Nr. 296Z Erstes Blatt. Dienstag den 18, December 1894 Der Hietzeuer Jhtjdgtr erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montag». Die Gießener Itamilieu v kälter werden dem Anzeiger wüchentlich dreimal beigelegt. Meßmer Anzeiger Kenerat-Mnzeiger. Bieriekjähriger x >, Avouncmcutsprei»r 2 Mark 20 Pfg. mit vringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg. Redaction, Txpcditiotz und Druckerei: Kchukstraße Ar.7. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gissten. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr. Hratisöeikage: Hießener Kamitienökätter. Alle Lnnonccn-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Amtlicher Theil. Im Interesse des Publikums wird nachstehende Bekanntmachung zur öffentlichen Kenntniß gebracht. Gießen, 15. December 1894. Großh. Kreisamt Gießen v. Gagern. Berlin, den 15. October 1894. Bekanntmachung. Im Laufe der letzten Wochen find an verschiedenen Orten einzelne falsche Ztnsscheine von Schuldverschreibungen der 3procentigen Anleihe des Deutschen Reichs zum Borschein gekommen, durch welche denjenigen Personen, die solche in Zahlung angenommen haben, Verluste entstanden sind. Wir machen hiermit besonders darauf aufmerksam, daß für falsche Zinsschetne in keinem Falle von uns Ersatz gewährt wird. Das Publikum kann sich vor Verlusten der erwähnten Art dadurch schützen, daß dasselbe die Annahme von ZinSscheinen bet Zahlungen ablehnt, da dieselben nicht dazu bestimmt sind, als Zahlungsmittel im Privatverkehr zu dienen. Die Zinsscheine haben lediglich den Zweck, von den dazu bestimmten Kassen eingelöft zu werden. Reichsschuldenverwaltung, gez. v. Hofs mann. Abonnements - Einladung Zum Bezug des „Gietzener 2ln$eigcr" für das 1. Vierteljahr 1895 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Laufenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässige Berichterstatter, ist der „ Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gietzerrer Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Famllien eine beliebte Beigabe bieten. Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom ^ge der Bestellung bis 1. Januar den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnementsbetrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt. Hochachtend Verlag des „Gießener Anzeiger" Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch). Deutsches Reich. Berlin, 15. December. Wie verlautet, wird die An- gelegenheit, welche den kaiserlichen Zuschuß beim Gehalte des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe betrifft, bei der Etatberathung im Reichstage zur Sprache gebracht werden. — Die Uebersicht der Ergebnisse des Heeres- Ergänzungsgeschäfts für das Jahr 1893 ist dem Reichstage zugegangen. In den alphabetischen und Restantenliften werden 1522076 geführt. Von diesen find 45 522 unermittelt, 117 483 ohne Entschuldigung ausgeblieben, 375 390 anderwärts gestellungspflichtig geworden, 517 186 zurückgestellt, 1431 ausgeschlossen, 30 496 ausgemustert, 90217 dem Landsturm ersten Aufgebots, 84394 der Ersatz Reserve, 334 der Marine-Ersatz Reserve überwiesen, 234,685 ausgehoben, 8350 überzählig geblieben, 15 814 in das Heer, 774 in die Marine freiwillig eingetreten. Von den 234 685 find 226 519 zum Dienst mit der Waffe, 4065 zum Dienst ohne Waffe für das Heer, 1898 aus der Landbevölkerung, 2203 aus der seemännischen und halbseemänischen Bevölkerung für die Marine ausgehoben worden. Es sind vor Beginn des militärpflichtigen Alters 15922 in das Heer, 978 in die Marine freiwillig eingetreten. Wegen unerlaubter Auswanderung sind 25471 bezw. 380 verurtheilt, 14279 bezw. 243 noch in Untersuchung. Berlin, 15. December. In der heutigen Stu de nte n- versammlung wurde der Antrag der Universität Bonn, dem Fürsten Bismarck zum 80. Geburtstage eine großartige, künstlerisch ausgeführte Ehrengabe mit einer Adresse zu überreichen, mit 19 gegen 10 Stimmen angenommen. Der Vertreter der Universität Tübingen'hatte sich der Abstimmung enthalten. Die Ehrengabe soll die Form eines Obelisken erhalten und im Vestibüle des Bismarck'schen Schlosses zu Frtedrichsruh aufgestellt werden. Berlin, 15. December. Der „Lokalanzeiger" meldet aus Magdeburg, die Verhandlung in der Angelegenheit der Oberfeuerwerkerschüler werde wahrscheinlich heute noch nicht beendet. Die Verhandlungen finden in einem innerhalb der Ctradelle belegenen Gebäuoe statt. Die Anklage wird durch den Auditeur Goebel vertreten. Berlin, 15. December. In der Amtswohnung des Reichskanzlers hat heute Vormittag eine Sitzung des Staatsministeriums stattgefunden. Berlin, 15. December. In dem Wucherprozesse Treuherz und Genossen wurde heute das Urtheil gefällt. Treuherz erhielt drei Jahre Gesängniß, 4500 Mk. Geldstrafe und fünf Jahre Ehrverlust, Spiegel zwei Jahre Ge- fängniß, 3000 Mark Geldstrafe und drei Jahre Ehrverlust, Bruck ein Jahr Gesängniß, 900 Mark Geldstrafe und zwei Jahre Ehrverlust, Winter zwei Monate und Aufrichtig vierzehn Tage Gesängniß. Berlin, 15. December. Wie ein Berichterstatter meldet, hat die Centrumsfraction des Reichstages sich gestern mit landwirthschaftlichen Fragen beschäftigt und ihre Anschauungen in einer Resolution zusammengefaßt, welche zum Etat etn- gebracht werden soll. In derselben soll u. A. eine Erleichterung des landwirthschaftlichen Kredits seitens der Reichsbank gefordert werden. Berlin, 15. December. Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist von seinem Unwohlsein wieder hergestellt und hat heute Vormittag einer Sitzung des Staatsministe- rtums prästdirt, an welcher sämmtliche Minister theil- nahmen. Berlin, 15. December. Adt und Genossen brachten eine Resolution ein, in welcher die Geschäftsordnungs Commission des Reichstags aufgefordert wird, alsbald den Entwurf einer Aenderung und Vervollständigung der Geschäftsordnung auszuarbeiten und dem Reichstage znr Beschlußfassung vorzulegen, durch welche die DiSctplinargewalt des Reichstags und des Reichstagspräsidenten angemessen verstärkt wird. Berlin, 15. December. Die (officiöse) „Berl. Corresp." schreibt: Hiesige und auswärtige Blätter verbreiten die Nachricht, der Kaiser habe dem Reichskanzler zum Ersatz deS Verlustes, den er durch seine Berufung nach Berlin in seinen Bezügen erleidet, eine Entschädigung von 100,000 Mk. auS einem allerhöchsten Dispositionsfonds zugewieseu. Diese Nachricht ist nur insoweit richtig, als der Kaiser diese Absicht kundgegrben, der Reichskanzler aber gebeten habe, von diesem Gnadenbeweise Abstand zu nehmen. Köln, 15. December. Die „Köln. Ztg." meldet auS Petersburg: Gegenüber den übertriebenen Behauptungen über den neuen russischen CurS versichert ein guter Kenner der russischen Hofverhältnisse, daß der Zar zwar gute Beziehungen zum deutschen Nachbar sehr Hochschätze, aber an der für Rußland vortheilhaften Stellung Frankreich gegen- , über nichts ändern werde. • ; ----— Ausland. Wien, 15. December. Die türkis che Regierung ! versicherte angeblich dem Vatikan, daß sie der Verwirk- I lichung der kirchlichen Bestrebungen keine Hindernisse in den Weg legen werde. Der Papst läßt dem Sultan ein reich gebundenes Exemplar der Constitution der orientalischen . Kirchen überetchen. Budapest, 15. December. In Regierungskreisen wird ; bestimmt versichert, daß die Tage Wekerles als Minister- Präsident gezählt sind. Wekerle dürfte einen von einem | hiesigen Bankhause ihm angetragenen Posten übernehmen. Paris, 15. December. Die Leiche des verstorbenen ! Kammerpräsidenten Burdeau sist gestern im großen Saale des Palais Bourbon ausgestellt worden. Im Laufe 1 des gestrigen Nachmittags defilirte eine zahlreiche Menschen- j menge an dem Katafalk vorbei. Das Begräbniß des Ver- storbenen wird am SamStag Nachmittag stattfinden. Ob der , Präsident Casimir Perter der Begräbntßfeter beiwohnen wird, i ist noch nicht feftgestellt. Paris, 15. December. Der Präsident der Republik, Casimir Perier, hat den Botschafter Grafen Münster gebeten, Seiner Majestät dem Kaiser Wilhelm seinen Dank zu übermitteln für die Beletdsbezeugung Seiner Majestät auS Anlaß des Ablebens des Kammerpräsidenten Burdeau. Paris, 15. December. Die Beerdigungsfeier für Ferdinand v. Lesseps fand heute in der Kirche Ruo des Gros Cailloux in Anwesenheit mehrerer Mitglieder deS diplomatischen CorpS, sowie einer überaus zahlreichen Menge statt. Auf dem Kirchhofe Pdre la chaise wurden mehrere Reden gehalten. Eine militärische Ehrenbezeugung wurde dem Tobten nicht erwiesen, weil der Leichnam im Grabgewölbe beigesetzt wurde und militärische Ehrenbezeugungen ; nur in der Wohnung des Verstorbenen dargebracht werden können. Loudon, 15. December. Einer Meldung aus Hiroshima zufolge soll der japanische Kriegs Minister im Begriff stehen, sich nach Port Arthur zu begeben, um, wie eS heißt, eine Untersuchung über die von den Japanern verübten Greuelthaten einzuleiten. Anderseits wird versichert, : daß der Kaiser von Japan nur deßhalb byi Kriegsminister j nach dem Kriegsschauplätze entsandt habe, um mit den japa- I nischen Generälen einen »Eroberungsplan gegen Peking zu verabreden. Loudoo, 15. December. Die „Times" meldet auS > Tientsin, daß die chinesische Legierung bei den fremden । Mächten gegen die nach Peking gesandten Militärpoften zum Schutze der verschiedenen Legattonen pro- testirt. Die Militärposten werden sich nach Tientsin zurückziehen und sich für alle Eventualitäten bereit halten. Deutschland, Frankreich, Rußland, England, Spanien und Italien hatten je 50 Mann nach Peking geschickt. Augenblicklich lagern Schiffe aller europäischen Mächte, mit Ausnahme Italiens, vor Tientsin. Loudon, 15. December. Nachrichten aus Shanghai melden, daß der Kaiser von China schwer erkrankt sein soll. Petersburg, 15. December. Wie verschiedene Blätter melden, wird ein außerordentlicher Gesandter Persiens dem Kaiser den höchsten persischen Orden „Agdas" überbringen, | welcher das mit Brillanten geschmückte Bildniß des Schahs enthält. Der Kaiserin überbringt der Gesandte ein kostbares Perlen-Collier. Warschau, 15. December. Außer dem Generalgouverneur Gurko erhielten auch der Chef des Warschauer Unterrichtsbezirks und der Chef der Censurbehörde ihre Entlassung. Deutscher Reichstag. 7. Sitzung. Samstag deu 15. December 1894. Das Haus setzt die Besprechung der Zucker-Interpellation Paasche-Friedberg fort. Abg. Dr. Meyer (srs. Vgg.): Wir sehen in der Verordnung der Ausfuhrprämien ein ungerechtes Verlangen, weil dasselbe nur auf Kosten der Steuerzahler zu erfüllen ist. Wir sind auch deshalb gegen Prämien, weil jede Echellonirung von Ausfuhrprämien nach einem Ausspruche des früheren Reichskanzleramtspräsidenten vom Uebel ist. Redner wies dann als auf die Hauptursache der Kalamität aus die Ueberproduction in Zucker bin, welch letztere gerade wiederum durch das Prämicnsystem mitverschuldet worden fei. Einer Production, welche so schnell fortschreite, daß ihr die Eonsumtion nicht folgen könne, könne Niemand helfen. Helfen könne da höchsten- Eine Ermäßigung der Zuckersteuer, da diese den Consum zu steigern Vermöge. 9SMB3BU9 Abg. Spahn (Centrum) erklärt sich Namens seiner Freunde kurz dafür, daß diese zwar mit einer wohlwollenden Prüfung der Frage einverstanden seien, aber doch erst positive Vorschläge abwarten Müßten. Abg. Dr. Friedberg (ntl.) verwahrt sich und seine Freunde gegm den Vorwurf Richters, datz sie die Ketten der Agrarier trügen. Daß die Ketten deS Herrn Richter keine Rosenketten seien, erhelle hinreichend daraus, daß eine Anzahl der ehemaligen Freunde Richters diese Kelten abgeworfen batten, weniger aus sachlichen, als aus persönlichen Gründen. Auf die Ausfuhrprämien würden seine Freunde gern verzichten, falls auch die Concurrenzländer sie fallen ließen. Ohne die Ausfuhrprämien hätte sich unsere Zuckerindustrie niemals so entwickeln können, daß die Preise heute halb so hoch sind, wie vor 20 Jahren. (Beifall.) Abg. Graf Mirbach (cons.): AuS Richters gestrigen Worten habe jedenfalls tödtlicher Haß gegen die Landwirthschaft heraus- geschaut. Der jetzige Preis der Rüben bedeute den Ruin des Rübenbaues. Das bewegliche Capital sei seit Decennien aus guten Gründen nicht mehr^ an landwtrthschaftliche Betriebe herangegangen. Dem Schatzsecretär könne er für seine gestrigen warmen Worte nur danken. Und freuen wolle er sich, wenn jetzt auch die Rattonalltberalen helfen, eine Calamität wieder zu beseitigen, welche sie durch das 1891er Gesetz schaffen geholfen hätten. Alle staatserhaltenden Parteien müßten jetzt Zusammenarbeiten, um auf diesem wirthschaftltchen Gebiete Erfolge zu erzielen. Abg. Wurm (Soc.) spricht sich gegen den Fortbestand des Prämiensystems aus. Abg. Graf Ltmburg-Stirum (cons.) bezeichnet im Gegensätze zum Vorredner den Rübenbau als eine Wohlthat für die ländliche Bevölkerung und stellt es dann, sich gegen den Staatssecretär v. Marschall richtend, als besonderen Schaden unserer Handelsvertrags- poltltk him daß wir gegen ein solches Vorgehen, wie es von Amerika uns gegenüber beliebt worden sei, nichts thun könnten. Unter dem Fürsten Bismarck würde uns so etwas nicht passtrt sein. Der Würde unseres Reiches entspreche es sicher nicht, sich einen solchen indirecten Vertragsbruch gefallen zu lassen. Damit ist die Besprechung der Interpellation beendet. Es folgt Bericht der Geschäftsordnungscommtsston über das Schreiben deS Reichskanzlers betr. die Frage der strafrechtlichen Verfolgung des Abg. Liebknecht wegen Majestäts- beleidtaung. Die Commission beantragt, die Genehmigung nicht zu ertheilen. Hierzu liegt eine Resolution Adt u. Gen. vor, die Geschäftsordnung baldmöglichst in dem Sinne zu ändern, daß die Disctplinar- gewalt des Pläftdrnten eine Verstärkung erfahre. Ref. Abg. Pieschel erstattet über die Verhandlungen der Commission Bericht. Dabei constatirt er, daß über zwei Punkte Einstimmigkeit in der Commission geherrscht habe. Erstens habe die Commiision, allerdings mit Ausnahme Singers gemeint, daß das „Sitzenbleiben" am 6. d. M. als eine Verletzung der Gefühle bet Meisten Mitglieder des Hauses und ein Verstoß gegen die Würde des Hauses zu betrachten sei. Und zweitens habe man es andererseits auch nicht für angängig gehalten, Mitglieder der focialdemoklattschen Partei zwingen zu wollen, Gefühle zu äußern, die sie nicht hegen. Abg. Roeren (Ctr.): Diese persönliche Empfindung müsse in dem vorliegenden Falle zurücktreten, damit wir nicht Beschlüsse fassen, wie fie für die ganze constttutionelle Freiheit des Reichstags verhängntßvoll werden müßten. Der Antrag hätte ja keine Bedeutung, wenn er der Initiative des Staatsanwalts allein entsprungen wäre. Aber es ist anzunehmen, daß der Antrag das Wetk des obersten Chefs der Justizverwaltung ist oder doch dessen Billigung hat. Es scheint, daß dem Anträge eine Entscheidung des Reichs- gerichts zu Grunde gelegen har. Es ist eben nicht zu leugnen, daß manche Entscheidungen des Reichsgerichts Kopsschütteln erweckt haben. Es freut mich, derjenigen Auffassung nicht wieder begegnet zu fein, wonach ein Abgeordneter zwar straflos bleibt wegen einer strafbaren Handlung in Ausübung des Berufs, wonach er aber „nicht in Ausübung des Berufs" ist, wenn er eine strafbare Handlung begeht. (Große Heiterkeit.) Redner legt weiter dar, daß unter „Aeußerung" tm Sinne des Art. 30 jede, nicht nur mündliche Aeußerung gemeint fei. Sinn und Zweck des Artikels ist der, dem Abgeordneten für seine Thätigkeit als solcher völlige Freiheit und Unab- hängigkett zu gewähren. Deshalb sei auch s. Z. das Wort „Aeußerung" an Stelle des Wortes „Meinung", welches in der preußischen Verfassung stehe, getreten. Nun fei ja eine andere Frage, ob nicht das Haus aus sich selbst heraus Mittel und Wege finden solle. Aber der Vorgang vom 6. December könne jedenfalls den Reichstag nicht veranlassen, fern Recht, selber zu befinden, aus der Hand zu geben. Auch in einem früheren Falle, vor zwei Jahren, sei ja das Haus, einschließlich der Conservativen, einig gewesen, sich dieses Recht nicht nehmen zu laffen. Auch schon 1879 hätten sich in diesem Sinne Herr v. Helldorf und Fürst Hobenlohe-Langenburg, der jetzige elsässische Statthalter, geäußert. Thatsächlich entspreche es weder der Würde des Reichstages, noch der nothwendigen Freiheit desselben, wenn das HauS hier Tags ütvr verhandle und Abends setze sich der Staatsanwalt hin und lese sich die Verhandlungen durch, um zu sehen, ob nicht irgendwo für ihn Grund zum Einschreiten vorliege. Er setze voraus, daß der Reichstag ja wohl einmal erwägen werde, ob es einer Verstärkung seiner Dtsciplinargewalt bedürfe. Aber solche Erwägungen dürfen nicht, wie es d e Resolution Adt wünsche, gerade im Anschluß an den Fall vom 6. December stattstnden. (Sehr richtig!) Denn das sehe ja gerade aus, als ob es des Antrages des Staatsanwalts bedurft hätte, um den Reichstag zu solchen Etwägungen und zu einer Verstärkung der Disciplinargewalt des Reichstags zu veranlaffen. (Lebhafter Beifall. Reichskanzler Fürst Hohenlohe: Dem Rechte der Immunität hat der Staatsanwalt mit feinem Anträge nicht entgegentreten wollen. Ein Thetl der socialdemokratischen Partei hat sich geweigert, bei einem Hoch auf Se. Majestät auszustehen. Bei dem sich äußernden Unwillen sagte der Herr Präsident, daß er keine Strafmittel besitze, um diesem Gebühren entgegenzutreten. Die sich meines El achtens hieraus ergebende Folge ist, daß die Strafgerichte einschreiten. (Widerspruch.) Nun ist dazwischen weiter festgestellt, daß den social- demokratischen Abgeordneten nicht unbekannt fein konnte, daß ein Hoch auf Se. Majestät ausgebracht wurde, denn der Herr Präsident hatte eine dahingehende Mittheilung dem Abg. Singer hiervon ausdrücklich gemacht. Allerdings hat dann der Abg. Liebknecht später die Sache so dargestelll, als ob es sich bei der Angelegenheit um eine Ueberraschung seiner Parteigenossen gehandelt habe und er hat auch fetnedeita eine böse Absicht in Abrede gestellt. Daß unter solchen Umständen ein Antrag der Staatsanwalts einging, ist begreiflich und auch durchaus gerechtfertigt. Ihr Recht ist es, diesen Antrag zu prüfen und über denselben zu beschließen. (Bravo!) Abg. Graf Mirbach erklärt Namens seiner Freunde, bei denselben bestehe von vornherein kein Zweifel, daß man dem Anträge des Staatsanwalts auch die Genehmigung versagen könne. Aber seine Freunde hegten auch darüber keinen Zweifel, daß man, wenn es sich um eine Beleidigung Sr. Majestät handle, der Strafgewalt nicht hindernd in den Weg treten solle. Und deshalb bitte er das Haus, dem Anträge des Staatsanwalts zuzustimmen. Der Resolution würden er und seine Freunde natürlich zustimmen. Habe doch auch der Präsident selbst schon Rücksprache mit Mitgliedern des Hauses über eine Verstärkung seiner Disciplinargewalt gepflogen. Den Artikel 30 der Verfassung wollten die Conservativen nicht anlasten, denn auch sie nähmen dessen Schutz in Anspruch. Aber hier handle es sich nicht um Redefreiheit. Hier, wo cs sich um Ehrverletzung gegen Se. Majestät handle, und in jedem Falle solcher Ehrverletzung gegenüber Sr. Majestät sei es für die Confervaiiven ein »Odile officium, die Genehmigung zur Strafverfolgung zu ertheilen. Abg. Singer (Soc.): Der Reichskanzler meinte, das Vorgehen der Staatsanwaltschaft fei nöthig, weil der Präsident nicht tm Stande gewesen sei, die Ordnung hier tm Hause aufrecht zu erhalten. Dann sollte doch der Reichskanzler lieber gleich einen Gendarm hier in das Haus stellen, der dem Präsidenten zu Hilfe kommt und eventuell die Versammlung auflöst! (Beifall links.) Offenbar sollte blos der Vorgang vom 6. December benützt werden, um eine Haupt- und Staatsaction daraus zu machen. Jener Vorgang ist keineswegs ohne Beispiel. Auch ultramontane Mitglieder des Hauses sind bereits sitzen geblieben bet Hochs auf den Kaiser. Auch im preußischen Landtage ist dergleichen schon geschehen. Den Conser- vattoen fei nur dann etwas daran gelegen, die Privilegien dieses Hauses zu wahren, wenn es sich um ihre Interessen handle, während sie die Privilegien leicht daran gäben, wenn es sich um eine ihnen verhaßte Partei handle. Das Verlangen nach einer Verstärkung der Disciplinargewalt deS Präsidenten laufe offenbar auf Ausschließung von Abgeordneten hinaus, insbesondere von Abgeordneten seiner Partei. Das wäre aber ein Versassungsbruch, denn durch solche Ausschließung würden sie gehindert werden, das ihnen vorn Volke übertragene Mandat auszuüben. Preuß. Minister des Innern v. Kölner widerspricht der Behauptung des Vorredners, daß der staatsanwaltschastliche Antrag ein Zeichen für den politischen Wind sei, der heule in Deutschland wehe. Wir haben allen Grund, jede Uebertreibung oder Agitation aus Anlaß dieses Volkommnisses, das hier besprochen wird, zu vermeiden. Dem Artikel der „Nordd. Allg. Ztg." steht die Negierung durchaus fremd gegenüber. Zu einem sogen. Entrüstungv Rummel liegt für uns kein Grund vor. Soll aber Art. 30 der Reichsoer- fassung einen Sinn haben, so muß doch die Möglichkeit gegeben fein, daß irgend einmal Anwendung von demselben gemacht werden kann, denn sonst könnte der Artikel doch besser lauten: Jede Strafverfolgung ist ausgeschlossen. Wollen Sie nun aber die erforderliche Genehmigung nicht ertheilen, nun, meine Herren, dann nicht. (Heiterkeit.) Ich frage Herrn Singer, ob er sich etwa auf Grund der bestehenden Bestimmungen für befugt hält, jede beliebige strafbare Handlung in diesem Hause zu begehen? (Zurufen und Lachen.) Es war nöthig, den staatsanwaltlichen Antrag einzubringen, keinesfalls durste der Antrag verhindert werden; Ihre Sache ist es, über den Antrag selbst zu entscheiden. Abg, Gamp (Rp.) führt aus, daß die Zustimmung zu dem staatsanwaltschaftlichen Anträge noch keineswegs ein Preisgeben Der Privilegien des Hauses bedeuten würde, lieber die Tragweite des Art. 31 der Verfassung (Immunität der Abgeordneten) kann nicht , der Reichstag, sondern nur das Gericht entscheiden; der Reichstag ist noch nicht berechtigt, irgend eine Strasthat dem ordentlichen Richter zu entziehen. Wir stimmen dem Anträge des Staatsanwalts zu, weil wir der Meinung sind, daß die vorgekommene Handlung ihre Sühne verlangt und zwar möglichst schnell. Die Einleitung der Untersuchung und deren Fortführung wird den Abg. Liebknecht wenig an der Erfüllung seiner parlamentarischen Pflicht bindern. Abg. Dr. v. Bennigsen (Natt.): Meine Freunde stimmen dem Commissionsantrage zu, haben aber gleichzeitig den vorliegenden Antrag auf Vervollständigung der Geschäftsordnung gestellt. Nach meiner Kenntniß juristischer Meinungen ist das Verhalten Liebknechts als Aeußerung tm Sinne der Jmmunitätsbestimmungen aufzufassrn, allerdings als eine sehr bedauerliche Aeußerung. (Abg. Singer ruft: Das überlassen Sie uns!) Wenn aber unser Präsident, der von dem Vertrauen aller Parteien getragen, lange an der Spitze des Reichstages steht, aus Anlaß des Falles Liebknecht fein Bedauern äußern mußte, daß ihm keine Mittel zu Gebote stehen, um ein solches Verhalten gebührend zu rügen, so muß Abhilfe geschaffen werden. Unser Antrag verfolgt diesen Zweck; er ist nicht erst durch den staatsanwaltschaftlichen Antrag heroorgerufen, sondern unmittelbar nach dem Vorfall selbst sind wir in dieser Angelegenheit zur Berathung zusammengetreten. Redner erörtert die Disciplinar-Bestimmungen bei anderen Parlamenten, so die zeitweise Einschließung englischer Abgeordneter, die sich gegen die parlamentarische Ordnung vergangen haben. In Amerika wird sogar die Ausschließung aus dem Hause zugelassen, also in einem Lande mit rein parlamentarischer Verfassung. Wollen wir die Immunitäts-Artikel aufrecht erhalten, so müssen wir uns zu schützen suchen gegen das Auftreten der Herren links, gegen Vorgänge, die uns sonst ncch öfter beoorstehen dürsten. (Sehr richtig!) Thatsächlich war das Verhalten Singers bet jenem Vorfall viel schlimmer, als das Liebknechts. (Sehr richtig!) Noch schlimmer war das Gebühren der socialdemokratischen Presse. Die Herren nehmen für sich im Namen der Freiheit jede Befugntß in Anspruch, die sie Andern verweigern. Wir werden uns darüber noch bei der Umsturzvorlage zu unterhalten haben. WaS würden die Socialdemokraten wohl thun, wenn etwa in einem von ih. en stark unterwühlten Lande sich eine ihnen feindliche Partei aufthäte? Sie würden diese Partei mit allen Mittel zu vernichten streben im Namen der Freiheit, und es würde sich zeigen, wo die schlimmste politische Heuchelei getrieben wird. Wie wollen Sie es denn nennen, wenn beute schon zielbewußte Genossen wie Bebel und Vollmar sich in die Landtage wählen lassen und dort den Eid auf die Verfassung leisten? Nein, solchen Bestrebungen im Reichstage, solchem Gefahren muß entschieden und mit ausreichenden Mitteln entgegengeheten werden. (Beifall.) Adg. Richter (freif. Volksp ): Man bezieht sich immer gern auf parlamentarisch regierte Länder, wenn man unsere Rechte beschränken will; gebe man uns doch englische Einrichtungen, aber vollständig, bann wollen wir die Disciplinar-Gewalt gern mit in den Kauf nehmen. Uebrigens bin ich der Meinung, daß die Befugnisse des Herrn Präsidenten doch Etwas weiter gingen, als er sie angewendet hot. Wir schließen uns im Uebrigen ganz den Ausführungen des Abg. Roeren an. Die Aeußerung d»s Herrn Präsidenten soll den Anlaß zu dem staatsanwaltschaftlichen Einschreiten gegeben haben. Sonst ist man doch nicht so aufmerksam g-gen den Reichstag. Warum überließ man es nicht unserem Herrn P, äsidenten, den Staatsanwalt anzurufen? Was ist denn die Folge des staatsanwaltschaftlichen Vorgehens? Sie haben die Geschäfte der Socialdemokratie besorgt, denn vor diesem Antrag standen die Socialdemokraten völlig isolirt; fitzt sind sie aus dieser Jsolirung heraus. Man kündigt an, daß nach Schluß des Reichstags die strafrechtliche Verfolgung doch eintreten werde; das wäre ein schwerer Mißgriff. Der Herr Reichskanzler konnte nicht unglücklicher debutiren als mit diesem Antrag. (Bei- sall links.) Preuß. Justizminister Schönstedt: Es ist mir zwar vorgeworfen, ein parlamentarischer Neuling zu sein; aber so viel glaube ich doch zu wissen, daß die Regierung ohne Noth nicht in die Dtbatte über solche Dinge eingreift, und eine Nothwendigkeit für solches Eingreifen war bisher nicht gegeben. So lange ich die Ehre habe, an Der Spitze der Justizverwaltung zu stehen, habe ich es ängstlich vermieden, eine Meinung über Fragen zu äußern, was als eine Beeinflussung hätte gedeutet werden können. Von diesem Standpunkt aus, den ich auch fernerhin einzunehmen gedenke, kann ich nur wenig zur Sache sagen. Nach den vorliegenden Reichsgerichtsentscheidungen ist auf Grund des vorliegenden Thatbestandes eine gerichtliche Verurteilung allerdings möglich. Die Majestät zu schützen, ist auch eine Aufgabe der Regierung (Sehr richtig! rechts) und wenn der Herr Präsident erklärt, daß ihm die nöthigen Befugnisse fehlen, so war es unsere Pflicht, den Versuch zu machen, ob die nöthigen Mittel zum Einschreiten gegen solches Auftreten anderweit gegeben sind. Dieser Versuch ist gemacht; die Entscheidung darüber steht bei Ihnen. (Beifall rechts.) Abg. Cegielski (Pole) bedauert Namens seiner Freunde das Verhalten der Socialdemokiaten, will aber wegen des klaren Wortlautes der Immunitäts-Bestimmung für den Commissionsantrag stimmen. Abg. Rickert (freif. Vereinigung): Warum verschweigt denn der Herr Minister, daß er den Staatsanwalt erst angewiesen hat, den vorliegenden Antrag zu stellen. Minister v. Köller: Es habe der Regierung fern gelegen, in die Rechte des Hanfes einzugreifen. Sorgen Sie für Ihre Autorität, aber lassen sie die Regierung auch für ihre Autorität sorgen. (Beifall rechts.) Justizminister Schönstedt: Fragen über Interna der Verwaltung pflegen weder gestellt, noch beantwortet zu werden. (Sehr gut! rechts.) Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Antisemit) stimmt im Gegensatz zu seinen Parteigenossen für den Antrag des Staatsanwalts. ES handelt sich nicht blos um die Majestätsbeleidigung, eS handelt sich auch um eine Beleidigung des Reichstags. Wenn Mehrere auf einem Ast sitzen und es macht Einer den Versuch, den Ast abzusägen, so werden sie ihn nicht ruhig thun lassen^ sondern ihn herunterwerfen. (Sehr richtig 1 rechts.) In dieser Lage befinden wir uns angesichts des Treibens der Socialdemokraten. Für den Grafen Caprivi war die Devise gegenüber der Socialdemokrotie, von der er ja manche Unterstützung empfing: Greis niemals in ein Wespennest! Der neuen Regierung aber möchte ich juiufen: Doch wenn Du greifst, dann greife fest! (Beifall rechts.) Abg. Roeren erklärt, daß das Centrum nach der Darlegung Bennigsens für die Resolution Adt stimmen könne. Nach längerer Debatte, an der sich noch die Abgg. v. Buchka (cons.) und Bebel (Soc.) beteiligen, wird zur Abstimmung über den Antrag der Commission geschritten. Mit Ja stimmten 168, mit Nein 58 Abgeordneten. Der Antrag der Commission ist also angenommen. Gegen den Antrag stimmten beide conservaiive Parteien geschloffen. Die Resolution der Nationalliberalen wird gegen die Stimmen der Freisinnigen und der Socialdemokraten angenommen. Montag: Umsturzvorlage. Neueste Depeschen des Sureeu »Herold^. Berlin, 16. December. Die Anarchisten - Versammlung, welche heute Morgen hier stattfinden sollte mit der Tagesordnung^: „Bekämpfung des Umsturzes", wurde nicht abgehalten. Der Einberufer der Versammlung, Büttner Varöuka, der als Redakteur beim „Socialist" thätig war, ist gestern früh in seiner Wohnung verhaftet worden. Die Festnahme soll mit der letzten Beschlagnahme des „Socialist^ in Verbindung zu bringen sein. Da der Einberufer fehlte, so hat eine Commission der Anarchisten die Versammlung bereits gestern wieder abbeftellt. Rom, 16. December. Die Nachricht von der plötzlichen Vertagung der Kammer erregt großes Aufsehen. Ob der Vertagung die Auflösung des Parlaments folgen wird, ist noch unbestimmt. Gieße», den 17. December 3894. * * Ernennung. Der Lehrer an dem Realgymnasium und der Realschule hier Philipp Rothermel wurde zum Lehrer an der Realschule zu Michelstadt ernannt. * * Parlamentarisches. Der Zweiten Kammer der Stände ist eine Regierungsvorlage zugegangen, betr. die Aufbesserung der Gehalte der seminaristisch gebildeten Lehrer an den höheren Lehranstalten des GroßherzogthumS. —* Kunstvereiu. Die Ausstellung im Thurmhaus am Brand hatte sich am gestrigen Sonntag vor und nach Tisch eines überaus lebhaften Besuches zu erfreuen. Neu aus- gestellt sind zunächst eine Anzahl von Gewinnen aus den alljährlich unter den Mitgliedern des Vereins veranstalteten Verloosungen- von den Gewinnften dieses Jahres möchten wir dabei einem prächtigen Thierstück von C. Mali „Auf der Alm im Oetzthal" saft den Vorzug geben, wenn nicht die Wahl erschwert würde durch Bader's in reichen, ernsten Tönen gehaltene „Idylle"- weniger angesprochen hat uns „Schloß Planta bei Meran" von A. Ditscheiner in seiner etwas skizzenhaften Behandlung. — Louyots zierliche- „Gänsemädchen", ein Gewinn der Stadt Gießen aus 1892, wird hoffentlich auch bald eine ständige Unterkunft finden. — Die weiter ausgestellten Werke der vervielfältigenden Künste bilden schöne Zimmerzierden für solche, denen das Loos den Gewinn eines Oelbildes versagt. — Unser Landsmann und Mitbürger, Otto Fritz, hat die Ausstellung bereichert durch zwei liebenswürdige Genrebilder „Besiegt" und „Liebesdienst", sowie durch eine Anzahl interessanter Studien. — In der Besprechung der Eröffnungsaus- stellung fortfahrend nennen wir unter den Landschaften zunächst noch „Sundal-(Norwegen)" von Karl Osterley jr., „Rosegg Gletscher" von Mathilde Freytag (München), sowie von Wentscher (Berlin) „Regentag am Ostseestrand"-- zwei sehr schöne Bilder von ganz verschiedener Manier sind Georg Schmitgen's „Winterabend im Spreewald", eine prächtige Schneelandschaft, und daneben desselben Künstlers „Frühlingslandschaft", deren naturwahre Fretlicht-Maleret die Vorzüge solcher Auffassung in's beste Licht stellt, sodaß es z. B. Den sehr sorgfältig und couvemiortell gemalten beiden Bildern von B. Wille (Braunschweig) „Motiv von Täufers" und „Motiv von Oetz" nicht ganz leicht wird, sich daneben zu behaupten. Don ähnlicher Farbenwahrheit wie jene „Frühlingslandschaft" sind „Auf Studienreise" von W. Richter (Berlin) und Wentscher s „Buchwald im Polenzihal". Ohne die ausgestellten schönen Landschaften damit erschöpfen zu wollen, heben wir daraus noch hervor „Ruine Allerheiligen" von O. v. Ruppert (München)^ und — als besonders zart und duftig gemalt — „Mondnacht" und „Wollenweberhafen in Dortrecht" von Tenner (Karlsruhe), sowie einen „Abend an der Würm" von Carl le Feubure (Tölz). — Die in der vorigen Besprechung schon gelobten Blumenstücke von Sophie Ley haben in „Rhododendon" von Helene Cramer (Hamburg) ein gutes Seitenstück gefunden. — „Vor dem Gnadenbild" von Reis ach er (München) ist uns fast etwas zu naturalistisch aufgefaßt und zu flott gemalt- es hat freilich auch in seiner Behandlung einen recht gefährlichen Nachbar erhalten in B o ckelmtznu's schon besprochenem „Spielsaal von Monte- Carlo". — Auf der Hauptwand ist Walter WittingS (Dresden) „Studienkopf" von doppelt wohlthuender Lieblichkeit neben Papes erschütterndem „Seid getreu bis in den Tod". — Nicht schließen aber möchten wir, ohne die Aufmerksamkeit der Besucher noch besonders auf ein freundliches und fein gemaltes Genrebild von Ty ran (Karlsruhe) zu lenken, welches in lebenswahrer Auffassung den „Ersten Unterricht" unserer Kleinen wiedergtbt. * * Die Reihe der alljährlichen Christbescheernngen für Kinder wurde gestern Nachmittag 3 Uhr durch Frau Clara Rothe mit ihrem Kindergarten im Gießener Festsaal eröffnet. Es war eine fröhliche Ktnderschaar, die sich um „Tante Rothe" versammelt hatte- die „Solisten" unter ihnen hatten ihre Vorträge und Gesänge recht gut gelernt und auch das Zusammenspiel klappte vorzüglich, so daß die zahlreich erschienenen Zuschauer eine recht genußreiche Stunde verlebten. — Im Turnsaale der Stadtmädchenschule hielt Herr Lehrer t. P. Curschmann seine 45. Bescher« rung für bedürftige Schulkinder, und wenn auch hier selbst« verständlich das fröhliche Spiel in Wegfall kam, so zeugte doch die ganze Veranstaltung, gehoben durch Gesang und Vorträge der Kinder, daß sie vom Geiste der Nächstenliebe durchweht war. Es kamen recht schöne Sachen (Kleider und Schuhe) zur Vertheilung, welche Gaben hoffentlich ebenso da- Gefühl der Dankbarkeit in den Kinderherzen heben werden, wie es die ergreifenden Worte gethan, die Herr Cursch« mann an die Versammelten richtete. M. Gießener Zitherclub. Wer zählt die Völker, kennt die Namen, die gastlich hier zusammen kamen, mußte man sich unwillkürlich fragen am Sonntag den 16. December im Gießener Festsaal,wo die Zehnte WeihnachtSbesch eer« ung des Gießener Z'therclubS ftattfand. Utile cum dulci war die Devise deS Abends. Wie leuchteten die Augen der (17) armen Kinder, denen das Christkindel jetzt schon so nützliche Sachen und Sächelchen brachte- wie angenehm zu Muthe war der ganzen Fest Versammlung! Aber auch kein Wunder, denn waö in dem reichhaltigen Programm geboten war, Theater, Instrumental« und Gesangsvorträge, muß.e jeden Grießgram erheitern. Wir zollen dem Zttherclub unsere vollste Anerkennung und danken sveciell dem Arrangeur und Haupthelden deS Abends, Herrn Jopp Kremer, ebenso dem Solisten Herrn Nebl, sowie allen laut Programm mitwirkenden Personen. Wir freuen uns ob des Zitherclubs uneigennütziger Bestrebungen und wünschen ihm herzlich: Vivat, floroat, creacat! Die kommende Weihnachtszeit hat durch den in voriger Nacht eingetretenen leichten Schneefall den ihr ge« bührenden Anstrich erhalten- ob derselbe lange halten oder durch nachfolgende Schneeflocken noch solider wird, muß abgewartet werden. Der gestrige Sonntag war, was das Wetter betrifft, einer der unfreundlichsten des ganzen Jahres, denn eS regnete, besonders am Nachmittag unaufhörlich. Trotzdem war die Stadt von Bewohnern der Umgegend stark besucht, der Andrang in einzelnen Geschäften groß. ♦* Warnung. AuS Großen «Buseck wird der „Darmst. Zeitung" geschrieben: Ein ähnlicher Fall, wie der aus Groß- Steinheim berichtete, ist auch in hiesiger Gemeinde vorgekommen. Hier bestellte ein Mann bei dem Reisenden einer Frankfurter Firma, die als SpeciaUtät „Haussegen" vertreibt, „Starts Morgen« und Abendandachten". Der Käufer ließ sich von dem Reisenden überreden, statt den auf dem BürgschaftSschein der Frankfurter Firma auSgedungenen An« zahlungSbetrag von 3 Mk. gleich den vollen Betrag von 9 Mk. zu bezahlen. Aber wie die Frau in Groß-Steinheim, so wartet auch der hiesige Besteller schon über ein Viertel« fahr auf fein Buch, daS nach dem BürgschaftSschein innerhalb 14 Tagen geliefert werden sollte. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so hat man es in beiden Fällen mit einem und demselben Schwindler zu thun, dem hoffentlich bald sein Treiben gelegt werden wird. n. Großen Linde», 15. December. Seit heute hält auch der nördlicher Richtung verkehrende Zug Nr, 97 und zwar Nachmittags 4 Uhr 49 Min. an hiesiger Haltestelle an. Damit ist die Zahl der täglich hier anhaltenden Züge, die bei Eröffnung der Haltestelle — 1. November 1886 — nur 6 betrug, auf 18 gestiegen. -h- Alleudorf a. d. Laho, 15. December. Heute Nacht gegen 1 Uhr entstand in der Hofraithe der Ludwig Müller dahier, resp. in deffenZSch'uer auf bisher unaufgeklärte Weise Feuer. Durch rasches und sicheres Eingreifen der Pflichtfeuerwehr, und -durch Hilfe der ganzen Gemeinde konnte das Feuer auf seinen Heerd beschränkt werden. Der Beschädigte ist versichert. Lrngesandt. Gießen, 17. December 1894. Die «tratzenreiuignng betreffend. Wie in anderen Städten, z. B. in Mainz, sollte auch hier die Stadt das Reinigen der Straßen durchaus übernehmen und nicht einen Thetl davon auf dem Hausbesitzer lasten lassen, wie hier das Reinigen der Trottoirs von Schnee und Eis und das Streuen bei Glatteis rc. Wie jeder Hausbesitzer bestätigen wird, bleibt eS im Winter für ihn sehr schwierig, wenn er das Reinigen von Schnee und Eis nicht selbst oder durch seine Angehörigen besorgen kann — und dies wird wohl bei den meisten der Fall sein — überhaupt Jemanden für Geld und gu'e Worte auszutretben, der diese Arbeit zur rechten Beit aussührt; sie kann überhaupt von den Hausbesitzern nickt regelmäßig und gleichzeitig geschehen und deshalb haben die Passanten davon nur geringen oder gar keinen Nutzen, weil diese überall dem Schmutz auswetchen oder htneintreten müssen. Die Stadt hat Arbeiter genug, welche gerade zu der betreffenden Jahreszeit, wo andere städtische Arbeiten ruben, nach Arbeit auSgehen und beschäftigt sein wollen. Ueberhaupt könnten ja zu dieser Arbeit die angestellten Straßenkehrer verwendet werden, umsomehr weil meist die Fahrstraßen nicht gleichzeitig zu reinigen sind; alsdann würde die Reinhaltung der Trotlotrs, wenn gleichzeitig 8 bis 10 Mann daran arbeiten, in ganz kurzer Zeit geschehen sein. Die Mehrausgabe der Stadt kann gegenüber den überwiegenden Dortheilen bei einer solchen Einrichtung für daS ganze Publikum gar nicht in Betracht kommen Die Belästigung, welche die Hausbesitzer bei der jetzigen Einrichtung nach allen Serien haben, ganz abgesehen von dem damit verbundenen Geldaufwand, ist eine recht große, widerwärtig?, welche bei Anzeige» noch sehr verdrießliche Folgen mit stch bringt, an denen sie weist gar keine Sckuld tragen. Ebenso wäre den Straßenkehrern auch das Streuen bei Glatteis ru übertragen, wozu fie sich die Asche rc. in den Häusern bezw. an den Thoren aus den Kästen, die überall stehen oder bereitsteben könnten, holen mögen. Auch das Gießen im Sommer können sie besorgen, denn überall in Höfen stehe» Brunnen zum Wasserbolen offen, die sie ja ohnehin beim Kehren benutzen, waS ihnen Niemand verwehren wird. Wir möchten vorschlagen, daß recht bald, in einer der nächsten Sitzungen de« Stadtraths, ein M tglied den geeigneten Antrag im Sinne beS Vorstehenden zur Beralhung und Abstimmung stellt, damit diese geschilderte Theilbelüstigung der Hausdrsitzer bei dem Reinigen der Straßen endlich beseitigt wird, wofür jene und da« ganze Publikum dankoar sein werden. Ein Hausbesitzer. kirchliche Anzeigen -er evang. Gemeinde. Montag den 17. December, Abends 8 Ubr: Vibelftunde im > Confirmandensaal der Johanne? ktrche. Erster Brief des Johannen, Cap. 3 von Vers 4 an: Ursprung der Sünde und Kampf wider dieselbe. Pfarrer Dr. Naumann. Foulard-Seide 95 Pf. bis 5.85 p. Mk. — japanesische, chinesische rc. in den neuesten DesstnS u Farben, sowie schwarze, w-iße und farbige Henneberg-Seide von 60 Pf. bis Mk. 18.65 p. 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Torlno (Mk. 1.90), Marsala (Mk. 1.90) «. / stets vorrälhlg bet: Spar- und Leihkaffe Gießen. Im Monat Decmber l. I. werden bei der unterzeichneten Kaffe außer den feststehenden Zahltagen, Mittwochs und Samstags, noch an jedem Dienstag und Donnerstag Zahltage abgehalten. Die Einleger werden ersucht, unter Vorlage der Einlagebücher ihre Zinsen in Empfang zu nehmen, oder zuschreiben zu laffen. Zinsen, welche bis zum 1. Januar k. I. nicht erhoben sind, werden den Einlegern ohne Weiteres in den Büchern der Kaffe zugeschrieben und von diesem Tage an verzinst. Es brauchen hiernach alle diejenigen Einleger nicht zu erscheinen, welche nur Zinsen beischreiben lassen wollen, dies kann vielmehr ganz gelegentlich im Laufe des nächsten Jahres geschehen. Gießen, den 28. November 1894. Spar- und Leihkaffe Gießen. Doering.9764 Bekanntmachung. I Am Sonntag den 23. Dezember sind die Packetschalter wie an den Wochentagen geöffnet. Gießen, 14. December 1894. Kaiserliches Postamt. Ritsert. lifMtug den 15. Januar 1895, Nachmittags 3 Uhr, soll aus dem hiesigen Ortsg?richt die dem Adolf Bogt tn Gießen gehörige Hof- rasthe: Flr 1 Nr. 783 — 381 qm in der Sonnen- sttWße öffentlich meistbietend versteigert werden. Gießen, 3. December 1894. Großh. OrtSgericht Gießen. __I. A-: Bogt.9816 Angebote auf die Ausführung von Gchreinerarbeiten (Loos I), Schloster- arbeiten (Loos H), Glaserarbeiten (Loos HI), sowie der Verputz- und Vlnstreicherarbetten (Loos IV) für acht Auisebeiwchnungen der Zellenstrafanstalt Butzbach werden biS: Montag den 81. Deeember!♦ I., Vormittags 10 Uhr, entgegengenommen. Bis dahin liegen die Verdingungsunterlagen bet un8 rffen oder können gegen Zahlung von 1 Mark pro LooS bezogen werden. — Zufchlagsfrist 4 Wocken. Butzbach, den 12. December 1894. Großh Baubehörde für die Zellenstrafanstalt Butzbach. _____________Daudt._______10124 Dienstag den 18. Deeember 1894, Nachmittags 2 Uhr, im Vdler zu Gießen werde ich öffentlich gegen Baar versteigern: 1 Pferd, 1 Wagen, 1 Laden-Einrichtung, 1 Bett, 1 Vclociped, verschiedene SopdaS, 1 Silber- und 1 GlaSschrank, 2 Kommoden, 1 Verttcow, 1 Regu, laior, 1 Schreibtisch, 1 Conv.,Lexicon, eine Anzahl Oel- und sonstige Bilder, Gold- und Stldersachen rc. Versteigerung voraussichtlich theilweise bestimmt. 10213 E«gel. Gerichtsvollzieher. Holzversteigerung im Gießener Stadtwald. Mittwoch den 19. Decbr. 1894, Bormittags 9Va Uhr beginnend, sollen im Fernewald, District Steinertswald, versteigert werden: 115 FichteN'Stämme mit 103,77 fm (darunter Schnittholz), 14 rm Eichen- Nutz-Scheitholz (für Küfer geeignet), 32 „ Eichen-Scheitholz, 29 „ Birken-Scheitholz, 2 „ Nadel-Knüppelholz, 75 „ Eichen-Scheitholz, 1 „ Birken-Knüppelholz, 9 „ Nadel-Knüppelholz, 85 „ Eichen-Stockholz, 41 „ Nadel-Stockholz, 4240 Wellen Eichen-Neisig, 50 „ Birken-Reisig, 1800 „ Nadel-Reisig. Die Zusammenkunft ist am Müller« weg. Gießen, den 13. December 1894. Großh. Bürgermeisterei Gießen. Gnauth. 10159 Mittwoch den 19. Dec. 1894, Nachmittags 2 Uhr, werden im Bieker'schen Saale versteigert: I. etnifle Zimmereinrichtungen, darunter Mabagonimöbel, 1 eichenes Buffet, 1 Ptantno, Bilder, Spiegel, Uhren, 3 neue Sobas, 1 Nähmaschine, 1 gr. OelgemSl-(Landschafti,floerz Spiegel- rahme, 2 vollst Betten, 2 Hobelbänke, 4 Kühe, 3 schw Wagen, 1 Sommerwagen, 50 Bierkrüge und Deckelgläser, 3 Wetnbowlen, 1 gr. Spielwerk, 2 Autzstanzmaschinchen, 9 Stuck- rosetten, 1 Gaslampe u. v. a. II. 1 fast neue Hobelbank, 6 Armbänder, 4 Borsiecker, 1 Ring mit ächten Steine«. Die Versteigerung unter II findet bestimmt statt. Geißler, 10209 Gerichtsvollzieher. Ät. Schlachthaus. Freibank. [10230 Heute 8chmemeffeisch, nicht ladenrein, per Psd. 50 Psg. 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