Rr. 292 Der -ießencr Aureiger «scheint täglich, mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener W«mllie« ö kälter werde» dem Anzeiger ^vvchentlich dreimal beigclegt. Erstes Blatt. Donnerstag den l2 December Gießener Anzeiger Keneral-Mnzeiger. vierteljähriger ASo«»e«e»t^prei»r 2 Mark 20 Pfg. mit vringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Txpeditio» und Druckerei: Zch»kstraßeAr.7« Fernsprecher 51. Amts- und Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für'den ßalgenden Tag erscheinenden Nummer' bis Bonn. 10 Uhr. Anzeigeblatt für den Ureis Gieren. Hratisöeikage: chießener Jamikienbtätter Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Deutscher Reichstag. 4. Sitzung. Dienstag, den 10. December 1895. Hm Buvdeörarhstische befinden fick: Reichskanzler Fürst Hohenlohe, Reichslchatzsecretär Gras PosndowSky, Freiherr » Marschall, o. Bötticher, Bronsart v. Schellendorf u. A. Nachdem zunächst wieder ein schleuniger Antrag Auer auf Einstellung der gegen die Abgeordneten Horn und Brüh ne schwebenden Strafverfahren angenommen wurde, setzte das Haus die erste Lesung des Etats fort. Abg. Richter (frs. Volksp.): Der Neichsschatzsecrerär suchtt gestern seine Etat^Veranschlagung zu entschuldigen. Er hat dazu auch allen Anlaß, denn an seiner Stelle hat noch Niemand gestanden, der bei der Etat-Veranschlagung so unglücklich war, wie er. Das ergie t sich aus dem Abschluß pro 1894/95 und aus dem bisherigen Orgebnitz pro 1895/96. Für jenes Jahr hat er sich in den Einnahmen um 35 Millionen verrechnet und für das lausende um 67 Millionen. Wären wir ihm gefolgt, so hätten wir also unsere Steuerzahler unnöthtg um 92 Millionen belastet. (Sehr richtig, ltnkS). Der RetchSschatzsecretär hat sich gestern auf die Schablone der Etat- Aufstellung berufen und auf die Möglichkeit ungünstiger Eon- juncluren; aber darauf beruft man sich nicht, wenn es gilt, neue «steuern zu machen. Eine richtige Veranschlagung basirt aber nur auf genauer Kenntniß der Steuerlage (Sehr richtig, links). Die berühmte Ftnanzreform soll einen Automaten schaffen, nicht nur für daS Reich, nein auch die Etnzelstaaten müßten sich dadurch auch noch ihren Plivatautomat schaffen. (Heiterkeit). Redner bespricht hierauf eingehend die einzelnen Etats und betont, daß in den Extraordinarien der Marine und Heeresverwaltung sich eine große Anzahl von eeuen Forderungen befände, über deren Nothwendigkeit noch jeder Aufschluß fehle, insbesondere sollten Kasernen-Neubauten nicht mehr bewilligt werden, ehe nicht eine Uebersicht über die Kasernirung gegeben werde. Des Weiteren verlangt Redner, wie gestern der Abgeordnete Fritzen, Beschleunigung der Reform deS Militärstraf- »ei fahrens und Aufschluß über die vierten Bataillone. Redner gedenkt auch des freisinnigen Antrages zur Regelung deS Vereinsrechts. Der Schutz desselben gegen polizeiliche Maßnahmen sei viel wichtiger für alle Parteien, als alle möglichen Maßnahmen gegen die Soctaldemokratte. Alle Parteien hätten ein Interesse daran, daß ihre politischen Vereinigungen miteinander in Ver» bindung treten können. Wir begehen nächstens die Feier des 25jährigen Bestehens des Reiches, so fährt Redner fort, ich denke, alle Parteien werden diese Feier begeben, aber ein Vergleich der heutigen mit den damaligen Verhältnissen sällt nicht zu Gunsten der heutigen aus, wir haben heute weit mehr Militär und Steuerlasten und eine dadurch verschuldete Beeinträchtigung des Gewerbtz- ledens. Redner wendet sich sodann eingehend gegen die gestrigen Acußerungen des Abg. v. Kardorff zu Gunsten der schutzzollnerischen Handelspolitik. Wahr sei, daß gerade gegenwärtig die Lebenshaltung in Deutschland sich etwas verbessert und die Arbeitslosigkeit abgenommen habe. Aus den Besuch deS Herrn v. Kardorff bei Bismarck zu sprechen kommend, meint Redner, er hätte geglaubt, v. Kardorff bringe von dort ein Programm mit des Inhalts, die Regierungen scharf zu machen (Heiterkeit), davon habe er gestern nichts gemerkt, Kardorff habe nur davon gesprochen, daß er die Einigkeit in der Negierung vermisse, nun, Herr Köller ist ja fort, de mortuis ml ■isi bene. (Heiterkeit). Hierauf kritistrt Richter die einzelnen Punkte der Thronrede und sodann den AntragKanitz, dessen Hauptan'rags- fteller, Hammer stein, freilich fehle und drückt zum Schluß seiner Rede die Hoffnung aus, daß die Regierung die allgemeinen Interessen im Auge behalten und sich von jedweder Unterstützung von Sonderinteressen fernhalten möge. (Beifall links). Reichskanzler Fürst Hohenlohe: Ich bin genöthigt, auf eine Aeußerung des Herrn von Kardorff in der gestrigen Sitzung zurück,ukommen. Er hat der Regierung den Vorwurf des Mangels an Einheitlichkeit gemacht. Ich wundere mich nur, daß ein solcher Mcmn auf das Gerede der Zeitungen eingeht, daß die Minister sich gegenseitig bekriegen. Gegenüber den ZeitungSurtheilen über die Mnheitlichkeit der Regierung kommt es hauptsächlich auf das Ziel und die Richtung an. Ziel und Richtung der Politik finb in dem Programm, mit dem ich im vorigen Jahre mein Amt antrat, fest- «elegt- daran hat sich nichts geändert und die Minister sind nach wie vor damit einverstanden und in keinem Punkte ist eine Abweichung davon erfolgt, ein Mangel an Emheitlichkeit ist aber auf das Gebiet der Legende zu verweisen. Meinungsverschiedenheit«n find überall da vorhanden, wo Menschen sich zu gemeinsamer Arbeit vereinigen. Der Rücktritt des Herrn von Köller ist nicht ausschließlich auf Meinungsverschiedenoetten zu^ickzuführen, er ist veranlaßt durch Mißhelligketten, die sich an Meinungsverschiedenheiten knüpfen. Ich kann aber zu meinem Bedauern nicht sagen, worin diese Mißhelligketten bestanden, nur muß ich bemerken, daß weder die Frage der Maßregel gegen die socialdemokrattschen Vereine Berlins noch auch die anderen genannten Gründen dazu Anlaß gegeben haben, es waren lediglich Mthhelligk iten. Wenn der Regierung Mangel an jeglicher Initiative vorgeworfen wird, so möchte ich > och bemerken, daß eine solche nur möglich ist mit einem Reichstage, der eine geschlossene Mehrheit aufwetst, das ist bis j.tzt bet uns nicht der Fall, wo zahlreiche Jntereffen, die sich geltend machen, den Gang der Regrerung erschweren. Dessen ungeachtet werden wir fortfahren, Ruhe und Ordnung und Woblbabenbeit zu sördern. Wir werden fortfahren, die gegen Staat und Gesellschaft, Religion und Monarchie gerichteten Bestrebungen zu bekämpfen. Ich habe nicht die Ansicht, dem Reichstage ein neues Gesetz vorzulegen zur Bekämpfung d eser Bestrebungen, allein der ruhige Bürger bedarf des Schutzes und ist •9 deshalb nöthig, die bestehenden Gesetze, welche geeignet sind, Ge- sahre» abzuwenden, zur Anwendung kommen zu lassen. (Singer: Aber auch gegen alle Parteien). Wenn sich die socialdemokratifche Partei und Presse darüber beklagt, so mache ich daraus aufmerksam, daß sie selbst daran schuld sind. Die socialdemokratische Partei und Preffe hat in diesem Sommer, wo sich die deutsche Nation an die großen Stege vor 25 Jahren e innerte und mit Stolz ihres ehrwürdigen Kaisers gedachte, diese nationale Bewegung mit Hohn und Spott überschüttet (Zustimmung). Die Socialdemokraten dürfen nicht ve-gessen, daß die Grundsätze, welche in ihrem System liegen, Äommunismus und Atheismus, nicht den Eindruck wiffenschaftlicher Erörte.ungen machen, wir müssen darin eine vaterlandslose Gesinnung sehen. Es giebt bei uns doch noch Gesetz und Gerechtigkeit, wir leben nicht in einem Raubstaate. Wenn wir die Zügel etwas traffer anziehen, so haben wir die Zustimmung weiter Kreise aus U0UrÄ Enneccerus (natl.) empfiehlt, bei den Maßnahmen gegen die Socialdemokratie zu überlegen, ob es nicht geeignet sei, Sympalhteen für diejenigen zu erwirken, die man bekämpfen wolle. Bezüglich des Antrages Kanitz erklärt Redner, die Nationalliberalen feien nicht gewillt, einen dauernden Druck mit den Eollegen heibeizu- führen. welche für dielen Antrag eintreten. Mit der Erklärung des Staalssecretärs von Marschall über die wegen Nordamerika zu beobachtende Stellung ist Redner einverstanden, eine gänzliche Verständigung über die in Frage kommenden Punkte mit Nordamerika sei im Interesse der deutschen Ausfuhr bringend geboten. Sodann wendet sich Redner zu den einzelnen Positionen des EiatS. Bei der Position „Invaliden- und Pensionsfonds" bittet er eine Verstärkung der Bezüge für Wiltwen und Waisen in Betracht zu ziehen. Vor allen Dingen aber sei eine Vereinfachung der Organisation aller Zwangsversicherungs-Einrichtungen nöthig und auch die Frage einer Erhöhung der Gehälter der Landbriefträger sollte ernstlich in Erwägung gezogen werden. Schließlich empfiehlt Redner die Annahme des Bürgerlichen Gesetzbuches, dieses bedeut.nden nationalen Werkes. Staatsminister v. Bötticher erklärt, daß sich die Novelle zum Krankenkassengesetz gut bewähre, eine Novelle zur Unfallversicherung sei ferliggestellt und werde gegenwärtig einer nochmaligen Bearbeitung unterzogen. Auch ein neuer Entwurf für eine Novelle zum Altersund Jnvaliditäts-Versicherungsgesctze sei ausgearbeitet und zunächst den interessirten Arbeitgebern zur Begutachtung übergeben worden. Auf einen Zuruf: Und die Arbeiter? erwidert Bötticher, die Arbeiter werden später gefragt werden Betreffend die Kanalgebühren für den Nordostseekanal hält es Redner für zweckmäßiger, die Regelung der Tarifverhältnisse der Verwaltung des Kanals zu überlasten. Was die vom Abg. Richter behauptete Verhökerung amtlicher Gesetzentwürfe an die Presse betrifft, so müsse er dieselbe so lange bestreiten, als Abg. Richter keine Beweise dafür erbringt. Schluß 5 Uhr. Fortsetzung morgen 12 Uhr. Deutsches ReLch. Berlin, 10. December. Mit der Genehmigung des von dem bisherigen preußischen Minister des Innern von Köller eingereichten Abschiedsgesuches durch den Kaiser und der Ernennung des Regierungspräsidenten in Düsseldorf, Frhrn. v. d. Recke v. d. Horst zum Minister des Innern hat die jüngste partielle MtnisterkrtfiS im führenden Bundesstaate wieder ihren Abschluß gefunden. Ueber die Ursachen deS so unerwartet erfolgten Rücktrittes des Herrn v. Köller sind die Acten tu der Tagesdtscusfion zwar noch immer nicht ganz geschlossen, aber es herrscht wenigstens darin Uebereinstimmung, daß der gewesene Minister aus verschiedenen Gründen eigentlich von Anfang au nicht in das Cabtnet Hohenlohe hineinpaßte und daß er deshalb endlich gehen mußte, falls nicht eine allgemeine Minifter- Krifis entstehen sollte. Zu seinem Nachfolger aber ist keine einzige der vielen in der „Köller-Krisis" in dieser Beziehung genannten Persönlichkeiten berufen worden, sondern ein „Outsider", wie es in der Sportiprache heißt, denn der seitherige Regierungspräsident in Düsseldorf stand auf keiner Sette als Mitconcurrent in der Frage der Neubesetzung des erledigten Mimfterpostens. Nun ist Herr v. d. Recke aber doch zur Leitung des wichtigsten preußischen Mtniftertal refforts berufen worden, man darf also annehmen, daß der Kaiser und der Reichskanzler ihm die zur Ausfüllung dieses hervorragendsten Mmtsterpostens nöihigen Eigenschaften zu> schreiben, obgleich der neue Minister in politischer Hinsicht noch ein „weißes Blatt" darstellt. — Herr v. d. Recke steht gegenwärtig im 49. Lebensjahre, er durchlief rasch die unteren Beamtenstufen der höheren VerwaltungScarriöre und wurde 1880 zum vortragenden Rath in dem damals von Herrn v. Puttkamer geleiteten Ministerium des Innern ernannt. Später erhielt er seine Ernennung zum Regierungspräsidenten in Königsberg und 1888 kam er in gleicher Eigenschaft als Nachfolger Herrn v. Berlepschs, des jetzigen Handelsministers, nach Düsseldorf. — In der bayerischen Abgeordnetenkammer gab es am Montag anläßlich einer Interpellation des Abgeordneten Grillenberger über die Stellung Bayerns zu der neuen Zucker st euer - Vorlage eine größere »Zuckerdebatte". Mlnisterpräsident v. Crailsheim vertheidigte die wesentlichsten Bestimmungen der neuen Vorlage, lehnte aber eine endgiltige Erklärung wegen der in der Sache noch schwebenden Bundesrathsverhandlungen ab. Auch Finanz- Minister Dr. v. Riedel trat für die Zuckerfteuer-Dorlage ein, die dafür aus dem Hause von den Abgeordneten v. Stauffenberg (ltb.), Ratzinger (Bauernd.) und Orterer (Centr.), um so lebhafter bekämpft wurde. — Ueber das Befinden des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin sind aus Cannes in letzter Zeit leider etwas ungünstigere Nachrichten eingegangen, sie besagen, daß der hohe Herr seit dem 2. December das Bett hüten muß. Zur Mitbehandluug der asthmatischen Be- chwerden deS GroßherzogS wurde Specialarzr vr. Brügermann, Kuranstalrs - Director in Jnselbad-Paderborn, nach Cannes berufen. __ Neueste Nachrichten. AolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau. Berlin, 10. December. Der Kaiser fährt am SamStag nach Kiel, wo am Sonntag die Vereidigung der Marine- Rekruten stattfindet. Am Montag Abend erfolgt die Rückkehr nach der Wildparkstation. Berlin, 10. December. Die „Nordd. Allgem. Ztg. hört: Für Berlin ist eine Anordnung beabsichtigt, durch welche den Ladenbesitzern gestattet wird, an den beiden letzten Sonntagen vor Weihnachten die Geschäfts- locale bis 10 Uhr Abends offen zu halten, sofern sie auf die sonst gestatteten GeschäftSstuuden vor Beginn des Haupt- gotteSdienstes verzichten. Berlin, 10. December Der „Reichsanzeiger" meldet: Die Commission für Arbeiterftatistik trat heute unter dem Vorsitze Lohmanns zusammen. Den Verhandlungen wohnten verschiedene RegieruntzScommiffare bei. Auf der Tagesordnung stehen folgende Punkte: Untersuchung der Arbeitszeit, Kündigungsfristen, Lehrlingsverhältniffe im Handelsgewerbe, Arbeitszeit der Getreidemühlen. Berlin, 10. December. Bei der Rothen-Kreuz- Lotterie fielen 50 000 Mk. auf Nr. 96,688, 10,000 Mk. auf Nr. 127,370, 5000 NÜ. auf Nr. 322,358. München, 10. December. Der Münchener Magistrat genehmigte heute, uw den Arbeitslosen möglichst Beschäftigung für die Winterszeit zu verschaffen, für die Ausdehnung des WafferleitungswerkeS über 2 Millionen Mark und für die sofortige Canaltstruug der Claudr Lorrain Straße 175 000 Mk. Wien, 10. December. Eine Petersburger Zuschrift der „Politischen Correspondenz" betont, daß trotz deS aufrichtigsten Wohlwollens der russischen Regierung für die Türkei Rußland, das durchaus zu gemeinsamem Vorgehen mit den anderen Cabineten entschlossen sei, sich genörhigt sehen könnte, sich etwaigen Zwangs maßregeln gegen die Türket anzuschließen, wenn ein fortgesetztes Zaudern des Sultans, den Ferman über die Zulassung der zweiten Stationsschiffe zu ertheilen, die Geduld der Mächte erschöpfen sollte. Eine rasche Sinnesänderung in Konstantinopel sei dringend nöthig, sowohl für die Sicherheit der Türkei, als für die Ruhe Europas. Konstantinopel, 10. December. Meldung des Reuter'schea Bureaus. Said Pascha ist gestern Abend in seine Wohnung zurückgekehrt. DeveiÄa« beS Brrreov ^Herslv*. Berlin, 10. December. Dem Minister v. Köller ist, wie die „Berl. Corresp." meldet, bet seinem Scheiden aus dem Amte folgendes Allerhöchste Handschreiben zugegangen: „Mein lieber Staalsmtntster von Köller! Um Ihnen beim Ausscheiden aus dem Staatsdienste mein fortgesetztes Wohlwollen und meine Anerkennung für Ihre treu geleisteten Dienste zu erkennen zu geben, verleihe ich Ihnen den Rothen Adlerorden 1. Klaffe mit Eichenlaub und der Königlichen Krone und lasse Ihnen die Insignien hierneben zugehen. Ich verbleibe Ihr wohlgeneigter König, (gez.) Wilhelm R. Neues Palais, 8. December 1895. Berlin, 10. December. Der Senioren-Convent des Reichstages trat heute zusammen, um den ArbettS- .plan btS Weihnachten festzusetzeu. Mit der ersten Berathung des Etat hofft man morgen zum Abschluß zu kommen. Alsdann sollen in erster Lesung der Reihe nach erledigt werden: der Gesetzentwurf über den unlauteren Wettbewerb, die Handwerker-Kammern, die Börsenreform und Wirth- schaftsgenossenschaften. DienStag oder Mittwoch nächster Woche soll dann Vertagung eintreten, wahrscheinlich bis zum 7. Januar. Berlin, 10. December. Auch der „Reichsanzeiger" dementirt heute die Nachricht, daß beabsichtigt wäre, zu dem früheren Mäntel tu ch für die Armee zurückzukehren und eine Beschaffung von Mänteln aus grauem Tuch nicht wieder eintreten zu laffen. Berlin, 10. December. Die s ocialisttsche Reichs- tagSfraction wird heute elf Anträge etnbrtngen, und zwar: 1. einen Gesetzentwurf, betreffend die Abänderung deS Reichs-StrafgesetzbucheS, dahingehend, die §§ 95, 97, 99 und 101 deS Strafgesetzbuches find aufzuheven; 2. einen Gesetzentwurf, betreffend die Versammlungen und Vereinigungen und das Recht der Coalitton; 3. der Reichstag wolle beschließen, die verbündeten Regierungen zu ersuchen, dem Reichstage bis zur nächster, Session einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen a. die Errichtung von Gewerbegerichten obligatorisch gemacht, b. die Theilnahme an den Wahlen und die Berufung zu Mitgliedern eines Gewerbegerichts auf weibliche Personen ausgedehnt wird, c. das Wahlrecht und die Wählbarkeit auf das 20. Lebensjahr herabgesetzt wird - 4. der Reichstag wolle beschließen, die verbündeten Regierungen zu ersuchen, dem Reichstage bis zur nächsten Session klnen Gesetzentwurf vorzulegen, wodurch die Arbeitszeit auf täglich 8 Stunden festgesetzt wird,- 5. der Reich-tag wolle beschließen, die verbündeten Regierungen um Vorlegung eines Gesetzentwurfs zu eriuchen, wodurch sämmtliche landesgesetz- ltche Sonderbestimmungen über die RechtSverhältnisie der land- und sorstwirthschaftlichen Arbeiter und deren Verhältntß zu ihren Arbeitgebern, bezw. Dienstherrschaften, aufgehoben werden und an deren Stelle die Bestimmungen der Reichs- g werbe-Ordnung treten- 6. Aufhebung des Dictatur-Para« graphen in Elsaß Lothringen- 7. Aufhebung des PreßgesetzeS in Elsaß-Lothringen- 8. Einführung der Gewerbe Ordnung für Elsaß Lothringen- 9. einen Gesetzentwurf, betreffend die Volksvertretung in den Bundesstaaten und Elsaß Lothringen- 10. einen Gesetzentwurf, betreffend Abänderung des Art. 31 dec deutschen ReichSverfaffung, dahin lautend: Auf Verlangen dcS Reichstage- muß jedes Strafverfahren gegen ein Mit- glted desselben und jede Untersuchung--, Straf- oder Civil- hoft für die Dauer der Sitzungsperiode aufgehoben werden- 11. der Reichstag wolle beschließen, die verbündeten Regierungen zu ersuchen, dem Reichstage den Entwurf eines Reichs- Berggesetzes vorzulegen. Berlin, 10. December. Die „Nordd. Allgem. Ztg." betont gegenüber der Blättermeldung, daß der Kaiserliche Hof am 8. Januar vom Neuen Palais nach dem Berliner Schlöffe übersiedeln werde, an maßgebender Stelle habe der Termin der Uebersiedelung des Hofes nach hier bisher noch mit keiner Silbe Erwähnung gefunden. Berlin, 10. December. Der „RetchSanzetger" veröffentlicht eine Reihe von Ordensverleihungen an russische Marineoffiziere. Berlin, 10. December. Die „Polit. Eorresp." meldet auS Konstantinopel: Der Großvezier hoffe den Sultan zur Bewilligung der zweiten StationSschiffe zu bewegen. Derselbe erklärt, daß dadurch die Ruhe und Ordnung nicht gestört würde. Berlin, 10. December. Wie aus Dresden gemeldet w:rd, ist der König von Sachsen verhindert, der am FlUtag im Grünewald stattfindenden Hofjagd betzuwohnen und wird daher nicht, wie früher gemeldet wurde, am Donnerstag hier eintreffen. Berlin, 10. December. Dem Reichstage ist die Ueberficht über die Ergebnisse dvs HeereS-ErgänzungS- g e i ch ä f t S zugegangen. Berlin, 10. December. Wie wir erfahren, stellte sich der neu ernannte Minister des Innern, Freiherr v. d. Recke, noch gestern Abend seinem AmtSvorgänger vor und übernahm heute Vormittag bereits die Geschäfte des Ministeriums des Innern. Berlin, 10. December. Der StaatSminister a. D. v. Köller wird In einigen Tagen die Dienstwohnung im Ministerium des Innern räumen und sich zu dauerndem Aufenthalt nach seinem bet Kammtn in Pommern belegenen Gare begeben. Frankfurt a. M., 10. December. Bet der heutigen Wahl zur Handelskammer wurden die Herren Philipp Bd Bonn, Albert Götz Rigand, Eommerzienrath Haurand wiedergewählt, die Herren Friedrich Jacob Horkheimer und Bankdirector Friedrich Thorwart neugewählt. Rom, 10. December. Zur Fortsetzung der Operationen in Afrika wird CriSpi eine größere Summe in der Kammer verlangen. Warschau, 10. December. Die Revision des PassagtergepäckS findet im Jntereffe der Erleichterung des Reisens nicht mehr an der Grenzstation, sondern in Warschau statt. Belgrad, 10. December. DaS Amtsblatt von Eettinje dementirt die Meldung von einem blutigen Zusammenstoß zwischen Mohamcdanerv und Christen in Lcutart und einer revolutionären Bewegung unter den Mcrlditen, da an der montenegrinischen Grenze vollständige Ruhe herrsche. CocaU» unfr ^provinzielles. Gießen, 11 December 1895. * • Personalbestand der Großh. LudwigS-Univerfitat. Nach dem soeben erschienenen Berzeichniß nehmen an den im Wintersemester 1895/96 an hiesiger Universität zu haltenden Vorlesungen Theil 576 Hörer (einschließlich 18 nicht imma- triculirte), gegen 598 im Sommersemester. ES widmen sich: der Theologie 61, der Rechtswissenschaft 166, der Medicln 114, der Thierheilkunde 27, der Zahnheilkunde 1, der Philosophie 7, der Mathematik 14, den Naturwissenschaften 11, der Chemie 36, der Pharmacle 12, der Cameralwlffenschaft 32, der Forstwisienschaft 15, der Geschichte 8, der klassischen Philologie 23, der neuen Philologie 32. Unter den Stu- dterenden sind 422 Hessen, 95 Preußen, 7 Bayern, 6 Württemberger, 5 Sachsen, je 3 Badenser, Sachsen • Weimaraner, Elsaß - Lothringer, Oesterrelcher, je 2 Russen, Niederländer, Nordamerikaner, je 1 Oldenburger, Coburger, Meininger, Braunschweiger, Hamburger. 434 Studirende besitzen daS Reifezeugniß eines Gymnasiums, 78 das eines Realgymnasiums, 46 das Reifezeugniß für daS betreffende Fach. Bon der Universität. Herr Profeffor Dr. Paul JvrS hat einen Ruf an die Universität ® re 6 lau angenommen. • • Profeffor Dr. Weiffenbach f. Gestern Nachmittag •/<5 Uhr verstarb hierselbst der Gymnafialtehrer Profeffor vr. Ferd. Weissen da ch. Der Verstorbene war Ehrenmitglied und Verbandsvorsitzender des A. H. v. der Gießener Burschenschaft „Alemannia" und entstammt einer alten hessischen Gelehrtenfamilie. * • Postpersonalnnchrichten. Versetzt find: der Ober Poft- directionSsecretar Schmidt von Darmstadt nach Köln (Rhein) behufs Uebernahme einer Postkassirerftelle bei dem Postamte 2 daselbst und der Postsecretär Gruhn von Crefeld nach Darmstadt behufs Uebernahme einer Büreaubeamtenstelle erster Klaffe bei der Kaiserlich-n Ober-Poftdirection Darmstadt. — Zum Telegraphen-Secretär ernannt ist der Ober-Telegraphenassistent Wittenbecher in Darmstadt. — Angestellt find: al- Postseccetäre die Postpractikanten Sckeich aus Heidelberg in Worms und Seelig aus Hamm (Westsalen) tn Mainz - als Postassistenten die Postasststenten Erbe in Mainz und Kabey in Darmstadt. — Gestorben ist der Postrath Winkelmann in Darmstadt. * * Strafkammerfitzung. Gestern verhandelte die Strafkammer in zwei Fällen wegen Majestätsbeleidigung. Ein Mann aas Herbstein hatte den Kaiser beleidigt und wurde zur niedrigst zulässigen Strafe von zwei Monaten Gefängniß verurtheilt. Eine Frau auS Gießen wurde für schuldig befunden, ihren Lande-Herrn, den Großherzog, beleidigt zu haben. Der Gerichtshof belegte dieselbe mit einer Strafe von drei Monaten Gefängniß. • * Generolversawwlnng der Spar- und Leihkaffe Gießen. Gestern Nachmittag fand in dem Saale der höheren Mädchenschule (Schillerftraße) die diesjährige ordentliche Generalversammlung der Spar- und Lethkaffe Gießen statt. Die Vorlage der vorgeprüften Rechnung für 1894, welche in Einnahme 1,757,559.50 Mk. und in Ausgabe 1,694,281.91 Mk. bet einem Reingewinn von 27,958 Mk. und 97 Psg. ergab, wurde gutgeheißen. Ebenso fand die Versammlung bei der Erstattung des Rechenschaftsberichts, der ein sehr günstiges Bild ergab, sowie bei der Mittheilung über das Ecgebniß der stattgehabten Kaffenrevision nichts zu erinnern. An Unterstützungen wurden bewilligt a) für Krankenanstalten Krankenpflege rc.: Allgemeiner Verein für Armen- und Krankenpflege 1200 Mk., Verein für Krankenpflege 300 Mk., Elisabethenstifl in Darmstadt 200 Mk., Anstalt in Bethel bei Bielefeld (Pastor von Bodelfchwingh) 200 Mk., Unter- stützungskaffe für bedürftige Pfleglinge der Irrenanstalt zu Heppenheim und des Hospitals Hofheim 250 Mk., Kinder- hofpital in Bad Nauheim 400 Mk., Unterstützung fcrophu- löfer Kinder im Sparkaffebezirk zum Gebrauch einer Badekur 600 Mk., der DecanatSkrankenpflege (Decanatskaffe Gießen) 600 Mk., kranke und blinde Luise Zinßer hierselbst 70 Mk., deSgl. Katharina Deibel in Trohe, Charlotte Dehaie und Christine Reuter, beide hierselbst, je 50 Mk. b) Für Kleinkinderschulen: Gießen 1100 Mk, Burkhardsfelden und Großen Linden je 300 Mk., Langgöns, Leihgestern und Kindergärtnerin Klara Rothe hierselbst je 200 Mk. c. Für RettungS- Häuser rc.: RrttungshauS in Arnsburg 100 Mk., Erzieh ungS- und Besserungsanstalt Gräsenhausen 100 Mk, Arbeiter- colonie Neu-Ulrichstein 200 Mk., RauheS HauS in Horn bei Hamburg 100 Mk./ Herberge zur Heimath hierselbst 400 Mk., Verein gegen Bettelei, Thierschutzverein je 100 Mk., Feierabend sür Lehrlinge hierselbst 200 Mk. d. Lehranstalten rc.: Handwerkerschule hierselbst 1000 Mk., Aliceverein für Frauen bildung hierselbst 400 Mk., Gabelsberger Stenographenverein hierselbst 50 Mk., Landwirthschaftlicher Bezirksverein hierselbst 700 Mk., Leseverein in Großen -Buieck 20 Mk., Industrieschulen deS Sparkaffebezirks 750 Mk., Kochschule hierselbst 100 Mk., Kaufmännischer Verein (LehrlingSheim) 600 Mk. (gegen 400 des Vorjahres), Volks- und Jugend- b'bliotheken a. in Burkhardsfelden, b. Allendorf (Lahn), c. Reiskirchen, d. Großen Linden, e Klem-Linden je 50 Mk., bei c. d. und e. jedoch nur insoweit die betreffenden Gemeinden den gleichen Betrag für diesen Zweck hergeben, e. Sonstige Vereine: Ludwig- und Alicestistung tn Darmstadt, Mathildenstiftung für Oberhtffen und Luther- ftiftung hierselbst je 200 Mk, Kaiser Wilhelm-Stiftung in Darmstadt und Jnvalidenverein daselbst je 100 Mk., Bienenzüchterverein hierselbst 25 Mk., zur Prämiirung von Dienstboten 1200 Wit. Im Ganzen wurden für diese Unterstützungen 13,465 Mk. bewilligt. DaS Gesuch der Bureau- Gehilfen um Anstellung mit Pensionsberechtigung wird provisorisch genehmigt. Auf Antrag deS Herrn Provinzialdirectors Frhrn. v. Gagern und deS Herrn Oberbürgermeisters Gnauth sprach die Versammlung dem Director Herrn Grüneberg für feine treue Pflichterfüllung, ebenso Herrn Director Wiener für feine Bereitwilligkeit, den Dtrector- posten bis zur Neuwahl zu versehen, den wärmsten Dank auS. * • Synagogenbau. Die israelitische ReligionSgesellschast hat mit Herrn Malermeister Gottfried Nauheimer einen Vertrag abgeschloffen, demzufolge der geplante neue Synagogenbau am unteren Ende der noch auszubauenden Lony- straße, in der Nahe der Bleichstraße, im nächsten Jahre zur Ausführung kommt. Für den Bau sollen 30,000 Mark vorgesehen sein. • • UebetfoDett wurde vorgestern Nachmittag eine Frau auö Annerod auf der Landstraße zwischen Gießen und Annerod (Strecke zwischen dem Bahnwärterhäuschen und der sogenannten Ochsenwiese). Der Strolch sprang auS dem Walde, faßte die 50jährige Frau am Halse und drohte ihr, fall» sie nicht ruhig wäre, sie zu erstechen. Einem hinzu- gekommenen Manne, welcher nach Gießen wollte, hat die Frau zu verdanken, daß sie lediglich mit dem Schrecken davon gekommen. ♦ * Krauleaverficheruugsweseu in Hessen. Die Generalversammlung der fnkn Vereinigung der hessischen Kranken- kaffen hat vor einiger Zeit auf Anregung des Herrn Re- gierungSrath Fey in Darmstadt defchloffen, eine übersichtliche Darstellung der alljährlichen Ergebniffe des Krankenversiche- rungSwefenS im Großherzogthum Hessen, welche mögltchst rasch nach Schluß des Rechnungsjahres erscheinen und insbesondere alsbald erkennen laffen soll, ob gegen daS Vorjahr ein Fortschritt oder Rückgang der einzelnen Kaffen stattgefunden hat, in die Wege zu leiten. Der Ausschuß der genannten Vereinigung hat nunmehr durch seinen Vorsitzenden, Herrn Buchdruckereibesitzer Theyer in Mainz, ein ent'p'echende- Gesuch an Großh. Ministerium deS Innern und der Justiz gelangen laffen, in welchem Vorschläge zur Fertigstellung einer derartigen Ueberficht für die einzelnen ttieife und bai ganze Großherzogthum gemacht sind. Man hofft, daß dem Ansuchen Seiten- Großh. Ministeriums Folge gegeben und die Ueberficht bereit- im nächsten Jahre erscheinen wird. Für die gedeihliche Entwickelung unsere- hessischen Kranken- kaffenweiene kann eine solche Darstellung, welche, durch den Vergleich mit den Vorjahren, eingetretene Mängel rasch erkennen läßt, nur von Vortheil sein. Darmst. Tgl. Auz. •• Packetporto für Butterfenbnngen. ES gibt sehr viele Familien, welche besonderes Gewicht daraus legen, die Butter immer frisch und paranttrt rein zu erhalten. Sie sehen daher von einem Bezug durch Händler ab und wenden sich an die Producenten selbst. So findet von zahlreichen Molkereien, die sich besonder- für den Butterversandt in Poftpacketen eingerichtet haben, ein erheblicher Absatz auf diese Art statt. Mit Rücksicht auf die Höhe de- Porto- ist der Coniument gezwungen, eine größere Menge, mindestens 8 Pfund, zu beziehen, fodaß die Butter, besonder- im Sommer, nicht frisch bleibt. Der Allgemeine Verband der deutschen landwirthschaftlichen Genossenschaften zu Offenbach a. M. Hal sich daher in einer Petition an den Reichstag gewandt, daß sür den Buttcrversandt per Post in zweiter und weiteren Zonen statt 10 Psund-Packete für 50 Psg. 5 Pfund - Packete für 25 Psg. gestattet werden. Dieser Antrag ist besonder- zu Gunsten der Covsumenten, welche denselben gewiß freudig begrüßen und auch kräftig unterstützen werden. □ Ruppertenrod, 10. December. Gestern ereignete sich hier ein bedauerlicher Unfall. Ein junger Mann von Ober-Ohmen, der Sohn deS früheren Bürgermeisters, hatte einem Milchfuhrwerk, das zur Molkerei in Grünberg die Milch liefert, mit zwei Pferden vorgespannt. In dem Augen- blick, als er den Haken einhängen wollte, der die Vorspanne mit dem Gefährt verbinden sollte, zogen die Pferde an und zerrissen ihm drei Finger von einer Hand. Die Nägel der Finger waren buchstäblich abgerissen, die Finger zerquetscht. Holzheim, 10. December. Die Volkszählung am 2. December ergab für den hiesigen Ort 537 männliche und 535 weibliche Personen. § Ans dem Ohmlhal, 10. December. Nachdem daS Sturmwetter der vorigen Woche mit feinen Regengüssen wiederum große Wasfermafsen gebracht, die aber beim liebergang der Regengüsse in einen starken Sckmeesall rasch sich verliefen, ist jetzt abermals durch daS Schmelzcn der Schneemassen Hochwasser emgetrettn. Die Ohm hat da» Thal überschwemmt, in den Mühlgräben drangen sich so starke Waffermaffen, daß ihre Ableitung durch errichtete Wehre geboten erschien. In der betfloffenen Nacht tobte der Sturm wieder in ähnlicher Heftigkeit wie in der vorigen Woche. Von der Gewalt der Stürme zeugen tm Walde entwurzelte starke Tannen und Fichten, umgejagte Obst- bäume in den Gärten, sowie umherliegende abgerissene Aeste derselben. GichlbiÜchige Schornsteine und was sonst nicht nied- und nagelfest war, wurde gleichfalls von der Wucht der Stürme zertrümmert. VW. Vom westlichen Vogelsberg, 10. December. Die Voraussage im „Gießener Anzeiger" (Nr. 267, erste» Blatt vom 13. November l. Js.), daß wir einen milden Herbst und D orwinter erhalten würden, hat sich thatsächlich erfüllt. Seit jener Nachricht ist ein Monat verfloffen, und e- ist mit ganz wenigen Ausnahmen stets feucht und regnerisch geblieben. Da das Jahr 1895 sehr genau dem Ja r- gange 1868 auch hinsichtlich des ausgezeichneten Wein-« gleicht, möchten wir auf eine WitterungSregel aufmerksam machen, die sich seitdem fast immer bewährt hat, nämlich: Wenn der Spätherbst biS zum 12. December milde und ohne Frost vorübergeht, wie e» diese- Jahr der Fall zu sein scheint, bann tritt leicht vom 12 December an Kälte ein. G-Ht aber auch die Woche vom 12. December ohne Kälte vorbei, so bringt der 28. December, oder die Zeit von da an erst Schnee und Kälte. Wollen sehen, ob sich die Regel bewähtt. — Die Arbeiten in unseren Wäldern gehen sehr floti von statten. Gegenwärtig entwickelt sich ein schwunghafter Handel mit Christ bäumen nach Frankfurt. Hochauf- gelhürmte Leiterwagen sind mit 400 bis 500 Fichtendäum- wen beladen, und fahren das Niddathal hinab durch die Wetterau nach Frankfurt. In Reichelsheim pflegen die Pferde gefüttert und zwei Stunden Rast gemacht zu werden, bann geht es die ganze Nacht hindurch weiter nach der Main- stadt. Die Hinfahrt nimmt mindestens 20 Stunden in Anspruch. Obgleich die Bahn benutzt werden könnte, fahren die Leute doch mit eigenem Fuhrwerk, weil die Chnstbaumchea zu leicht sind und sich zu sehr sperren, so daß keine 200 Ctr. pro Waggon geladen werden können, aber bezahlt werden müßten. In Frankfurt sind Christbaumhändler, welche tausend und aber tausend Stück Bäumchen beziehen. Die Vogelsberger Bauern verdienen in der stillen Winterzeit einen annehmbaren Groschen Gelb mit diesem Haudel- mancher besitzt etwa- Wald, welcher mit jungen Fichten bestockt ist und dadurch eine gute Rente liefert. E- ist nicht- seltene-, daß 5 bi- 6 hochaufgethürmte Wagen mit Christ- bäumdjen hinter einander drein fahren, und einen harzigen, kräftigen Geruch von Weitem schon verbreiten, sodaß man selbst in der Dunkelheit zu beurteilen vermag: e- müssen Christbaumwagen herankommen, wie e- Schreiber dieser Zeilen gestern Abend wieder gesunden hat. Darmstadt, 10. December. Nach der vorliegenden Zusammenstellung deS Resultat- der Volkszählung am 2. December 1895 beträgt die Einwohnerzahl der hiesigen Stadt 31,767 männliche, 32,171 weibliche, zusammen 68,938 Personen. Am 1. December 1890 betrug die Einwohnerzahl 27,493 männliche, 29,010 weibliche, zusammen 56,441 Personen. Hiernach ergibt sich innerhalb fünf Jahren ein Zuwach- von 4234 männl, und 3161 weibl., zusammen 7495 Per- Ionen. Sin vergleich mit de« Resultat der Berufszählung -rgtebt, daß zur Zelt der letzteren eine große Anzahl der hiesigen T'nwohuerschaft von hier abwesend war.__________ PemW««* • Göttingen. 10. December. Heute Morgen 10 Uhr explodlrte im chemischen Laboratorium der Universität ein gläserner Gasometer. Profeffor Wallach, dem ein Splitter in bett Gehörgang drang, und zehn Studenten wurden schwer, die übrigen, darunter eine Dame, meist leicht verletzt. Die Ursache der Explosion ist noch nicht bekannt. Das Laboratorium ist von der Polizeibehörde geschloffen worden. ♦ DL««, 10. December. Ein zwanzigjähriges Mädchen in der Philippstraße begoß in einem Anfall religiösen Wahnsinn« sein Kleid mit Petroleum, zündete dasselbe an und erlitt einen qualvollen Tod. Daö Mädchen hatte vorher einer Schwester erklärt, den Märtyrertod erleiden zu wollen.__________ TttrehttcheAnzeigen -er evnng.Gemein-e. Donnerstag den 12. December, Abends 8 Uhr, Im Turnsaal der Stadtknabenschule: »ibelstnnde. sBrief des JacobuS, Cap. 2, VerS 14 und folgende.) Pfarrer Schlosser. Die für Donnerstag Abend 8 Ubr anberaumte Versammlung der eonfirmirten Mädchen aus der Marcus gemeinde findet nicht statt. Nächste Zusammenkunft: Donnerstag den 8. Januar, Abend« 8 Uhr, im Schwesternhaus (Lonyllraße 2). Dr. Grein. — Bet keinem Artikel ist das Sprichwort „Der Schein trügt^ mehr am Platze, als bet der Nähmaschine. Es werden täglich eine Unzahl billiger Nähmaschinen auf den Markt geworfen, welche für den ersten Augenblick nicht von der soliden Maare zu unte^ scheiden sind, deren Mangelhaftigkeit sich aber zum Schaden ves Käufers schon nach kurzer Zeit bemerkbar macht Ohne Sorgfalt geai bettet und aus schlechterem Material hergestellt, treten bet diesen billigen Maschinen bald alle möglichen Fehler zu Tage, wie geräuschvoller, schwerer Gang, Fehlstiche, Nadel- und Fadenbrechen rc. rc, wahrend man an einer guten Maschine sich lange Jahre erfreuen kann. Ge- wiß wöge man im Jntereffe unserer heimischen Industrie der deutsche« Nähmaschine unbedingt vor der amerikanischen den Vorzug geben, aber man wähle die Erzeugnisse von Firmen, wie Seidel * Nauman«, »ritzner, Psasf re. re., die schon> seit Jahren durch die absolute Zuverlässigkeit und L-olidtiät ihrer Fabrikate sich einen Weltruf erworben haben. Diese Firmen find hier vertreten; man hat deshalb nicht nöthig, sein Geld nach aus: wärts zu senden, zudem ja wohl auch jeder diesige Händler in der Lage ist, auf Verlangen diese billigen Berliner Maschinen iu Preisen zu liefern. 10349 Bekanntmachung. Der Voranschlag der Gemeinde Reiskirchen für 1896/97 liegt vom 13. d. M. an acht Tage lang auf dem Büreau des Unterzeichneten zur Einsicht der Betheiligten offen. Reiskirchen, den 9. December 1895. Großherzogliche Bürgermeisterei Reiskirchen. Wagner.10335 Complette Betten eigenen Fabrikates, 9862 Lpruugseder«., Roßhaar-, «apock« und Wollmatratzen, Deckbette« und Kissen, Bettfeder« und Daune«, Barcheud. Drell uud Daunenköper, Steppdecken, wollene Colter. Th. Brück, Schloßgasse 16. Brand- u.Kanzleiberg-Ecke _________Telephon 27._________ Scheuertücher, gute Qual., 90 cm groß 18 Psg extra schwere Qualität 28 Pfg. 5 C. Röhr & Co. Feinster KiWlkgkiise! „Perle der Wetterau" Alleinverkauf r 9282 J. M. Schulhof- Vom 9. December bis Weihnachten findet bei mir ein Ausverkauf von Klöppelspitzen statt, und werden solche zu jedem annehmbaren Preise abgegeben. Frau Schmitt. 10282] Wolkengaffe 26. Goldene Aepfel in silberner Schale sind gute Lehren in anmuthiger Form. Dieser Sinnspruch eines alten Meisen dürfte auf wenige Bücher mir gleichem Rechte anwendbar erscheinen wie auf: Des Kindes Anstaudsbuch von Marie v. «delsels (fein gebunden Preis JL 2.—). Dieses entzückend ausgestattete, von Peter Schnorr reich illustririe Merkchen enthält in giaziös tändelnden, von kindlichem Humor sprühenden, den Kindesgeist fessrlnden und anmuthenden Versen, die sich dem Gedächtniß leicht em, prägen, die mannigfaltigsten Regeln des Anstandes und der guten Sitte, die wir unfern Kleinen mit so vieler Mühe beizubrtngen bestrebt sind. Im Anhang stehen hübsche und lehrreiche Märchen, Fabeln und Parabeln, den lieben Kleinen zur Kurzweil, zum Nachdenken und zur Beherzigung. Schwabacher'fcheBerlagsbuchhaudlg in Stuttgart. Neueste Omnibus - Fahrpläne erschienen bei 10351 Ernst Balser, Mäusburg. ftilll litte' fctdedeekt ------w—-- \ Wasserdichte mich w. \ _______________[6102]_______________ Nb- Mehl zu Kuchen und Confect, sowie sämmtliche Vackzuthate« in nur besten Qualitäten. 9998_________J. M. Schulhof. Aechte Stz>ürnberger Lebkuchen billigst bei Gebrüder Adami, 9982 Mäusburg 14. Ein Wort an Alle, die Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Holländisch, Dänisch, Schwedisch, Polnisch, Russisch oder Böhmisch wirklich sprechen lernen wollen. Gratis und franco zu beziehen durch die Bosenthal’sche V erlagshandlg. in Leipzig. zu Wetzsteinstratze Nr. 45 9640 eit 86U6 Wallenfels, Marktplatz. Beutel 35 und 25 H bei Benuer & Ätumm, Bahnhofstr., und A. & G. Biberbetttücher und Bettkolter großer Posten in alle« Karbe« außergewöhnlich billigen Preise«. Seuling, ar “Ppi I bringen Jtzleib's mp Dvl / ttatarrhpafttllen ZZ. TpHpn (Salmiak. Wb jeueil , Pastille«) PnctPIl \ in ^rzer Z< W niibieil ) Sicheren Erfolg. Frische Butter empfehle, so lange Vorrath 10334 a Pfund 90 Psg. Adolf Lenhard, Frankfurterstr.64. SchöneChristbäume in allen Größen zu haben bei 10346 Dtenstmann Ferber, »Wiener Hof^, Neuenweg 62. Cassetten und Schmuckkästchen in großer Auswahl, zu Weihnachts-Geschenken empsehlenswerth, zu haben bei 9985 Fr. Krogmann, Wetzsteingaffe 33. < nlrnit auf dem Sand l« jiLCKer verkaufe«. 10256 F.ldschütz Ko» Neuenweg Nr. 9. HellfuchSj zweijährig, Gießener Ausstellung 2. Preis, zu verkaufen. Hofgut Odenhausen 10347________bei Londorf.________ "Einen zweijährigen, angekörteu Vogelsberger Faselochs, reiner Raffe, hat zu verkaufen Julius Schlosser 10332 in Merlau bei Mücke. Jerrniethungen. 103501 Eine Familien-Wohnung im zweiten Stock, 5 Zimmer mit Zubehör, per 1 April zu vermiethen- Asterweg 6. Vermischte Anzeigen. (Xj Heute Donnerstag: Mehelluppe. IIÄraaSI Morgens: PMU Wellfleisch IlBSV:® mit Kraut, wozu einladet 10342 I. Brunner, Jur Jrltershöhe. Capltal-Änlage. Mk. 35000 auf erste, Mt. 10 000 auf zweite Hypothek gesucht. Offerten unter D. N. an die Exped dieles Blattes_____________________10344 25—30 000 Mark auf gute erste Hypothek gesucht. Offerten beliebe man unter M. S. 2 in der Exped. d. Bl. nlederzulegen. 10318 Helrath Ein Geschäftsmann, mit angenehmem Aeußern, in den zwanziger Jahren, mit etlichen tauf.nb Mark Vermögen, wünscht sich mit einem anständigen, häuslich erzogenen Mädchen, Anfangs der zwanziger Jabren, zu verhetratben. Einige tausend Mark Vermögen erwünscht. Ernstgemeinte Offerten nebst Photographie unter O. L. befördert die Exped. d. Bl. Strengste Verschwiegenheit zugesichert. 10336 8649 Weisse Stickereien: Küsset- und Zkmr-LWeckku Tischläufer, Wandschoner Parade- and Köchell-Haadtöcher Reiseplaids. Tabletdecken Kragen, Manschetten. Cravatten und Handschnhkästen. Bunte Stickereien: Sopha- und Ruhekissen Teppiche Pantoffeln, Hosenträger Bftrstentaschen Zeltaagssappea, sthrpavtaffel und sonstige Kinderarbeiten. A. Hollerhoff Söhne Seltersweg 20 Glacd- und Winter Handschuhe in grosser Auswahl. Giessener Festsaal (Cafe Leib). Donnerstag den LS. December, Abends 8 Uhr: CONCERT der unter Protection des K. K. Kammersängers und Componisten Thomas Kofchat stehenden Kofchat'fchen Concertsänger, sowie der bayerischen Jod'.er und Concertsänger und des Schuhplatt'ltänzer Chors Th. Jacob Damhofer Director und Dirigent. ____ 3MF Entree 50 Pfennig. _____19??® Chanukaball. Zu dem am 15. d. Mts. im Ebert'schen Saale dahier statt- findenden israelitischen Feftballe ladet ergebenst ein e 10348 Anfang 3 Uhr. Ww. Wert, Fronhausen. C. Stöver (borm. F. Scharmann), 6 Kirchenplatz 6. Als passendes Weihnachtsgeschenk bringe ich mein reichhaltiges Lager in Uhren, GO- «nh Sillimmmi zu äußerst billigen Preisen in empfehlende Erinnerung. Reparaturen **08® billigst unter Garantie. 10333 Die Weihnachts-Ausstellung in Kinderspielwaaren ist eröffnet. F. Rüger, Kreuzplatz 4. Neue Sendungen! Grosse Auswahl! ____________MSk" Billige Preise! 10155 Pasteurisirte Milch. G, empfiehlt die Dampsmolkerei Gießen. Bei der überall herrschenden Maul- und Klauenseuche ist Vorsicht doppelt 10145 geboten und sollte man nur pasteurisirte Milch verwenden.________ - _________________M fa e w S6£ Omnibus-Verbindung * « L g a ■w* S w CS U2 03 CD ää- 5 B o> — tu 'S 8? o CD.5 sD e a» d3- tu -o ä MM M j K Linie A Marburgerstraße—Bahnhof und zurück. Linie B Linie C Linie J9 Grünbergerstraße—Bahnhof und zurück. Martt—Schiffenbergerwald und zurück Marburgerstraße—Wieseck und zurück- (nur Sonntags bei günstiger Witterung). Nach schweren, mit Geduld getragenen Leiden verschied gestern Herr Professor Dr. Ferdinand Weiffenbach Ehre seinem Andenken! 1694t Giessen, den 11. December 1895. Den Schülern ein gütiger Lehrer, den Collegen ein lieber Mitarbeiter, hat der nun Heimgegangene über ein Vierteljahrhundert der Anstalt seine Kräfte gewidmet. Director und Lehrer-" des Gymuasiums zu Giessen. Ferdinand Weiffenbach Alt-H -Verband: active Burschenschaft: , cand. m Ableben ihres lieben alten Herrn, in Kenntniss zu setzen. erfüllt hiermit die traurige Pflicht, ihre alten Herren und Freunde von dem heute liedes und Verbands-Vorsitzenden Die Beerdigung findet am Donnerstag, Nachmittags 2 Uhr, vom Sterbehause Marburgerstrasse 9 aus statt. Giessen, den 10. December 1895. Gieße«, den IV. December 1895. 10343 9952 verkaufen 10845 Büchsen erbeten •02 H fort (Mai«). 10166 (Main). 6'*?R Wrbaction: 8L Schkyda. vf- kfn anständiges Mädchen, welches im l» Metdermachen lW^ gründlich vj erfahren ist, wünscht einige Kunden v an,unehmen in und außer dem Haufe. Näh. in der Txp. d-Bl. wir eine Wirklich billig Der Oesammtauflage unseres Blattes liegt heute ein Prospekt des Dameo-MäntelgeschästS 21). e^uhr- lünder, Frankfurt a. M., bei. 10338 9689] eine neue Zither billig ,u verkaufen. 8chul*tra*fle 5 ini FrGeurgeschäfl Offene Stellen für Comptoir, Laden, Lager, Reise besetzt kostenfrei der Kautmän- niwche Verein zu Frankfurt Ev. Kirchengesangverein. Mittwoch den 18 Dec. 1895, Abends 8 Uhr, in der Stadtkirche: Die Geburt Jesu Christi Kirchenoratorium für Solostimmen, gemischten Chor, Kinderchor und Gemeindegesang, mit Begleitung von Harmonium, Streichorchester, Hoboe- und Orgel von Heinrich von Herzogenberg. Eintritt frei. Für die inactiven Mitglieder worden Plätze im Schiff der Kirche und der Eingang durchs Hauptportal vom Kirchenplatz aus reser'virt. Texte i 20 Pfg. an der Kirchthüre zu haben. Zur Deckung der bedeutenden Kosten werden freiwillige Gaben in die f Ankauf alter Bfleher und Bilderwerke. Angebote guur Bibliotheken, sowie eInseiner Bücher erbittet die J. Ricker’sche Buchhandlung Gieeeen. Danksagung. Für die uns bewiesene Theilnabme während der Krankheit unseres innig geliebten Ki--deS und Bruders, insbesondere den Schwestern für ihre liebevolle Pflege dem Herrn Pfarrer Dtngeldey für die iroflreichrn Worte im Sterbehause, sowie für die zahlreichen Blumenspenden sagen innigsten Dank Die tiestrauernden Hinterbliebenen v. Gonter, Regimentsschneider, Elise Gouter, Otto Gonter. Varthie zurückgesetzter vuckAktns. worunter sich viele Rester zu Knaben-Anzügen passend befinden. Louis Treff & Cie., Tochhandlung. - Wallthorstr. 17. W eihnachts-Geschenke K H. Loeberich, Liebigstr. 71 uno tJrrlaq der Brübl'schen UniverfiräiS.Vuch. und Steinbrurfern (Pietsch & kcheyda) in Girßen. Aie sieuiiqe Dummer umfakt 8 Leiten Stellezuchenden Handlungsgehilfen empfiehlt seine Dienste der Kanf- männieche Verein zu Frank- Atelier für Portraitsmalerei. 838e PortrattS in Del und Kreide in künstl. Ausführung nach Karlsruher Schule. Auch Unterricht. Otto Frlte, Kunstmaler. AtelierhauS SoetheSratze 46. 5