M 131 Tfr :t: nut täglich, ■ »lrSnahme des Montags. !■- -Gießener Mwil»!e«»r»tter W' wer -ew Anzeiger »tsff-'uh dreimal ir^jdegt Zweites Blatt. Samstag de» 6. Juni 1896 Gichmer Anzeiger General-Wnzeiger. vierteljährlger jL16XMrmf«t»Fr !s Elfcheim t: Sonnen, wird gtk $ni i i. Jun! ih der | llhr am ThorhÄ _ ASWrf Röhri läge 38. *rei-Aussf ■ten an der k. gedielte Btf Lokalitäten. 8 Billard. in bekannter W 7ßMÜE M 0ruckfp* iii< 7 Ä Aints- und 2Inzeigeblntt füv den Tkveis (Siegern Gratisbeilage: Gießener Aamikienökätter >U»°h!M« B08 Anzeige« zu der Nachmittags für de» N>*!en Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr. Alle Annoncen-Bureaux de» In» und Auslandes nehme» Anzeigen für dnr „Gießener Anzeiger- entgegen. Schwurgericht. W. (Stehen, den 4. Juni 1896. Mie kommt die Sache gegen Clemens Karl Rothe ton: Sichen wegen McinetdS zur Verhandlung. Die Staat-» behiKiü wird von Herrn Staatsanwalt Koch vertreten, die verrHsiiti^ung führt Herr Recht-anwalt Grünewald. ES findai > ckr^ehn Zeugen zu vernehmen. Der Anklage liegt folg^oiic Thatbestaud zu Grunde: Sm 10. Juli 1895, am Tage des JugendfrsteS, fand tm .(nu|i der Kratzenberger' fchen Wirthfchaft in der« bttiitstrahe ein Streit statt zwischen der Ehefrau Kratzen» । i.'-gn iiub der im gleichen Haufe eine Treppe hoch wohnenden Ehsgisuu stütz r, bet welcher die Lttzrere sich eine- Ausdruck- tu üiSunf deS Grohherzog- bediente, welcher zu einem Straf» er'rschlm wegen MajcstätSbeletdigung führte. Da- Ende ef rui Vacfahren« war vorerst, dah die P'tzer am 10. De» cmfikr 1-695 zu 3 Monaten Gefängnih verurtheilt wurde. N«>iR. Jaouar l. I. beantragte die Berurtheilte die Wieder- lafMimi de- rechtskräftig geschloffenen Verfahren-, indem e lldstuvtete, einen neuen Zeugen gefunden zu haben, der i Mt'lnfttulb bezeugen könne, sie nannte außer der Zeugin »rrcivhoiu«, den jetzigen Angeklagten Rothe al» Denjenigen, ivclioid fit entlasten würde. Hierauf beauftragte die Straf- fan rintr sein Mitglied deS Landgericht- mit der Vornahme der - vrmiiSaufnahme und am 6. Februar wurde der An- gekilüxii ml- Zeuge eidlich vernommen und bekundete u. A., । . lli Shefrau Pitzer die ihr zur Last gelegte Majestät-« bele^llgmig nicht gethan habe. Auf Grund dieser Depofition tonmk ton beantragten Wiederaufnahmeverfahren stattgegeben, :m a 18. März I. I. kam eS zur zweiten Hauptverhandlung unfro lijmar der damalige Zeuge Rothe vor der Strafkammer die logeMaßte Pitzer entlastete, endete auch diese Verhand- lunie "ii der Verurtheilung der Pitzer. Da- erkennende tercfti henkte den Angaben der übrigen Zeugen Glauben und« Hzn-nete die Aussagen de« Rothe als innerlich durchaus unssülubmiirdig und durch die Belastungszeugen widerlegt, ja ol- 1 uwöhr und erfunden. Nach dieser Verhandlung wurde kRotklk tu Hast genommen und wird er heute beschuldigt, am 6. '.MwAr 1896 vor dem LandgerichtSrath Seeger eine wiffüollidi falsche Aussage unter Eid gemacht zu haben. Vir Angeklagte, am 10. Juli 1872 zu Lengenfeld gebttMr, ist unbestraft und will sich zuletzt in Giehen al- Agent ernährt haben. Er behauptet heute noch, die Wahrheit beschworen zu haben. Hätte die Frau Pitzer am 10. Juli die fragliche Aeußerung gethan, er hätte sie unbedingt hören rnüffen, aber die Aeußerung hat ganz ander- gelautet und enthielt nicht die fragliche Beleidigung des GroßherzogS. Der Angeklagte will die ganzen Vorgänge deS Streite-, die sich auf dem Flur de- Haufe- abfpirlten, beobachtet haben. Er will zu Anfang im dritten Stock gestanden haben, fei dann nach dem Hof gegangen und zwar al- eine Pause im Streit eingetreten war - a'.s Rothe nun wieder zum dritten Stock hinaus gewollt und vom Hof in den Hau-flur getreten gewesen, da seien dle Worte gefallen, die eine MasestätS- deleidtgung enthalten sollen. Der Angeklagte will sogar in den Streit mit eingrsprochen haben. Nach Beendigung der Affatre sei er in den dritten Stock zur Frau Hau- gegangen, um seinen Geburt-tag in angenehmer Gesellschaft zu verleben, e- seien verschiedene Personen zur Frau Hau- gekommen, die noch als Zeugen vernommen werden. Der Maurergeselle Konrad Wachester von Alten» Buseck bekundet, daß er am 10. Juli 1895, dem Tage de- Jugendfeste-, gegen 7 Uhr in der Kratzenberger'schen Wirth» schäft gewesen, den ganzen Streit der beiden Frauen mit angehört, der theilweise in und außerhalb der Wirthschast ftattgefunden. Der Zeuge erklärt, auf da- Allerb'stimmteste gehört zu haben, daß von der Pitzer Ehefrau die MajestätS» beleidigung gefallen. Gesehen hat der Zeuge die Frau Pitzer nicht, sie stand im Hau-flur, aber die THÜre der Wirihß» stube nach dem Hau-flur war offen, sodaß man jedes Wort hören konnte. Frau Kratzenberger konnte man vorn Wirth«» zimmer au- stehen sehen. Der Zeuge will zweimal, während der Zeit er in der Kratzrnberger'ichen Wirthschast gewesen, nach dem Hos gegangen sein, er habe den Rothe aber draußen nicht gesehen; gegen 9 Uhr hat der Zeuge seine- Erinnern« dte Wirthschast verlaffen. Der Zeuge erklärt aus Befragen, die Frau Kratzenberger sei, al« die Pitzer die Arußerung gethan, in die Stube zurückgekehrt und hat gefragt: habt ihr die MajestätSbeleidigung gehört? und dazu gesetzt: ich «erde sie anzeigen. — Heinrich Becker HI. von Gießen war ebenfalls bei dem Vorfall zugegen und deponirt, daß die schmutzige Aeußerung der Pitzer wirklich gefallen und in Bezug auf den Großherzog gethan ist. Er hat die Aeußerung selber gehört, gesehen hat er die Frau Pitzer nicht, al« sie die Worte gebraucht, aber die WinhSstubenthür stand offen, sodaß man jeden Laut von draußen hören mußte. Der Zeuge hat den Rothe nicht gesehen, weder in der Wirthschast noch auf dem Hof, den er nach dem Vorfall betreten hat, ehe er nach Hause ging. Don den Gästen war an dem Abend Niemand betrunken, al- die MajestätSbeleidigung fiel. — Der Tapezier FeldhauS deponirt als Zeuge, nachdem er vom Vorsitzenden vor seiner Vereidigung streng zur Wahrheit ermahnt, er sei am Abend des Jugendfestes ebenfalls als Gast in der Kratzenberger'schen Wirthschast gewesen. Auch der Pitzer'sche Ehemann habe dort sein Bier getrunken, da sei deffen Ehefrau in die Wirthschafl gekommen und habe vor ihren Mann einen Zahlungsbefehl hingelegt. AuS diesem Anlaß fei der Streit der Frauen Pitzer und Kratzenberger entstanden und am Schluß habe die^Pitzer eine MajestätSbeleidigung ausgesprochen, die dieser Zeuge aber anders präcisirt als die Vorzeugen, er gibt aber die Möglichkeit zu, daß die Aeußerung auch so gelautet haben kann, wie Wachester und Becker angeben. — Der Wirth Kratzenberger bezeugt, daß die schmutzige Bemerkung gegen den Landesherrn von der Pitzer gesallen sei, allerdings gibt der Zeuge zu, sie könne auch anders gelautet haben wie er angebe. Rothe sei tagsüber nicht bet ihm in der Wirthschast gewesen, er habe denselben jedoch NachtS zwischen 12 und 2 Uhr gesehen, da habe er noch 10 Gla« Bier bet thm getrunken. Die Zeche ist, da er sie nicht bezahlte, angekreidet worden. Der An» geklagte habe ihn, so erzählt der Zeuge, mit 28 Mark an» gepumpt und nicht bezahlt. Auf Vorhalt 'deS Vertheidiger« präctstrt der Zeuge feine Angabe dahin, daß Rothe von ihm in seiner WirthSftube nicht gesehen sei am Nachmittag deS JugendsesteS. — Die Frau Kratzenberger bekundet auf das Bestimmteste, daß die Aeußerung der Pitzer die Beleidigung deS Großherzogs enthalten habe. Sie bestreitet entschieden, den Rothe um 6 Uhr oder sonst am Tage des 10. Juli gesehen oder gesprochen zu haben. Die Zeugin gibt übereinstimmend mit ihrem Ehemann an, daß sie am 9. Juli mit demselben Abends auf dem Turnfestplatz gewesen und da sei auch der Angeklagte dabei gewesen. Sie sagt ferner auS, daß, wenn Rothe am 10. Juli an der Treppe im Hau-flur ihres Hauses während deS Vorfalles gestanden und mit dreingeredet haben will, wie er angibt, dann hätte sie ihn doch sehen rnüffen. Feuilleton. vss Donaowribchkn. Von Ernst Lenbach. (2. Fortsetzung.) Da «einer Ecke deS Zimmers stand ein alte« Tafelclavier, mit t bwiitzwerk bescheiden geziert, darüber hing hinter Gla« unbu lahmen ein ungeheurer Lorveerkranz, ganz vertrocknet, mit a mr hervorragend geschmacklosen Schleife, welche in ver- gilbciütt Aufdruck den Namen irgend eine« kleinstädtischen - es i«: ereinS trug — jedensallS eine ruhmvolle Erinnerung aulii lim Künstlerleben des seligen Herrn Metzle. Auch ein BÜöMcstt war da, mit einem Gesangbuch, einigen Bänden SchM, UhlandS Gedichten und etlichen Kalendern, und FrajmEutzle selber war eben bei meinem Eintritt mit Lesen besckWzl: in einem gelb broschirten Büchlein, welches sie bei metwnr Eintritt etwas verwirrt bei Seite legte. B ich ihr die Beranlaffung meines Besuche« sagte, wuridtiüi! sehr gerührt und entwickelte nun allerdings eine trftaUEiiGke Lust zu reden, — natürlich nur von ihrem Votzcht Max. ,Lihen Sie/ erzählte sie unter Anderem, „an dem CHaMiOa machte er sich schon immer zu schaffen, al« er !am»tiur die Tasten wegsehen konnte. Ra, und da hab ich benr» Hitler in (Sötte« Namen angefangen, ihm beizubriogen, tca&d i wußte, aber viel war« ja nicht. Und eines Tage«, da siU: mich der Junge so mit einem langen, verträumten Blicaflh, wie er e« immer that, wenn er mit einer Frage nich-jitichit fertig werden konnte, und fragt mich schließlich: JWItari, list das auch die richtige Musik, wa« Du mir zeigst?" Ich Witt, ich sollt in den Erdboden versinken, wie lch das börtiiim'ib zunächst hab ich ihn denn auch gründlich herunter» ßtmiaxi:. Aber hernach, in der Nacht, da könnt ich nicht ein» schlcM:r:or Sinnen und Zweifeln und immer klang eß mir Im SOn nach mit der Stimme von meinem Jungen: Ist das auch» >i nichtige Musik? Bis ich mir dann schließlich ein mir selber faßte und sagte: Nein, baß ist nicht bte iinüilgie, aber nun will ich ihn zu einem Lehrer thun, der ihm ii ü nichtige beibringen kann. Und da hab ich mir bann auch gleich einen ordentlichen genommen, sie sagten, eß sei der beste hier in der Stabt, unb olß er mir sagte, waß er für bte Stunde verlangte, da wäre mir doch beinahe baß Herz in bie Schuhe gefallen. Aber ich faßte mich noch unb sagte zu mir: Schäm Dich, Lisbeth, wenn eß auch theuer ist, ist'S doch für den Max, unb ich dachte, geb ich mir Mühe, ein Dutzend Kunden zum Aufspielen mehr zu bekommen, unb fitz' im Sommer, wo eß ja doch früh hell wirb, ein paar Stunben früher an ber Arbeit, so wtrdß schon langen. Unb so ging benn der Max zu dem Herrn Profeffor und daheim da übte er an dem Clavier dort. Eß dauerte aber nicht lange, da hab ich aufgehört, selber noch mal darauf zu spielen, vordem hatte ich« wohl so ab und zu gern ein Stündchen gethan, — nicht meine Tänze, wissen Sie, die hab ich in den Fingern, aber so ein Lied, wie ich « in der Jugend ge» hört unb ge'nngen, ober etwa einen Choral, und da« war mir doch immer eine rechte Erquickung- nun hab ich ß aber gelaffen, denn ich dachte, der Max soll nichts so Stümperigeß hören, daß könnt ihm schaden, und wer weiß, am Ende verdirbt eß auch daß Clavier, und da« muß doch im Stande bleiben für ihn. Nach einer guten Zeit kommt aber eineß Tageß ber Herr Profeffor unb sagt, ein Talent wie mein Max, baß bürfe nicht verkümmern, der müffe sich ganz der Kunst weihen- und wenn ich wolle, fo könne er ihm einen halben Freiplatz an einem öonferbatorium besorgen, ich solle dem Glücke meineß Kindeß nicht im Wege stehen. Da ruf ich den Max unb sag ihm: Wie ist daß, mein Junge, willst Du fort von mir gehen unter fremde Leute? Da sagte er ganz leise: „Mutti, ich möcht bie Kunst außlcrnen." Unb ich hab mich zusammengenommen unb ein halb Jahr darauf ist er fort. Aber hart ungefaßt Huts mich, daß darf ich jetzt wohl sagen, und eß war mir doch so einsam wie nie zuvor, wenn ich hier so saß und dachte, nun ist Dein Junge da draußen in ber Welt- ich meine beinahe, ich hab immer alle Einsamkeit zusammen gesühlt, meine hier und bie seine da draußen unter den sremden Menschen. Und dann —" sie stockte einen Augenblick, bann griff sie plötzlich nach dem kleinen Buche und hielt eß mir hin : „Ach bitte, Herr Doctor, sagen Sie mal, kennen Sie baß Buch und ist daß denn alle« wahr, maß darin steht?" Sie sagte daß mit sehr ängstlicher, saft zitternder Stimme. Ich kannte daß Buch nicht, ober ein paar rasch umblätterte Seiten genüaten, mich Über seine Richtung unb Richtigkeit zu vergewissern. E« war eine jener Schriften, welche unter dem Vorwande wissenschaftlicher Belehrung nur zu oft dazu führen, daß fröhliche Menschen sich in Grübler und Selbfiquäler verwandeln. Die Aufschrift lautete: „Vererbung und Entartung", und zwischen einem Sammelsurium wissenschaftlichen Kehricht« waren wunderlicher Weife auch Ibsens „Gespenster" unb ähnliche finstere Dichtungen al« Belegmittel angeführt. Mir ahnte etwa« von dem Gedankengang, welcher die Behauptungen diese« Buches für Frau Metzle besonder« schrecklich machte. „Daß Buch kenne ich nicht," sagte ich, „ober so viel ich sehe, führt eß Lehren auß, die sich in dieser Schroffheit weder mit der Wissenschaft, noch mit dem Glauben an Gotteß Güte und Barmherzigkeit vertragen. Solchen Lehren gegenüber halte ich für mein Thetl mich lieber an daß große Wort: ,,E« erbt der Eltern Segen, nicht ihr Fluch"." „Daß ist ein schöner Spruch," erwiderte sie nachdenklich, „ber gehört in« Gesangbuch, ich werde ihn mir jedenfall« hineinschreiben. — Ach, wissen Sie," fuhr sie dann nach einer Pause scheinbar ganz unvermittelt fort, „die Leute urtheilen oft doch gar zu streng. Daß ist eben eine schlimme Sache für einen Mann, wenn er Stunden zu geben hat, nun hat er bie eine um neun, die andere um elf, unb immer fo, mit Pausen dazwischen, unb bann bie Lauferei auf dem Pflaster unb baß Sprechen beim Unterricht, daß macht müde unb trocken in ber Kehle unb dann geht eß so, bann —" sie brach wieder kurz ab unb streifte mit einem schnellen, scheuen Blick ben vertrockneten Lorbeerkranz. An ihren Sohn hotte sie mir nichtß mitzugeben olß ihre Grüße. „Vielleicht," meinte sie -ögernb, olß ich mich verabschiedete, „wenn Sie mirß schreiben wollten, wenn Sie etwa in seinem — seinem Befinden etwaß — ettoaß — aber nein, ich weiß, daß würde mein Max mir selber sagen." «Schluß folgt.) Nach der Mittagspause um 31/: Uhr wird all nächste Zeugin die Ehefrau Eva Matern vernommen. Dieselbe hat zufällig im Hofe nebenan gestanden, all der Streit statt- fand,- die Worte fielen laut und bestanden zum Theil in unanständigen Reden, obgleich die Zeugin den Inhalt del Schluffe! de! Zankes genau augeben kann, weist sie nicht! von einer Aeußerung auf den Großherzog. Am nächsten Morgen hat die Frau Kratzenberger der Zeugin gesagt, man könne die Pitzer wegen Majestätsbeleidigung anzeigen.— Die Zeugin Ehefrau Hau! hat zwar den Streit am 10. Juli gehört, auf die Worte aber nicht geachtet. Der Angeklagte war gegen 7 Uhr am 10. Juli bei ihr in der Wohnung, sonst hat Frau Hau! keine Erinnerung mehr, sie glaubt aber nicht, datz Rothe, wie er angtebt, bis Nacht! i/zl2Uhr bet ihr gewesen sei. Der Vorsitzende hält dem Angeklagten vor, daß nach der Aulsage dieser Zeugin, an dem wa! er über den 10. Juli gesagt habe, kein wahre! Wort sei, trotzdem bleibt Rothe dabei, e! sei Alle! so, wie er e! beschworen.— Frau Mühlha uS, in der Steinstraße wohnend, hat von dem Vorfall nicht! gehört, wohl aber habe Frau Pitzer ihr gesagt, daß Frau Kratzenberger diese wegen Majestät!- beletdigung anzeigen wolle. — Anna Kratzenberger, Tochter der Kratzenberger'schen Eheleute, war am 10. Juli nicht zu Hause und weiß bestimmt, daß sie überhaupt nicht in die Wohnung der Frau Hau! gekommen, auch nicht mit Rothe gesprochen hat. Am 9. Juli hat die Zeugin diesen auf dem Festplatz gesehen. Der Angeklagte giebt darauf nähere Detail!, wa! und worüber er mit der Zeugin gesprochen. Diese bestreitet entschieden deffen Angaben. — Crirninalschutzmann Weiß giebt dem Angeklagten ein gute! Zeugniß bis zum Jahre 1894. Er war dann einige Zeit für die Gesellschaft „Electra" al! Verkäufer thütig, er ist dort gekündigt, weil er leichtsinnig private Schulden gemacht hat. Es ist bann mit dem Angekagten schnell berggab gegangen, er hat sich nicht um lohnenden Erwerb gekümmert, er hat unter Beilegung eines falschen Namen! sich vom Schneider Schnell einen Anzug verschafft. Der Schneider Schnell bezeugt, daß er unter dem Namen Becker für Rothe gearbeitet habe, derselbe habe allerding! seine richtige Wohnung angegeben und auch mehrere Male bezahlt, wa! er unter dem Namen Becker geliefert erhalten. Der Zeuge hat dann nie mehr nach dem Namen seine! Kunden gefragt, dieser ist ihm den letztgelieferten Rock schuldig geblieben. — Der Taglöhner Ludwig Pitzer erzählt sehr aulführlich den Vorfall in der Kratzenberger'schen Wirtschaft, er schildert die Episode zwischen seiner Frau und der Wirthin Kratzenberger, was da für Worte gefallen, weiß der Zeuge nicht. Die Aulsage deS Pitzer wird auf Antrag der Anklagebehörde wörtlich niedergeschrieben. — Die Pitzer Ehefrau wird unter Aussetzung der Vereidigung vernommen und bestreitet entschieden, die Majestäts- beletdigung begangen zu haben, sie erzählt die Vorfälle, wie sie sich in der Kratzenberger'schen Wirtschaft abspielten und wie sie sich nachher mit der Wirthin gezankt. — Anna Pitzer, Tochter der Eheleute Pitzer, 15 Jahre alt, schildert die Vorgänge, wie dieselben von der Mutter angegeben und erklärt besonder!, daß die Mutter die Majestätsbeleidigung nicht gethan habe. Am Abend des 10. Juli, kurz vor Be- ginn deS Streit!, sei ein Herr von der dritten Etage des Kratzenberger'schen Hauses herunter gekommen, genau erkannt habe sie denselben in der Dunkelheit auf der Treppe nicht, sie habe aber damals schon gemeint, es sei Rothe gewesen. — Der letzte Zeuge, Schuhmacher Strack, weiß sich auf nichts mehr zu erinnern, er ist zu dieser Zett stark angetrunken gewesen. Auf weitere Zeugenvernehmung wird verzichtet. Der Vorsitzende ertheilt dem Herrn Staatsanwalt Koch wegen der Vereidigung der Zeugin Pitzer da! Wort. Derselbe protestirt gegen deren Vereidigung. Er sowohl, wie die Strafkammer, sind der Meinung, die Zeugin sei der Majestätsbeleidigung schuldig und sie hätte wissen muffen, daß der Angeklagte nicht beschwören konnte, was er beschworen hat, so daß die Zeugin der Beihilfe de! Meineides verdächtig sei. Die Vertheidigung ist entgegengesetzter Meinung. Der Gerichtshof beschließt, die Zeugin Pitzer nicht zu vereidigen, weil sie der Beihilfe be! hier in Frage tommenben Verbrechens verdächtig. Die an die Geschworenen gerichtete Schuldfrage ist vom Gerichtshof dahin gestellt: Ist der Angeklagte Rothe schuldig, am 6. Februar 1896 io der Strafsache Ludwig Pitzer Ehefrau wegen Majestätlbeleidigung vor dem LaodgerichtSrath Seeger unter Eid wiffeutlich falsche Aulsagen gemacht zu haben? Nach einer kurzen Pause, während deffen sich der Zn- Hörerraum mit Menschen gefüllt hatte, beginnen um 7 Uhr Abend! die Plaidoyer! und nimmt Herr Staatsanwalt Koch zur Begründung der Anklage zuerst da! Wort und führt au!, daß die von den Geschworenen zu prüfende Frage im vorliegenden Fall sehr einfach liege. ES drehe sich lediglich darum, hat der Angeklagte am 10. Juli 1895 die Wahrnehmungen, die er am 6. Februar 1896 vor dem Land- gerichtsrath Seeger eidlich deponirt hat, auch wirklich gemacht ober ist bte! nicht geschehen. Wenn dies letztere durch die Verhandlung dargethau, so hat der Angeklagte einen Meineid geleistet und die Geschworenen haben die an sie gerichtete Schuldfrage zu bejahen. Herr Rechtsanwalt Grünewald führt den Geschworenen vor, daß sie nicht zu prüfen haben, ob sein Client etwa heute hier, ober vor dem Untersuchungsrichter ober sonst wo gelogen habe, e! handelt sich nur darum, ob Rothe am 6. Februar Unwahres beschworen habe und da! bestreite er ganz entschieden. Der Angeklagte habe nach dem Protokoll damal! im Februar gesagt, er habe unten gestanden, die Pitzer oben und die Kratzenberger unten, die beiden haben geschimpft, weiter hat er eidlich angegeben, er habe die Majestätlbeleidigung nicht gehört und das Gegentheil hiervon ist heute nicht erwiesen. Der Vertheidiger vertritt den Standpunkt, daß die Staatsbehörde zur Stütze der schweren Anklage mit Zeugen operirt, die keine Prima-Zeugen sind. Menschen, die geleitet werden von gegenseitiger Feindschaft, von Haß, die theilweise an jenem 10. Juli im Bierdusel sich befunden, sie sollen nach dreiviertel Jahren Bekundungen machen und obzwar sich diese Zeugen theilweise widersprechen, will man eine Anklage damit stützen. Die ganze Sache von damals ist dunkel, dunkel besonders, soweit Rothe damit belastet werden soll, was diese Zeugen heute noch von damals au! eigener Wahrnehmung wissen. Neben einem sehr wichtigen Punkt sind sich die Zeugen auch nicht einig, wie denn die schmutzige Aeußerung über den Landelherrn eigentlich gelautet. Der Vertheidiger geht den Belastungszeugen mit der Sonde der Kritik scharf zu Leibe und erklärt, e! gehe entschieden nicht an, au! diesen unzuverlässigen Zeugniffen ein Fundament zu bauen für eine Verurteilung. Der Der- theidiger kommt zu dem Schluß, sein Client habe keinen Meineid geleistet und darum könne man ihn auch wegen de! Verbrechens nicht verurtheilen. Die Plaidoyer! dauerten bis lange nach 10 Uhr. Nach ganz kurzer Rechtsbelehrung und nachdem die Geschworenen kaum 20 Minuten berathen, verkündete der Übmann, Fabrikant Otto Schäfer-Büdingen, den Wahrspruch, der auf Verneinung der Schuldfrage lautete, worauf der Ge- richtshof den Angeklagten freisprach. m*6 pMvtajMkf. A Mainz. 3. Juni. Die heutige, von vielen Seiten mit großer Spannung erwartete außerordentlich e Generalversammlung der Hessischen Ludwigsbahn nahm den leicht vorher absehbaren Verlauf. Angemeldet waren im Ganzen für 52 750 000 Mk. Actieo, von welchen in der Versammlung 47 131 000 Mk. vertreten waren, mithin fehlten zu dem zu der Beschlußfäbigkeit erforderlichen 2/> des Actien- capitalS (111000 000) noch für 22 000 000 Mk. Actien. Die größte Actiengruppe, die durch die Firma Aronl und Walther in Berlin vertreten war, verfügte über 14 Millionen Actien. Als Regierungsvertreter sungirten wie auch bei der jüngsten Generalversammlung Überbaurath Wetz und Finanz- rath Welker. Wegen leichter Erkrankung deS Geh. Commer- zienrath Werner führte der Vicepräsident des Ser* waltungSrathl, Bankdirector Heddrtg den Vorsitz. Im Anschluß an die Erstattung del Vortrags bei Verwaltung!- raths, besten wesentlichen Inhalt wir schon vor einigen Tagen im Auszug mitgetheilt haben, brachte ber Vorsitzende noch folgende nachträgliche Erklärung de! VerwaltungSrath! zur Verlesung, zu welcher Verhandlungen, die nach der Drucklegung deS Vortrag! stattgefunden, die Veranlastung gegeben haben: „Nach den Verhandlungen Un». Zweifel hegen, daß die Regierungen ju tiDt/fr“ Gebote!, wie es den Erwartungen der Actioväre 8 würde, sich nicht eutschließev werden, daß fie ber Ablehnung be! Angebots mit der partitn," ? lichung und den angedrohten Zwanglnahmeo tnr, u den. Wir haben indeffen die Ueberzeugung atBC) C beide Regierungen im Falle einer gütlichen ' auch threrfeit! eine mäßige Aufbesserung bei Erwägung ziehen könnten. Eine Erhöhung bei ; ' Angebote! durch die Bewilligung einer baarm von 20 Mk. pro Sctie und eine Zuweisung von Dividende für da! Jahr 1896 aufl den Betrieb1 diese! Jahres, also außer den im Angebot bn-J” ’ den 87,0/0 eine weitere baare Zuzahlung ‘(’?a 10.50 Mk. pro Sctie, also inlgesammt eine baan..1 von 30.— Mk. pro Sctie, wird da! äußerste fein, welche! bte Gesellschaft im Wege ßntlifrtfe‘r' erreichen kann und e! ist uni Seiten!der Regieruvir- sicht gestellt worben, die Bewilligung bteter Sr^L, wollende Erwägung zu ziehen, fall! der den Vorschlag ber obigen Aufbesserung etnbriig, Vorschlag bte Zustimmung ber Generalversammiua^.'.^ Im Hinblick auf bie großen Nachtheile, welche tn schäft im Falle einer Nichtverstänbigung drohen' ’ der Verwaltunglrath die Annahme bei staatliche- unb ber Bebiogung ber eben bezeichneten Aystesimä» In die DtScussion etntretenb, theilt Dr. BiuauT!, Hamburg nicht bte von der Verwaltung geäußert» g*, tungen, indem er bie von ber Regierung u gestellte Maßnahmen all unburchführbare Drohun-n • Unter häufigem Beifall bei längeren die erörternb, räch Dr. ©lumenfelb entschieden Vir Annahme be! Regierunglangebotl und zwar aut r ; kleinen Ausbesserung, bie bte Verwaltung in de» ote gebeuteten Vorschlag zu erreichen hofft, ab. bte ttie Sinn spricht sich Dr. Löwenthal - Frankfurt aus, lr: lebhafter Zustimmung au! ber Versammlung dtt □ aufforbert, bei bem Bunbelrath unb dem Retchrrnrrr^ amt gegen bie Vergewaltigung unb angtdrohte 8 gelte, gegen bte Privatbahnen vorzugehtn. I» ^,3 glaubt der Vorsitzende, daß die von genannten Ben,-.,- anempfohlene Haltung bedenklich sei, indem er die Utbqa^. t gewonnen, daß die Regierung, unbekümmert über hnte ihre Absicht durchführen werde. Der Theilhaber der7» AronS L Walther in Berlin brachte sodamt itlztrd Resolution ein: „Die in der heutigen Generalen:am.. vertretene Actionäre erklären wiederholt, daß fit hl v meinsame Anerbieten ber hessischen unb preußisch« «tpenr, al! durchaus ungenügend erachten unb entschieden kiRt.: u finb, dasselbe abzulehnen. Wir fordern daher dievn.r:. .-. 7 Alles aufzubtetev, um eine wesentliche ErhShaoz del »rtt 1 der Regierung zu erwirken und eventuell hx ..1 Beschlußfassung competenteu Generalversammlur^ 1. : breiten." Zu dieser Resolution sprechend, derühn e» v 1 Straßburge r-Frankfurt die Lage der Besitzet gvtt *: Staatspapiere, wobei er daran erinnerte, dah birttiü 1 Pari! eine Conferenz tagte, bei welcher der 8trn:t Deutschland! Gefahr laufe, daß ihm irgevd an 1 mit Beziehung auf bie Ludwiglbahn bemerke, dab »*-*- • in seinem eigenen Lande denselben Diebstahl nah -r ' letztere Bemerkung proteftirte ber 9tegierunglpn:n:?: ■< erregter Weise, dabet die Aeußerung ©tra§bur|nt :' „Unverschämtheit" bezeichnend. Diese! wentgparl«k«m t Wort bei Regierungsvertreters rief in dtt Bct’cct . einen Sturm ber Entrüstung hervor und Bon alle: 'ttc ertönten laute Proteste, untermischt mit nicht seht Htnie haften Complimenten für ben Regierunglvertteter 8« :r schiedenen Seiten würbe in aller Form beantragt, ‘-3 / Wort „Unverschämtheit" zurückgenommen werten t- wozu sich bann auch ber Regierunglvertreter nach emtz« Wiberstrrben verstaub. Nachbern sich der Lturw fi-n ber Vorsitzende erklärt hatte, daß bie Nerval nsß 6 Resolution Walther zuftirnrne, wurde dieselbe »c« einstimmig angenommen. Samstag den 4. Juli, Nachmittaa! 2 Uhr, soll auf dem hiesigen Ortsgericht der dem Karl Lodwig Leid und «arte Leib in Gießen gehörige ideelle Antheil an nachbezeichnetem Grundstück: Flur I Nr. lOM^/too — 180 qm Gras- garten hinter dem Stockhause öffentlich meistbietend versteigert werden. Gießen, den 22. Mai 1896. Großh. OrtSgericht Gießen. ___________I A-: Bogt. 4895 Verdingung. Die Arbeiten und Lieferungen für ein Drehscheiben - Fundament auf Bahnhof Lollar sollen im Wege der öffentlichen Ausschreibung vergeben werden. Die VerdinaungSunterlagen sind gegen post- und gebührenfreie Einsendung von 1 JL durch die unterzeichnete Jnspection -u beziehen bezw. in deren AmtSgebäude, Poststraße 6, Zimmer 26, etnzusehen- . Sröffnunfl der an uns einzureichen- den Offerten, welche geschloffen, gebührens ftei und mit der Aufschrift .Angebot auf die Herstellung eine« Drehscheiben-Funda» ment! auf Bahnhof Lollar" zu versehen sind, erfolgt: Mo« tag den 15. Juni, vormittags 10 Uhr. fufchlagSfrist 3 Wowcn. 5170 rankfurt a. M., ben 28. Mai 1896. König!. Eisenbahn-BetriebS-Jnspection 2. Aedaction ^Holwnlohejches Hafer-Ule hl beste Nahrung für Neugeborene, kleine Kinder und Magenleidende empfohlen durch Tausende Herren Aerito als einzig richHoepZ^äSTurKMhmiirr durch Placateker.^ . Ml Wichtig für Hausfrauen! I Zx Mch-Abslhlag! 28 Rossfleisch per Pfund 20 Pfg. 62oi Neuenweg 33. 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