Nr. 289 Zweites Blatt. j ^DonnerStag den 9. December 1891 Dir Gießener ^««ikienötätter Werken dem Anzeiger WSchmtlich dreimal beigelegt. Der Oirtze«er A«,ei-er ^scheint täglich, ■Rt Ausnahme bt« Montag». Gießener Anzeiger Kenerat-Anzeiger. vierteljährig« AöounemeutsPreiA r 2 Mark 20 Pfg. mit Lringerlohm Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: Kchutstraße Ar.7. Fernsprecher 61g Aints- und Anzeigeblntt füv den Atveis Gietzeir. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für b« folgenden tag erscheinenden Nummer bi» Borm. 10 Uhr. Gratisbeilage: Gießener Kamilienökätter. Alle Annoncen-Bureaux de» In- und Äu»Ianbe» nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger'' mtgtfM. Zur Lage in Italien. Als wir vor einiger Zett das Vorgehen des Minister« Präsidenten di Rudini gegen die katholischen Gesellschaften in Italien besprachen, gaben wir unserer Ueberzeugung Ausdruck, daß im Laufe der Kammersitzungen das Ministerium reconftrutrt werden würde. Rudini hatte damals nut deshalb gegenüber den Clericalen strengere Saiten aufgezogen, um dem radicalen Zauardellt zu Gefallen zu sein und besten Unterstützung sich zu gewtnuru. ES ist noch in frischer Erinnerung, wie der Minister der öffentlichen Arbeiten Prinetti die Haltung deS CabtuetchefS de-avouirte nnb dem Cardinal Kerrera, gegen den sich die Rudint'scheu Verfügungen hauptsächlich richteten, einen Besuch abgestattet hat. Freilich wurde offiziell dieser Vorgang als ganz harmlos und unpolitisch hingestrllt, aber unterrichtete Kreise wußten doch, was fie davon zu halten hatten. Prinetti hat fich im Laufe seiner AmtSthätigkeit bereits eine achtenswerthe Stellung zu verschaffen gewußt, seine Energie und die Selbstständigkeit, mit der er auftritt, machen überall Eindruck. In letzter Zeit war er vielfach der Gegenstand lebhafter Angriffe tu der Preffe, weil er auf eigene Faust in Foggia der Bevölkerung große Verheißungen gemacht hatte, ohne fich vorher die Zustimmung seiner Mtniftercollegeu zu versichern. Allein die BewäfferungSanlagen, die er den Bewohnern Apuliens und und CalabrtenS versprochen ha», werden etwa eine Viertel Milliarde in Anspruch nehmen, die fich freilich auf 25 Jahre vertheilen würden. Man glaubt auf der einen Seite, er sei dem Minister mit seinen Versprechungen gar nicht sehr ernst gewesen, und er habe fich in der Voraussicht, daß Rudini ihn bei der Reconstruction des CabinetS fallen laffeu werde, nur einen guten Abgang sichern wollen- auf der andern Seite nimmt man an, Priuetti fei der prtucipiellen Zustimmung seiner Collegen ganz sicher gewesen. Einzelne Kreise «einen, daß Prinetti noch einmal eine größere Rolle im politischen Leben Italiens spielen werde. Der Erste, welcher au- dem Tabinet Rudini ausscheidet, dürfte aber nicht Prinetti, sondern der Kriegsminister Pclloux sein. In der FreitagSfitzung der Deputirtenkammer wurde ein Antrag über die Altersgrenze der Offiziere eingebracht, vom KrtegSminister bekämpft, aber doch mit geringer Mehrheit angenommen. Pelloux ersuchte daun die Kammer, die weitere Berathuug de- betreffenden Gesetzentwurfs auSzu- fetzen, und es heißt, daß er feine Entlaffung einreicheu werde. Etwas Bestimmtes ist darüber noch nicht entschieden worden, aber immer mehr Anzeichen sprechen dafür, daß eine Mtutsterkrtfi« in Sicht ist, die aller Wahrscheinlichkeit damit enden wird, daß Rudini die Demisfion deS GesawmtcabinetS giebt und dann mit der Neubildung wieder beauftragt wird. Dann dürste es sich auch entscheiden, ob der radicale Kammerpräsident Zauardellt sich bereit finden läßt, in da» Ministerinm einzutreten. Vor wenigen Wochen glaubte Rudini, nicht ohne die Unterstützung der Radtcalen regieren zu können, und wir haben schon oben gesehen, daß er den' selben weitgehende Zugeständnisse zu machen nicht abgeneigt sei. Freilich würden dann die Gegensätze zwischen den Clericaleu und der Regierung fich wieder bedeutend zuspitzen, wa- den inneren Frieden Italiens ernstlich gefährden könnte. Ein heikler Punkt in den italienischen Angelegenheiten waren von jeher die Finanzen. Die Steuern find sehr hoch, und man wird fich noch erinnern, wie erregt die öffentliche Meinung vor Kurzem war infolge der neuen Finanzpolitik der Regierung, welche eine höhere E nkommenstener verfügt und strengere Maßregeln bei der Eintreibung derselben ein- geführt hatte. Bet den damals stattgehabten Demonstrationen hatte es bekanntlich Todte und Verwundete gegeben. Minister Luzzetti hat jetzt eine im Allgemeinen sehr rosige Fivanz- darlegung gegeben, in der er ausführte, daß für mehrere Jahre das Gleichgewicht im Haushalte hergestellt fei, Steuer- Heraufsetzungen nicht vorgesehen und daß eine Reihe wirth- schaftlicher und socialer Reformen geplant seien. Vorsichtige Politiker verhalten fich diesen Verheißungen gegenüber sehr sceptisch und rathen an, erst die Dinge abzuwarten, ehe man in ein Jubellied einstimme. Jedenfalls werden schon die nächsten Tage eine Klärung der innerpolitischen Situation bringen. In dem Augenblick, als wir unfern Artikel schließen wollten, lief die Meldung ein, daß das Cabinet Rudini nunmehr thatsächlich seine Demisfion gegeben habe, daß aber, wie wir schon oben sagten, der Marchese voraussichtlich wieder mit der CabiuetSbildung betraut werden dürfte. Um wieder eine Mehrheit in der Kammer zu erhalten, wird er neuerdings mit verschiedenen Parteien pactiren müssen, da keine einzige Gruppe im Parlament für fich allein ein neue- Cabinet bilden kann. (xx) Cocoles uttb ProVinzielles. Meßen, 8. December 1897. •*H. Etadtheater. Am Montag Abend fand die Aufführung der bedeutendsten und sensationellsten Novität dieser Saison statt, nämlich deS Schauspiels „Trilby", daS zuerst in London gegeben und von da seinen Triumphzug durch den Continent machte. Es ist der Magnet, der nunmehr auch in Deutschland den Theaterdirectiockkn volle Häuser und große Kaffenerfolge schafft, mag eS auch bet un- in puncto der Moral bei Gemüthern mit begrenzter, um nicht zu sagen beschränkter Anschauung mit Entrüstung als verdammeuSwerth bezeichnet werden. Trilby ist übrigens kein Drück modernen Begriff», sondern eine Dramatifirung deS gleichnamigen Roman-, der tu New Dark 1897 erschienen und als solcher damals schon große- Aufsehen erregte und viel gelesen wurde, ja auch in mustergültiger deutscher Uebersetzung erschienen ist. Der Verfasser desselben ist Georg du Maurier, die Dramatifirung ist von P. M. Potter. Die Handlung, die nicht immer moti- virt und fich zudem noch auf eine unmögliche Voraussetzung aufbaut, ist folgende: Ein der niedrigsten Klaffe in Paris angehöriges schönes und herzensgutes Mädchen, Trilby, wird Modell; als solches lernt fie ein junger englischer Maler kennen, der fich in fie verliebt und fie heirathen will Trilby entsagt jedoch dem Geliebten auf Zureden von deffen Mutter und fällt al- Beutestück dem Musiker Svengali in die Hände, einem dämonisch-herzlosen, geldgierigen Menschen, der entdeckte, daß Trilby zwar die herrlichsten Stimmmittel, jedoch keine Spur eines musikalischen Gehörs besitzt. Um letzteren Uebelstand zu beseitigen, wendet er die Hypnose an und bildet die in diesen Zustand versetzte Trilby zur Sängerin aus. De- in Aussicht stehenden Gewinne- wegen, der durch feilgebotene herrliche Stimme und berückende Schönheit sicher erzielt wird, heirathet Svengali nun die ihm willenlos Folgende und urternimmt sodann Kunstreisen mit ihr. Nach Verlauf einiger Jahre kommt er mit ihr wieder nach Paris zurück, dort führt der Zufall die sich Liebenden nach so langer gewaltsamer Trennung wieder zusammen. Die hypnotische Kraft verliert der Liebe gegenüber ihre Wirkung und wird durch den plötzlichen Tod SvengaltS aufgehoben. Wahre- Lebens- und Ltebe-glück scheint die Zukuust Trilby zu bringen, doch ein von ihr erschaute- Bild Svengali- mit dessen stechendem Blick versetzt fie in eine letzte Hypnose, aus der fie selbst die heiße Liebe ihre- William nicht mehr erwecken kann und stirbt. — Es ist ein recht aufregender Stoff der besonder- in der Wirkung des letzten Acte- schwache Nerven tüchtig anzugreifen vermag. Wenn auch einige Scenen voll ausgelassener Lustigkeit und überwältigender Komik find, wir erwähnen den „Hochzeit-ball" im Atelier und da- Auftreten Sr. Ehrwürden Reverend Thoma- BagotS, so überwiegt doch die Tragik in dieser hypnotischen Wundergrschichte und läßt das Ganze, wenn auch absurd, so doch tief erschütternd ab- schlteßen. Die Wiedergabe an unserer Bühne war zufriedenstellend. Frl. Würdig war die heikle Titelrolle übertragen- fie verstand er die hypnotisirte Trilby auf daS Natürlichste wiederzugeben- erhöht wurde der tiefe Eindruck ihrer Darbietung durch daS ausdrucksvolle Mienenspiel und die Sprache ihrer Augen, z. B. die Scene der wachend schlafenden Sängerin Trilby im dritten Act kam dadurch zu ergreifender Wirkung. Nur im ersten Act bot die Künstlerin wenig Befriedigendes, da- war kein junge-, sorglos übermüthiges, au-gelaffen-lustige- „Modell" mit heißem, französischem Blute, wie der Roman schildert, und daS fich seiner Sünden und Unmoralität unbewußt ist, sondern ein langweilig-sentimentale- deutsches Mädchen, daS wohlerzogen und tugendhaft weder zu einem Modell fich vergiebt, noch dazu taugt. Und ferner der alte Fehler der Sprache, wie verdarb diese-, waS das Spiel gut gemacht, da gefiel fich diese junge Trilby in den ersten Worten im Diskant zu sprechen, auf einmal wechselt die Stimme und man hört einen sonoren Alt, der zwar besser klingt, jedoch hierher nicht gehört und störend den Dialog beeinflußte. Die schwierige Rolle des Svengali fand in Herrn Liebscher in MaSke und Spiel einen guten Vertreter. Sind wir auch nicht mit der ganzen Leistung zufrieden, so war fie doch im dritten Act eine überaus vortreffliche, und der virtuosen Verkörperung des Dämonischen, Feuilleton. Die Mausefalle. Novelle von Frida Storck. (Schluß.) Die schweigt noch immer, er fährt erregt fort: „©tc wichen seither jeder Aussprache geschickt aus. Aber ehe ich Sie gehen lasse, müssen Sie erfahren, wie es einst um mich stand — und wie e« jetzt stcht. Damals lag ich rettungslos — und wie ich mir eiubildete, glückselig — in den Banden der berückend schönen Amerikanerin. Sinnlos lebte ich in den Tag hinein, gab mehr aus, als ich konnte und durfte, nur nm da- Glück ihrer faScinirendrn Nähe zu genießen. Ich mußte den Masken- ball besuchen, fie hatte mich gereizt durch eine spöttische Bemerkung über arme Schulmeister. So ließ ich mir den theuren Anzug machen und kam mit dem letzten Zehnmarkstück zum Feste. Ich gestehe, ein bodenloser Leichtsinn «einer- seit-, denn ich hatte noch alte Bären lo-zubiaden und wir hatten erst den Zehnten im Monat. Sie ahnte meine Finanzlage und trieb darum ihren Uebermuth so weit, meine ganze Baarschaft für diese Mausefalle zu fordern. Ich ver« siebter Thor zahlte- waS hätte ich nicht gethan, um fie zu gewinnen. Doch dann sah ich mit Groll und Schmerz, wie sie me'u Opfer gering achtete und mit Anderen kokettirte. Ich schleuderte das elende Ding in eine Saalecke, um es, ich gestehe auch diese Schwäche ein, später wie ein Unsinniger zu suchen. Dann boten Sie mir da- Verlorene. Ihre liebe Stimme warnte mich, fie hatte einen so dringlichen, mitleidigen Klang. Gewiß, Ellis in ihrem herzlosen Ueber- muthe hatte geplaudert, den verliebten Thoren, der in ihrer Hand weiche- Wach- gewesen, verspottet. Da ich mich zu dieser heilsamen Erkenntniß durchgerungen, ergriff mich ein heiliger Zorn. Kein Wort und keinen Blick verschwendete ich nunmehr an mein so jäh von seinem Piedestal gestürztes Idol. Auf dieses Piedestal erhob ich zur selben Stunde ein anderes Bild, die Rumänin. Wie ich aber in fiebernder Hast nach ihr suchte, ich fand fie nicht. Plötzlich, im Park von Schwetzingen, drang die liebe Stimme an mein Ohr. WarS ein süßer Traum? Nein, leibhaftig saßen Sie im Schatten des Ecktempels der Moschee und ahnten nicht, wie ein versteckter Lauscher jedes Wort Ihre- Berichtes andächtig in fich aufnahm. DaS Weitere wissen Sie. Rur noch eins: Die Rumänin hatte ein freundliche- Interesse für den armen, verblendeten Armenier. Ist diese» Fünklein ächt weiblichen Mitgefühl» erloschen? Ich flehe Sie an, theverste Theo, — ich höre die Tante kommen — sagen Sie schnell, darf ich meinem Mütterchen schreiben: Dein großer, thörtchter Junge ist ein glückseliger Mann! Da» holde Mädchen, da» ihm den goldenen Talisman gab, das er mit aller Kraft liebt, will ihn auch lieb haben. Darf ich, geliebte- Mädchen?" Da- anmuthige Mädchengeficht blieb noch immer ab- gewandt, aber auf die leicht bebendem Hände perlten klare Tropfen, Thränen eines still und heiß ersehnten, kau» erhofften Glückes.-- An diesem Abend ist es nicht» mit der Halmapartie. Der fließt Ludwig" kann fich nicht entschließen, steife Holzfiguren hin und her zu schieben, da ihm ein lieblich erglühte» Mädchen zur Seite ruht und mit glücklich leuchtenden Augen seinem Geflüster lauscht. „®ut, daß eS Euch nicht gleich am ersten Tage einfiel, Euch zu verloben, dann hätte ich vermuthlich gar nicht- von Theo gehabt," schmollte Tante Rath gutlauntg. An TheoS Reisegesährtin geht alsbald folgende Zuschrift ab: ^Gnädige Frau! In Demuth beuge ich mich Ihrer philosophischen GlückSzuverficht in Bezug auf unvorhergesehne Mißhrlligkciten! Erinnern Sie fich vielleicht noch meine- Berichte» eine» MaSkenfesteS? Der Armenier, dem ich seine Mausefalle zurückerstattete, hat, o NemefiS, mich arme» Mäuschen vermittelst diese- DrahtgehänseS gefangen und will mich zeitlebens nicht mehr freigeben. Es ist der Reisende, der un» in Schwetzingen nachltef. Sonst ist er ein lieber Kerl, heißt Ludwig Bauer und ist von beruf»wegen verpflichtet, ^höheren Buben" mathematische Probleme lösen zu helfen. Diese» die von Ihnen gewei»sagte „wichtige Meldung", deren fich hiermit bestens grüßend erledigt Ihre dankbare Theo." Darunter steht von kräftiger Männerhand: „Er leben die Rundreisehefte und deren schlaue Verfertiger!" der Eitelkeit und Ehrsucht, sowie brS Seelenkampfe» bet seinem Tode gebührt rückhaltlos volles Lob. Die seitens de» KüvftlerS beliebte öftere AuSeinanderzerruug der Worte und karrikirte Aussprache ist zu tadeln, weil ungehörig und hier nicht am Platze, ja schwächt sogar sein bedeutende» Eharakterifirung«- talent. Immer uno überall mit gleichen Mitteln zu arbeiten, ist für den Schauspieler nicht angängig, läßt den Zweck ver» fehlen und in der Wirkung versagen. Ein flotteS Malertrio stellten die Herren Boehm, Frttzschler und Janson, einen bigott-puritanischeu Reverend, mir unvergleichlich guter Mimik charakterifirt, schuf Herr Helm. Ferner sei einer» kennend erwähnt Frau Kehler für ihre gute Wiedergabe der Mr». Bagot, sowie desgleichen Fräulein Natusius all Mad. Binard. Herr Fellner genügte nicht als auftretender Theaterdirector, da er es nicht versteht, durch den richtigen Gesprächston und Haltung den Gentleman vom Haueknecht zu unterscheiden. Die Regte war von Herrn Frttzschler lobeuSwerth geführt- der Beifall in der Concert» fcene des dritten ActeS hätte jedoch feiner in der Wirkung fein dürfen, ebenso wäre es angebracht, bet Angabe von Uhr» fchlägen nicht immer mit dem abscheulich klingenden Blech» deckelgeräusch daß Gehör zu beleidigen. Dah im Schlußact die Beleuchtung uad die Darstellung des Bildes SvengaltS hier noch bester gegeben werden kann, ist nicht zu bezweifeln. — Der Besuch hätte diesem interessanten Stück zufolge ein noch besterer sein dürfen- die Anwesenden zeichneten die Darsteller nach jedem Act, ja selbst bet offener Scene durch lebhaften Beifall auS. Wir wünschen, daß eine Wiederholung dieses Schauspiels besonderer Beachtung gewürdigt werde. *• Weihnacht»»Verkehr. Während der Weihnachtsfeier» tage wird voraussichtlich der gesammte Güterverkehr mit Ausnahme des EilgutverkehrS eingestellt werden. Mit Rückficht hierauf und da bei dem regeren WeihvachtSverkehr und etwa eiutretenden Schneeverwehungen die Etnhaltuag der gewöhnlichen Beförderungszeiten immerhin die Frage gestellt ist, liegt es im Jntereste des Publikum», dah Sen» düngen, insbesondere Stückgüter, welche zu den Festtagen ihren Bestimmungsort erreichen sollen, so zeitig aufgegeben werden, dah dieselben noch vor Beginn der Feiertage am Bestimmungsorte eintreffen können. Schotten, 5. December. Die Wasserleitung-» arbeiten haben, begünstigt durch daS gute Wetter, einen erfreulichen Fortschritt genommen. Bis zum Hochbehälter, an welchem leider die Trockenmauer eingestürzt sein soll, ist die Leitung so weit fertig hergestellt und nähert fich der Strang bereit! dem oberen Theil der Stadt, dem vielleicht noch in diesem Winter daS Master zugeführt werden kann. Dauernheim, 4. December. Wie in anderen, so herrschte auch in unserer Gemeinde bisher die zwar alte, aber in Rückficht aus Gesundheit, Pietät und Moral durchaus verwerfliche Sitte, daß bei Leichenbegängnissen jedesmal, und zwar meist in den Sterbehäusern selbst, sogenaaute Letchenschmäuse veranstaltet wurden. Hatte auch mancher schon diese Sitte als Unsitte erkannt, so wagte doch Niemand von ihr abzugehen, um sich nicht den, wenn auch ungerechten, Vorwurf machen zu lasten, er habe feine verstorbenen Angehörigen nicht in gebührender Weise geehrt. Nun hat un- längst auf Anregung unseres Ortsgeistlichen und des Grohh. Bürgermeisters eine zahlreich besuchte Versammlung hiesiger OrtSbürger stattgefunden, in der fich sämmtliche Anwesende freudigst dazu verpflichteten, bet in ihren Familien vorkommenden Sterbefällen an Ortseingeseffene keine specielle Einladungen mehr zur Thetlnahme an den Leichenbegängnissen selbst und erst recht nicht zu etwa später stattzu- findenden Leichenschmäusen ergehen zu lasten. Hoffentlich läht man nun auch allseitig den guten Willen zur Thar werden, dem Beispiel eines Mitbürgers folgend, der inzwischen als der erste mit der althergebrachten Sitte bezw. Unsitte muthig gebrochen hat. — In derselben Versammlung wurde beschlosten, für die Brandbeschädigten in Michelbach eine Sammlung freiwilliger Gaben abzuhalten. Wir freuen uns nunmehr zur Ehre unserer und zur Aneiferung anderer Gemeinden, berichten zu können, dah daS Grgebnih dieser Sammlung insofern ein reiches gewesen ist, als vier Wagen mit Naturalien und 58 Mark baaren Geldes abgeliefert werden konnten. △ Friedberg, 6. Drcernber. Arn Samstag erfolgte hier die Verhaftung eine» bisher geachteten Maoue». Em hiesiger Geschäftsmann, Metzger und Wirth, glaubte schon feit längerer Zeit fortgesetzt gröhere Abgänge in seiner Kaste zu bemerken, ohne die Ursache ergründen zu können. Nun kam er auf den Einfall, eine electrische Schelle an der Kaffe anzubringen, und siehe da, der Dieb ging sofort in die Falle. Auf da» Signal der Glocke eilte der Wirth herbei und eS entpuppte fich als Dieb der eigene MietySherr, welcher alsbald 1000 Mk. Schwelggeld bot. Allein der Bestohlene lieh der Gerechtigkeit freien Lauf und daraufhin erfolgte die Fest- nähme de« Tvüter».______________________________________ Schwurgericht. W. Stehen, 7. December 1897. (Schluß der Verhandlung gegen den Jagdaufseher Philipp Maul von Blndsachsen wegen Sittlichkeitsverbrechen.) Die Geschworenen verneinten die ihnen vorgelegte erste Hauptfrage, ob der Angeklagte bet verbrechens der versuchten Nothzucht schuldig sei, bejahten dagegen die Schuld» frage wegen gewaltsamer unzüchtiger Handlungen und billigten dem Angeklagten mildernde Umstände zu. Der Vertreter der Staatsbehörde beantragte 9 Monate Gefängnih. DaS Urtheil lautete aus 7 Monate Gefängniß unter Abrechnung von 1 Monat Untersuchungshaft. Ein Antrag auf vorläufige Haftentlaffung wurde wegen der Höhe der noch zu verbüßenden Strafe abgelehnt. * Berlin, 7. December. In Eharlottenburg wurde gestern Abend in einem Hause der Uhlandstraße dir Frau de» Stubenbohners Siebert und deren sechs Jahre alter Sohn in ihrer Wohnung erschossen aufgesunden. Die beiden jungen Kinder find durch Reoolverschüffe tödtlich verwundet. Siebert, der nach einem Streite mit seiner Frau fich an» der Wohnung entfernt hatte, wurde unter dem Der» dacht diese Blutthat verübt zu haben, verhaftet. Er behauptet, mit dem Vorgänger In seiner Wohnung nicht» zu thun zu haben. • Agram, 4. December. In dem Prozeffe gegen 36 Perioden wegen der am 21. September in Sftnieka, Bezirk Pisarovina, erfolgten Ermordung von Beamten beantragte der Staatsanwalt bet 27 die Todesstrafe, bet 4 Angek agten Freiheitsstrafen. Da» Uttheil wird in der nächsten Woche gefällt werden. • Durch eine Erbse büßte vor einigen Tagen ein Kaufmann in Dortmund sein Leben ein. Er besuchte al» Vertreter von Mühlen die Estener Börse, wo er Erbsen» proben herumreichte- er mag wohl auch mit ihnen gespielt haben, denn eine Erbse gerleth ihm in ein Ohr, und e» gelang nicht, fie daraus wieder zu entfernen. Auch eine schmerzhafte Operation, die im Dortmunder Kronkenhause vorgeuommeu wurde, konnte dem BedaueruSwerthen nicht Rettung bringen. • Schwälmer Tänze. Bei dem Fest, welches gelegene lch der in Eaflel tagenden 26. Jahresversammlung der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft im August 1895 in Treysa veranstaltet worden war, erregten die eigenartigen Tänze der Schwälmer das belondere Jntereste der Theilnehmer. Immer wieder drängte man sich um die Gruppen der in ihren schmucken Trachten Tanzenden und lauschte der oiiglnrllen Musik. Dtese Tanzweisen nun, die in ein hohes Alter hinaufreichen und niemals aufgeschrieben worden find, sondern fich nur durch die Tradition von Geschlecht zu Geschlecht vererben, sind jetzt zum ersten Mal von dem verdienstvollen Herausgeber der Niederhessiichen Volkslieder, Johann Le Walter, ausgezeichnet und (im Verlag von Rte» und (Stier in Berlin) für Clavier heraus» gegeben worden. Erinnern die Schwälmer Tänze, auch kurz» weg „Schwälmer" genannt, einerseits in der Art ihrer Au-sührung an den oberbayerischen Schuhplattltanz, so stehen sie andererseits in der Form dem ungarischen Csarda» nahe. Wie diese haben sie einen sehr scharf ausgeprägten Rhytmn» und werden in lehr schnellem Tempo gespielt. * Die hohen Preise für Fettschweine haben den Frankfurter Händler Orth veranlaßt, geschlachtete Schweine au« Holland dort einzusühren. Die erste Probeladung, welche sehr gut ausfiel, sand reißenden Absatz bei den Metzgern zu 60 Pfg. per Pfund. • Ein tapferer Jurist ist unlängst zum Oberlandes» gerichtSrath befördert worden. Da» Eiserne Kreuz erster Klaffe, welches seine Brust ziert, hat derselbe als acilver Offner fich enungtn. Der nun zum OberlandesgerichtSrath beförderte Landesgerichtsrath HaaS in W esbaden führte in der Schlacht bei Le ManS am 10. Januar 1871 als Lieutenant des Brandenburgischen Feldartillerie-Reglment Nr. 3. zwei Geschütze, welche die an Zahl überlegene feind» liebe Artillerie zum Abfahren nöihigten und zwar, auch noch nach seiner schweren Verwundung — er hatte fast ein Dutzend Ehaffepotkngeln, namentlich in die Beine, erhatten, — indem er fich auf einen Protzkaften heben ließ, von wo au» er seine Geschütze commandirte- für diese heroische That erhielt er die erwähnte Auszeichnung. Seine Wunden waren aber so schwer, daß er mehrere Jahre krank lag und schließlich penfiomrt werden mußte. Nach seiner Wiederherstellung widmete er fich dem Studium der RechtSwlstenschaft, war schon im Jahre 1875 Referendar. Im Frühjahr 1880 wurde er Assessor in Celle und int Januar 1881 Landrichter in Wiesbaden, wo er seitdem blieb. Seine Beförderung zum OberlandesgerichtSrath führt ihn nun wieder nach Celle zurück. * Deutsch ist für Pari» die zweite Landessprache. Mru berichtet au» Pari»: Heutzutage ist eS eine Unmöglichkeit, in Pari» durch Deutschreden fich unverständlich zu machen. Unter den 2.500,000 Einwohnern der Stadt verstehen 200,000 bi» 250,000 deutsch. Wenn in einem (Soncert ein deutsche» Lied gelungen wird, ist leicht wahrzunehmen, daß Viele auch desien Wortlaut verstehen. • Die Königin von Italien hat fich entschlossen, der heirathsfähtgen weiblichen Jugend der italienischen Hauptstadt eine Spende wiederzuschaffev, die ihr seit der Beseitigung deS Kirchenstaate» entzogen war. E» bestand nämlich bis 1870 in Rom eine kirchliche Brüderschaft, welche alljährlich 150 unbescholtenen Mädchen au8 der Hauptstadt eine Mitgift von je 30 Ducateu zuerthellte. Die so Beschenkten, die aber nicht daS Geld, sondern nur eine Anweisung auf die Summ- für den Fall ihrer Verheirathung erhielten, veranstalteten darauf am ersten Octobrrsonntag (am Rosenkranzfest) einen feierlichen Umzug durch die Hauptstraßen Rom», wobei fie in weihen Kleidern und langen, bi» zu den Füßen herabwallenden Schleiern einherschritten und recht» am Gürtel die Anweisung auf 30 Ducaten trugen. Dieser Zug der heirath»- fähigen Mädchen wurde von allen heirathSlustigen jungen Männern mit größter Spannung erwartet, und selten verging ein Vierteljahr, ehe nicht alle 150 Mädchen ihre Mitgift von der frommen Brüderschaft in Empfang nehmen konnten. Diese für die jungen Römerinnen so werthvolle Sitte, die also seit 27 Jahren in Wegfall gekommen war, wird nun von der Königin Margerita wieder hergestellt werdeo- nur soll e» keine kirchliche Brüderschaft mehr sein, welche die Mitgift verthettt, sondern eine Gesellschaft der vornehmsten Frauen Rom», wobei die Königin au» ihren eigenen Mitteln allein für 75 Mädchen die Mitgift spenden will. • Selbstmorde in Monte Carls. Ein junges Ehepaar stürzte fich in Monte Carlo i n » M e e r. Bei den aneinander gebundenen Leichen fand man einen Zettel mit folgenden Worten in englischer Sprache: „Wir sind Amerikaner und tönten un», weil wir in der Spielhölle unser ganze» vermögen verloren haben." — Fast gleichzeitig sprang ein elegant gekleideter junger Wiener in» Meer. Bei der Leiche fand man keinen Heller Gelt» und nur ein Eintritt»bittet zum Cafino in Monte Carlo. • Eine Seetelegraphenstation wird im Laufe d». Mt». auf dem Leuchtthurme zu Bück eröffnet werden. Dieselbe hat den Zweck, Sertkl gramme (da» sind solche, die für Sch'ffe in See bestimmt sind oder von diesen herrühren) m t den in Betracht kommenden Schiffen auszuwechseln und Seetelegramme von ober nach Land aufzunehmen bezw. weiterzugeben. Der Signaldienst erfolgt durch Flaggensignale, und wird wahrgenommen von Sonnenaufgang bi» Eintritt der Dunkelheit. • Afrikanisches Telephon. Telepboniren kann man bekanntlich heutzutage in allen civtl fir'en Ländern und rin Land sucht bann dem anderen zuvorzukommen. So besitzt beispielsweise Nordamerika die längste Ferniprechleitunq der Erde- nämlich die 1520 K'lomeier lange Verbindung zwilchen New Uork und Chicago, zu deren Fertigstellung 43 000 Telegraphenstangen und 1520 00 Doppelcentner Kupferdraht erforderlich waren. Bei alledem haben wir Bewohner der civilifirten Länder gar keinen Grund so stolz auf untere telephonischen Verbindungen zu sein, denn auch uncivilifirte Völker, wie die Co ngo» Neger besitzen ähnliche Verbindungen, die sich von den unsren vor allem durch ihre außerordentliche Billigkeit unterscheiden. Jh'LettungSdraht ist die athmospärilche Luft, ihr schwarze» Ohr der vorzüglichste Schallhöhrer und al» Sprech Apparat dient ihnen da» denkbar einfachste Instrument, die mit Anttlopenfellen Überspann e Trommel. Form und Größe derselben ist verschieden und rich-et fich nach dem jeweiligen Gebrauche. So dienen dir Tromrncln mit dumpfem Tone zur Verkündigung von Tranerbotschafttn, Kriegsfällen etc., während andere mit Hellen Tönen zur Verbreitung froher Botschaften benutzt werden. Am Tone der in der Ferne geschlagenen Trommel merkt demnach der Ein- geweihte, ob e» sich um frohe oder traurige Nachrichten handelt. Auch an der Art wie die Trommel geschlagen wird, an der vcr- schirdenartigkest der Töne erkennt er die Einzelheiten der Nachricht. Zur Führung solcher Trommelgespräche ist natürlich außer einem guten Gehör vor allem außerordentliche Fertigkeit im Trommel'chlagen erforderlich. Jede« Dorf hat daher eine gew sie Zahl Trommler, die mit den Trommlern anderer Dörfer deS gleichen Stammes in Verbindung stehen. Ab und zu kommen diese Trommler, an vorher bestimmten Orten zusammen, um gemeinschaftlich zu üben und Zeichen zu verabreden. So bilden sich die Trommler allmählich so auS, daß e» ohne Schwierigkeit möglich ist, mittels boM t bar eine Sammlung rfASäg L'kL>-- '»■Ä -GL'S ;,»Ä& 1 werden ° un6 M Ms •« 'aUen. ®1‘ J Dr. Paul iit und Vchretnsrel Spirituosen Arrac, Cognac, Kirschwasser, Heidelbeergeist, Zwetschen- wasser, Rum, Deutscher Bürgerbitter rc. 10974 Funsch-Essenzen empfiehlt die Adler-Drogerie, Leltersweg 39. _____________________Otto Schaaf. Wollspinnerei Ad. 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