6au Qnien Tag 25 114 rein. llsavg 7% Uhr |M tSWM ■t MUtt (W M Ml. Ä.5V, pM 1 Ml., Gseck 1W. Rillet. WNN isoerbinbung. ind gefl- bn Herrn igverein. mterhaltung «»,A 'anamusw Meissen. esse» jer. ft »I««** JSÄ* * .«r Nr. 264 Zweites Blatt. Sonntag den 8. November 1896 Drr friefctntx A«,ei-er erscheint täglich, mit Au-nahme deS Montag«. Die Gießener Aamikienbtäller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegr. Gießener Anzeiger Kenerat-Mnzeiger. Vierteljahr ign: Abonnementspreir r 2 Mark 20 Pf,, mit vringcrlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg. < Redactron, Expeditio« und Druckerei: -chukstraße Ar.7. Fernsprecher 51. AttrtZ- und Anzeigeblutt für den Ureis Gieszeir. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für den folgenden Tag ^scheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. Hratisöeikage: Gießener Jamilienötätter. Alle Aauoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Naturgenuß und Sport. Bon Wilhelm Rullmann (Graz). (Nachdruck verboten.) Bon der Zett an, in welcher ein Rousseau die Liebe zur Natur erweckte und ein Saussure zum ersten Male den Gipfel des Montblanc erstieg, ist der Besuch des Hochgebirges für Tausende und Millionen die Quelle des edelsten Genusses geworden. Sich aus dem Dunstkreis der Niede- ruugen zu erheben, die Brust in reineren Lüften zu baden, die Natur da aufzusuchen, wo fie uns tu ihrer wilden Ein» samkeit am erhabensten und großartigsten entgegentritt, von dem glücklich erstiegenen Gipfel die Blicke über Berge und Thäler, Seen und Flüsse, Städte und Dörfer schweifen zu lassen, da« alles gewährt Entzückungen, die reiner und edler find, als fast alles, was uns das Leben sonst an Freuden und Entzückungen zu bieten vermag. Auch in der Ueber- windung der Schwierigkeiten, die fich dem Wanderer in der Hochgebirgswelt entgegenstellen, liegt ein ganz eigenartiger Retz, und Derjenige, der diesen Retz nicht nachzufühlen vermag, hat noch kein Recht, das Aufsuchen deS Naturgenusses auf den Gipfeln deö Hochgebirges einen eitlen Sport, oder, wie man in Oesterreich sagt, als „Fexerei" zu bezeichnen. Diejenigen, die über den „Alpensport" geringschätzig ur- theileo, find gewöhnlich Leute, denen das Maß der Kräfte versagt ist, um fich so einziger Genüsse theilhastig zu machen. Wie aber jede an und für sich gesunde Erscheinung Auswüchse im Gefolge hat, durch die fie bet Bielen in Miß- credtt gebracht wird, so hat auch die Pflege deS Natur- genuffeS im Hochgebirge Entstellungen hervorgerufeu, die man nur als krankhafte Verirrungen bezeichnen kann. In der That ist die „Bergfexeret", wie fie von unbesonnenen Jünglingen heutzutage gleichsam gewerbsmäßig betrieben wird, nur das Zerrbild jenes edlen, die Kräste des Körpers stählenden und die Seele erhebenden NaturgenuffeS. Diesen ehrgeizigen Strebern, die sich mit ihren Beinen hervorzuthun suchen, weil eS ihnen versagt ist, fich auf andere Weise aus- zuzeichnen, genügt es nicht, die Höhe eines Berggipfels zu erklimmen, nein, sie suchen ihm von einer Seite betzukommen, die dem Aufstieg die größten Schwierigkeiten bietet. Wenn man einen HschgebtrgSgtpfel, dessen Besteigung nicht ohne Gefahr ist, ohne einen zuverläsfigen Führer erklimmt, so ist dies eine große Unbesonnenheit- daS Aufsuchen neuer schwieriger „Varianten" aber — wenn bereits ein gangbarer Weg vorhanden — ist eine Thorheit, die nicht scharf genug zu verurthetlen ist. Gegen derartige Entartungen der modernen Hochgebirgstouristik haben die Alpenvereine auch mehrfach Stellung genommen- die Unglücks fälle der letzten Jahre, besonders des Spätsommers und Herbstes 1896, sollten für fie Veranlassung sein, in dieser Hinsicht noch mehr zu thun, als bisher geschehen ist. Ein Wiener Blatt hat constatirt, daß allein auf der Rox-Alpe, die von der österreichischen Hauptstadt aus häufig besucht wird, seit dem Jahre 1889 nicht weniger als 48 Personen abstürzten, von denen 37 tobt blieben und 11 schwer verletzt wurden, und daß im Jahre 1896 in den Alpen 27 Personen ihren Tod fanden. Auf die Häufigkeit dieser Unglücksfälle hat fich denn auch der durch sein humanes Wirken und seinen unermüdlichen Kampf gegen das K. K. Lotto bekannte Abgeordnete Roser bezogen, indem er in der Sitzung deS österreichischen Abgeordnetenhauses vom 6. October d. I. in einem von zahlreichen Mitgliedern des HauseS unterzeichneten Anträge die Regierung aufgefordert, die Frage in Erwägung zu ziehen, „ob und auf welche Art die Verhütung solcher, daS Leben der Menschen in so schrecklicher Weise bedrohender Gefahren möglich wäre." Roser meint mit Recht in der Begründung seine- Antrags, daß sich in dieser Hinficht durch Belehrung der Bevölkerung, Anbringung von Warnungstafeln, Anlegung guter Wege, strenge Verbote, ohne Führer schwierige und gefährliche Partien zu unternehmen usw., manches thun ließe. Unter diesen Umständen erscheint es unS ganz besonders tadelnSwerth, wenn der „Varianten - Sport" selbst von Männern der Wissenschaft in Schutz genommen wird. Man erinnere fich nur an den Fall Drasch, der in den österreichischen Blättern im September d. I. viel besprochen wurde. Einer der gewandtesten Alpentouristen, Herr Diasch auS Graz, hatte bet dem Aufsuchen einer Variante der Besteigung des großen Mörchner in Tyrol seinen Tod gefunden. Und waS war die eigentliche Ursache seines Todes? Wie sein Bruder, Prof. Drasch, zugesteht, „sportlicher Ehrgeiz und der Aerger darüber, daß ihm ein von ihm recognoScirter, von ihm durchdachter Weg von einem anderen Touristen, der ihm am frühen Morgen zuvorkam, weggeschnappt wurde." Er wählte dann einen anderen Aufstieg, für den er fich nicht genügend vorbereitet hatte, und' kam dabet umS Leben. Dieser Fall, der soviel Aussehen erregte, weil dieses Unglück einem der erfahrensten und gewandtesten Hochgebirgstouristen zuftteh, wird übrigens auch noch ein gericktlicheS Nachspiel haben. Herr Prof. Drasch hat in seinem Bemühen, die Unbesonnenheit seines verunglückten Bruders in ein milderes Licht zu stellen, daS Verfahren jenes Touristen, der „ihm die Variante vor der Nase wegschnappte", in einer Weise gekennzeichnet, die den letzteren, einen Herrn Dr. Callmaun auS Darmstadt veranlaßte, eine EhrenbeletdigungSklage an- zuftrengen. Die moderne Hochgebirgstouristik zu verurtheilen, weil fie von Zeit zu Zeit Unglücksfälle im Gefolge hat, daS wäre ebenso lächerlich, als wenn man von den Eisenbahnen nichts wissen wollte, weil der Betrieb derselben zuweilen seine Opfer forderte. Unser Mitgefühl wird rege, wenn wir von Unfällen im Hochgebirge hören, die elementare Ursachen haben, aber es wird bedeutevd abgeschwächt, wenn die „Bergfexerei" dabet im Spiele ist, wenn eS uns klar ist, daß wir eS nicht mit Unglücklichen zu thun haben, welche die Märtyrer einer guten Sache geworden find, sondern — man ist versucht, ein hartes Wort zu gebrauchen — mit Narren, die ihr Schicksal erreicht hat. Citeratu* rrnd Attnst. — JubtläumSwerk. Zur hundertjährigen GebmtstagSseim Kaiser Wilhelm I. erscheint von dem bekannten Schriftsteller Dr Adolf Zehlicke ein große« nationales Prachtwerk über Kaiser Wilhelm, betitelt: Kaiser Wilhelm der «rotze, Deutschland» Retter ««d Rächer. Das Werk wird außerordentlich reich illuftrtrt, namentlich mit großen Voll- und Doppelbildern auS de« Leben des großen Kaisers, sowie mit zahlreichen historischen Karim und Plänen, wie eS bisher noch nicht vorhanden war. ES stellt denselben dar als den Vollender des Werkes seiner Ahnen, nämlich des großen Kursürsten und Friedrich des Großen und schildert ihn als Menschen, Regenten, Staatsmann uud Feldherrn nach allm Seiten, namentlich ausführlich werden die von ihm geführten Kriege und dte Gründung des Deutschen Reiches behandelt. In diesem Werke wird dte welthistorische Bedeutung der Persönlichkeit Kaiser Wilhelms nach zuverlässigen Quellen eingehend geschildert. DaS Werk erscheint in 30 Lieferungen und ist sehr reich und geschmackvoll ausgeftattet, jede Lieferung zu dem äußerst billigen Preise von 50 Pfg. Der Gesammtdruck soll bis zum 100jährigen Geburtstage Kaiser Wilhelms vollendet fein. Dte beigegebenen Bilder find so zahlreich, daß fie eine vollständige Gallerie auS dem Leben Kaiser Wilhelms, seiner Zeit und der von ihm geführten Kriege bUden, so daß sie als separater Band gebunden werden können. Das Werk erscheint im Verlage von LouiS Abel in Berlin 8., Sebasttanstr.29 und kann von diesem direct, aber auch von allen Buchhandlungen und Colportagebuchhandlungen bezogen werden. Wir machen unsere Leser auf dieses große Werk besonders aufmerksam. Jeder, der fich über die letzten 60 Jahre unserer Geschichte und über die P rsön- lichkett des großen Kaisers eingehend unterrichten will, findet hier ein ausführliches und durchaus verständliches und populäres Werk, auch stnd die großen Kriege anschaulich und in hohem Grade lebendig geschildert, da der Verfasser an dem letzten großen Kriege selbst theil- genommen hat, so daß das Werk ein Gedenkbuch für Jedermann ist und fich ganz besonders auch zum Weihnachtsgeschenk für die Heranwachsende Jugend eignet, da es in durchaus patriotischem und nationalem Geiste verfaßt und in hohem Grade fesselnd geschrieben ist. Kunst-Ausstellung, nähme des SamstagS, von 11 ms 1 Uhr, am Mittwoch auch noch von 3 bis 5 Uhr. Sonntag» ununterbrochen von 11 M» 8 Uhr. — Eintrittspreis für Ntchtmttglteder an Werktagen 60 Pfg., an Sonntagen 20 Pfg. Feuilleton. Ihr erstes Debüt. Novellette von S. E. Robert. (Schluß.) III. Am Abend des Tages, da Lucte die Guitarre der Signora Rosina an fich genommen hatte, begab fich Rouftan, seiner Gewohnheit gemäß, nach dem Hafen, um hier seine Pfeife zu rauchen. Sobald er sich entfernt hatte, warf Lucie eine Manttlle um, nahm dte Guitarre, drückte einen Kuß auf da» Holz und sprach zu ihr, gleichsam als wenn fie es hätte hören können: „Nun, theuere kleine Seele, jetzt dürfen wir nicht zittern- wir beide werden fie retten." Nach diesen Worten begab fie fich auf den Weg und machte erst vor einem Cas6 Halt. Entschlossen trat fie ein and erhielt die Erlaubniß, ein Lied zu fingen, mit dem fie sogleich begann. „Woher kommt denn die Kleine? Wie hübsch sie ist!" riefen die Gäste. „Sie fingt ja wie eine Lerche, eine Nachtigall! O, daS anmuthtge junge Mädchen!" Doch weder diese schmeichelhaften Worte, noch die entzückten Blicke kümmerten fie, denn wie in einem Traume sah fie das traurige Geficht der Signora Rosina, und dle Worte ihres alten Lehrer- hallten noch immer tu ihren Ohren wider. Kaum hatte fie da- erste Lied beendet, al- lebhafter Beifall ertönte. Dann sammelte fie, wie die Zig'uoer und Iferumzieheaden Mufiker, um von Neuem zn beginnen und nach und nach ihr ganzes Repertoir zum Besten zu geben, «auch das „Matrosenlied", das einen bedeutende» Erfolg 'erzielte. „Wie heißen Sie?" fragte fie ein junger Mann in elegantem Anzug und warf ein Goldstück auf den Teller. Ohne zu antworten, neigte fie, anmuthig dankend, daS Haupt und begann wieder zu fingen. „Wo wohnst Du?" fragte ein Araber in langem Burnus, während er an ihr vorüberschritt. Sie hörte nur den Silberklang der Münze, die er langsam auf da- Goldstück de- jungen Mannes fallen ließ. Dte kletne Sängerin wärf ihm einen kurzen Blick zu sprach nur: „Ich danke." „So, mein schönes Kind, hier ist ein kleiner Papier- fetzen," sagte ein bitter Spezereihändler und legte eine Banknote zu dem (Selbe, „erinnere Dich, daß Maurice Barbassou noch mehr davon zu Deiner Verfügung hat." Ohne fich zu unterbrechen, dankte Lucie mit einem freundliche» Lächeln. „Sied, fieh, j'tzt erkenne ich fie," rief ein ganz junger Mensch, „fie ist eine Schülerin von Claudius." Sie war mitten in ihrem Siegesräusche, die Bravoerdröhnten durch den Saal und ihre volle Tasche verursachte ihr eine ungeheure Freude, al- fich plötzlich eine Etsenfaust auf ihre Schulter legte. „Elende! Entartetes Kind! Was thust Du hier? Warum bist Du hierher gekommen?" heulte der alte Rouftan blaß und wüthend. Lue'e schwieg. „So antworte doch, Unglückliche, sage mir, daß tch «ich täusche, daß e- nicht mein Kind ist, das da vor mir steht." Sie senkte da» Haupt, ließ den Sturm vorübergehen uud erwartete einen günstigen Augenblick, um den Zorn de- Alten mit einem Worte zu beschwichtigen. „Du schweigst, herzlose- Kind?" rief der Capitän, „wenn Du kein Mitleid mit einem Greise haft, so sprich wenigsten- aus Rücksicht sür seine weißen Haare. „Vater?" sagte fie und schlang ihre Arme um de» HalS deS Seemannes, „höre mich an!" And schnell raunte | fie ihm die Geschichte von dem Unglück Claudiu»' ins Ohr, doch er blieb mürrisch uud erklärte: „Nein, Du durftest nicht hierher kommen! Du hättest wich um Rath fragen sollen, daS ist nicht recht, waS Du da gethan hast." „So! Wirklich?" rief Lucie mit kecker Stimme, „wen» ein Schiff auf allen Seiten leck, begeht der Matrose da einen Fehler, der au die Pumpe läuft, ohne da- Commando abzuwarten?" Der Capitäu antwortete nicht, aber er öffnete die Arme und drückte seine Tochter ans Herz. „Nun, fichst Du wohl, Väterchen," sagte sie mit schmeichelnder Stimme, „daß ich mit meinen Liedern bezahlen konnte, waS Du mit Deinem Blute bezahlen wolltest." „O, mein theureS Kind," sagte der Capitäu tief erschüttert, „Du hast Recht, "Dein alter Vater kann wahrlich stolz auf Dich fein." „Vater, gehen wir zu Meister Claudiu-," sagte Lucie und »ahm ihn beim Arm. Nach diesen Worten warf daS junge Mädchen de» Zuschauern dieser seltsamen Scene eine Kußhand zu und ent- ftrnte sich eilend-. IV. Mit der kleinen Sängerin kehrte die Freude in da- HauS des alten Musikir» zurück. Claudius kam wieder ta Ausnahme und die Schüler strömten ihm mehr denn zuvor zu.---— Später, als Blumen und Beifall der berühmt gewordenen Sängerin Lucie Roustuu in reicher Fülle z» Thetl wurden, bemerkte sie oft uud gern zu ihren Bewunderern: „Kein Tr umph wird mich je so glücklich machen, al- mein erstes Debüt!" Unser Garten im November. Der Trübsten und Grämlichsten einer, der durch den ©arten schleicht, das ist unser November. Ein ernster Alter, mit stark gefurchter Stirne, so sagt ein längst Heimgegangener begnadeter Naturfreund von ihm, fchrrttet er mit seinen wenigen gebleichten Haaren, in gebückter Haltung auf dm feuchten Wegen daher. Er ist in einen grauen Wettermantel gehüllt, denn sein gebrochener Leib ist wie ein alter Nachm: morsch, nicht »ehr recht wasserfest. Ernst ist fein Blick, dmn er dmkt darüber nach, wie er fein HauS bestelle, dem nahenden Winter Trotz zu bieten, der einbrechen kann, wie der Dieb in der Nacht. Dem besorgten Landmann gleich, sucht er, wenn eS geht, noch eine Wintersaat für die Seinen zu bestellen, noch ein leeres Plätzlein zu finden, um noch einen Fruchtbaum zu pflanzen, damit auch feine Enkel von den Früchten feiner letzten Arbeit und Vorsorge essen mögen. Kurz, er eilt, auch das Wenige, was er in seiner äußeren Welt noch zu ordnen und zu bestellen hat, zu bereinigen, damit er, wenn die Wtnternacht kommt, sich ganz in das innerste Gemach seines HruseS -urückziehen kann, um ungestört mit den Aussichten auf dm ewigen Frühling sich zu beschäftigen, besten Anbruch er gewiß ist. Er hat gut, wmn auch etwas grau gemalt; ganz so trübselig und philisterhaft ist unter alter November aber doch nicht! Im Gegentheil, wenn er nach einem schneidigm Morgenrelf, der Taufende verspäteter Blüthen geknickt, daS Mäusepack in seine tiefsten Höhlen verjagt, die bletgrauen HimmelSwolken zerreißt, durch dm Riß im Firmament leuchtende Sonnenbltcke auf das Sterbefeld der Natur hernieder sendet, die versinkende Herbstpracht zwischen huschenden Wolkenschatten in ergreifenden, überirdischen Farben erglühen läßt, und dann im einsetzenden Sturm die mächtigsten halb- kahlm Kronen von Bäumen sich vor ihm neigen, so ist das ein Bild von Kraft und prunkender Majestät. Ein Mors Imperator 1 Aber kein grinsender Todtenschädel der Malerin, so wenig wie ein trippelnder Alter; ein willenskrafttger, zielbewußter, wenn auch von Launen geplagter Nachrichter, das Alte, Ueberlebte zu fällen, nach dem hehren Willen der ewigen Natur, Kraft und Raum für neues fieben zu schaffen! Im kalten Novembersturm, der alle Register zum großen Niedergangs-Halleluja gezogen, braust er einher; er rüttelt an Thür und Laden, rauft mit dem erschrockenen Rauch der Schornsteine, heult durch die zerfallene Burgruine, läßt die hohen Kirchenfenster erzittern und peitscht den letzten purpurnen und goldenen Raub der Gartmbäume über Hecke und Mauer in die Wogen des zu Thale schießenden Mühlenbachs. Aber er lacht auch in dem nebelbestegenden Sonnenstrahl, mit den sich schon bildenden Haselquasten, mit den dicken geleimten Knospen der Kastanien; guckt neugierig in die Rist- kästchen von Staar und Meise, in das halb geschlossene Flugloch des Bienenkorbs. DaS im Grund gut waltende ober Welt-Gesicht, das die gütige Natur auch im Rollm der zwölf Rüder des JahreS- wagenS sehen läßt, taucht dem, der eS sehen will, auch zur stillen Heimgangszeit mit treuem Grüßen auf. Wem ist es nicht schon erschienen im plätschernden Bach der Frühlinaswiesen, im Zauber der sommerlichen Abmdwolke, ja selbst tn der Thränenfluth des spät- herbstlichen RegenS? Gottfried Keller hat eS gekannt: „Da kommt eS gefahren Mit Küchelndem Munde Vorüber im klaren Kiystallmen Grunde, DaS a'tc, vertraute, DaS Wettangesicht! Sein Äug' auf mich schaute Mit tiefblauem Licht. Wohin istS geschwommen Im Wellengewtmmet- Wo er istS gekommen? Vom tiefblauen Himmel! Tenn als ich inS W»bm Der Wolkm gefehm: Da sah ich noch eben ES dorten vergehn. — Ich seh eS fast immer Wenn« windstill und heiter, Und stets macht fein Schimmer Die Biust mir dann weiter. Doch wenn sein Begegnen Der Seele Bedarf, Wird selbst eS im Segnen Mir deutlich und scharf!" — Heute scheint das schreckliche Geriesel, daS schon mit Schneeflocken durchsetzt, einhalten zu wollen. Langsam steigt der Tag durch dünnen Nebelschleier h raus. Im Osten nur ein lichteS Mal. Dächer, Bäume, Sträucher in ganz zarten Schattenriffen lieber ben feuchten Gartenrasen unb seine eingestickten silbernen Spinngewebe huschen ganz lautlos einige Schwarzbrosseln, wie wenn sie den Friedm des Tages nicht stören wolltm. ___ Jetzt ragt unfern aus den Nebelschleiern ein dünnes Thurmchen und die Helle Stimme seines Glöckchens wird laut, leise einsetzend, leise verhallend. Aus spätem Blumengarten schallt es, zu stillem Gedenken mahnend, über die dunkeln, hohen, herbstbraunm Säulen des Lebmöbaumes, der den Frieden deS Todes bewacht: Kirchhof- frieden — Allerheiligentag! _ Und der alte Nußbaum sieht über die Mauer träumend hinein. Er sieht den köstlichen Blumenschmuck, den überlebende Liebe den Verklärten geweiht; er sieht datz letzte im grünen Steinbrech-Polster deS HügelS wurzelnde Röslein blühen, die letzte Ringelblume in der verlorenen Mauerecke. Und sein gutes Herz zieht ihn auch hin zu den trostlos derlaßenen und vergessenen Stätten. Hier hat im mächtig wuchernden dürren Riedgras ein dornenschweres Geranke der Wild- rose das schwarze moderne Holzkreuz umstrickt, btffen Querholz mit längst erloschener Schrift halb zu Fall gebracht. Eine mitleidige Kreuzspinne hat mit ihrem kunstvollen Netz e8 versucht, den Fall aufzuhalten. Aber bald wird eS fallen, dahinstnken, wie die im feurigsten Roth prunkenden Hagebutten der Dornenarme, wie die ihm vorangegangene arbeitsmüde Spinne; vergehen, im Meere des 93er; geffenseinS, unter sinken, wie das tief unter dem RiedgraS schlafende, nicht athmende, lachende, hoffende Menschenkind. Im HauSgarten erlöschen jetzt die letzten erbverbessernden Arbeiten und die Gartengerüthe, sauber gereinigt, wandern in ihr stilles Winterquartier. Der grüne Wald der Fichtenzweige marschirt an, um den jungen Pfleglingen des Gemüsegartens, den umgelegten eingegrabenen Rosenkronen, den verschiedenartigsten, etwas empfindlichen Zierpflanzen die schützende Winterbecke zu geben. Der umsichtige Obstzüchter beginnt mit der Reinigung seiner Bäume und, falls er das nicht schon auSgesührt, legt er an alle Hochstämme die bekannten Älebcgürhl an. ES ist die höchste Zeit. Die Sache erscheint noch Dielen eine lächerliche Spielerei, sie ist aber eine s-hr ernste und die einzige wi-[ferne Maßregel, um dem geradezu verheerenden Fratz der allerschüdlichsten Baumraupen tat Frühjahr und Frühsommer — der sogenannten Fr. stspannerraupen — »orzudeugen. Jährlich wird über ben furchtbar« Schaben gejammert und jährlich wirb daS Anlegen ber Klebrtnge vergessen! Durch diese Unterlaffungssünbe gehen ganze Eisenbahnlabungen werthvoller Sepfel unb Birnen verloren! Glücklicherweise tagt eS jetzt durch größere Zugänglichkeit er» probten RalheS in vielen Gauen unseres Vaterlandes und die Ge- meindendehöldm nehmen sich, zum Wohle ihrer Ortseingesiffenen, bet Sache schon theilweise an. So berichtete vor kurzem ein Herr Butschkowski im weitbekannten „Pract. Rathgeber im Obst, und Gartenbau" (Nr. 42) über ganz unerwartet günstige Eriolge, bie eine Verorbnung bes Amtsvorstehe'S Herrn Ohl bezüglich Anbringung des KlebgüitelS im Bereich ber Landgemeinden Weichselburg, Kan tzken, Groß- und Klein-G abau u. s. w. zum Tank der sich vorher dagegen wehrenden Odstbaumbesitzer hervorgebracht. „Unter Herr Landrath und ber Herr KreisobergSrlner Inten efftrten sich für bie Sache sehr, unb wieberholte Voist-llungen führte» zum Erlaß einer Verorbnung für unseren Amtsbezirk. ES würben in Folge besten 158 Gentner Raupenleim bezogen, bie Gürten alle mit Leimringen rechtzeitig versehen unb in diesem Jahre waren bie Bäume brechenb voll Obst." So lautet eS im Bericht, bem die bünbige, klare Polizei- Verordnung wörtlich beigefügt ist. So wenig „anheimelnd" im allgemeinen „Polizeiverordnungen" auf die Gesammtheit wirken, so sehr können sie im vorliegendm Falle für die Wohlfahrt ganzer Gemünden nutzbar werden. AlS bescheidener Kenner der veifchiebenen Waffengattungen des SchüdlingSheeres unseres Obstbaues, sowie auch der freundlichen, unglaublichen Gleichgiltigkeit unserer Herren Obstbaumbefitzer gegen Maßregeln, selbst solche, die ihnen die blanken Thaler tn den Schooß werfen, möchte ich ben Herren Lanbrüthen u. s. w ber Obstgegenden bie Nachahmung einer Verorbnung in obigem Sinne warm empfehlen. Es liegen sehr viele große unb kleine Steine herum, leidet unbeachtet unb unbenutzt, zum Bau einet Mauer gegen bie so ungeheure Obsteinfuhr über bie Grenze unseres für den Obstbau so geeigneten VaterlanbeS, bie unS jährlich ungezählte Millionen kostet! Mit bem Pflanzen bet Obstbüurne allein ist es nicht gelhan: wir müssen sorgen, daß sie Früchte tragen, unb reich tragen können! Pflege, Schutz thut noth! Der Novembrrwinb saust mahnend durch die kahlen Zweige von Millionen fast unfruchtbarer Büume: Hören wir auf feinen Sang und folgen wir seiner Mahnung! Heinrich Freiherr Schilling Bekanntmachung, betreffend: die Einrichtung eines Arbeitsnachweises für die Provinzial- Hauptstadt Gießen. Der auf Grund der Bestimmungen des Ortsstatuts d. d. 5. September a. c. eingerichtete Arbeitsnachweis tritt mit dem 1. November a. c. in Wirksamkeit. Der Arbeitsnachweis hat die Aufgabe, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern (Ar- beiteru jeglicher Art, Dienstboten und Lehrlingen und zwar überall beiderlei Geschlechts) Arbeit unentgeltlich zu vermitteln. Der Arbeitsnachweis befindet sich im Bürgermeistereigebäude, Zimmer Nr. 14, und ist an den Werktagen von 8 bis 1 Uhr und von 3 bis 6 Uhr geöffnet. Die Führung der Geschäfte des Arbeitsnachweises ist dem Bürger- meistereigehülfen Nau übertragen. Die Arbeitsvermittelung geschieht mittels Listen, welche nach Bedarf hinsichtlich der Berufsarten gesondert und für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Dienstboten und Lehrlinge je getrennt geführt werden. Die Eintragung der Gesuche erfolgt auf Grund von schristlicheu und mündliche», auch telephonischen Anzeigen; erstere sind auf entsprechenden Formularen, welche auf Grotzh. Bürgermeisterei — Zimmer Nr. 14 — und an anderen demnächst noch bekannt zu gebenden Stellen in der Stadt unentgeltlich verabfolgt werden, einzureicheu. Besonders zu beachten ist, datz Arbeitgeber und Arbeitnehmer, welche den Arbeitsnachweis in Anspruch nehmen, verpflichtet sind, sofort demselben unter Bezugnahme auf deu Tag der Anfrage Kenntnitz zu geben, sobald sie, fei es durch deu Arbeitsnachweis, sei es ohne denselben, die erforderten Arbeitskräfte oder die gesuchte Arbeit erlangen. Auf den Karten, mittels derer vom Nachweis den Arbeitgebern Arbeiter zugewiesen werden, ist ein Vordruck enthalten, welcher entsprechend aus- zufüllen und dem Arbeitsnachweis alsbald zuzustellen ist. Gesuche, welche nicht binnen 14 Tagen erledigt, zurückgezogen oder erneuert sind, gelten als erloschen. Der Beamte des Arbeitsnachweises ist verpflichtet, über Fragen der Gewerbeordnung, der Kranken-, Unfall-, JnoaliditätS- und Altersversicherung, sowie anderer socmlpolitischen Gesetze auf Anfrage unentgeltlich Auskunft zu ertheilen, oder nöthigenfalls die Nachfragenden an die zuständigen Beamten Großh. Bürgermeisterei Gießen zu verweisen. Beschwerden über die Geschäftsführung oder über den Beamten können in das in der Geschäftsftube aufliegende Beschwerdebuch eingetragen oder bei dem unterzeichneten Vorsitzenden der Deputation für den Arbeits Nachweis vorgebracht werden. Die neugeschaffene Einrichtung kann nur dann den erwünschten Erfolg haben, wenn möglichst alle Arbeitsgesuche und alle freien Arbeitsstellen dem Nachweis angemeldet werden, welcher nach der Rechenfolge der Anmeldungen die letzteren zu erledigen suchen wird. Das Publikum wird demgemäß ersucht, bet Bedarf von Arbeitskräften aller Art die Dienste des Arbeitsnachweises in Anspruch zu nehmen. Gießen, den 31. October 1896. Die Deputation für den städtischen Arbeitsnachweis: 6716 Wolff, Beigeordneter. Glanzbügeln sowie Wäsche zum Waschen wird bestens besorgt und schnell sowie tadellos ausgeführt. Bügkt-Anflatt von Iran Hofmann, 9881 Kaplausgafse 14, 3. Stock. ^Verstejgerungertjl Montag- den 9 November, Naidmlttags 2V, Uhr, werben auf hiesigem Ortsgertcht die ben «. Lndwtg KLmmerer's Erbe« gehörigen Grundstücke: Flur 32 Nr. 92 — 1725 qm Wiese am Hegstrauch, bei ber Roden hansischen Wiese, Flur 39 Nr. 63 — 2431 qm Acker hinter bem Waldbrunnen, „ 39 „ 64 — 2425 qm Acker daselbst, „ 39 „ 65 — 2125 „ „ zum größeren Tb«-il W'ese „ 41 „ 1R9 — 4205 qm Acker am Rain, hinter der Warte freiwillig meistbietend versteigert. Gießen, ben 26. October 1896. 9539 In Auftrag: Hoffmann, OitsoerichtSmann. Dienstag den 10. November, Nachmittags 2 Uhr, läßt Herr Franz Stroh in seinem Hause, Bahnhofstraße Nr. 13, Schreiuerwerkzeuge, als: Hobel, Sägen, Leim- Schraubzwingen, Schraub- kuechte usw., sowie 2 und 3" eichene Bohlen, Nutzbaum- bohleu, Fourniere usw., ferner um 3 Uhr: 1 Kücheufchrank mit Glas auffatz, 1 Rohrsessel, zwei Weitzzeugschränke, 2 kleine Tifche, 1 feine Stehlampe, sowie sonstiges Haus- und Küchen geräthe versteigern. 9768 In Auftrag: %. 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