Nr 136 Erstes Blatt. Donnerstag den 14. Juni 1894 Der (Meiner Aiqtlget erschrün täglich, nm AuSnahmr bei Montag«. Die Gießener AamittenhsLtter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal bcigrlegt. Kießemr Anzeiger Kenerat-Wnzeiger. vierteljähriger AleBBrecBUprcto: 2 Mail >' P,q mit Bring erlodn. Durch die Polt bqeqm 2 Mark 50 Ptg. Ätbiichon, LzpedmalR und Drucker«: -chufftraäe Ar.7. Kernjprecher 51. Amts- und Anzeigeblntt für den Kreis Giefzem chratisbeikage: chießener Kamikienblätter. Alle Annoncen-Bureaur de« In- und Auslände« nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Porm. 10 Uhr. Deutsche» Reich. Berlin. 12. Juni. Die Frage, ob die in der vorigen ReichStagSsession gescheiterten Steuer« und Finanz- Vorlagen als definitiv begraben zu betrachten seien oder ob sie eine fröhliche Wiederauferstehung feiern werden, wenn vielleicht auch in veränderter Gestalt, kommt selbst angesichts der anhebenden politischen „saiaon morte“ in Deutschland noch nicht zur Ruhe. Neuerdings will eine osficiöse Berliner Meldung bestimmt wissen, daß der Entwurf einer Reform der Reichsfinanzen dem Reichstage in seiner nächsten Session nicht wieder vorgelegt werden würde und daß die weitere Verfolgung des ganzen Planes überhaupt aufgegeben werden solle. Wie erinnerlich, hatten der Reichskanzler Graf Caprivi und Finanzminister Dr. Miquel in der vorigen Session des Reichstags bei verschiedenen Gelegenheiten versichert, die verbündeten Regierungen seien entschlosien, unter allen Umständen an dem Plane einer Umgestaltung der Reichsfinanzen festzuhalten. Wenn nun jetzt mit einem Male gegenteilige Versicherungen austauchen, so deutet dicS darauf hin, daß sich einer Wiederaufnahme der finanzpolitischen Reformaction im Reiche ernste Hindernifie entgegengestellt haben müfien, die eine Vertagung deS ganzen Planes auf mindestens unbestimmte Zett alS gerathen erscheinen lafien. Auch die Weinsteuer- Vorlage wird nicht wiederkehren und nur daS neue Tabak- steuerproject dürfte den Reichstag wiederum beschäftigen, doch ist eS noch völlig unbestimmt, ob dem Parlament einfach die gescheiterte Vorlage aufs Neue unterbreitet oder ob ihm ein umgearbeiteter Entwurf vorgelegt werden wird. — In der freisinnig en Volkspartei machen sich ernstliche Bestrebungen zur Aufnahme socialpolit'scher Forderungen in da« Parteiprogramm geltend. Eine Commission, die zu diesem Bchufe eigenS von Berliner Freisinnigen gewählt wurde, hat ein förmliches socialpolitisches Programm auSgearbeitet, welches vermuthlich dem nächsten allgemeinen Parteitage der freisinnigen Volkspartei unterbreitet werden wird. Der Entwurf weist folgende Hauptforderungen auf: 1) Trennung der Schule von der Kirche und Unentgeltlichkeit deS Unterrichts und der Lehrmittel- 2) Verbot der ErwerbS- arbeit von Kindern unter 14 Jahren, Beschränkung der wöchentlichen Arbeitsstunden für jugendliche Fabrikarbeiter bis mit 17 Jahren auf 48 Stunden, für Fabrikarbeiterinnen auf 64 Stunden, Einführung eines Maximalarbeitstages für erwachsene männliche Arbeiter, Vermehrung der Fabriktnspectoren, Errichtung einer Inspektion über die Arbeiterverhältnisse in den landwirthschaftlichen Betrieben, gründliche Revision der Arbeiterversicherungsgesetze u. s. w.- 3) Festhalten am Princip der Gewerbefreiheit, Beschränkung der Gefängnißarbeit, Sicherstellung der Forderungen der Bauhandwerker gegenüber den Bauunternehmern; 4) Aufhebung der Fideicommisie, Zer- schlagung der Staatsdomänen und Latifundien, Schaffung kleiner und mittlerer Bauerngüter zur Erhaltung eines freien Bauernstandes- 5) Verbilligung des Personen- und Güter- tranSportes auf allen Verkehrswegen- 6) Bekämpfung der Mißstände in den WohnungSverhälinissen. — Die badische zweite Kammer genehmigte am Montag das Gesetz über die Aufbesserung der Gehälter für die kleinen und mittleren Beamten nach fünftägiger lebhafter Debatte. Berlin, 12. Juni. Die gestern Abend geschlossene LandwirthschaftS-Ausstellung ist von 165,400 Per- sonen besucht worden- eS ist dies die höchste Zahl, die je eine von der Deutschen LandwirthschaftS-Gesellschaft nennt» stattete Ausstellung erreicht hat. Von den 60 ausgestellten Remontepferden sind 48 vom Kriegsministerium zum Preise von 1250 bis 1300 Mk. angekaust worden. Ucucftc Had>ricbtcn. Wolff« ttltgr«phisch«s Sorrcipondenz- Bureau Berlin, 12. Juni. Dem „Reichsanzeiger" zufolge fand gestern im Reichs-Versicherungsamte unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Bödiker eine Conferenz zur Beratung deS Erlasses von Unfallverhütungsvorschriften für die land» und sor st wirthschaftlichen Berufsgenossen, sch asten statt. Die im ReichS-BersicherungSamte bearbeitete landwirthschastliche Unfallstatistik für daS Jahr 1891, welche rund 20 000 entschädigte Unfälle ergab, und daS ans dem ganzen Reiche herbeigezogene Material an bezüglichen Unfallverhütungsvorschriften und Polizeiverordnungen dienten den Berathungen zur Grundlage. Hamburg, 12. Juni. Die Polizeibehörde verbietet vorsichtshalber den gewerbsmäßigen Verkauf sogenannter kuhwarmer Milch und warnt gleichzeitig vor dem Gebrauch jeder unabgekochten Milch. Hannover, 12. Juni. Die Vereinsbevollmächtigten de« 21. deutschen GastwirthSlages wurden heute im großen OdeonSsaale durch den DerbandSvorsitzenden Theodor Müller-Berlin begrüßt. AuS dem ganzen Deutschen Reiche sind die Berufsgenossen zahlreich erschienen. Die Stadt hat vielfach Flaggenschmuck angelegt. AuS dem erstatteten Bericht über die BereinSthätigkeit geht hervor, daß dem Verbände 202 Vereine mit über 16 000 Mitgliedern angehören. Die Städte Liegnitz, Danzig, Dresden, Bieleseld und Gera hatten um Abhaltung deS nächstjährigen TageS in ihren Mauern ersucht. Gewählt wurde Liegnitz. Die Verhandlungen beginnen morgen Im neuen Hannoverschen Festsaale. Bern, 12. Juni. ES schneite In der letzten Nacht bis an den Fuß deS Jura herab. DaS ganze Jouxthal (daS Thal der Orbe im oberen Jura) liegt unter Schnee und ist in eine Winterlandschaft verwandelt. Gleiche Nachrichten kommen von allen Berggegenden. Im Oberland leidet daS Vieh Noth, der Dienst der Bergbahnen ist unterbrochen. In Bern fiel daS Thermometer auf 5 Grad. Petersburg, 12. Juni. DaS Ministerium der Volks- ausklärung commandirt den Curator deS Moskauer Lehr» bezirkS Graf Kapnist nach Deutschland ab, um sich mit den mittleren Lehranstalten in Deutschland bekannt zu machen. Depeschen bei Sutetu .Herold". Berlin, 12. Juni. Die „Post" sagt an leitender Stelle, daß, wenn auch die letzten landwirthschaftlichen und Agrarconferenzen kein unmittelbar practischeS Ergebniß erzielt hätten, so sei doch die Grundlage für ein erfolgreiches Vorgehen auf der Bahn der für die Landwirthschaft fegen«» reichen Reform deS Agrarrechts geschaffen. Die Agrar- enqueten hätten die Zuversicht und das Vertrauen in die Zukunft verstärkt. Berlin, 12. Juni. Der Ausschuß für daS BiSmarck- denkmal hat in feiner heutigen Sitzung die Bedingungen für daS demnächst zu veröffentlichende ConcurrenzauSschteiben festgestellt. Zur Bewerbung sind alle dem Deutschen Reich angehörigen Bildhauer zugelassen. 30 Preise im Gesammt» werthe von 80000 Mk. kommen zur Bertheilung. AlS Datum für den Einreichungstermin der Modelle wurde der 1. Juni 1895 festgesetzt. Myßlowitz, 12. Juni. Der Regierungspräsident verfügte die Entlassung sämmtlicher unter ärztliche Beobachtung gestellten Personen, da oaS gänzliche Erlöschen der Cholera amtlich festgestellt ist. Budapest, 12. Juni. Im Abgeordnetenhause erklärte heute Weker le, daß das kirchenpolitifche Programm vollauf aufrecht erhalten bliebe. Budapest, 12. Juni. Der Kaiser hat vor seiner Abreise den Grafen Franz Esterhazy und den Baron Uech tr itz, den gewesenen Obergespan von Zuber, zu leben«» länglichen Mitgliedern des MagnatenhauseS ernannt. Ein weiterer PairSschub ist nicht erfolgt. DaS heutige Amtsblatt veröffentlicht die neue Ministerliste. Pari«, 12. Juni. Der Organisationsausschuß für die Ausstellung von 1900 hat sich gestern zum ersten Male unter Vorsitz deS Handelsministers vereinigt. Der Ausschuß hat die Klassification der auszustellenden Producte in siebzehn Gruppen und 117 Klassen angenommen. Eine cutturhistorische Ausstellung soll die modernen Producte vor hundert Jahren zeigen. Die Ausstellung wird an demselben Platz eingerichtet, wo die letzte Ausstellung gestanden. Paris, 12. Juni. Garnot erklärte den Abgeordneten des Gardedepartements, die gekommen waren, ihn zu einem Turnseste einznladen, daß er wieder für die Präsidentenwahl canblbire. Warschau, 12. Juni. Der Generalgouverneur versügte, baß bie bisherigen brutschen Namen ber auf bem linken Weichseluser belegencn beutschen Nieberlassungen unb Ortschaften sofort in russische umgewandelt werben. Tanger, 12. Juni. Zwischen Anhängern unb Gegnern bes von ben Truppen zum Sultan auSgerufenen Prinzen Abbul Aziz ist eS in verschiebenen Küstenorten sowie im Gebiet Tafilalt zu blutigen Zusammenstößen gekommen. Die Jnsurrection pftanzt sich nach dem Innern fort. Die marokkanischen Behörden hoffen auf das Eingreifen deS Marschalls Martinez CampoS, welcher in den nächsten Tagen mit Instructionen auS Madrid erwartet wird. Die Berber lassen die Ernte im Stich und bereiten sich durch religiöse Zeremonien und Waffenübungen gegen eine eventuelle Invasion der französischen grembenlegton vor. Englische und spanische Kriegsschiffe werden baldigst in den marokkanischen Gewässern erwartet. Wien, 13. Juni. Die Berusung de« Professors Earl Gussendauer zu Prag an Stelle de» verstorbenen Professor» Billroth in Wien wurde amtlich veröffentlicht. CocaU» und provinzielle» Gießen, ben 13. Juni 1894. ** SchwurgerichtSverhaubluug vom 12.Juni 1894. (Schluß.) Johannes Westerweller Wittwe hatte auch in der heutigen Verhandlung ihre früheren Angaben aufrecht erhalten - die Eheleute Schmidt stellten wie früher die ihnen zur Last gelegte That in Abrede mit dem Bemerken, die Johanne» Westerweller SBittroe habe sich selbst als Zengin angeboten, um die Zeugengebühren nach Friedberg zu verdienen, sie hatten dieselbe öfters ermahnt, nur die Wahrheit bei Gericht auszu» sagen. Nachdem die Geschworenen (Obmann: Herr Eugen ftauffmann) die Schuldsrage bezüglich der Johanne» Westerweller Wittwe bejaht, bezüglich der Heinrich Schmidt Eheleute aber verneint hatten, verurtheiltc der Gerichtshof die erstere in eine Zuchthausstrafe von einem Jahre und neun Monaten unter Anrechnung von einem Monat Unterfuchung»haft und sprach die Heinrich Schmidt Eheleute von Strafe unb Kosten frei. Auch würben ber Johannes Westerweller Wittwe bie bürgerlichen Ehrenrechte auf bie Dauer von 3 Jahren aberkannt unb ferner auf bie bauernbe Unfähigkeit betreiben, al» Zeuge ober Sachverstänbige eidlich vernommen zu werden, erkannt. ** Schwurgerichtöverhanblung vom 13. Zoui 1894. Jur Verhandlung kommt die Strafsache gegen Bonisacia Brohler von Oberfeld wegen Mords. Die Anklage vertritt ber Groß- herzogliche Gerichts-Assestor Koch, bie Bertheibtgung ber Angeklagten führt Herr Rechtsanwalt Dr. Gutsleifch, bie Gefchworenenbank wird gebildet von den Herren Jacob Nicolaus 1., Jacob Adam, Gustav Friedrich Patz, Heinrich Sehrt 11., Johanne« Kromm I., Johann Georg Schmidt, Ludwig Schadeckll., Eugen ttauffmann, Heinrich Neeb, Wilhelm Plank II., Johanne» Schepp I. und Johannes Schwarz IIL Bonifacia Brühler, Wittwe des Bauers Nicolaus Brühler, geboren am 5. Juni 1848 zu Oberfeld, zuletzt in Bad Nauheim wohnhaft, steht unter der Anklage, am 10. November 1893 zu Bad-Nauheim ihr am 17. März 1893 geborenes Kind vorsätzlich gelobtet unb diese Tödtung mit Uebetlegung an»« geführt zu haben. Es hatte bereits in bleiern Jahre eine Schwurgerichtsverhanblung am 8. März L I. stattgefunden, welche mit ber Derurtheilung ber Angeklagten zum Tode geenbet hatte. Auf erfolgte Revision ber Angeklagten hatte da» Reichsgericht am 21. Mai 1894 zu Recht erkannt, baß da» Unheil des Schwurgerichts nebst den demselben zu Grunde liegenden thatsächltchen Feststellungen beziehungsweise dem Spruch der Geschworenen auszuheben und die Sache zur anderweiten Verhandlung unb Entscheibung an basselbe Gericht zurückzuweisen sei. Diese Entscheibung grllnbete sich darauf, daß aus ben als Beweismittel probuclrten Acten bes Lande»» birector» in Kassel betreffenb bie HilsSbebürstigkeit ber Nicolau» Brühler Wittwe ein Protocoll über bie Vernehmung de» Fabrikarbeiter» Emil Bröhler, Sohnes der Angeklagten zur Verlesung kam, was nach § 249 der Strasprozeßordnung unzulässig war und eine Verletzung deS Grundsätze» der Mündlichkeit unb Unmittelbarkeit enthielt. „Glaubte ber Staatsanwalt, ber Wahrnehmungen Desselben zur Begrünbung ber Anklage zu bebürfen, so hätte et bessen Vernehmung al» Zeuge veranlassen sollen. Bei ber Natur beS schwurgericht- ttchen Verfahrens fei nicht zu erkennen, ob ber Verstoß nicht auf den Spruch der Geschworenen unb beShalb auch auf das Unheil von Einfluß gewesen, minbestens sei bie Möglichkeit eines solchen nicht ausgeschlossen." Die heutige Verhandlung ergab denselben Sachverhalt, wie die frühere, so daß wir au unseren ausführlichen Bericht in Nr. 58, erste« Blatt, verweisen können. ** Lberhesfischer GeschichtSvereio. Trotz des strömenden Regens hatten sich zu dem geplanten Ausflug nachWetzlar am vergangenen Sonntag etwa 20 Theilnehmer mit Damen an der Bahn zusammengefunden. Der tapfere Entschluß sollte denn auch in keiner Weise zur Reue Anlaß geben, Da die Wetzlarer Damen und Herren durch ihre bekannte Lieben« - roürDigteit die Gießener Gäste vollauf für die Unbilden ber Witterung entschädigten. Bon Herrn Rector Luerssen em pfangen unb zum Kalsmunt geleitet, besichtigte bie Gesell schäft die Ruine und folgte dort an einer geschützten Stelle den interessanten Ausführungen deS genannten Herrn. Die günstige Lage des Kalsmunts am Zusammenfluß mehrerer Flußläufe, so sühne derselbe auS, habe wohl schon in sehr stützet Zeit Siedler an diesen Berg geführt. Für einen Mark: ober eine Stabt war der Platz zu klein- ber Gedanke, eine Burg zu errichten, lag Daher sehr nahe. Wann dieselbe erbaut wurde, wissen wir nicht. Wenn aber der Historienerzähler Chelius um 1664 von ihr erzählt, daß die Burg heidnischen Ursprungs gewesen sei und daß sie den Namen Kalsmunt von Karl dem Großen habe, welcher sie unterworfen, so ist dies jedenfalls nicht wahr. Auch die anderen Auslegungen des Namens „Kalsmunt", welche denselben von cälvus mons oder Caroli mons herleiten wollen, dürften kaum das Richtige treffen. Am glaubwürdigsten scheint die Interpretation Wigands zu sein, welcher die Begriffe Gewalt oder Schutz damit in Zusammenhang bringt. Dagegen hat der letztgenannte Forscher sicher Unrecht, wenn er dem Kalsmuntthurm einen römischen Ursprung zuweist und dies mit — übrigens unbeglaubigten — Funden von römischen Münzen in Zusammenhang bringen will. Zuerst erwähnt wird der Kalsmunt im Jahre 1242, wo nach dem Rheinischen Urkundenbuch der Propst Burghard des Marien- stifts zu Wetzlar ein Zehntel der Einkünfte der Weinberge am Kalsmunt und von Garbenheim an sein Stift schenkte. Man darf wohl annehmen, daß die Burganlage nicht viel älter als dieses Darum ist. Die Domkirche wird ihre Anfänge als christliche Culturstätte in das zehnte, vielleicht sogar schon in das neunte Jahrhundert zurückführen können. Um sie schlossen sich bald gewerbliche Ansiedelungen, wie die Namen der vom Dome oder in dessen Nähe ausgehenden Straßen — Krämergasse, Eisenmarkt, Güll-(Gilden-)Gasse u. s. w. — beweisen. Stadtrechte erhielt Wetzlar von Friedrich Barbarossa im Jahre 1280. Inmitten der so entstandenen Stadt dürsten sich die Anfänge einer kaiserlichen Burg befunden haben. Wie es den Anschein hat, haben dieselben auf derselben Stätte gestanden, auf welcher sich ein noch heute „zum Kalsmunt" geheißenes Haus — auf der Jäcks« bürg — erhebt. Wenigstens scheinen eine Reihe beziehungsvoller Namen von Straßen u. s. w., die in unmittelbarer Nähe dieses Platzes vorkommen, wie Hofstadt, Saalhof u. s. w. jener Vermuthung Recht zu geben. Ferner spricht dafür der Umstand, daß das erwähnte Haus noch im Jahre 1736, wo es von einem Kammerassessor Ludolf an den kaiserlichen Rath Birkenstock verkauft wurde, Immunität, d. h. Steuerfreiheit der Stadt gegenüber genoß. Vermuthlich ist die kaiserliche Burg auf dem Kalsmunt erst dann erbaut worden, als die Lage der kaiserlichen Vögte hinter ihren städtischen Schutzmauern in Folge der mehr als einmal feindlichen Annäherung der Bürger Wetzlars unhaltbar geworden war. Im Uebrigen ist über die Geschichte der Burg Kalsmunt nur wenig bekannt. Weiter verbreitet wurde ihr Ruf wahrscheinlich nur einmal, im Jahre 1282, als Tile Kolup, der Rivale Rudolfs von Habsburg, in Wetzlar weilte. Als Burgmänner werden im 13. Jahrhundert die Herren von Runkel, später die von Meerenberg genannt. Nach dem Aussterben dieses Geschlechts zog Ludwig der Baier das Burglehen ein, um es nachher wieder an das Geschlecht derer von Falkenstein zu vergeben. Später werden die Stadt Wetzlar und das Haus Nassau als Besitzer der Burg genannt. Wenn der schon erwähnte Chelius behauptet, daß die Burg Kalsmunt von feindlicher Hand zerstört worden sei, so ist dies zum Mindesten nicht erwiesen. Viel eher darf als wahrscheinlich angenommen werden, daß die Burg seiner Zeit verlassen und so nach und nach dem Zahne der Zeit zum Opfer gefallen ist. — Nachdem Herr Oberbibliothekar Dr. Haupt-Gießen dem Herrn Redner für seinen lehrreichen Vortrag gedankt hatte, begaben sich die Thetlnehmer zum Kaffee in den Schützengarten. Von hier aus stattete ein Theil der Gesellschaft noch dem Lottezimmer einen Besuch ab und vereinigte sich dann mit den übrigen Gießener und Wetzlarer Vereinsmitgliedern im Saale des „Römischen Kaisers". Hier begrüßte der Vorsitzende, Herr Oberbibliothekar Dr. Haupt, die Versammlung, indem er in herzlichen Worten der Freude über die Vereinigung der Mitglieder aus beiden Städten Ausdruck lieh und auf die historischen Beziehungen zwischen Wetzlar und Gießen hinwies. Sodann ergriff Herr Oberpfarrer Roebenacke -Wetzlar daS Wort zu einem fesselnden Vortrag über das Verhältniß der beiden Inhaber des Domes, der ehemaligen Stistsherren und der (heute evangelischen) Stadtgemeinde. Der lichtvollen und durchaus sachlichen Darstellung entnehmen wir folgende Züge: Der Dom, eines der interessantesten Denkmäler mittelalterlicher Baukunst, der von frühromanischer Zeit bis zur vollendeten Gothik ein anschauliches Bild der Wandlung des Baustiles gewährt, ist ursprünglich eine Stiftskirche. Doch schon frühe — genau läßt sich die Zeit nicht bestimmen — erhält die Stadtgemeinde das Benutzungsrecht des Schiffes für ihre gottesdienstlichen Zwecke. Denn im Jahre 1292 wird das Uebereinkommen zwischen Stift und Stadt beurkundet durch einen Vertrag, in welchem eine Commission für bauliche Unterhaltung des Domes eingesetzt wird, und als einige Jahrzehnte später (1336) der Grundstein zum Thurm gelegt werden soll, unternehmen zwei Canoniker gemeinsam mit zwei Schöffen der Stadt das Sammeln der Beiträge für den Bau. Ein Antheil der Stadt am Dom geht hieraus zweifellos hervor. Die Abhaltung des Gottesdienstes finden wir in der Folge denn auch so geregelt, daß die Stiftsherren den Chor, die Gemeinde aber das Schiff und zwar in gewissen Stunden benutzen. Schiff und Chor werden durch den Lettner getrennt. Diese Trennung des Gotteshauses gab schon in vorreformatorischer Zeit zwischen den beiden Parteien Anlaß zu Streitigkeiten, die sich noch mehrten, als 1542 Wetzlar mit alleiniger Ausnahme der Stiftsherren zur Augsburger Con- fession übertrat. Den Lutherischen waren die Morgenstunden von 6—8 Uhr zur Abhaltung des Gottesdienstes vertragsmäßig angewiesen. Aber da man aus beiden Seiten die Zeiteintheilung nicht genau innehielt und sich Vortheile zu verschaffen suchte, so brach der Zwist bei gegebener Gelegenheit aufs Heftigste aus. Im Jahre 1653 war der Glöckner bestochen worden, zu Gunsten des Stifts die Uhr zu verstellen. *Dcr Streit, der sich daraus entspann, artete sogar in Thätlichkeiten aus, in deren Verlauf die Stiftsherren mit Gewalt aus der Kirche hinausgebracht wurden. In dieser Weise ging es noch lange fort, obgleich den Evangelischen irn Laufe der Zeit die Stunden von 7—9 Uhr Margens und 12—2 Uhr Mittags eingeräurnt worden waren. Eine Aenderung brachte dann noch die Verlegung des Reichskammergerichts nach Wetzlar. Man hatte von Seiten der Stadtverwaltung den Katholiken die Mitbenutzung des Schiffes der Kirche angeboten, um die katholischen Mitglieder des Kammergerichts der Wahl Wetzlars geneigt zu machen. Insbesondere wollte man abtreten den Altar, Santae Crucis (jetzt evangelischer Altar), Kanzel und Orgel. Doch als von diesen Zugeständnissen Gebrauch gemacht werden sollte, erklärte die Bürgerschaft den Vertrag für ungültig, da sie nicht ihre Zustimmung gegeben hätte. Langwierige Verhandlungen knüpften sich an- die Kanzel wurde von den Katholiken freigegeben und dafür eine tragbare Kanzel benutzt, doch ohne Erfolg für die Ruhe. Von der einen Seite suchte man die Evangelischen ganz aus der Kirche zu verdrängen, auf der anderen hielt man zähe an seinen Rechten fest. Die Entscheidung des Gerichts, des Kaisers wurde angerufen, doch blieb alles beim Alten. Streit und Processe entspannen sich um jeden einzelnen Gegenstand, wie z. B. um das Marienbild, dessen sieben die Jungfrau umgebenden Engel die Schilde der sieben Zünfte der Stadt halten, wodurch das Bild zum Wahrzeichen der nunmehr protestantischen Stadt geworden war. Diese Proceffe, die saft sämmtlich durch alle drei Instanzen gesührt wurden, erreichten erst mit 1837 ihr Ende, indem das Schiff der Kirche durch die Entfernung aller (28) Altäre mit Ausnahme des oben erwähnten Altars Santae Crucis kahl gemacht wurde. In neuerer Zeit (1868) wurde ein weiterer Proceß, der sich um die Benutzung einer Capelle als Sakistret der Evangelischen drehte, für diese verloren, ein Rechtsstreit um die Benutzungsftnnden des Schiffs dagegen schließlich in petitoris gewonnen und die Stunden endgültig auf die Zeit von 7—9 Uhr Morgens und 12—2 Uhr Mittags festgesetzt. Seitdem leben beide Confessionen in Frieden und gegenseitigem Entgegenkommen nebeneinander. — Nach dem oben erwähnten Vertrag von 1292 wurde der Stadtpfarrer gemeinsam von Rath und Stift gewählt. Hieraus ergab sich nach dem Uebertritt der Gemeinde zum Protestantismus die kulturhistorisch höchst interessante Frage, ob auch jetzt noch das Stift bei der Wahl Mitwirken könnte. Die Frage wurde im bejahenden Sinne entschieden- ja, noch mehr, der katholische Dechant führte nach wie vor den jetzt evangelischen ersten Pfarrer in sein Amt ein! Bei dieser Amtshandlung, die die einzige dem Dechanten im Schiff der Kirche obliegende war, mußte der katholische Priester den protestantischen Geistlichen auf folgende sechs Punkte verpflichten: 1) die evangelische Lehre nur nach der Augsburger Confession zu lehren- 2) sich aller Schimpfereien gegen die Katholiken zu enthalten- 3) um 8 Uhr (später um 9 Uhr) den Gottesdienst zu endigen - 4) bei Aufgabe der Stelle drei Monate vorher zu kündigen - 5) sechs Goldgulden (je einen für jeden der 6 Wähler) zu zahlen - 6) ein Mahl mit gutem Wein für die Wähler zu veranstalten. Dieses Verhältniß war natürlich auch eine Quelle der Streitigkeiten. So kam es vor, daß der Gewählte sich weigerte, die sechs Goldgulden zu bezahlen, welche Gefahr man später dadurch vermied, daß Keiner ins Amt eingesührt wurde, der nicht vorher den Betrag erlegt hatte. Mit der Einverleibung Wetzlars unter die Herrschaft Preußens hörte dieser merkwürdige Brauch wie so manches andere auf. Es würde zu weit führen, noch mehr Einzelheiten anzuführen- wir bemerken daher nur noch, daß es auch in neuerer Zeit nicht an Versuchen gefehlt hat, den Dom in einer Hand zu vereinigen, um alle Zwistigkeiten zu vermeiden, indem man die jetzt zu Schulzwecken umgebaute Franciskanerkirche derjenigen Confession zu Verfügung stellte, die den Dom aufgeben wollte. Allein keine der beiden Parteien wollte der anderen das Feld räumen, die eine, weil sie die erste Besitzerin des Domes gewesen, die andere, weil sie die zahlreichste war und ist und schließlich doch als evangelische Stadtgemeinde nur die Rechtsnachfolgerin ihrer katholischen Vorgängerin darstellt. So blieb alles beim Alten und wir freuen uns mit dem Redner, daß seit nunmehr 25 Jahren kein Streit zwischen den beiden Confessionen entstanden ist und hoffen, daß auch künftighin dieser schöne Frieden erhalten bleibe! ** Prüfung. Bei dem kürzlich in Darmstadt abgehaltenen Finanzexamen erster Categorie haben dem Vernehmen nach von 69 Prüflingen nur 37 das Examen bestanden. Unter den letzteren befinden sich die Herren Gg. Bickel und Feldwebel Bohne von Gießen und HeinrichPeppler von Wieseck. Die Zurückgewiesenen können nach den neueren Bestimmungen erst nach einer zweijährigen Frist zu einem weiteren Examen zugelassen werden. ** Denkmünze. Neben der vom hiesigen Schützenverein zum deutschen Bundesschützenfest nach Mainz gestifteten prachtvollen Ehrengabe ist int Erker des Juweliers Carl Brück eine goldene Columbia-Denkmünze zur Ansicht ausgestellt, welche Herr H. Thorwart von hier, wohnhaft in Chicago, dem hiesigen Schützenverein in Erinnerung an das ihm bei seinem Hiersein im Sommer 1885 bewiesene freundschaftliche Entgegenkommen, gestiftet hat. ** Rückfällig. Ein gestern aus dem Filial-Arbeitshaus Entlassener nützte die Freiheit dazu aus, daß er erst tüchtig dem Branntwein zusprach, sodann in einer Wirthschaft einen Diebstahl ausführte und zum Schluß von Hans zu Haus bettelte. Bei der Verhaftung spielte er den Unschuldigen, schrie und schimpfte und verursachte einen Menschenauflauf. Dec „arme Handwerksbursche" wurde allerdings auch von einzelnen sehr bedauert. *♦ Ein Gewohnheitstrinker von Alten-Buseck mußte, da er auf der Straße lag, in Polizeigewahrsam gebracht werden. *’ Glotzbach. Der berüchtigte Ein- und Ausbrecher Jacob Glotzbach aus Mörfelden hatte sich gestern abermals vor dem Schwurgericht zu Darmstadt zu verantworten, und zwar war ihm zur Last gelegt, daß er am 16. August v. I. in der Nähe von Rüsselsheim ein unsittliches Attentat auf ein junges Mädchen versucht habe. Während der Verhandlungen des Falles war die Oeffentlichkeit ausgeschlossen. Daö Unheil lautete aus 15 Jahr Zuchthaus, in welche bestehenden gesetzlichen Vorschriften gemäß die seitens der Darmstädter Strafkammer unterm 7. April erkannte 15jährige Zuchthausstrafe eingerechnet wird. An sich wären 2 Jahre 6 Monate dieser Strafe zuzusetzen gewesen. Das Gesetz schreibt jedoch vor, daß die höchst zulässige zeitige Zuchthausstrafe 15 Jahre sind. Daher hatte es hierbei sein Bewenden zu behalten. ♦* Proceffe. Im Jahre 1893 wurden im Großherzog- herzogthum Heffen anhängig gemacht: Wegen Zollvergehen 21 Processe, Abgabe von inländischem Salz 22, Vergehen gegen die Tabaksteuer 61, die Wechselstempelsteuer 23, die Reichsstempelabgaben 8, die Branntweinsteuer 11, die Brausteuer 24, wegen Vergehen gegen die Uebergangsabgaben von Branntwein und Bier 6, gegen innere indtrecte Steuern und Abgaben anderer Bundesstaalen 57, wegen der Hundesteuer 370, der Abgabe von Massenjagdpässen 25, wegen Stempelabgabe für den Gewerbebetrieb von Ausländern 58, für den Betrieb von Wanderlagern 3, für öffentliche Belustigungen und Darstellungen 265 und wegen Vergehen gegen die Hafen- und Zollhofsordnung 15. ** Eisenbahn Dienstnachrichten. Ernannt wurden: Am 1. l. Mts. der Heißet Heinrich Schmidt bei den Oberhessischen Eisenbahnen zum Locomotioführer, die Hilfsheizer bei diesen Bahnen Karl Orbig aus Gießen und Christian Sigle aus Beinstein zu Heizern und der Bremser bei genannten Bahnen Johannes Stoll zum Schaffner. — In den Ruhestand versetzt wurde: der Weichensteller bei den Oberhess«. Eisenbahnen Johannes Rau in Großen-Buseck auf sein Nachsuchen. ** lieber die Viehzählungen im Großherzogthum Heffen am 1. December 1892 und am 1. December 1893 enthält das Machest der Mittheilungen der Centralstelle für die Landesstatistik interessante Aufstellungen. Vom 10. Januar 1883 bis 1. December 1892 hat eine Zunahme der Zahl der Pferde um 4893, darunter 193 Militärpferde, der Stückzahl des Rindviehs um 31 536, der Schweine um 83 993, und der Ziegen um 21512 stattgefunden, dagegen hat die Zahl der Schafe um 10 386, der Esel und Maulesel und Maulthiere um 174 abgenommen. JnProcenten des Bestandes von 1893 bedeutet dies eine Zunahme der Pferde um 10,2, des Rindviehs um 10,2, der Schweine um 51,6, der Ziegen um 23,2, eine Verminderung der Schafe um 10,2, der Esel rc. um 60 pCt. Die Zahl der Bienenstöcke hatte 312 oder 1 pCt. zugenommen. Im ganzen deutschen Reich betrug die Zunahme der Pferde 8,9, des Rindviehs 11,2, der Schweine 32,2, der Ziegen 17,1, die Abnahme der Schafe 29,2, der Esel rc. 31,6 pCt. Die Bienenstöcke hatten sich um 6,4 pCt. vermehrt. Der Gesammt-Verkaufswerth des Viehstandes wurde im Jahre 1892 auf 114 275 173 Mk. geschätzt, gegen 97 771 846 Mk. im Jahre 1883. Einen traurigen Gegensatz hierzu bildet die Zählung des Rindviehs und der Schweine am 1. December 1893. Nach derselben ist die Zahl des Rindviehs von 321 641 Stück im Jahre 1892 auf 289 974 Stück im Jahre 1893, die Zahl der Schweine von 246 913 auf 232 884 Stück zurückgegangen. In Prozenten ausgedrückt bedeutet dies eine Abnahme von 9,8 und 5,7 pCt. N. Aus dem unteren Niddathale, 10. Juni. Unsere Nachricht in Nr. 127, erstes Blatt des „Gießener Anzeigers" vom 3. Juni l. I. über die Zuckerrübencultur in der Wetterau, hat die Friedberger Zuckerfabrik zu einer Berichtigung veranlaßt, welche wir mit Interesse gelesen haben, denn wir wohnen in einer Gegend, wo die Stockheimer und Friedberger Rübenbauer so zu sagen nebeneinander liegen, sodaß oft ein Gedankenaustausch zwischen uns stattfinden kann» Wir fragten vor längerer Zeit einmal einen Stockheimer Herrn: Warum bezahlt man denn bei Euch die Rüben nicht ebenso wie man sie in Friedberg bezahlt, also nach Procenten des Zuckergehaltes? Die Antwort lautete ungefähr: Wir können das unseren Mitgliedern nicht zumuthen. Der kleine Bauer kämpft jetzt hart und will, wenn thunlich, genau wissen, was er zu erwarten hat, damit er sich darnach einrichten kann. Von dem Zusetzen oder Abziehen für höheren oder niederen Zuckergehalt kann er sich nicht erwärmen. Wir müssen die Leute möglichst gleich behandeln, die Schwächsten bedürfen der Stützen gewöhnlich am meisten. Auch fragt man gelegentlich einmal: Wie steht es denn mit den Tantiemen? — und da gibt es lange Gesichter. Von vielen Geldactien will man nichts mehr wissen. Durch Generalversammlungs-- beschluß vom 5. December 1890 wird, nach der Berichtigung, die betreffende Summe rc. rc. in Friedberg zur Vertheilung gebracht. Das ist also schon lange her, beinahe 4 Jahre. Wir hoffen, daß der Beschluß gelegentlich ein toyiig beschaut und mit Bezug auf die veränderten Verhältnisse aufs Neue erwogen werden möchte. Nicht blos Stockheim, auch die inS Leben tretenden Zuckerfabriken zu Berstadt und Groß Umstadt können sich unseres Wissens nicht für Zuckerprocente erwärmen. Seit 1890 ist der Getreidepreis gesunken- es heißt allgemein, er wird noch tiefer sinken. Was bleibt da für uns Bauern? Wir arbeiten in der Sommerzeit täglich 16 Stunden- das sollte man einmal den socialdemokratischen Arbeitern zumuthen. Wer macht denn nun eigentlich eine Zuckerfabrik möglich? fragen wir uns zuweilen. Doch nur die Bauern mit ihrem Ackerboden und mit ihrer Arbeit. Kürzlich sagte ein Mann, der kein Socialdemokrat ist: Ackerboden und Arbeit deS Bauern seien bei den Zuckerunternehmungen ebenso wichtig, wie die Papierscheine und Zwanzigmarkstllcke der Groß- capitalisten. Und ein anderer sagte: sie seien noch viel wichtiger, denn Ackerboden und Arbeit könnten neue Werthe schaffen, Geld aber nicht. Es fällt uns Bauern nicht ein, die Geschäftsführung oder die inneren Verhältnisse des Friedberger Unternehmens zum Gegenstände öffentlicher Auseinandersetzungen zu machen. Wir denken aber: in der Landwirth- schaft, in Handel und Industrie tritt seit einigen Jahren eine vollständige Umwälzung ein, also schadet es nicht, wenn wir einfältigen Bauern uns auch einmal ein Bischen Tegen, selbst wenn unsere Meinungen nicht allgemeinen Beifall finden. In allen Erwerbszweigen suchen die Leute bei den Umwälzungen , ÖeMtn fr» 'Hrt |C1n ' ®eg'” » '« 4 22 fr* s-b "??== 3 1 Zubern 58, ib Etliche Je, Ernannt wurden - »* »?'id0?" fr bi! Hiis«hch„ 5 ^ben und ShriftL in s*fr“ b!i i'1 '«fefaM bin öberben. Ben--33ufetf aus sein fladj. ' Erotzherzogthuw Hesse, Decmber 1893 enthält Et ^ntialsulle für die ®« Vom 10. Januar 1883 W der Zahl der Pferde «erde, der Stückzahl des »e um 83993, und der 'Wn hat die M der Maulesel und Maulthiere i des Bestandes von 1893 -rde um 10,2, des Rind, 1/6/ der Ziegen um 23,2, 1 10,2, der Esel tc. um ’ hatte 312 oder 1 pEt. n Reich betrug die Zu- • 11/2, der Schweine 32,2,. Schase 29,2, der Esel i sich um 6,4 pCt. vcr« th des Vtehstandes tourte ?3 Mk. geschätzt, gegen Einen traurigen Gegensatz tdviehs und der Schweine rrselben ist die Zahl de- Jahre 1892 aus 289914 er Schweim von 246913 !, In Prozenten auSge' von 9,8 und 5,7 M Mit. 10. M *e des Lietzener Anzeiger»' errubenculturinder Zuckerfabrik zu einer Bc- ait Interesse gelesen haben, > wo die Stockheimer und agen nebeneinander hegen, Zwischen uns stattfinden kann- ’einmat elntn [ bei M die S* * b-z-hlt, m««**”“«■ :t lautste ""S-W ich, jumthen. Der **M 9** t et sich darnach einntDten q^irs $*@s- ä.*5s , «KW * blich--' feig '„T«. *“45 tt! ÄS? «SAtrJ» fallt un\?S«e des Sri^ 5S3%25 ) Eichen reg^'J, . Leute ve' und Neugestaltungen ihre Intereffen zu wahren. Denn das der Bauer versucht, hört man oft den Ausspruch, oder fieht doch die Ansicht durchleuchten: „Ja Bauer, das ist etwas imaC6 Vielleicht sieht man, wie bereit» bemerkt, sich den 1890er Generalversammlungsbeschluß einmal vom Standpunkte deS Jahre» 1894 an. Die Zeiten ändern sich und die Generalversammlungsbeschlüsse mit ihnen. Man muh doch mit dem Zeitgeifte fortschreiten, auch in der Zucker- sabrikation, in der Tantiömenvertheilung und sonstigen wich« tigen Maßregeln. Groß Steiihei«, 10. Juni. Eine Frau von hier besuchte die Messe im nahen Hanau und nahm ihr ungesähr 1« bis 2jährigeS Kind im Kinderwagen mit. An den BerkaufS- ständen traf die Frau frühere Bekannte und vertiefte sich so inS Gespräch, daß sie ihr Kind, trotz seinem Schreien, vergaß und sich ohne Sorgen auf dem Juxplatz umhertummelte. Später machte sie sich auf den Heimweg und erst nahe vor Klein-Steinheim fiel der „gewiflenlosen Mutter" das Stinb ein. Mitleidige hatten dasselbe auf das Polizeirevier gebracht. △ Mainz, 12. Juni. Im Anschluß an das 25jährige Bestehen des Deutschen Buchdrucker-VereinS erfolgte gestern die Hauptversammlung genannten Vereins. Dieselbe nahm fast den ganzen Tag in Anspruch und wurden zunächst die Grundsätze für die Annahme und Ausbildung der Lehr-- linge festgesetzt, sowie ein allgemeiner Lehrvertrag bestimmt. Ferner wurde eine anderweitige Festsetzung der Lehrlingsscala zum deutschen Buchdruckertartf vorgenommen und die von der Reichspostverwaltung geplante Abänderung deS Post- zettungStarifS einer eingehenden Besprechung unterzogen. — Am Morgen versammelten sich die Mitglieder an dem reichgeschmückten Gutenberg-Denkmal, von wo man sich in den Dorn begab, um unter Führung deS Buchdruckers Wallau von hier die Denkmale und Kunstschätze zu besichtigen. Eine in dem Capitelsaal arrangierte Ausstellung interessanter Manuscripte und Druckwerke fesselte insbesondere die Aufmerksamkeit. — Hkute Vormittag begaben sich die Gäste mit ihren Damen auf dem rcichgeschmückten und mit einer Militärcapelle besetzten Extradampfer „Hohenzollern" nach RüdcSheim zum Besuch deS Niederwalddenkmals. Mittags erfolgte eine Besichtigung der Maschinenfabrik von Klein, Forst und Bohn in Geisenheim. — Als nächster Versammlungsort wurde Bremen gewählt. Dermifd?tcs. ♦ Eisenach, 12. Juni. Heute Nachmittag fand die Bestattung der Wtttwe von Fritz Reuter unter großer Theilnahme, besonders auch von Vertretern des Großherzogs, der Staats- und der städtischen Behörden statt. ArchidiakonuS Ketser hielt die Gedächtnißrede. * Breslau, 11. Juni. Der Stellenbesitzer Rößler, der wegen Ermordung der AuSzüglerin Schmidt zum Tode verunheilt wurde, ist im hiesigen Gesängnißhofe durch den Scharfrichter Reindel enthauptet worden. • München, 12. Juni Bon den Distanzfahrern Mailand-München passirte um 1 Uhr 12 Mia. 15 ©tc. Fischer- München in guter (Kondition unter großem Jubel der Anwesenden in Steinhaufen hinter München als Erster das Ziel. — Als Zweiter traf RehetS-Wasierburg um 2 Uhr 28 Mm . 30 See ein, als Dritter Gerger-Graz um 3 Uhr 46 Min., beide in guter Eondition. Nach ihnen wird Hirsch-Leipzig erwartet. * Avgßbvrg, 12. Juni. Bei den AusräumungSarbtiten in der Brauerei F r i e d b e r g, in der eS kürzlich gebrannt hat, erfolgte ein Einsturz, durch den 6 Personen verschüttet wurden. Drei wurden bis jetzt herauSgezogen, davon der Braumeister tobt, zwei schwer verletzt. * Arn 5. Juni verstarb der in weitesten Kreisen durch sein jahrelanges erfolgreiches Wirken auf dem Gebiete deS Vogelschutzes wohlbekannte Herr Hofrath Professor Dr. Karl Theodor Liebe nach längerem Leiden im 67. Lebensjahre zu Gera. Mit ihm ist einer der immer seltener werdenden für eine Sache begeisterten edlen Männer geschieden, die ihren Freunden unauSsüllbare Lücken hinterlasien. * Katastrophe jnr See. Dem „Jll. Wiener Extrablatt" wird gemeldet: Der Untergang deS großen Ueberfee« dampferS „Admiral Ruyter" (auf der Fahrt von Antwerpen nach Philadelphia) gehört zu den schwersten Seekatastrophen. Der Dampfer hatte 83 Passagiere und 31 Mann Bemannung an Bord. Niemand wurde gerettet. Man glaubt, daß eine Keflelexplosion auf offener See das Unglück verursachte. * DaS Gefammtalter der deutschen ReichstagSabgeordaelen beträgt der „9L A. Ztg." zufolge 20 343 Jahre. Der Durchschnitt deS Alters liegt zwischen dem 50. und 51. Jahre. DaS jüngste Glied Deutschlands liefert die ältesten Parlamentarier : die acht Elsäsicr sind durchschnittlich 57 Jahre alt. Ihnen folgt die Reichspartei, deren Mitglieder 54 Jahre zählen - saft im gleichen Alter stehen die Herren von der Freisinnigen Vereinigung. DaS Gentrum verkörpert in Summa daS Alter von 5189 Jahren, sodaß auf den Einzelnen 57 Jahre kommen. Die Nationalliberalen weisen im Durchschnitt 52 Jahre aus, die Deutschconservativen 51 Jahre. Die Mitglieder der Freisinnigen Volkspartei haben ein Durchschnittsalter von 53 Jahren. Im Allgemeinen sind die radikalsten Parteien am jüngsten. Die Socialdemokraten, deren Benjamin erst 28 Lenze zählt, stehen durchschnittlich im Alter von 41 Jahren. * Keine Cigarren mehr. In Amerika ist eine Gesellschaft in der Bildung begriffen, die statt der Eigarren und Cigarretten ihren Stunben birect ben präparirten Rauch liefern will. Der Tabak soll auf einer Gentralftation in besonders dazu con ftruirten Apparaten verbrannt werden. Der in diesen Brennern erzeugte Rauch wird sorgsältig gereinigt, von jeder Spur Nicotin befreit und bann in großen Behältern gesammelt werden, aus denen er durch Röhren in die Wohnungen der Eonsumenten geleitet wird. Der Cigarrenraucher ohne Cigarre wird also nur uöthig haben, die Bernsteinspitze seines Leitungsschlauches zwischen die Zähne zu nehmen und nach Herzenslust zu qualmen. Die Menge des consumirten Rauche- wird durch Apparate, ähnlich den Gasometern, gemeßen und berechnet. Wer nicht zahlt, kriegt den Rauch abgeschnitten. Cb für Havannah und StinkatoreS je besondere Leitungen gelegt werden, ist noch nicht bekannt. Wöchentliche Neberstcht der Todesfälle in (Siejeu. 2(3. Woche, vom 3. Juni Ml 9. Juni 1894. tmwobncriibl: angenommen zu 22 100 (ind. 1600 Mann Militär). Sterblichkeit«,tffer: 21,17«/«de,w. 16,47 nach AuSichl. ber Ortsfrembcn. El starben an: Zusammen: Dtphtherttts 1 (i) Lungentuberkulose 2 Erkrankungen deS Herzen» 1 (1) Sonstige benannte Krankheiten 3 Nicht angegebene Krankheit 1 Verunglückung durch Cr trinken 1 Summa: 9 (2) 5 (1) 1 3 (1) Änm. Die in Klammern gesetzten Zistern geben an, wie viele oct Todesfälle in der betrestmden Krankheit auf von auswärts nach (Sieben gebrachte Kranke kommen Temperatur der Lahn und der Lust nach Reaumur gemestrn am 13. Jun«, »wischen 11 und 12 Uhr: Wasser 11'/,, Lust 13'/,°. Rübsamen'iche Badeanstalt. — Ledenoverstcherungs- «nd Ersparnis - Bant in Stuttgart. Die Bank gtebl foeben ihren 39. Bericht für das BerwaitungSjahr 1893 heraus. Aus demselben ist zu ersehen, daß die Bank im vergangenm Jahre einen lehr starken Neuzugang zu verzeichnen hatte. Trotz den bekannt schlechten ErwerbSoerhältntssen diese- Jahres, welche bet einer Reihe anderer Gesellschaften durch verminderten Zugang zum Ausdruck kamen, steigerte die Bank ihren JahreSzuwachü gegen 1892 um 1 152 420 Mk. und stellte sich damit im Reinzuwachs" an die Spitze der deutschen GegenseitigkettSgefellschaften. Die Gewinn- und Lerlustrechnung weist einen Jahres Überschuß für die Todesfall-Versicherten au« von 3 887 416 86 Mk Gegen daS Vorjahr ist derselbe höher um 222 215 Mk. An Prämien wurden vereinnahmt rund 14,, Millionen, an Zinsen rund 4, Millionen Mark. Die Bilanz ergtebt ein Verrnogen von rund 107,» Millionen Mark. Die Fonds sind hauptsächlich in Hypotheken angelegt; außerdem in Grundbesitz btr Bank in Stuttgart und Berlin rund 1,7 Millionen Mark, in Darlehen auf Werthpauierc 932 204 Mk., in eigenen Werthpapieren der Bank 1 973 111 Mk, in Darlehen auf Policen der Bank rund 8 Millionen Mark. Unter den Passiven ist der wichtigste Posten die Pramienreferven einschließlich der Prämienübertrage; dieselben sind eingestellt mit rund 87,6 Millionen Mark und haben gegen bad Vorjahr eine Erhöhung erfahren um 6, Millionen Mark. Die Gewtnnreferve der Ver- stcherten beträgt rund 15,, Millionen und die Allgemeine Reserve 2,7 Millionen Mark. All Dividende kommen im Jahr 1894 nach Plan A I (alieS System mit Nachgewährung rückständiger Dividenden) 34 0 0 der ordentlichen und extra 17% der alternativen Zusatz Prämie, nach Plan A II (neue- System. 40% der ordentlichen bezw. 20% der Zusatz-Prämie zur Verihetlung. Den nach Plan B (steigende Dividende) BeiheUtgten kommt eine gegen da- Vorjahr um 3% der Gesammtprämie erhöhte Dividende zu, sodaß die jüngsten nach j diesem Plan Dividendenberechtigten 15%, die ältesten 51% der vollen Jahresprämie erhalten. Erwachsene: im vom 1. Lebensjahr: 2.—15. Jahr: 1 (1) 2 _ __ 1 (1) 2 - 1 — 1 — 4961 Sorgfältige Lchulstratze IO, neben der Stadtpoft 4750 Pastillen. Biliner, Emser, Homburger, Sodener, Vichy empfiehlt die Adler-Drogerie, Seltersweg 39. Otto Schaaf Coupons per 1. Juli werden bereits von heute ab an meiner Kaffe ausgezahlt. Weilbacher Bade-Salze, Laugen und Extracte. 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Achtungsvoll [3349 Einbettl r fest- 8 p6L — Frankfurter 3 pri. fcSro 77.90 23.40 36 40 DiScemr»-Tir««a»d.'«^t4. 188.10 Lomb. E^-B.-Nci. 90.40 DarmstLbt^r Brnk-Nci. 137.30 Buschtherader 380.00 Dresdener Bank-Nct 140.50 Elbthal-Bahn-Lct. 214.75 Nsrdd. Äo-d-Aci. 97.ro GoUhard-BahmSlct. 167.60 Kiener Bankver.-Net 103.87 Schweizer Nordost^B,-4i-t 118 20 Oest. Eredit-Nct. 284.75 Mainzer E.-B.-Net. 114.50 3teL Et^MerrLah« Lrl 77.00 Marienburger 83.20 Gels«. Brrer».>