Nr. 268 Zweites Blatt. Donnerstag de» 14. November 189» Drr chl-z-ner Anreger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener W«miltenVtLller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Gießener Anzeiger Keneral-Wnzeiger. Bierteljähriger Avonaementsprel»» 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Psg. Redaction, Expedition und Druckerei: Kchulstraße Fernsprecher 51. Jlmbo und Anzeiseblntt für den lints Gieren. 1g'— - ■■ — Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr. Hratisöeikage: chießener Jamitienblätter All: Annoncen-Lureaux deS In« und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. N AtKt» In'8 Uf,t Diversität- ?oi«, :9ime"t 31o. 26 r I 1 Mts., al (Safe 8nb) ^Borstaod. ne inne empfohlen, andt: Main phon 2362. ith. n Pelikan“ »er. ?emünä 8348 i MN Ä > Wi bet 84/ Jlänner, welche rotba Rechts gehen. Bürger vorgeschlagen t. !meister. 1885. 837| UbettcaU »J Wtt 2531 88 01 wc9n 18821)01,8 itsnb. OA. jS >bl bericht ft Giesse"- 1895. n. jnf 308. 2O6-3J oooöj OlO-Oj 00.08 ($8 Ausfuhrhandel und Auswanderung. Es wäre wohl eine der glücklichsten Lösungen einer handelspolitischen und colonialpolitischen Aufgabe, wenn die immerhin noch sehr beträchtliche Auswanderung deutscher Srammesgenossen in eine vortheilhafte Beziehung zur Ausfuhr deutscher Jndustrieproducte gebracht werden könnte, denn dann würde sich nicht nur das Absatzgebiet für Deutschlands Industrie vermehren, sondern es würden sich auch bald noch eine Anzahl andere Vortheile für Handel und Verkehr, Land- wirthschaft und Gewerbe durch Steigerung deS Verbrauchs an Lebensmitteln und Rohproducten einstellen. Als Haupt- forderung zur Erreichung dieses Zieles muß die Organisation der deutschen Auswanderung und die Bekämpfung der vom nationalen Standpunkte ganz unglückseligen Zersplitterung und Zerstreuung der Auswanderer angesehen werden. Wenn z. B. noch jetzt ungefähr im Durchschnitt jährlich 60,000 Deutsche auswandern, so zerstreuen sich diese meist in alle Welttheile, verlieren zum größten Theile ihr Deutschthum, und das Mutterland hat von ihnen nichts mehr. Besonders ungünstig ist in dieser Hinsicht die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika und nach den englischen Colontalstaaten Canada, Indien und Australien, denn dort übt die amerikanische und englische Cultur auf den stammverwandten Deutschen eine so große Anziehungskraft aus, daß er meist nur zu bald sein Deutschthum abstreist und aus diesem Grunde, sowie auch in Folge der scharfen Bekämpfung der deutschen Industrie durch England und durch die Vereinigten Staaten von Nordamerika alle wirthschaftlichen Beziehungen zum alten Vaterlande verliert. Dieser für das Deutschthum und das deutsche Reich sehr nachtheilige Zustand würde sich aber bald ändern, wenn die deutsche Auswanderung organisirt und so viel als möglich nach solchen Ländern gelenkt wird, wo die deutsche Cultur hoch angesehen ist und deutsche Jndustrie- probucte gern und ohne den domtnirenden Einfluß der englischen und nordamerikantschen Concurrenz wird gekauft werden. ES find dies die meisten südamertkanischen Länder, wie Chili, Argentinien, Bolivia, Peru und auch Brafilten, ferner auch Mexiko, und bann aber auch die meisten südafrikanischen Colonien, ganz besonders die Buren-Republik Transvaal, die sich so heldeumüthig gegen die Engländer vertheidigt hat und allen Deutschen eine große Sympathie entgegenbringt. Auch -sei erwähnt, daß die Buren holländischer und niederdeutscher Abkunft sind, und in ihren weiten Ländereien nur Viehzucht treiben, daß aber Boden und Klima auch für Ackerbau, Plantagenbau und Bergbau in Folge des Gold- und Kupfer- reichthumS des Landes günstig sind. Es ist dies eine Frage, | welcher der Reichstag und die Colonialvereine ihre Aufmerksamkeit schenken sollten. CocaU» rrnd prwinjkUcf# Gießen, 13 November 1895. Schuldienst-Nachrichten. Am 25. September wurde dem Lehrer an der Gemeindeschule zu Schneppenhausen Georg Keller die Stelle eines Anstaltslehrers an dem Landeszuchthaus Marienschloß übertragen- — an demselben Tage wurde der auf die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ober-Bessingen, Kreis Gießen, präsentirte SchulamtS- aSpirant Carl Erb aus Lich für diese Stelle, bestätigt- — am 2. October wurde der auf die erste Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Nieder-Wetsel, Kr. Friedberg, präsentirte Schulamtsaspirant Heinrich Vogt aus Lich für diese Stelle bestätigt- — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Georg Lortz zu Rothenberg die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Waschenbach, Kreis Darmstadt, — am 5. October wurde dem SchulamtSaspiranten Johann Bauer auS Sonderbach eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Pfeddersheim, Kreis Worms, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Heinrich Dillmann zu Gadernheim eine Lehrerstelle an der evangel. Schule zu Bensheim, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Johannes Eckert zu Lengfeld eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Bauschhetm, Kr. Groß-Gerau, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Otto Hahn zu Bauschheim eine Lehrer- stelle an der Gemeindeschule zu Lengfeld, Kreis Dieburg, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Adam Eckhard zu Ober-Saulheim eine Lehrerftelle an der Gemeindeschule zu Freimersheim, Kr. Alzey, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Philipp Ferbert zu Freimersheim eine Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Ober-Saulheim, Kreis Oppenheim, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Peter Reinhardt zu Busenborn die Lehrerftelle an der Gemetndeschule zu WeiterShain, Kreis Gießen, — am 16. October wurde der Schulamtsaspirantin Anna Hillen brand auS Bensheim eine Lehrerinnenstelle an der Gemetndeschule zu Ftnthen, Kr. Mainz, — an demselben Tage wurde dem SchulamtSaspiranten Peter OchS auS Dom-Dürkhtim eine Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Wolfskehlen, Kr. Groß Gerau, — am 19. October wurde dem Schullehrer Johaon Philipp Bausch zu Asbach eine Lehrerstelle an der evangel. Schule zu Caftel, Kr. Mainz, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Georg Rau zu Bechenheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Kostheim, Kr. Mainz, — an demselben Tage wurde der SchulamtsaSpirantin Katharina Kirn auS Offcnheim eine Lehrerinnenstelle an der Gemeindeschule zu Kostheim, Kreis Mainz, übertragen - — an demselben Tage wurde der auf die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ober Hörgern, Kreis Gießen, präsentirte SchulamtsaSpirant Rudolf Ratz auS Gambach für diese Stelle bestätigt. Laubach, 7. November. Gestern Abend hielt der christlich - sociale Verein für Laubach und Umgegend im Gasthaus zur Traube seine diesjährige Generalversammlung ab, zu der 33 Personen erschienen waren. Herr Dr. Vogel sprach über daS socialdemokratische Agrarprogramm. An der Debatte beteiligten sich noch Se. Erlaucht, der hiesige Herr Graf und Pfarrer Röschen von Freienseen. Auf Anregung Sr. Erlaucht wurde an Herrn Hofprediger Stöcker in Berlin eine Adresse erlassen, deren Inhalt eine Aufmunterung bezweckte, in dem jetzigen schweren Kampfe auS- zuharren. ®r* Die Fabrik des Freiherru v. heyl tu Worms, welche vor einigen Tagen vom Großherzog besichtigt wurde, ist nach dem Kruppschen Werke die größte in Privathänden befindliche in Deutschland. Aus kleinen Anfängen entstanden, beschäftigt sie jetzt in 320 Gebäuden 92 Beamte, kaufmännische und technische, 2536 männliche, 1004 weibliche Arbeiter, zusammen 3632 Personen. Es wird ausschließlich Kalbfell verarbeitet und zwar zu Wichs, Kid-, Glanz- und farbigem Leder- aus den Abfällen kocht man Leim, Gelatin und DegraS, außerdem künstliches Brandsohlleder. Die Fabrikate haben sich, wie man aus den zahlreichen Ehrendiplomen sieht, die ganze Welt erobert, das fcetjl’fäe Leder wird in allen Weltteilen getragen. Das Wohl seiner Arbeiter zu fördern, hat Herr v. Heyl verschiedene Sparkasien errichtet, zunächst eine solche, in welcher Einlagen von 20 Pf. an gemacht werden können, dann eine Pfennig-Sparkasse und schließlich eine solche für jugendliche Arbeiter von 16 bis 23 Jahren. Der Eintritt in diese erfolgt freiwillig- der Eintretende muß sich aber verpflichten, 10 Procent seines Lohnes wöchentlich einzuzahlen. Die Rückzahlung erfolgt, wenn der Einleger das 23. Lebensjahr zurückgelrgt hat, auS der Fabrik scheidet oder sich verhetrathet. Die Einlagen bis 500 Mk. werden mit 5 Procent, von 500 dis 1000 Mk. mit 4 Procent, von 1000 bis 2000 Mk. mit 3*/2 Procent verzinst - der Umsatz ist sehr bedeutend. Dann besteht eine Vorschußkasie, auS Feuilleton. Aschieitsgkbräuchk, Sitten nnb Trachten im Nevumlde und im Kied. (4. Fortsetzung.) Gin Odenwälder Sprichwort sagt: /s ist kaa Hochzig noch so kiaa, Sie bringt noch aa." Dieses Sprichwort findet fich auch in anderen Gegenden und um zu sehen, wer von den jungen, noch nicht verlobten .und verheiratheten HochzeitSgäften bald ben Ehestand treten wird, der beteiligt sich einem Orakel, welches man in folgender Weise veranstaltet: Man verbindet der Braut die Augen, alle unverheirateten, noch nicht ver^ -lobten jungen Damen fassen sich bei den Händen, schließen einen Kreis um die Braut und tanzen nach dem Liede aus Freischütz" : „Wir winden Dir den Jungfernkcanz einen Reigen. Die Braut fängt eine der jungen Damen auS dem Ringelreihen heraus und diese wird die erste sein, welche sich demnächst verlobt, fi° »hält znm HnMaten einen Zweig au« dem Brautkränze. Bei den Herren geht -s ähnlich, nur m t dem Uulerschiede, daß man dem Bräutigam eine weihe Nachtmütze auflett und der aus dem Reigen Gefangene einen Heinen Zweig aus dem Hochzeitsstrauste des Bräutigams empfängt «'n anderes Orakel ist ebenfalls sehr beliebt: die Witte deS TanzfaaleS wird ein kleiner Ttfch gestellt; auf Metern liegen fo viele zufammengerollte Servietten, als ledige, noch nicht verlobte Paare tanzen. Jedes Paar darf eine Serviette vom Tifche hafchen, wenn es an Metern out- üfaeetanit. In einer der Servietten ist ein Biumenstraußchen eingewickelt. Dasjenige Paar, welches die Serviette mit dem Sträußchen haicht, wird fich zuerst verloben. In der Regel tarnen diejenigen jungen Leute den .Jungfernkranz zu< lammen, welche fich heimlich lieben oder eine aufkeimende Zu- »etgung für einander haben. . C4 Neber daS Berheirathen der jungen Leute werden oft fünf bis sechs und mehr Jahre vorher Verabredungen unter den Alten getroffen. Der Vater eines jungen Burschen versäumt nicht, wenn eine Kirchweihe herannaht und der Junge so etwa 17 oder 18 Jahre geworden, zu sagen: „Du, Peter, die Katherine so und so ist ein schön' Mädchen, ordentlich und fleißig, hat so viel Morgen Aecker wie Du und paßt zu Dir. DaS wäre etwas für Dich, Peter!" In den meisten Fällen findet ein solcher Wink gute Ausnahme, denn die Jungen haben ihren Stolz und Kracke! wie die Alten. Reiche Obenwälder und Rtedbauem haben ihre Standes- vorurtheile und wiffen Elemente, die nicht convenircn, sehr von fich fervzuhalten. Sie sehen mit Hochmuth auf Minder- begüterte herab, halten auf Familientcaditionen wie ahnen- stolze Junker und geben ihre Töchter keinem sogenannten Beisaffen. Die Art und Weise, wie im Riede die Verlobungen geschehen und die Hochzeiten gefeiert werden, ver- dient kurz geschildert zu werden. Da, wo die Feierlichkeiten gleich ober ähnlich find wie diejenigen im Odenwalde, gehen wir mit wenigen Worten darüber hinweg. Im Riede wurden die Verlobungen und Hochzeiten nie in der arbeitsreichen Zeit des Jahres, sondern im Winter gefeiert. Gewöhnlich fand im December der Verspruch (auch Weinkauf genannt) und im Januar die Hochzeit statt. Der Verlobungsabend ward zwischen den beiderseitigen Eltern festgesetzt und fast ausschließlich im Hause der Braut abgehalten. Gegen 8 Uhr begab fich der Bräutigam mit den Eltern und den Pathen (die auch in der Rheinebene bei allen Familien- angelegenheiten eine hervorragende Rolle spielen, wie im Odenwalde) in daS Haus der Braut und man fand dort scheinbar die ganze Familie ihrer gewohnten Beschäftigung nachgehend. Der HauSvater empfing die Gäste mit Ernst und Würde, in der Regel mit den Worten: „Ei, des sein jo seltene und fremme Gäft', die muß mr willkumme haaße. WoS is denn Euer Begehr?" Der Pathe, als RespeetSperson und wichtiges Mitglied bei Familienangelegenheiten, trat nun vor und antwortete an Stelle deS Vaters: „Was unser Begehr ist, will ich Euch sagen. Mein Petter (Pathen) N. N. hat sich mit Bewilligung seiner Eltern und meiner entschlossen, in den Stand der Ehe zu treten und hat ein Auge auf Eure Tochter geworfen und da find wir gekommen, um Euch zu fragen, ob Ihr ihn als Tochtermann annehmen und ihm Euer Kind zu seinem ehelichen Gemahl geben wollt." — Der Brautvater spricht daraus einige Worte mit seiner Frau und antwortet folgendermaßen: „Wir haben gegen den N. N. nichts einzuwenden und wollen unsere Tochter rufen, um zu hören, waS fie dazu sagt." Daraus erscheint meistens eine jüngere Schwester ober Verwanbte ber Braut, welche bereu Rolle spielt unb den Bräutigam neckt. Wir sehen hieran unb an ben nach weiter unten folgenben Mittheilungen, wie bie Rheinuserbewohner Neigung unb Anlage zu Scherz unb Kurzweil haben, viel mehr, als bie Odenwälber ober bie Oberheffen. Nach einigen Minuten legt fich ber Pathe ins Mittel unb erklärt: „Hier muß ein Jrrthum obwalten, bas ist bic Rechte nicht." Der Brautvater schickt toieber hinaus unb ruft nach ber gewünschten Braut. Diesmal kommt eine alte, häßliche ober häßlich gekleibete Person- wenn fie ein flinkes Mundwerk hat, ist sie besonders erwünscht. Sie hänselt den Bräutigam und treibt ihn in die Enge, wobei es mitunter etwas realistisch hergeht. Auch jetzt steht der Pathe dem Bräutigam wieder bet, indem er den Plagegeist entfernen hilft unb nach ber richtigen Braut verlangt. Mitunter kommt noch eine Dritte unb Vierte, welche bie heitere Sache sortsetzeu, bis zuletzt bie wahre erscheint: mit rothen Wangen unb bescheidenen, verlegenen Blicken tritt sie herein, wirb allseitig herzlich begrübt, feierlich ft um ihre Zustimmung gefragt unb nun officieß als Braut auf- unb angenommen. Früher war es Sitte, baß ber Bräutigam als Zeichen ber Verlobung ber Braut ein große- Gelbstück, ben BerlobungSthaler, überreichte. (Fortsetzung folgt). welcher Arbeitern zinsfreie Dorschüffe bis 170 Mk. gewährt werden. Aus einer Hinterlassenschaft deS im Jahre 1858 verstorbenen Gründers der Fabrik wurde eine Penfionikaffe gegründet, der Fonds seither stetig vergrößert. Im letzten Jahr wurden 16,100 Mk. Pensionen ohne Beitrag der Arbeiter bezahlt. Aus einer Wittwenkasie, ebenfalls ohne Beitrag der Arbeiter, wurden im letzten Jahre 4210 Mk. auSgezahlt. Dann hat der jetzige Chef ein Capital von 25,000 Mk. gestiftet, das von Beamten und Arbeitern verwaltet wird und woraus Arbeiterfamilien, welche unverschuldet in Rückgang gekommen sind, unterstützt werden. Außer der gesetzlichen Betriebskrankenkaffe besteht eine frei- willige, aus welcher die Versicherten täglich 60 Pf. bis 1 Mk. 25 Pf. auf die Dauer eines Jahres erhalten. Dann existtrr auf dem Werke ein Kindergarten, eine Näh- und eine Kochschule, deren Kosten der Chef trägt- mit der Kochschule Ist eine Speiseanstalt, ein KaffeeauSschank und eine Bierzapferei verbunden, Suppe. Gemüse und Fleisch kosten 18 Pf., Suppe und Gemüse 10 Pf., 4/io Liter Kaffee schwarz 2 Pf., mit Milch 3 Pf., 6/10 Liter Wormser Bier 8 Pf. Da von den Arbeitern etwa 2300 außerhalb WormS wohnen, hat Herr v. Hehl Fahrräder angeschafft. Dieselben werden von den Arbeitern durch Lohnabzüge innerhalb 2 Jahren bezahlt, natürlich ohne ZtnS, die Reparaturen besorgt ein von der Fabrik ausschließlich zu diesem Zwecke bestellter Mechaniker unentgeltlich. 600 Fahrräder find im Gebrauch. Zu den WohlfahrtSeinrichtungen zählt der Berichterstatter der „Köln. Zeitung" e neu von einem Beamten der Fabrik erfundenen Lohnconlroll-Apparat, durch welchen es der Betriebsleitung möglich gemacht ist, wöchentlich endgilrig den Lohn zu zahlen. Ist so für das materielle Wohl der Leute gesorgt, sorgen 4 Badeanstalten mit 52 Brausezellen, 10 Wannenzellen un entgeltlich für die körperliche Reinlichkeit. Aber auch die geistige Wohlfahrt ist berückfichtigt. In einer Lesehalle finden die Arbeiter außer den TageSblättern gute Bücher. Feste werden durch den Instrumental« und Gesangverein, sowie Knabenchor verschönt, die Knaben (etwa 80) erhalten die Stunde Gesangsunterricht 13 Pf., die Kosten für Instrumente, Noten, Local trägt Herr v. Heyl. Mainz. 7. November. Ein eigenartiger Proceß wird in nächster Zeit das hiefige Gericht beschäftigen. Ein Geschäftsmann batte sich bet einem Barbier rafireu taffen und dabei eine leichte Verletzung an der Oberlippe erhalten. Nach wenigen Stunden schwoll die Lippe an und kurze Zeit darauf zeigten sich an ihr sowohl wie an der inzwischen auch angeschwollenen Nase Eiterungen, welche bis zu den Augen dmzogen. Der zur Rede gestellte Barbier erklärte sich zwar sofort bereit, die entstehenden Kurkosten zu bezahlen, allein der Beschädigte gibt sich damit nicht zufrieden und verlangt Schadenersatz, weil nachgewiesen ist, daß die Erkrankung durch einen an dem Rafirmeffer befindlichen Giftstoff in die kleine Wunde an der Oberlippe resp. in den Körper etngeführt wurde. * Düsseldorf, 11. November. Auf daS vom Kunstver- ein für die Rheinlande und Westfalen im Juni d. I. er- lasiene Preisausschreiben zur Herstellung eines großen historischen Wandgemäldes für den neuen Sitzungssaal des RathhauseS zu B o ch u m sowie eines Altarbildes für die neuerbaute evangelische Kirche zu Saargemünd sind 17 bezw. 41 Entwürfe eingeliefert worden. Der Ausschuß beschloß in seiner gestrigen Sitzung, im Einklänge mit dem seitens der Vertreter der Stadt Bochum geäußerten Wunsche, den unter dem Motto „Apotheose" eingereichten Entwurf deS Malers Fritz Neuhaus für den Bochumer Rath- Haussaal ausführen zu laffen. Die Kosten des Gemäldes werden fich auf 18,000 Mk belaufen. Ein Preis von 500 Mk. wurde dem Entwürfe deS Malers Erwin Küsthardt, ein solcher von 300 Mk. dem der Maler Klein-Chevalier und Wendling zuerkannt. Die Ausführung deS Altarbildes für Saargemünd wurde dem Maler W. von Beckerath nach deffen Entwürfe „Lasset die Kindletn zu mir kommen" übertragen, einen Preis von 300 Mk. erhielt der Maler Ernst Pfannschmidt, einen solchen von 200 Mk. Heinrich NüttgenS. In derselben Sitzung wurde zu den Kosten eines Wand« gemäldcS in der Aula des Realgymnasiums zu Duisburg ein Beitrag von 6000 Mk. bewilligt, für die Ausmalung deS Sitzungssaales in dem Kreistag Gebäude zu Burtscheid bet Aachen ein Zuschuß von 10,000 Mk. zur Verfügung gestellt. Der zur Zeit gegen 7000 Mitglieder in ganz Deutschland und im AuSlande zählende Kunstverein für die Rheinlavde und Westfalen hat im Laufe des JahreS Großes für die Hebung der Kunst gethan, insbesondere auch die monumentale Malerei durch Aufträge oder Beisteuerung von namhaften Beträgen bei größeren Schöpfungen gefördert. Erft neuerdings sind wiederum 18,000 Mk. bewilligt worden zur Ausmalung der Aula des Akademiegebäudes zu Münster, während der Staat die gleiche Summe beisteuert, und für die künstlerische Ausschmückung des Sitzungssaales im neuen RathhauS zu Rheydt ist die Berheiligung deS Vereins gleichfalls bereits in Aussicht genommen. Augenblicklich werden unter seiner Leitung der Chor der Liebfrauenkirche zu Trier und der RathhauSsaol zu Düffeldorf auSgemalt. Für beide hat der Verein auS seinen Mitteln namhafte Aufwendungen gemacht. Von den auf der diesjährigen Ausstellung auS den Mitteln des Fonds für öffentliche Zwecke angekauften drei Gemälden wurde das Bild „Aus dem Mühlthal bei Wernigerode" von C. Jrmer (Preis 1500 Mk.) in der gestrigen Ausschußsitzung dem Museum zu Creseld überwiesen, daS von H. Nordenberg „Tischgebet" (Preis 1500 Mk.) der städtischen Gemäldegalerie zu Düffeldorf, daS Aquarell von Prof. Chr. Kröner „Herbstmorgen im ReichSwald" (Preis 1200 Mk.) dem städtischen Suermondt-Museum zu Aachen. Zum Erwerb von Kunstwerken zur Derloosung unter die Mitglieder sind in diesem Jahre rund 42,000 Mk. verausgabt worden, und bekannt ist der ausgezeichnete Stich Kohlscheins nach der im Louvre zu Paris befindlichen Madonna MurilloS, welchen der Verein soeben als Prämienblatt für jedes seiner Mitglieder zur Bertheilung bringt. * Post festum. Eine fatale Geschichte ist dem Vorfitzenden deS KriegervereinS in einem Dorfe in der Nähe von Berlin palsirt. Der Betreffende hatte jüngst feine Sommerhülle mit feinem Winterüberzieher vertauscht. In deffen Brusttasche fand er nun neben anderen Schriftstücken einen Brief. Er öffnete das Schriftstück, welches eine Einladung zur Fahnenweihe von dem Kriegerverein in R. enthielt. Flugs wurden mittels Rundschreibens die Vereins- Mitglieder aufgefordert, sich zu erklären, ob sie an der gemeinsamen Fahrt nach dem Festorte theilnehmeu wollten. Nachdem zustimmende Antworten eingelaufen waren, wurde zum nächsten Morgen der Wagen bestellt. Da entdeckte man noch in letzter Stunde, daß die Festordnung fehlte, und man auch nicht einmal wußte, um welche Zeit die Feier beginnen sollte. ES wurde deshalb telegraphisch bei dem jubilirenden Verein angefragt. Aber anstatt der erbetenen Festordnung traf folgende Rückantwort ein: „Wir freuen uns über die Thetlnahme, bedauern aber, mit dem Gewünschten nicht dienen zu können, da bereits am Festtage selbst alle Programms zur Bertheilung gelangten." Der Vorsitzende machte em etwas verblüfftes Gesicht. Der fragliche Brief mit der Einladung wurde nochmals hervorgeholt und nun das Räth el gelöst. Da stand schwarz auf weiß die Jahreszahl 1894 und nicht 1895. Was doch fo ein Winterpaletot Alles in fich birgt! * Eine Wette. Die von der preußischen Eifenbahnverwaltung jetzt durchgeführte Bahnsteigsperre hat jüngst zu zwei Wetten Veranlaffung gegeben, worüber die „BceSl. Zig." berichtet: Zwei „Reiseonkel" waren in lebhafter Unterhaltung über die neue VerkehrSordnung und deren Bortheile und Nachtheile begriffen, verthetdigten ihren entgegengesetzten Standpunkt mit Eifer und machten schließlich eine Wette, denn Thatsachen beweisen. ES handelte sich bei Austrag derselben um daS Wagniß, eine Eisenbahnreise von 370 km ohne Fahrkarte auSzusühren und zwar wählte man die eine Strecke von K. bis Berlin. Der Anstifter ging als Sieger hervor, denn er löste in K. eine Bahnsteigkarte für 10 Pf. und langte unbehelligt in Berlin an, wo der AuSgang »m Andrange der Reisenden nicht genau überwacht wurde. Weniger glatt verlief die zweite Wette, von Breslau bis G. (Ober- fchltsien) auf eine Fahrkarte für 20 Pf. zu reifen. Auch tn diesem Fall blieb der Thäter unentdeckt. Er meldete sich aber nachträglich, um seine „Ehrlichkeit" durch Nachzahlung deS Fahrpreises an den Tag zu legen. An zuständiger Seite sand man aber die „Reisefreiheit" so wenig zeitgemäß, daß man ihn außerdem noch um die übrigen sechs Mark Strafe erleichterte. • Alte verblaßte handschriftliche Dokumente bieten oft der Entzifferung große Schwierigkeiten, und obgleich er ja chemische Mittel giebt, solche verblaßten Tinten wieder erscheinen zu lasfin, so sind solche doch nicht in allen Fällen anwendbar, und verändern oder verderben oft gänzlich die mitunter so werthvollen Originale. Einen anderen Weg schlägt daher ein Amerikaner ein, der daS Original ganz unberührt läßt, und trotzdem stets gute Resultate erzielt. Derselbe nimmt nämlich daS Document photographisch auf, und nimmt von den erhaltenen, selbstredend kaum eine Spur von Schrift erkennen lastendem Negativ eine ganze Anzahl von Positiven, die als Material dünne, durchsichtige Haut- chrn haben. Diese werden mit den entsprechenden Punkten alle übereinander gelegt und zusammengtpreßt, fo daß die auf jedem einzelnen Positiv befindlichen schwachen Schrift- zeichen beim Durchfallen deS LtchteS durch die aufeinander liegenden Schichten entsprechend ihrer Anzahl dunkler erscheinen, und beim abermaligen Copiren deS ganzen SotzeS em deutliches Negativ ergeben, von dem bann schließlich völlig lesbare Posino-Copieeu genommen werden können Durch dieses finnre che Verfahren werden also die schwachen Schrift züge einer einzelnen Copie in ihrer Transparenz durch die vielen hinter einander befindlichen Filme fo beeinträchtigt, daß dieselben schließlich gar kein Licht mehr durchlaffen und sich Dom Grunde deutlich abheben. (Mitgetheilt vom Inter- nationalen Patentbureau Carl Fr. Reichelt, Berlin NW.) Literatur und lümft — ,3* Untt schon lesen". 6In Lese- und Bilderbuch mit schönen Gedichten und frischen Geschichten für ganz kleine Leser und Leserinnen. Bon Philipp Brunner. 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