Nr. 286 Der Heuer Auzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener P«»rrte»srälier werden dem Anzeiger «vcheutlich dreimal dei-elegt. Zweites Blatt. Donnerstag den '> Decembcr 189» Meßmer Anzeiger Kenerak-Mnzeiger. vierteljähriger ASounementspretsr 2 Mark 20 Pfg. mit vringcrlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg. Äcbaction, Expeditior. und Druckerei: Zch»lftrahe^r.7, Fernsprecher 51. Aintr- «nd Anzeigeblatt für den Aeeis GNtzen. ___________________ __ - — M chralisöeitage: chießener Jamitienötätter. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de« fefgmben Tag erscheinend« Nummer bi» Sonn. 10 Uhr. StL roullen daher mit Äufuellung dieser Auszüge, wozu Formular Ihnen k. H. zugehen wird, sofort beginnen und auf Grund derselben die nötbtgen Ermittelungen nach den Militärpflichtig n, soweit dies nöth'g ist, eintreten laffen, damit die Stammrollen so vollständig wie mijgl'ch demnächst vorgelegt werden können. Bei Anfertigung der GeburtSauSzüge wollen Sie mit größter Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit verfahren, damit Mtl'tärpflichttge nicht übersehen werden. Brsio^bene, deren Ableben zweifellos feststeht, sind nicht aufzunehmeu. Dr. Melior. — —----B ^L. <■ ♦ halle. 1. December. Mild erung beß Erlasses bett, das öffentliche Erscheinen mit frischen Schmissen. Dte durch den Erlaß des Rectors und Uni« verfitäisrtchters der hiesigen Hochschule, betreffend das Duell« wesen, hervorgerufene Erregung unter den hiesigen Stubiren- den hat sich gelegt, nachdem der Erlaß auf Ansuchen einer studentischen Abordnung bedeutend gemildert worden ist. Es ist hiernach nur verboten, daß sich die „Abgeführten" mit frischen Verletzungen öffentlich zeigen. Uebertretungen dieses Verbots ahnden be Verbindungen selbst- doch find auch dte Pedelle befugt, einzuschreiten. * einen Chec „jnm Ankauf ihrer Ausstattung" wird Königin Vic-oria der Prinzessin Maud zu deren 26. Geburtstage schenken. Der Cyec wird auf 100000 Pfd. St., daß ist auf 2 Millionen Mark, lau en. Dre Hochzeit der Prinzessin wird Ende Mai oder Anfang Juni in London unter großem Pomp gefeiert werden, da, wie das Hofblatt „Queen" mitrheilt, der Kaiser von Deutschland, der Zar und die Zarin und andere Fürstlichkeiten der Hochzeit beiwohnen werden. Uebrigenß werde auch die Ankunft Königs Humberts erwartet. Wegzuges nach Fulda gewaltet zu haben. Die Möbel, Haushaltungß'Vorräthe u. s. w. ließ sich Levi durch Fuhrleute nach Fulda bringen, und zwar auf dem nächsten Weg Über Reichloß, Hauswurz, Neuhof u. s. w. Einer der Fuhr- leute hatte etwaß schwer geladen, unterhalb Hauswurz an einem Berg gingen die Pferde zurück, der Wagen fiel über daß Straßeubanquet und sämmtltche Sachen auf das Feld. Erst nach gründltcher Reparatur des Wagens konnten die Möbel andern Tagß aufgeladen und die Weiterreise nach Fulda wieder angetreten werden. Ein ähnliches Mißgeschick widerfuhr der Familie Levi selbst. Dieselbe ließ sich am nämlichen Tage mittels Wagen von hier nach Lauterbach fahren, um dann von da aus die Bahn biß Fulda zu benutzen. Während der Einfahrt in Lauterbach ging das eine Vorderrad aus dem Wagen, die Achse wurde gebogen und zwei Federn zerbrachen. Die Pferde versuchten durchzugehen, wurden aber festgehalten, sodaß die Jusaffen des Wagens — acht an der Zahl — mit dem Schrecken davon kamen. n. ® üb in gen, 3 December. Der Vorschuß« und Creditverein dahier hat mit Wirkung vom 1. Januar 1896 an den ZnSsuß der Pasfivcapltalien folgendermaßen fest« gesetzt: 4% erhalten Mitglieder für Einlagen bis zur Höhe von 3000 Mk., N chtm'talieder bis zu 1000 Mk. Höhere Beträge werden mit 3* */2®/e verzinst. Allr Annoncen-Bureaur des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. totales rrnd provinzielles. n. Friedberg, 3. December. Heute bat die Actien- zuckerfabrik „Wetterau" die diesjährige Campagne beendet, während sie im vorigen Jahr biß in den Februar zu tvun hatte. Den Arbeitern, welche sich dadurch früher alß sonst nach anderer Arbeit umsehen müsfin, soll eine Ent schädigung dadurch gewährt werden, daß ihnen für jede Sch'cht, glechviel ob Tag« oder Nachtschicht, eine besondere Bc Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des GroßherzogtbumS. Das Großherzogliche Kreisaml Gießen sm Mt Wrotzh. BürgermtMerebe« bei Kreise-. Durch Entschließung Großh. Ministeriums dcs Innern Mnb der Justiz vom 26. November l. I. ist dem OrtSvorstand zu BtebeSheim gcftattet worden, nut dem am 3. März k. I. zu B'eb-sheim statiftndenben Zuchtviehmarkt eine Ver- loosung von Zuchtvieh zu verbinden unter der Bedingung, baß nicht mehr als 10,000 Loo e zu 1 Mk. baß Stück auS' gegeben werben dürfen und mindestens 70 pCt. des Brutto- ErlöfeS aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinn- Gegenständen zu verwenden sind. v. Ga gern. Gießen, den 30. November 1895. Betr.. Das Elfatzgeschäst pro 1896- hier: Ausstellung der Stammrollen. Der Civiliwrsitzende der Großh. Ersatz-Commission Gießen an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises. Nach dem Geiktz vom 3. November 1875 (Reg.-Blatt Nr. 52 von 1875) über die Beurkundung des Personenstandes, welches am 1. Januar 1876 in Kraft getreten ist, sind die Stamm'ollen künftig und zum ersten Mal im Jahre 1896 auf Grund der Auszüge ans den Geburtsregistern, welches Sie in Ihrer Eigenschaft als Standesbeamte zu führen haben, auszusteü^n. Feuilleton. Verschiedene Quartiert. Kriegsbilder von jetzt nnb damals. Bon Moritz von Berg, Verfasser der „Manenbriefe". (6. Fortsetzung.) Die Conversation ist ja in Frankreich vollständig eine Studie geworden, und in der Causerie und Flirtation, in der oft viel Esprit entwickelt wird, sind die Menschen dort unS entschieden über. Man kann sich daher denken, daß ich all meinen Humor zusammennehmen mußte, um diesem reizenden Mädchen gegenüber schlagfertig zu bleiben und nicht etwa durch Verfehlen einer geeigneten Erwiderung gar von ihr abgeführt zu werden. Wer das einer Französin gegenüber Nicht kann, der wird ridicnl und die Egenschost verachten sie mehr, als die betise, die doch auch nicht gerade hübsch ist. — Genug, es war ein Wonkrieg, der mir unendlich viel Reiz bot. ÄlS eß mir gerade gelungen war, meinem süßt» vis-ä-vis eine Antwort zu geben, auf die sie nichts mehr zu erwidern wußte, sondern die lieblichen Angen niederschlug, da sagte schmunzelnd der Papa: „a monsieur est Connaisseur“, Alice aber bot mir die Hand und flüsterte: „Heia monsieur, nous sommes quel- quefois des adversaires, mais jamais plus des ennemis.“ Man versetze sich in meine Lage, dann wird man die Gluth verstehen, mit welcher ich diese lieben gegnerischen Hände ergriff, sie wiederholt an meine Lippen führte, dabei leise flüsternd: „jamais.“ Der Frühstückßtisch wurde nun aufgehoben, wir verließen daß Boudoir durch eine Thür za der Veranda, die nach dem Garten hinaus lag. Madame ergriff hier, im kleinen Gartenseffel zurückgelehnt, ihre Filetarbeit, Monsieur ging mit der Entschuldigung hinaus, ses affaires zu erledigen, Alice aber schlug mir eine Promenade durch den Park vor, um mir ihren Lieblingsplatz am Ufer der Marne, daß Belvedere und ihre Blumen zu zeigen. Wie froh ich hierauf eicging, läßt sich denken. Und so wanderten wir denn in den Garten hinaus, gefolgt von Mignon, der seitwärts schielend, mich mit eifersüchtigen Augen betrachtete. „O Welt, wie bist du so wunderschön," so jauchzte mein Herz. — Ein blauer, klarer FrüvlingShirnmel über uns, der Duft von tausend erwachten Biüihenknospen um uns, Jugend und Fröhlichkeit in unß und sie an meiner Seite, kann Poesie und Träumerei etwas Schöneres zu erdenken vermögen? Ein großer Strohhut schützte daß liebliche Gesicht vor den Strahlen Der Sonne, die blauen Augen blickten leuchtend unter ihm hervor, und wenn sie die meinen trafen, bann stieg ein Ecröthen in ihren Wangen auf, daß sie bezaubernd machte. Ihre kleine Hand streifte bet dem Gehen leise dte meine. Genug, es war ein Tag, an dem man fühlen konnte, daß wir hier auf E>den bisweilen Himmelsseligkeit empfinden können. Wer sich nicht in meine Lage versetzen kann, der ist niemals jung gewesen und hat niemals Jugend und Liebesglück gefühlt. Und so gingen wir Seite an Seite auf den schmalen Parkwegen dahin. Der Weg hatte sich allmählich gelenkt, schattige Alleen, duftende Blumenbeete, ein Wafferbcckcn mit dem silbernen Strahl der Fontaine hatten wir hinter unß gelassen, der Park war plötzlich in einen dunklen Laub wald übergegangen. Wir stiegen einen Hügel hinauf, dessen Gipfel hohe Buchen krönten, durchschritten ihr grünes Dunkel und hotten bet dem Heraußtreten etn wunderlteblicheß Land- schaftßbild vor unseren fast geblendeten Augen. Auf der Höhe beß Flußuserß, das ftetl unter unß biß zum Wasser htn abfiel, stand ein Pavillon auf zierlichen Säulen erbaut, daß Belvedere, von dem Alice mir gesagt. Auf einer kleinen in demselben ausgestellten Gartenbank, die kaum Raum für zwei Personen bot, nahmen wir Platz und schauten zusammen in Gottes schöne Welt hinaus. „N’est ce pas, c’est bien beau?“ jauchzte Alice, und wohl war daß Bild, welches sich unseren Augen bot, entzückend. Hoch auf dem steilen Marneufer lag der kleine Lug' tnß Land, die Weinberge traten rechts und links auf beiden Ufern bis dicht an den silbernen Strom heran, in denen Arbeiter unter lustigem Gesang dte Weinranken an den Stöcken besesttgten. Auf dem entgegengesetzten Ufer lag in einiger Entfernung Epernah, dessen weiße Häuser, am Ufer aufsteigend, sich klar von dem dahinter gelegenen dunkle» Buchenwalde abhoben. Es war ein mir unvergeßliches Bild. Der Frühling hatte seine farbigen Tinten auf baß Grün der Wälder gestreut, der Duft von tausend Frühlingsblumen durchzog dte milde Luft und die Rosen blühten. Unter uns aber zog langsam ein Schiff stromauf, seine weihen Segel glänzten im Sonnenlicht wie die Flügel eines Schwanes, und die Schiffer darin fangen, während sie langsam die Ruder in die silbernen Wellen tauchten, ein bretagnescheS Bild. Was waren die Wunder dieser schönen Natur aber alle im Verein gegen baß Glück, baß in meinem Herzen erblühte, »aß waren sie gegen baß Licht, das aus den Augen meiner lieblichen Nachbarin mir entgegenftrahlte? So saßen wir eng aneinandergeschmiegt w:e zwei Vögel im kleinen Nest, auf dieser steilen Uferhöhe, und sahen weit in baß Land hinaus. (Fortsetzung folgt.) Feuilleton. ynjtr Garten im Dkrember. »Wird- wohl nun endlich Winter werden? Ich kriege meine B.Stier gar nicht loS!" sagte der Goldregen zum Schneebeerenstrauch, der mit schneeweißen Beeren völlig überschüttet dastand; fast so kokett wie eine aufblühende SptrLe im Frühsommer. „Nun, ich sollte meinen, Zeit wärs, und siehst Du, da droben: Das Rostfüchschen schnüffelt ja fleißig nach Nordosi!" jfojg Leide bltditn hinauf nach dem bemoosten Ziegeldach deS alten schiefen GerälhehäuSchens. Da knarrte auf der einen Gtebelfeite eine rostige Windfahne, deren in kühnem Zipfel endende Fläche den Ausschnitt eineS munteren Füchsleins trug. DaS sah keck hinaus über dle Gartengrenze, durch das kahle Birk-nwäldchen, über die kleine graue Heide und die leicht grünenden Winterfluren. Nicht so der kühne Zipfel, der wehmüthtg nach der entgegengesetzten Richtung starrte. Dort auf der anderen Glebelspitze stand bloß noch ein verbogener eiserner Stumpf; der furchtbare Nsvember- sturm hatte unlängst die ZwtllingSsahne, die treue Gmsssin eineS halben Jahrhundert«, herzlos heruntergerissen, in den nahen Teich getragen! Jetzt setzte der Wind kräftiger ein, ein Flüstern lief durch die Sträucher, der Goldregen schwankte befriedigt, und wie in leisen Heisern Aeolstönen zogs klagend über des Häuschens Dach: „Die Heide ist braun, einst blühte sie roth, Die Birke ist kahl, grün war einst ihr Kleid; — Einst ging ich zu zwei'n, jetzt geh ich allein; — Weh' über den Herbst und die lieblose Zett! O weh, o weh, Weh' über den Herbst und die lieblose Zeit!" Der Garten hörte eS, die welken Farne schauerten; still nickte die Heimgegangene, starre Sonnenblume und die düstere Weymuths- ktefer seufzte tief auf. Da klang es plötzlich ganz fidel, in tausenden silbernen Sttmmchen vom grünen Moosdach: „I, Unsinn, jetzt wtrds erst toön! Stoßt an, der Schneefloh soll leben!" Und, wie in lustiger Verwahrung gegen die heisere Elegie der Wetterfahne, schwankte e« auf vielen Hunderten der grünen MooSpolster, die wie prächtig sammtene Nadelkissen dastanden, durcheinander. Wie ein Wald chinesischer Laternen tanzten da im Wind langgesttelte komische Apothekerdüchschen; allenthalben flogen Mützchen in die Höh, und wie im leisen Knall ltltputaner Ziehbonbons streuten sich Millionen winzigster grüner Kügelchen, als Festzuckerwerk, umher. Und der geladene Gast Schneefloh verbeugt sich mit artiger Grandezza, klappt seine Sprunggabel ein und Heidt! führt er, sich dreimal überschlagend, feinen grotesken Luftsprung aus, den ihm kein Harras, kein Ritter von Nenroff, nachmacht. „Und solche „Sperenzchen" jetzt im öden Wintergarten?" meint der freundliche Leser, etwas mißtrauisch. Jawohl! und des Jnter- esfanten noch viel mehr, gerade in unserem bisher so milden Winter: freilich nur für den, der sich mit Liebe in das verborgene Treiben der kleinen Wunderwelt unseres Gartens zu vertiefen weiß. Was hier auf dem alten Ziegeldach vor sich ging, das findet an frostfreien, trockenen Tagen in millionenfacher Wiederholung an vielen Mauern, an Stämmen und Arsten der meisten Bäume statt: die „Fructifi- catton" unserer „Astmoose", die wir, hinreichend, freilich nur mit dem Mikroskop beobachten können. Fast noch erstaunlicher treibt eS das Ledermoos, die sogen. „Baumkräße". Ich kann hier leider nicht näher darauf eingehen; Ich habe an anderem Ort*) diese flehten Wunder deS Garten- mit zahllosm andern, der wißbegierigen deutschen Jugend und den Freunden der Natur zu enthüllen versucht. Der gefeierte „Schneefloh", das müffen wir noch binzusügen, ist ein winziges Jnsect, Degeeria nivalis, da- zu den Podnren oder Springschwänzen gehört, etn harmloses Kerlchen, da- unteren Garten, in vielen Hunderttausenden das ganze Jahr belebt. Selbst in EiS und Schnee, wenn die ganze Jnsectenwelt verschwunden, erstarrt, erichetnt, da „wuselt" es in lustiger Gesellschaft auf den Baumrinden einher, als flinker, liebenswürdiger Schwerenölher und bekräftigt feinm unverwüstlichen Humor durch die gewagtesten Luftsprünge. „Schnärr!" „Schnärri" kreischt eS plötzlich durch die kälter werdende Luft. Vom alten Birnbaum streichen ein paar gescheckte Vögel ab, hinüber zu den nahen Birken. DaS „Judasohr" — ein häßlicher PUz — am Hollunderstamm htnterm alten Häuschen hat sie vernommen und schreit ihnen, die Hand am Mund, mit hämischem Spott die alten zoologischen Witzworte nach: „Turdue sibi ipse malum cacatl- Frei übersetzt: „Die Droffel pflanzt sich selbst ihr Unglück!" „Huidteb, Hohüa — Credit, Eredit!" schallt der kurze Drosielschlag zu ihm herüber: „Nein, alter Blutsauger, daS mag nächstens bet Dir zutreffen — auf den Leim gehen wir nicht mehr!" dann werfen sie sich in zänkischem Geflatter in die Btrkenkronen. Ja, aber galt denn das hier: „Die Birke ist kahl, grün war einst ihr Kleid!" Alle Wetter! Nein! Da hatten ja, und gerade von den schmächtigsten Bäumen, der und jener, ganze Schöpse und üppige Büsche auf den Zweigen; die prunkten im schönsten, saftigsten Grün, ja trugen sogar Beeren, wie weißliche Perlen! Sollten denn die Birken, durch den milden November verlockt --Gott bewahre, freche Mistelbüsche find-, die da schmarotzen, und allein ihren Beeren gilt der Besuch der Drofieln. Wie unartige Kinder, die den preisgegebenen Wethnachtsdaum plündern, sollen sie streitsüchtig über die Büsche her, brechen von den ledrtgen Zweigen ab, reißen die Beeren herab, die sie mit hastiger Gefräßigkeit verzehren, sodaß ihnen die zähen Leimfäden an den Schnäbeln herunterhängen. Sie schlucken zwar die ganzen erbsengroßen Früchte, aber nicht aus die Kerne, die sie nicht zu verdauen vermögen, sondern aus das gallertartige Fletsch haben sies abgesehen. „O daß sie mir den ganzen Jammer doch mit Stumpf und Stiel heraushackten!" klagt die arme Birke, und „Vorgesehen, Herrschaften!" bittet ihre gesunde Nebengenossin! „Ach, nun verstehen wir den zoologischen Witz!" sagen gewiß viele Leser: „Das ist die Misteldrossel, die den Samen weithin, auf andere Bäume verträgt und au8 der zähen Gallerte der Beeren und Stengel machten, und machen wohl noch, die Vogelfänger den Voaelleim der Letmruthen, womit sie auch die Misteldroffel fingen!" Sehr richtig; so ist eSl Gottsetdank haben dieser Schinderei der Singvögel die Gesetze einigermaßen einen Riegel vorgeschoben. Die Mistel, dieser frech und blutsaugerisch schmarotzende „Gtftbaum" auf dem gesunden Ernährungsleben so vieler deutscher Bäume, Ist wohl überall bekannt und leider noch zu viel geduldet. Sie gehört zu ben Loranthaceen, die in ihrer astatischen Heimath (auch im tropischen Amerika) unter gletßnertschem Prunken mit farbenprächtigsten Blüthen ihr schmähliches Handwerk treiben. Alle diese *) »Durch des Gartens kleine Wunderwelt", Frankfurt a.D. 1890. I Parasiten ringen nicht in mühvoll ehrlicher Arbeit dem Boden ihre Nahrung ab, sondern sie mästen sich mühelos, durch schmarotzend«, I Aufsitzen, vom sauer Erworbenen ihrer Opfer, die sie langsam aber sicher, durch Ausiaugen zu Grunde richten. Die Mistel (vhcum album L.) ist bei un8 die einzige Vertreterin dieser schamlosen Pflarzenfippe; in Böhmen, selten auch in Sachsen rc., sinken wir noch eine etwas größere Genossin, die Riemenblume (Loranthus europaeas L.), die aus Eichen schmarotzt. Eine merkwürdige Geschichte ist es mit der Keimung der Mistel. Die ehrlichen Pflanzenfamm senden ihr Ketmwürzclchen fiele nach unten, e8 folgt dem Gesetz der Schwere. Beim Mistelsamen ist da« nicht der Fall. Mag dieser auf, unter, oder auf der Seile eine« AsteS rc. kleben: der Keim nimmt stets die Richtung nach aufcen, um sich dann gegen feine Basis zu krümmen. Beim Reimen verlängert sich daS Würzelchen, welches am Ende einen Knopf trägt, gegen de» Ast; erst bann treten auS bem Knopf bie eigentlichen Würzelchen hervor, um mit Gewalt in bie Rinde einzudringen. DaS Blatt- febereben fängt erst nach einem Jahre an sich zu verlängern. Rach Oken ist es nicht baS Leben be§ AsteS, welcher bas Würzelchen an- zieht. Sitzt btr Same auf tobtem Holz, auf Stein, GlaS oder Eifm u. f. w., so beginnt er fe ne Reimbaut genau wie am lebende» Ast, stirbt erst, wenn et absolut nichts mehr zu schmarotzm findet: auch auf bet nahrhaftesten Erbe stirbt er lieber, als die ehrliche Arbeit bet Selbsternährung auS ber Krume zu beginnen. Bei der keimenden Mistel ist eigentlich der Samenlappen befestigt: die Keimwurzel ist besten Stengel, ber feine eigentliche Wurzeln in die Saft- lettungSgefäße des Opfers sendet. Die Mistel kommt auf etwa 50 Arten deutscher Laub- und Nadelhölzer vor, leider auch raf unseren ObfihSumen, namentlich Apfel- und Birnbäumen. Es ist jetzt die beste Zeil, die nichtswürdigen Blutsauger von diesen Bäume» zu entfernen. Aber ein bloßes Abschneider, nützt gar nicht-; wo <6 immer ausführbar, bleibt nur ein Radicalmtttel, nämlich den befallenen Holzt heil zwei Händebrett unterhalb der Mistel gegen bat Stamm gänzlich abzusägen, nicht näher, da die Saugwurzeln der Mistel im Holztheil fast soweit fortlaufen, und jeder bleibende Wurzeltheil neue Sprossen bildet. Begreiflich ist et, daß sich um diese nichtswürdige Pflanze schon seit dem grauen Alterthum ein Nimbus von Sbente»erl«che«, Phantastischem wob. Schon die Edda raunt davon. Weniger te greiflich tst8, daß die sonst so praclischen Engländer, auf römisch- keltische Gebräuche fußend, dem schändlichen Gewächs die Ehre a»- thun, es zur gefeierten Wethnachttzpflanze zu erbeben, ohne bie et feine echte Weihnachtsfeier giebt; noch mehr, baß es habet gerade etwas verblühte Schönen sind, die sich unter dem Mistelbusch gern aushalten! So schwur eS wenigsten- unlängst ein Renner Albion«. Sei dem wie es wolle: wir Deutschemtßachien a letz Schmarotzende und loben uns bas treue, ehrliche Fichtenbäumchen. Noch stkhen Tausenbe in Wald und Park, gegenwärtig ihr junges Leben zu laste», das hohe Fest ber Christenheit mit würzigem Dust, umstrahlt vom Lichterglanz zu verschönern, unb burchs trauliche Fenster auch einen ©trabt ber Freube in ben dunklen stillen Decembergarten zu schicke». Er soll bann allen schlafenben Samenkörnlein und schlummernde» Thierchen verkünden: schon hat die Sonne ihre drei Freudensprünge gelhan, daS Zeitenrad rollt, trotz Schnee- nnd Eisgefilde, hinüber auf die neue Bahn, unaufhaltsam durchs Nebeftha', an beste» fernen Horizont ein leise« Rosenrolh flimmert — ber Widerschein eineS künftigen Frühling«! Heinrich Freiherr Schilling Neuheiten in KMInmn, ßänbtrn, Spitzen, Gcharpe- in Seide unb Chenille, f«buben, Spitzenkragen unb Schleife« empfiehlt zu biutglien Preisen 10047 A. Fangmann, Vutzaztzofstratze LV._____ Gegen Feldmäuse! Strychninwcizcn, Phosphorpillen, gegen polizeilichen Giftschein jm habe» in der Adler-Drogerie, Seltersweg 39, Otto SehaaL 9947 Bekanntmachung. In dem Firmenregister des unterzeichneten Gerichts wurden folgende Einträge vollzogen: A. Neue Einträge 1. Kaufmann Georg Herdordt in Gießen betreibt feit dem 11. November 1895 zu Gießen unter der Firma „G. Herbordt" ein Colonialwaarengefchäft; 2. Kaufmann Löb Süß in Gießen betreibt feit dem 15. Juli 1894 zu Gießen unter der Firma „L. Süß" eine Schuhhanblung; 3. Johannes Hillgärtner in Allendorf a. d. Lumda betreibt feit dem Jahre 1892 zu Allendorf a. d. Lumda unter der Firma „Johannes Hillgärtner" einen Spezerei- unb Ellenwaaren-Handel. B. Veränderungen und Löschungen 1. Aus der zu Gießen bestehenden offenen Handelegefellfchaft, „Johann Spies & Comp.", ist der Theilhaber Schirmmacher Johannes Spies in Hintermeilingen, Kreis Limburg, mit Wirkung vom 1. September 1895 ausgeschieden. Der alsdann noch verbliebene Gesellschafter, Kaufmann Sally Flörsheim in Gießen, hat den Moses Levi von da als Gesellschafter angenommen. Diese führen da« Geschäft unter der seitherigen Firma weiter und ist jeder derselben zur Zeichnung der Firma berechtigt. 2. Die Firma „W. Schuchard" zu Gießen erhielt mit Wirkung vom 31. October 1895 die neue Bezeichnung W. & G. Schuchard. 3. Adam Scheyba Ehefrau, Auguste geb. Frohnhäuser, in Gießen hat für die Firma „Brühl'sche Universitäts-Buch■ und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda)" zu Gießen Procura erhalten; . Julius Euler von Gießen, Theilhaber der zu Gießen bestehen- dm offenen Handelsgesellschaft „Andreas Euler" ist verstorben. 1 Genehmigung der Erben des Letzteren führt der andere Theil» baber, Philipp Euler zu Gießen, da-Geschäft unter der seit- \ rrigen Firma als Einzelkaufmann weiter. Activen und Passiven des Geschäfts hat Philipp Euler übernommen; 5. Conrad Dietz Ehefrau, Marie geb. Faß, zu Gießen hat für die Firma „Conrad Dietz" Procura erhalten; 6. Fritz Scharmann von Gießen, Inhaber der Firma „Fritz Scharmann" ist verstorben. Das Handelsgeschäft ist auf den Uhrmacher Carl Stöver in Gießen käuflich übergegangen, welcher es mit Zustimmung der Erben des früheren Inhabers unter der Firma „Fritz Scharmann Nachfolger" weiter führt. Activen unb Passiven bes Geschäfts hat der neue Inhaber nicht übernommen. 7. Die zu Gießen unter ber Firma „Gebrüber Mayer" betriebene Wetnhanblung ist auf ben Kaufmann Karl Küchel, wohnhaft zu Gießen, mit Wirkung vom 10. October 1895, käuflich über» gegangen. Dieser führt bas Geschäft mit Zustimmung der früheren Inhaber unter ber seitherigen Firma unb zwar als Einzelkaufmann weiter; 8. Die Firma „Heinrich Huhn" zu Gießen ist erloschen; 9. Die Firma „Franz ©erhöbe" zu Gießen ist erloschen; 10. Die Firma „A. Schultheis jun." zu Gießen ist erloschen; 11. Die Firma „Theobor Schmidt" zu Gießen ist erloschen. Gießen, am 3. December 1895. 10124 Orohherzogliches Amtsgericht _____________________Neuenhagen. Atelier für Portruttsmälereü tportrait« in Oel und Kreide in künstl. Ausführung nach Karlsruher Schule. A»ch Unterricht. Otto Frit», Kunstmaler. Atelier hau- «oettzestratze 44. Spar» und gdfefaffe Gießen. Bei ber unterzeichneten Kaffe werben im Monat December an jebem Dienstag, Mittwoch, Donnerstag unb Samstag Zahltage abgehalten, mit Ausnahme Dienstags ben 10. December, an welchem Tage ber Zahltag ausfällt. Die Einleger werden ersucht, an ben oben bezeichneten Tagen bei ber Kaffe zu erscheinen, ihre Bücher vorzulegen unb bie Zinsen in Empfang zu nehmen, ober betreiben zu lassen. Zinsen, welche bis zum 1. Januar d. I. nicht erhoben, oder beigefchrieben sind, werden den Einlegern ohne Weiteres in den Büchern der Kasse zugeschriebeu, und vom 1. Januar an verzinst. Es brauchen hiernach alle diejenigen Einleger bei der Kasse nicht zu erscheine», welche nur Zinsen beischreiben lassen wollen, dieses kann vielmehr ganz gelegentlich im Laufe des nächsten Jahres erfolgen. Gießen, 29. November 1895. Spar« unb Leihkaffe Gießen. 10003________________Doering. Vergebung von Bauarbeiten. Bekanntmachung. Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß unsere Gerichtsschreibereien für bie Rechlsuchen- den täglich mit Ausnahme ber Sonn» unb Feiertage von Vormittags 10 bis 12 Uhr geöffnet sind. Wer dagegen, ohne vorgeladen zu fein, einen Richter sprechen will, hat sich hierzu Mittwochs — Vormittags — einzufinden. Gießen, ben 2. December 1895. Grobherzogliches Amtsgericht. __Langermann. 10123 Aufforderung. Die unbekannt wo abwesenben 1) Emil trenfmann, 2) Hermann Dietz. 3) Anna Peth unb Maria Peth, 4) Peter Schandna, sämmtlich früher in Gießen wohn haft, werben aufgeforbert, etwaigen Widerspruch gegen Löschung ihrer in unserem Firmenregister eingetragenen Firmen binnen drei Monaten schriftlich ober zu Protocoll ber Ge richtsschreiberei geltenb zu machen, widrigenfalls die Löschung von Amts- wegen erfolgt. Gießen, den 3. December 1895. Großherzogliches Amtsgericht. _______Neuenhagen. 10125 Scheuertücher, giue Qual., 90 cm groß IN Psg extra schwere Dualität 28 Pfg 1 C. Röhr & Co. Die zur Instandsetzung des Vicinal- weg- Reiskirchen — Winnerod in Gemarkung Lindeustruth erforderlichen Arbeiten unb zwar: veranschlagt zu JL Erb - unb PlanirungS» arbeiten .... 745.45 Chau sirungsarbeiten . 900.— werben im Submifsionewege vergeben. Offerten sinb bis Dienstag den 10. Decbr. l.J., Vormittags 9 Uhr, im Amtszimmer des Unterzeichneten, woselbst Plan, Voranschlag unb Be- bingungen zur Einsicht offen liegen, einzureichen. Gießen, am 2. December 1895. Der Kreisingenieur: ____________Stahl.________10127 Aechte §tz>ürnberger Lebkuchen billigst bei Gebrüder Adami, 9982 Mäusburg 14. BackMIMen zur feinen Bäckerei in vorzüglichen Qualitäten zu billigsten Preisen empfiehlt 9900 Ph. Herrmann, Seltersweg 33. Reue Mandela, „ Rosinen, •» Coriuthe«, „ Citronat, „ Orangeat, Citronen, Haselnüffe, ff Haselnußkerrie, ff Wallnüsse, ff Maronen, sowie alle 10004 Wackzuthaten empfehle in bekannter Güte billigst. August MolL vaanvoyur. 61 TtUWow 101. (6102] Lewis Wittich II. Glatten. 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