1894 Freitag den 12. October ErAcs Blatt. Nr. 239 Zlints- und Zlnzeigeblntt für den Ktek Gieren. Redaction, Sppebitiou und Druckerei: Schulstratze Fr.7. Fernsprecher 51. vierteljähriger Abonnemevtspreis r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bcjogcit 2 Mark 50 Pfg. Die Gießener Ilamtrienbtätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Der Hteßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags. Weßener Anzeiger Kenerat-Wnzeiger. Hralisöeitage: Hießener AamilienökätH | Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehtnen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Neueste Nachrichten. Wolff« telegraphische» Eorrespondmz-Burea». , Berlin, 10. October. Ministerpräsident Graf Eulen- ’ bürg ist heute Nachmittag nach Hubertusstock gereist. Berlin, 10. October. Der „Reichsanzeiger" warnt ! dringend vor einem gewisien L. Fr. Joost in London, » der in Circularen unter allerlei Versprechungen deutsche Land- > wirthe, Handwerker und Gewerbetreibende zur Auswanderung nach dem Congo auffordert. Hamburg, 10. October. Auf eine Anfrage des Ham- i durger Journalisten - Vereins erklärte Oberbürgermeister • Wilkens zu Heidelberg Namens deS dortigen Magistrats, die Stadt Heidelberg sei bereit, den nächstjähr'gen Journalisten- \ tag aufzunehmen. München, 10. October. Die „Allgemeine Zeitung" meldet den Tod des Professors der StaatSwirthschaft, Julius Behr. 5Rom', 10. October. Einer Meldung der „Agencia Stefani"'zufolge empfing der Papst heute den spanischen Parteiführer Ca siel ar in einstündiger Audienz. Der Papst legte die päpstliche Politik gegenüber Frankreich und Spanien dar, kündigte das demnächsttge Erscheinen von Encycliken für Nordamerika und Südamerika an und drückte den lebhaften Wunsch aus, zu dem internationalen Frieden beizutragen. Der Papst machte auf Castelar den Eindruck vollkommener Gesundheit und geistiger Frische. Nach seiner Rückkehr in das Horel empfing Castelar den Besuch Crispis. Loudon, 10 October. Der ParlamentSuntersecretär des Auswärtigen, Grey, hielt gestern Abend in Wooler (Northumberland) eine Rede, worin er mit Bezug auf den fapauisch-chtnesischen Krieg sagte, die erste Pflicht der englischen Regierung wäre, das Leben, das Eigenthum und den Handel ihrer Landesangehörigen zu schützen. Die Regierung wolle auch in Uebereinstimmung mit der Action aller übrigen Mächte bleiben, damit der Einfluß der Mächte fortgesetzt dahin auSgeübt werde, die noch bevorstehenden Ereignisse so viel wie möglich zu mildern, die bedrohten Jntereffen za schützen und schwierigen Compltcationcn vorzubeugen, die auS etwaigen Versuchen entstehen könnten, aus der gegenwärtigen politischen Lage zum Schaden der Jntereffen anderer Mächte Dortheil zu ziehen. London, 10.October. Reuter-Meldung aus Shanghai.: Nach einem noch unbestätigten und nicht als authentisch betrachteten Gerüchte seien 40,000 Japaner bei Shanhai- kwan gelandet. Der Telegraphendraht sei durchschnitten. Ein anderes Gerücht meldet, eine weitere Streitmacht wäre in Newshang gelandet und mehrere japanische Kriegsschiffe wären in der Nähe des Hafens Taku gesehen worden. — Nach einer ferneren Meldung deS Bureau Reuter auS Shanghai habe gestern zwischen den Avantgarden der Japaner und Chinesen nördlich des Aaluflusses ein Gefecht stattgesunden. Die Japaner seien zurückgeworfen und gezwungen worden, über den Fluß zurückzugehen. Die Ausbefferungen der chinesischen Kriegsschiffe seien in Port Arthur vervollständigt und die Flotte gehe heute wieder in See. — Nach Meldungen aus Tientsin sind die Gesandten Englands und Rußlands dort eingetroffen und begeben sich sofort nach Peking. WB. Newyork, 11. October. In der Nacht zum Mitt- woch ist durch einen Orkan ein siebenstöckiger unbewohnter Neubau eingestürzt. Das Nachbarhaus wurde demolirt; acht Personen wurden getödtet, zwei werden vermißt. Die Städte auf Long-Jsland sind schwer beschädigt, zahlreiche kleine Schiffe untergegangen. Depeschen bei Bureau »(jeroHr*. Berlin, 10. October. Der neuernannte Oberprästdent von Schlesien, Fürst H atzfeldt, hat in diesen Tagen dem Kaiser in Hubertsstock seine Aufwartung gemacht und seinen Dank für die auf ihn gefallene Wahl ausgesprochen. Gestern hat sich der Fürst hier bei den höchsten Reichs- und Staatsbehörden In seiner neuen Stellung vorgestellt. Er ist heute nach Breslau zurückgekehrt. Berlin, 10. October. Contrcadunral Hoffmann begibt sich am 20. October nach dem ost asiatischen Kriegsschauplätze. Contreadmiral Hoffmann ist bekanntlich zum Chef des Geschwaders bestimmt. Berlin, 10. October. Der Ministerpräsident Graf Eulenburg ist heute früh aus Ostpreußen hierher zurückgekehrt und wird sich noch heute zum Vortrage beim Kaiser • nach Hubertusstock begeben. Die Nachricht, daß Graf Eulen- : bürg bereits seit mehreren Tagen als Gast des Kaisers in j HubertuSstock weile, war unzutreffend. Berlin, 10. October. Es soll beabsichtigt gewesen sein, t die Eröffnung der kommenden Neichstagssession indem \ neu restaurirten und erweiteten Weißen Saale des König- ’ liehen Schlaffes vorzunehmen. Trotz aller aufgewandten Mühe wird die Vollendung der Renovirungsarbeiten bis dahin nicht gelingen, sodaß die Eröffnungsceremonie in einem anderen Saale des Schlosses stattfinden dürfte. Die erste osficielle Festlichkeit, die im Weißen Saale abgehalten wird, dürste das Ordenssest im Januar nächsten Jahres sein. Berlin, 10. October. Der commandirende General deS 1. Armeecorps, General der Infanterie v. Werder in Königsberg ersucht die „Voff. Ztg.", die über ihn verbreitete Nachricht, er beabsichtige demnächst feinen Abschied nachzusuchen, richtig zu stellen. Die Nachricht ist unzutreffend. Berlin, 10. October. Der „B. B. C." schreibt: Paul Lindau ist zum Intendanten des Hoftheaters in Meiningen berufen und hat die Stellung angenommen. Auf Schloß Alrenstein, wo Lindau soeben als Gast deS Herzogs von Meiningen weilte, sind die Vereinbarungen getroffen worden, und am 1. April 1895 wird Lindau feine Stellung antreten. Berlin, 10. October. Die Berufung des Profeffor Leyden zum Czaren ist nicht wegen einer bloßen Con- sultation erfolgt, sondern deshalb, weil Professor Leyden die ärztliche Behandlung des Czaren übernehmen und den Letzteren nach Corfu begleiten soll. Berlin, 10. October. Es wird gemeldet, die Reichs- regierung werde den von dem italienischen Botschafter in Sachen der italienischen Weineinfuhr erhobenen Vorstellungen bis zu einem gewiffen Grade Rechnung tragen. Eine Verfügung soll erlassen werden, die jede Divergenz beseitigen wird. Berlin, 10. October. Es verlautet, China ersuchte die deutsche Regierung, die Beilegung der ostasiatischen Feindseligkeiten zu vermitteln. Berlin, 10. October. Wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, wird die Revision des im vorigen Jahre erlassenen Minifterialrescripts über Zulassung des polnischen Sprachunterrichts beabsichtigt. Berlin, 10. October. Heute Nacht um 1 Uhr trafen drei Oberfeuerwerkerschüler aus Magdeburg ein. Dieselben erzählten, daß sie mit einigen Verhören entlassen worden sind. Die Stimmung unter den Verhafteten sei keine gedrückte, weil die letzteren sich politischer Umtriebe nicht bewußt sind. Budapest, 10. October. Die Stimmung hat sich durch die Annahme des Gesetzes über die Religion der Kinder aus Mischehen durch das Oberhaus gebessert. Die Lage wird wieder günstiger aufgefaßt. Krakau, 10. October. Polnische Blätter melden, beim Czaren habe man bereits eine Blutvergiftung con» statirt. Alle officiellen Berichte würden den Thatfachen nicht Fenilleton. Frankfurter Lheaterbries. Originalbericht für den „Gießener Anzeiger". (Nachdruck verboten.) Gastspiel der Fra« Nordica und die Frankfurter „Loheugrin"- Aufführung. Dr. M. Ein neuer Stern ist am Opernhimmel aufgegangen! Die Weisen in Bayreuth haben ihn zuerst entdeckt und gehuldigt und daraus hat er fein mildes Licht auch anderen enthusiastischen Menschenkindern geschenkt und das Frankfurter Publikum war das erste, daS sich nach der Bayreuther Gemeinde von seinem Glanze entzücken ließ. Die „Elsa von Bayreuth", daS ist das Stichwort, das sich an di^ Künstlererscheinung der Frau Nordica hängt und ihr im Voraus günstige wie ungünstige Meinungen erweckt. Denn nicht alle sind eingeschworene Freunde des neuen Programms und der neuen Stillehre, die man jetzt nachträglich, nach dem Tode des Meisters in Bayreuth herausgefunden hat. Man will Wagner gleichsam noch einmal entdecken und in die Partituren allerlei tiefsinnige Sachen hinein- geheimniffen. Diese Neuerungen zeigen sich zunächst in der Art des Dirigirens. Darüber gestatten wir uns einige Bemerkungen bet einer anderen Gelegenheit. Dann wird an der Grundbedeutung der Gestalten herumgerathen, neue Auffassungen greifen Platz. Elsa soll z. B. nicht mehr die traumselige Maid sein, sondern eine tragische Heldin! Dazu gesellen sich dann noch eine Menge von Aenderungen bezüglich der Tracht und Jnscenirung. Frau Nordica, die von Geburt Amerikanerin ist, aber das Deutsche, was Klarheit und Reinheit der Aussprache anbelangt, bereits mustergiltig und ohne jeden fremdländischen Accent beherrscht, will aus dem Bayreuther Milieu heraus begriffen sein. Ihre Elsa ist ein gedankenvolles Weib, das in des Lebens Tiefen geschaut hat und mit großer Willens- Energie begabt ist. Zur Heroine erweitert die Nordica die Gestalt deßhalb doch nicht, ihr Geberdenspiel bleibt innerhalb der Grenze des Anmuthigen stehen, sie ist in den Allüren zurückhaltender als Therese Malten, und bei der Scene vor dem Kirchgang hätte unserem Gefühl nach stärkerer dramatischer Pulsschlag die Gestalt um Wesentliches belebt. In der Tracht hatte Frau Nordica sich ganz nach der Bayreuther Vorschrift gerichtet. Ein kostbares schweres Goldbrokatgewand umschloß die schlanke, geschmeidige Gestalt im zweiten Acte, das Haupt bedeckte nicht die sonst übliche Krone, von welcher der lange Schleier herabwallt, sondern die „Brabanter Haube", die sich auf alten Bildern oft recht malerisch ausnimmt, aber nicht gerade kleidsam genannt werden kann. Das Duftige, Aetherische der Elsa wurde durch diese Schwere und kostbare Echtheit beeinträchtigt. Daß Frau Nordica, die, wie Frau Fama meint, über ein großes Privatvermögen verfügt und infolge dessen nicht umS „Brod" zu fingen braucht, auf das Herausarbeiten der äußeren Erscheinung viel Studium und Geschmack verwendet, zeigte sie auch in der zweiten Gastrolle als „Violetta". Im ersten Acte trug die idealisirte Sünderin der Herren Dumas- Verdi eine stimmungsvolle grünseidene Robe. Für den zweiten Act, wo Violetta sich auf ihrem Landsitz befindet und die nerventödtenden Pariser Freuden geflohen hat, war zartes Rosa gewählt worden. Ein hochelegantes Spitzenkleid diente der in die Gesellschaft mit gebrochenem Herzen zurückkehrenden „Traviata" zur Folie, und ein mattblaues Negligee stimmte gut zu den grauen, gedämpften Tönen der Sterbescene. Was die Künstlerin als Sängerin leistet, konnte sie in der Verdi'schen Oper eigentlich vollständiger darlegen, als im Wagner'schen Musikdrama, denn die Stimme des Gastes besticht nicht durch ein großes Volumen, sondern durch die Schönheit und Ebenmäßigkeit der Ausbildung, wie durch den Schmelz des Pianos, das leider im „Loheugrin" nur zu oft, obwohl der Capellweister mit großer Rücksicht und feinem Eingehen auf die stimmliche Individualität des Gastes birtgirte, von den orchestraltn Gewalten übertönt wurde. Frau Nordica ist in erster Linie eine Meisterin des bei canto, und daß sie van Bayreuth auS die musikalische Welt so in Erstaunen setzen konnte, verdankt sie hauptsächlich dem Umstande, daß sie zeigte, wie die Mittel der alten Gesangsschule auch den Wagnerpartien gegenüber ihr Recht finden können, wie Leichtigkeit und Biegsamkeit der Stimme wichtige Hilfstruppen sind und die große Statur und daS gewaltige, weite Räume füllende Organ nicht allein ausschlaggebend für den Erfolg zu fein brauchen. Frau Ende-Andrießen, die neben der Elsa der Frau Nordica die „Ortrud" sang, bietet den directen Gegensatz zum Gast, sowohl in Erscheinung, als Gesangstechnik. Ihre „Friesenfürstin", der im zweiten Acte daS Dämonische abging, imponirte uns jedoch weniger als ihre „Isolde" und „Bruuhilde". Glanzvoll führte Herr v. Bandrowski den „Lohen- grin" durch. Der „König Heinrich" des Herrn Greef und der „Telrarnund" des Herrn Nawiasky paßten in das Bild altdeutschen HeldenthurnS. Die „Lohengrin"-Aufführung in Frankfurt zeichnet sich jetzt auch dadurch aus, daß sie verschiedene Striche, welche Wagner selbst gebilligt, wieder aufmacht und dadurch den Chören des ersten und zweiten Actes ein felbständigereS Leben sichert, der Handlung aber zu einer öfters unmotltiirten epischen Breite verhilft. In der Jnscenirung gereicht das Einschieben mehrerer glücklicher Einzelzüge dem Ganzen zum Vortheil. Neue, starke pantomimische Effecte für daS Finale des 1. Actes werden z. B. dadurch erzielt, daß Elsa und Loheugrin von den „Edlen und Freien" von Brabant nach dem Ausgang des Gottesgerichts auf den Schild erhoben und also ordnungsmäßig zu Herrschern „gekürt" werden, während man dem besiegten Telramund Schild und Wappen ze:bricht, „weil untreu er den Gotteskampf gewagt". entsprechen. Professor Leyden ist zur strengsten Discretion verpflichtet worden. Warschau, 10. October. In Odessa, Kiew und Warschau wurden wegen eines angeblich entdeckten Gehetmbundes fortwährend Verhaftungen vorgenommen. Loudon, 10. October. Die „Times" schreiben in einem Artikel über die ostasiatischen Ereignisse, eine diplomatische Action der europäischen Mächte würde erfolglos sein, weil das sieggewohnte Japan von seinen Forderungen an China ohne eine erdrückende kriegerische Demonstration aller europäischer Flotten nicht abstehen werde. — Der Aufstand in der Mongolei breitet sich immer mehr aus. Die Bewohner mehrerer Provinzen haben schon die chinesischen Beamten verjagt. Loudon, 10. October. Der „Standard" meldet aus Peking, daß dort die Ruhe wieder hergestellt ist und die Aufregung unter der Bevölkerung wegen der in mehreren größeren Proviuzstädten ausgebrochenen Unruhen sich vollständig gelegt habe. CocaUs rtttö j-*oi»ritzKelles Gießen, den 11. October 1894. ** Die Hauptversammlung des landwirthschaftlichen Vereins der Provinz Oberheffeu fand gestern Vormittag unter Vorsitz des Herrn Grafen Friedrich zu Solms-Laubach auf Lonys Bierkeller statt. Es nahmen an derselben, außer einer großen Anzahl von Mitgliedern Theil: die Herren Regierungsrath Nover und Oeconomierath Müller- Darmstadt, ferner Herr Provinzialdlrector Frhr. v. Gagern, Kreisrath Dr. Braden-Friedberg rc. Der erste Gegenstand der Tagesordnung; Vorlage der landwirthschaftlichen Bezirksvereine, betreffend die Errichtung von Landwirth- schaftskammern, wurde vom Herrn Vorsitzenden in Form eines Referates über die Behandlung der Frage in den Bezirksvereinen erledigt. Letztere haben sich, bis auf Friedberg, welches sich bis zu einem gewissen Grade für die Landwirth- schaftskammern, und Gießen, welches sich noch nicht geäußert, gegen die Errichtung von Landwirthschaftskammern ausgesprochen- man besitze in den Vereinen und dem Landesausschuß eine Organisation, die allen Bedürfnissen genüge. Der Ausschuß des Provinzialvereins hat die Meinung der Bezirksvereine so zusammengefaßt, daß es im Interesse der Landwirthschaft liege, wenn sie in allen sie betreffenden Fragen gehört werde, daß ferner von einer Aenderung in den landwirthschaftlichen Vereinen abzusehen sei, bis eine geraume Zeit nach Inkrafttreten des preußischen Gesetzes verflossen ist- die bestehenden Vereinsorganisationen sind so auszubilden, daß sie ein gewichtiges Wort in der Gesetzgebung mit einlegen und eine bessernde Hand anlegen können, wo die Verhältnisse dies nöthig erscheinen lassen. — Zum 2. Punkte der Tagesordnung: „Empfiehlt sich die Gründung von Getreide-Verwerthungs-Genossenschaften nach d em Muster g eno ssenschaftlicherZuckerfabriken?" hatte Herr Landwirthschaftslehrer Dr. v. Peter- Friedberg das Referats übernommen. Herr Dr. v. Peter, hinweisend auf die Verhältnisse Amerikas, ohne die deutschen, speziell hessischen auf dieselben in allen Punkten für anwendbar zu erklären, wies in ausführlichen, mit Ziffern belegten Daten nach, daß sich von Jahr zu Jahr nicht nur die landwirth- schaftliche Production gehoben, olle neuen Erungenschaften der Technik, neue Erfahrungen in den Düngungsmethoden der Landwirthschaft zu Gute gekommen, sondern daß auch, insbesondere in hiesiger Gegend, die Absatzquellen noch gute seien. Das Hauprhinderniß einer lohnenderen Getreide-Ver- werthung sei der Zwischenhandel, indem dieser zu bedeutende Summen verschlinge. Der Preisunterschied, um welchen die Producte vom Producenten bis zum Consumenten allein durch den Zwischenhandel gesteigert würden, erhebe sich je nach der Fruchtgattung bis über 30 Procent, dies sei entschieden zu hoch, denn es blieben dem Landwirthe, der doch die meiste Arbeit zu leisten und das größte Risico zu tragen habe, knapp 52 Procent des Werthes - auch der Gewinn- Antheil der Müller und Bäcker sei im Berhältniß zu dem, was dem Landmann verbleibe, zu hoch. Er wolle durchaus nicht verlangen, daß der Zwischenhandel, der auch sein Gutes habe und das Erwerbs- und Wirtschaftsleben fördere, beseitigt werde, aber der Zwischenhandel könne eingeschränkt und auch controlirt werden, letzteres zweckmäßig durch periodische Veröffentlichung der Productenpreise. Redner betont, daß sich die Consumvereine in der Verwerthung der Landesproducte Vortheilhaft bewährt hatten, in gleichem Maße könnten Gekreide-Verwerthungsgenossenschasten errichtet werden, die den Landmann unabhängiger vom Händler machten. In Friedberg sei man der Verwerthung des Getreides bereits näher getreten und zwar habe die gesteigerte Nachfrage nach guter Braugerste, in welcher allein schon Frankfurt riesige Mengen verarbeite, zur Gründung einer Mälzerei-Genossenschaft geführt. Für letztere seien die Statuten bereits in der Bearbeitung, auch ein Fachmann auf einer Reise nach Amerika begriffen, um die dortigen Einrichtungen kennen zu lernen. Das Unternehmen, zu dem bereits große Summen gezeichnet, berechtige zu großen Hoffnungen, was daraus zu schließen sei, daß sich bereits die Händler dafür interessirten. Die Thatsache, daß das Zusammenwirken von kaufmännischen und technischen Kräften zu Erfolgen führe, sei vor allem auch anwendbar auf die Landwirthschaft, es sei ferner bewiesen durch das Emporblühen von Zuckerfabriken und Molkereien- auch der Umstand, daß dem Landwirth das Betriebscapital fehle, weise auf die Nothwendigkeit einer innigen Verbindung zwischen Kaufmannschaft und Landwirthschaft hin; durch Verwerfung seiner Erzeugnisse auf genossenschaftlichem Wege werde der Landwirth entlastet und ihm die Möglichkeit gegeben, sich mehr der Vervollkommnung seines Betriebes und auch seiner Familie zu widmen. — Eine eingehendere Besprechung des Vortrags fand nicht statt- der Vorsitzende beschränkte sich unter dem Ausdruck des Dankes für den wohldurchgearbeiteten Vortrag darauf, zu bemerken, daß der vorgeschlagenen Errichtung von Genossenschaften manche Schwierigkeit entgegenstehen dürfte. Aber die Aussicht, die auf dem Product liegenden Lasten zu verringern, werde dieselbe mit der Zeit überwinden helfen. — Zum 3. Gegenstand der Tagesordnung: das Gesetz vom 26. October 1887, die Unterhaltung und Anschaffung des Faselviehs, seine Ziele und Erfolge betreffend, bemerkt Herr Kammerrath Webe.r einleitend, daß das Gesetz einzelne Lücken aufweise, die der Viehzucht in Oberhessen nicht zum Vortheil gereichten- es lasse namentlich Bestimmungen darüber vermissen, nach denen die Gemeinden gehalten sind, sich für eine bestimmte Zuchtrichtung zu erklären. Der Umstand, daß in einer Gemeinde Bullen verschiedener Rassen gehalten und benutzt würden, führe dazu, daß eigentlich keine bestimmte Zuchtrichtung zur Entwickelung komme, man habe vielfach, je nach den örtlichen Verhältnissen entweder das Hauptgewicht auf Milchvieh, Arbeitsvieh oder Fleischkhiere gelegt, während eine bestimmte Richtung in Bezug auf Rasse fehle. — Herr Kreisrath Dr. Braden-Friedberg bemerkte, daß man mit dem Gesetz vollkommen auskomme, mau müsse nur bie- Bullenhalter verpflichten, darauf zu sehen, daß Vermischung verschiedener Rassen nicht Vorkommen. — Se. Erlaucht Graf Friedrich empfiehlt Selbstzüchtung geeigneter Bullen, entweder Reinzucht Vogelsberger Rasse, die sich nach auswärts gut verkaufen lasse, oder Reinzucht Simmenthaler Rasse. Bei dem Vorhandensein von Bullen verschiedener Raffe die Mutterthiere zu classificiren sei schwer. Die Gemeinden müßten selbst reformatorisch Vorgehen. — Herr Baurath Dieffenbach -Grünberg empfiehlt dasZusammengehcn der Gemeinden behufs Erreichung einer einheitlichen Zucht. — Herr Oeconomierath Müll er wünscht die verschiedenartigen Verhältnisse in den Gemeinden zu berücksichtigen, da man keine Gemeinde zwingen könne, nur einer Zuchtrichtung zu folgen, wenn das Bedürfniß nach zweien vorhanden sei. Es könnten ganz gut zwei Zuchtrichtungen bestehen, die Hauptsache sei reine Raffe der Bullen. — Herr Dr. Schmidt-Büdingen berichtet, daß man im Kreise Büdingen die Simmenthaler Zucht angenommen habe- was zur Degenerirung des Viehstandes führe, sei der Mangel an Tummelplätzen für das Jungvieh. — Herr Bürgermeister Le un-Großenlinden ist dafür, daß den Gemeinden die Möglichkeit belassen werde, zwei Zuchtrichtungen zu halten, die Aufsicht könnte die Gemeindebehörde selbst führen, Hauptsache sei gute Pflege, Fütterung und gute Raffe der Bullen. — Herr Provinzialdircctor Frhr. v. Gagern bezeichnet die Verhältnisse des Kreises Gießen in der Zuchtrtchtung als ungleichmäßige, trotzdem versucht worden sei, Gemeinden und Viehzüchter zu einer Richtung zu veranlassen; die Verhältnisse innerhalb der Gemeinden seien zu verschieden. Eine doppelte Zuchtrichtung könne beibehalten werden, wenn genügende Controle geübt werde, eine Aenderung des Gesetzes sei aber nicht nöthig, eine Aenderung der jetzigen Zustände könne aus der Initiative der Gemeinden hervorgehen- er befürwortete eine freiwillige Erklärung der Viehbesitzer, bet welcher Richtung sie bleiben wollten. — Die Versammlung nahm schließlich folgende, von Herrn Kammerrath Weber vorgeschlagene Resolution an: „Die Versammlung spricht sich dafür aus, daß möglichst dahin zu streben sei, daß zur Vermeidung planloser Kreuzung und allmählicher Herausbildung eigenen, nicht mehr vom Auslande zu beziehenden Zuchtmaterials in einer Gemeinde nur eine Zuchtrichtung zuzulassen sei oder mindestens irgend welche Fürsorge getroffen werde, daß schädliche Rassenkreuzungen aufhören." Hierauf wurde die Versammlung geschlossen. ** Oberhesfischer Obstbauverem. Die Mitglieder des Oberhess. Obstbauvereins versammelten sich gestern Mittag nach Beendigung der Hauptversammlung des Landwirthschaftlichen Provinzialvereins zu einer Sitzung, um gemäß § 16 der Statuten für die Periode 1895/96 zu wählen: Den Präsidenten und Vicepräsidenten, den Director und ersten Secretär der Geschäftsstelle und die Beisitzer aus dem Gebiete des Oberhess. Obstbauvereins. Auf Vorschlag des Herrn Provinzialdirector Freiherrn v. Gagern, der sich sehr anerkennend über die bisherigen Erfolge des Obstbauvereins im Allgemeinen wie über die Thätigkeit des Vorstandes im Besonderen ausgesprochen, wurde beschlossen, den seitherigen Vorstand durch Acclamation wieder zu wählen. Danach besteht der Vorstand aus folgenden Herren: Regierungs- und Kreisrath Dr. Brad en-Friedberg, erster Präsident, Graf Oriola- Büdesheim, Vicepräsident, Dr. v. Peter-Friedberg, Director der Geschäftsstelle, C. Reich elt-Friedberg, 1. Secretär der Geschäftsstelle, und als Beisitzer sungiren die Herren: Forstmeister Reuß-Butzbach, Hofgärtner W e ller-Assenheim, Redacteur Schey da-Gießen, Bürgermeister Feldmann- Lauter, Landwirth W. Reitz-Echzell. * * Ernannt wurde am 2. October l. I. der Garde- Unteroffizier und Militär-Anwärter Leonhard Albert Petri zu Darmstadt zum Hauptsteueramtsdiener bei dem Hauptsteueramte Gießen mit Wirkung vom 7. October l. I. an. * * Wäschediebstahl. Gestern Nachmittag entwendete ein Handwerksbursche aus einem Gartenhäuschen* in dem Neuenweg eine Frauenhose. Der Dieb wurde noch im Besitze der Hose betroffen und zur Haft gebracht. * * Gestohlenes Fahrrad. Gestern Abend wurde aus einer Hofraithe am Asterweg ein Fahrrad entwendet. Die Persönlichkeit des Diebes, welcher mit dem Fahrrad flüchtig gegangen ist, konnte festgestellt werden und wird er sich nicht lange des Besitzes erfreuen. * * Zur Feier der silbernen Hochzeit wurde Herrn Heinrich Zughardt nebst Frau gestern Abend 10 Uhr vom Gesangverein Sängerkranz ein Ständchen gebracht, welches auf dem Marktplatz eine große Zuhörerzahl anzog. * * Bet der gestrigen Ziehung der Darmstädter Pferde- markt-Lotterie fielen die Hauptgewinne der Reihe nach auf folgende Nummern: 2007, 27461, 84,36, 23216, 39514, 28517, 9285, 13504, 9788, 27153, 20593, 15595, 3004, 28204, 34898, 20557, 23360, 15433, 39248. * * Weltpostverein. Vorgestern, am 9. October, kehrte der Tag wieder, an dem vor nunmehr 20 Jahren der Grund zum Weltpostverein gelegt wurde durch den in Bonn am 9. October 1874 erfolgten Abschluß des Allgemeinen Postvertrags. Angesichts dieses Gedenktages freut es uns — schreibt die „N. A. Z." — feststellen zu können, daß der Verein in Bezug auf die räumliche Ausdehnung an seinem Endziele, sämmtliche Culturvölker der Welt in sich aufzu- nehmen, nunmehr angelangt ist. Zwar fehlen in feinem Verbände noch die Capcolonie und British-Betschuanaland nebst Oranje-Freistaat. Allein die Capcolonie beabsichtigt, vorn 1. Januar 1895 ab dem Verein betzutreten, und werden auch die beiden anderen Staaten wohl diesem Schritt alsbald folgen. Um eine Vorstellung von dem Verkehrsaufschwung, wobei der Einfluß der Weltposteinrichtungen wesentlich mit- betheiligt ist, zu geben, mögen folgende Zahlen erwähnt werden. Der gefammte Postverkehr, der für das Jahr 1873 in den heute zum Weltpostverein gehörigen Ländern auf rund 3300 Millionen Sendungen geschätzt wurde, ist bis 1892 auf 18,000 Millionen Sendungen jährlich, also aus 50 Millionen täglich, gestiegen. Unter jenen 18,000 - Millionen befinden sich rund 8000 Millionen Briese, 2000 Millionen Postkarten, 7300 Millionen Drucksachen und Waarenproben, 260 Millionen Postanweisungen über 12 Milliarden Mark, 330 Millionen Packete, 69 Millionen Werthsendungen und 45 Millionen Postauftrags- und Nachnahmesendungen. Die Zahl der Post- anstalten ist von 85,443 auf 197,914 gestiegen, und an Werthen, soweit solche auf den Sendungen angegeben sind, vermittelt die Post jährlich mehr als 70 Milliarden Mark. L. Langenbergheim, 10. October. Unsere tanzlustige Jugend hätte noch gerne eine Nachkirchweihe gehabt und ein hiesiger Wirth bewarb sich um die Tanzerlaubniß dazu bei dem Kreisamte. Die Verwaltungsbehörde schrieb aber heute zurück: Bei den gegenwärtigen Zeiten und Verhältnissen könne man sich mit zwei Tagen Hauptkirchweihe genügen lassen, Nachkirchweihe sei nicht nöthig und werde abgeschlagen. Die Verfügung hat bei allen vernünftig Denkenden Beifall gefunden und selbst die Jugend sieht ein, daß es so das Richtige ist. Die Sache kann zur Nachahmung bestens empfohlen werden. Büdingen. Am Sonntag den 14. October, Morgens 7 V2 Uhr, ist heilige Messe des Hochwürdigsten Herrn Bischofs im alten Local und Austheilung der heiligen Communion an die Firmlinge. 9x/2 Uhr Einweihung der Capelle, levitirtes Hochamt (Geistl. Rath Brentano in Heldenbergen), Predigt des Hochwürdigsten Herrn Bischofs, Firmung. Der katholiche Kirchenchor von Offenbach wird während der Feier singen. Auch der evangelische Kirchengesangverein Büdingen hat sich erboten, einige paffende Gesänge vorzutragen. 12 x/2 Uhr ist bei Gastwirth Hölzinger Festessen, an dem der Hochwürdigste Herr Theil nehmen wird. Die Capelle hat 100 Sitzplätze. Der Altar ist von Bild- haner Busch in Groß-Steinheim. Die Capelle mit Bauplatz und nothwendigfter Einrichtung wird auf 12 bis 13 000 Mk. kommen. Dieses Geld ist durch Spenden des Bonifacius- Vereins und durch milde Gaben nahezu aufgebracht. Herr Kaplan Thomas in Gießen, vorher in Offenbach am Main, hat sich große Verdienste bei unserem Capellenbau erworben. Oppenheim, 10. October. In der verflossenen Nacht wurde ein bis jetzt noch nicht aufgeklärter Mordversuch verübt. Unter verschiedenen Vorspiegelungen hat ein noch junger Bursche, der angeblich bei den Husaren in Mainz dient und Urlaub erhalten hatte, an der Canalspitze den Verbuch gemacht, seine Geliebte, ein Mädchen, das in Mainz bedienstet ist, in den Rhein zu werfen. Aus die Hilferufe der Bedrohten ließ der Bursche von seinem Vorhaben ab, worauf das Mädchen bei der Brückenwache Schutz suchte. Das Mädchen gab an, daß der Mensch sie mit den Worten bedroht habe: „Du kannst mich nicht mehr leiden und mußt sterben, gerade wie vor drei Jahren eine Andere." Untersuchung ist eingeleitet und der Attentäter, der flüchtig ist, wird verfolgt. LZngesan-t. Gieße«, 10. October 1894- Motto: „Res severa, verum gaudiuml"' „Nothwendig ist nur das Gute, und dieses ist zugleich schön". Genuß und Erholung. (Fortsetzuug zu Nr. 236, erstes Blatt.) Wahrlich der Arbeit ist noch übergenug zu leisten, nichts als bequeme Gewohnheit, im breitgetretenen, alten Geleise zu bleiben,. kann das übersehen. Aber je mehr wir lernen werden, die noth- wendige Arbeit von der gänzlich unnützen zu unterscheiden und diese dann zu meiden, je mehr wir dann uns in die notwendige Arbeit theilen, desto mehr werden wir in der Lage sein, den Aufgaden ächter Cultur näher zu treten, während wir heutzutage deren Ziele kaum zu ahnen vermögen. Freilich heißts dabei: „Alle Mann an Bord"; ein einziger, der dann sich der auf fein Theil kommenden Arbeit entzieht, ist wie das krankhafte Geschwür am sonst noch gesunden Körper und für ihn ist kein Platz in dieser Weltordnung; Leute, die ob der überkommenen Glücksgüter die Hände in den Schoß legen und ohne ernstliche Bemühungen dann gar für die Arbeitfamen die Gesetze geben wollen, Leute, die ihr Geld für sich arbeiten lassen, ohne dafür in anderen Dingen Etwas zu leisten, die haben dann nicht mehr mitzureden! Und so wird jede Arbeit gründlich gethan werden und- verdient sich ihren Lohn felbst, und der besteht in der Erholung. Das wirksamste Mittel hierzu ist ohne Widerrede von Natur gesetzt: Ein gesunder Schlaf. Wie Viele leiden allein daran, daß er ihnen mangelt? ja, daß er ihnen mangelt vor Uebermaß ernster,, ehrlicher Arbeit! Schon das characterisirt unsere Zeit zur Genüge als eine, in der noch Tausende als Tagediebe Herumlaufen, Reich oder Arm Sonst hätten nicht Andere Lasten zu tragen, unter denen sie zeitweise zusammenbrechen. So wenig tst die Arbeitstheilung noch bei uns geregelt! Und diese Märtyrer der Pflicht haben eigentlich rur den einen Trost, daß ihre Antipoden, die NichtSthuer, .auch zumeist unter dem Mangel des "gesunden Schlafes zu leiden haben; bei diesen kommt dies gewöhnlich von der Art ihrer Genüsse her, die in der Regel in alledem bestehen, was ein Vernünftiger nicht braucht. Neben dem Schlaf ist vor Allem eine richtige Abwechfelung in der Thätigkeit — denn immer sei der Mensch thätig, wann er nicht schläft —, die der gesunden Erholung dient. Eben, daß so Viele, um sich zu erholen, ihre Thätigkeit mit einem sogenannten „geschäftigen Müßiggang" vertauschen, ist ein Verderb für sie. Wie gering verhältnißmäßig das Maß der Abwechselung zu sein braucht, mag man daran nur sehen, daß es für den Grobschmied schon eine Erholung ist, nach gethaner Arbeit etwa turnen zu gehen, für den. ?racttschrn Juristen etwas theoretisches zu stubiren u. s. w. Doch tft als Grundsatz zu bemerk«n, daß die richtige Abwechselung dann Statt hat, wenn Körper. Verstand und Gemüth möglichst bekommen, was ihnen frommt. Weh Arbeit vor Allem seinen Verstand in Anspruch nimmt, der suche seine Erholung in der Leibesübung, er gehe in Gottes freie Natur, kegeln, laufe Schlittschuhe, turne oder dergl. Wer in der Hauptsache körperliche Arbeit zu verrichten hat, der sei vor Allem darauf bedacht, ihr die Einseitigkeit, die ihr für gewöhnlich a»haftet, zu benehmen: er gehe spazieren, erhole sich in fröhlicher Ges.llschaft, träume mal ein Stündchen seinen Gedanken'nach und so fort. Für Jeden aber ist die schönste Erholung die Pflege des Ge- müthS! Schon der Aufenthalt in fröhlicher Gesellschaft dient in der Hauptsache ihr. Freilich darf dieselbe nicht in rüder Ausgelassenheit sich ergehen und hat vor Allem die physischen Genußmittel zu meiden. Welch eine unendliche Fülle Zeit bliebe unS erspart, hätten nicht die Meisten von uns aus Erden sich ihren Bauch zum Gotte gesetzt. Wie schon könnte dieselbe genützt werden, unserer Eultur aufzuhelfen! Wie kann man denn etwas Anderes erwarten, als das wenn der Eine in unnützen Genüssen des Bauche« schwelgt, nun ja viele Andere für ihn wirklich darben müssend Der Leib vergeht, der innere Gehalt, die Seele, oder wie man es immer nennen mag, bleibt, wozu da dem Leibe mehr thun, als gerade nöthig ist, dies gebrechliche Gefäß der Seele zu erhalten, so lange dies geht, und währenddem die Seele ,u pflegen V Und was herrscht statt dessen beute? Zum großen Theil ein krasser, bodenloser, heuchlerischer Egoismus der materialistischen Gesinnung. Genug davon! So bietet die reinste Erholung, abgesehen von wahrhaft guten Werken, die ihren Lohn in sich tragen, die Pflege der Kunst. Die wahre Kunst ist vor Allem keusch und läßt keine schlechten, egoistischen Gedanken aufkommen; sie veredelt mithin das Gemüth und giebt dem Menschen neue Stärke zu seinem Tagewerk. In ihr suche ein Jeher Dor Allem seine Erholung; sie bietet bet ihrer Reichhaltigkeit wohl Jedem etwas, wenn er sich nur ein wenig dazu bemühen will, ttndet da feine Rechnung und vor Allem ohne dabei je gegen bie ©ebote der Gesundheitspflege sündigen zu müssen. Freilich möchte u s dabei ein Blick in unsere zerrüttete nervöse Künstlerwelt fast . Ffu t- 61 auch nur fast, nämlich wenn man nicht näher zusieht; tn Wahrheit hangt jenes freilich erschreckend angewachsene Uebel mit der fast unglaublich verkehrten Lebensweise des Völkchens zusammen und es ist völlig verfehlt, zu sagen, ohne alle die angewandten Reiz- m"tel, wie schwarzer Kaffee, schwerer Tabak, Cognacs und dgl., würbe nicht so viel geleistet werden können. Man denke doch einmal an die überaus einfache Lebensweise der Herren rassischer Kunst, Ju.llner lebten, da die heutigen Genußmittel nur den Allerreichsten zugänglich waren; an Leute, wie Mozart, Beethoven, Seb. Bach, Haendel und viele Andere mehr. Aber es ist erstaunlich zu sehen, mit welcher Gewandtheit der Menschfstch heute selbst was vorlügt nur um seine physischen Genüsse nicht aufgeben zu müssen. Von allen Künsten nun kommen für die Erholung, wie wir sie uns wünschen, ganz besonders zwei, um ihres ausgedehnten Wirkungsfeldes willen, in Betracht: Die dramatische Dichtkunst und die Tonkunst, Concert und Theater. Es gibt kaum ein zweites Mittel tn der Welt, über so breite Schichten der Bevölkerung Bildung zu verbreiten, wie diese beiden Künste. Alle Belehrung, Volksbibliotheken, öffentliche Sammlungen zusammen- genommen kommen in ihrer Wirkung kaum einem einzigen wirklich gut geleiteten Opern- und Schauspielhaus gleich, zum Mindesten bedürfen sie einer zeitlich ungleich längeren Einwirkung. Der Staat oder die Stadt, welche einst in der glücklichen Lage sein wird, ihrer g^sammten Gesellschaft vom Kleinsten bis zum Größten auserlesene Kunstgenüsse in jenen beiden Richtungen |ju bieten, wird allen übrigen al^balb in der Eultur weit voran kommen. Freilich darf dann Theater und Concert nicht dazu dienen, die lange Weile den Müßigen zu vertreiben, sondern beider Bestrebungen müssen unantastbar hoch stehen. Die höchste Vollendung erreicht nun diese ftunfl in ber Oper; Musik spricht vor Allem zum Herzen, dem Sitz des Gemüthes, Drama dagegen mehr zum Beistände und so wirken beide vereint in der dramatischen Oper, wie sie seit Gluck bis auf Wagner und hoffen wir darüber hinaus, das Herrlichste hervorgebracht hat, auf Gemüth und Verstand. Was aber auch geboten wird, ein Zielpunkt muß unoerrückt stets feststehen: die Wahrheit; nicht jene traurige Eintagswahrheit des modernen Materialismus, sondern jene Wahrhaftigkeit, die sich in dem ehrlichen Streben nach voller Wahrheit zeigt! Und um das Ziel noch näher anzugeben, es mit Händen greifen -u können, so denke man an den Realismus eines Shakespeare, Goethe, und den Idealismus eines Schiller, Wagner, und suche zu begreifen, was diese gewaltigen Geister einte, trotz aller Verschiedenheiten. Möge man bald finden, daß es die Liebe war, die Liebe zu allen Menschen, zur ganzen Natur, kurz zu Gott! Die Kunst, die in diesem Zeichen geht, währet ewig! Und auch die Kleineren, welche das Problrm tn feiner ganzen Größe nicht fassen können, werden in diesem Zeichen stehen, wenn ihre Werke nur von dem festen Willen durchweht sind, am Kleinen zu zeigen, wie mangelnde Liebe an aötm Elend schuld ist, dagegen unter ihrer Herrschaft Alles grünt unb blüht; wie es gilt, dem Egoismus in seiner ganzen etn- seitigen Rohheit entgegenzutreten, zu zeigen, daß wir ein einig Volk von Brudern sein, nicht aber einer von des andern Unglück und Roth Vortheil ziehen sollen, wie es noch immer der Fall ist. Der rernen Tonkunst aber wird dies stets gelingen, wenn sie von jenem Zuge der Große durchwebt bleibt, der uns instinctiv fühlen läßt, das ist keine Tändelei, keine bloße Reizung der Sinne, fonbern Wahrhaftigkeit. Und wir Deutschen sind ein glückliches Volk, wenn wir uns sagen können, daß, stürbe heute die productive Musik aus, wir doch auf ewige Zetten mit unvergänglichen Werken versehen sind. Beethoven allein ist unergründlich und unerschöpflich. Und nun wollen wir nicht verfehlen, die realen Verhältnisse unserer Stadt etwas näher ins Auge zu fassen. Wir fanden oben, glücklich sei die Stadt zu nennen, die ihren Bürgern und Bewohnern einen Kunsttempel in des Wortes höchster Bedeutung spenden könne. Man muß sich sagen, eine Stadt von über 20000 Einwohnern, dazu eine Universitätsstadt mit hohen Schulen, verdiente schon ein gutes Theater und Concerthaus, zumal wir auf eine ganze Reihe reicher und wohlhabender Leute Hinweisen können. Muß man sich da nicht sagen, daß diese Leute, die koch viel mehr Einkommen haben, als man pernunfHger Weise von seiner Arbeit haben kann, am besten thäten, jenes Mehreinkommen im allgemeinen Interesse hingäben zur Förderung einer solchen Idee, wie sie in vorstehenden Zeilen bar: gelegt ward ? Hoffen wir das Beste! Doch auch bevor wir so glück- Uch sind, einen solchen Musentempel, der in der Lage wäre den höchsten Ansprüchen zu genügen, unser eigen nennen zu können, muß wenigstens einiges geschehen können. Wir waren z. B. neulich im letzten Kruse-Concert und mußten uns unserer Mitbürger schämen, die alle nicht erschienen waren. Denn es wurde eine vorzügliche Musik geboten. Gerade was Musik anbetrifft, wird hier recht an- erkennenswerthes geleistet, aber der Concertverein hat JahrjumJahr damit zu kämpfen, nut einigermaßen seine Kosten zu decken. Der academtsche Gesangverein hat überhaupt kaum die Möglichkeit selbst- stänbig. ohne bes Concertoereins Stütze, hervorzutreten. Immerhin mochten wir ihm vielleicht rathen, ohne Orchester, lediglich mit (und dergl., wo passend) feine Aufführungen zu gestalten. Weshalb sollte bet und heute nicht mehr gehen, was, wie wir uns von früher erinnern, gegangen hat, unb in unseren Schwesterstädten, wie Friedberg unb anderwärts stets gut gegangen ist? Hoffentlich bekommen wir mehr von ihm zu hören, als im vergangenen Winter! Der Kirchengesangverein dient seiner specifischen Bestimmung, ^bsierverein läßt wohl von sich hören und auch die Kammer^ mustk in der Loge wird sich einstellen, wie wir hoffen! Nehmen wir nun noch die verschiedenen anderen Gesangvereine hinzu, so wird ganz Erkleckliches geleistet bei uns. Ferner das Theater unter unserem alten Bekannten Adam Reiners. Freilich ist gerade hier wohl noch 8 Unterschied von unserer Forderung, wenngleich wir uns erinnern, einer ganzen Reihe ausgezeichneter Aufführungen in vergangenen Jahren beigewohnt zu Haden. Und wer wollte hier nicht J"1* ™,c °i,elen Schwierigkeiten solch ein Unternehmen ju kämpfen hat? Von gänzlich unberechtigter Anfeindung und Kritik ganz zu schweigen?! Ergänzen doch die Ausführungen, in welchen angesehene Gaste zur Mitwirkung gewonnen sind, alles aufs Beste! Und auch der Theaterverein tragt sein redlich Schärslein bei! Und so wollen wir schließen mit dem Appell an unsere Mit- uurger, daß sie sich trennen möchten von ihrer noch gar großen Philtsterhaftigkeit, daß sie ihre Erholung suchen möchten, wo sie nach Vorstehendem auch wirklich zu finden ist. Ein eigener Musentempel möge uns in nicht allzuferner Zeit beschieden fein, Animam ealvari. verkehr, Cant* rrnd volkswirthschaft, 10. Odober. 5 ruebt mar ft Rother Weizen 11.65, weißer Weizen X 00.00, Korn X 8.85, Gerste X 7.50, Hafer x 5 50. ' Sehiffsnach richten. Der Postdampfer „Friesland" der „Red Star Line" in Antwerpen ist laut Telegramm am 8. October wohlbehalten in New- york angekommen. Gottesdienst in der Synagoge. Samstag, den 13. October. Vorabend 5,s Uhr, Morgens 8*° Uhr, Nachmittags 4” Uhr SabbathauSgang 6*5 Uhr. v Gottesdienst der israelitischen Religionsgesellschast. Freitag Abend 5« Ubr, Samstag Vormittag 8 Uhr, Nachmittag 4 Uhr, Sabbathausgang 630 Uhr. 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Wegen Vornahme einer größeren Rohrverlegungsarbeit an dem LudwigSplatz find wir genöthigt, morgen Freitag, den 12 Oktober, von Vormittags 10 Uhr an bis voraussichtlich gegen Abend die Wasserleitung aus dem Schiffenbergerweg, in der Hessenstraße, Bergstraße und Gartenstraße nebst dem angrenzenden Theil des Ludwigsplatzes, der Stephanstraße, Ludwigftraße zwischen Ludwigsplatz und Bismarck ftraße, Löberstraße zwischen Gartenftraße und Bis- marckstraße, sowie in der Bismarckstraße abzusperren, was rotr hiermit zur gefl. Kenntnißnahme der betreffenden Anwohner bringen. Gießen, den 11. October 1894. Städtisches Gas- und Wafferwerk Gießen. 8394 Otto Bergen. • Stadtkaffe Gießen zugesiimmt hat, 1 Regulator, 1 Nähmaschine hrinnpn tnir mit hom J o^Pb andere Sachen _ _ '' v Vul/ bringen wir dies mit dem Bemerken 8393 Vorn, Gerichtsvollzieher. zur Kenntniß der Betheiligten, daß von jetzt ab Zahlungen für die genannte Vorschule nicht mehr an Großh. Universitäts-Rentamt, sondern nur an die Stadtkasse Gießen zu leisten find. Gießen, den 9. October 1894. Großh. Bürgermeisterei Gießen. __________Gnauth. 8391 Bekanntmachung. Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß der städtische Friedhof in der Zeit vom 16. October 1894 bis 15. März 1895 von Morgens 8 bis Abends 5 Uhr geöffnet bleibt, und daß die auf dem Friedhof Verweilenden eine Viertelstunde vor Schluß desselben auf diesen durch ein Glockenzeichen aufmerksam gemacht werden. Gießen, den 10. October 1894. Großh. Bürgermeisterei Gießen. 8390 Gnauth. Bekanntmachung. , Versteigerung. Nachdem Großh. Ministerium bes' Sambtaa veu 13 r» mts S.nnern und der Justiz durch Ver- mittags 2 Uhr versteigere ich 7m Adler fugung vom 27. Juni d. Js. dem dahier gegen Baarzahlung: Antrag der Stadtverordneten - Ver-' F voll Mist, i gold. und «°g-N Hebe* bet; Kasseverwaltung der Vorschule des 12 Bettvorlagen, 25 geschweifte Leisten, Gymnasiums zu Gießen auf die 1 altdeutsches Büffet, i Sopha.l Schreib- Täglich frischer Moft 263 Metzger Seng. SM. Schlachthaus. Freibank. [8357 Heute und morgen: 8chmemefleisch, nicht ladenrein, ver Pfd. 54 Pfg. DieMligste^n- grötzte Auswahl in garnirten Damen- u. Kinder- Hüten, sowie alle Putzartikel kaust man 8382 6 Neustadt 6, 2. St. Corsetten für Damen unb Sinder empfiehlt tn großer Auswahl unb billigen Preisen Robert Haas, „ 18* TelterSweg 18. NB. Extra-Weiten stets am Lager. Schellfische re. von heute ab bis Sonntag f. tägl. Zuf., hochfeine Waare, im Rebstock. 8048 8360] Donnerstag Abend: Schellfische. __ Emil Orbig. Kieler MMW eingetroffen. [7517 J. M. Schulhof. Aechte frankfurter Mmßchcn empfiehlt 8376 Emil Fischbach. i Mti »er Pfund * L70 M* setzt an Qualität ■nUertroffcn. 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