s 7 uh, "Bq Vorstand, #r. 235 Sonntag den 6. Oktober Zweites Blatt S8SK Aints- und Anzeigeblutt fnv den Avers Gieren Äebaction, ExpcdittoF und Druckerei: S«S-rstratze Ar.R. Fernsprecher 51. # Di« Gießener M««ittenvtälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal lxigelcgt. Der geheuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags. vierteljähriger AdonnemeatspretAS 2 Mack 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg. Gießener Anzeig er Keneral-Wizeiger. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Lorm. 10 Uhr. L’"W —__ -l ----- - - ■ . . = Gratisbeilage: Gießener Kamikienötätter. Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Au-lande- nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. delmarkt: 8» bet: leih, i AnibnnU cht orher in meiner Atz ungsöoö h Wähl __M i-Club. ds S Uhr; mlung Der Vorstand. rein Ä October Mitglied« ^er Vorstand. en Ha« wWMckl« Mn Mode. is, KM «■C 81t mW« je*** ff #1 Mit " Lon kur ädch011, MW. nnnt 1 Oktober p u ferir 8^«" n: Vevurilchtes | Die Klappkragen bei den Waffenröcken der Infanterie, welche fett nunmehr 2 Jahren vom 1. Bataillon des Kaiser Alexander-Garde GrenadierregimentS Nr. 1 getragen werden, haben sich durchaus nicht bewährt. Ja der augenblicklichen Form gewähren sie dem Soldaten durchaus keine Erleichterung und eS ist gelegentlich der Manöver die sonderbare Thatsache constatirt worden, daß die von dem genannten Regiment schlapp gewordenen Soldaten zum allergrößten Thetl dem 1. Bataillon angehörten, also an Stelle deS hohen Stehkragens, welchem so oft die Schuld am Schlappwerden des Mannes zugeschoben wurde, den neuen Klappkragen trugen. Eine definitive Ein« führung dieses Kragens wird also nicht stattfinden, sondern nur der vorhandene Vorrath aufgetragen werden. • Daß Glöcklein de« Sluck». Unter dieser Ueberschrift erzählt daS Wiener „Jll. Extrabl.": „DeS Schicksals Wege find oft wunderbar. Eines TageS stand ein junges, armselig gekleidetes Mädchen unschlüssig in dem Hofe eines alten HauseS der Stadt. DaS Mädchen, eine Waise, hatte rin Empfehlungsschreiben an eine Verwandte, die ihr als hartherzig bekannt war und von der sie keinen freundlichen Empfang erwarten konnte. Marie Enzinger war zum ersten Male tu dem alten Gebäude und wußte sich dort nicht zurechtzufinden. An der großen Hofmauer waren drei Glocken- lüge angebracht, deren jeder in ein anderes Stockwerk führte. Da sich Niemand blicken ließ und der Treppenzugang durch ein Gitter abgefchloffen war, zog das Mädchen aufS Gerathe- wohl an einem der Glockenstränge. Im zweiten Stocke Sffnete sich sogleich ein Fenster und der weiße Kopf einer alten Frau wurde sichtbar, die hinunterrief: „Kommen Sie nur in die Wohnung." Marie ließ sich das nicht zweimal sagen und zögerte auch nicht, eine Anzahl häuslicher Arbeiten geschickt und ordentlich zu verrichten, die ihr von der alten Dame übertragen wurden. Erft eine Stunde später wußte diese, die MajorSwittwe Frau v. Della Rosa, daß Marte nicht der erwartete neue Dienstbote, und diese, daß die alte Dame nicht ihre Verwandte sei. Die Wittwe gewann daS Mädchen lieb und da auch sie von der im selben Hause wohnenden Verwandten der Marie nichts Gutes zu sagen wußte, behielt sie die Waise bet sich. Drei Jahre waren verflossen, Marte Enztnger wurde von ihrer Wohlthäterin wie eine Tochter behandelt. Da wurde kürzlich wieder vom Hofe auS geläutet, das Glöcklein schwang sich eine Weile hin und her, denn der junge Mann, der eS in Bewegung setzt, schien es sehr eilig zu haben. Als ihm, dem Skontisten eines Wiener HandlungShauseö, die Thür geöffnet wurde, Feuilleton. Wochenbriese aus der Residenz. (Originalbericht des „Gießener Anzeigers"). Z. Darmstadt, 4. Otober. BtM Großherzoglichen Hofe. — Journalisten' und Schriftsteller- Verein. — Vom Großherzoglichen Hoftheater. — B-u der Technischen Hochschule. Noch weilt der Großherzogliche Hof mit seinem hohen Besuche, dem Großfürstenpaar Sergius und dem Großfürsten Paul von Rußland, in dem inmitten uralter Eichen und Buchen idyllisch gelegenen Jagdschlößchen Wolfsgarten, sähe bei der Station Langen der Main-Neckar-Bahn. Im hiesigen Neuen Palais wurden den- ganzen Sommer über örtliche Veränderungen vorgenommen, die jetzt beendet find und auch das alte Schloß, deffen ganzes Aeußere gründlich renovirt ward, wird in kurzer Zeit völlig fertiggestellt fein, ve. Königl. Hoheit der Großherzog hält dort nur Audienzen ab und begibt sich dann gewöhnlich per Wagen wiederum nach Wolfsgarten. Auch die kleine Prinzessin besucht die Stadt häufig, und zwar um dem Hofmaler Kröh, der fie porträtirt, zu „fitzen". Einen Überall gern gesehenen Begleiter des Großherzoglichen Hofes verliert unsere Stadt durch den Wegzug Sr. Hoheit deS Prinzen Albert zu Schleswig- Holstein, der feit einer Reihe von Jahren als Offizier des Varde-Dragoner-RegimentS Nr. 23 hier lebte und nunmehr nach Berlin überfiedelt, um dort feine weitere militärische llnSbildung in der Kriegs Akademie zu erhalten. Als schneidiger Reiter hat der Prinz besonders die Ziele deS hessischen ReiterveretnS gefördert und selbst manchen Preis auf dem „grünen Rasen" am Kranichsteiner Jagdschloffe in heißem Kampfe errungen. Im Theater und in den Eoncert- säle« sah man ihn stets in der jovialsten und liebenswürdigsten Ürt mit den Offizieren der hiesigen Garnison verkehren, wie stellte es sich heraus, daß er sich in der Adresse geirrt. Zu seiner großen Ueberraschung erkannte er aber in dem ihm öffnenden hübschen Mädchen seine Jugendgesptelin, die er jahrelang aus den Augen verloren. Die Bekanntschaft wurde erneuert und der Skontist durfte mit Einwilligung der MajorSwittwe wiederkommen. Vorige Woche behob Frau v. Della Rosa 8000 fl. aus der Sparkaffe und händigte sie dem überglücklichen Mädchen als Mitgift ein. Und am letzten Sonntag war die Hochzeit." * Fatale Bestätigung. Studiosus (angeheitert): „Sag mal, liebes Cousinchen, komme ich Dir nicht heute ganz besonders, so ganz besonders frisch vor?" — Cousine: „Jo, so frisch vom Fasse." * Waflerscheu. Der Herr Wamperi ist heiser. Er geht zu einem Arzte und dieser verordnet ihm ein Gurgelwaffer. „Gurgelwaffer?" meinte kleinlaut Herr Wamperi, „könnten's denn nit a Gurgelbier verschreiben?" * Da« iudiScrete Karlchen. Lehrer (über die Pflichten der Kinder gegen die Eltern redend): „Karlchen, wenn Du des Morgens ausftehst, was hast Du zuerst zu Deinen Eltern zu sagen?" — Karlchen schweigt. — Lehrer: „Nun, waS sagt Deine Mutter deS Morgens zu Deinem Vater?" — Karlchen: „Alter, Du warst gestern wieder schön im Thran!" Verkehr, CanO* unö Vottswirthschaft. — Au de« Butterpreise«. Der'Hauptgrund der niedrigen Butterpretse liegt nach der „K. Z." einerseits in der Zuvielerzeugung durch die vielen neuentstandenen Molkereien, anderseits aber und wohl in der Hauptsache in der ganz auffällig starken Abnahme der Ausfuhr nach England. Nach amtlichen Nachweisen betrug nämlich die Ausfuhr von Naturbutter von Deutschland nach England in den ersten sieben Monaten deS Jahres 1893 123,164 Eentner, gleichzeitig 1894 105,601 Eentner und ebenso 1895 nur 86,616 Eentner, hat also, wie ersichtlich, ganz außerordentlich nachgelassen. Es ist daS um so erklärlicher, alS die Ausfuhr aller andern europäischen Länder dorthin trotz großer australischer Zufuhren stetig zugenommen hat. So betrug die von Naturbutter von Dänemark nach England in den ersten sieben Monaten des Jahres 1893 588,494 Eentner, 1894 670,772 Eentner, 1895 698,980 Eentner, und von Holland 1893 78.333 Eentner, 1894 85,332 Eentner, 1895 109,484 Eentner. Während also die Ausfuhr dieser Länder nach England nicht unbedeutend zuaenommen hat, ist diejenige von Deutsch and von 123,264 auf 86,616 Eentner, «Iso annähernd um ein Drittel zurückgegangen. Dänemark führt ungefähr acht Mal fo viel auS als Deutschlandl Wollen unsere Landwirthe zur Hebung der Butterpreise etwas thun, was wirklich Hilse verspricht, dann müffen sie sich nicht auf die Bekämpfung der Margarine, die der Landwlrth- schast viel mehr Nutzen als Schaden bringt, werfen, fondern sie müffen die Ausfuhr nach England wieder zu heben fuchen. Zunächst müßte ausgesorfcht werden, woran eS liegt, daß unser Absatz dahin so sehr zurückgegangen ist, und wenn der Grund dafür au6gefunben ist, bann muß banach gestrebt werben, baß er wegsällt. Nur aut biefe Weise wird eine bauernbe Genesung beS ButtermarkteS zu erlangen unb damit einem Theile unserer Landwirthe zu helfen sein. — !" Jawohl! Baue ich nur 5 höchstens 6 Eentner Getreide auf dem Morgen = V« Hectar, so werden die Productivnskoften allerdings nicht gedeckt; gelingt eS aber durch rationelle Anwendung geeigneter künstlicher Dünger die Erträge von 6 Eentner pro Morgen auf 12 Eentner zu erhöhen, mit einer Mehrausgabe von 12 Mk. für Dünger, so kostet dieser Mehrertrag von 6 Eentner nur 12 Mk. unb damit bleiben die Gesammtunkosten jedenfalls unter dem Verkaufspreise. Es ist dies so oft unb zahlcumätzig bar gelegt worben, baß c6 eigentlich unbegreiflich ist, daß man immer wieder derartigen Behauptungen begegnet. Man mache sich doch nur einmal Die Mühe, aus den vorliegenden Erntet abellen sich zu überzeugen, welch geringe Erträge an Körnern und Stroh vor oder ohne Anwendung von künstlichen Düngern, bei alleiniger Stallmistdüngung erzielt werden, gegenüber da, wo mit dem Stalldünger zugleich eine rationelle Anwendung von künstlichen Düngern Hand in Hand geht. Tie außerordentlichen Vortheile der Anwendung der künstlichen Dünger sind so in die Augen springend, baß eine Beschränkung derselben als außerordentlich schädigend für die gesammte deutsche Landwirthschaft bezeichnet werden müßte! — Ganz besonders gilt dies von einer Beschränkung der billigen und bewährten Kali- Phosphatdüngung bei Wiesen und allen Futterfeldern. Und daß wir mit diesem Uitheil nicht allein stehen, beweist am Besten ein Artikel in der amtlichen Corresondenz des „Bundes der Landwirthe", von der man doch sicher behaupten darf, baß sie nicht bie Interessen ber Düngerfabriken, Umbern biejenigen ihrer Mitglieder wie bet gedämmten brutschen Lanbwirthschaft im Auge hat. In bemklben heißt es wörtlich: „Die jetzige große Gelbknappheit in ber Land- wirthschast ist gerade auch im Düngerbezuge besonders zu spüren. Gar mancher Landwirth, der sonst nicht unbedeutende Mengen künstlichen Düngers angeroenbet hat, steht sich aus Mangel an Einnahmen gezwungen, wenig ober keine Dünger zu kaufen. Dies hat aber roicbet einen schäbigenben Einfluß auf bie gesammte Lanbwirthschaft, inbem habet beten quantitative Erträge erhebl'ch zurück- gehen." Dem haben wir nur hinzuzusetzen, daß der Nutzen der Anwendung geeigneter künstlicher Düngemittel seine Begründung eben in ber außerordentlichen Steigerung ber Erträge, also in bet Verbilligung ber Pflanzenproduction finbet; Rentabilität bet Wirthschaften ist bei beten Anwenbung nicht nur möglich, sonbern auch sicher zu erreichen! denn auch die vom LeibgardeRegiment zu Ehren des Scheidenden veranstaltete Abschiedsfeier zeigte, wie innig unb schön baß Verhältntß Sr. Hoheit zu dem Offiziercorps gewesen ist. Mit Beginn der Herbst-Saison hat auch der hiesige Journalisten' und Schriftsteller-Verein seine Thätigkett wieder ausgenommen. In der am vergangenen SamStag abgehaltenen Sitzung gab zunächst der Präsident, Herr Schriftsteller Hepp, bekannt, daß auch der hiesige Verein dem im Juli d. I. auf dem in Heidelberg statt- gehabten deutschen Journalistentag begründeten Verbände deutscher Journalisten und Schriftsteller beigetreten sei. Ueber das gemäß den Verbandsstatuten einzusetzende Schieds- und Ehrengericht referirte Herr Oberftlieutenant ®ab. Der gesellige Theil deS Abends brachte verschiedenartige Vorträge hiesiger Künstler, des Herrn Hofschauspielers Wagner, der Herren GünS, Adam und Musikdirektor Ackermann. Alle Veranstaltungen des jungen Vereins bewiesen, daß es ihm Ernst ist mit seinem Streben, dem auch die Früchte, die sich besonders in seinem außerordentlich kräftigen Aufblühen zeigen, nicht versagt bleiben. Im Großherzoglichen Hoftheater fand am vergangenen Sonntag zur Feier der 100jährigen Wiederkehr von Heinrich MarschnerS Geburtstag die Aufführung von des Componisten vieractiger Oper „Der Vampyr" statt. Gerade uns Darmstädtern war es, mehr vielleicht noch als vielen anderen deutschen Bühnen, eine Ehrenpflicht dieses echt deutschen Tondichters in Dankbarkeit zu gedenken, da gerade unsere Hofbühne in mehr als einer Beziehung zu dem Meister einst gestanden. Nicht unintereffant dürfte hier die Bemerkung sein, die Hermann KniSpel, der verdienstvolle artistische Secretär unseres Kunstinstituts, in einem Aufsatz über des Componisten Beziehungen zu dem Darmstädter Hoftheater macht: MarschnerS zweite Gattin Marianne, geb. Wohlbrück, war zur Zeit deS Großherzogs Ludwig I. eines der beliebtesten und befähigsten Mitglieder unseres Opernensembles. Auch der Librettist des „Vampyr", August Wohlbrück, der Schwager Heinrich MarschnerS, lebte in seiner Jugend hier in Darmstadt. Die Wiedergabe deS „Vampyr" am letzten Sonntag war in jeder Hinsicht würdig deS zu feiernden TageS, besonders Herr Weder, der bte Titelpartie fang, sowie die Damen Pewnh („Janthe") und Jungk (Emmy") ernteten rauschenden Beifall. Wenn auch der „Vampyr" noch lange nicht auf der künstlerischen Höhe steht tote z. B. ber „HanS Heiltng" desselben Componisten, so ist ber Direction bes HoftheaterS boch entschiebeu Dank zu wiffeu, baß sie bie Gelegenheit nicht vorübergehen ließ, uns mit ber Oper, bie ihres finsteren, bämonischen Stoffes halber von fast keiner Bühne mehr gegeben wirb, auf« Neue wiederum bekannt zu machen. Der Neubau der Technischen Hochschule am hiesigen Herrn-Garten ist jetzt soweit fertiggestellt, daß außer den schon seit einiger Zeit darin befindlichen Instituten nun auch daS Rektorat, daS Secretariat und die Bibliothek dorthin übergezogen find, sodaß mit Beginn des kommenden Wintersemesters der ganze Betrieb in seinem vollen Umfang im neuen Gebäude aufgenommen werden wird. Für die Einweihungsfeierlichkeiten sind die Vorbereitungen tüchtig im Gange, sowohl der Ausschuß der Studirenben hat alle Hände voll zu thun, als auch die Stadt Darmstadt rüstet sich, diesen für sie unb ihr Gebeihen wichtigen Tag toürbig zu begehen. Die Stabrverorbnetenverfammlung hat bie Ausschmückung beß Platzes aus ihre Kosten Übernommen unb außerdem dem Studentenausschuß 200 Mk. als Zuschuß zum Festcommerß zur Verfügung gestellt. Einem eon dit“ zufolge sollen indessen unter den stolzen Musenföhnen Stimmen laut geworden fein, die dieses Geld nicht angenommen haben wollen. Vielleicht besinnen sich die Herren noch. Unser Harten im Moder. Ein keck blickender Knabe, Schläfe und Hüsten mit Weinlaub urnkränzt, in der Hand einen vollen Weinbecher, so tritt nach uralter Vorstellung Freund Oct ober zu unS in den Garten. Der -Weinmond", wie ihn Kaiser Karl der Große an Stelle de- undeutschen „TomittanuS" genannt wisten wollte, will mit Froh- ftnn und Freude die schöne Jahreszeit beschließm: die köstlichste, die letzte unserer Früchte deut uns ihre Gabe, die des Menschen Herz erfreuen soll — den Wein. Und zu diesem Schluhfest des Herbstes will auch daS schon heimgehende Grün unserer Natur auf ihren trauten Baumgestalten, die uns noch unlängst Schatten und lachende Früchte spendeten, noch einmal wonnetrunken aufleben, noch einmal in glücklicher Erinnerung blüthenschwerer Frühlings- und farbenprächtiger Sommertage schwelgen: des Herbstes Abendionnenstrahlen sollen durch die prachtvoll brennenden Farben der Kronen spielen, die in den niederwtr- belnden Gold- und Purpurblättchen uns viel tausmd mal zum Abschied winken und grüßen. Und für wie Viele in Gärten und Weinbergen bringt diesmal daS finnige Schluhfest des Herbstes doppelte Freuden ' Was wir still erhofften, ist eingetreten: Königin Sonne hat im heiteren September das Scepter geführt, den schwellenden Früchten deS Weinstock» Zucker, Geist und Blume mit gütig segnender Hand gespendet. Wenn auch der Raum der vo:handenen Fässer der kühlen Keller- räume nicht völlig erschöpft — die Reife der Trauben ist das werthvollste Geschenk für Winzer und Freunde de» edlen Weins. Nur da, wo Kurzsichtigkeit den schlimmen Feinden und Krankheiten de» Weinstock» nicht wehrte, da war die Sonne machtlos; da blicken im allgemeinen Jubel unbefriedigte Gesichter finster drein. Wenn wir jetzt im Octobergarten die golden angrflogenen, zart 'bereisten Trauben des „weißen Gutedel" oder die tiefblauen de» „Sanct Laurent" behutsam vom Stocke schneiden und in das flache, laubbelegte Körbchen betten: was könnte uns die alte Reblaube dabei nicht alles erzählen! Kaum eine unserer Gartenpflanzen blickt auf eine so lange und ruhmreiche Vergangenheit zurück. Zu unserem Staunen würde die ehrwürdige Rebe un» mittheilen können, daß sie bei ihrer einstigen Einführung bei uns auS den sonnigen Küstenländern des schwarzen Meeres, die in graue Zeiten fällt, nicht Neuling unter unserem Himmelsstrich war! Schon einmal hat fie von dem Fleck, den unsere Muttererde auf der Erdkugel bildet, in sonnigen Zeiten, empor zum tiefblauen Himmel gesehen, hat ihre Ranken an uns fremden Zimmt- und Amberbäumen hinaufgeschickt, und ihre üppigen Trauben — eine Beute des riesigen Mastodon und Wanderer vorweltlicher Dickhäuter — in der Wärme tropischen Klimas gereift. Noch keine menschliche Sohle hat damals die Erde berührt; durch Hunderttausenbe von Jahren wohl hat sich seither unsere Erdkugel durch das Weltall gedreht: e» war in der Zeit der sog. Miocene der tertiären Gestaltungsperiode unserer Erde, lange vor dem sog. Diluvium, der EtSzeit! Hat man doch aus den kohligen Schichten des Mainzer Beckens dieser dahingesunkenen Periode die „vitis teutonica“ ausgegraben, eine erkennbare Traube, die einst auf der Urstammsorm aller Weinstöcke der Erde gereift! Mit der Flora der Tropen, mit bereit Thierwelt, ist auch der Weinstock bei uns wieder untergegangen, und es mag mit der Zeit der btblifchen Angaben stimmen, daß er erst — vom Erzvater Noah am Ararat angepflanzt — nach und nach von den nicht vereist gewesenen Ländern auf seiner Wanderung nach Westen gekommen. Noch heute zeigt man — nach E. Krause — beim Dorfe Arguri die Stelle, wo NoahS erster Weinberg gestanden haben soll. Nach griechischer Mythe hätte allerdings Dionysos den Wein — zugleich mit dem Ep"eu — aus Indien herbeigebracht. Nicht überall empfing becherfreudiger Klang den Einzug de» siegreichen Weinstocks: schon vor Mohamed, der den Wein verabscheute, ihn noch heute feinen Anhängern verbietet, stellten sich ihm Widersacher entgegen. Doch umsonst. Auch Domitians Verbot, belfelben gefürchteten römischen Kaisers, der dem „October" seinen Namen aufzudrücken befahl, konnte seinen Siegeszug nur verlangsamen, ihm keinen Einhalt thun: Die von den Römern in Gallien angepflanzten Reben fielen zwar, aber in den befreiten Th eil en Germaniens pflanzten und pflegten ihn deutsche Hände. Die grkßte Ausdehnung, und merkwürdiger Weife auch in den nördlichen Tbeilen unseres Vaterlandes, erreichte der Weinbau nach dem Jahre 1OOO; er hatte sich im späten Mittelalter bis nach Pommern und Ostpreußen erstreckt! Der Dichter Sabinus rühmt Weinberge in der Mark Brandenburg, die auf den Höhen an der Havel einen Wein hervorgebrachl, der ebensogut, wie der von WormS gemundet! Glückliche Zeiten! Heute ist der Weinbau örtlich viel eingeschränkter, denn ohne Zweifel haben in den letzten Jahrhunderten klimatische Veränderungen ftattgefunben; selbst in der heutigen Weinbauregion. Wo noch vor 100 Jahren an den nördlichen Bodensee- Ufern z. B. allenthalben, weit hinein ins Land, Weinberge gestanden, da ist oft auf meilenweit heut« keine Spur mehr davon vorhanden. Wiesen oder Ackerland bedecken die Siätlen, wo ein ft der fleißige Winzer sein Tagewerk vollbracht, wo die Weinlese im Herbst gejubelt. Nichtsdestoweniger wird heute wohl kaum weniger „Wein prc- duzirt", nur dürfen wir ihn — Gott sei's geklcgt — zum guten Theil nicht „Rebensaft" nennen. Solche erbärmliche Unterfchiebungen weist der edle Weinstock entrüstet von sich; er will auch fortan, wie in ältesten Zeiten, trotz aller Gefahren, die ihm die neuste Zeit, durch die tückische Laus, durch die schleichenden Pilzkrankheiten und die frechen Weinpantscher gebracht, sich nicht irre machen lassen — des Menschen Herz erfreuen. Und dcr Dank dafür ist ibm_ nicht blos im alten Holze der Rahmen kirchlicher Gemälde verkörpert, nicht in den ehrwürdig-schönen Holzschnitzereien, die seine Ranken darstellen, ja fie zum Stammbaum Christi erheben, sondern er ist auch eingegraben in Dolksherzen. Selbst wo kein Wein gebaut wird, entbehren die wenigsten Gärten und Gärtchen ihres Weinstocks, der so manche trauliche HauSwand schmückt und Jahr für Jahr, als treu r Freund der Familie, mit feinem anmuthigen Laub, mit seinen süßen Trauben, Jung und Alt erfreut. — Wir schreiten weiter. Die lichten Obstbäume sind fast alle leer. Die Früchte ruhen im Winterlager, oder gekeltert im Faß. Nur Kastanien in ihrer stacheligen Hülle winken uns noch vom Baume; im nahen Buschwerk die dunketrothen Kornelkirschen, die leuchtenden Vogelbeeren, der Krammetsvögel SchmauS, und die wenig gefeierte Mispel, deren Frucht durch die ersten Fröste gemürbt, dem jugendlichen Gaumen immerhin verführerisch genug bleibt. Ta» Rascheln unserer Schritte im welken Laub verscheucht einige Eichhörnchen vom alten Nußbaum, dem fie die letzte Habe an Sküssm plünderten: fie wollten sich beeilen, denn in nächtlicher Stille, wenn der Mond hinter den dunklen Fichten aufsteigt, suchen Heine Gesinnung-verwandte, die „Siebenschlä'er" ihnen die E bschaft streittg zu machen, ehe solche sich zum Winterschlaf hn a'ten Baumstumpf oder gar im verlassene» Starenkästchen zusammenrollen. Im Gemüse- und Blumengarten ist eS schon recht öde geworden; aber deS Gartenfreunds sorgende Hand darf nicht rasten. Wo den schrecklichen Verheerungen der KohlweißlingSraupm klug vorgebeugt worden, da sind jetzt gesunde KohlhLupter einzuheimfen Sie kommen mit ihren Strünken in ein Erd- oder Sandlager bet Keller» oder sonstigen WinterraumS, da» fie mit Peterfilienwurzel, Carrotten, Salatbeeten, Schwarzwurzeln, Lauch, Meerettig, Bleichsellerie und Endivien thetten. Nur WinterkrauSkohl und Rosenkohl halten noch die Wache im Garten, dessen sämmttiche abgeleerte Beete tief und grob umgegraben werden. Auf den Spargelbeeien wird bat dürre Kraut abgeschnitten und verbrannt. Gedüngt wird vor de» Umgraben da, wo Düngung im Bauplan de» nächsten Jahre» vor» zusehen; sonst nicht. Im Blumengartm, wo die letztm Kinder Florms mit de» ersten Frösten kämpfen, und noch und nach dahinsinkm, nimmt die sorgsame Pflegerin die Knollen der Lahlim, Giadiolm, Begonie» und de» Sauerklee» herau», um fie, gut abgetrocknet, einzuwintern. Die der Erde anvertrauten, den kommenden Frühling schmückenden Blummzwiebeln deckt fie mit Fichtenrei», das ebenso für da» bald nöthig roerbenbe Umlegen und Eingraben der Rofenhochstämme, Decfen der niederen Rosen u f w., bereit zu halten. Im Obstgartm können von jetzt an junge Bäume, auch Wein- tzöcke, gepflanzt rotrben; meist ist e» aber besser, die bezogene» Bäumchen bloß sorgfältig einzuschlaaen, und er ft tm Frühling zu pflanzen. — Die Topf- und Kübelvflanzen sagen ihren S mmer- piätzchen vor dem Hause, auf der Veranda, am traulichen Fenster. Lebewohl, und wandern dankbar in ihre Winterquartiere. Und hu» darf es draußen stürmen, regnen und frieren. Todt ist die Herbstnatur noch nicht; ja ein fröhliche» Blümchen hat auf die freudlose Zeit nur gewartet, um bei jedem Sonnenblick ein Lächeln de» Frühling» über die Stätten des Heimgang» gleiten zu lassen Ernsd Moritz Arndt hat eS besungen: „ES blüht ein schönes Blümelein, Das steht auf grünen Auen, Von innen und von außen fein, Gar lieblich anzuschauen. Bald bunt, bald roth und bald schneeweiß Ist eS deS Lenze» frühster Preis. DeS Herbste» letzte Freude." Wer rennt das tapfere Tausendschönchen nicht- Heinrich Frhr. Schilling. Bekanntmachung. Zur diesjährigen Ausführung der Ebelftiftung werden u. A. erforderlich und sollen auf dem Submissionüweg bezogen werden: ca. 25 fertige Anzüge für Knaben, 60 bis 80 Meter Stoff zu Winterkleidern für Mädchen, ca. 150 Meter Baumwollflanell bezw. Halbleinen zu Hemden. Leistungsfähige Geschäfte wollen ihre Angebote bis spätestens Samstag, den 19. October d. I. Abends 5 Uhr bei unserem Armenamte einreichen, woselbst auch die näheren Bedingungen, Stoffmuster rc. einzusehen find. Gießen, den 1. October 1895. 8225 Die Armen-Deputation der Stadt Gießen. Bekanntmachung. Wir bringen hierdurch zur Kenntniß der Interessenten, daß unsere Ai/zprocentigeu au porteur=CbIigationen bei sämmtlichen Bankiers dahier, sowie bei unserer Kasse zu pari zu haben find. Die Papiere sind in Stücke ä 50.— Mk., 100.- Mk., 500.— Mk. und 1000.- Mk. eingetheilt und die Verzinsung erfolgt halbjährlich am 1. Juli und 1. Januar. 7834 Gießen, am 18. September 1895. Baugenossenschaft des evangelischen Arbeitervereins zu Gießen, Eingetr. Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht. Doering, Director._________________Haas, Kassirer Grossh. Technische Hochschule zu Darmstadt. Abtheilnngon für Architektur, Ingenieurwesen, Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemie (einschliesslich Eleotrochemie und Pharmacie), Allgemeine Abtheilung linsbesondere für Mathematik und Naturwissenschaften). Curaus für Geometer l. Klasse, Winter-Cursns für Consolidations-Geometor und Cultur-Techniker. Staatsprüfungen vor dem Grossh. Prüfungsamto zu Darmstadt, Reichsprüfung für Pharmaoeuten, Diplomprüfung. Prüfung für Nahrungsmittel-Chemiker, besondere Prüfungen für Ausländer. Zulassung der Studirenden zu den Staatsprüfungen für Hochbau-, Ingenieur- und Maschinenwesen in Baden, Bayern, Braunschweig, Hessen, Preussen, Sachsen, Württemberg. Anmeldungen für das Winter-Semester bis 28. October. Einweihung der Neubauten 24. October. Beginn der Vorlesungen 28. October. Programme unentgeltlich und portofrei vom Secretariat gegen Einsendung von 20 Pfg. in Briefmarken. [8049] Oa* Kectorat. Erweiterte Handweikerschule zu Nidda. Beginn des Winterhalbjahres 1895/96 am 4. Nov. d. I , Vor mittags SV3 Uhr, Schluß Mitte März. Das Schulgeld beträgt 16 Mk. Anmeldungen sind bis spätestens 15. October an d-n unterzeichneten Hauptlehrer zu richten, an welchen man sich auch wegen Bezug von Schulprogrammen und etwaiger AuskunftSertheilung wenden wolle. Der Aufsichtsrath. Die Anftaltsleitung. C. Ringshausen, F. Meyer, 7474 Vorsitzender. Großh. Hauptlehrer. Geschäfts-Empfehlung*. Durch Engagement einer ersten Binderin bin ich in den Stand ge setzt, alle vorkommenden Arbeiten in der modernen feinen Bouquet- und Krauzbiuderei zu übernehmen, auch den weitgehendsten Ansprüchen Genüge zu leisten; und empfehle ich mich einem geehrten Publikum in bekannter reeller Bedienung bestens. Gleichzeitig bringe ich zur Saison meine Haarlemer Blumenzwiebeln in empfehlende Erinnerung. Friedrich Georg, 8211 Kunst- und Haudelsgärtnerei, Leltersweg 41. Großh. HkMe Ltaatskiskllbahnku. Verdingung der Anfertigung und Aufstellung von Einfriedigungen für die Neubaulinie Grünberg— Londorf. Die für Bauloos 1 erforderlichen 1615 Ifm Holzeinfriedigungen und 19< 0 Ifm Drabteinfriedtgunaen, sowie die für BaulooS II erforderlichen 1340 Ifm Holzeinfriedigungen und 2920 Ifm Drahtetn- friedigungen sollen tm Ganzen ober nach Loosen getrennt zur öffentlichen Verdingung kommen. Die Bedingungen sammt Zeichnung sind im Bureauztmmer Nr. 3 der unter, zeichneten Behörde in Gießen (Frankfurterstraße Nr. 64) oder tm Bureau der Neu- bauabthetlung III tn Grünberg (Gasthaus zum Englischen Hof) einzusehen, jedoch zu beziehen nur von der erstgenannten Behörde insgesammt gegen eine postfreie Einsendung von 1 v* 30 oder theil- roetfe gegen Entrichtung von 10 H für jeden Sktenbogen, bezw für jedes Acten- blatt, und von 50 für die Zeichnung. Angebote sind postsrei und unter ent» pichender Aufschrift an die unterzeichnete Behörde bi» zum Eröffnungs-Termin Samstag den 12. October d. I-, Vormittags 11 Uhr, einzureichen. Zuschlagsfrift drei Wochen. Großh- Baubehörde für Nebenbahnen tn Oberhessen. 7957 Montag den 7. Mdr. L I., Nachmittags 7>2 Uhr, im »Rheinischen Hof" zu Gießen werde ich öffentlich gegen Baar Der» teigem: ein russ. Billard mit Zubehör, ein vollständ. Bett (gut), einen zwetthür. neuen Kleider schrank. Versteigerung voraussichtlich bestimmt- 8245 «nget, Gerichtsvollzieher. Dienstag den 8. d. 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