fahren stimmend angesehen. Gleichzeitig fordere ich hiermit die außerhalb deS Bereinigungsbezirks wohnenden Ausmärker auf, zur Wahrung ihrer Interessen einen im Bereinigungsbezirk wohnenden Bevollmächtigten zu bestellen, da eine wettere besondere Zuschrift im Laufe des Verfahrens nicht mehr erfolgt. Friedberg, den 25. Mai 1895. Der Commissär zur Leitung der Abstimmung: Dr. Göttelmann, 4775 Großh. Kreisamtmann. vermischtes. * Berlin, 28. Mai. AuS Glog au wird gemeldet: Ein gefährlicher Verbrecher, der in den letzten Tagen in der Umgegend der Stadt zahlreiche Einbrüche verübt hat, schoß, als er verhaftet werden sollte, mit einem Revolver auf seine Verfolger. Der Fähnrich Frhr. v. Hammerstein wurde in die Brust getroffen- der Pionier Wiliczak erhielt einen Streifschuß an dem Bein. Nachdem der Verbrecher noch zwei Schüsse abgefeuert hatte, gelang es, ihn zu verhaften. Er gab fich als den Strumpfwirker Franz Woyczak aus Jnowrazlaw aus. ES wird jedoch angenommen, daß diese Angabe falsch ist, da der Verhaftete den Berliner Dialect spricht. Die beiden Verletzten wurden in daS Garnisons- lazareth gebracht. * Kiel, 27. Mat. Die Kesselexplosion auf dem für die Türkei auf der Germaniawerst erbauten Torpedo- Aviso erfolgte um 121/2 Uhr. Das Deck des Schiffes wurde vollständig aufgertssen. Der Dampfer Hollmann wurde vor Kiel zur Hülfeleistung abgesandr und schleppte den Torpedo-Aviso Abends ein; an Bord waren 7 Todte, 2 Schwerverwundete und zahlreiche Leichtverwundete- 10 Schwerverwundete waren nach Eckernförde geschafft worden. Die Todten und Verwundeten gehören sämmtltch- dem Maschtnenpersonal der Germaniawerft an- * der Werft- Director Hagen, der sich an Bord befand, blieb unverletzt. — Die Katastrophe fand um 11 ,/a Uhr bei forcirter Fahrt von einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 23 Knoten statt. Das Schiff ist 75 Meter lang, 9 Meter breit, 5 Meter tief und gleicht dem Aviso Meteor. Die Ursache des Unglücks, ob ein Constructionsfehler oder fehlerhafte Behandlung durch die Bedienungsmannschaft, ist noch unaufgeklärt. Es ist als 12. Martnefahrzeug durch die Germaniawerft für türkische Rechnung gebaut worden. Aus dem Maschinenraum dringt noch jetzt dicker Qualm. Die Bemannung des Schiffes zählte 50 Mann. • Die Kieler Festtage. Vor einigen Tagen erschien in einer Kieler Zeitung ein Inserat, wonach irgend ein Menschenfreund 500 Mark pro Tag und Zimmer verlangte. Dem gegenüber schreibt der städtische WohnungSauSschuß in Kiel: Uns stehen heute noch ca. 5000 Betten und zwar in Privathäusern zur Verfügung. Die Preise sind durchaus ange- meffene. Für 6 bis 8 Mk. pro Nacht und Bett, inclusive Morgenkaffee, find noch sehr gute LogiS erhältlich. Bezügliche Anfragen find an den Vorfitzenden des städtischen WohnungS-AuSschusses, Herrn Stadtrath Wichmann, Kehdenftraße 27, zu richten. Mit den 500 Mark wird eS also wohl „nischt" sein. * Trier, 27. Mai. Gestern wüthete an der Mosel und Saar ein schweres Unwetter, daS in den Fluren großen Schaden anrichtete. Zwischen Cröv und Enkirch a. d. Mosel wurden zwei Kinder vom Blitz erschlagen. Bet Horhausen wurde eine Frau von einem Blitzstrahl gelähmt und ein 18jährigeS Mädchen erschlagen. * Karlsruhe, 28. Mai. In Steinenstadt (Amt Müllheim) hat im Streite der Landwirth Elsässer seinen Sohn erstochen. * Pirmasens, 28. Mai. Wolkenbruch und Hagelwetter haben in der ganzen Westpfalz einen recht bedeutenden Schaden ange^ichtet. * Bern, 28. Mai. Im oberen Lauterbrunnenthal fand gestern Nachmittag ein großer Bergsturz statt, indem eine Felsmaffe sich vom Schwarzen Mönch ablöste. Waldungen wurden mitgerissen und im Thale arge Verwüstungen angerichtet, doch ist, so viel bekannt, kein Verlust an Menschenleben zu beklagen. * Was die Parlamente kosten. Das theuerste Parlament der Welt ist daS französische. Beide Kammern kosten dem Lande weit über 6 Millionen Mark. Dann kommt daS spanische mit einem Kostenaufwande von 1800 000 Mk., daS italienische mit 1 700 000 Mk., daS österreichische mit 1450000 Mk., das englische mit 1450000 Mk., daS belgische mit 750000 Mk., daS portugiesische mit 600000 Mk. Der deutsche Reichstag kostet dem deutschen Volk dagegen nur 400000 Mk. * Die neueste Blüthe im Bierverttieb ist folgendes Inserat im „Berliner Tagebl." : „Eine Brauerei sucht zum Vertrieb ihres Flaschenbieres in der Privatkundschaft gewandte junge Damen auS guter Familie. Offerten :c.* DaS fehlte gerade noch! In den Wirthschaften ermuntern schon längst die Kellnerinnen zum starken Biertrinken, in den Privathäusern sollen nun gewandte junge Damen aus guter Familie daffelbe erreichen. lausen wie bet einem Gebäude, nur schwer mit einem solchen vergleichen. Einen Anhalt gewinnt man für den Vergleich mit Körpern, die wir am Lande zu sehen gewohnt find, aus der Angabe über die Wasserverdrängung, die beim Bau eines Kriegsschiffes berechnet wird und in den amtlichen Liften verzeichnet steht. Bei einem der größten Schiffe von denen, die an der Kieler Flottenparade theilnehmen, dem englischen Thurmschiffe „Royal Sovereign", beträgt die Wafferverdrängung 14,150 Tonnen ä 1000 Kg. Die'Maffe des von diesem englischen Schlachtschiffe verdrängten WafferS würde also einen Raum von ebenso viel Cubtkmetern einnehmen und demnach etwa einem Hause gleichkommen, das bei einer Straßenfront von 30 Meter und bet 10 Meter Tiefe 47 Meter hoch wäre, so daß fich also bequem acht bis neun Stockwerke in demselben etnrichten ließen. Nun gibt aber die Wasserverdrängung immerhin nur den Körperinhalt des eingetauchten Theiles deS SchiffSrumpfes, während der über Wasser liegende je nach der Form und der Bestimmung deS Fahrzeuges ein halb oder auch nochmal so groß ist, wie der Theil unterhalb der Wafferlinie. Um so viel wäre also die Raumgröße unseres neunstöckigen Hauses noch zu erhöhen, d. h. es müßten etwa noch fünf bis neun Etagen aufgesetzt werden, wenn wir es an Größe dem berühmten englischen Schlachtschiffe gleichmachen wollten. Genauere Angaben besitzen wir in dieser Beziehung über die Handelsschiffe - bet diesen wird nicht wie bet Kriegs- fahrzeugen die Wafferverdrängung gemesien, sondern der Raumgehalt unter dem obersten Deck. Der größte deutsche Schnelldampfer, zum Beispiel die „Normannta" von der Hamburg • Amerika - Linie, mißt 8716 Register - Tonnen ä 100 Cubiksuß oder rund etwa 24,000 Cubikmeter. Um unser Haus dem inneren Raume dieses Schiffes gleich zu machen, müßten wir es also auf 80 Meter bringen, d. h. etwa 13—14 Stockwerke. Hierbei blieben aber immer noch die Schiffsschale, Kiel und die verschiedenen Decke unberücksichtigt, und um diese unterzubringen, müßte man wohl noch einen recht geräumigen Estrich darüber bauen, auf dem wir die Tausende von Tonnen Eisen, die zu einem solchen schwimmenden Palafte gehören, aufstapeln könnten. An größeren Kriegsschiffen (Torpedoboote, Tender rc. abgerechnet) werden etwa 53 ausländische und 26 deutsche Fahrzeuge anläßlich der Flottenparade in der Kieler Bucht verankert sein. Roh gerechnet wird fich ihr Deplacement inSgesammt auf 400,000 Tonnen belaufen. Wollte man für diese Waffermenge einen Canal bauen, so müßte derselbe, vorausgesetzt, daß man ihm eine Breite von 10 Metern und eine Tiefe von 3 Metern gäbe, eine Länge von 13 Kilometern oder zwei deutschen Meilen erhalten. ES ist also nicht zu verwundern, wenn die Kieler Föhrde, trotzdem man sie mit Recht als einen der geräumigsten, nebenbei auch einen der schönsten Kriegshäfen der Erde bezeichnen darf, kaum Platz genug bieten kann, um die ganze Flotte, die sich dort versammelt, unterzubringen, zumal zu diesen Schiffen noch eine ganze Reihe kleinerer Fahrzeuge hinzukommt, wie Torpedoboote, ferner die Hotelichiffe, Vergnügungsdampfer rc., die in unserer Berechnung nicht mit einbegriffen find. Die großen Dimensionen dieser Schiffe, ihre Armirung, der Panzerschutz find Merkmale, die fich dem Auge deS Beobachters schon beim ersten Blick aufdrängen. Anders dagegen verhält eS sich mit der Arbeitsleistung ihrer Maschinen- dieser verdanken die Fahrzeuge daS, was heute den allerwichtigsten Factor in der Kriegsführung ausmacht, ihre Geschwindigkeit. Was bedeuten schwere Geschütze, armdicke Panzer, wenn man den Feind nicht zu einem Gefecht zwingen kann, wenn er es in der Macht hat, einem Rencontre auszuweichen, wenn er es will, wenn er mit seinen flinkeren Fahrzeugen unsere Blockaden durchbrechen kann. Armirung, Panzerschutz und Geschwindigkeit find die drei wichtigsten Grundlagen der Marinetakttk und von diesen dreien steht die Fahrgeschwindigkeit jetzt obenan. (Schluß folgt.) aen. WPe, hoiit. 'armstadt ren Leiden sanft dm ; Unterbliebenen: Mftüdi 1. iche Mittheilung, dch irmutter, ged. Usuer, Mai Mfyniltaßi 4858 1881 3E 102- ndigter irplan itionen G1686#D. I urg, FrietM | Coblenz, W* । dda, StfltiM ankommenden und -eise von aener ich durch die Aw- ien. Mai!8S5. gr Lr. Silb-rmtt 'Gold-Rente ttgiesa 81* R«. 12« Der Hießeirer Anzeiger erscheint täglich, mit Au-nahme des Montags. Die Gießener Js««ikie»Skätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelrgt. Zweites Blatt. Freitag den 31. Mai_______________________ Gießener Anzeiger Kenerat-Anzeiger. ISN --> vierteljähriger ASonnemeulrpreiL» 2 Mark 2u Pfg. mit Vringerlohn. Durch die Poft bezöge« 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Expedition und Dructerei: Schulflratze Kr.7. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblutt für den Aveis Gieren» '■ ' - - ■■ 1 1-------- »-■ " --J1 W, ■■ - ...... .....- —— Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« «Qe Annoncen-Bureaux deS In. und Auslandes nehmen folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Lorm. 10 Uhr. Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. 2lmtlid?cr Theil. Bekanntmachung, betreffend Feldbereinigung in der Gemarkung Bellersheim. Nachdem von dem OrtSvorstand zu Bellersheim der Antrag auf Feldbereinigung der Gemarkung Bellersheim und die Anlage von Zufuhrwegen in den Obstbaumstücken gestellt worden ist, solches von der Großh. Oberen landwirthschaft- lichen Behörde für zulässig erachtet und der Unterzeichnete zum Commiffäc zur Leitung der Abstimmung ernannt worden ist, so wird hiermit Tagfahrt zur Abstimmung der betheiligten Grundeigenthümer über den erwähnten Antrag auf Samstag den 15. Juni 1895, Vormittags 10 Uhr, in das Gemeindehaus zu Bellersheim bestimmt. Diejenigen betheiligten Grundbesitzer, welche in der anberaumten Abstimmungstagfahrt weder persönlich noch durch gehörig Bevollmächtigte abstimmen, werden als für daS Verfahren stimmend angesehen. Gleichzeitig fordere ich hiermit die außerhalb deS Bereinigungsbezirks wohnenden AuSmärker auf, zur Wahrung ihrer Jntereffen einen im Bereinigungsbezirk wohnenden Bevollmächtigten zu bestellen, da eine weitere besondere Zuschrift im Lause des Verfahrens nicht mehr erfolgt. Friedberg, den 25. Mai 1895. Der Commissär zur Leitung der Abstimmung: Dr. Göttelmann, 4774 Großh. Kreisamtmann. Bekmmtmachnng, betreffend Feldbereinizung in der Gemarkung Obbornhofen. Nachdem von dem Ortsvorstand zu Obbornhofen der Antrag auf Feldbereinigung der Gemarkung Obbornhofen uni) die Anlage von Zufuhrwegen in den Obstbaumstücken gestellt worden ist, solches von der Großh. oberen landwirth- schaftlichen Behörde für zulässig erachtet und der Unterzeichnete zum Commiffär zur Leitung der Abstimmung ernannt worden ist, so wird hiermit Tagfahrt zur Abstimmung der betheiligten Grundeigenthümer über den erwähnten Antrag auf Donnerstag den 13. Juni l. I., Vormittags 10 Uhr, in das Gemeindehaus zu Obbornhofen bestimmt. Diejenigen betheiligten Grundbesitzer, welche in der anberaumten AbstimmungStagfahrt weder persönlich noch durch gehörig Bevollmächtigte abstimmen, werden als für daS Der- Feuilleton. Mr Einführung in die Kieler Ftoltenparsde- An hundert Kriegsschiffe sind eS, die um die Mitte des MonatS Juni in der Kieler Föhrde unter den Augen deS Deutschen Kaisers ihre Flaggen entfalten, mit dem Donner ihrer Geschütze die Hohenzollernflagge jalutiren und dem Acte der Eröffnung des Nord Ostsee-Canals, unseres neuesten deutschen Werkes, das Gepräge einer Weltfeier verleihen verden, wie sie großartiger in der Marinegeschichte nicht ver- j ichnet steht. Wer die See und das Seeleben nur aus Büchern kennt, ter niemals einen Blick in den complicirten Mechanismus riaes Kriegsschiffes gethan, der wird sich kaum eine Vor- ^-llung davon machen können, welch großartigen Anblick eine ielche Flottenparade, zu der alle bedeutenden Seemächte der Belt ihre stolzesten Schiffe entsenden, bieten wird. Wohl find in früheren Tagen Flotten ausgerüstet worden inb in Action getreten, die an Zahl der Schiffe der in mserem deutschen KriegShafen fich einfindenden gleichkamen, die Armada bestand aus 130 Schiffen und ebenso viele Mte das Geschwader, das die Engländer der unüberwtnd- lchen Flotte entgegensetzten, aber würden wir heute all diese Krhrzeuge neben den modernen Stahlriesen sehen, wie winzig rußten fie uns erscheinen, wie unbeholfen und harmlos, nvtzdem fie mit Kanonen gespickt und mit Mannschaften voll- zkpßropst waren. Wenn der Leser im Binnenlande fich die Größe eines rchuffes klar zu machen sucht, so verfällt er unwillkürlich auf im Vergleich mit einem Hause, und er legt sich in Gedanken zurecht, wie sich das Schiff dagegen ausnehmen müßte. Er ttnüt sich, etwa so groß wie ein tüchtiges Haus muß ein rch iff wohl fein, wenn eS wirklich das Monstrum ist, als ^cicchcs es uns geschildert wird. Nun läßt fich zwar ein Zchrzeug, dessen Linien nicht so gerade und regelmäßig ver Kur-rvirthschastliche Winke un- Kathschläye. A «»s Vberhesse«, Ende Mai. LnndwirthschosUiche Umschau «vd Urühfotzr-detrachinnge« eine» oberhesfische« Landwirth». Wenn wir im 1895er Wonnemonat Mat durch Wiesen, Flur und Wald schreiten, lacht einem daS Herz und die in den letzten Jahren so oft getäuschte Hoffnung wagt sich, zwar immer noch bescheiden und schüchtern, hervor: eS wird befier werden. Ein langer, kalter Winter liegt hinter uns, der Menschen und Thiere hart drückte. Der Monat April förderte die landwirthschaftltchen Arbeiten nicht in der Weise wie frühere Jahre; erst der Mai half die Schwierigkeiten überwinden. Langsam, man kann fast sagen vorsichtig, aber stetig, rückte die Vegetation voran, den Satz beweisend, daß die sogmanntm fpätm Frühjahre für unsere Breitegrade die besten sind. Sämmtliche Halmfrüchte, sowohl Sommer- wie Wintergetreide, sehen schön auS und versprechen gute Erträge. Die Kleefelder, Luzerne und deutscher Klee, stehen ungemein befriedigend. Die Wiesen hatten sehr bedeutende Wtnterseuchtigkeit und eine schützende Schneedecke während der strengen Kälte. DaS kommt dem Graswuchse zu gute; wir werdm in Menge und Güte auf eine schöne Heuernte rechnen können. Selbst Obst gibt eS, wenn auch in nicht großen Quantitäten; daS ist sehr begreiflich nach den großen Obsternten der Jahre 1893 und 1894. ES ist auch gut, daß es nicht soviel gibt, damit sich die Bäume nicht erschöpfen. Der umsichtige Landwirth darf nicht vergessen, grade dieses Jahr seine Bäume mit verdünnter Jauche rechtzeitig zu düngen, besonders da wo die Bäume wieder reich beladen sind. Das Setzen der Kartoffeln, insonderheit der Spätsortm, war durch warmes sonniges Wetter begünstigt; die Frühsorten sind aufgegangen und schreiten hübsch voran. Die Zuckerrüben liefen recht gut auf und werden bereits behackt. Hinsichtlich der Viehzucht muß hervorgehoben werden, daß überall ein reger Eifer herrscht, auf diesem ungemein wichtigen Gebiete der Landwtrthschaft Vorzügliches zu leisten. Verwaltungsbehörden, Vereine, Genoffenschaften und Private wetteifern miteinander in der Beschaffung vorzüglicher Viehraffen, in der Erhaltung und Veredlung des einheimischen trefflichen Materials. Zuchtgmoffm- schasten, Herdbuchgrsellschaften, Körcommisfionen, DiehauSstellungen, Prämittungm rütteln auch den trägen Langschläfer auf; eS ist eine Freude, die Bestrebungen und ihre guten Wirkungen zu verfolgen, besonders für den älteren Landwirth, der sich um vierzig und mehr Jahre in der Praxis zurückerinnert und daher weiß, waS einstmals in den fünfziger und was jetzt in den neunziger Jahren geschah oder geschieht. Gleicher Eifer herrscht in der Beschaffung trefflicher Saatfrüchte, ausgezeichneter Obstsorten und rationeller Dungmittel. Die Zusammenlegung der Grundstücke, die Drainirung nasser Fluren, die Anlegung zweckmäßiger Kreisstraßen, die Erbauung von Nebenbahnen schreiten unaufhaltsam vorwärts. Die Errichtung von land- wirthschaftlichen, gewerblichen und höheren Bürgerschulen findet unausgesetzte Förderung; das Wiffen und Könnm der Bürger- und Bauerntschter wird in geeigneten Anstalten zu fördern gesucht. Frauenvereine sorgen für Unterweisung der Mädchen im Kochen, Flicken und Stricken. Der Staat stellt bedeutende Mittel für Hoch- und Mittelschulen, für Kunst-, Eisenbahn- und Brückmbauten parat. Die vielgeschmähte Arbeiterschutzgesetzgebung hat schon unendlich viel Gutes gewirkt und kann durch weiteren Ausbau noch vervollkommnet werden. Ein solches Wirken, Walten, Werden und Streben, wie eS in den neunziger Jahren des zu Ende gehenden SSculums in die Erscheinung tritt, war noch niemals dagewesen und müßte eine ein- müthige, freudige, hoffnungsreiche Stimmung erzeugen. Statt dessen zeigt das zu Ende gehende Jahrhundert ein greifen« hafteS, vergrämtes, todtmüdes Antlitz! Woher mag das kommen? Zunächst daher, daß .feit einigen Jahren und »war feit dem Tode Kaiser Wilhelms I. ein deutlicher Rückgang bet der deutschen Nation zu erkennen ist. Wir stehen nicht mehr auf der Höhe im Rathe der Völker wie damals. Die HuldtgungSzüge nach Friedrichsruh seit Anfang April zeigen in eigentümlicher Weise diesen Gedanken, obgleich er nicht ausgesprochen wurde. Ein anderer Grund ist die Unstätigkeit und das Hin- und Herschwankm in der hohen Politik, womit die Zerklüftung und Zer- 'ahrenheil in dm Parteim Hand in Hand zu gehen scheint. Andere große Nationm habm in der Regel zwei große Parteim. Wir Deutsche müssm gleich ein Dutzend haben und wenn eS so fortgeht, wie e8 im letzten Decennium der Fall gewesm, ist es nicht unmöglich, daß wir nach einer Reihe von Jahrm ebmso viele Parteim und Parteichm habm, als Deutschland zur Zeit des Reichsdcputations« Hauptschluffes Staaten und Stätchm besaß, Gott sei's geklagt! Ein dritter Grund, daß e» in unserer Zeit so saft- und kraftlos, vergrämt und greisenhaft auSschaut, ist die frühreife, blasirte Jogmd. Für Lehrm und Lernm sind die trefflichstm Anstaltm geschaffm; schon in der Volksschule werdm Physik, Chemie und Stereometrie gelehrt und der Dolksschullehrer muß ein Polyhistor fein, well er in einer Maffe von DiSciplinm unterrichten soll. DaS maffmartiga Wiffen steigt dm jungen Lmtm in die Köpfe, aber in Herz und Gemüth sieht eS öde und traurig auS. Es ist etwas gar schönes um unsere humane Gesetzgebung, aber daß Subordination und Dis- ctplin darunter schwer leiden, kann doch kein vernünftiger Mensch leugnen. Unsere Heranwachsende Jugmd versteht daher die Segnung« der humanen Gesetzgebung falsch und die meistm EUern wiffm ebenfalls noch keinm richtigen Gebrauch davon zu machen. Man lächelt zuweilen über die Altm, wenn sie behauptm: nur in ihrer Jugendzeit fei es schön gewesm und schreibt derartige In» fichten der Unfähigkeit zu, sich tat Alter in die Zeit der jetzig« Jugend versetzen zu könnm. Daran ist manches Wahre, sticht geleugnet aber kann werden, daß unsere heranwachsmde Jugmd vielfach kraft- und saftlos, frühreif und genußsüchtig, blafirt und geckenhaft ist. Die vielgerühmte Schneidigkeit unserer Jugmd tftte den meisten Fällen nichts als .'affmmäßige Geziertheit und Gigerl» thum. So war es vor einem Menschenalter bet Weitem nicht und wir sind der festen Ueberzeugung, daß es auch nicht so bleib« wird. Jeder brave deutsche Mann wirke an seinem Theile dahin, daß diese Auswüchse beseitigt werdm. (Schluß folgt.) 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