Nr. 282 Erstes Blatt Mittwoch de« 1. December 1897 Der fU|ewer A«»ei,er erscheint täglich, »it Ausnahme bet Montag«. Die Gießener ^««tkie»-rt1ter werden dem Anzeiger wächemlich dreimal beigelegt. Gießener Anzeiger Kenerak-Mnzeiger. viertelsährig« ASoanemeutsprei«^ 2 Mark 20 Pfg. ertt Bringerlohn. Durch die Post bezöge, 2 Mark 50 Pfg. Webaction, Expedition und Druckerei: Kchulstrahe Ar.H» Fernsprecher 61. Anrts- und Anzeigeblutt füv den Tkveis Gieren. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr. Hratisöeitage; Hießener Kamikienötatter. Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« i Anzeigen für de» „Gießener Anzeiger- entgetz«. Amtlicher Theil. Bekanntmachung, bett.: Maul- und Klauenseuche zu Wieseck. Nachdem in einem Gehöfte zu Wieseck die Maul« und Klauenseuche amtlich festgestellt worden ist, wird dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Gehöftsperre angeordnet worden ist. Gießen, den 30. November 1897. Großherzogliches KreiSamt Gießen. v. Gagern. Deutsches Mei0ftag. erofftmngSfitzuug Dieultag den 30. November, Mittags 12 Uhr. Die Thronrede weift auf die not Hw endige Verstärkung der heimischen Schlachtflotte und die Vermehrung der für den Auslandsdienst im Frieden bestimmten Schiffe hin. Die verbündeten Regierungen erachten e- für geboten, die Stärke der Marine für einen Zeitraum, in dem diese Stärke erreicht werden soll, durch eine Vorlage festzulegen. Der Entwurf zur Reform des Militär- strafprozesseS wird unter möglichster Anlehnung an den bürgerlichen Strafprozeß den für die Erhaltung der Manns- zücht unbedingt nothwendigen Forderungen Genüge leisten. Die Thronrede verkündigt sodann Gesetze über Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit, bei Livilprozeß- und LoncurS-Verfahrens, die Entschädigung unschuldig Berurtheilter, fie bezeichnet die Finanzlage als besriedigend und schließt: Die Ermordung deutscher Missionare und die Angriffe auf unter meinem Schutze stehende, mir am Herzen liegende MisstouSanstalten in China nöthigten das ostafiatifche Geschwader, in Kiaotschou Truppen landen zu laffen, um volle Sühne und Sicherheit gegen eine Wiederkehr der beklagens« werthen Ereigniffe zu erlangen. Die politischen Beziehungen zum AuSlande find durchaus ersreulich. Der glanzende, herzliche Empfang in Peterhof und Budapest lieferten hierfür aufs Neue werthvolle Bürgschaften. Alle Anzeichen berechtigen zur Aussicht auf die fernere friedliche Entwickelung Europa- und des deutschen Vaterlandes. Der Sturz Badenis- „Abzug BadentI Nieder mit öabenU" so haben in dieser Zeit Tausende und Abertausende Deutscher in Oesterreich gerufen, und fast schien eS so, als sollte der Ruf ungehört verhallen, als sollte unseren Landsleuten keine Hülfe zu Theil werden. Wir haben schon zu oft die Lage der Deutschen Oesterreichs ausführlich geschildert, als daß es nothwendig wäre, die Ereignisse der letzten Zeit noch einmal an uns vorüberziehen zu laffen. ES liegt unS deßhalb nur ob, dem Grafen Badeni eine Grabrede zu halten. „De mortuis nil nisi bene“, dieses Wort wollen wir berücksichtigen, wenn wir hier einen Blick werfen auf die Thätig- keit Badenis als Ministerpräsident. Ehe er zur CabinetS- bildung berufen wurde, war er längere Jahre Statthalter von Galizien, zu welchem er sich infolge seiner polnischen Abstammung brffer eignete als zum CablnetSchef und Minister des Innern. Die Epoche seiner Ministerschaft kann als Ruhmeszeit für Oesterreich nicht angesehen werden, denn seit dem Jahre 1848 ist die innerpolitische Lage daselbst niemals so verworren und so gefahrvoll gewesen, wie sie eS seit dem Jahre 1896, in welchem Badeni die Regierung übernahm, geworden ist. Man muß freilich anerkennen, daß die Ver- hältniffe in Oesterreich derart lagen, daß auch einem anderen Manu die Lösung der Schwierigkeiten wahrscheinlich mißglückt wäre- aber dem Grafen Badeni ist zur Last zu legen, daß er, um sich die Gunst der Czechen zu erringen, jede Rücksicht außer Acht setzte und in gesetzwidriger Weise gegen die den Czechen verhaßten Deutschen vorging und eine Gewaltpolitik verfolgte, die ihres Gleichen in der Geschichte sucht. Es ist ja nicht zu leugnen, daß Badeni sich eine Zeit lang große Mühe gab, auf legalem Wege die Pläne der Regierung durch- zusetzen, und daß er sogar im März dieses JahreS seine Demission gab, als er mit dem Abgeordnetenhause sich nicht verständigen konnte. ES war ein Unglück sür Oesterreich, daß Kaiser Franz Josef diesen Mann damals wiederum mit der CabinetSbildung betraute, da schon in jenen Tagen sest- stand, daß die Regierung BadentS niemals zum Heile Oester- reich- sich gestalten würde. DaS Land sollte aber den Kelch vollständig leeren, der ihm in der Person del polnischen Grasen überreicht worden war- bis zur Neige hat eS ihn auStrinken müffen. Bekanntlich gaben die Sprachenverordnungen, welche jeden Beamten in Böhmen, Mähren und Oesterreichisch-Schlefien zwingen, das Czechische zu lernen und zu beherrschen, auch wenn in seinem Bezirke nur ein einziger Ezeche wohnt, den Anlaß zu dem beispiellosen ParlamentSkampse, in welchem die Deutschen zu unterliegen drohten. Aber sie haben nun doch schließlich den Erfolg davongetragen, und froh konnten fie aufathmen, als am Sonntag Nachmittag in Wien aller Orten verkündet wurde, daß der Kaiser die Demission deS Gelammt- cabinetS Badeni angenommen habe. Was den Monarchen bewogen hat, feinen Günstling nun doch fallen zu laffen, ist noch nicht bekannt. Sah Kaiser Franz Josef etwa die BolkS- haufen, welche sich um die Hofburg versammelten, und fürchtete er, daß seine Dynastie in Gefahr sich befinde? AlS er den Thron bestieg, da erzitterten ebenfalls die Grundvesten der Monarchie, und heute find zu den damals vorhandenen Gefahren noch einige andere getreten. Jedenfalls war eS eine gute Stunde, als der Kaiser das Abschiedsgesuch Badenis bewilligte und damit den Deutschen die Zuverficht nahe legte, daß die Zeiten der Unterdrückung vorüber find. „Wo ist Kaiser Franz Joses?" so fragte mau in den letzten Tagen in Oesterreich und in Deutschland. „Gibt eS denn keinen Kaiser mehr?" so erklang eS fragend durch die deutsche Preffe. Die Antwort ist am Sonntag erfolgt, und dieselben Stimmen, welche fich gegen die Urbergrtffe der Badeni'schen Polizei ergingen, ließen bann, als die Allerhöchste Entschließung gefallen war, in freudiger Begeisterung den Ruf erschallen: „Hoch lebe der Kaiser!“ Der ReichSrath ist vertagt worden, so daß an eine Erledigung deS vieluwstrittenen Ausgleichs nicht gedacht werden kann, und wiederum muß eine kaiserliche Verordnung daS Berhältniß der beiden Reichshälften zu einander regeln. Vielleicht gelingt es dem neuen CabtnetSchef, dem bisherigen CultnSminister Frhrn. v. Gautsch, eine Klärung der inneren Situation herbeizusühren. Die ersten Amtshandlungen deS jetzigen Minifterpräfidenten dürften einen Schluß auf feine künftige Wirksamkeit gestatten. (xx) Wolffs telegraphische- Correspond mz-Bureem. Berlin, 29. November. Die „Kreuzzeirung" hört aus ficherer Quelle, daß die Ernennung des Superintendenten U mb eck zum Generalsuperintendenten in der Rheinprovinz feststehe. Bremen, 29. November. Die Rettungsstation Mellne- loggen telegraphirt unlerm 29. d. MtS.: Bon dem nahe der Nordmole bet Memel gestrandeten deutschen Schooner „Ernst", Capttän Jensen, wurden vier Personen durch daS Rettungsboot der Station gerettet. Bremen, 29. November. Der Schnelldampfer „Kaiser Wilhelm der Große“ ist am 29. November, 9 Uhr Morgens, nach einer Durchschnittsfahrt von 22,10 Seemeilen Lizard pasfirt. Der Dampfer hat damit die schnellste Über den Ocean gemachte Fahrt Übertroffen und den Record sämmtlicher Schnelldampfer-Reisen nach beiden Richtungen Übertroffen. Die bisherigen schnellsten Reisen waren diejenigen der „Lucania" und zwar WestwärtS-Reise nach New- York mit 22,01 und OstwärtS-Retse nach Newyork mit 21,82 Seemeilen Durchschnittsfahrt, wobei zu berückflchtigen ist, daß diese Reise von der „Lucania" in der günstigsten Jahreszeit (Sommer) gemacht wurden, während der „Kaiser Wilhelm der Große" seine Reise in der ungünstigsten Jahreszeit zurückgelegt hat. Madrid, 29. November. Die Carlisten haben beschlossen, gegen die Autonomie CnbaS zu protestiren- ebeuso hat eine Versammlung von Vertretern der con- stitutiouellen Union beschlossen, gegen die kubanische Autonomie Protest einzulegen, besonders gegen die Einleitung-- Worte der auf die Einführung der Autonomie bezüglichen Decrete, sowie Elktärungen Über die Entwassnung der auf Cuba befindlichen Freiwilligen zu verlangen. Bukarest, 29. November. Heute Vormittag um 8 Uhr 15 Min. wurde ein leichtes Erdbeben verspürt. Sidney (Australien), 29. November. Nach Schätzungen de« „Daily Telegraph" beläuft ficv der Ertrag der Weizenj- ernte trotz des schlechten Wetters auf 11 Millionen Bushels. Man nehme an, daß in Australafien 5 Millionen Bushels zum Export verfügbar fein werden. Depeschen M Bure«» ,vrteü>.‘ Berlin, 29. November. DaS Staatsministerin« trat heute Nachmittag 2 Uhr in feinem Dttustgebäude unter dem Vorsitz de» Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe zu einer Sitzung zusammen. In derselben wurde der Wortlaut der Thronrede zur Eröffnung des Reichstages festgesetzt. Berlin, 29. November. Die deutsch-conservative Fraktion de» Reichstages hat bereits für heute Abend eine Sitzung einberufen. Da» Centrum und die Social- demokraten für Mittwoch - alle anderen Parteien treten morgen zusammen. Berlin, 29. November. Einer hiesigen Correspondenz zufolge ist Crimtnalcommiffar v. Tausch nunmehr vom Polizeipräsidium vom Amte sulpendirt worden. Berlin, 29. November. Dea „Berl. Reuest. Nachr." zufolge wird daS Schiff „Oldenburg" demnächst als Ersatz für die „Kaiserin Augusta" in das Mittelmeer abgehen. Der Kreuzer wird übermorgen für Mittel- und Südamerika in Dienst gestellt. Berlin, 29. November. An der gestrigen Frühstückstafel beim Kaiferp aare nahmen u. A. Staatssekretär v. Bülow, der Chef de» Marinecabinet« Freiherr v. Senden- Bibran, sowie der Botschafter Fürst Radolin Theil. Heute Morgen hörte der Kaiser den Vortrag des Chefs de» Civil- cabinetS v. LucanuS und daran anschließend die Borträge del commandirenden Admirals v. Knorr, del Staatssekretärs Tirpitz und des ContreadmiralS v. Senden-Bibran. Berlin, 29. November. Die Ernennung deS Direktor- Fritsch zum UnterstaatSsecretär im Reichspostamt, sowie die Ernennung der bisherigen Oberposträthe Rr atte und Sydow zu Directoren im Reichspostamt wird heute im „Reichsanzeiger" amtlich publicirt. Berlin, 29. November. Die Commission für Arbeiterstatistik trat heute unter dem Vorsitz deS Unter* staatSsecretärS Fleck zusammen. Die Tagesordnung bildete die Vernehmung von Auskunft-Personen über die Arbeitszeit in Getreidemühlen. Berlin, 29. November. Der für Deutschland neu ernannte chinesische Gesandte Lu-Hai-Hnan wird fich am 3. December auf dem Reichspostdampfer „Bayern" des Norddeutschen Lloyd nach Europa einschiffen, um seinen Berliner Posten anzutreten. Berlin, 29. November. Dem „Kl. Journ." zufolge veranstaltete Minister Thielen gestern einen diplomatischen Bierabend, zu welchem sämmtliche Minister eingeladen waren. Auch Reichskanzler Fürst Hohenlohe war erschienen. Berlin, 29. November. Gestern Abend gegen 11 Uhr hat der Pferdetransporteur Kleemann ans Hamburg die Wirthschafterin Margarethe Weise im Hause Möckern- straße 85 durch Stiche in die Lunge und Würgen am Halse getödtet. Der Grund zu der That ist verschmähte Liebe. Der Mörder wurde heute Vormittag verhaftet. Saarbrücken, 29. November. Der Gefängnißwärter Krob wurde heute am frühen Morgen auf offener Straße vor der LudwtgSkirche augenscheinlich durch einen Axthieb ermordet. Man vermuthet einen Racheact von einem ent- laffenen Gefangenen. Wien, 29. November. In der Stadt herrscht über den Sturz Badenis allseitig eine gehobene Stimmung. In parlamentarischen Kreisen verlautet, daß der Sturz des CabinetS vollständig unerwartet kam. Der Rücktritt jdel Präsidiums des Abgeordnetenhauses und die Wiederkehr KathreinS ist vollständig sicher. Die Fortschrittspartei und die italienischen Clubs versammelten fich heute zur Berathnng über neue Maßregeln. Die Vorstände und Obmänner der OppofitionSparteien bleiben trotz der Schließung des Parlaments in Wien. Wien, 29. November. Sämmtliche Personen, welche in den letzten Tagen bei den Demonstrationen dem Landgericht eingeliefert find, etwa 60 bi» 70, werden noch heute auf Weisung der Staatsanwaltschaft in Freiheit gesetzt werden. Wien, 29. November. Heute Vormittag wurde dal Präsidium des Abgeordnetenhauses vom Kaiser in Audienz empfangen. Eine politische Aeußerung ist bei dieser Audienz nicht gefallen. Der niederösterreichische Landtag wird eine DankeSkundgebung an den Monarchen für die Annahme der Demisfion Badenis richten. Die „Arbeiterzeitung" fordert in einer Extraausgabe die Bevölkerung auf, heute Abend zu illuminiren. Die Studenten planen einen Fackelzug vor der Wohnung einzelner Abgeordneter. Wien, 29. November. In der heuttgen Sitzung bei niederöfterreichifchen Landtages kam es zu stürmischen ©eenen, weil der Landmarschall einen Dringlichkeitsantrag eine! liberalen Abgeordneten über die letzten Vorgänge im Parlament nicht zur Berathung zuließ. Unter furchtbare» Lärm verließen die Deotsch-Ltberalea und Deutsch-Nationalen korporativ den Sitzungssaal. — Unter den liberalen Reichs- rathS-Äbgeordneten herrscht große Erregung, weil der Vice- Präsident Dr Kramarcz im Abgeordnetenhause mittheilte, daS Präsidium werde nicht zurückrreten. Der jungtschechische Dr. Stranzky äußerte sich diesbezüglich folgeudermaßeu: Der Pöbel kann ein Ministerium stürzen, aber ein Präsidium nicht. Diese Haltung der polnischen Majorität dürfte dem neuen Ministerpräsidenten seine Position wesentlich erschweren und auch die EabinetSbildung schwierig gestalten. Alle Minister- Eombinationen find daher al» verfrüht zu bezeichnen. Rach Informationen aus den dem neuen Mioifterpräfidente» nahe stehenden Kreisen verlautet, daß der Letztere vor Allem von der ungarischen Regierung eine Verlegung des Termins für da» Ao»gleich»'Provtsorium bi» zum 15. December verlangen werde. Ec hofft bi» dahin da» Provisorium vom Abgeordnetenhause bewilligt zu erhalten. Sollte diese Bewilligung nicht zu erlangen sein, daun werde er seine Zuflucht zu § 14 nehmen. Freiherr v. Gautsch wird auch versuchen, durch Berm ttelung der deutschen Großgrondbefitzer eine Verständigung zwischen der parlamentarischen Majorität und Minorität anznbahnen. Za diesem Behufe soll eine Persönlichkeit der deutschen Großgruodbefitzer entweder im Labiuet eintreten oder die erste vtcrpräfidentenstelle im Abgeordueteuhause erhalten. Budapest, 2S. November. Die Nachricht über die Vertagung de» ReichSrathS erregt hier überall Aufsehen, ebenso die Demisfiou BadentS. Prag, 29. November. Infolge der Nachricht von dem Rücktritt des Grafeu Badeni hatten gestern Abend zahlreiche deutsche Städte Böhmens, darunter Reichenberg, Asch, Eger u. s. w. tllumtntrt. Prag, 29. November. „Naroduh Listi" sagt bet Besprechung de» EabtnetSwechselS, falls Freiherr v. Gautsch die Spracheo-Verorduungeo zurückoehme, werde fich da» tschechische Volk gegen ihn wie ein Mann erheben. Lüttich, 29. November. Heute früh hat ein blutiger Zusammenstoß zwischen den Strikenden und den deutschen Grubenarbeitern stattgefunden. Erstere versuchten die Deutschen in den Strike mit einzuziehe», letztere jedoch weigerten sich, die Arbeit ntederzulegrn, weshalb e» zu einer hestigen Schlägerei kam. Die Strikendeu feuerten Revolverschüffe ab. Zwei Deutsche wurden tödtlich verwundet. Madrid, 29. November. Zur Ankunft des Generals Wehler find in Mhorka große Vorbereitungen getroffen worden. Drei Dampfschiffe und eine große Menge kleiner Fahrzeuge sind ihm entgegengefahreu. Barcelona, 29. November. General Wehler hat fich gestern Abend auf dem Dampfer Belver eingeschtfft. Einige Freunde begleiteten ihn an Bord und brachten Hochrufe auf ihn au». Berlin, 30. November. Der Entwurf zur Entschädigung der im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochruen Personen, sowie derjenige über die Angelegenheit der freiwilligen GerichtSbarktit find bereit» vom Plenum des Buode»rath» angenommen worden und werden dem Reichstage voraussichtlich bald nach der Eröffnung zugehen. Wien, 30. November. Kaiser Franz Joseph soll gestern zu einem StaatSmaone geäußert haben: „Wenn ich die Sprachenverorduung aufhebe, so würde ich nicht Kaiser, sondern Präsident einer Republik sein." Wie», 30. November. Gestern Abend fanden in sämmt- ltchen Bezirken Arbeiter-Versammlungen statt, in welchen der Sturz BadeniS als ein Steg der socialtsttscheu Abgeordneten gefeiert wurde. Nach den Versammlungen erfolgten Umzüge mit Lampion» durch die Bezirke. Eine große Anzahl Professoren aller Facultäteo beschloß eine Kundgebung au beide Häuser de» ReichSrathS, worin energisch Protest erhoben wird gegen die Vergewaltigung deS Deutschthum» und der Parlamentsrechte. Wien war gestern Abend theil- weise tllumtntrt. Die innere Stadt hatte fich wenig daran bethetltgt, dagegen waren die Straßen tu den Vororten stark beleuchtet. In Eger war gestern große Jllumtoatton. Die Fruster, welche dunkel gebltebeu waren, wurden thetlwetse erogeworseu. In Ltnz wurden dem Adgeordneteo Ebenhoch die Fruster etageworfeo, worauf dieser au» dem Fenster herausschoß. Wien, 30. November. Der Bildung de» Mi niste- rtuw» standen große Schwierigkeiten entgegen, die jedoch schon überwunden find. Da» neue Ministerium soll wie folgt zusammengesetzt seiu: Präsidium und Innere»: Freiherr ö. Gautsch, Finanzen: der srühere Ftnanzmtutster Boehm- Bawerk, Justiz: SectionSchef Ruber, Unterricht: Sectiov»- ches Gros Latour, Eisenbahnen: SectionSchef W'.ttek, Handel: SectionSchef Körber. Der LandeSvertheidtguogSmtuister WelferShrtm bleibt. Offen find noch die Posten de» Acker- bauwtnister» und de» galizische» LandmaunSmtntsterS. Prag, 30. November. Gestern Nachmittag kam e» zu heftigen Sxcessen zwischen deutschen uud czechi- scheu Studenten. Gegen 2 Uhr zogen einige Hundert deutsche Studenten vor da» Gebäude der „Schlaraffia". Alsbald kamen jedoch eine große Anzahl czechische Studenten, welche die Deutschen erst verhöhnten und dann zu brutalen Thätlichkeiteu übergingen. Em Deutscher wurde blutig ge- schlagen, em zweiter erhielt einen Mefferstich, ein dritter konnte nur mit Hilfe einiger Herbetgeeilter Polizisten tu einen Wagen flüchten. Die Stimmung in der Stadt ist äußerst erregt. Da» Thor de» deutschen Casino» ist verrammelt. WB. Berlin, 30. November. Die Thronrede wurde vom Kaiser persönlich im Weißen Saale de» königlichen Schlöffe» verlesen Die Prinzen und Prtnzesfinuru de» königlichen Hanse» wohnten der Feier bei, darunter Prtoz Heinrich, Prinz und Prinzessin Friedrich Leopold. WB. Spandau, 30. November. Heute vormittag hat sich hier ein Eisenbahn uns all eretgoet, wobei mehrere Personen getödtet uud eine größere Anzahl verwundet wurden. Einzelheiten sehleu noch. Zweite Kammer der Laudstäude. Die Tagesordnung der 15. Sitzung am DieuStag, den 7. December 1897, vormittag» 10 Uhr, weist solgeude BerathungSgegenstäude auf: 1. Neue Etoläuse,- 2 B'.richt». anzeigen- 3. Wahl eine» Mitgliedes de» erstell Ausschusses - 4. Vorlage Großh. Ministerien de» Innern und der Finanzen, da» Dienftgebäude de» BerwaltungSgerichtShof» zu Darmstadt betreffend. 5. Vorlage Großh. Ministeriums de» Innern, dringliche bauliche Herstellungen betreffend- 6. Vorlage Groß^- Ministerium» de» Juoeru, den Gesetzentwurf, da» Radfahreu auf öffentltcheu Wegen, Straßen uud Plätzen betreffend- 7. Vorlage Großh. Ministerium» deS Jauern, den Gesetzentwurf, die Ergänzung des Gesetze» vom 1. I ni 1895, den Ersatz de» Wildschaden» betreffend- 8. Vorlage Großh. MiuisteriumS de» Innern, den Gesetzentwurf, die Bildung der Stadtverordneten-Versammlung der Stadt WormS betreffend- 9. Vorlage Großh. Ministerium» der Ftoanzeu, die Verlängerung der Ladestraße bet Nierstein betreffend; 10. Vorlage Großh. Ministerium» der Finanzen, die für da» Hofbauwesen erforderlichen Mittel unter Cap. 118 Tit. 1 u. 2 und Cap. 148 Tit 1 und 2 betreffend - 11. Vorlage Großh. MiuisteriumS der Finanzen, dringliche bauliche Herstellungen und laufende Unterhaltungen betriffeod- 12. Vorlage Großh. MiuisteriumS der Finanzen, den Gesetzentwurf, die Ein- richtuug eines StaatSschuldduchS betreffend- 13. Vorlage Großh. Ministeriums der Finanzen, ergänzender Nachtrag zum Hauptvoranschlag für 1897/1900, Cap. 107, Staat»« schuldeuverwaltullg betreffend. CotaUs unb protHnjielU». Bietzen, 30. November 1897. ** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten- Versammlung Donnerstag den 2. December 189 7, Nachmittags ,/a4 Uhr pünktlich: 1. Vorlage der Rechnung des Realgymnasium» und der Realschule pro 1896/97. 2. DeSgl. der Rechnung deS GaS- und Wasserwerks pro 1896/97. 3. Wafferabgabe an den Etsveretn- hier Gesuch desselben um anderweite Verrechnung de» Wafferverbrauche». 4. Deu am Fuße deS HardtbergeS in nordöstlicher Richtung ziehenden Feldweg. 5. Gesuch des BierbraueretbefitzerS Georg Bichler um pachtweise Ueberlaffung von städtischem Gelände an der Hardt. 6. Verkauf eines Bauplatzes au» der früher v. Rabenau'scheu Besitzung. 7. Ausbau der Schanzeustraße. 8. Erhöhung städtischer Trottoir». 9. Die Anlage eine» neuen Biehmarkte» nächst der Rodhetmerftraße. 10. Gesuch de» August Lang zu Gießen um Erlaubntß zum WirthschaftSbetried im Hause Riegelpfad 38 (früher Busch). 11. Gesuch de» Wilhelm Busch zu Gießen um Erlaubniß zum Wirthschafsbetrieb im Hause Grünbergerstraße 47 (früher Sommerlad). **H. Stadttheater. Wenn auch an hiesiger Bühne der Novitäten viele aufgeführt werden, so ist eine Premiere hier zu erleben eine große Seltenheit und doch ist e» schon geschehen und hätte bereit» öfter geschehen können, denn auch in Gießen finden fich talentvolle Dramatiker- allein Schwierig- ketten feiten» de» Dichter» oder der Theaterlettung vereiteln zumeist die Erstaufführung eine» Werke». Die» wird wohl auch zutreffend sein, daß da» gestern hier zur Darstellung gelangte Schauspiel „Der Ghmnasialdirector", da» die Herren E. Zabel und Alfred Bock zu Dersaffern hat, seinen Umzug über die Bühnen von hier au» nicht begonnen, und besonder» au» dem Grunde zu der Annahme einer hier stattfindenden Erstaufführung berechtigte, weil der eine Mit- verfaffer, Herr Bock, angesehener Gießener Bürger und über Gießen» Mauern noch weit hinaus al» fruchtbarer Schriftsteller und Dichter bekannt ist. Sein Werk durfte deshalb hier besondere» Interesse erwecken, wa» erfreulicherweise auch gestern zu coustatiren war und wir nehmen au, daß eS nicht Neugierde allem war, die das Publikum gestern so zahlreich in den Theatersaal führte. Da» Drama zählt nicht zu den SensationSstücken, ist nicht modern gesucht aber wahr - die Handlung führt in da» Getriebe de» täglich wogenden Leben», bietet interessante Episoden, kleinstädtische Anschauungen und Verhältnisse characterifirend. ES offenbart sich darin psychologische Beobachtung und fesselt, obgleich besondere dramatische Effecte nicht angewandt find. Kurz skizzirt ist der Inhalt folgender: Gymnafialdirector Dr. Schmidt, ein in seinem Beruf aufgehrnder Gelehrter, lernt Frau Tillmann kennen, die ihn besucht, um für ihren einzigen Sohu seine erzieherische Mithülfe zu erbitten. Die noch junge, schöne Frau steht allein- ihr Gatte hatte fich eine Veruntreuung zu Schulden kommen laffen und mußte diese im Gefängntffe büßen. Ihre einzige Sorge ist ihr Kiud Robert, deffen fich eine gewisse Scheu und Verschloffeuheit vor den Mtnschen bemächtigt hat, da ihm von seinen Mitschülern in gesühlsrohtr Weile die Sünde feines Vater» vorgeworfen wurde. Sein auffällig scheue» Wesen macht die Mutter ängstlich und fie neigt zu der Annahme, daß sich in Robert die verbrecherische Neigung vererbt hätte. Sie vertraut sich dem Director an uud dieser verspricht ihr, sein Möglichste» für die seelische und geistige Ausbildung desselben zu thun, ja er will ihn genau kennen lernen und beobachten. Aus diesem Grunde kommt er iu die Wohnung Frau Tillmanns und, dem Zug de» Herzen» und de» Schicksal» Stimme folgend, verliebt fich in nicht zu bezwingender Leidenschaft in die ihm vom ersten Augenblick an sympathisch erschienene, edle Frau. Doch kleinstädtischer Klatsch und die sogenannte „öffentliche Meinung" sprechen darüber in moralischer Entrüstung, ein Theil seiner Collegen spricht gleichfall» verdammungswürdig darüber und die Folge ist, daß er genöthigt wird, sein Amt al» Gymnafialdirector niederzulegen, da sein „verhältniß" mit dieser Frau schädigend die von ihm geleitete Anstalt beeinflusse. Doch der Manu erstarkt in seiner Liebe - er bietet Frau Tillmann j seine Hand zum Bund für» ganze Leben, damit zugleich ihrem Sohn Robert der sichere Leiter seiner Zukunft werdend. — Zwei Epiwden iw Gang der Handlung sind von besonderer Bedeutung zur Erkenntwß de» Tendenz deS Stücke». Die eine, Eingang» der Handlung, wo der Director genöthigt ist einen ihm unterstellten Oberlehrer die Versetzung auzu- kündigen, weil dieser eine verheirathete Frau über alle Maßen liebt und dessen Ruf al» Lehrer durch la», wa» die Lene darüber sagten, gerichtet und vernichtet wurde. ES ist eine coutrastirende Parallele diese» „verhältniß" de» Oberlehrer» verglichen mit dem de» später fich findenden und entwickelnden dr» Director». Die zweite Episode kurz vor Schluß de» Stücke», wo Frau Tillmann» Sohn durch die schlechte Gesellschaft eine» Mitschüler» fich bestimmen läßt, zum Mithelfer eine» Diebstahl- zu werden, und dadurch die unglückliche Mutter erst recht ihre Stütze in dem Director Schmidt finden läßt^ diesen aber zum Entschluß bringt, daß er seine Stellung seiner Liebe getrost opfern könne. — Die Darstellung war eine sorg- fällig vorbereitete und gute. Herr Fritz schier al» Gymnasial Direktor bot eine gute Leistung. Ihm glückte die Erfassung und Durchführung diese» Character» nach unserer Annahme ganz im Sinne de» Dichter». Fräulein Würdig al» Frau Tillmann führte ihre Rolle ungemein sympathisch durch. Al» deren Sohn Robert war Herr Janson vortrefflich, dergleichen Herr Albrecht al» durch- trtebener Junge de» Händler» Sonnenberg, er führte seine Rolle mit derber Realistik durch. Die Herreu Helm (Händler Sonnenberg), Forsch (Gastwirth Brinkmann), Boehm (Oberlehrer Fuch»), Liebscher (Pedell Friedel), sowie die Damen Frl. Marl off (Frau Braud) und Frl. Nathusiu» (Dienstmädchen Auguste) griffen wirksam in da» Ensemble ein und verdienen vollste Anerkennung. Die im Schlußact fich abspielende Scene der Lehrer im Conferenzzimmer war wirkungsvoll. Das Drama fand eine sehr beifällige Aufnahme und konnte Herr Director Helm nach de« stürmischen Applau», der fich nach dem zweiten Acte schon kund gab, Namen» de» nicht anwesenden Autor» danken. — Wie wir hören, findet nächsten Donnerstag eine Wiederholung de» Stückes statt, auf welche wir da» Interesse hiermit lenken wollen. • • Stadttheater. Am Mittwoch, den 1. December gelangt Schiller» „SD o n 6 arloS" zur Aufführung. Donnerstag erfolgt eine Wiederholung de» „Ghmnasialdirector" von gabel uud Bock, zu welcher AbounemeotSbillet» Gültig, kett haben. * • Der Philosophenwald und mit ihm die Leib sche Wirth schäft bildeten von jeher für alle Schichten unserer Bevölkerung eine gern besuchte Erholungsstätte. Der Be- fitzer de» Etabliffemeut» am Philosophenwald hat im Laufe de» Sommer» sein Restaurant umbauen laffen, so daß e» in seiner jetzigen Gestalt den verwöhntesten Ansprüchen genügen wird. Durch die neue Aufführung eine» geräumigen Restauration» Hallenbaue» ist einschließlich der alten Räumlichkeiten bequem Platz geschaffen für 1200 Personen. SDer ganze Eindruck de» Leib'schen Etabliffemeut» ist äußerlich zwar einfach, doch aber hat dasselbe durch die Vergrößerung einen großstädtischen Anstrich erhalten, der durch eine noch anznlegeode gärtnerische Anlage wesentlich gehoben werden dürfte. Da» Etabliffement wird mit dem neuen Acceihlen- Ga» durch 80 Flammen beleuchtet. Die RestaurationShalle ist selbstverständlich für den Winter auskömmlich mit Heiz- Vorrichtungen versehen, wohingegen für schöne Frühling»- und Sommertage Einrichtungen getroffen sind, die würzige Luft de» Walde» den in der Halle Weilenden znzuführen. — Wir hören, daß am Sonntag in der neuen Halle ein EröffnungS-Concert stattfiadet. * * Sport. Herr Wilh. Hornberger, Vorsitzender der „Wanderer", G. R. G., ist vom Deutschen Radfahrer-Bund zum OrtSvertreter für Gießen ernannt. * * Wetterbericht. Ueber Dänemark liegt heute da» tieft Centrum einer auSgedehnteu Depression, da» ganze Gebiet von den britischen Inseln bi» nach Ostdeutschland und vom mitleren Tcandinavien bi» zu den Alpen herab stand heute Morgen unter feinem Einfluß. Hoher Druck dürfte von Westen her nachrücken, sodaß Süddeutschland heute auf der Rückseite der Depression fich befinden wird. Heute Nacht haben ausgedehnte Schneefälle stattgefundeu, welche auch am Morgen noch anhielteu. Au» der Pfalz werden Gewitter gemeldet. Die Temperaturen waren am Morgen in Deutschland gegen gestern wenig verändert, während fie im Nordwesten Europa» bereit» zurückgegangeu waren. — voraussichtliche Witterung: Zunächst noch unruhige» Wetter, mit zeitweisen Niederschlägen zum Theil in fester Form und nachfolgender Abkühlung. □ Darmstadt, 29. November. Seine diesmalige ku^st- geschichtliche Vortragsreihe, die fich wiederum der regsten Antheilnahme unsere» gebildeten Publikum» erfreuen konnte, beendete Herr Prioatdocent Dr. Noack heute mit einer Behandlung des Thema» „Die griechische Kunst wird $3 eit tun ft". Er kennzeichnete iu großen Zügen die kulturelle Entwickelung der Zeit, in der die Stege»göttin de» Demetno», auf Samothrake f. Zt. gefunden, hineingehört. Hier findet mau schon da», waS für die hellenistische Kunst nen und characteristisch ist. Dann gibt e» eine von Kunstwerken, deren Urheber fich au die alten Traditionen de» 4. Jahrhunderts v. Chr. anzuschließeu suchen (Stadtgöttiu von Anttopeia, Themis von RhameoS usw.) In Pergamon studirt mau noch einmal die alte Kunst der PhidiaS'fcheu Zett und schafft unter Attalo» I. und EumeneS II. hervorragende Werke- ersterer stiftet auch ein Weihgeschenk mit bedeutenden Skulptur-Darstellungen auf die Burg von Athen, vom sog. Altar de» Satan» find noch ca. zwei Drittel der Reliefs erhalten (jetzt in BerUu)- insbesondere schön find die Zeu»- und die Atheuagruppe- aber da» „Zuviel" ist hier schon tadelnd zu vermerken. Selbstständiger al» PolykleS u. A. erscheint in seinen Schöpfungen Damophon von Meffene mit drei Colossalköpfen. Da» bedeutendste Werk der Kunst von Rhodos, die bekannte Laokoon-Gruppe, um 100 v. Chr. entbanden, wird hier auch mit ihren verschiedenen Deutungen erwähnt, ferner der Torso von Beivedere (den Sauer-Gießen als nach Galathea ausschauenden Polyphrm ergänzt) u. a. Endlich wird der alexandrinischen Kunst der Metallarbeiten gedacht, insbesondere deS sog. Hildesheimer StlberfuudeS und der Gold- und Ttlbergefäße, die bei BoScoreale gefunden. Die griechische Kunst lieferte die Elemente für die römische, fie, die vordem keine ihr vergleichbare Kuvsteut- Wickelung zur Vorgängerin hatte, die griechische Kunst war Weltkunst geworden. Mainz, 29. November. Eine verthierte Person wurde gestern in einem Dienstmädchen verhaftet. DaS in der Gchustecstraße bedienstete Mädchen hatte am 1. November d. IS. heimlich geboren und zwar ohne daß die Herrschaft etwas gemerkt hatte. Hierauf steckte die unnatürliche Mutter das Kind auf dem Speicher in einen Schrank, bis der Verwesungsgeruch so arg wurde, daß es selbst das Mädchen nicht mehr aaShalten konnte. Sie nahm also am 15. ds. in aller Frühe die Leiche deS Kindes, machte in der Küche im Herd ein große» Feuer an und verbrannte das Kind vollständig. Bis jetzt bestreitet das Mädchen, baß daS Kind nach der Geburt gelebt habe. e Herborn, 27. November. Aus der vorgestrigen Stadt- verordueteafitzung berichtet der hiesige „Anzeiger" folgende lustige Gaisvockgeschtchte: Unser Herr Bürgermeister hatte seiner Zett, io der Voraussetzung, daß die Sache nachträglich gut geheißen werden würde, erklärt, daß die Stadt auf einen Ziegenbock, reine schweizer Raffe, welchen der landwtrth- schaftltche Verein in Dillenburg zu verkaufen hatte, reflecrire. Eines schönen Tages erschien — ohne daß in dieser Sache Seitens der Stadt irgend etwa« Weiteres geschehen war — ein Mann auf dem Rathhaus mit den kategorischrn Worten: „Herr Borgermaaster, häi eS der Bock!" Da der Bock nun einmal da war, wurde er angenommen und wußte selbstredend auch sür entsprechendes Unterkommen grsorgt werden. Man gab den Bock dem Ziegenhtrten „in Kost und Logis", ohne über die Höhe der Vergütung ein Abkommen zu treffen. Der edle Schweizer-Bock, obwohl noch sehr jung — zumal sür den Preis von 20 Mk. — besaß nun die Unverfrorenheit und ging tobt, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, daß er noch nicht einmal „genehmigt" war. Ueber die Todesursache war man verschiedener Ansicht- die Einen meinten, er sei „aus Zufriedenheit" gestorben, die Anderen sagten „aus Hunger-, ja man traute ihm sogar „Milzbrand" zu und mußte tu Folge dessen der KretSthierarzt von Dillenburg herbei, welcher nach der Section erklärte, daß Milzbrand nicht vorliege, daß er aber constatire, daß der Bock wirklich tobt fei. Hiermit ist daS Drama jeboch noch nicht zu Eube, eine bittere Pille in Gestalt der Rechnung deS BockhalterS bleibt noch zu schlucken. DaS uichtgenehmigte Dasein des Bockes in unserer Stabt hatte 106 Tage gewährt, pro Tag verlangt sein Kostgeber 50 Pfg. gleich 53 Mk. Diese Summe fand man zu hoch unb wurde die Angelegenheit an die land- wirthschaftliche Commission verwiesen, welche mit dem Betreffenden unterhandeln soll. * Noch nie feit den 17 Jahren, welche die Weimar Lotterie besteht, hat eine ZiehungSverlegung oder Gewinnreduction stattgesunden. Auch in diesem Jahre, welches so reich au Ztehungsverlegungen anderer Lotterien gewesen, findet die ebenso bekannte wie beliebte Weihnachtsziehung der Weimar-Lotterie zur festgesetzten Zett — vom 2. bis 8. De- cember — statt. Zur verloosung kommen wieder 8000 Gewinne im Gesammtwerthe von 150000 Mark., dabei ein Hauptgewinn von .50000 Mark Werth. Hoffentlich fallen von diesen stattlichen Gewinnen unfern geschätzten Lesern eine recht große Anzahl zu. Der geringe LoospreiS von nur 1 Ma k ermöglicht die Erwerbung eines WeimarlooseS und damit die Anwartschaft auf den Hauptgewinn Jedem ohne große Opfer. • Die Macht der Fremdwörter. Unter dieser Ueberschrift erzählt die „Konst. Ztg." das folgende Geschlchtchen: Sitzen da am Wahltage im SerkreiS viele Männer des OrteS bei» jammen, um da« Wahlergebniß abzuwarten. Im Gespräch zeichnete fich besonders ein Bauhandwerker aus. „Herr Lehrer, war ist denn da» — ein Ehrenbuell?" fragte der gute Mann. Die Erklärung erfolgte unter Hinweis auf die Duelle bei Offizieren und Studenten. Warum er das frage, wollte Einer wiffen. „Mir ist eins angetragen, sogar vom Landgericht gegen den Stadtbaumeister, mit dem ich in Proceß stehe." Allgemeines Staunen und Kopfschütteln. „WaS? Ehrenduell zwischen zwei Maurern" bemerkte boshaft ein anwesender BezirkSrath. „Da ist es am Allereinfachsten, Jeder nimmt seine Kelle und wirft dem Anderen zur Ehrenrettung eine Portion Dreck ins Gesicht!" Allgemeines Ge- lächter. „Ja, Ihr braucht gar nicht zu lachen, eS ist so," erwiderte der Bauhandwerker mit erster Miene. Er mochte dabei wohl schon in Sorgen um Leib und Leben sein. „Ich hab'S ja schriftlich vom Landgericht." Allgemeines Drängen, das Schriftstück zu zeigen. Da stand schwarz auf weiß in flüchtiger ActuarSschrift: „Eventuell wird gegen den Stadtbaumeister beantragt." Ein allgemeines Halloh und eine übersprudelnde Heiterkeit folgte dieser Erklärung. Ja, diese Fremdwörter! • Höchst wunderlich. Sergeant (lesend): „Sakrament, noch amal, der Kerl, der's Schießpulver erfand, war net am al Soldat!" Universität- - Nachrichten. Heidelberg, 29. November. Heute Nacht verschied nach kurzem Krankenlager der außerordentliche Professor der Zoologie Dr. Rafael Freiherr von Erlanger, ein Sohn deS bekannim Bankiers Erlanger in Paris, im Alter von 32 Jahren. — Die Royal Society in London hat den Chemiker Professor Van t'Hoff tn Berlin, Den Mineralogen Prof.ssor Zirkel und den Pflanzenphyfiologen Professor Pfeffer, beide in Leipzig, zu auswärtigen Mitgliedern ernannt. — Aus Rom wird dem „Wiener Vaterland" berichtet: Der Archäologe und Patristiker Professor Dr. Albert Ehrhard glitt vor wenigen Tagen auf einer unbeleuchteten Stiege des Collegium Anselmianum aus und zog fich im Falle eine nicht unbedeutende Wunde zu. Bei der Redaktion eingegangene Bücher re. — Dr. Lachers berühmte zwölfstündige Danerrede über das AudgletchSprovisorium erscheint nunmehr auch in Buchfoim im Verlage von Georg Heinrich Meyer tn Leivzig. DaS elegant auSgestattete, 7 Bogen starke Druckheft ist mit Dr. LechcrS Portrait und Facsimile geschmückt und für 60 Pfg. in allen Buchhandlungen erhältlich. Der gefammte Reinertrag fällt dem deutschen Schuloerein zur Erhaltung deutscher Schulen in Oesterreich zu. Sfitlyla In enttidgtei Jnukfirta Stotifata. vvernhans. Mittwoch den 1. December: Frou-Frou. Donnerstag dm 2. December: Tell (Oper). Freitag den 3. December geschlossen. Samstag den 4 December: Bo hörne. Sonntag den 5 December, Nachmittags 3Va Uhr: Obersteiger. Abends 7 Uhr: Der schwarze Domino. Montag den 6. December geschloffen. Dienstag den 7. December: Armida. Schauspielhaus. Mittwoch den 1. December: GiroslS-Girofla. Donnerstag den 2. December: Ueber unsere Kraft. Freitag den 3.Decemberj: Mutter Erde. Samstag den 4. December: Othello. Sonntag den 5. December, Nachmittags 3*/e Uhr: Goldene Eva. Abends 7 Uhr: Han» Huckebein. Montag den 6. December: Vogelhändler. Dienstag den 7. December: Jugendtreunde. Auch ein Volksmittel Wilhelms-Felsenquellen hergestellten Emser Pastillen mit Plombe. Die Emser Thermalquellen genießen den Ruf vorzüglicher Heilkraft bei allen, in Form von Husten, Heiserkeit, Verschleimungen, Bronchialkatarrhen sich äußernden Erkältungszuständen; eS eignen sich demgemäß auch die Emser Pastillen zur Behandlung und Beseitigung der durch Erkältung bewirkten Catarrhe der Refptrattonsorgane. Beim Einkauf wolle man im eigenen Interesse stets Emser Pastillen mit Plombe verlangen. Erhältlich in den meisten Apotheken und Droguerien. Verkehr, £anfc* und Vslkrwirthschaf^ •ifSitl,30. November. Marktbericht. Auf Dem heutigen Wochenmarkt kostete: Butter pr. Psd. X 1,10—1,26, Hühnereier pr. St. 7-9 H, 2 St. 00—004, Enteneier 1 St. L—00 4, Gänse eiet pr. St. 00—00 H, Käse pr. St.4 —9 4» Käsematte pr. St. 3 X Erbsen pr. Liter 18 H, Linsen pr. Liter 32 H, Tauben pr. Pa«- X 0,60 bis 0,00, Hühner pr. Stück 0,90 bis 1,10, Hahnen pr. Stück X 0,60—1,00, Enten pr. Stück X 1,60—2,00, Gänse pr. Pfund X 0,45-0,65, Ochsenfleifch pr. Pfd. 66-74 X Kuh- und Rindfleisch K~fb. 60-66 X Schweinefleisch pr. Pfd. 64 bis 72 X Schweine- , gesalzen, pr. Pfd. 67 X Kalbfleisch pr. Pfd. 60-64 * Hammelfleisch pr. Pfd. 50-66 4, Kartoffeln pr. 100 Kilo 4 50 b» 5,00 X, Weißkraut pr. Stück 0—00 4, Zwiebeln pr. Centne- 6,00—0,00 X, Milch pr. Liter 16 X Versteigerungen Donnerstag den2.Decbr.1897, Nachmittags 2 Uhr, im Pfau (Neustadt 55) zu Gießen werden durch den Unterzeichneten öffentlich gegen Baarzahlung versteigert: a. im Auftrage des Herrn I. Weitzenkorn zu Gießen aus dessen kürzlich aufgegebenen Pelzwaarengeschäst bestimmt: ca 50 Muffe und eine größere Anzahl Kragen und Kindergarnituren; b. zwangsweise bestimmt» 4 Sack Roggenmehl, eine Anzahl Bäckereigeräthschasten, tzl Sopha, ein Brodregal, 1 Nähmaschine (noch neu), 1 goldene Remontotr-Taschen- uhr (fast neu), 30 Spiegelgläser rc.; e. ebenfalls zwangsweise voraussichtlich theilweise bestimmt: 1 Kuh, eine Anzahl Boblen, drei Hobelbänke, 25 Malter Kartoffeln, 1 großer Eisschrank, 1 Ladeneinrictft- nng, 1 Bett, 3 Sophas und sonstige Mobilien, 2 Ballen Kcffee, eine Partie Cigarren und Rohtaback, dto. Oelbilder rc. 10936 chugel, Gerichtsvollzieher- r^mpffehhmgen”*| Mill. HWlythMö. Freibank. 10902 Heute und morgen i0chsenjleisch nicht ladenrein, per Pfd. 54 Pfg. aschentücher kauft man gut und billig sowohl in Baumwolle, ßdnen und Seide bei [10884 Aug.MoutauusNM. Inh. R. H.9». Jmheoser. Große pachte leinene Tücher 45 und 50 cm gesäumt ä pr. 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Eintrittskarten, ä Person: Nummerirter Platz 1.50 Mark, Saalkarte 1 Mk., Gallerie 50 Pfg., find am Büffet des Hotel-Restaurant Kaiserhof im Vorverkauf zu haben. 10882 Donnerstag, den 3. December 1897t Im Abonnement. Zum imtl, en Male! Der GylUllaßMrkllar. EchausptU in 4 Meten vo > Eugen Zabel und Alfred Book 3V» Fraokftr. Hyp. 3*/i Frks.Hyp.Lreh General-Versammlung der Gießener Mvieh-Nerficherungg-Gksellsihiist heute Dienstag den 30. November (nidjt Mittwoch den 1. December), Abends 8 Uhr, in der Restauration __S p i c ft, Neustadt. 10912 Rach Amerika mit den vorzüglichen Dampfern des Norddeutschen Floyd in Bremen 2S6i befördert Paffagiere der conceff. Agent Carl Doos in Gießen. Statt jrhtt bchlldttcu Kevachriihtigililg. Heute Nachmittag 4yt Uhr wurde uns meine innigstgeliebte Frau, unsere liebe Mutter, Tochter, Schwiegertochter und Schwägerin Anna von Herff, geb. Dornseiff, im Alter von 34 Jahren durch einen plötzlichen Tod entriffen. Im Namen der Hinterbliebenen: Professor Dr. Otto v. Berit. Gießen, den 30. November 1897. Verein der Aetaillisten ?u Gießen. Der Borstand: Ernst Balser, 1. Vorsitzender. C. Röhr, Schriftführer. Godes-Anzeige. Theilnehmenden Freunden und Bekannten hiermit die schmerz liche Mittheilung, daß unsere liebe Mutter, Schwiegermutter und Großmutter Frau Katharine Hüfner, geb. Reck, W'ttwe des verstorbenen Lehrers Jakob Hüfner zu Rodhe m, heute Nacht 1 Uhr nach kurzem L iden im Alter von 65 Jahren sanft dem Herrn entschlafen ist. Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde. Sitzung am Montag den 6. December 1897, Abends 8»/* Uhr, in der grossen Aula der Universität: Herr Director Dr. A. Seitz (Frankfurt a. M ) „Australiern*4. Mitglieder und nur deren Angehörige haben gegen Vorzeigung dor Mitgliedskarte freien Zutritt. Studenten- und Schülerkarten zu Mk. 0,50, Karten für Nichtmitglieder zu Mk. 1,50, sind in der Ricker’schen und Krebs’schen Buchhandlung zu haben. Vorher, 78/< Uhr: Generalversammlung. Tagesordnung: " ahl eines Mitgliedes des Beiraths. *0922 Der Vorstand. fverlören^efünderTI 10921) Im Steins Saalbau w ocrg Sonntag ein Herren- u. ein Damenschirm vert U Umt w.geb.H BenderWallthorttr b3. . Vertauscht ein Herrenschirm in Steinft Garten. Umzutauschen 1. Commerzieurath S. Heichelheim 2. Fabrikant C. Kliugfpor 8. Kaufmann Richard Scheel einzutreten. Dre Lieferung des Bedarfs an Back'. Fletsch- und Specerei waaren, sowie an Milch pro 1898 für die Balsertsche Stiftung dahrer soll im Submission»wege vergeben werden. Offerten sind verschlösse* bis zum IO. December l. I bei Rendant Doering emzureichen, wo- selbst auch die Bedingungen eingesehen werden können. 10933 Die Administration der Balferifcheu Stiftung. 3 Ccfterr. ®t«tftbahn v. 18% 3 3toL staatftgar. Lrsevb. Coursbericht HOB J. Kurz fstrllßk 63. Frankfurter Bürs vim 29. November 1897. Etiquetten, Brühl'scho Univ.-Druckerei (Pietsch * ScheyiiX Sehulotraa.« 7. 16.16 Kranz, vanknoicn 20.81 Oesterr. dto. 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Dramatisches Gedicht in 5 Acten von Friedrich von Schiller. a”^?n$edau‘lPmfe.'*e '4 6i‘ 9e0i« B-arzahlnng 10 Äabatt 10IM Schaufeusterpreife aosgenommeu. 102 85 ihoenrt 4Vi Oesterr. HUbrrr^te 86 40 97.40 4 Ung. Gold-Rente 103.60 101.60 3 Portugiese« 21.80 000.00 6 Mexicaner 93.46 101.20 4 Monovol-Griech» Den 1887 36.46 92 6* 4 Etsenb. Rmtenb. O6L 101.60 57.96 4 Buberuß ObL ILO 60