Nr. 216 Der -ießeuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener PamitieuVkätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Zweites Blatt. Samstag den 15. September 1894 Gießener Anzeig er Kenerat-Unzeiger. Vierteljähriger - ASonncmentspreisr 2 Marl 20 Psg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Psg. Redaction, Expedition und Druckerei: Schutstraße Hlr.7. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren. Ruhelos warf ihn das Schicksal bald da-, bald dorthin, bis er endlich als alter Mann wieder in sein Heimathdorf zurückkehrte, wo er lebenslängliche Anstellung als Taglöhner beim Großbauern erhielt. Jüngst war er hinter den Berg gekommen. Die Landstraße führte dicht am Thor der herrschaftlichen Villa vorbei, die dort oben liegt. An den Eisen- sperren des ThoreS blieb er stehen und schaute in den Garten. Dort hinten kam eine alte Frau daher, — bei den Blumenbeeten wendete sie sich um und schlug einen Seiten- toe0 Der Alte fuhr sich mit der Mütze über die noch immer trüben Augen und ging dann heim. Sein Fränzchen war doch glücklich! — * Alt-Friedel schläft noch immer! Da zischt das Licht der Lampe empor, — da, noch einmal — dann erlischt es. Es ist dunkle Nacht. Regelmäßig gehen des Alten Athemzüge und silbern schimmert daS weiße Haar im Mondlicht. Der Nachtfalter, der in einer Ecke saß, flattert, durch das Licht erschreckt, durchs Zimmer und zum Fenster hinaus. Vielleicht im trügerischen Wahn den Sternen zu. Unten im Hofe istS still geworden — die Göttin der Nacht hat ihren Emzug gehalten und vor ihr beugen sich die Vasallen. , Schlaf zu. Alter, und träume weiter, — Dein einzig letztes Glück ist ja Dein „Rosentraum'." Gratisbeilage: Gießener Kamitienbkätter Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr. Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Die 47. Hauptversammlung des evangelischen Vereins der Gustav-Adolf-Stiftung. (Origtnalbericht von unserem Darmstädter Korrespondenten.) M. Die 47. Hauptversammlung deS Gustav-Adolfvereins wurde am 11. September durch einen feierlichen Gottesdienst in der geräumigen, schön geschmückten Stadtkirche zu Darmstadt eröffnet. Darmstadt ist gewissermaßen classischer Boden für den Verein, denn von hier aus sandte Prälat Zimmermann am 31. October 1841 seinen berühmten, zündenden und erfolgreichen Ausruf in die Welt, der, verbunden mit dem, was seit 1832 in Leipzig geschehen war, den Anlaß hergeben sollte für die Gründung des Gustav-AdolfvereinS, der heute 45 Zweigveretne zählt und seitdem etwa 28 bis 29 Millionen Mark sür die Erhaltung und Belebung evangelischer Lehre in der Diaspora verausgabt hat. Mit dem Gesang deS Mendelssohn'schen Psalms „Jauchzet dem Herrn alle Welt," ausgeführt von den drei Kirchengesangvereinen Darmstadts, begann der Gottesdienst. Die Predigt deS Herrn Generalsuperintendenten Dr. Döbbeltn aus Danzig, der in seinen westpreußtschen Gemeinden die Noth der ins Polenthum eingesprengten Gemeinden aus eigener Erfahrung kennt, hatte Christi Wort an Petrus: „Weide meine Schafe!" zum Thema. In der geselligen Vereinigung am Abend, im großen Saalbau abgehalten, wurde dann von den verschiedenen Rednern aus Ost und West einem zahlreichen Laienpublikum die Nothwendigkeit und Bedeutung deS Gustav - Adolfvereins durch Mitteilungen aus ihren diversen Gemeinden recht klar gemacht. Die Noth ist in der That auch größer, als man denkt. In Westpreußen sind Gemeinden von 1800 Seelen, deren Gottesdienst in einem 56 Quadratsuß messenden Raum stattfinden muß. In Saarburg finden Gottesdienste in der Amtsstube des Bürgermeisters zwischen den Actenschränken statt. In den Reichslanden hat die evangelische Kirche vor 1870 überhaupt nur ein dämmerisches Dasein geführt. Die Geistlichen wurden durch Spione beobachtet. Jetzt sind Metz, Saarburg, Diedenhofen feste Posten geworden- die letzte Hugenottengemeinde hat seit einem Jahre durch Kaiser Wil- belms Großmuth eine Kirche in Kürzel erhalten. In den Reichslanden offenbart der Verein seine Liebeskraft auch in der Vereinigung der Stationen. Besonders intereffant waren die Mittheilungen deS Pastor Fliebner aus Madrid, aus seiner bis nach Afrika reichenden DiaSpora. Wenn auch die spanische liberale Regierung in Barcelona eine Kiste mit Bibeln auf dem Zoll hat verbrennen lassen und die Gemeinde Madrids gezwungen hat, das Kreuz von ihrer Kirche zu entfernen — das Evangelium gewinnt doch an Boden, und in einem an die Sierra Guaderama gelehnten Kloster, in welchem Philipp H. seine Ketzerautodafes ersann, befindet sich heute ein evangelisches Waisenhaus. Der Fest Gottesdienst fand am Mittwoch den 12. Sept. Vormittags 9 Uhr in der Stadtkirche, wie in der Martins- ktrche statt. In ersterer predigte Herr Hosprediger Braun , aus Stuttgart über den Text: „Und Niemand hat größere Liebe denn die, der sein Leben läffet für die Freunde." Aus diesem tiefen und großen JesuSwort schöpfte der von der Weihe seines Stoffes ergriffene und durchdrungene Kanzelredner zunächst die Beziehung auf den schwedischen Heldenkönig, der sein Werk durch die Hingabe seines Lebens be- siegelt habe und ließ die Züge des Mannes, nach welchem der Verein seinen Namen führt, in aller Kürze und Klarheit hervortreten. Die Gegner des Vereins, die an deffen friedlicher Arbeit und Thätigkeit unmöglich etwas auSsetzen konnten, haben wenigstens an dem Namen Aergerniß genommen und auch für evangelische Christen tauche die Frage auf, ob eine innere Berechtigung vorliege, den Namen Gustav Adolf für die Wirksamkeit des Vereins beizubehalten. Allerdings liegt solche Berechtigung vor. Freilich ist Gustav Adolf kein fehlerloser Mensch, kein Heiliger gewesen, und als er für die Sache der evangelischen Glaubensbrüder eintrat, hat er auch staatsmännische Pläne verfolgt. Das wissen wir, aber ebenso wissen wir, daß er niemals in egoistischer Engherzigkeit das Seine gesucht, und wir haben kein Recht an den Worten zu zweifeln, die Gustav Adolf auf deutschem Boden frei und offen vor Fürsten und Ständen geäußert hat, denn Wahrhaftigkeit und Offenherzigkeit ist der Grundzug dieser Persönlichkeit gewesen. Für ihn lag es nahe, den Vortheil Schwedens und die Errettung der Evangelischen in Deutschland als eine und dieselbe Sache zu betrachten, hatte es sich doch gerade in Schweden gezeigt, wie eine große ungebrochene VolkSkraft sich willig von dem wiedergefundenen Evangelium durchdringen ließ und in seiner Hut weltgeschichtliche Thaten verrichtete. Härte sich Gustav Adolf nur von politischen Jntereffen leiten laffen, wie so manche Andere seiner kronentragenden Zeitgenossen, gegen deren Fanatismus einerseits und Lauheit andererseits sein Bild fich gar leuchtend abhebt, er würde nicht gezögert haben, seinen Sieg auf dem Breiten- felde weiter zu verfolgen, wenn es ihn nicht gedrängt hätte, der harten Noth der Glaubensbrüder im Südwesten zu Hilfe zu eilen. Vor Nürnberg hielt er dem drei Mal überlegenen Wallenstein Stand, um der Stadt daS Schicksal Magdeburgs zu ersparen, und was ihn dann wieder nach dem Osten zog, war das Bedürsniß, dem Freunde, dem lauen sächsischen Verbündeten beizuftehen. Wenn also sein Name mit der Thätigkeit des evangelischen Vereins ferner verbunden bleibt, so klingt außer der Dankbarkeit auch darin der Protest an gegen alle die Versuche, welche gemacht worden sind, das Bild Gustav Adolfs zu entstellen. In welcher Weise ist nun das von ihm begonnene Werk durch uns weiterzuführen? Diese Frage lenkte Hosprediger Braunaus den Kern der Entstehung der evangelischen Ktrche. „Die Liebe, die ihr Leben läffet für die Freunde" — dieser Gedanke war der Schatz im Acker, der durch Luther wieder ausgegraben wurde. Nicht um die Pflege todter Satzungen und innerlich überlebter Lehrmeinungen handle eß sich im Gustav-Adolfverein, sondern um daS AuSbreiten jener Liebe, die nicht das Ihre sucht, welche die opferwillige Hingabe kennt. Redner kam dann darauf zu sprechen, in welcher Weise der Verein als Bote und Diener des Evangeliums aufgetreten sei und wie er den in der Diaspora lebenden evangelischen Christen geistlichen und leiblichen Trost gebracht habe. Hofprediger Braun schloß seine zu Herz und Gemüth sprechenden Darlegungen, durch welche sich wie ein rother Faden der Geist des zu Grunde gelegten BibeltexteS zog, mit einem Liedervers des sinnigen Zinzendorf. Den liturgischen Theil des Fest-Gottesdienstes besorgte Prälat Habicht. (Fortsetzung folgt.) Vermischter • Annen in Wests., 12. September. Dr. med. Jesse von hier hatte sich mit mehreren Freunden zur Jagd in die Geaend von Lippstadt begeben. AlS er an einer Quelle sich bückte, um zu trinken, entlud sich das Gewehr. Die Kugel ging dem Arzte durch den Kops und der Tod trat sofort ein. • Flensburg, 12. September. Infolge Kenterns eines Segelbootes ertranken gestern Abend in der Flensburger Föhrde ein Seemann, der kürzlich daö Schiffer-Examen be- standen hatte, und fein Bruder, Soldat im 86. Infanterie- Regiment. Die beiden Ertrunkenen waren die einzigen Sohne einer hier lebenden Wittwe. • Dresden, 8. September. Ein Obsthändler Müller war hier als Werber für die holländische Colonialarmee thätia. Die hiesige Strafkammer verurtheilte ihn deshalb zu ? Monat Gefängniß auf Grund des § 141 beg R.-St.-G. Der Verurtheilte hatte, soweit bekannt wurde, mit sieben Schlesiern verhandelt, um dieselben zum Eintritt in die ostindische Truppe der niederländischen Armee zu bewegen. » Musik in Kilogrammen. Die physische Arbeit der Clavierspieler ist nun auch Gegenstand wissenschaftlicher Berechnung geworden. Das gehauchteste Ptanisfimo erfordert sür jede Taste einen Druck von HO Gramm, 1,06 Fortissimo einen solchen von 3 Kilogramm. In Chopins berühmtem Trauermarsch gibt eß Tacte, die in l1/2 Minuten einen Kraftaufwand von 384 Kilogramm erfordern, und künftig wird man bei ästhetischen Theeß sagen können : „Ich habe Stücke von 3875 Kilogramm ausgehalten- ich habe genug!" Der alte Friedel. Ein Traumbild. Von Schätzler-Perasini. (Schluß.) Da — Peitschenknallen! Vom Hauptweg herüber tönt Pferdegewieher. Einen Augenblick, dann rollt der Wagen des Gutsverwalters an den beiden vorüber. Grell knirscht der Kies, und jeder Stein, der unter den Rädern zerspringt, thut den beiden wehe. Der Gutsverwalter! So kommt er doch zum Vater! Angstvoll klammert fich daß Mädchen an Friedel. Er starrt trotzig über sie weg, dem Wagen nach. Die Rose ist ihm entfallen, auf der Erde liegt fie, und lose, fast welk hängen die Blätter herunter. Nun ist der von drüben im Haus! Eine lange Pause — dann ein lauter Doppelruf: „Fränzchen! Fränzchen!" Und „Fränzchen!" flüstert auch der Bursche schmerzlich — noch fühlt er die Schläge ihres Herzens an dem seinen, — er weiß, was der Ruf zu bedeuten hat. „Der Vater! Leb wohl! — Heute Abend!" In der Thür verschwindet fie- er schaut ihr nach, dann gräbt und gräbt er, so eifrig, als ob die Erde ein Herz wäre, das er erforschen müßte. Der Wagen fuhr wieder fort. Er hat ihn lachen sehen, den stolzen Herrn — lachen mit dem vollen Gesicht, — lustig stampfen die Roffe den Boden, dann hinaus zum Thore!--- Am Abend saß Friedel in der dunklen Laube und wartete. Doch Niemand kam heute, alles still um ihn — | nur ein leises Schwirren der Nachtkäser. Ueber ihm wölbte sich der Nachthimmel, und er sah zu den Sternen auf, die 1 oben blinkten. So lange wartete er, so lange blickte er einem Sternchen nach, das ihm besonders gefiel- da auf einmal — ein lichter Streifen —' er griff ans Herz — weg war der Stern, verschwunden im Getümmel der andern. Da ging der Friedel aus der Laube und schlich in seine Kammer. Ob er wohl schlief? Die GärtnerStochter sah er lange nicht mehr. Sie war den andern Tag fortgekommen in die Stadt. Man wolle fie dort bilden, sagten die Leute, — der reiche Gutsverwalter — Später, da kam die Franziska mit dem reichen Herrn und eines Tages fuhren fie zur Kirche. Da stand er an dem Fenster seiner Kammer und schaute hinab auf den offenen Wagen. Wie fchön sie war! Wie lieb! Daß war ihm, als hebe fie den Blick zu seinem Fenster, dann zum reichen Bräutigam. Es lächelte der schöne Mund, und der Wagen rollte fort. Droben in der Kammer, da bäumte sich ein Menschenherz empor zum Kampfe. Kein Laut entrang stch Friedels Lippen, hilfesuchend irrten die Blicke an den Wänden umher. Da, endlich brach er zusammen und ein Thränen- ström entstürzt seinen Augen. Er weinte zum ersten Male seit er geboren ward, — er weinte um die verlorene Liebe! Wenn ihn als Knabe die Kameraden scklugen, weinte er nicht. Als man den Vater, dann die Mutter in die kühle Erde bettete, vergoß er keine Thränen, es krampfte ihm nur das Herz zusammen, — heule aber weinte er; er hatte fie zu lieb gehabt, daß Mädchen mit den blauen Kinderaugen! Am anderen Tage war er fort, in die Welt hinauß. WZ W 'aeJis' Siohelßacao. Giessen, Snnahn falzend^ 2Be( »eg von bezw. üo' verkehr l Gi Die Dattbni Leihgest Utphe i gemahnt. Ge lÄriegäöe 2 Ntzn Lv Gr 2 HUtzeuer .-rtch"" All V» Bet haben s Kaiser akierdtn lassunge sehr vor, feine Un preußisch «ehr der „Hamb. < Wy r« Das hL Besten, einftwei! »an fili Sekennze die Best versicheri sauren K den weil WM Wu. und der ganzen Phagen Begnad! 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