Nr. 25l Erstes Blatt. Freitag den 26 Oktober W4 Der Hleßener Aa»elger er scheint täglich, nut Ausnahme deS Montags. Die Gießener Aamikiendkälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal bcigelegt. MeßenerAn Kenerat-Wnzeiger. vierteljähriger AßonntmcnlspreU: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg. Redaktion, Expedition und Dru«kerei: Schutfiraße Kr.7. Fernsprecher 51. Amts- unb 2lt>rzeigeblcrtt für den TLreis Gieren. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den Hratisöeikage: Hießener Kamikienbkätter. Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen, folgenden Tag erscheinenden Nummer blS Norm. 10 Uhr. | o ig ____I_______a_J_______________________,— Anrttichev Theil. Gießen, den 23. Oktober 1894. | Betr.. Die Invaliditäts- und Altersversicherung der an den Kreisstraßen beschäftigten Steinschläger. DaS Grotzherzogliche Kreisamt Gießen em die Grptzh. Bürgermeister eie« des Kreises. ES bestand seither die Anordnung, daß die an den Kreis- straßen beschäftigten Steinschläger die Beitragsmarken in die Quittungskarten selbst einkleben und auf diesbezüglichen Nachweis die dem Kreis als Arbeitgeber zur Last fallende Beitragshälfte bei der Lohnzahlung auf Anfordern aus der Kreiskasie ersetzt bekommen sollten (vgl. § 100 de» Ges.). Nachdem sich ergeben hat, daß bei dieser Einrichtung die Markenverwendung nur unvollkommen stattgefunden hat, ordnen wir hiermit Folgendes an: Die Einklebung der Beitragsmarken für Beschäftigung im Dienst des Kreises hat vom 1. Januar 1895 ab nicht mehr durch die Versicherten selber, sondern durch den Inhaber der Hebestelle zu geschehen. Bei jeder Endzahlung, spätestens aber im November jeden Jahres, erhält der Kreiskasserechner von uns Zahlungsanweisung über den Versicherungsbeitrag für diejenige Arbeitszeit, welche gemäß § 100 Abs. 3 des Invaliditäts- und AlterSgesetzes aus dem Arbeitsverdienst ermittelt wird — auf ganze Beitragswochen aufgerundet — nachdem zuvor die Hälfte des Versicherungbeitrages dem Steinfchlagaccordanten an feinem Verdienst in Abzug gebracht worden ist. Gleichzeitig erhält der Inhaber der Hebestelle am Wohnort des betreffenden Versicherten Mittheilung über die Höhe des an ihn angewiesenen Versicherungsbeitrags und damit über die Zahl der Beitragsmarken, die er auf die Karte des Versicherten aufzukleben und zu entwerthen hat. Wenn der Steinschlagaccordant (was öfter vorkommt) die Steine theilweise durch andere versicherungspflichtige Perfonen schlagen läßt, so werden wir in unserer Verfügung an den Inhaber der Hebestelle angeben, wie die Marken in die Karlen der in Frage kommenden Personen zu ver- theilen sind. Hat der Versicherte keine Quittungskarte, so ist für ihn eine solche nothigcnfalls auszustellen. Liegt Versicherung»- pflicht nicht vor, (vgl. die Bekanntmachung des Bundesraths über Befreiung vorübergehender Beschäftigungen von der Versicherungspflicht, Nr. 31 des Retchsgesetzbl. von 1891) so ist diesbezügliche Mittheilung an uns gelangen zu lassen, um dem Betreffenden die Hälfte des ihm in Abzug gebrachten Versicherungsbeitrags zurückerstatten und den von uns zur Zahlung angewiesenen Versicherungsbeitrag von dem Inhaber der Hebestelle zurückerheben zu können. Sie wollen den Inhabern der Hebestellen dieses Ausschreiben zur Einsichtnahme mittheilen. v. ®agern. Bekanntmachung, betreffend die Schafräude zu Wiefeck. Die unterm 22. Januar d. I. verhängte Sperre wird aufgehoben, da die Schafräude erloschen und die Desinfektion der Stallungen ordnungsmäßig durchgeführt ist. Gießen, den 24. Oktober 1894. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern. Nerreste Wolff» trlegr-odticheS Eorresponden,- Bure«r. Rom, 24. Oktober. Heute fand unter dem Borsitz des Papstes die erste Berathuug der Angelegenheit der Ver- einlgung der orientalischen mit der katholischen Kirche statt. Der Berathuug wohnte auch der Secretär der Specialabtheilung der Propaganda für die Angelegenheiten des orientalischen Ritus bei. Der Papst Hielt eme bedeutsame Rede über den Wiederanschluß der orientalischen Kirchen an die katholische Einheit und for erte den Cardinal Langenieux, den syrischen und melchitischen Patriarchen, sowie den Vertreter des Maroniten-Patriarchen auf, ihre Gedanken darzulegen. Der Papst schloß die Sitzung mit dem Bedeuten, daß er die Versammelten in einigen Tagen zu einer weiteren Lonferenz einberufen werde. Madrid, 24. Oktober. Der Kriegsminister beabsichtigt, die spanische Armee mit Mausergewehren zu bewaffnen. Man hofft, die Fabrik in Oviedo werde 119,000 Gewehre in sieben Jahren Herstellen; da der Minister dies für ungenügend hält, wird er bei den Cortes einen Credit beantragen, um die Arbeiten Tag und Nacht zu fördern. WB. Petersburg, 25. Oktober. Bulletin vom 24. Oktober, 8 Uhr Abends. Im Laufe des Tages zeigte sich beim Czaren keine Schläfrigkeit. Appetit und Selbst- gesühl sind bester, das Oedem in den Füßen etwas verstärkt. Am Sonntag nahm der Czar die hetligen Sakramente. Dcveschen des Bureau „fyxolb*. Berlin, 24. Oktober. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Einberufung des Reichstags aus den 15. November. Der „Nordd. Allg. Zig." zufolge ist eine feierliche Schlußsteinlegung damit verbunden. Berlin, 24. Oktober. Zur Meldung der „Köln. Zig." wonach die ftimmführenden Minister der Bundesstaaten demnächst zu Besprechungen über Maßregeln gegen den Umsturz in Berlin eintreffen, theilt die „Nordd. Allg. Ztg." mit, daß hierüber keine Beschlüste gefaßt worden, sondern nur Beratungen gepflogen worden sind. Ein Entwurf der Vorlage, welche als Präsidialvorlage eingebracht wird, stehe noch nicht fest. Berlin, 24. Oktober. Wie verlautet, hat der gestrige Besuch des Kaisers beim Reichskanzler den politischen Tagesfragen gegolten, über welche zwischen dem Kaiser und dem Kanzler volle Uebereinftimmung herrscht. Berlin, 24. Oktober. Die Kaiserin ist heute Morgen in Flensburg eingetroffen; sie wurde auf dem Bahnhofe vom Herzog Friedrich Ferdinand von Schleswig Glücksburg und der Herzogin empfangen; ferner waren auf dem Bahnhofe die Generalität, der Oberbürgermeister und höhere Beamte zum Empfange anwesend. Die Kaiserin begab sich nach der Begrüßung in offenem Wagen nach Schloß Glücksburg, wo sie um 9»/,Uhr eintraf. Der festlich geschmückte Ott wird heute Abend ittumintrt. Berlin, 24. Oktober. Den „Berl. Reuest. Nachr." auS Petersburg zugegangenen Mittheilungen zufolge ist eine Katastrophe, wenn sie nicht innerhalb der nächsten 36 dis 48 Stunden erfolgt, voraussichtlich für einen längeren Zeitraum nicht zu befürchten. Der Zu st and des Czaren ist gestern Nachmittag nicht befriedigend gewesen. Mit Alhem- beschwerden habe der Czar zu kämpfen, und müsse, weil er sehr unruhig sei und es im Bette nicht mehr aushalte, die ganze Nacht im Krankenstuhle sitzen. — Wie polnische Blätter melde», verlor der Czar infolge der Krankheit das Augenlicht. Frankfurt a. M., 24. Oktober. Die „granff. Ztg." erfährt aus zuverlässiger Quelle, daß der lange erwartete Entwurf einer Revision des preußische n Handelskammergesetzes von 1870 nun fettiggestellt ist und dem Landtage bei besten nächster Tagung ungesäumt zugehen wird. München, 24. Oktober. Die Minister v. Crailsheim und v. Feilitzsch reiften heute Abend nach Berlin ab. Kopenhagen, 24. Oktober. Der Czar äußerte, wie nach hier gemeldet wird, den Wunsch, das dänische Königspaar noch einmal zu sehen. Jndesten wurde der Plan auf das dringende Ersuchen der Czarin, welche ihre Eltern nicht den Anstrengungen der langen Reise auSsetzen wollte, fallen gelasten. ES bedeutet nun, daß Prinz Waldemar, der Schwager des Czaren, nach Livadia reifen werde. Brussel, 24. Oktober. Ueber die in Charleroy stattgefundene Katastrophe auf dem Samluflusse wird weiter gemeldet, daß kein Menschenleben zu beklagen ist. Der materielle Schaden ist sehr bedeutend, etwa 500000 FrcS.- sieben Frachtschiffe sind vollständig verloren. Die Schiffer konnten ihre Frauen und Kinder nur retten, indem sie dieselben vom Master aus ans Ufer warfen. Paris, 24. Oktober. Einer Meldung der „Autoritö" zufolge wird heute Abend oder morgen eine Depesche des französischen Specialgesandten Le Myre de Villers mit der Erklärung ermattet, daß der Versuch, mit der Königin von Madagaskar auf gütlichem Wege zu verhandeln, aussichtslos sei. — „Matin" versichert dagegen, die HowaS- r'egierung werde den Franzosen auf den Rath Englands hin Zugeständnisse machen, welche eine kriegerische Lösung der Streitfragen ausschließen dürften. PgttS, 24. Oktober. Ein bei der russischen Gesandtschaft um Mitternacht eingelaufeneS Telegramm aus Livadia besagt, daß der Zu stand des Czaren sich gebessert, der Appetit besser ist und der Kranke während deS gestrigen Tages mehrere Stunden gut geschlafen hat. Paris, 24. Oktober. Wie verlautet, haben die französischen socialiftischeu Abgeordneten ihre belgischen Collegen zu ' einem großen Bankett nach Paris eingeladen. London, 24. Oktober. Alle hier eingetroffenen Privat' Meldungen au5 Livadia stimmen heute darin überein, daß sich die ungünstigen Symptome beim Czaren wieder stärker bemerkbar machen und daß die eingetretene leichte Besserung keine dauernde ist. Die begreifliche Aufregung anläßlich der Ankunft der Prinzessin Alix soll auch einen ungünstigen Einfluß auf den Zustand des Kaisers ausgeübt haben. Loudon, 24. Oktober. Ein Telegramm au8 Tientsin meldet, daß durch die Explosion einer unterseeischen Mine zwei japanische Torpedoboote in die Luft gesprengt wurden und zwar in dem Augenblicke, wo die Mannschaft in der Nähe des Hafens Tafu anlegen wollte. H. Petersburg, 25. Oktober. Nach neueren Meldunget hoffen die Aerzte den Czaren noch zwei dis drei Wocher am Leben zu erhalten. Deshalb wurde die Vermählung bei Thronfolgers hinausgeschoben. Der Czar weiß, daß nach menschlicher Berechnung keine Rettung denkbar- er nahm am letzten Sonntag baß Abendmahl. Sozialdemokratischer Parteitag. Frauksurt a. M, 24. Oktober. Zu Beginn der um 9^ Uhr durch Singer eröffneten heutigen Sitzung dankt der Holländer van Koll den beut» schen Sozialdemokraten für die der holländischen sozialistischen Arbeiterpartei, die sich von dem alten sozialdemokratischen „Bund" losgelöst habe, weil derselbe den Parlamentarismus verwerfe und in anarchistisches Fahrwasser gerathen sei, zugewendete Unterstützung von 5000 Mk. Singer verspricht, die Solidarität weiter zu betätigen. Sodann wird in der Diskussion der badischen Angelegenheit fortgefahren. Geck- Offenburg weist auf die persönlichen Zwistigkeiten hin, die von Anfang ihrer Thätigkeit im Landtag an zwischen Dreesbach und Dr. Rüdt bestanden hätten. Zwischen beiden sei dann der dritte Abgeordnete, Stegmüller, hin- und hergependelt. Um zu verhindern, daß womöglich der eine der 3 Abgeordneten gegen einen von den andern eingebrachten Antrag stimme, habe die Parteikonferenz, die Ostern zu Karlsruhe zusammen war, beschlossen, daß sich die 3 Abgeordneten als Fraktion conftituirten und ihre Anträge gemeinschaftlich als Fractionsbeschlüsse einbringcn Dies sei bei den Zu - satzanträgen zu den bekannten Centrumsanträgen der Fall gewesen, und bei der Abstimmung habe gerade DreeSbach dadurch, daß er für Streichung des Zusatzantrages stimmte, gegen den FractionSbeschluß gehandelt. Stegmüller habe gar nicht gewußt, was er mache solle, und laut gerufen: „Dreesbach, wie wellet mer jetzt stimme?" Stegwüller sei übrigens das seinerzeitige Mißtrauensvotum nicht wegen seiner Abstimmung in der Lörracher Kirchenangelegenheit, sondern wegen seiner „Straßenmeisterrede" ertheilt worden, worin er gesagt habe, er wisse aus seiner eigenen Dienstzeit all Straßenmeister, daß diese die Staatskasse betrügen. Mehrer, Redner greifen in die Debatte ein, von denen Dr. Lüt- genau dem Dr. Rüdt Wissenschaftlichkeit und Logik in Bezux auf seine Aeußerungen über die Klöster abspricht. Dreesbach und Rüdt ergreifen beide noch einmal das Wort. Dreesbach erklärt es für unwahr, daß Stegmüller den erwähnten Ruf ausgeftoßen habe, und wirst Rüdt wiederholt Programmverletzung vor. Rüdt will nur deshalb so gestimmt haben, wie er es gethan hat, weil er den Orden und Klöstern keine Privilegien zugestehen könne. Schließlich wird der Antrag Dreesbach: „Das Verhalten deS Dr. Rüdt bei der Ordensfrage entspricht nicht den Prinzipien und der Gepflogenheit der sozialdemokratischen Partei und spricht der Parteitag seine entschiedene Mißbilligung hierüber aus," mit großer Mehrheit angenommen, trotzdem sich Rüdt und die anderen badischen Redner darauf beriefen, daß die Offenburger Partei- conferenz sich einstimmig mit der Haltung Rüdts einverstanden erklärt habe. Rüdt schien überhaupt nicht viele Freunde auf dem Parteitag zu haben. Alsdann wird zu der bayerischen Angelegenheit übergegangen. Wi lk e - Berlin und Kunert - Halle werfen den bayerischen Landtagsabgeordneten gröbliche Verletzung deS socialdemokratischen PrtncipS vor, die sie sich durch ihre Abstimmung für den Gesammtetat des bayerischen Staates hätten zu Schulden kommen lassen. Zu den bereits gedruckt vorliegenden Anträgen, die theilweise eine Rüge für die bayerischen Abgeordneten verlangen, sind zwei neue Anträge eingegangen. Der eine ist von Bebel, Liebknecht, Auer, Singer mitunterzeichnet und lautet: „Der Parteitag wolle erklären: Es ist Pflicht der parlamentarischen Vertreter der Partei, wie im Reichstag, so auch in den Landtagen Uebelstände und Ungerechtigkeiten, die in dem Klasseu- character des Staates wurzeln, der nur die politische Organisationsform für die Wahrung der Interessen der herrschenden Klassen ist, mir aller Schärfe zu kritisiren und zu bekämpfen; es ist weiter Pflicht der Vertreter der Partei, alle geeigneten Mittel zu ergreifen, um bestehende Nebel und andere Zustände im Sinne unseres Programms zu schaffen, da ferner die Regierungen als Leiter von Klaffenstaaten die focialdemokratischen Bestrebungen auf das Heftigste bekämpfen und jedes Mittel, daß ihnen zweckmäßig erscheint, ergreifen, um die Socialdemokratie, wenn möglich, zu vernichten, so ist die nothwendige Folge, daß die Vertreter der Partei in den Landtagen den Regierungen ein Zeichen des Vertrauens nicht geben können und, da die Bewilligung des Gesammt- budgets als Vertrauensvotum gilt, in der Gesammtabstimmung gegen das Budget zu stimmen haben. Ein späterer Zusatz- antrag Stadthagens, der aber von B e b e l bekämpft wird, will statt „da" die Bewilligung „soweit" die Bewilligung u. s. w. setzen. Der Antrag Bebel läßt also die Rüge für die Bayern fallen. (Fortsetzung in nächster Nummer.) £ocafc» «nv prov1itztelles Gießen, den 25. October 1894. ** Hochzeitsgefcheuk für Prinzeß Alix. Die Spende, welche die Frauen Darmstadts der Prinzessin Alix zur Hochzeit überreichen wollen, besteht in einer Ansicht von Romrod, wo die Prinzessin viele glückliche Tage verlebt war. Dieselbe stieg ohne alles weitere mit einem Billet | vierter Klasse in einen Wagen erster Klasse. Von dem Schaffner sofort auf den Jrrthum aufmerksam gemacht, meinte die gute Frau, jedenfalls im Hinblick auf ihr „Neuseidenes", das sie zwecks Theilnahme an einer Hochzeitsfeier anhatte: „Bemühe se sich nur näit weirer, der Platz eas mir ja gout genung!" — Climbach, 23. October. Am vorigen Sonntag wurde hier ein Knabe von einem mit ihm auf der Scheuerbühne ringenden Kameraden in die Tenne geschleudert und erlitt beim Falle eine so starke Gehirnerschütterung, daß er in der darauffolgenden Nacht nach schwerem Leiden starb. Der Bruder des Verunglückten hat im vorigen Jahre durch einen Axthieb eines anderen Knaben beim Holzklemmachen mehrere Finger verloren, und so warnt dieser neue Unfall in derselben Familie um so mehr vor leichtsinnigen Bubenstreichen. R. Reichelsheim i. d. W., 22. October. Zur Förderung , unserer Eisenbahnangelegenheit fand gestern wieder eine Versammlung im „Gasthause zur Post" dahier statt. Sie ist dadurch veranlaßt worden, daß die Chefs der drei Kreise Gießen, Friedberg und Büdingen, sowie ein Vertreter der Eisenbahnabtheilung des Finanzministeriums mit den Bürgermeistern der betheiligten Gemeinden am vergangenen Donnerstage zu Echzell eine Berathung hatten, in welcher die Bauangelegenheit weiter gefördert wurde. Es steht jetzt zweifellos fest, daß die Wetterauer Bahnen mit zu den ersten gehören, welche in Angriff genommen werden. hat. Dasselbe wird aus dem Atelier Eugen Brachts hervorgehen. Dom Comite der „Aliceschule" empfängt sie eine aus grünem Seidenpeluche und vieux rose mit Hoch- filberstickerei künstlerisch ausgeführte Renaissancetruhe, an deren Vorderseite sich das russische und das hessische Wappen befinden. Die kostbare, Peinlich accurate Stickerei stellt den Schülerinnen der Darmstädter Aliceschule, aus deren Händen sie hervorgegangen ist, ein ehrenvolles Zeugniß aus." * * Neues Theater. Freitag den 26. October kommt der urgelungene Schwank von O. Blumenthal und G. Kadel- burg: „Großstadtluft", mit Herrn Alexander Otto als Fritz Flemming zur Aufführung. Freunde der heiteren Muse wollen diese Vorstellung nicht versäumen. * * Militärdieustuachrichten. Prinz zu Isenburg und Büdingen-Birstetn, Sec.-Lt. vom 1. Garde-Regt. zu Fuß, mit der Berechtigung zum Tragen der Uniform des Hus.-Regts. Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg (2. Hess.) Nr. 14, zu den Offizieren ä la suite der Armee versetzt. May, Sec.-Lt. von der Res. des Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116 (II. Berlin), zum Pr.-Lr., Hill, Vicefeldwebel vom Landw.-Bez. Frankfurt a. M. zum Sec.-Lieut. der Res. des Infanterie - Regiments Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116, Cella- rius, Pr.-Lt. von der Res. des Jnf. Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Heff.) Nr. 116 (Arolsen) zum Hauplm., Hirsch, Vtcefeldw. vom Landw.-Bez. Gießen, zum Sec.-Lt. der Res. des Jnf.-Reg. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116, Wenzel, Vicefeldw. von demselben Landw.-Bez., zum Sec.-Lt. der Res. des 4. Großh. Hess. Jnf.-Reg. (Prinz Carl) Nr. 118, Lutz, Sec-Lt. von der Res. des Großh. Hess. Train-Bats. Nr. 25 (Gießen), zum Pr.-Lt. befördert. * * Ein Hauptgewinn von 200,000 Mk. der preußischen Klaffenlotterie fiel auf die Nr. 29 061. * * Lebensmittel-Preise Ende September 1894. Nach einer Zusammenstellung der Großh. Centralstelle für die Landes- statistik kosteten: Ochsenfleisch per Pfund Rindfleisch per Pfund Kalbfleisch per Pfund Schweinefl. per Pfund Hammelfleisch per Pfund Gemischtes Brod Roggen- Brod Butter per Pfund Milch 1 Liter Eier 1 Stück Städte mit Octroi Darmstadt 76 70 76 70 70 12 11 116-128 18 6-7 Mainz 72 60 70 70 65 12 10,5 89-106 18 5-7 Offenbach 76 66 76 80 60 12 10 110-121 21 6-8 Worms 74 70 80 72 68 9 9 111-125 18 5-8 Gießen Städte ohne 76 70 69 71 64 11 9 101—113 18 6-7 Octroi Bingen 75 70 70 70 60 10 l 8 100—113 19 5-7 Bensheim 76 70 70 64 60 11,5 9 97-103 17 6-7 Alzev Friedberg 68 64 65 65 60 15 10 101—114 17 8-9 75 70 70 60 65 11,5 10 120-130 18 7 Alsfeld 70 65 70 65 — 11 10 95-105 16 6 Lauterbach 70 70 60 66 60 12 9 120 16 6 Bad-Nauheim, 24. October. Ein gelungenes Stückchen, das beweist, daß es heute noch Leute gibt, die die einfachsten Etsenbahnregeln nicht kennen, trug sich letzten Sonntag auf der Fahrt von hier nach Butzbach zu. Stiegen da zwei Bewohner des Dorfes M. in den Zug, um nach ihrer Heimath zurückzukehren. Auf die Frage des Aelteren an seinen Begleiter, ob er auch ein Billet dritter Klasse habe, antwortete dieser mit Ja. Als nun der Schaffner die Karten abforderte, zeigte der Landmann ein Billet vierter Klasse. Auf den Vorhalt des Schaffners, daß er doch mit diesem Billet nicht dritter Klaffe fahren dürfe, antwortete der Mann ganz verwundert: „Aich hun doach ean Nauem doas Billet uff Boutschbach genomme un kann doach aach meatfahr'n!" Der Schaffner konnte dem Mann absolut nicht klar machen, was es für eine Bewandtniß mit den verschiedenen Wagenklaffen und Billetten hat. Endlich gelang dies seinem Reisegefährten, indem er denselben darauf aufmerksam machte, daß sein Billet nur 20 Pfg. koste, während das Billet dritter Klasse doch 40 Pfg. koste. Unter allgemeiner Heiterkeit der Anwesenden entgegnete der Belehrte: „No, do wär' mehrsch aach näit druff akomme; awwer übrigens eas mir doas ganz oanerla, ob aich häi seatze oder drüwwe; aich kann maich aach e 'uüwer (in den Vierte- Klasse Wagen) mache." Dieser Vorfall erinnert an eine ähnliche Geschichte hier vor einigen Jahren, wo die Heldin . der Geschichte die Frau Bürgermeister eines Nachbardorfes 1 Vermischtes. * Oberursel, 21. October. Ein auswärtiger Landwirth, der am vorigen Montag zur Viehprämiirung hier war und auch für eine schöne Kuh einen Preis erhalten hatte, ging, als er nach Haus kam, mit noch einigen Freunden ins Wirthshaus, woselbst er einige Viertel Aepfelwein zum Besten gab. Als die Gesellschaft in richtiger Stimmung war, machte Jemand den Vorschlag, die prämiirte Kuh auch theilnehmen zu lassen. Gesagt, gelhan. Die Kuh wurde geholt, in das zu ebener Erde gelegene Wirthszimmer gebracht, woselbst ihr 3 Schoppen Hohenastheimer verabreicht wurden, welche sich dieselbe auch sehr gut schmecken ließ. Ehre dem Ehre gebührt! * Frankfurt a. M., 24. October. Ausgeplündert. Ein Schweizer aus dem Canton Bern traf gestern Vormittag hier einen jungen Mann, der ihn einlud, ein Glas Bier mit ihm zu trinken. Der Unbekannte führte den Schweizer, wie der Polizeibericht erzählt, in ein Haus der Buchgasie und dort begann ein Zechen. Als der Schweizer trunken war, wurde er auf ein Bett gelegt, wo er einschlief. Beim Erwachen merkte er, daß ihm das Portemonnaie mit 9 Mk. und ein Schein über zwei bei der Bahn zur Aufbewahrung gegebene Koffer fehlten. Bei der Nachfrage auf dem Bahnhofe stellte sich heraus, daß die Koffer bereits abgeholt waren. Sie enthielten Kleidungsstücke im Werthe von 180 Mk * Hanau, 21. October. Zur Ver gebung der Bahnhofrestauration auf dem hiesigen Hauptbahnhose hat am Samstag in Frankfurt ein Termin stattgefunden. Zu demselben waren 35 Angebote eingelaufen, dagegen nur 9 Bewerber persönlich erschienen. Das geringste Gebot war 3000 Mk. Das höchste 20 000 Mk. Die meisten Offerten sind zwischen 5 bis 7000 Mk., dann kommen 2 zu 10 000 Mk., 1 zu 12000 Mk. und endlich 1 zu 20 000 Mk. Der Zuschlag soll erst in einigen Wochen ertheilt werden. * Altena, 20. October. Eine große Seltenheit ist es sicherlich, daß aus einer Familie vier Söhne gleichzeitig ihrer Militärpflicht genügen. Dieser Fall liegt bei dem Fabrikmeister Küpper in Rahmede vor. Zwei Söhne dienen bei der Garde Feldartillerie in Berlin, ein anderer bei der Artillerie in Wesel und der jüngste der vier ist bei dem 80. Infanterieregiment in Wiesbaden eingetreten. Zwei der Söhne sind Zwillinge. * Naumburg, 18. October. „Weil er wieder ins Zuchthaus wollte", hat der Handarbeiter Hädrich aus Remsdorf bei Zeitz im Sommer dss. Js. eine Scheune des dortigen Rittergutes an gesteckt und dadurch einen Schaden von 20,000 Mk. verursacht. Der ergraute Verbrecher (er ist schon 64 Jahre alt) hat allerdings einen erheblichen Theil seines Lebens schon hinter Schloß und Riegel verbracht, u. a. sechs Jahre und später sieben Jahre im Zuchthaus gesessen^ kurz nach Verbüßung dieser Strafe hat er das oben erwähnte Verbrechen begangen, zu deffen milderer Beur- theilung er noch ansührt, er habe es am Tage verübt, weil ein nächtlicher Brand das Publikum zu sehr in Schrecken gesetzt haben würde. Das hiesige Schwurgericht verurtheilte den alten Zuchthäusler zu 10 Jahren Zuchthaus. * Entwischt, erwischt! Ein Schutzmann hatte den Auftrag erhalten, einen in der Schwedterstraße in Berlin wohnenden Arbeiter zur Verbüßung einer eintägigen Haftstrase zu verhaften. Zur Ausführung dieses Auftrages ließ sich der Beamte durch den Nachtwächter das Haus öffnen. Die Beamten hatten kaum das Haus betreten, da kam ihnen jener Arbeiter mit der Meldung entgegen, daß in dem gegenüber belegenen M.'scben Restaurant eben ein Einbruch vollführt worden sei. Die Beamten wollten dem Arbeiter keinen Glauben schenken, plötzlich aber wurde die Roülade des M.'schen Restaurationsgeschäftes in die Höhe gezogen und zwei Bassermannsche Gestalten, mit schweren Bündeln beladen, traten ins Freie. Als die Diebe sich ertappt sahen, stürmten sie in eiligster Flucht von dannen. Nun begann eine wilde DiebeSjagd, an welcher sich auch der rasch herbeigeeilte Wirth beteiligte. Auf dem sogenannten Danziger Felde, an der Prenzlauer Allee wurden die Diebe nach heftiger Gegenwehr unter Mithilfe jenes Arbeiters ergriffen. Als man nun aber, nachdem die beiden Gesellen in Sicherheit gebracht, nach den fortgeworfenen Bündeln forschte, erwies sich diese Mühe als nutzlos, denn ein Unberufener hat die herrenlosen Bündel als gute Beute erklärt. Aber auch dieser wurde ^alsbald in einer Destillation angehalten und zur Wache gebracht. Der Restaurateur M. 'hat für den Arbeiter die drei Mark Polizeistrafe entrichtet und ihm dadurch die eintägige Haftstrafe erspart. * Zwei bemerkeuswerthe Hasenjagden. Bei der kürzlich in Nenndorf bei Güsten abgehaltenen großen Treibjagd wurden der „Köth. Ztg." zufolge in vier Treiben circa 1800 Hasen zur Strecke gebracht. In einem einzigen Treiben wurden 774 Hasen erlegt. Es ist dies ein Ergebnis wie es auf irgend einem Jagdterrain wohl noch nicht annähernd vorgekommen ist. — Bei der am 18. October in Neinstadt abgehaltenen Treibjagd wurden 1200 Hasen zur Strecke gebracht. * Für Briefmarkensammler wird folgende Meldung ans London von Jntereffe sein: Die Briefmarkensammler Stanley Gibbons haben die berühmte Sammlung australischer Marken des Vicepräsidenten des Londoner PhilaletiftenvereinS, Castle, für Lstr. 10000 angekaust. Dies ist der höchste Preis, welcher jemalsjfür eine Briefmarkensammlung gezahlt worden ist. * Riesenwasserleitung. Vor einigen Tagen wurde die neue Wasserleitung der Stadt Manchester eröffnet. Sie gehört zu den größten Wasserwerken, welche jemals in England gebaut wurden. Manchester wird jetzt sein Waffer aus dem Thirlmere See beziehen, welchen die Stadt zu dem Ende hat ankaufen müssen. Der über Thäler, Eisenbahnen und Flüsse gehende Aquäduct ist 95 englische Meilen lang und der längste, den es überhaupt giebt. Die Baukosten haben 2 500 000 Pfund. Sterl. betragen. * An der deutfch.sranzö'fischen Grenze. Anläßlich der vielbesprochenen Begegnung deutscher und französischer Soldaten an der Schlucht in den Vogesen schildert ein Stuttgarter im dortigen „Neuen Tageblatt" ein ähnliches friedliches Bild, das sich ihm im vergangenen Sommer an der gleichen Stelle darbot. Der Stuttgarter erzählt: Die „Schlucht", französisch Col de la Schlucht, ist einer der wenigen Pässe, die Frankreich und Deutschland an der Vogesengrenze verbinden, und ein wegen seiner landschaftlichen Schönheit besonders viel besuchter Punkt. Geht man auf der schönen Straße, etwa eine halbe Stunde von der Grenze an, entlang, so bietet sich durch die Bäume dem überraschten Auge eine entzückende Aussicht auf die beiden lieblichen Seen von Longemer und Gerardmer. Auf der Paßhöhe selbst steht auf französischer Seite ein großes Gasthaus, das von allen Fremden besucht wird, während die kleine Schänke auf deutschem Boden nur Arbeiter, Soldaten rc. betreten. Unmittelbar am Hause stehen die Grenzpfähle mit dem stolzen Reichsadler und dem schmucklosen „France". An diesen Trennungszeichen der Völker vorüberzugehen und den fremden Boden zu betreten, ist den Soldaten beider Heere aufs Strengste verboten. An jenem Sonntage nun, als ick an der Schlucht verweilte, sah ich drei französische Infanteristen, einen Unteroffizier, kenntlich an den gelben Litzen an Kragen und Slermel, und zwei Gemeine von ferne das Gasthaus betrachten, ohne näher zu kommen. Schließlich salutirte der Unteroffizier Jn strammer Haltung und rief mir etwas zu. Ich trat zu den Rothhosen und fragte nach ihren Wünschen. Sie wollten wissen, ob das Gasthaus auf deutschem ober auf französischem Boden stehe und ob auch keine Zollbeamten dort seien. Diese haben wahrscheinlich die Pflicht, Sotdaten, die ihnen an der Grenze begegnen, anzuzeigen. Sehr schüchtern und erst nachdem auch der Kellner ihnen versichert, daß die Luft rein sei, traten sie ein. Als sie sich gütlich gethan und wieder aufbrechen wollten, redete ich sie an; der mir zunächst Stehende, ein auffallend hübscher junb strammer Blondkopf, der gar nicht sehr welsch aussah, stellte sich sofort in militärischer Haltung vor mir auf, als ob ich sein Lieutenant gewesen wäre und beantwortete meine Fragen in derselben kurzen Weise, wie es der Soldat dem Vorgesetzten gegenüber thut. Sie waren vom 45. Regiment aus Remtremont, einem kleinen Orte, etwa 45 Kilometer von der Schluckt entfernt. Inzwischen hatten sich auf deutscher Seite ebenfalls Söhne des Mars eingefunden: Dragoner und Jäger aus Colmar, etwa ein Dutzend Leute im Ganzen. Diese verlockte es sehr, die Grenze zu überschreiten; aber sie wagten es doch nicht und begnügten sich damit, sich in einer Linie quer über die Straße dicht an den Grenzpfählen aufzustellen und waren in einer gewissen neugierigen Aufregung, als ich ihnen sagte, daß gleich ein paar Franzosen aus dem Gasthaus treten würden. Als dies geschah, entfaltete sich vor meinen erfreuten Blicken eines der buntesten und hübschesten Bilder, das ich jemals zu sehen Gelegenheit gehabt hatte: einer der Franzosen hatte einen Photographieapparat aus seiner Garnison mitgebracht, um ein Stück Deutschland zum Andenken an diesen SonntagS- ausflug mitnehmen zu können, und nun kam ihm die Gunst des Schicksals gar soweit entgegen, daß er deutsche Soldaten photographiren konnte. Er stellte sich in der Mitte der Straße auf und richtete seinen Apparat. Als die deutschen Brüder merkten, um was es sich handelte, packte sie der Ehrgeiz. Sie nahmen eine möglichst stramme ober möglichst forsche Haltung an, setzten die Mützen unb schoben bie Koppel zurecht unb hielten bann bem rothhofigen Photographen in mustergültiger Weise. Es war ein gar freunbliches Bildchen, da störte kein Säbelgeraffel und fein Revanchegeschrei, nur die gegenseitige Bewunderung fand in diesem Begegnen unverhohlenen Ausdruck. Und da in gegenseitiger Achtung der Völkerfriede am sichersten ruht, mußte einem Jeden, der fein verblendeter Chauvin war, das Herz aufgehen bei diesem friedlichen Anblick. * Ein Torpedoboot aus Aluminium, welches für die französische Marine gebaut wurde, ist 18,28 Meter lang und mit Dreifach-Expansionsmaschinen ausgerüstet. Der Schiffsrumpf ist aus einer Ccgtrung von 94 pCt. Aluminium und 6 pCt. Kupfer gefertigt. Obgleich die Querschnitte der hauptsächlichsten Constructlonstheile gegenüber Stahlbooten des gleichen Typus um 25 pCt. vergrößert worden sind, hat sich dennoch das Gesammtgewicht des Fahrzeuges triefen gegenüber um 50 pCt. ermäßigt. Man erzielt mit dem Boot eine Geschwindigfeit von über 20*/z Knoten. Der Preis dieses Fahrzeuges ist allerdigS ein ganz exorbitanter gegenüber gewöhnlichen Stahlbooten: DaS Metall, welche- für das kleine Boot gebraucht wurde, kostet über 20,000 Mk. Wenn z. B. ein englisches Torpedoboot aus einer solchen Alumintumlegirung hergestellt werden sollte, so würden die Kosten doppelt so doch werden, wie bei der Construction aus Stahl, und dieses Anwachsen des Preises steigert sich in ganz erheblichem Maße mit der Gröhe des Fahrzeuges. ♦ Eine Seekraukheit-Etodie. In seinem neuen, kürzlich erschienenen Buch „Don sonnigen Küsten, Mittelmeer'Briese" (Verlag von B. Elischer Nachfolger, Leipzig) schildert Karl Böttcher das Wüthen der Seekrankheit in folgender characleristischen Werse: Wir befinden uns im Golf du Lion. Diese schöne Gegend steht in herzlich schlechtem Renommv. Auf ihrem holprigen Wasier soll die Seekrankheit in besonderer Güte gedeihen, wie in Italien die Citronen oder in der Schweiz der Käse. . . . WaS nur am folgenden Morgen die jetzt nahenden Balearen haben? Sie stecken in grauen Wolkenschleiern, Nebelhemden, Dunstschleppen und b rgl. phantastischer Garderobe. Auch sind sie in einen Zweibund mit dem Wind getreten. Der pfeift, heult, springt auf den Wellen herum, bildet Schaumkronen und trägt seine Musik im gewaltigsten Fortissimo vor. Neugierige Wogen schäumen aufs Verdeck, durchnästen mit einem einzigen Schlag die Segel und laufen in tausend Rinnen ab. Da wir gerade zum Diner gehen, nimmt der Wind sich vor, mittelst der See- krankheil den prunkvollen Speisesaal auszuräumen. Es gelingt ihm vorzüglich. Beim Aufträgen der Suppe an allen Tischen heitere Gesichter. Man heuchelt einen gewissen Muth, wenn auch der Löffel bereits langsamer zum Munde wandert. . . . Kaum sind die Teller halb geleert — drei Damen empfehlen sich. . . . Während der Lachs auf dem Terrain erscheint, verduften noch Einige. . . . Der ganze Speisesaal schwankt mehr und mehr. Beim Roastbeef entdecken ein paar Herren, daß hier der Aufenthalt ziemlich ungemüthlich ist. Addio! . .. Beim Pulenbraten zeigt sich der Saal nur noch zur Hälfte gefüllt . . . Heftige Stöße. Große Bewegung. Unheimliches Poltern. Teller, Gläser und Flaschen stoßen auf eigene Faust mit einander an. Ein weiteres Verduften. . . . Der Käse findet nur noch ein kleines Publikum, welches sich der herumschleichenden Seekrankheit nicht ergibt. Aber die Herrschaften draußen — die diniren nicht. . . . O nein! . . . Durch das Schiff huscht das bleiche, düstere Gespenst der Seekrankheit, kriecht in die rothsammtenen, prunkvollen Cajüten und sinder überall seine Opfer. Einige Passagiere nehmen Pillen — „Seekrankheit-Pillen" . . . Es hilft nichts. Andere spielen die Muthigen — „Seekrankheit-Muthige" . . . Es hilft nichts. Ueberall wuchtet das Bewußtsein einer trübseligen, katzenjämmerlichen Existenz. Sechs besonders unternehmungslustige Herren wollen einen Verein gegen die Seekrankheit gründen. Sie erwählen einen Präsidenten. Eben, als der Brave einen längeren Speech über den Zweck der Vereinigung loslassen will, schweigt er plötzlich, springt an daS Geländer, hält den Kopf über Bord — und der ganze Verein weiß, was der Herr Präsident meint. Der Wind aoancirt zum Sturm. Die Seekrankheit-Stimmung greift immer mehr um sich. . . . Man hüllt sich in die Plaids, schauert durch und durch, glitschert auf dem nassen Verdeck, balancirt mit den Armen, indeß sich die weißschäumenden Wogen immer mehr erregen. . . . Jetzt springen sie bis an die thurmhohe Commandobrücke. Im Rauchzimmer kugeln die Weinflaschen von den Tischen, jagen wie toll über die Teppiche dahin uno zersplittern in tausend Stücke. Ein Paar Gummischuhe sängt von selbst an zu tanzen. Passagiere, Damen und Herren, fliegen von den Stühlen und rollen auf den Boden . >. . Alle lachen. Da — ein Stoß, ein gewaltiger Stoß, der das Schiff umzustürzen scheint, und dann — mächtiges Gepolter. Jetzt lacht Niemand mehr. Sturm, Regen, geschwollenes Meer. Man blickt sich ängstlich an, ohne zu sprechen. . . . Keiner mag schlafen. Eine grausige und doch so majestätische Sturmnacht, in welcher eine unheimliche Naturgewalr Alles in Bann hält. — * Auch die Kühe werden schon bühneufahig. In Turin wurde ein neues Bauernstück von Guiseppe Romano aufgeführt, in welchem gleich zu Beginn acht Kühe — gemolken werden. Der vierle Act spielt auf einer Alm, die Kühe lagerten malerisch auf der Bühne, auf der sie sich sehr manierlich verhielten. * Eine praktische Jungfrau hat soeben eine ganz neue Art von Visitenkarten ausfindig gemacht, die voraussichtlich bald unter den heirathSfähigen Töchtern des Landes große Verbreitung finden wird. Hier ein Exemplar dieser neuen Gattung: „Agnes Schultze (30,00 0)." * Schneidige Wendung. Bataillonsadjutant (vor der Vereidigung der neuen Einjährigen): „Wenn Sie den Fahneneid brechen, so werden Sie nach Spandau gebracht. DaS ist hier unten, in der Zeitlichkeit. Außerdem aber setzen Sie sich auch im ewigen Leben ganz colossalen Unannehmlichkeiten aus!" * Kaserneuhosblüthe. Feldwebel: „Infanterist Heiter, lächeln Sie n'chr immer so blöd wie Homer, als er die alte Odyffee geheiratbct hatte!" Literatur und Aunst. — Allgemeine deutsche literarttsche Gesellschaft. Am 1. October d. I. ist die auf einer Hauptversammlung am 16. Sept. d. I. in Bremen begründete „Allgemeine deutsche literarische Gesellschaft" mit fast 500 Mitgliedern in ihr erstes Geschäftsjahr eingetreten. Sie will die Antheilnahme an dem literarischen Schaffen der Gegenwart in den weitesten Volkskreisen wecken und fördern helfen und wendet sich an alle Literaturfreunde, denen die Hebung unserer Volksbildung und die Unterstützung unserer VolkSerziehung am Herzen liegt. Nur durch ein allaemetn literarisches Interesse kommt das Wort unserer Dichter und Schriftsteller, die sich in ihrer hohen Culturaufgabe, die Bildung des Volkes in allen Kreisen zu heben und zu vertiefen bewußt sind, allein zur Geltung. Der jährliche Beitrag der „A. d. l. G." beträgt nur Mk. 4. Die Mitglieder erhalten u. A. dafür die außerordentlich reichhaltige literarische Monatsschrift „Neue literarische Blätter" (Verlag von Eduard Rentzel, Berlin, III. Jahrg., Herausgeber: Heinrich ©turnte) und die vier bis sechsmal jährlich erscheinenden „Mittheilungen der A. d. l. G." frei zugeiandt. Der Ehrenvorstand der Gesellschaft besteht aus den Herren: Geh. Hofrath Prof. Josef Kürschner-Eisenach, Prof. Dr. phil. Berthold Litzmann-Bonn, Prof. Dr. phil. Franz Muncker-München. Den geschäftsführenden Vorstand bilden: Schriftsteller und Rezitator Franztseus Hähnel - Bremen, 1. Vors.; Dr. jar. Ernst Kliemke- Charlottenburg, Stellvertreter; WUH. Becker-Berlin, 1. GeschästS- unb Schriftführer; Johann Bayer - Bremen, 2. Schriftführer und Archivoerwalter; Schriftsteller und Redakteur Max Dittrich-Dresden, Dr. jur. I. Jacobi-Bremen, Frau Pauline Hoffmann von Wangen- Heim-Erfurt, Frau Lina Morgenstern-Berlin, Beigeordnete. Es sollte kein Literaturfreund versäumen, dieser dem Volkswohl zielbewußt dienenden Gesellschaft beizutreten; find doch ihre hohen Aufgaben nach Herrn Prof. Dr. phil. Litzmanns Ausspruche erst bann vollkommen erfüllbar, wenn aus den Hunderten der gegenwärtigen Mitglieder ebenso viele Tausende geworden sind. Jedes Mitglied wirkt deshalb schon durch seinen Beitritt an der Förderung dieser wichtigen socialen Bestrebungen mit. Beitrittserklärungen werden von dem Vorsitzenden Franziskus Hähne! in Bremen, sowie von dem ersten Geschäftsführer Wilhelm Becker-Berlin S. 14, Prinzenstr. 60, zu jeder Zeit entgegengenommen, auch werden orientirendeDrucksachm von diesen auf Wunsch bereitwilligst zugesandt. - Schiffsirachrichten. Norddeutscher Lloyd, in Gießen vertreten durch die Agenten Carl Loos und I. M. Schulhof. Bremen, 23. Oktober. (Per rransatlantischen Telegraph.) Der Schnelldampfer Saale, Eapitän F. Keßler, vom Nordd. Lloyd in Bremen, welcher am 13. Oktober von Bremen und am 14. Oktober von Southampton abgegangen war, ist gestern, 1 Uhr Nachmittags, wohlbehalten in Newyork angekommen. Der Dampfer „Illinois" der „Red Star Line" in Antwerpen ist laut Telegramm am 22. Oktober wohlbehalten in Philadelphia angekommen. Der Postdampfer „Westeraland" der „Red Star Line" in Antwerpen ist laut Telegramm am 23. Oktober wohlbehalten in Newyork angekommen. Briefkasten. Bund Apoll. Ihr und zugesandtes Schreiben ist ja recht gut gemeint, aber zur Aufnahme nicht geeignet. Red. Dörfer, Land- nnö Dolfswiribidtafi, Stmbtitg, 24. Oktober. Fruchtmarkt. Rother Weizen X 11.45, weißer Weizen X 11.40, Korn X 8.95, ©erfte X 0.00, Hafer X 5 30. Tottesdienst in der Synagoge. Samstag, den 27. October. Vorabend 4" Ubr, Morgens 9f0 Uhr, Nachmittags 3” Uhr SabbathauSgang 665 Uhr- Gottesdienst der israelitischen Neligionsgesellschaft. Freitag Abend 4" Ubr, SamStag Vormittag 8" Uhr, Nachmittag 3 Uhr, SabbathauSgang 550 Uhr. verein für jüdische Geschichte und Literaturr Wetzsteingasse 8, Nachmittags 2 Uhr- 7737 Eia Thermometer: min. + 6V20 R., max. 4- 8° R. Hygrometer: Regen, stürmisch. Imverkuug: Die punRitte Linie Bei der Barometerscala gibt den Stand bei vorhergehenden Tages an. witternngsanssichten am 25. October Morgens 8 Uhr (Wetterhäuschen in der Südanlage). 3 B «I « N “ 2. 01 & 2 5" ff c h na* a Artikel. Soeben erscheint: 300 Karten. 130 Chromos. 9500 jAbbildungen.l 16500 Seiten Text 980 Tafeln. Iinnrtonl 16 Bände ■ BWV Unentbehrlich für Jedermann. 2Mtr prima ESktmo f. einen Winterüberzieher zu M 12.45 3,30 Mtr. schwerer Lodenstosf für einen Anzug zu M 8 75 nadelfertig ca. 140 cm brett, versenden direkt franco Oettinger & Co., Frankfurt a. 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Mit der goldenen Medaille prämllrt|Dresden 1894. Coursbericht von J. Kurz & Co., Giessen, Kchchofßraße 63. Frankfurter Börse vom 24. October 1894. 4l/&ü/o Oesterr. Silberrente 103.30 93.60 102.90 103.50 103.70 4°ze Ung. Gold Rente 3% Portugiesen 6°/ti Mextcaner 4°/0 Monopol-Griechen von 3Vt°/o DeutlcheReichsanl. 3% Preuß. Confols 3Vz0/o Gr. Hesftsche Obl. 4% Stadt Darmstadt 0. 1891. 40/0 „ Worms unk. b. 1901 1887 81.05 99.60 26 35 65.25 34.80 3% Oesterr. Staatsbahn v. 1885 87 — 14°/« Etsenb. Rmtenb. Obl. 30/0 Jtal. staatsgar. Etsenb. 50.— | 5