189» Sonntag den 16 Juni Nr 139 Zweites Blatt Vierteljähriger AintS- unfc Zlnzeigeblcrtt fite den liveto Gieszen x j Avonncmcntsprei»: M 2 Mark 20 Pfg. mit Schlutzbericht über die vierte V-riammlung der Lairdeskruppe Deutsche» Reich der Internationalen criminalistischen Vereinigung zu Gteßcn vom 5., 6. und 7. Zum 1895. Bringerlohir. Durch dke Post bezogen 2 Mark 50 Pjg. Redaction. Sypebiliou imb Druckerei: Kchutllrahc?lr.7. Fernsprecher bl. Der «hiehener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS AiontagS. Die Gießener Ilamiktenölatter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal bcigelcgt. SchiffrnachrLchten. . - Der Postdampfer „Switzerland" der -'^cb ®t(ahr ,ßi,^ !” Antwerpen ist 'laut Telegramm am 12. Juni wohlbehalten In Philadelvhia angekommen. Meßener Anzeiger KeneralDnzeiger. Alle Annoncen-Burcaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" eut.n-^n. wenn man bei Reformen hätte auf Statistik warten wollen, wir heute noch ständen wo wir vor einem Jah^ausend waren. Also wir können der Statistik den hohen Werth, den ihr unsere Zeit beirnißt, nicht zume sen Selten bringt sie Neues, .meist bestätigt sir nur langst Ausgesprochenes und mit guten Gründen längst Vertheidigte . Allein auch hierin ist sie eine treue Stütze gegenüber den Denkfaulen, denen nicht Gründe, sondern Zahlenbehauptungen imponiren. Die auf wohlerwogene Grunde gestutzte Jnd ividualisirung jedes einzelnen in Betracht kommenden Falles ist erstrebenswerther, als eine auf Jndlvidual- ftQttfttt — die doch immer Beschränkungen unterworfen sein muh und deren Resultate nur zu oft in verfehlten Verallgemeinerungen bestehen - aufgebaute Schablone, die freilich eine bequemeTechnik ermöglicht; und Bequemlichkeit ist ja heute in Allem und Jedem maßgebend. Es sei zum Schlusie noch verstattet, auf einige in ter- essante Punkte der Discussion am ersten Verhandlungstage einzugehen. Es wurde da manch Gutes über einige in den aufgestellten Thesen enthaltene Forderungen gesagt. ES oll der Bettel ja nur bestraft werden, wenn er von ^betts- fähigen" Personen begangen wird. Wann ist Jemand arbeitsunfähig? Man wollte dem Richter dieFähigkeit absprechen, hierüber zu entscheiden, immerhin wurde zugegeben, daß sich btS zu einem gewissen Grade sagen lasse, daß Jemand arbeitsfähig sei. v. Hippel präcisirte seinen Standpunkt dahin,daß der Betreffende unter den herrschenden Verhältnissen im Stande gewesen sein müsse, sich mit seiner Arbeitsleistung ;n ernähren. Es würde sich demnach handeln um einen Not Hst and, in welchem der Bettel ja überhaupt straffrei bleiben soll, bervorgerusen durch die mehr oder minder geschwächte Arbeitskraft des Betreffenden. Allein es mußte coustatirt werden, daß die Frage noch eine zweite Seite habe, daß noch ein zweiter Maßstab gegeben sei. Im Arbeitshause soll gearbeitet werden- welche Arten der Arbeit eignen sich für das Arbeitshaus? Zweifellos nicht alle- was sollen im Str afarbeit Sh aus Beschäftigungen für Invalide, Krüppel rc., wie Dütenkleben, Wergzupsen u. dgl.? Auch der Vorschlag deS Dr. Leppmann ist nicht wohl annehmbar- derselbe empfahl, alle dem Arbeitshause zuzusühren der Anstaltsarzt werde dann schon dafür sorgen, daß die Arbeitsunfähigen ausgeschieden würden. Es roän ba6 eine Verurtheilung zur Strafe ohne Berücksichtigung eines der wesentlichsten Strafausschließungsgründe- cs geht nicht an, erst einen zu verurtheilen und : dann, ohne daß die Urtheilsgrundlage eine Aenderung er- ’ fahren hätte, ihn freizulassen'. Es muß also durchaus an ' demErsorderniß der Arbeitsfähigkeit festgehalten werden und mag daffelbe eventuell unter Zuziehung Sachverständiger festgestellt werden. Weßhalb aber mußten wir zugestehen, ' daß nicht jede Arbeit für das Arbeitshaus geeignet sei? Es hängt das mit einer allgemeineren Frage zusammen, mit der, wie überhaupt unsere Sträflinge zu behandeln seien. Weit entfernt noch von den Zeiten, da die Solidität der Verhältniffe das Verbrechen zu den seltenen Ausnahmen machen wird, doch auch hinaus über die Stufe, wo man seitens des Einzelnen, wie des Staates gegen den Rechtsbrecher nur ungezügelte Rache wollte oder denselben unschädlich machte durch ewige Einsperrung, Gift und Dolch, Galeerenstrafen u. s. w., stehen wir in einer schwierig en Uebergangspertode. Wahrhaft mittelalterlich muthen uns die englischen Verhältnisse an, wonach die Arbeit des RadtretenS in scheußlichster Form herrscht, oder die Enthüllungen, welche der Prozeß zu Aachen über das Ale xian e r - Kl o st er gebracht har. Wir haben schon oben Gelegenheit gehabt, zu erwähnen, welche vor- zü gliche Einrichtungen demgegenüber in unserer Z eilen - straf anstatt Butzbach, wie in den meisten derartigen Strafanstalten Deutschlands, bestehen. Es ist eine große Errungenschaft unserer Zeit, daß wir uns bemühen, unsere Strafgefangenen so zu behandeln, daß sie in die Freiheit mit einem ziemlichen Maße körperlicher und geistiger Kraft und mit einer gewissen befriedigten Ge- müthsstimmung hineintreten. Daran darf nicht gerüttelt werden. Jeder Mensch vermag nur bei einem gewissen Grade befriedigter Lebensansprüche ein anständiger Kerl zu bleiben. Seien wir doch keine Pharisäers: Nur ganz aus- uahmsweisen Menschen wohnt bei völliger geistiger Einsicht in die unbefriedigenden LebenSverhältniffe eine solche sittliche Kraft inne, daß sie allen Anfechtungen widerstehen. Freilich dürfen an das Leben keine unberechtigten An- sprüche gestellt werden, wie dies in unserer heutigen genußsüchtigen Zeit immerwährend geschieht. Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brod essen! Wie kann man Besserung verlangen, wenn der Consum in solch verkehrte Bahnen geleitet ist, wie heutzutage, wo vielen der Reichthum nur dazu bient, nichts zu lernen unb sich ben Magen und die Gesundheit von Leib und Seele zu verderben? In dieser Hinsicht steht ein weites Feld angestrengter Arbeit offen- auch in unseren Gefangenen, anstalten ist da manches noch zu bessern. Die bloßen Genußmittel, wie Kaffee, Bier u. dgl. muffen gänzlich weaaelassen werden. Der Alkohol ist ja allgemein ein- gestandenermaßen die häufigste Ursache der Verbrechen! Die Gewöhnung läßt auch das Gefühl der E behruna überwinden, zumal wo eö sich um obl«iw wohl zu entbehrende Dinge handelt. Freilich, den Fehler, den man unseren Anstalten zum Vorwurf macht, daß der Spitzbube sich wohler darin befindet, als der ehrliche, redliche Arbeiter draußen, — der Fehler haftet e g an unseren üblen socialen Zuständen, die solches möglich machen. Wir wollen eö hier nochmals betoneis, das Str s reckt dars nur die ultima ratio sein, wo die WohlsahrtS p lege nicht ausreicht, wenn freilich es aUS Politik auch in-weiterem Umfange angewandt werden muß. Wir haben nun Spitzbuben, die^es lediglich gründlich abzuschrecken gilt, und ihnengegenüber begrüß wir die These 7 v. Hippels, nach welcher gegen sie Halt strafennicht unter einer Woche mit Strafschärfungen rote hort-s Lager, Kostlchmalerung, W-N-r und Brod, ausgesprochen werden sollen. Und wir freuen uns, daß Herr vr. Leppmann der Kostschmalerung da« Wort sprach. Selbst bei der genügenden Menge und Gllte des bloßen Brodes ist hart- Arbeit durchau« möglich, man denke doch nur an die Genugsamkett Italtenischer Erd arbeiter oder der japanischen und chinesischen Kulis,dee mit -in wenig Polenta und R-i« durchaus »uft'-d-n sind und ganz erhebliche Aib-itsl-isiung-n haben. Dt-Unl-r- -rnührung findet h-ut- gerade auch da statt, w° °w'g Reizmittel an der Tagesordnung sind, fomte be»ermtethcn. 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