1894 Amts- und Anzeigeblatt für den Arris Gieren. chratisöeikage: Hießener Kamikienökätter. Abonnements Einladung r, m, S Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. t 9 te al* adere acken »non •rnial. onen, n, n. 04 ) 0, 0. 0. Freude wurde der Besuch des Großherzoglichen Paares im Altce-Hospital begrüßt, wo man den Kranken, die daS Fest fern von ihren Angehörigen begehen mußten, einen großen Christbaum angezündet hatte. Auch für die Angehörigen der Hosbedtensteten hatte der Großherzog ein, Bescheerung im alten Palais Herrichten lassen, die er und seine hohe Gemahlin mit ihrer Gegenwart beehrten. Im neuen Jahre sollen nun auch, wie man hört, mehrere kleinere Hosfestlichkeiten stattfinden, so in der ersten Woche nach Neujahr ein Hosconcert unter Mitwirkung der Hofmusik und namhafter Solisten des Großherzogltchen Hoftheaters. Von dem schon für die allernächste Zeit in Aussicht stehenden Besuch des russischen Kaiserpaares weiß man dagegen in Hofkreisen nichts und so scheinen die be> treffenden Meldungen auswärtiger Blätter hierüber zum Mindesten verfrüht zu sein. Wahrscheinlicher ist die Nachricht, daß das russische Kaiserpaar erst einen Theil der Trauerzeit verstreichen laffen will, ehe es hierherkommt. Uebrigens ist aus Petersburg ein kaiserlicher Courier eingetroffen, der kostbare Weihnachtsgeschenke für die Allerhöchsten Herrschaften mitbrachte und hier die Gegengeschenke in Empfang mahm. Recht still sah eS in den letzten Wochen in den Concert- sälen aus, dagegen durfte das Hoftheater gerade in den letzten Tagen vor Weihnachten wider Erwarten dank einiger zugkräftiger Stücke volle und ausverkaufte Häuser verzeichnen. „Hänsel und Gretel" übte trotz der vielen Wiederholungen noch immer seine Zugkraft ungefchwächt aus und in den Feiertagen lockten „Rienzt" und der unverwüstliche „Bettelstudent" die Schaaren der Besucher in unseren Kunsttempel. Am nächsten Sonntag soll nun ein großes neues Ballet in Scene gehen, das der rühmlichst bekannte Hosballetmeister A. Siems verfaßt hat. Es heißt „In der Hochsaison" und soll eine Menge außergewöhnlicher Überraschungen bieten. Ob es die coloffale Zugkraft der „Puppensee" erreichen wird, muß allerdings erst die Zukunft lehren. Sonst läßt sich aus drm Kunstleben wenig berichten, bekannt ist nur, daß man im Hoftheater Fuldas neues Lustspiel „Die Kameraden" und Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr. geworden. Gleich dem ungarischen Reichstage stimmte auch das österreichische Parlament den Valutavorlagen in der Regierungsfassung zu. Ein einflußreiches und ungemein beim Volke beliebtes Mitglied des österreichischen Kaiserhauses, Erzherzog Wilhelm verunglückte durch einen Sturz mit dem Pferde tödtlich, sein Tod rief allseitig große Thellnahme in ganz Oesterreich-Ungarn hervor. Italien, der dritte Staat deS Dreibundes, hatte auch im Jahre 1894, wie schon in den vorangegangenen Jahren, schwere innere Crisen durchzumachen. Förmliche joctcbrcbo* lutionäre Zuckungen, deren Ursprungsstelle Sizilien war, gingen fast durch das ganze Land und nur durch außerordentliche Maßnahmen konnte die gefährliche Bewegung wieder unterdrückt werden. Im Juni trat das Cabinet CrtSpt wegen der Schwierigkeiten zurück, auf die es mit seiner finanz- und wirthschaftlichen Reformaction beim Parlamente stieß. Schließlich aber erwies sich Crispi als der alleinige Mann der Situation und so kam denn wiederum ein Cabinet Crispt zu Stande. Wachsende anarchistische Attentate machten für Italien eine besondere gegen den Anarchismus gerichtete Gesetzgebung nöthig, zugleich ging die Regierung auch gegen die Sozialisten schärfer vor. Ein häßliches Nachspiel zum römischen Bankprozeß ist durch die bekannten Anschuldigungen des früheren Ministerpräsidenten Gioletti gegen seinen Amtsnachfolger Crispi herausbeschworen worden, doch kann es kaum mehr zweifelhaft sein, daß der greise italienische Premier schwer verläumdet worden ist, und daß ihm im neuen Jahre eine glänzende Rechtfertigung bevorsteht. In Afrika konnten die Italiener einen bedeutenden Erfolg Uber die Mahdisten durch die Einnahme der wichtigen Stadt Kaffala ana8ftf d)c Republik wurde im abgelaufenen Jahre von einer schweren Katastrophe betroffen, indem der Präsident Carnot in Toulon dem Dolche eines anarchistischen Fanatikers zum Opfer fiel. Doch zog das blutige Ereigniß keine tiefergreifenden politischen Erschütterungen für daS Land nach sich, da alsbald der bisherige Kammerpräsident Casimir Perier zum neuen Staatsoberhaupte Frankreichs gewählt wurde. Casimir Perier selber war im Mai als Minister- Präsident gestürzt worden, worauf das noch amtirende Cabinet Dupuy berufen wurde. Im Exil, auf englischem Boden, starb der orleanistische Thronprätendent, der Graf von Paris, und im December verschied Ferdinand v. Lesseps, der geniale Erbauer des Suez-Canals, auf seinem Landsitze bei Orleans. Auf colonialpolitischem Gebiete trug Frankreich durch die vierteljähriger , Avonnemeutspreisr 2 Mart 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mar! 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: Schutstrahe ^r.7. Fernsprecher 51. Politische Jahresrundschau. II. Wenden wir uns nun zunächst der mit dem deutschen Reiche so eng verbündeten und befreundeten österreichischungarischen Monarchie zu, so sehen wir hier, daß speciell die ungarische Reichshälfte unter ernsten inneren Erregungen litt, ja, unter dem Eindrücke derselben in das neue Jahr hinüberschreitet. Die Stellung des Cabinets Wekerle war infolge seiner Kirchenpolitik, die ihm die bittere Feindschaft der mächtigen clericalen Partei im eigenen Lande wie die geheime Gegnerschaft einflußreicher Wiener Hoskreise zuzog, allmälich unhaltbar geworden, so daß daS Ministerium Anfang Juni zurücktrat. Es stellte sich indeffen bald die Unmöglichkeit heraus, einen geeigneten Ersatz zu beschaffen, deshalb kehrte das Ministerium Wekerle in ganz unveränderter Gestalt zur Regierung zurück. Nunmehr brachte Dr. Wekerle die neuen kirchenpolitischen Vorlagen, betr. die Juden Reception, die Civilstandsregister usw. im Parlamente ein, die indessen von der Oberhaus-Mehrheit nur zum Theil genehmigt wurden. Hiermit wurde die Lage des Cabinets auss Neue kritisch, zumal sich auch die allerhöchste Sanction der bislang vom ungarischen Parlamente genehmigten Kirchengesetze auffällig verzögerte. Allerdings erfolgte dieselbe im December endlich, aber trotzdem hat jetzt das Cabinet Wekerle zum zweiten Male seine Demission gegeben,- die Neubildung des ungarischen Cabinets wird voraussichtlich nach Neujahr erfolgen. Eine hochgradige Erregung anderer Art wurde im Magyarenlande durch den Tod des ehemaligen Revolutionshelden Ludwig Kossuth und das sich hieran knüpfende scan- dalöse politische Auftreten deS ältesten Sohnes des D'ctators Ungarns hervo^gerufen. Die schwäckliche Politik, welche daS Cabinet Wekerle den Kossuth-Scandalen gegenüber bekundete, hat ebenfalls nicht wenig zu der Verstimmung des Wiener Hofes gegen das Ministerium Wekerle beigetragen. Etwas ruhiger floß das innere politische Leben in Oesterreich hin, immerhin machte daselbst die leidige Sprachenfrage von Neuem Lärm genug, wie dies namentlich bei den italienisch- slovenischen Zwischenfällen in Istrien geschah. Unter den das Coalitionsministerium Wtndischgrätz stützenden Parteien traten mancherlei Gegensätze hervor, die sich besonders deutlich in der noch unter dem Ministerium Taaffe aufgeworfenen Wahlreformfrage ausprägten. Oesterreich nimmt denn auch dieses schwierige Problem mit in das neue Jahr hinüber, doch sind die Aussichten auf seine Lösung erheblich beffere Zum Bezug des „(Siebener Anzeiger" für das 1. Vierteljahr 1895 laden wir hiermit ergcbenst ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Laufenden . Unterstützt durch an allen Orten der Provinz O b e r h e s s en ansässige Berichterstatter, ist der „ Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur'Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhcssen betriebenen Landwirthschäft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Ar- ttkcln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Untcrhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gietzener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, 'namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten. Hochachtend Verlag des „Gietzener Anzeiger" Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch). Nr. 305 Zweites Blatt. Sonntag dm 30. December :48 10, Der chieheuer Anzeiger erscheint täglich, 4nit Ausnahme de» MontagS. Die Gießener Mamikienvkäller «erden drm Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Meßmer Anzeiger Kenerat-Mnzeiger. Feuilleton. Wochendrirfe aus der Residenz. (Originalbericht deS „Gießener »nidget*.) Z. Darmstadt, 28. December. Die Feiertage. Vom Hofe. Au8 dem Kuustlebeu. Neujahr. Das richtige Weihnachtswetter hat uns lange I gefehlt, *Un hat es daS Fest selbst mitgebracht. Schon am ersten Feiertag war die sonst so milde Temperatur ganz bedeutend gesunken, noch mehr am zweiten Festtage und der vom Volke auch gefeierte, aber nicht im Kalender stehende „dritte Feiertag" brachte gar ein echt winterliches Schneegestöber und kleidete Alles in ein strahlend weißes Festgewand. Weihnachten ist in der Residenz festlich und fröhlich ver- laufen. Der Verkehr in den Läden hatte sich in den letzten Tagen glücklicherweise ganz enorm gesteigert. Besonders am Sonntag der vergangenen Woche, dem sogen, „goldenen , war es oft schwer, in einzelnen Geschäften durch die SÄaaren der Verkäufer durchzukommen. Die Geschäftsleute machten denn schließlich doch noch vergnügte Gesichter, und so dürfte das Ergebniß dieses Jahres, wo sonst im Allgemeinen sehr über die schlecht-Geschäftslage geklagt wird, wie das ja auch «och vor Kurzem beim Weihnachtsgeschäft der Fall war, doch «och die Erwartungen Vieler übertroffen haben. Allerdings war auch von Seiten unserer Geschäftsleute, wie neulich schon bemerkt, Alles geschehen, um den Wünschen des Publikums entaeaenzukommen; die elektrisch erleuchteten Erker erstrahlten allabendlich in größter Pracht und die aufgethürmten Schätze lockten die Käufer nachträglich an. Die Wohlthätigkeit feierte in diesen Tagen auch manches schöne Fest. Zahlreiche WeihnachtSbescheerungen für arme Kinder legten davon schönes Zeugniß ab. Gleich der verstorbenen Mutter unseres jungen LandeS- fcerrn besuchte auch unsere Großherzogin mehrerd.Chrift. bescheerungen in verschiedenen Anstalten und beglückte die Kleinen, denen dort der Weihnachtstisch gedeckt worden, mit hübschen, zum Theil selbstgefertigten Geschenken. Mit besonderer Niemanns „Was die Alten sungen" vorbereitet und daß noch in dieser Spielzeit ein ganzer Richard Wagner-Cyclus gegeben werden soll. Auch spricht man von einem Gastspiel deS gefeierten Baritonisten Scheidemantel. Für die drei noch ausstehenden Hofmusikconcerte erwartet man verschiedene Solisten von Ruf. . „ , Leider ist ein populäres Concertunternehmen, daS seit langen Jahren bestand und dem unbemittelten Publikum gegen geringes Eintrittsgeld gute Musik bot und das im Sommer auch noch besteht, seit diesem Jahre eingegangen. Wir meinen die Saalbauconcerte, die sich stets großer Beliebtheit erfreuten. Da diesmal auch die sonst so zahlreich besuchten Fastnachtsveranstaltungen, vor Allem die Carnevalssitzungen ausfallen, wird dies von großen Kreisen unangenehm empfunden, und hoffentlich wird das nächste Jahr dem Abhilfe schaffen. Am 13. Januar 1895 wird der heffi,fche Staatsminister, Excellenz Finger, seinen 70. Geburtstag feiern. Der alte Herr steht in voller körperlicher und geistiger Frische auf seinem verantwortungsvollen Posten und hat sich während seiner Amrsthätigkeit die allgemeine Verehrung der Bevölkerung nicht nur von Darmstadt, sondern man tarnt sagen von Hessen und darüber hinaus erworben. Da schien es völlig gerechtfertigt, wenn man an die Veranstaltung einer Ovation für Se. Excellenz dachte, und allgemeines Bedauern hat es erregt, daß Herr Finger mit bestem Dank sich jede größere Huldigung verbeten hat. Das wird freilich .die zahlreichen Verehrer Sr. Excellenz nicht hindern, feiner am 13. Januar dankbar und freudig zu gedenken, und allgemein ist der Wunsch, ihn noch lange Jahre auf feinem schwierigen Poften zu sehen. Es ist der letzte Bries aus der Residenz, den wir tn diesem Jahre unseren Lesern senden. Auch im künftigen Jahre werden wir im Auftrage der Redaction über alle wiffenswerthen Ereignisse im Darmstädter Leben berichten. Unseren Lesern aber rufen wir zu: „Profit Neujahr!" Besetzung Timbuktus einen bemerkenswerthen militärischen Erfolg davon. Mit MadagaScar sieht sich Frankreich in einen neuen Krieg verwickelt, der für die Franzosen an- scheinend ebenso kostspielig wie langwierig werden wird. Rußland mußte gleich Frankreich eine nationale Katastrophe im alten Jahre verzeichnen, den Tod des Kaisers Alexanders III. Nach unsäglichen Leiden erlag Kaiser Alexander in Livadia seiner furchtbaren Krankheit, sein Hinscheiden rief namentlich wegen der Friedenspolitik deS verstorbenen Czaren lebhafte Theilnahmskundgebungen in ganz Europa hervor. Es bestieg Czar Nicolaus II. den russischen Thron, doch ist die Spanne Zeit, welche Czar Nicolaus regiert, noch zu kurz, um sich schon ein bestimmtes Urtheil über die Bedeutung deS stattgehabten Thronwechsels in Rußland bilden zu können. Wenige Tage nach der Beisetzung Kaiser Alexanders fand in Petersburg die prunkvolle Vermählung deS jungen Kaisers mit Prinzessin Alix von Heffen (Großfürstin Alexandrowna Feodorowna) statt. Bemerkendwerth war die Reserve, welche Rußland auch im Jahre 1894 in allen hervorragenderen Fragen der allgemeinen Politik beobachtete. Das wichtigste Ereigniß für England im alten Jahre war der Rücktritt des greisen Premiers Gladstone und seines Cabinets. Der bisherige Minister deS Auswärtigen, Lord Rosebery, übernahm bei der Neubildung des Cabinets auch den Vorsitz in dem neuen Cabinet. Doch hat das Ministerium Rosebery weder in der inneren noch in der auswärtigen Politik bis jetzt irgendwelche Lorbeeren gepflückt. Im Uebrigen gibt es diesmal von den englischen Angelegenheiten sonst nichts von allgemeinerem Jnteresie zu berichten. Was die europäischen Staaten zweiten und dritten Ranges anbelangt, so seien aus deren politischer JahreSgeschichte folgende Momente hervorgehoben: Spanien sah wiederholte Umbildungen des liberalen Ministeriums Sagasta, trotzdem find hiermit die mannigfachen Schwierigkeiten, mit denen das „Land der Kastanien" kämpfen muß, keineswegs beseitigt worden. Im benachbarten Portugal wurde das Cabinet Hintze-Ribeiro ebenfalls einer Umbildung unterzogen. In ihren ostafrtkanischen Besitzungen mußten die Portugiesen den Koffern - Aufstand von Lourenco Marquez niederschlagen, was indeffen nur mit Mühe gelang. Belgien, wie sein kleines Nachbarland Holland waren der Schauplatz allgemeiner Neuwahlen zum Parlament. Die holländischen Wahlen fielen ungünstig für die Regierung aus, weshalb das Cabinet Tack van Portvlinet einem Cabinet Roell Platz machte. In ihren indischen Besitzungen mußten die Holländer einen blutigen Krieg mit den rebellischen Balinesen führen. Die belgischen Parlamentswahlen hatten als be- merkenswerthestes Ergebniß die erstmalige Wahl einer Anrahl socialistischer Deputirten wie Senatoren zu Folge. Einen glänzenden Erfolg bedeutete für Belgien die Weltausstellung zu Antwerpen. Im Frühjahr folgte dem Ministerium Beernaert das Cabinet de Burlet. In Dänemark machte das langjährige Cabinet Estrup dem Cabinet Reedtz-Thon Platz, im scandinavischen Doppelreiche dauerte der Unionsconflict fort. Von den Ländern der Balkhanhalbtnsel zogen Serbien und Bulgarien die Aufmerksamkeit am meisten auf sich. In Serbien gab es im alten Jahre einen viermaligen Cabinetswechsel und einen neuen Staatsstreich König Alexanders. In Bulgarien wurde das Cabinet Stambuloff durch ein Cabinet Stoiloff ersetzt, das aber schon umgebildet werden mußte. Große Freude bei den Bulgaren erregte die Geburt des Kronprinzen Borts. Ueber außereuropäische Länder ist Folgendes zu berichten: Zwischen Japan und China brach ein für Japan äußerst erfolgreicher Krieg wegen Koreas aus, derselbe dauert jedoch noch immer fort. In Nordamerika ergaben die Neuwahlen zum Congreß einen glänzenden Sieg der Republikaner. In Brasilien nahm der Ausstand gegen die Centralregierung zu Rio de Janeiro ein klägliches Ende. In Marokko folgte Sultan Abd el Apiz seinem Vater Muley Haffan unter schwierigen Verhältnissen nach. Landwirthschastliche Winke und Kathschlage. Rückblicke auf das Jahr 1894. ii. A Aus Oberhefferr, Ende December. (Schluß). Der Dauer sieht das alles mit an! Er weiß, daß ihm bitteres Unrecht widerfuhr; er hat bet den schlechten Zetten nichts zu brocken und zu beißen und sagt: das soll Recht und Gerechtigkeit sein? Wir sollen den Leuten, die Hundertausende besitzen, Vergnügen machen und uns dazu noch aushöhnen lassen? Das sind schöne Zustände. Die Jagd ist ein hochfeines Vergnügen; wer sie ausüben will, soll sich auch fein benehmen. Es muß anerkannt werden, daß unsere inländischen Jagdpächter fast alle verständige Leute sind. Die ausländischen sind es auch, aber sie werden von ihren Jagdläusern und Wtldhütern (um sich ein rothes Röckelchen zu verdienen) unrichtig belehrt und dadurch entstehen die bedauer- lichen Zustände. Durch solche Machtnationen wird aber der kleine Bauer heftig erbittert und den Soctaldemokraten, die goldeneBerge versprechen, in die Arme getrieben. Der Bauer hat das Gefühl, daß er von den Gesetzen und den Behörden dm reichen Jagdherren oder ihren Vertretern gegenüber, nicht genügend geschützt wird. „Was hilft es denn, wenn ich den Schaden auch anmelde" erhält man zur Antwort; „ich werde ange- schnautzt, oder es wird mir blauer Dunst um die Augen gemacht, daß mir Hören und Sehen vergeht; ich verklag die Hex beim Teufel und eine Krähe hackt der anderen die Augen nicht aus. Soll ich aber Commissionen kommen lasten, die 30 bis 40 Mk. auf einen Schlag kosten, dann falle ich erst recht neben hinunter, denn ich verstehe nichts von der Jagd, ich kann meine Sache nicht führen und vertheidigen und bin schon von vornherein verloren. Wer je Gelegenheit gehabt hat, auch nur oberflächlich in die hier geschilderten Verhältnisse hineinzublicken, der muß zugeben, daß sie richtig und wahrheitsgetreu geschildert worden sind. Diese Zustände herrschen aber nicht etwa blos bet uns im Vogelsberge, sie herrschen in der ganzen Provinz, im ganzen Lande. Wir sprechen im Sinne vieler Tausende, besonders aber im Sinne der zahllosen, schwerringenden kleinen Bauern, wenn wir diese bedauerlichen Zustände zur öffentlichen Kenntntß bringen uud dadurch vielleicht Anlaß zur genauesten Prüfung geben. Wer hier mtthtlft, der thut ein gutes Werk und der Dank vieler kleiner Leute ist ihm gewiß. Den Gemeinden kann man dringend rathen, ihre Jagden selbst zu behalten und das Wild möglichst zu verringern, denn der Jagdpacht ist viel unbedeutender, als der Schaden, den das Wild anrtchtet. Diesen Schaden aber müssen die Gemeindeangehörigen tragen und er trifft sie härter, er ist viel nachtheiltiger als der Nutzen, welcher der Gernetr betaste durch den Jagdpacht zu Theil wird. Die Gemeindeumlagen werden gewiß nur um Weniges höher, wenn der Jagdpacht auf die Hälfte oder ein Drittel des früheren Betrages herabsinkt, aber um Vieles höher wird die Zufriedenheit unter den Bürgern, das Verschwinden der Mißstimmung und des Grolles wegen schuldlos erlittenen Unrechtes zu achten sein. Wendm wir unsere Blicke von unseren engeren Verhältnissen über die noch Vieles zu sagen wäre, nach Außen, so ist zu bemerken, daß der Abgang des zweiten Reichskanzlers Caprivi von uns Bauern mit Befriedigung ausgenommen worden ist. Der General - Reichskanzler ist ein tüchtiger, ehrlicher Mann, das wollen wir ihm gerne aussprechen, aber sür bäuerliche Zustände, Einrichtungen, Verhältnisse und Bedürfnisse scheint er doch nicht das rechte Verständniß gehabt iu haben. Bet uns ist die Ueberzeugung tiefetngewurzelt und für Die nächsten Jahre noch unausrottbar: Bismarck hat das deutsche Reich gezimmert, er weiß am besten, was ihm frommt; er hat ein tiefes Verständniß für das Leben und Wiiken des deutschen Bauer» und darum vertraut man ihm in jeder B.ziehung. Da der neue Reichskanzler in die Fußtapsen des Alt - Reichskanzlers einzutreten scheint, bringt man ihm lebhaftes Vertrauen entgegen. Man glaube aber ja nicht, daß wir uns von den norddeutschm Junkern ins Schlepptau nehmen lassen, denn wir wissen sehr genau, was jene und uns von einander unterscheidet. Wer allenfalls glaubt, daß wir uns zu reaclionären Zwecken mißbrauchen ließen, der irrt sich gründlich. Darum find wir auch für die Umsturzvorlage durchaus nicht begeistert, sondern halten sie in vieler Beziehung für bedenklich. Man beseitige die Ursachen, die die Vorlage hervorgerusm haben und die Wirkung wird schon anders werden. Von Setten dcr Socialdemokratie werden Anstrengungen gemacht, die materialistischen Lehren den Landleuten verdaulich erscheinen zu lasten. Bis jetzt sind die Erfolge erfreulicherweise noch Null. Die Leute sagen sich mit Recht: Wo das Christenthum herrscht, hat man gesittete Zustände. Wo Muhamedanismus, LamaismuS, Heidenthum herrscht, finden sich Greuel und Grausamkeiten. Manche Länder, wie China, Indien, Aegypten hatten schon vor Jahrtausenden eine hohe Cultur, aber sie blieben stehen, verödeten und verdarben. Niemals hörte man, daß die Chinesen, Inder, Aegypter Hospitäler einrichteten, Blinden- und Taubstummenanstalten schufen, Siechen- häuser bauten; alle diese Wohlthätigkettsanstalten, eine gesicherte Rechtspflege und ähnliche Einrichtungen haben nur die christlichen Staaten. Nimmt man uns das Christenthum weg — und das will ja die Socialdemokratie — dann fallen wir in die heidnische Barbarei zurück. Solange man uns nichts Besteres zeigt als das, was die Socialdemokratie bis jetzt zu bieten vermag, bleiben wir bei unserem Guten und überlassen den neuen Staats- und Religionsstistern ihre Schwärmereien für die Zukunft. Wir wissen recht wohl, daß bei uns noch Vieles bester werde« muß und daher ist es unsere Pflicht, mttzuwtrken und unsere Schuldigkeit zu thun. So war es vor hundert und tausend Jahren und so wird es in hundert und tausend Jahren noch fein. Jedes Jahrzehnt, jedes Jahrhundert schafft neue Verhältnisse, neue Aufgaben. Es hat noch niemals ein Zeitalter gegeben, in welchem die Menschen alles das hatten, was sie sich wünschten. Die Friedens- zeiten haben die Völker am meisten svorwärts gebracht. Ackerbau, Handel, Gewerbe, Künste und Wissenschaften blühten in FriedenS- zeiten am meisten. Darum wünschen wir Frieden mit unseren Nachbarvölker«, Frieden in Staat und Kirche, Frieden in den Gemeinden und unter ihren Bewohnern. Möchte das neue Jahr 1895 ein Friedensjahr in jeder Beziehung sein, das wünschen wir den freundlichen Leser« dieser Zeitung, besonders aber dem Bauern- und Handwerkerstände; ibm möchten wir einen alten Spruch hierher setzen, den der Dichter Nicolai, geboren 1556, gestorben 1608, dichtete und der so recht für unsere Zeiten und Verhältn ffe paßt, obgleich seitdem schon dreihundert Jahre verstrichen find. Der Spruch lautet: „Befiehl Dich Gott, hab' Geduld in Noth, Denk an den Tod, gieb Armen Brod. Schweig', trag’ und leid', hab' acht der Zeit, Auf Dich selbst schau, nit . llen trau, Auf Freund' nit bau, sei nit zu g'nau, Pfleg' deiner G'sund, regier’ dein' Mund, Treib nit bös Fünd', hüt' Dich für Sünd', Die Alten ehr', die Jungen lehr'. Dein Haus ernähr', des Zorns Dich wehr', Halte Dich rein, sei gern allein — Treulich ich's mein’. Bekanntmachung. Nachdem uns auch in diesem Jahre wieder ein Betrag zur Verfügung gestellt worden ist, um eine Anzahl armer serophulöser Kinder im nächsten Sommer in der Kiuderheilanstalt in Bad-Nauheim unterbringen zu können, werden alle diejenigen Bewohner des Sparkaffenbezirks Gießen, welche solche kranken Kinder haben und nicht selbst in der Lage sind, die Kosten bestreiten zu können, aufgefordert, sich bei ihrem Pfarramt oder Bürgermeisterei baldigst zu melden. Bei der Anmeldung ist ein ärztliches Zeugniß vorzulegen, in welchem die Nothwendigkeit einer Badekur bescheinigt fein muß. — Es ist nicht ausgeschlossen, daß Kindern, welche bereits auf Kosten der Sparkasse eine Badekur durchgemacht haben, die Kosten für eine weitere Kur bewilligt werden können. — Die Pfarrämter und Bürgermeistereien ersuchen wir, uns die einlaufenden Meldungen mit den ärztlichen Attesten und einer Bescheinigung über die Bedürftigkeit der betr. Eltern bis längstens Ende Januar k. I. zusenden zu wollen. Gießen, am 3. December 1894. Die Direction des Spar- und Leihkasse-Vereins. ___________________ Grüneberg. 9960 Spar- und Leihkasse Greffen. Im Monat Decmber l. I. werden bei der unterzeichneten Kasse außer den feststehenden Zahltagen, Mittwochs und Samstags, noch an jedem Dienstag und Donnerstag Zahltage abgehalten. Die Einleger werden ersucht, unter Vorlage der Einlagebücher ihre Zinsen in Empfang zu nehmen, oder zuschreiben zu lassen. Zinsen, welche bis zum 1. Januar k. I. nicht erhoben sind, werden den Einlegern ohne Weiteres in den Büchern der Kasse zugeschrieben und von diesem Tage an verzinst. Es brauchen hiernach alle diejenigen Ciuleger nicht zu erscheinen, welche nur Zinsen beischreiben lassen wollen, dies kann vielmehr ganz gelegentlich im Lause des nächsten Jahres geschehen. Gießen, den 28. November 1894. Spar- und Leihkasse Gießen. ________________________Doering.__ 9764 Spar- und Leihkasse Gießen. Es wird hierdurch zur Kenntniß der Interessenten gebracht, daß Montag den 31. December l. I. Zahltag abgehalten wird. Gießen, den 27. December 1894. 10429 Complette Betten •870 eigenen Fabrikates, 8871 Sprungfedern-, Roßhaar«, Capock- und Wollmatratzen, 6 Deckbetten unv Kiffen, Bettfeder« und Daunen, Barchend, Drell und Daunenköper, Steppdecken, wollene Colter. Th. Brück Schloßgasse 16, Brand- uKanzletberg-Ecke AqiiarimTtmrieii sowie Tusssteingrotteu in großer Auswahl zu billigen Preisen empfiehlt R. 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Zur Verloosung bestimmte Geschenke wolle man an demselben Tage, Nachmittags zwischen 3 und 5 Uhr, dortselbft abgeben. 10377 __________________________________Der Vorstand. tajalirs-^ss”- Gratulations-, sowieWitzkarten in großer Auswahl, aus diversen Fabriken, reich sortirt, von den feinsten bis zu den billigsten, sowie Gratulations-Postkarten mit Ansichten von Gießen, neu und elegant ausgeführt, empfiehlt Willi. Klee, Marktstraße 2. ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ ♦ ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ ♦ Symphonions, Harmonikas, Zithern, ♦ ♦ Herophons. __ ♦ A Spielwerke, Automaten, Violinen, Flöten MK Ä ♦ sowie alle Instrumente In grösster Auswahl zu Fabrikpreisen Musikalien-Handlung und Leihanstalt J ♦ = Specialität: Billige Ausgaben m ♦ ♦ Ernst Challier (Rudolphs Nachf)., Giessen. Illustrirte Preisverzeichnisse gratis und franco. [219 Stimmung u. Reparatur von Pianos billigst in bester Ausführung. Ständiges Lager von über 100 Instrumenten. 282 Transportkosten). ö Pianinos aller renom- Wilh. Rudolph, Giessen, NTn£es Mk^ . 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