Kr. 297 Erstes Blatt. Mittwoch den 19. December Der Gteße«er Anzeiger «scheint täglich, ettt Ausnahme bei Montags. Di, Gießener K»«rrie«0tLtter »erden dem Anzeiger kv-chentlich dreimal deigrlegt. Gießener Anzeig er Kenerak-Wnzeiger. 1894 vierteljährig« >, Avonncmenlspreisr 2 Marl 20 Pfg. mit Bringerloh». > Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchukstratze Nr.T, Fernsprecher 5L Asnts- unb Anzeigeblertt für den Ureis Gietzen. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Dorm. 10 Uhr. Hratisöeikage: Hießener Kamitienötätter. Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Ausländer nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. 2tmtHd?er Theil. Gießen, 17. December 1894. Betr.. Die Ausführung des Gesetzes vom 10. September 1878 über den Schutz der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter 6 Jahren. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen «n die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises. Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 14. No< vember v. I. (Amtsblatt Nro. 10) erinnern wir Sie an die sofortige Einsendung der in rubr. Betreff er» »achsenen Ueberwachungsbogen bezw. an die Ihnen obliegende Berichterstattung im Falle in Ihrer Gemeinde solche Kinder nicht verpflegt worden sind. v. Gagern. Gießen, am 14. December 18947. Betreffend: Das Auftreten von Blatternerkrankungen unter fremdländischen Arbeitern. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen G« das Grotzh. Polizeiamt Gießen und die Grotzh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises. Den nachstehend abgedruckten Erlaß Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 19. v. Monats theilen wir Ihnen zur Kenntnißnahme unter dem Auftrag mit, uns von dem Zuzug derartiger Arbeiter innerhalb 24 Stunden, wenn möglich aber schon vor deren Ankunft, nachdem Sie Kenntniß davon erhalten haben, Anzeige zu machen. Wir empfehlen Ihnen, Ihre Aufmerksamkeit hierbei besonders den größeren Gütern und Oekonomien, auf welchen solche Arbeiter vorzugsweise beschäftigt werden, zuzuwenden. v. Gagern. Darmstadt, am 19. November 1894. Zu Nr. M.J. 32008. Betreffend: Wie oben. Das Großh. Ministerium des Innern und der Justiz an die Großherzoglichen Kreisämter. Die Erhebungen über die Herkunft der in den letzten Jahren im deutschen Reichsgebiet beobachteten Blatternfälle haben ergeben, daß dieselben nicht auf einer vom Jnlande ausgehende Ansteckung, sondern auf Einschleppung aus dem Auslande zurückzuführen waren und daß namentlich die in Deutschland Beschäftigung suchenden fremdländischen und unter diesen vorwiegend die zur Zeit der Ernte eingestellten Arbeiter, welche vielfach an Pocken erkrankten, zum Ausgangspunkt für weitere Fälle und sogar für kleine Epidemien wurden. Im verflossenen Jahre schlossen sich im Kreise Groß-Gerau an die Erkrankung einer russischen Landarbeiterin mehrere weitere Blatternfälle an und die Wiederkehr ähnlicher Vorkommnisse muß bei der Fortdauer des Zuzugs fremder Arbeiter auch für die Zukunft im Auge behalten werden. Unter diesen Umständen erscheint es nothwendig, Schutzmaßregeln zu ergreifen, die jedoch mit Rücksicht auf die damit verbundenen einschneidenden Verkehrsbeschränkungen und erheblichen Kosten, sowie im Hinblick auf die Schwierigkeiten der Ausführung nicht an die Grenzen des Reichs zu verlegen, sondern, in zweckmäßiger Weise erst am Bestimmungsorte in Wirkung tretend, einer Berschleppung der Seuche 'vorzubeugen geeignet sind. In diesem Sinne weisen mir Sie an, Anordnungen zu treffen, daß Ihnen jeweils der Zuzug fremdländischer Arbeiter aus Rußland oder anderen Ländern, in welchen der allgemeine Impfzwang überhaupt nicht besteht oder erst in den letzten 10 Jahren eingeführt ist (Oesterreich, Italien u.s.w.), sofort, wenn angängig schon vor der Ankunft, angezeigt werde, damit die Großherzoglichen Kreisgesundheitsämter, welchen Sie alsbald Mittheilung machen wollen, möglichst bald innerhalb dreier Tage nach der Ankunft die Untersuchung der Zugezogenen vorzu- »ehmen in der Lage sind. Sollten sich unter denselben solche Personen finden, welche sich über eine in den letzten 10 Jahren vorausgegangene erfolgreiche Impfung oder überstandene Blatternerkrankung nicht ausweisen können, so ist für diese die Impfung anzuordnen und erforderlichen Falls schon im Untersuchungstermin durch den Großherzoglichen Kreisarzt auszuführen, bezw. der Verbleib der Jmpfbcdürf- tigtH im diesseitigen Staatsgebiet von der sofortigen Nachholung der Impfung abhängig zu machen. Die Kosten für die Untersuchung und für die erforderlichen Impfungen sind auf die Großherzogliche Polizeikasse zu übernehmen. Die Anzeigepflicht beim Auftreten von Pockenerkrankungen unter den bezeichneten Arbeitern hat bereits gesetzliche Regelung erfahren und die Anordnung der Maßnahmen gegen die Weiterverbreitung der Krankheit ist durch die bestehenden Bestimmungen genügend gewährleistet. Finger. Dr. Wagner. Bekanntmachung, betreffend die Prüfung der Läufe und Verschlüffe der Handfeuerwaffen. Nach § 1 des Gesetzes, betr. die Prüfung der Läufe und Verschlüffe der Handfeuerwaffen vom 19. Mai 1891 in Verbindung mit Ziffer 8 der Bekanntmachung vom 1. Februar b. I. (Centralblatt f. d. D. R. Nr. 5 S. 20) dürfen belgische Flobertbüchsen in Deutschland nur dann feilgehalten oder in den Verkehr gebracht werden, wenn dieselben außer dem Hahn eine besondere Berschlußeiurichlung besitzen und auf dem Lauf, fowie auf dem Ver- fchluß mit den in der Bekanntmachung vom 1. Februar d. I. näher angegebenen belgischen Prüfungszeicheu versehen sind. Von belgischen Waffenfabrikanten wird neuerdmgS der Versuch gemacht, Flobertbüchfen ohne besondere Berschlußeinrichtung, die nur auf dem Lauf das vor- schriftsmäßige belgische Prüfungszeicheu tragen, an mländische Waffenhändler abzusetzen. Der Vertrieb der vorbezeichneten Flobertbüchsen ohne besondere Verschlußeinrichtung ist unzulässig und nach § 9 des Reichsgesetzes, betreffend die Prüfung der Läufe und Verschlüffe der Handfeuerwaffen vom 19. Mai 1891 strafbar. Da in den Kreisen der Betheiligten nicht immer ausreichend bekannt ist, daß solche Büchsen, die überdies nicht ungefährlich sind, in Deutschland nicht vertrieben werden dürfen, so weisen wir die Jntereffenten, sowie die Polizeiorgane des Kreises aus jene Bestimmung hin und machen wir dieselben zugleich darauf aufmerksam, daß bei der Reichsdruckerei in Berlin Tafeln mit der Abbildung derjenigen ausländischen Prüfungszeichen bezogen werden können, welche von dem Bundesrath als den inländischen gleichwerthig anerkannt worden sind. Gießen, den 17. December 1894. Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Gagern. Deutscher Reichstag. 8. Sitzung. Montag den 17. December 1894. Am Bundesrathstische Staatssekretäre v. Bötticher, Frhr. v. Marschall, Nieberding, Minister v. Köller. Auf der Tagesordnung steht die erste Lesung der Umsturz- Vorlage (Novelle zum Strafgesetzbuch, Mllttärstrafgesetz und Preß- Staatssecretär im Reichsjustizamt Nieberding: Ueber ihren Ursprung und Zweck der Vorlage sind die abenteuerlichsten Andeutungen gemacht worden, so daß es für uns erfreulich war, bei der Etatsberalhung von Rednern, ich kann wohl sagen aller Parteien, zu hören, daß sie zu einer unbefangenen, letdenschafislofen Würdigung der Vorlage an der Hand der gegebenen Thatsachen bereit stnd. Es ist eine Uebertretbuna, wenn man der Vorlage nachsagt, sie solle die Presse knebeln. (Lachen links). Die Vorlage will der freien Meinung vollen Spielraum lassen, aber ste will auch das öffentliche Urtheil auf den rechten Weg führen; sie ist kein verstecktes Socia- ltstengesetz (Lacken links), ste ist der ehrliche Versuch auf dem Wege des gemeinen Rechts verbrecherische gegen das Staatswohl gerichtete Ausschreitungen zu bekämpfen. So lange nicht behauptet werden kann, daß Aufreizung zum Verbrechen und zum Umsturz der Staatsordnung, sowie die Schmähung der heiligsten Grundlagen von Staat und Gesellschaft allein bet den Socialdemokraten vorkommt, so lange ist die Vorlage kein Soctalistengesetz. Es hat kein spontaner Anlaß, kein besonderes Verbrechen die Ausarbeitung der Vorlage veranlaßt; sie ist die nothwendige Folge der Aufhebung des Socia- ltstengesetzes; denn schon damals wurde erklärt, daß man versuchen müsse, den Ausschreitungen durch Erweiterungen auf dem Gebiete des gemeinen Rechts entgegenzutreten. Der gegenwärtige Reichskanzler hat lediglich das auszufübren übernommen, was bereits der Graf Caprivi begonnen. Der Reichskanzler empfand es als eine Pflicht, die Verantwortlichkeit für die fernere Entwickelung dieser Angelegenheit auf den Reichstag zu übertragen. Ein Versuch, die vorhandenen Lücken des Strafgesetzes auszufüllen, der 1875 unternommen wurde, scheiterte damals an dem Widerspruch einer großen Mehrheit des Reichstags. Inzwischen ist auch das Ausnahmegesetz beseitigt, aber eine Besserung in den Zuständen, die jenes Gesetz nöthig machten, ist nicht eingetreten. Zwar sind bei uns Bomben und Dolch nicht angewendet worden, aber auch bei uns ist der Boden für verbrecherische Thaten bearbeitet worden. Herr Rickert hat Ziffern über die Bestrafung socialistischer Vergehen angeführt und namentlich auf die erkannten Zuchthaus- und Gefängnißstrafen verwiesen; daS ist aber doch nur ein Beweis dafür, daß gemeine Verbrechen in der Socialdemokratie vorkommen (Unruhe bet ba» Socialdemokraten). Auch Herr Bachem glaubte autz der Criminal- statiMk schließen zu können, daß die Strafhandlungen, beren Bestrafung durch die Vorlage verschärft werden soll, am weiften in den Gegenden verübt werden, wo die Socialdemokratle nicht in der Mehrheit ist; allein diese Auffassung beruht auf einer irrigen Behandlung deö statistischen Materials. In der Prefle und auch hier im Hause hat man versucht, die Umsturzvorlage ironisch zu behandeln; ein solches Verfahren schließt eine schwere Verantwortlichkeit ein. Sind denn seit 1878 die Umsturzbestrebungen geschwunden ober auch nur geringer geworben? Von ben meisten Thaten der Umsturzagitatoren erhielt bas Volk in ben breiteren Massen gar keine Kenntniß. In Flugblättern, bte in ben polnischen Grenzbezirken kürzlich verbreitet würben, war von ben Besitzern behauptet, baß sie Retchthümer zusammenscharrten burch Diebstahl ber VolkSarbett unb daß dem Volke unzählige Summen in Form von Steuern abgepreßt würben. Das Volk solle sich zusammenthun unb sein Recht an ben Fabriken unb am Grunb unb Boden geltend machen. Es wird also ganz allgemein die sociale Revolution gepredigt. Ein anderes Flugblatt ruft die jungen Männer auf zur Auflehnung gegen die staatliche Ordnung und weist die Frauen auf die Spanierinnen hin, die bei einem Volksaufruhr zuerst ihre Körper den Bajonetten entgegen- stellten. (Zuruf: Das ist ja 25 Jahre alt, das ist von Krapolkin ) Das wird aber noch in der neuesten Zeit angewendet. (Zwischenrufe bet den Socialdemokraten). Der Präsident ruft den Abg. Fcohme zur Ordnung, weil er ben Rebner sortwährenb unterbricht. Staatssecretär Nieberbing, fortsahrenb: In einem anberm Blatt, dessen Verbreitung die Polizei zu hindern bemüht ist, wird das arbeitende Volk aufgefordert, mit bewaffneter Hand auf die Straße zu steigen und die Entscheidungsschlacht xu schlagen. Gegm solche Dinge richtet sich die Vorlage. Lassen wir die Dinge sich ruhig entwickeln, so kommen wir entweder zu einem neuen Ausnahm^ Ges.tz ober zu einer gewaltsamen Unterdrückung (Sehr richtig! rechtL) Ein anderes Blatt, das zur Verbreitung in den Kasernen bestimmt ist, legt den Soldaten die Frage vor, ob das wofür sie kämpfen sollen, denn auch ihr wahres Vaterland sei; sie sollten die Waffen gegen die Ausbeuter kehren, bte sich von der Arbeit beö Volkes mästen und zum Eltern-unb Brubermorb commanbirten. (Hört! hört! rechts.) 8 111 ber Vorlage stellt bie Anpreisung von Verbrechen unter Strafe. Als Präsident Carnot ermordet wurde, erschien in der „Freiheit ein Artikel „Bant Caserio“, in welcher es hieß, rote dankbar bie Völker dem Mörder sein müßten. Und der „Socialift" brachte einen Artikel, welcher einen Vergleich zwischen ben Anarchisten unb ben Märtyrern früherer Zeit zog. Wenn Derartiges ungestraft jungm Leuten gesagt wird, so begehe die Welt ein Verbrechen gegen sich selbst, wenn sie das nicht verhindert. Ich komme nun zu denjenigen Paragraphen, welche man als Kautschuk - Paragraphen bezeichnet, zu 88 130 unb 131. Wer sich erinnert, baß 1875/76 noch weitergehende Bestimmungen vorgeschlagen worden waren, wird zugeben, daß hier kein unzulässiges Maß von Vorschriften bezüglich ber Meinungsäußerungen ber Presse in Vorschlag gebracht wirb. Der Umstand, baß bamals von bem Reichsgericht eingeschaltet wurde: wer „rotssent- ltch" hat bewirkt, baß die bisherigen Strafvorschriften wirkungslos geblieben sind. Wir wollen ber Presse volle Freiheit lassen. Aber wenn Jemand Thatsachen behauptet, von benen er sich überzeugen konnte, baß sie falsch sind, und wer nicht Nachweisen kann, daß er sich die Ueberzeugung zu verschaffen versucht hat und im guten Glauben gehandelt hat, ber soll allerbings bestraft werben. Analoge Bestimmungen wie in bem vorgeschlagenen 8 130 finben sich auch in anberen Gesetzgebungen. „Ich bin überzeugt von der Absurdität ber Idee eines Gottes," schrieb vor wenigen Monaten der „Socialist", und zugleich in ebenso beschimpfender Weise über bie Ehe. Soll es gestattet sein, so bie Ideale der meisten Menschen zu schmähen? In einer Agitationsschrift wirb in einem Zwiegespräch bie Ehe als eine Kette, bte Religion als eine Verbummung bezeichnet. An einer anberen Stelle heißt es: nimm, was Du brauchst, unb wo Du es findest, unb setze ben Hahn auf die Baracken! Solche Aufforderungen ergehen an Hunvertiausende! Soll das so weiter gehen? Jeder, der die Entwickelung der letzten 20 Jahre kennt, wird als einen bedauerlichen politischen Fehler bezeichnen müssen, daß nicht schon 1875 der Reichstag sich mit ben verbündeten Regierungen auf deren damalige Vorlage einigte. Möge der Reichstag diese Vorlage hier an- nchmen! Mözen die großen Gesichtspunkte der Verantwortung des Staates für die Sicherheit und Ordnung bei Denjenigen nicht verloren gehen, die über diese Vorlage zu entscheiden haben! Ich bitte Sie, sich gegenwärtig zu halten, daß unsere Welt mit der anderen nur selten in Berührung kommt, die erfüllt ist von Erbitterung und Verachtung und Haß gegen alles B-stehende und an deren Spitze Leute, un5 sichtbare Agitatoren stehen, die ihren Blick auf die Ideale richten, welche ohne Zerstörung ber unserigen nicht verwirklicht werden fönnen. (Rufe links: Olle Kamellen!) Ich glaube, bie Mehrheit bes Reichstages wird sich auch ihrer Verantwortung bewußt sein, auf baß nicht bie Ideale, die wir in 1000jähriger Kulturarbeit gewonnen haben, verloren gehen. (Beifall). Aba. Singer (Soc.) beantragt mit Rücksicht auf die Wichtigkeit bet Vorlage Vertagung unb bezweifelt gleichzeitig die B.fchluß- fähigkeit des Hanfes. Wir haben ein Recht, zu fordern, daß eine solche Vorlage von einem beschlußfähigen Haufe zur Berathung kommt. Ich erkläre schon jetzt, daß wir, wenn sich der Zustand im Hause nicht ändert, ben Antrag auf Vertagung wiederholen unb vor ber Abstimmung bie Beschlußfähigkeit des Hanfes bezweifeln werben. Abg. v. Manteuffel (conf.): Ich bitte ben Antrag Singer abzulehnen. Wie ich hoffe, wird ein beschlußfähiges Haus da fein. Wit glauben, daß dieser Antrag gestellt worden ist, well die Um- stutzpattei nach dem erdrückenden und sie beschämenden Material (Großer Lärm bet den Socialdemokraten, unter denen die Schlußworte des Redners verloren gehen.) Abg. Singer: Herr v. Manteuffel wird ja wohl selber glauben, was er eben gesagt hat, aber Andere werden es ihm nicht glauben. (Lärm rechts.) Präsident o. Leoetzow. DaS gehört nicht zur Geschästs- Ordnung. Abg. Singet fortfahtend: Die Wirkung unseres Antrages vor dem Lande sind wir jederzeit bereit, auszuhalten. Nunmehr wird über den Antrag Singer auf Vertagung namentlich abgestimmt. ES ergibt sich die Anwesenheit von nur 158 Mitgliedern. DaS HauS ist also beschlußunfähig. Präsident v. Levetzow: Ich sehe mich zu meinem tiefen Bedauern in der Ausübung meiner Amtspflicht, die Arbeiten des HauseS in der Weise zu fördern, wie ich es mir vorgenommen hatte, durch den Vertagungsantrag und die dadurch constatirte Beschluß-• Unfähigkeit — zu deren Constattrung der Antrag ja gestellt war — behindert. ES würde ganz vergeblich sein, heute oder morgen eine Sitzung anzuberaumen, da wir unS dann in derselben Lage wie heute btfinden würden. Ich lade Sie daher zur nächsten Sitzung ein auf Dienstag den 8. Januar und bitte Sie, zahlreich zu erscheinen, damit das Land im HauS nicht wieder ein so beschämendes Schauspiel erlebt, wie heute. Neueste Nachrichten» WolffS telegraphisches Lorrespondenz-Bureau. Berlin,' 17. December. Die officiöse „Berl. Corresp." theilt mit, der Staalssecretär des Reichsmarineamts habe am 15. d. M. auf dem Krupp'schen Schießplätze bet Meppen einem von Krupp veranstalteten Versuchsschießen auf nach einem besonderen Verfahren hergestellte NickelstaHl- Panzerplatten beigewohnt. Die Ergebnisse seien außerordentlich günstig gewesen. Die 142 bis 146 Millimeter dicken Platten zeigten eine Widerstandsfähigkeit, die einer solchen von 240 Millimeter dicken, nach der bisherigen Her- stellungsweise angefertigten Platte entsprach. Kiel, 17. December. Die ganze Manöverflotte ist heute Nachmittag von ihrer zehntägigen Uebungsfahrt wieder hier eingetroffen. Rom, 17. December. Rudini richtete an seine Wähler ein Schreiben, worin er gegen das Decret, betreffend die Vertagung der Kammer, protestirt. Das Schreiben schließt: „Die hohe Weisheit, unvergleichliche Loyalität und Stärke des Herrschers veranlaffen uns, zu vertrauen, daß das nicht durch die Ungebundenheit des Parlaments, sondern durch die Ungeschicklichkeit einer Person unterbrochene gesetzgeberische Werk wird ausgenommen werden können in der Absicht, Italien der heiteren Sphäre zuzusühren, welche von der Tugend und dem Patriotismus unserer Vorfahren beständig angestrebt wurde." Paris, 17. December. Die Gerüchte von der D e m i s s i o n ' des englischen Botschafters werden formell für un- i begründet erklärt. Madrid, 17. December. Der ehemalige Justizmtnister Canajelas nahm das Portefeuille der Ftnanzev an und leistet voraussichtlich heute Abend den Eid. Die Kammern werden ihre Sitzungen wieder ausnehmen. Kalkutta, 17. December. Reuter-Meldung. Die Regierung brachte im gesetzgebenden Rathe eine Vorlage ein, welche Baumwollenwaaren mit seinem Einfuhrzoll von 5 pCt. und indische Baumwollfabrikate über Nr. 20 mit einer gleichwertigen Accise belegt. Außerdem ist eine Zollbefreiung für Baumwollenwaaren bis Nr. 24 in Aussicht genommen. Die Vorlage ist einem besonderen Ausschuß überwiesen und tritt sofort in Kraft. Tieutfiu, 17. December. Die Garnison der Taku- fortS soll unzufrieden sein und wird voraussichtlich deser- tiren, wenn die FortS von den Japanern angegriffen werden. Yokohama, 17. December. Reuter-Meldung. In der Schlacht bei Fenghuang verloren die Japaner zwölf Tobte und 63 Verwundete. Auf dem Schlachtfelde blieben 139 Chinesen, 16 wurden von den Japanern gefangen genommen. Es fehlen Nachrichten vom General Osaka- die Verbindung ist unterbrochen. Shanghai, 17. December. Einem Localblatte zufolge nähern sich zwei japanische Armeen Ntutschwang. WB. Berlin, 18. December. Die von hiesigen Morgenblättern gebrachte Meldung von dem erfolgten Rücktritt Levetzows vom ReichStagspräsidium wird von zuständiger Seite für völlig unbegründet erklärt. Depeschen de» Bureau „fccrolb*. Berlin, 17. December. Die „Nordd. Allgem. Ztg." erklärt die Meldung des „Vorwärts", daß der Staatsanwalt Bondix der Verfaffer des bekannten juristischen Artikels „Zur beantragten strafrechtlichen Verfolgung Liebknechts" sein soll, als unwahr. Berlin, 17. December. Der Kaiser empfängt am Mittwoch den General Swatschina in Audienz, um die Notification von der Thronbesteigung der Czaren Nikolai entgegenzunehmen. — Das Centrum des Reichstags hat sich über seine Stellung zur wirthschaftlichen Vereinigung und den Beitritt seiner Mitglieder von einer Aenderung der Satzungen abhängig gemacht. Da sich die wirthschaftliche Vereinigung schwerlich zu dem verlangten Schritte entschließen wird, so erscheint der Beitritt von Centrumsmitgliedern als ausgeschloffen. Berlin, 17. December. Das Centrum hat zwei Anträge eingebracht: 1) daß die Mittel der Versicherungsanstalten in weiterem Umfange als bisher für das landwirth- schaftliche Creditbedürfniß und für die Erbauung von Arbeiterwohnungen und 2) daß auch die Mittel der Reichsbank dem landwirthschastlichen Creditbedürfniß zugänglich gemacht werden. Prag, 17. December. Die hiesige Studentenschaft wird in den nächsten Tagen eine Protest Versammlung in der Affaire des UniverfitätSprofessorS Brentano abhalten. Budapest, 17. December. Dem Ministerpräsidenten Wekerle ist gestern das Diplom als Ehrenbürger der Stadt Budapest überreicht worden. Budapest, 17. December. 30 Abgeordnete, welche bei der Berathung der kirchenpolttischen Vorlagen aus der Regierungspartei ausgetreten waren, sind unter der Leitung des Barons Atzel in den Verband der Nationalpartet eingetreten. Bern, 17. December. Die Einführung des proportionalen Wahlverfahrens für die Stadt Bern, ein Verlangen der Socialdemokraten und Conservativen, wurde gestern mit geringer Majorität beschloffen. ’ Rom, 17. December. Trotzdem die Ruhe bisher nicht gestört wurde, ist die Garnison um 10 Bataillone verstärkt worden. — Aus Mailand werden Demonstrationen gegen CrtSpi gemeldet. Loudon, 17. December. Aus Shanghai wird gemeldet, daß der Tschung-li Namen entschloffen ist, offictell und feterlichst von Japan Frieden zu verlangen. Die chinesische Regierung hat den Steuerpräsidenten Chang-jen- kung zum Specialgesandten ernannt, um die Friedensverhandlungen zu leiten. Derselbe reist demnächst mit zahlreichem Gefolge und herrlichen Geschenken für den Mikado nach Tokio. Loudon, 17. December. Wie aus Newfoundland gemeldet wird, ist das geschäftliche Elend infolge des Falliffe- ments aller Banken ein geradezu unbeschreibliches. Die Annahme von Banknoten wird überall abgelehnt, wo nicht Garantien durch Depositen vorhanden sind. feeaUf ttnb Sießeu, den 18. December 1894. ** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordueteu.Ver- sammluug Donnerstag den 20. Decemberl89 4, Nachmittags 4 Uhr. 1. Mittheilungen. 2. Vorlage der Rechnung der Kasse des Großh. Realgymnasiums und der Realschule pro 1893/94. 3. Gesuch der Firma Georg Philipp Gail zu Gießen um Concession zur Aufstellung eines Dampfkeffels. 4. Gesuch des Gottlieb Nauheimer zu Gießen um Erlaubniß zur Erbauung von sechs Villen in der Löberstraße. 5. Gesuch des Wilhelm Seipp dahier um Bauerlaubniß für den Steinweg. 6. Ausbau der Schanzen- ftraße im Anschluß an die Westanlage. 7. Erbauung eines Feuerlöschgeräthemagazins, jetzt: Thurmhaus am Brand - hier: Rechnung über Weißbinderarbeiten. 8. Gesuch des Allgemeinen Vereins für Armen- und Krankenpflege um unentgeltliche Ueberlaffung von GaS und Wasser für die Kochschule in der Stadtmädchenschule. 9. Den Unterricht der Stotterer- hier: Vergütung des Lehrers hierfür. 10. Den Transport der Cadaver gefallener Thtere- hier: Beschaffung eines Wagens hierzu. 11. Handhabung der Fleischbeschau, insbesondere Erlaß eines Verbots über den Verkauf von Fleisch auswärts geschlachteten Viehes durch hiesige Metzger. 12. Gesuch des Karl Wttlmann von Ems um Concession zum Wirthschaftsbetrieb im Hause Schanzenstraße 2. 43. Gesuch des Louis Weiffenbach zu Gießen um Concession zum Wirth- schaftsbetrieb im Hause Bahnhofstraße 11. 14. Gesuch des Otto Germann von Gießen um Concession zum Wirthschafts- betrieb im Hause Notanlage 38 (Röhrles Brauerei). H. Neues Theater. „Die Schmjetterlingsschlacht", Comödie in 4 Acten von Herm. Sudermann Wie alle emporstrebenden Talente, die sich vom Althergebrachten emancipiren und mit neuen Gedanken vor die Oesfentlichkeit treten, hat auch Sudermann von Anfang an eine starke Opposition gefunden. Bei den Aufführungen seines jüngsten Werkes hat sich in Berlin sogar ein Widerspruch geltend gemacht, der nicht mehr auf rein künstlerische Bedenken zurückgeführt werden kann. Die Verurtheilung von Sodoms Ende hatte ihre volle Berechtigung, aber alle anderen Stücke Sudermanns, „Die Ehre", „Heimath", und schließlich „Die Schmetterlingsschlacht" dürfen nicht schlechtweg als „modern realistisch" verworfen werden. In ihnen steckt ein gutes Stück Idealismus, das freilich nicht dem Auge jedes oberflächlichen Beschauers sichtbar wird. Oder ist das vielleicht kein Idealismus, wenn uns der Dichter bei der Schilderung furchtbarer socialer Zustände mitten in diesem Gräuel Seelen wie die der reichen Commercienrathstochter und des jungen Heinecke in der „Ehre" und wie die der Rost und des Max in der „Schmetterlingsschlacht" zeigt, oder wenn er in dem letztgenannten Stück den alten verknöcherten Geschäftsmann Winkelmann von der Größe eines reinen Herzens überwältigt werden läßt? Die Kunst Sudermanns ist eine deutsche Kunst und wir dürfen gewiß einst stolz sein, einen solchen Dichter den unseren zu nennen, der uns mit so ergreifenden Tönen das Elend gewisser Zustände schildert und unS dabet doch so tröstlich zeigt, welch ein guter Kern eigentlich im Volke steckt. Die Idee, die der „Schmetterlingsschlacht" zu Grunde liegt, die Schilderung der Lage einer armen vaterlosen Beamtenfamilie, deren Töchter auf die Männerjagd gehen, ist an sich nicht neu. Des Italieners Marco Praga Stück „Ehrbare Mädchen" („Virgin!") behandelt denselben Gedanken. Aber wie ganz anders weiß ihn Sudermann zu gestalten! Die SteuerinspectorS- wittwe Frau Hergentheim nebst ihren beiden älteren Töchtern, der verwittweten Else und der schönen aber trägen und beschränkten Laura wird durch die jüngste Tochter Rost, welche für Geschäfte Fächer mtt Schmetterlingen bemalt, kümmerlich ernährt. Um dem Elend ihres Lebens zu entfliehen, sind die beiden älteren Töchter kräftig unterstützt durch die Mutter auf der Jagd nach reichen Partieen. Der ältesten Tochter gelingt es, sich mit einem arglosen Kaufmann, dem Sohn des reichen Fabrikanten Winkelmann (Max), zu verloben. Trotzdem setzt sie ein früheres Verhältnis mit dem Geschäfts- reisenden Keßler, der bei Winkelmann angestellt ist, fort, indem sie sich ihrer für zu unerfahren und arglos gehaltenen Schwester Rost als Vermittlerin zu bedienen sucht. Aber durch Rosis gut und edel empfindendes Herz, das das ihrem Schwager angethane Unrecht mehr fühlt als versteht und sich selbst unbewußt Max zuwendet, kommt die Geschichte heraus. Doch Rosi, durch ihre Familie und die Zuneigung zu ihrer Schwester Else gedrängt, nimmt Max und deffen Vater gegenüber alle Schuld auf sich, indem sie nicht Else, sondern sich für die Geliebte Keßlers ausgeben läßt. Erst als sie sieht, daß auch der Schwager sich von ihr wendet, bricht ihr Gefühl mit elementarer Gewalt hervor und sie zerreißt das ganze Lügengewebe. Mit dem versöhnenden Ausblick, daß die beiden idealen Seelen, Max und Rost, sich einst angehören werden, schließt das Stück, das der Verfaffer mit schneidender Ironie eine Comödie genannt hat. Die Darstellung machte sichtlich tiefen Eindruck. Wir wollen uns in ihrer Beurtheilung kurz faffen. Fräulein Gerl ach verdient für ihre Leistung als Frau Hergentheim an erster Stelle genannt zu werden. Die Mutter, die zwar aus begreifliche« Egoismus, aberdoch auch wieder im Jntereffe ihrer Kinder eine« reichen Schwiegersohn mit allen unerlaubten Mitteln, aber unter Wahrung der äußerlichen Wohlanständigkeit zu fangen sucht, die — wie sie selbst sagt — durch die Erniedrigungen, die sie hat erdulden müffen, alle Scham verloren hat, wurde mit größter Lebenswahrheit dargestellt. In ihrer letzten Szene, in der sie dem alten Winkelmann das ganze elende Leben schildert, erntete Fräulein Gerlach bei offener Szene lebhaften Beifall. Von Frau Reiners' Rost müffen wir diesmal hauptsächlich den Ausdruck der Gefühlsseite als gelungen hervorheben. Besonders ihre Szene mit Keßler und Else in der Wohnung der Mutter sowie ihr ganzes Auftreten im letzten Act waren natürlich und von hoher Glaubwürdigkeit. Fräulein Egger als Else befriedigte. Herr Otto dagegen fand allseitige Anerkennung für die Wiedergabe des Reisenden Keßler, diesem unverschämten nicht gerade scrupulösen Schwerenöther, der trotzdem einen Funken von Ehrgefühl sich bewahrt hat. Die Herren Niemeier und Hacker als Vater und Sohn Winkelmann verdienen unbedingtes Lob. Der erstere für den groben Geschäfts- und Geldmenschen, dem schließlich doch das Herz weich wird, der letztere für den warmherzigen, wenn auch nicht sehr energischen Idealisten. Das Haus war nicht so besucht, wie man es bei einem Sudermann'schen Stück erwarten sollte. Vielleicht sind die Vorbereitungen zum Weihnachtsfeste daran schuld. Eine Wiederholung nach Neujahr würde vielleicht ein volleres HauS erzielen. ** Zur glatten Abwickelung des Postfchalterverkehrs während der Weihnachtszeit kann das Publikum selbst wesentlich beitragen. Die Einlieferung der WeihnachtSpäcke- reten sollte nicht lediglich oder vorwiegend bis zu den Abendstunden verschoben, namentlich müßten Familiensendungeu thunlichst an den Vormittagen aufgegeben werden. Selbst- frankterung der einzultefernden Weihnachtspackete durch Post- werthzeichen sollte die Regel bilden. Mit seinem Bedarf an Postwerthzeichen müßte sich ein jeder schon vor dem 19. December versehen. Zeitungsbestellungen dürften nicht in den Tagen vom 19. bis 24. December bet den Post- anstalten angebracht werden. Für die am Postschalter zu leistenden Zahlungen sollte der Auflieferer das Geld ab- gezählt bereit halten. Die Befolgung dieser Rathschläge würden der Post und dem Publikum gleichmäßig zum Nutzen gereichen. * * Mit dem 15. December ist die Wiuterfchonzeil für Fische in allen fließenden Gewässern des GroßherzogthumS beendet. — Mit dem gleichen Tage beginnt auch die Heeg- zeit für weibliches Rehwild und dauert bis zum 15. October des nächsten Jahres. * * Ständchen. Heute Abend 10 Uhr wird dem Jubelpaare Chr. Leo und Frau, zum Vorabend des goldenen Hochzeitstages, von den Gesangvereinen „Kronbauer'scheS Quartett" und „Sängerkranz" eine Ovation gebracht. * * Schneller Tod. Ein Straßenkehrer hatte sich gestern Abend einen gehörigen Rausch angetrunken und war von Bekannten nach seiner Wohnung gefahren und zu Bette gebracht worden. Heute Morgen sand man ihn tobt im Bette vor. * ♦ Erschossen. In verflossener Nacht erschoß sich in seiner elterlichen Wohnung ein Student von hier. Derselbe war schon längere Zeit geistesgestört, auch bereits eine Zeitlang in einer Irrenanstalt untergebracht gewesen und sollte demnächst wiecker in eine Anstalt verbracht werden. ** Wäfchediebstahl. Aus einem Garten am SelterSweg wurde in voriger Nacht eine Parthie Wäsche, die zum Trocknen aufgehängt war, gestohlen. ** Lauter Jungens! Auswärtige Blätter nehmen von der in voriger Woche auf hiesigem StandeSamte eingetretenen Thatsache Notiz, daß die im genannten Zeitraum zur Anmeldung gekommenen Neugeborenen lauter Jungens sind. Lieb Vaterland, kannst ruhig sein! ** Hereingefallen. Wir brachten kürzlich die Mtttheilung von dem AuSgang einer Wette, in welcher eß sich darum handelte, daß Jemand die gleiche Antwort erhielt von einer Reihe von Personen, denen er die Mittheilung machte, Herr Meyer habe ein Haus gekauft, die Antwort lautete auch durchgängig: „Welcher Meyer". Eine ähnliche, jedenfalls durch die oben mitgetheilte veranlaßte Wette kam am SamStag in einer hiesigen Wirtschaft zum Austrag. ES wurde von einem Gaste behauptet, daß er von sechs nacheinander ge- fragten Personen auf die Mittheilung, Herr Müller habe in der Lotterie gewonnen, die Antwort erhalten würde: „Welcher Müller?" In der That gelang das Experiment bei fünf Personen, als aber dem sechsten, einem biederen Handwerksmeister, die Sensationsnachricht von Müllers Lotteriegewinn unterbreitet wurde, hatte er darauf nur die klassische Antwort: „Woas leiht mir dro!" ** Ein „Massenmord!" Als gestern Abend ein Stallhasenbesitzer in der Steinstraße nach seinen Thieren sehen wollte, fand er dieselben sämrntltch tobt im Stalle liegen. ES stellte sich heraus, daß ein großer Hund in den Stall gedrungen sowie den ganzen Hasenbestand, zwei alte, 15 jüngere Hasen und zwei Meerschweinchen in der Zeit von wenigen Minute« erwürgt hatte. ** Erhebungen über die Lage de» ArbeitsmarkteS. Auf Veranlaffung der Großh. Staatsregierung sind die Kreis- ämter angewiesen worden, Erhebungen über die derzeitige allgemeine Lage des Arbeitsmarktes, sowie über die Productions' und Arbeitsverhältniffe und über die Lebenshaltung der Industrie-Arbeiter anzustellen. Diese Erhebungen sollen bei den Gewerbvereinen, sowie in den industriellen Kreisen und Fabriken des Landes ftattfinden. ** Zölle und Verbranchsstenern. Jrn Großherzogthum Heffen wurden im Rechnungsjahr 1893/94 an Zöllen und gemeinschaftlichen Verbrauchssteuern die folgenden Einnahmen erzielt. ES betrugen: Eingangszoll auf auS de« Ausland eiugeführte Gegenstände 7,402490 Mk., die Tabaksteuer 342 790 Mk., die Zuckersteuer (Materialsteuer und Verbrauchsabgabe) 342 589 Mk., die Salzsteuer 1,062 603Mk., die Branntweinsteuer 1,309 048 Mk., die Brausteuer ein« schließlich der UebergangSabgaben von Bier 1,050041 Mk., an Reichsspielkartenstempel 149 049 Mk. und an anderen Reichs-Slempelabqoben 47 931 Mk. Die Gesammteinnahmen betrugen 11,687 378 Mark. * * Invalidenrente. Im Großherzogthum Hessen beziehen zur Zeit 1282 Personen Invalidenrenteim Jahre 1894 sind allein ca. 700 in den Genuß der Rente getreten- im Jahre 1895 werden muthmaßlich 1300 Personen hinzukommen. * * Geflügeleinfuhr. Nächst Berlin weist das Großherzogthum Hessen im ersten Vierteljahr 1894 ten bedeutendsten Geflügelimport auf, der zum grüßen Theil im Auslande (Italien) gedeckt wurde. Die Einfuhr betrug nämlich 195 920 Stückaber auch die Ausfuhr (41847 Stück) war bedeutend und die zweitstärkste in den verschiedenen Verkehrs- beztrken. N. H. V. * • Falsches Geld. In letzter Zeit sind außerhalb wieder öfter falsche Thalerstücke zur Verausgabung gelangt. Dieselben sind theils preußischen Gepräges mit dem Bildniß König Friedrich Wilhelms IV., der Jahreszahl 1855 und dem Münzzeichen A, theils sächsischen Geprägs mit dem Bildniß König Johanns, der Jahreszahlen 1857, 1867 und dem MUnzzeichen F und B, sowie auch hannöverschen Ursprungs mit dem Bildniß König Georgs V. Die Falsificate sind in der Art ihrer Herstellung ziemlich gut gelungen, nur ist der Klang ein sehr mangelhafter und die Randschrift gar nicht vorhanden. * • Gefäaguißwesen. Das Großherzogliche Ministerium des Innern und der Justiz hat in Bezug auf den Verkehr der Barbiere in den Strafanstalten eine Verfügung erlassen, wonach in Zukunft das Haarschneiden, Rasiren usw. der Strafgefangenen nur noch in Gegenwart eines Aufsehers oder Wärters zu geschehen hat, um jeder unerlaubten Verständigung zwischen Barbier und Gefangenen vorzubeugen. * * Das OberlaudeSgericht entschied, wie die „Neuen Hess. Volksbl." melden, jüngst letztinstanzlich dahin, daß ein Jagdpächter strafbar sei, welcher einem auf seinem Jagdgebiet nicht Jagdberechtigten die Erlaubniß erthetle, daselbst zu jagen, ohne selbst dabei zu sein. Da die strafbare Handlung in der Ertheilung der Erlaubniß liege, komme darauf nichts an, daß etwa der ständige Jagdaufseher des Pächters statt dessen mitging oder daß der Pächter beabsichtigte, nach- zukommen, aber durch unvorhergesehene Umstände verhindert wurde. * • Bon hessische« Behörden werden steckbrieflich verfolgt: Schmied Eduard Becker auö Gießen wegen Diebstahls, vom Amtsanwalt Gießen, Kellner Florian Elting aus Lebenhain wegen Unterschlagung, von der Staatsanwaltschaft Darmstadt, Tazlöhner Vitus und Jacob Glaser aus Klein- Steinheim wegen Körperverletzung, vom Amtsanwalt Offenbach, Handlungsrelsender Heinrich Conrad Süßmilch aus Ober Widdersheim wegen Urkundenfälschung, von der Staatsanwaltschaft Gießen.^ W. Lang - Eön8, 16. December. Gestern Abend hielt unsere Freiwillige Feuerwehr ihr 14jährtges Stiftungsfest, verbundenmitBall bet dem zweiten Commandanten Wenzel ab, wozu die Berufsfeuerwehr eingeladen war. ES verlief Alles in schönster Weise. Kamerad Boller hielt eine Ansprache über daS Wirken unserer Freiw. Feuerwehr, wies habet auf die eifrige Thätigkeit unseres ersten Hauptmanns Brücke! hin und brachte zum Schluß ein Hoch auf das Commando, die Feuerwehrund..Se. Kgl. Hoheit den Großherzog Ernst Ludwig aus. Laubach, 16. December. Seitens der Großh. Regierung ist eine wesentliche Aenderung der Frühzüge des Sommerfahrplans der Oberhessischen Eisenbahnen beabsichtigt. Der erste Zug soll von hier etwa um 6 Uhr Morgens abgehen und um 6 Uhr 30 Min. in Hungen auf zwei um diese Zeit von beiden Richtungen der Hauptlinie kommende Züge einmünden. Der jetzt von Gelnhausen fällige Zug würde sich dann mit einem in den Fahrplan neu auf- genommenen von Gießen um 6 Uhr 30 Min. kommenden Zug in Hungen kreuzen, so daß man nach beiden Richtungen sofortigen Anschluß findet. Bei den Vorständen der dabei interessirten Gemeinden werden eben Erhebungen in dieser Hinsicht angeftellt. Wir hoffen, daß es an der Zustimmung nicht fehlen wird, da die beabsichtigte Aenderung nur der Hebung unserer Verkehrsverhältnisse dienen kann und deßhalb mit Recht hier freudig begrüßt wird. Gr. Anz. Büdingen, 17. December. Es ist sehr zu loben wenn auch kleinere Orte sich die Annehmlichkeit einer Wasserleitung verschaffen, so wurde in diesen Tagen in Rodenbach eine solche eröffnet, die von der Firma Becker in Darmstadt zur vollsten Zufriedenheit hergestellt ist. Die Kosten dieser Anlage erreichen nicht ganz den Betrag von 8000 Mk. nn. Darmstadt, 17. December. Ihre König!. Hoheit die Großherzogin Victoria Melitta, welche zu de« Christbescheerungen verschiedener Wohlthätigkeits - Vereine unserer Stadt schon nicht unbedeutende Beiträge geleistet hat, soll sich nun noch mit der weiteren Absicht tragen, für 20 arme Kinder eine Christbescheerung besonders Herrichten zu lassen und die Kosten dieser WeihnachtSgabe aus ihrer Privatschatulle zu bestreiten. △ Mainz, 16. December. Aus höhere Weisung hi» werden gegenwärtig in sämmtlichen Gemeinden deS Kreises Mainz durch die Poltzeiorgaue bei allen Müllern, Bäcker« wie überhaupt bei sämmtlichen Mehlverkäusern Mehlproben erhoben. Zweck der Maßnahme ist die Untersuchung nach Fälschungen. — Die Deutsche Vieh-VersicherungS- Anstalt hat gestern hier wieder eine ziemlich bewegte Generalversammlung abgehalten. Dieselbe war indeß nicht beschlußfähig und muß daher zu der beabsichtigten Liquidation der Gesellschaft noch eine weitere Generalversammlung einberufen werden. Gegen zwei bisherige Beamte der Gesell- schalt ist strafrechtliche Untersuctumg einpeteitet. vermischte«. * Hanau, 17. December. Der Director unseres Stadttheaters, Commissionsrath Frey, ist heute gestorben. * Marburg, 17. December. Der Reichscommissar berief den KreiSthierarzt Riedel zum Studium der Viehseuche« nach Ostasrika, wo dieselben stark grassiren und den Viehbestand zerstören. * Leipzig, 15. December. In Freiberg kam heute eine Massenvergiftung durch Backwaaren vor. 150 Personen sind theils schwer erkrankt. ä Seidenstoffe $ direkt aus der Fabrik von von Elten & Keussen, Crefeld, in jedem Maatz zu beziehen. Schwarze, farbige u. weiße Seidenstoffe, Sammt«^ Plüsche und BelvetS. Man verlange Muster mit Angabe deS Gewünschten. ; Voin 10257 Marktstrasse 27 10260 Giessen, 18. December 1894. 10252 10243 Alleinverkauf in Giessen: ic 10234 Steinftratze 30 Steinftratze 30 Mahons. 10195 Geschäft ober Fabrik am ist frisch eingetroffen bei: MAGGI5 Familie Schmidt L. Stöhr. 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