1893 Mittwoch den 4. Deccmber Zweites Blatt Nr. 285 Amts- und Anzeiseblatt für den Areis Gieren. Gratisbeilage: Gießener Aamikienökatter. Alle «nnoncen-Bureaux deS In« und Ausländer nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den hkgenden Tag erscheinenden Nummer dir vorm. 10 Uhr. Die Gießener Jamitieaöläller werd« dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Der -ießener -nzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags Bringcrlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Nedaction, Expedition und Druckerei: -chnlstraße Ar.7. Fernsprecher 51. Kretzener Anzeiger Kenerat-Mzeiger. Zur Erinnerung an die Kämpfe bei Orleans, k^gvor nun fünfundzwanzig Jahren sind in den Tagen vom 2. bis 5. December im deutsch-französischen Kriege außerordentlich wichtige Entscheidungskämpfe geschlagen worden, welche zwar nicht so glänzend hervortraten wie die RuhmeS- tage der deutschen Heere bei Wörth, Sptchern, Gravelotte und Sedan, aber dennoch die große Bedeutung hatten, die ganzen bisherigen so ruhmreichen Erfolge der deutschen Waffen in Frankreich zu sichern. Der glänzende Patriotismus der Franzosen und der glühende Feuereifer deS Dictator- Lson Gambetta hatte, obwohl die kaiserlich französischen Heere total zerschmettert worden waren und die letzten französischen großen Vertheidi- gungSplätze Paris und Metz von den deutschen Truppen in eiserner Umschließung gehalten wurden, dennoch den tollkühnen Plan auSgeführt. im Südwesten Frankreichs bei TourS und Orleans eine neue große Armee zu bilden und mit derselben die bedrängte Hauptstadt Paris zu befreien und den Feind zum Rückzüge zu zwingen. Angesichts der coloflalen Niederlagen, welche die Franzosen erlitten hatten und welche die Bildung eines neuen Heeres erschweren mußten, hielt man anfänglich im deutschen Hauptquartier die Lage im Südwesten Frankreichs nicht für besonders bedrohlich, schickte aber im Oclober, als man erfahren hatte, daß sich französische Truppen bei Orleans sammelten, doch daS erste bayerische Armeecorps und die 22. preußische Division unter dem Oberbefehle des tapferen bayerischen Generals von der Tann nach Orleans. Der General von der Tann löste zunächst seine Aufgabe glänzend. Er schlug am 10. October die Franzosen bei Artenah und erstürmte am 11. October Orleans, wobei er allein 3000 Franzosen gefangen nahm. • Einige Wochen war nun dort kein Feind sichtbar. Aber aus einmal wuchsen neue französische Bataillone in jenen Gegenden förmlich aus der Erde. Der unermüdliche und in seinem Patriotismus geradezu fanatische Dictator Gambetta hatte durch glühende Reden wie durch furchtbar strenge und rücksichtslose Aushebungen bei TourS in fabelhaft kurzer Zeit ein neues Heer in der Stärke von 150000 Mann gesammelt. Diese große Loire- Armee marschirte unter dem Oberbefehle des Generals Aurelle de PaladineS direct gegen Orleans, griff mit fünffacher Ueber- macht die durch Strapazen und Krankheiten Überdies sehr geschwächten Truppen des Generals von der Tann bei koalmierS an und nöthigte sie Milte November zum Rück zuge. Orleans wurde nun das Hauptquartier der großen französischen Loire-Armee, welche schon am 27. November, angeseuert von dem damals siegestrunkenen Gambetta, ihren Vormarsch aus Paris begann. Die Situation erschien damals für die deutsche Sache sehr bedrohlich. Aber inzwischen war die seit dem 27. October durch die Uebergabe der Festung Metz frei gewordene zweite deutsche Armee unter dem Prinzen Friedrich Karl mit der Ausgabe betraut worden, die Franzosen im Westen zu schlagen und nach Orleans abmarschirt. Die «uS dem 3., 9. (zu welchem auch unsere hessische Division gehörte) und 10. ArmeecorpS bestehende Armee deS Prinzen Friedrich Karl vereinigte sich m«t der zurückgedrängten Armee- abtheilung deS Generals v. d. Tann, über welche damals der Großherzog von Mccklenburg, der mit den Mecklenburgern dem General von der Tann bereits zu Hülfe gekommen war, den Oberbefehl hatte, und nun gelang eS zunächst am 28. November in dem Gefechte bei Beaune la Rolande, die Franzosen in ihrem Vormarsche auf Paris aufzuhalten. Am 2. December begannen bann die blutigen Entscheidungskämpfe bei Orleans, wo besonders der Tag von Loignh die bewährte Tapferkeit der vereinigten deutschen Truppen im glänzenden Lichte zeigte und die Mecklenburger sich mit den Preußen unvergängliche Lorbeeren errangen. In blutigen Kämpfen am 3 und 4. December wurden die Franzosen dann auf Orleans zurückgeworfen und am 5. December selbst durch die Truppen des Großherzogs von Mecklenburg Orleans erobert. Dadurch war die Loire-Armee der Franzosen vollständig geschlagen und eine große Gefahr von der deutschen KriegssUhrung abgewendet. Deutscher Reich. Darmstadt, 2. December. Wie der „Darmst. Ztg." aus ZarSkoje Selo telegraphisch gemeldet wird, statteten Ihre Köntgl. Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin gestern Nachmittag bei Ihrer Majestät der Kaiserin- Mutter in Gatschina Besuch ab. Berlin, 2. December. Der Kaiser zeichnete das am Samstag stattgefundene Diner des OsfiziercorpS deS Lehr- Jnfanterie-BataillonS in Potsdam durch feine Gegenwart ouS. Der Monarch hielt hierbei in Erwiderung der Begrüßungsansprache des Lehr-BataillonS-CommandeurS Oberst- Lieutenants v. Uslar eine längere Ansprache, in der er namentlich der glänzenden Leistungen der Württemberger in der Schlacht bei V-llierS gedachte. Der erlauchte Redner schloß mit einem Hoch aus die „tapferen württembergischen Kameraden". — Der erfolgte Wiederzusammentritt des Reichstages lenkt erneut das Interesse der Partei-Zusammensetzung deS Hauses zu. Die einzelnen Fractionen erscheinen zu Beginn der neuen Session in folgender Stärke im Reichstage, wobei die Ergebniffe bei seit Schluß der letzten ReichStagSsesfion brfinitiv vollzogenen Ersatzwahlen mit berücksichtigt sind: Conservative 60, Reichspartei 28, Reformpartei (Antisemiten) 14, Centrum 100, Polen 19, Nationalliberale 47, freisinnige Vereinigung 15, freisinnige Volkspartei 24, süddeutsche BolkSpartei 13, Soctaldemokraten 47 Mitglieder, außerdem gibt eS 26 fractionSlose Abgeordnete. Erledigt sind augenblicklich die Mandate für Halle-Hersord, für die Stadt Köln, für Metz und für Diedenhofen. Wie sich diese verschiedenen Fractionen und Fractiönchen bet der Präsidentenwahl verhalten werden, bleibt noch abzuwarten. — Die polizeiliche Schließung der meisten Organisationen, welche die in Berlin ihren Sitz habende socialdemokratische Parteileitung bilden, scheint nur daS Vorspiel zu einer größeren Action in Preußen gegen die Socialdemokratie zu sein. Denn es ist bereits im Zusammenhänge mit der erwähnten Maßnahme ein gerichtliches Verfahren gegen eine Anzahl der hervorragendstin Berliner „Genoffen" angekündtgt worden, bei den meisten der be- treffenden Persönlichkeiten fanden bereits Haussuchungen unter Beschlagnahme von Papieren, Correspondenzen u. s. w. statt. Die erfolgte Schließung resp. Auflösung der osficiellen social- demokratischen Parteiorganisationen ist auf Grund von § 8 des preußischen Vereinsgesetzes vorgenommen worden und zwar hauptsächlich der Bestimmung unter b, welche die Verbindung von politischen Vereinigungen mit anderen Vereinen gleicher Art namentlich durch Ausschüffe, Centralorgaue, gegenseitige Correspondenzen usw. verbietet. Zunächst handelt eS sich bei dem Vorgehen der Berliner Polizei nur um eine vorläufige Maßregel, das Weitere hängt von der richterlichen Entscheidung ab. Sollte dieselbe aber im Sinne des polizeilichen Vorstoßes auSfallen, so wäre hiermit daS Signal zu einem hartnäckigen Kampfe zwischen Regierung und Socialdemokratie gegeben, der in seinem Weitergange unmöglich auf Preußen beschränkt bleiben könnte. Seitens des social- demokratischen Parteivorstandes liegt bereits eine Erklärung vor, wonach in Folge der von der Polizei veranlaßten einstweiligen Einstellung seiner Thätigkeit die Parteileitung provisorisch auf die socialdemokratische ReichstagSfraction, als die erwählte Parteivertretung, Übergeht. Der Krieg von 1870|71, zeschildert durch Ausschnitte «u6 ZeitungS-Nummern jener Zeit- (Nachdruck verboten.) 4. December. Die deutsche Einheit schreitet vorwärts. Badrn und Darmstadt find in den Deutschen Bund eingetreten, Württembergs Minister werden in den nächsten Tagen den Vertrag in Berlin unterzeichnen, und auch Bayern tritt in den Bund. Die militärischen Verhältniffe zwischen Bayern und dem norddeutschen Bund sind durch ein Separat Abkommen dahin geregelt, daß die Artikel 63 und 64 der norddeutschen Bersaffung auf Bayern keine Anwendung finden, so daß Bayerns Heer völlig selbstständig bleibt. Nach zweitägiger Schlacht der 2. und der mecklenburgischen Armee hat heute das Corps Manstein die Vorstadt St. Jean und den Bahnhof der Stadt Orleans genommen. Der Feind verlor 30 Geschütze und übte 1000 Gefangene- diesseitiger Verlust mäßig, die Brigade Wrangel verlor am meisten. Cocafcs und proVinzielle-. -e. Neu - Ulrichstein , 1. December. Monatsbericht der Arbeiter-Colonie pro November 1895. Ende November 1895 sind in der Colonie stellen-, resp. arbeitslos 102 Mann. Dieselben Vertheilen sich auf das Groß- herzogthum Hessen 30- Königreich Preußen: Regierungsbezirk Kassel 10, Regierungsbezirk Wiesbaden 9, Provinz Rheinlande 14, Provinz Westfalen 4, Provinz Hannover 3, Provinz Sachsen 2, Provinz Brandenburg 2, Provinz Schlesien 5, Provinz Posen 3, Provinz Ostpreußen 2, Provinz Pommern 1; Königreich Bayern 3, Königreich Sachsen 3, ^Königreich Württemberg 1 - Großherzogthum Baden 1 - Thüringische Staaten 3- Freie Städte: Hamburg 1, Bremen 2- Ausland: Nieder Oesterreich 1, Böhmen 2. Hiervon waren: Arbeiter 57, Bäcker 6, Bildhauer (Holz) 1, Buchbinder 2, Former 1, Gärtner 3, Kaufmann 1, Kellner 1, Kürschner 1, Kupferschmiede 1, Küfer 1, Landwirthe 1, Maurer 5, Maler 2, Messerschmiede 1, Schuhmacher 3, Schneider 2, Steindrucker 1 , Steinhauer 1 , Stellmacher 1 , Tapezierer 2, Tischler 4, Töpfer 1, Tuchscheerer 1, We-ßbinder 1, Zimmermann 1. Gearbeitet wurde an 2180 Tagen. Verpflegt hat die Colonie an 2449 Tagen. Im Monat November 1895 wurden entlassen 9 Mann, und zwar in Stellung durch die Colonie 1, auf eigenen Wunsch 4, in die Familie zurück 3, eigenmächtiges Verlassen der Arbeitsstelle 1. Seit Bestehen der Colonie sind ausgenommen worden im Ganzen 2960, dagegen abgegangen im Ganzen 2862 Mann, bleibt Bestand am 30. November 1895: 102 Mann. Darmstadt, 3. December. Zur Erinnerung an den 9. December 1870, dem Jahrestage der für unsre hessischen Truppen ewig denkwürdigen Erstürmung des Schlosses Cham- bord, findet neben der von dem 4. Großh. Hess. Inf. Regiment Nr. 118 in Mainz geplanten Chambo rd fe ier eine speciell von den ehemaligen Angehörigen der 8. Compagnie dieses Regiments zu Ehren ihres verstorbenen früheren Hauptmanns Kattrein veranstaltete Feier in Darmstadt am Sonntag den 8. December statt. Dieselbe besteht, wie bereits früher mitgetheilt, in einer auf 11 Uhr Vormittags festgesetzten Schmückung der Gräber des Hauptmanns Kattrein und des Lieutenants Neßling, sowie einer tarauf folgenden kameradschaftlichen Vereinigung der Festtheilnehmer in dem weißen Saale der „Stadt Pfungstadt". — Zu dieser Feier ist auch bte Herausgabe einer mit dem Porträt des Hauptmanns Kaitretn und zwei Ansichten von Schloß Chambord geschmückten, sowie mit einem genauen SituationSplan versehenen Denkschrift geplant, welche auf Grund authentischen Materials und nach den Berichten von Augenzeugen verfaßt ist, und eine möglichst umfassende und genaue Darstellung jenes Vorganges enthält. Da der Reinertrag aus dem Verkauf dieses SchriftchenS, dessen Preis 30 Pfennig beträgt, zur Unterstützung bedürftiger, Theilnehmer an der Erstürmung von Chambord bestimmt ist, so machen wir jetzt schon unsre Leser auf daS In den nächsten Tagen erscheinende Schriftchen aufmerksam. Bestellungen auf dasselbe nimmt die Buchdruckerei von H. C. Kunze in Darmstadt entgegen. A Mainz, 4. December. Eine gestern stattgehabte Versammlung der Brauergehilfen beschloß auch hier in die Lohnbewegung einzutreten. Es wird von den Gehülfen ein wöchentlicher Minimallohn von Mk. 24, zehnstündige Arbeitszeit und Logiren außerhalb der Brauerei verlangt. — Die von der Regierung erlassene Verordnung, welche für Viehhöfeim Großherzogthum Hessen eine sieben- tägige Quarantäne verhängt, hat heute auf dem hiesigen Vlehhos zum ersten Mal ihre Wirkung gezeigt, und zwar in einer sehr drastischen Weise. Es war nämlich nicht ein einziges Stück zugetrieben, und auch keinerlei Käufer vorhanden. Die Metzger, wie die Viehhändler hatten sich sämmtlich nach Wiesbaden begeben, wo ein sehr belebter Viehmarkt stattfand. Die hiesigen Behörden haben zur Aushebung der Verordnung, die von den Jutereffenten als vollständlg undurchführbar bezeichnet wird, bet dem Ministerium schleunigste Schritte gethan und soll dieselbe auch zurückgenommen werden. Die Zurücknahme soll indeß, wie verlautet, nur vorübergehend sein, indem bei der preußischen Regierung Schritte geschehen, eine gleiche Verordnung such für bte benachbarten preußischen Viehhöfe zu erlaffen, wodurch die Viehhändler genötigt würden, den hiesigen Viehmarkt wieder aufzusuchen. Verrutschte» * eine Preisfrage! Die Passanten der Landstraße von Schwegenheim nach Speyer erfreut fett Jahren ein höchst origineller Wegweiser. An der Kreuzung der Landstraße mit der Verbindungsstraße Dudenhofen Berghausen wird man nämlich durch eine dort angebrachte und nachstehend wiedergegebene Tafel „orientirt": Nach Dudenhofen "BUE Nach Berghausen Wo gehtS also jetzt nach Dudenhofen und nach Berghausen? Feuilleton. Verschiedene Ansrtierr. KriegSbllder vou jetzt und damals. Von Moritz von Berg, Verfasser der „Manenbrtefe". (5. Fortsetzung.) Wie war der wohlhäbige Bourgeois zu dieser reizenden Tochter gekommen? Sie war nicht über Mittelgröße, ein rosa und weiß gestreiftes, nicht allzu langes Kleid ließ zwei reizende Füße in Stiefelchen mit hohen Absätzen erblicken und umschloß ihre schlanke Figur, deren feine Taille ein breites rosa Band enj umgab. Die cendre farbeoen Haare, welche aufgelöst in den Nacken herabhtngen, umrahmten ein liebliches Gesicht, von desien einzelnen Zügen man wenig sah, da man die Blicke nicht abwenden konnte von den großen blauen Augen, welche neckisch aus demselben herausschauten. Um den kleinen Mund spielte ein Lächeln, als sie sich liebkosend zu Mignon herabneigte, ihn jetzt aus den Arm nahm und in den BoSketS des Gartens verschwand. Doch diese Augen verschwanden mir nicht, sie hatten eine Erinnerung in meinem Herzen erweckt. Waren eS nicht dieselben blauen Augen, die ich im theueren Antlitz geliebt hatte von Jugend an? Waren sie eS nicht, die aus dem lieblichen Gesicht deS französischen Mädchens mit demselben Ausdruck mir entgegenschauten? Ein leises Scharren an der Thür weckte mich aus meinen Gedanken an eine unvergessene Zeit. Der alte Bapttste war eS, welcher auf mein „entrez* mit meinen gereinigten Kleidern auf dem Arme eintrat und überrascht war, mich auf zu fehen, da er mich noch soeben im tiefen Schlaf gefunden hatte. Ein Blick aber auf die Uhr ließ mich erschrecken, eS war 8 Uhr vorüber, so lange hatte ich in den schönen Frühlings- morgen hineingeschlafen. Baptiste fragte mich, ob ich daS Dejeuner auf dem Zimmer wünsche oder ob ich eS mit Monsieur en Familie einnehmen möchte. Der Zusatz en Familie bewog mich unbedingt zu dem letzteren, und da ich hörte, daß Monsieur bereits im petit salon sei, versprach ich, sofort zu kommen. Die Toilette war bald gemacht. Die KriegSgarderobe hatte durch die eingetretene besiere Verbindung mit Berlin wieder der 616gance weichen müssen und die Räume der Packtaschen bargen alle-, was zur möglichsten Adontfirung dienen konnte. Also schnell noch einen letzten Blick in den Spiegel und die Treppe hinab. Auf dem mir wohlbekannten Treppenflur stand bereits, mich erwartend, der alte Baptiste, der mir, die Thür des FrühstückSsalonS öffnend, zuflüsterte, die Herrschaft wäre bereit- versammelt. Und so war eS. Monsieur kam mir entgegen und nach den üblichen gegenseitigen Fragen, wie ich geruht, wie er geschlafen, die nach der Sitte deS Landes stets auf das allergenaueste gestellt und erwidert werden müssen, führte er mich um den gedeckten FrühstückStisch herum in ein an- stoßendes reizendes Boudoir, decorirt in Rosa und Weiß, wo Madame und Mademoiselle, leure fille, auf Sesseln in einer um ein Tischchen in der Fensternische arrangirten Gruppe sahen. Monsieur le baron de B. — Ma Femme et — Alice, so lautete die vorstellende Form, in der Monsieur le Serf uns bekannt machte. Der erste Eindruck entscheidet, ich nahm daher meine höchste Grazie zusammen, verbeugte mich vor den Damen und flüsterte in womöglich noch gefälligerer Form die Begrüßungsredensarten, welche ich am Abend vorher bereits an Monsieur gerichtet hatte. Auf die Aufforderung zum Frühstück reichte ich Madame den Arm und erhielt am Tische zwischen den Ehegatten meinen Platz, mir vis-ä-vis saß Alice und nun in Wirklichkeit leuchteten die blauen Augen zu mir herüber. Ich hatte nun Gelegenheit, mir die Damen etwas genauer anzusehen, zuerst die Madame selbst. Sie war von zarter, mittelgroßer Figur, blond wie die Tochter, und wie solch blonde Frauen eS musterhaft verstehen, sehr gut conservirt, oder soll ich sagen restaurirt? Die Augen waren unzweifelhaft dieselben wie die Alicens, nur fehlte der bezaubernde, kindliche und dabei halb träumerische Ausdruck darin, den deren Augen besaßen. Der Teint zeigte wohl noch etwas blanche de Pompadour, denn er war blendend weiß, Hände und Füße paßten zu der zierlichen Figur, enfin daS Ganze bot das Bild einer maman bien conservee et un peu nerveuse - sie schien gewöhnt an viele Aufmerksamkeiten der Herren, wurden ihr diese zu Theil, konnte sie sehr liebenswürdig sein und stets von angenehmer Form. Gekleidet war sie in ein Morgen- costüm von weißem Cachernir, daS ihr vorzüglich stand. Alice bot mir mit lieblichem Lächeln die Chocolade- taffe, die sie am Nebentifche gefüllt, dann reichte sie eine solche der Mama und dem Vater. Wie sie eS aber machte, mit welcher Anmuth sie dieser kleinen Pflicht uachkam, daran berauschten sich meine entzückten Augen. Sie glich, als sie mit erhobenen Händen mit dem kleinen Präsentirbrett daher- kam, in ihrer Anmuth dem bekannten Bilde in der Dresdener Galerie, der petite chocolatidre. Genug, sie war die Lieblichkeit selbst und ihre Züge strahlten in jJugendlust und Fröhlichkeit. Dann nahmen wir Platz und ich erzählte ihr, wie ich sie schon im Parke belauscht und wie ich mich ihres Ge- sangeS erfreut hatte. Lachend erwiderte sie, ihr Gesang hätte nur ein Attentat auf meine germanische Langschläferei sein sollen, sie begreife nicht, wie eS möglich wäre, in einen solchen Morgen hinein zu schlafen. Nicht ohne Weiteres ließ ich ihr diesen Vorwurf hin- gehen, und so entspann sich zwischen unS ein launiges Ge- plänkel von Bonmots und komischen Repliquen, welches die Basis des Verhältnisses zwischen uns wurde und auf dem sich unsere Freundschaft in den beiden Tagen aufbaute. (Fortsetzung folgt.) Frankfurter Shraterbrirf. (Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".) (Nachdruck verboten.) Madame Segond-Weber. - Excelfior. - Der Fall Clemenceau. vr. M. Der leicht geschürzten Muse, die mit kokettem Lächeln über die Abgründe deS Lebens hinwegtänzelte und eine gar liebliche Vertreterin an Madame Judic gefunden, ist hart auf dem Fuße die ernste, hochtragische Kunst gefolgt, interpretirt durch Madame Segond-Weber, eine Künstlerin, der wir Deutsche allenfalls unsere Clara Ziegler zur Seite stellen könnten. ES ist ungefähr daß gleiche Genre. Beide Schauspielerinnen athmen am freiesten in der Atmosphäre der Kothurnsprache, beide fühlen sich am heimischsten in der Verkörperung von Gestalten, welche über daS menschliche Durch- chnittSmaß hinauSragen. Der PathoSstil, wie ihn Rollen wie „Phädra" und „Chimene" bedingen, erfordert die breite, wuchtige Declamation. - Man kann sich kaum einen größeren Gegensatz in der Bühnensprechweise denken als er zwischen dem nervösen, vibrirenden Stil der Düse und jener Vortragsart, die sich an der Sprache der Tragiker aus der Epoche des „Sonnenkönigs" Ludwig XIV. geschult hat, tatsächlich besteht. Denn wir unsere Reminiscenzen an die französische Literaturstunde auffrischen, fällt unß vielleicht ein, daß brr »Cid* CorneilleS den gelehrten Herren der Akademie gar nicht zusagte und daß Racine mit seiner „Phädra" beide» Zeitgenossen so wenig Glück hatte, daß er sich auf Jahre hinaus ganz von der Bühnenschriftstellerei zurückzog. Dann erfolgte aber ein Umschwung in der Meinung, daS geflügelte Wort „Beau comme le Cid!* kam auf und bald galten die beiden Schöpfungen, in welchen Madame Segond-Weber sich den Frankfurtern präsentirte, als die unantastbaren klassischen Werke der Franzosen, gegen deren Technik dann später Lessing seine kritischen Schlachten eröffnete. Bei uns ist die „Hamburger Dramaturgie" ein grundlegendes ästhetisches Buch, in gewissen Punkten noch heute ausschlaggebend in theatralischen Dingen, die Geschmacksrichtung der Franzose» hat sie so gut wie gar nicht beeinflußt, und wenn wir unS etwa einbilden, Corneille und Racine hätten sich auf de» Pariser Bühnen auSgelebt, so find wir im gründlichen Irr- thum befangen! Weshalb sollten sie auch?? ES ist ja ist Reich deS hohen Stils jenseits der Vogesen nichts, rein gar nichts erschienen, was die Hofpoeten Ludwigs deS vierzehnten mit Erfolg hätte ablösen können. Die antikisirende Einfachheit von Corneille und Racine ist unß am Ende doch noch lieber alß der romantische Schwulst Victor Hugoß, der die neue Aera für die franzöfische Tragödie auch nicht heraufgeführt hat. Man greift also zu den Alten, weil nichtß Bessereß nachgekommen ist und man auch in Pariß zeitweise daß starke Bedürfniß empfindet, fich von den ewigen Sittenschilderungen und actuellen Problemen bei einer Kunst zu erholen, die über daß Alltagsleben hinaußweist. Und so lange sich Künstlerinnen wie Madame Segond- Weber für sie begeistern, ist wohl nicht zu befürchten, daß sie sobald auf den Aussterbeetat geräth! Daß Manzotti'sche Ballet „Excelfior" war funkelnagelneu zur Zeit der großen electrischen Ausstellung, eß thut aber bei Nachmittagsvorstellungen zu ermäßigten Preisen noch immer seine Dienste und zieht solche heute inß Theater, bie sonst vielleicht gewohnt sind, in ihren Feierstunden minder- werthige Vergnügungßlocale aufzusuchen. Zudem ist „Gx- celsior" nicht nur Schaustück, eß gehört, wie schon der Name andeutet, zu der kleinen Zahl von Ballets mit br lehrenden Tendenzen. Die zwölf Bilder und die fie er- läuternde Textdichtnng von Adolf Stoltze führen uns die Fortschritte deß Menschengeschlecktß, den Sieg deß Lichts über die Dämonen der Finstemiß, in populärer Anschaulichkeit vor. Bei dem Tode von Alexander Du maß fils hat eß sich wieder gezeigt, wie sehr die deutsche Schristwelt im Stande ist, sich in anders geartete Individualitäten hinein- zudenken und fremde Verdienste objectiv zu schätzen. Als Deutscher wäre Dumas lange nicht zu dem Ruhm gelangt, dessen er sich bei den Franzosen erfreuen durfte, denn daß Volk Schillerß und Götheß kann eine Dramatik, die nur bom Tage und für den Tag lebt, unmöglich so hoch stellen. Dumaß war ein geistreicher Kops, ein ungemein scharfer Logiker und auch ein Mensch von hohem Gerechtigkeitssinn. Diese Vorzüge lassen sich' auch im „Fall ClLmenceau" erkennen, mit dessen Aufführung die Franksurter Intendanz das Gedächtniß des dahingegangenen Schriftstellers ehrte. Nichtsdestoweniger ist das Sujet diese» auch alß Roman vorhandenen Dramaß peinlich und widerwärtig im höchsten Grade, und jener Witzbold hatte nicht so Unrecht, der, alß Oßcar Blumenthal sein Lessingtheater mit diesem Stück eröffnete, meinte: „Der Fall Giemenceau" gehöre zu den Dramen, welche Lessing für fein Theater nicht genommen haben würde, auch wenn man sie thm umionst harte geben wollen! Mittwoch dkn 11. Derember, Nachmittags 3 Uhr, sollen auf dem hiesigen OrtSgericht die der ftarl Leib «hefrarr, Marie, geb. Löber in Gießen gehörigen Grundstücke: Flur 38 Nr 69 — 3644 qm M sc im Wallpforter Feld, rechts der Chaussee aus die herrschaftlichen Wiesen, Flur 39 Nr. 187'/,o — 6818 qm Acker links deS Wiesecker WegS und rechts der Chaussee, Flur 89 Nr. 188°/,° — 18 qm Lacksted- höuScken daselbst, öffenllich meistbietend versteigert werden. Gießen, den 19 November 1896. Großh. OrtSgericht Gießen- ____________I. A-: Bogt.________9737 Versteigerung. Mittwoch ben 4. Deeemver, Nachmittags 2 Uhr, versteigere im Pfandlocal, SelterSweg 11, gegen Baarzahlung: 1. 1 Buffet, 1 Secretär, Kommode, EophaS, Kleiderschränke und mehrere Regulateure; 3. 1 vollständiges Beit mit Sprungfedermatratze (fast neu) und 1 Weißzeugschrank. Versteigerung ad. 8 ganz bestimmt. Gießen, den 26. November 1895. 9891 Mulch, Vollziehungsbeamter. Oberhemden, Havclolks, Pcllerine-Mäntel, Hais- nnb Iagd-Iopp» liefere nach Auswahl der Stoffe nach Maaß unter Garantie des Gutsitzens. »484 II« Hübsamen. 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