischen Colonien und besonder- von dem Dubliner Stadtrath gegen die Jubelfeier der Königin Victoria erhoben worden find. Die irländischen Blätter protestiren ein- stimmig und erklären, daß sie bei aller Hochachtung für die Königin die Polittk der englischen Regierung nicht billigen könnten. England habe in den letzten Jahren Ruhm, Macht und Reichthum erworben, während Irland noch immer unter dem Druck der Monarchie in Armuth und Unterdrückung schmachte. Eine Glückwunschadreffe von ihrer Seite wäre daher nur ein Act der Heuchelei. Loudon, 26. Mai. „Daily Chronicle" meldet, der Zar habe dem König von Griechenland den Rath gegeben, für Athen einen Militär-Gouverne ur zu ernennen, um gegen alle Eceignifie gesichert zu sein. Der König will in- deß hierauf nicht eingehen, sondern fich vielmehr darauf bekrönten, größere Trnppenmafsen in Athen anzusammeln. Loudon, 26. Mai. „Standard" meldet ans Berlin, die Großmächte seien mit der Türkei dahin übereingekommen, den Prinzen Franz Joseph von Battenberg zu« Gouverneur von Kreta zu ernennen. Belgrad, 26. Mai. Wie verlautet, wird König Alexander im Herbst dem englischen Hofe einen Besuch abstatten. Koostautiuopel, 26. Mai. Die Botschafter haben gestern der Pforte die Antwortnote der Mächte betteffend die Friedensverhandlungen der Türkei auSgehändigt. Auer- kannt wird von den Großmächten, daß die Türkei eine Grenz - Regulirung sowie eine Kriegslasten' Entschädigung fordern kann. ________________ totale, «nd provinzielle». q Darmstadt, 27. Mai. Die letziwinterliche vom OrtS- gewerdeverein veranstaltete Gesellenprüfung wurde heute im Locale der Handwerkerschule in Anwesenheit deS Herrn Bürgermeisters Köhler und eines Vertreters der gewerblichen Centralstelle mit Uederretchnng der Gesellen- driefe beschlofien. Don den 35 in Prüfung genommenen Lehrlingen erhielten 5 die Note sehr gut, 29 gut, 1 genügend. A Mai»,, 25. Mai. Konsul a. D. Ernst Roßen, ein geborener Mainzer, wurde von dem Auswärtigen Amte in Berlin aufgesordert, an den Verhandlungen mit Frankreich wegen deS Togo • Hinterlandes theilzunehmen und ist zu diesem Zwecke nach Paris gereist. Herr Roßen war bis vor etwa 10 Jahren deutscher Wahlconsul an der west-afri- konischen Guineaküste und wurde später zum General-Ver- tretet bet deutsch ostafrikanischen Gesellschaft in Ostafrika ernannt, wo er bis zum Ausbruch deS Araberaufstandes ver- blieb. Gegenwärtig ist Roßen Chef der geographischen Buch- Handlung von Dietrich Reimer in Berlin. — In Sachen der Eingemeindung von Kastel zu Mainz werden gegenwärtig Verhandlungen vor dem KreiSamt geführt. Wie wir hören, sollen die von dem Kasteler Gemeinderath auf- gestellten Bedingungen, unter welchen man in eine Eingemeindung einwilligen will, in verschiedenen Punkten al» sehr SnderungSbedürftig erklärt werden, indem unter den gestellten Conditionen solche sind, deren Erfüllung außerhalb der Machtbefugniß der Stadt Mainz liegt. Hierzu ge- hört in erster Linie da» Verlangen auf Beseitigung de» UebergangSzolleS auf der Straßenbrücke zwischen hier und Kastel, eine Frage, über welche bekanntlich die Landstände und die Regierung, nicht aber die Mainzer Stadtverordneten zu entscheiden haben. Ferrillotsn. /rankfnrttr Lheaterdrirf. (Originalbericht für den .Gießener Anzeiger".) (Nachdruck verboten.) „Die KömgSkinder." Dr. M. Bon all den Märchenstücken, die in den letzten Jahren über die deutschen Bühnen gezogen find, hat uns das Werk von Ro-mer und Humperdinck am eindrucksvollsten berührt, denn es ist die genialste und ungezwungenste Wiederbelebung alter Märchenpoesie und alter Märchenweisheit. Ja, auch Weisheit! Aber in keine abstrakte, mit sym- bolischen Schnö.keln versehene Allegorie verflüchtigt sie fich, sondern wächst in einer festen Schale- Rinde und Kern gehören zusammen. ES find die alten, wohlbekannten Märchenfiguren und Märchenmotive, die in den „KönigSkindern" vor uns auftauchen. Die böse Waldfrau, daS reine, unschuldige Raturkind: die Gänsemagd, welche der KönigSsohn kürt, der boshafte Besenbinder, der frohe Spielmann u. s. w. Und au» der Art der Zusammenfügung leuchtet uns nicht nur der ächte Goldglanz dichterischen Empfindens, sondern auch der höhere, lichtere Schein einer vertieften Weltanschauung entgegen, die den engen, bescheidenen Rahmen deS heimath- lichen Märchens mit ewigen Wahrheiten erfüllt. „Bin ich als KönigSsohn gleich geboren, zum König muß ich mich selber machen!" Mit diesem Vorsatz zieht der Jüngling au- seines Vaters Palast, um durch Dienen und harte Frohn die wahre Menschenwürde zu erringen. Er selbst bleibt fich treu, die Welt kann ihn nicht verführen zu Zugeständnissen au ihre thörichten Eitelkeiten und ihr finnliche- Treiben, — aber ebenso wenig kann er den Troß zu dem Adel seiner eigenen Natur herüberziehen- waS sollen auch die Menschen anfangen mit Einem, der „eine Goldharfe gab um ein Weidenpfeiflein". Der Unterschied zwischen KönigSsohn und Pöbel bleibt bestehen. Und die er als die ihm ebenbürtige und wesen-verwandte grüßen darf, die ihm ihr Blvmenkränzlein weiht — die ist auch nicht aus der Menge, sondern ausgewachsen im grünen Wald bei Blumenduft und Vogelsang- Bettlerlumpen umschließen ihren Leib, ober ein unsichtbare- Krönchen funkelt auf dem unschuldigen Haupte deS einfachen Gänsemädchen-. „Unter allen den demüthig vielschönen Frauen Mochte meinem Schauen Keine gefallen, Unter den Linden Beim Vogelgesang Mußt ich in Dir meinen Sommer finden." Und Über den beiden flüstert die Linde ihre uralten Märchenmelodten! Auf diese» Bild der sonnigen Waldwiese folgt da- mit vollsaftigem Leben und irdischer Derbheit ausgestattete Treiben auf der Stadtwiese, wo Dorf- und Stadtleute auf das Königspaar warten, daS, so hat eS die Waldftau prophezeit, beim Schlag der Mittagsglocken seinen Einzug halten soll. Längst weilt der KönigSsohn unter ihnen, ohne daß fie e» werken. Die Welt merkt daS Große ja nur immer an äußeren Abzeichen. Vielmehr hänseln und puffen fie ihn, nur die Kinder drängen fich an seine Seite und holen ihn zu ihrem Tanz. In ihre Spiele mischt er fich mit ungezwungener Fröhlichkeit, aber die derben Zärtlichkeiten der WirthStochter hat er zurückgewiesen, denn fie mußten ihn widerlich berühren bei der Erinnerung an jene ideale Hingebung, die in seiner Seele die unvergeßliche Begegnung mit dem süßen, thaufrischen Waldkinde geweckt hat. Die Gänse- magd ist nicht mit ihrem KönigSsohne gezogen, denn noch hielt fie zauberisches Wesen, von der alten Großmutter auf fie gelegt, im Bannkreis ihres Waldes. Erft muß fie fich innerlich davon frei machen, wenn fie ihre Sehnsucht, die fie schon lauge zu den ihr bisher unbekannten Menschen treibt, befriedigen will. Der Spielmann, ein frischer, froher Gesell, dem sein Sinn nicht nach äußeren Gütern steht und der auch tiefer zu blicken vermag als die Menge, verhilft ihr zu dieser Freiheit und zu der Wiedervereinigung mit dem geliebten KönigSsohn. Im Hellen Glanze der Mittagssonne finden die beiden fich wieder. — Gän semagd: „Mein lieber Knabe, ich komm zu Dir, hab mir mein Fürchten überwunden und einen freudigen Muth gefunden. Darf Deine Kron mit Rechten tragen." — KönigSsohn: „Der ich mit Sehnen ergeben bin, Du Liebesverschönte, Du Sonnen- gekrönte, o Du meine hohe Königin!" Was kümmert eS die beiden, daß der Pöbel fie unter Lachen und Schelten aus den Stadtthoren treibt, ihnen bleibt ja die weite GotteS- welt, für fie strahlt die Sonne, für fie duftet der Linden- bäum! (2. Act.) Aber die Hellen Hoffnungsfarben verbleichen, die frühlingSzarten Knospen ersterben, Winterfrost liegt auf der Erde und die KöuigSkinder wandern, niedergebeugt von Mangel und Kälte, in der Irre. Der KönigSsohn kann den Weg in die Heimath, in sein Reich, daS er einst mit so kühnem Wage- muth verließ, nicht mehr finden. Vergebens sucht der treue Spielmann und die Kinderschaar, welche an den „König und seine Frau" geglaubt, die Spur der Verlorenen. DaS junge Geschlecht, von einem kundigen Führer gewiesen, baut ja oftmals Altäre für die, welche die Alten verfolgten und ver» höhnten. Darin liegt eine ausgleichende Gerechtigkeit. — Endlich findet man die beiden, friedlich nach allen Ent- täuschungen eingeschlummert auf der Rasenbcckk, die einst ihr sommerliches Glück gesehen und über die nun die immer dichter fallenden Schneeflocken das große Bahrtuch breiten. DaS alte Märchenschloß mit seiner glitzernden Feenpracht, daS am Ende den verfolgten Reinen und Guten die FriedenS- statt bietet, ist diesmal der crystallene Eispalast, den die Majestät deS Todes selbst in feierlicher Stille errichtet und auf welche die bleiche Wintersonne zum Schluß ihre müden Strahlen entsendet, — den motten Abglanz großer, starker LebenSillufionen — denn einstmals blühte der Ltndenbaum! Neber diese Märchendichtung hat nun Engelbert Humperdinck ein musikalisches Gewand gelegt, das al» getreues Echo des poetischen Kerns empfunden werden muß, denn hier handelte eS sich nicht darum wie in „Hänsel und Gretel" durch die Mufik erst das Wesentliche und Hauptsächliche zu geben, sondern zu einem Fertigen, einem bereits in fich geschloffenen Ganzen, wie eS die „Königskinder" der unter dem Pseudonym „Ernst RoSmer" schreibenden Frau Elsa Bernstein (München) find, eine Illustration in Tönen zu geben. In diese Aufgabe deS Sichanschmiegens und NnterordnenS hat Humperdinck fich mit wahrhaft künstlerischem Tact gefunden. Gerade weil er niemals „überstimmen" will, wirkt seine Musik so außerordentlich wohl- thuend und wird al» stilgerechte Ergänzung empfunden. Frl. Schacko ist für die Figur der „Gänsemagd" gesanglich wie schauspielerisch eine kaum zu übertreffende Vertreterin. Herr Barthel scheint an der Aufgabe deS „jungen „KönigSsohn" seine Freude zu haben, wenngleich sie seiner künstlerischen Begabung etwas ferner liegt. Die „Waldfrau" deS Frl. Sophie König und der „Spielmann" des Herrn Diegelmann, sowie alle übrigen Mitwirkenden schufen ein flotte» Märcheneusemble. IßehördlicheAnzeigen Submission. Für die psychiatrische Klinik soll die Lieferung von Bett-, Leib- uud Tischwäsche re. für das Rechnungsjahr 1897/98 auf dem öffentlichen Submissionswege ver- geben werden. Die Lieferungsbedingungen liegen auf dem Vermal- tungsbureau, Nachmittags von 3 bis 5 Uhr, offen. Offerten sind versiegelt und mit entsprechender Aufschrift versehen bis zum 15. Juni 1897, Vormittags 11 Uhr, einzureichen. Der Zuschlag eiffolgt innerhalb 8 Tagen. Gießen, den 21. Mai 1897. Großh. Verwaltungs-Direction der psychiatrischen Klinik. Sommer. 5105 * Verdingung. Neubaulinie Salzschlirf-Schlitz. Es soll die Ausführung des Babn« körperS und der Nebenanlaaen, sowie der BetlungS-Packlage in zwei Loosen, zu, sammen oder einzeln, vergeben werden. BaulooS I umfaßt rund 65000 cbm Bodenlösung und rund 3900 cbm Mauerwerk. BaulooS II umfaßt rd. 690('0 cbm l^denlösuna und rund 2045 cbm Maner- Eck. Die Verdingungsunterlagen liegen bei der Unterzeichneten während der Dienststunden zur Einsicht auS und können von dort auch gegen post- und beftell- geldfreie Einsendung von 2,50 Mk. für jede« LooS bezogen werden. Versiegelte Angebote sind mit der Aufschrift : „Angebot auf BaulooS I bezw II Salzschlirf—Schlitz" bis zum Verdtn- gungStermin, Mittwoch, de« 9. Anni d. I», Vorm. 11 Uhr, völlig gebührenfrei hierher etvzusenden. Zuschlagsfrist 14 Tage. 5092 Lauterbach (Hessen), den 19. Mai 1897. Großh. Hess. Etsenbahn-Bau-Abtheilung. |^ersteigenmgerL^| Ssmstsg den 12 Juni, Nachmittag« 2 Uhr, soll auf dem hiesigen OrtSgericht die dem Heinrich Wallach in Gießen gehörige Hofraithe: Flur 1 Nr. 768 — 237 qm auf dem Marktplatz, öffentlich meistbietend versteigert werden. Gießen, den 80. April 1897. Großh. OrtSgericht Gießen. I. A.: Vogt. 4322 Empfehlungen. Gardinen in weift und creme, abgepaßt und am Stück, 6214 Rouleauxcoeper in allen Breiten in gestreift und glatt, offeriren in großer Auswall und billigen Preisen Ang. Montanas Nacht, Inhaber: R. fit M. Imheuser. Cognac in i/i, xk und 7* Flaschen der Firma MtSauuus'Cognal-SttUllkrej Fritz Scheller Söhue', Homtnirg -- gegründet 1843 — mehrfach ärztlich preisgekrönt. empfohlen. 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