Nr. 236 Erstes Blatt. Dienstag den 9 October 1894 Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener Jiamitienvtätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Gießener Anzeig er General-Anzeiger. vierteljähriger AbonnementsprekO r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlodn. Durch die Post bezogNL 2 Mark 50 Pfg. Rrdaction, Expedition und Druckerei: Kchutgraße IHr.?. Fcrujprcchcr 51. Amts- und 2knzeigeblntt für den ALveis Gi^en. Hratisöeikage: Gießener Kamitienötätter Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Vorm. 10 Uhr. Alle Annoncen-Bureaux des In« und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Hmtiidyer Tbeil. Bekanntmachung, Letreffend die Ernennung von Amtstaxatoren unseren Stellvertreter in Wildschadensangelegenheiten. Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß an Stelle ' des verstorbenen Gr. Bürgermeisters Walz zu Lich der Gr. Bürgermeister Gör lach zu Eberstadt zum Amtstaxator im j III. Wildschadensbezirk und der Gr. Bürgermeister Kuhl zu Dorf-Gill zu dessen Stellvertreter ernannt worden ist. Wildschadensklage ist stets bei dem Amtstaxator des betr. Bezirks zu erheben. Gießen, den 5. October 1894. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern. Bekanntmachung, die Nachsuchuvg der Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst auf Grund von Schulzeugnissen.betreffend. Diejenigen jungen Leute, welche auf Grund ihrer Schulzeugnisse die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst nachsuchen wollen, werden hierdurch auf die nachfolgen, den, bei Anbringung der Gesuche zu beachtenden Vorschriften mit dem Anfügen aufmerksam gemacht, daß hiernach unvoll, ständige Gesuche ohne Weiteres zurückgegeben werden. 1) Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs- Commission nur dann einzureichen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum gestellungs- pflichtig ist, d. h. seinen dauernden Aufent- Haltsort hat. 2) Die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr und muß spätestens bis zum 1. Februar des Jahres nachgesucht werden, in welchem das 20. Lebensjahr vollendet wird. Der Nachweis der Berechtigung zum ein- jährigen Dienst ist bei Verlust.des Anrechts spätestens bis zum 1. April desselben Jahres zu erbringen. (Wenn z B. mit Rücksicht auf das Lebens- alter die Einreichung des Gesuchs nicht weiter hinaus, geschoben, das vorschriftsmäßige Schulzeugniß aber erst am Schluffe des Schuljahres ausgestellt werden kann.) In solchen Fällen ist in dem Gesuch anzugeben, daß das Schulzeugniß bis 1. April nachfolgen werde. 3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbstgeschrieben sein und ist hierzu ein Bogen in Actenformat (nicht Briefpapier) zu verwenden. Auch ist die nähere Adresse anzugeben. 4) Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen: a) Geburtszeugniß; d) Einwilligung- - Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über Bereit- Willigkeit, den FreiwMgen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten sür Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen; c) ein Unbescholtenheitszeugniß, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Realgymnasien, Ober-Realschulen, Progymnasien, Realschulen , Realprogymnasien, höheren Bürgerschulen und sonstigen militärberechtigten Anstalten) durch den Director der Anstalt, für alle übrigen jungen Leute durch die Polizei-Obrigkeit oder chre vorgesetzte Dienstbehörde auszustellen ist; d) das Schulzeugniß. Sodann wird noch besonders bemerkt: Zu pos. b : daß in dem Einwilligungs-Attest die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein muß. Zu pos. d: daß die Schulzeugnisse, mit Ausnahme der Reifezeugnisse für die Universität und die derselben gleichgestellten Hochschulen und Reifezeugnisse für die Prima der Gymnasien, Realgymnasien und Ober-Realschulen, sämmtlich nach Schema 18 zur Wehr-Ordnung vom 22. November 1888 — Reg. - Bl. Nr. 5 von 1889 — ausgestellt sein müssen. Im Uebrigen wird auf die Bestimmungen der §§ 88, 39, 90, 93 und 94 der angeführten Wehr-Ordnung verwiesen. Großh. Prüfungs - Commission für Einjährig. Freiwillige zu Darmstadt. Der Vorsitzende: Buchinger. Bekanntmachung, betreffend das Vorkommen der Trichinose im Großherzogthum Hessen, hier Schutzmaßregeln gegen dieselbe. Warnung. Vereinzelt werden fast alljährlich in denjenigen hessischen Städten, in welchen, wenn auch nur facultativ, die mikros- copische Fleischschau geübt wird, nicht allein in eingeführten, sondern auch in hier zu Lande gezüchteten und gemästeten Schweinen Trichinen aufgefunden. Es konnte sich deshalb auch nicht fehlen, daß in verschiedenen Jahren Trichinoseerkrankungen beobachtet wurden, die zwar meist gutartig waren, deren letzte jedoch auch einen Todesfall herbeigeführt hat. Die hierbei gemachten Erfahrungen haben fast durchweg ergeben, daß die Erkrankten entweder rohes oder nicht vollständig gar gekochtes oder nicht völlig durchgebratenes Fleisch zu sich genommen hatten. Trichinoseerkrankungen sind aber auch an anderen Orten gesehen worden, wo eine anscheinend gut organisirte und gewissenhafte obligatorische Trichinenschau die Unschädlichkeit des Fleisches hätte verbürgen sollen, sei es nun, daß das schädliche Fleisch aus Orten, wo entweder gar keine oder eine nur ungenügende Fleischschau bestand, eingebracht, oder mit Umgehung der bestehenden Vorschriften gar nicht oder nur mangelhaft untersucht wurde. Es muß aus diesen Gründen, zumal im Großherzogthum die der allgemeinen Einführung der obligatorischen Trichinenschau bezw. der Ausdehnung der ordnungsmäßigen Fleischschau auf die Trichinen entgegenstehenden Hindernisse noch nicht beseitigt sind, vor dem Genuß rohen Schweinefleisches nach- drücklichst gewarnt und in Erinnerung gebracht werden, daß nur völliges Garkochen oder Durchbraten der Fleischstücke, sowie auch aller anderen Fleischzubereitungen, besonders der verschiedenen Wurstsorten, geeignet ist, die etwa vorhandenen Trichinen abzutödten und die Genießenden vor Gesundheitsschädigungen zu bewahren. Handelt es sich um größere Fleischstücke, wie Schinken oder Kammbraten, dann wird das Eindringen der Siedhitze in die tiefer gelegenen Fleischschichten, was an der grauen Verfärbung derselben zu erkennen ist, nur durch das Anbringen tiefer, nicht zu weit von einander entfernter Einschnitte in das Fleisch erreicht werden können. Wie mangelhaftes Kochen und Braten, so schützt auch leichtes Einsalzen und schwaches Anräuchern des Fleisches nicht gegen die Einwanderung lebender Trichinen, während starkes Salzen und längeres Räuchern und Trocknen der Fleischwaaren eine gewisse Sicherheit zu bieten vermag. Gießen, den 3. October 1894. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern. Der drohende Sturz des chinesischen Reiches. ES ist nun indirect bekannt geworden, daß der in letzter Woche mit Fieberhaft zusammen berufene große englische Ministerrath sich mit der Frage des Ausbruches einer allgemeinen Revolution in China und dem drohenden Zusammenbruche des chinesischen Reiches, sowie mit den in Hinblick auf diese Möglichkeit zu ergreifenden Schutzmaßregeln bc- schäftigt hat. Der kurze Krieg Japans gegen China hat das verrottete und doch noch so anmaßende „himmlische Reich der Mitte"' dem Abgrunde nahe gebracht. In allen chinesischen Städten, zumal in der Hauptstadt Peking herrscht angesichts des weiteren Vorrückens der Japaner eine furchtbare Panik. Wie verkommen und erbärmlich die Chinesen in ihrer Vaterlandsvertheidigung'sind, das geht daraus hervor, daß sie nicht im Stande sind, den Japanern nördlich von Pecking ein tüchtiges Heer gegenüber zu stellen, obwohl China sechsmal mehr Einwohner besitzt als Japan. Bei Peking sollen allerdings 150,000 Chinesen stehen, aber diese Art Truppen sind gar keine Soldaten, sie find einfach von der Regierung zusammengeraffle Menschen ohne militärische Ausbildung, ohne Disciplin und ohne gute Waffen. Nach englischen Berichten sollen in der Armee von Peking kaum 7000 gut bewaffnete Soldaten sein. Dabei neigen viele Elemente der chinesischen Armee fortwährend zur Meuterei und zur Plünderung, was bei dem Mangel an Disciplin, an Ausbildung und gehöriger Verpflegung kein Wunder ist. Dazu kommt nun vor allen Dingen, daß China gar kein einheitliches, fest organisirtes Reich ist, sondern aus einer großen Anzahl Provinzen, die viel widerstrebende Elemente enthalten, besteht. Gelingt den Japanern der Angriff auf Peking und ersche-nt somit den übrigen Volksftämmen in China die Herrschaft der Mandschus, die sich vor ca. 200 Jahren durch den Sturz der alten Dynastie in China festsetzten, gestürzt, so dürften überall Revolutionen ausbrechen. Diese Befürch- tung wird schon dadurch gesteigert, daß nach den neuesten Nachrichten in der zu China gehörigen Mongolei ein Aufstand ausgebrochen ist. Ja, es wird sogar berichtet, daß es bereits in dem kaiserlichen Palaste zu Peking zu Unruhen gekommen sei. Die drohende Gefahr einer Revolution in China ist aber von allgemeinem europäischen Interesse, denn in den großen chinesischen Handelsstädten treiben die europäischen Staaten, zumal England, Frankreich, Deutschland und Italien, einen bedeutenden Handel und leben überhaupt eine große Anzahl Europäer in China, deren Leben und Eigenthum durch die drohende Revolution und den eingefleischten Haß der bornirten und sanatischen Chinesen gegen alles Fremde schwer bedroht ist. Auch ist es sehr zweifelhaft, ob die Kriegsschiffe der europäischen Großmächte, welche zumal von Seiten Englands noch in verstärkter Anzahl abgeschickt wurden, in den chinesischen Häfen den Europäern genügenden Schutz gewähren können. Möglich ist aber, daß die Großmächte, zumal England und Rußland, in dem chinesisch-japanischen Kriege sich ins Mittel legen, um einer um berechenbaren Katastrophe vorzubeugen. Die Japaner, welche bereits mit 100,000 Mann guten Soldaten in Korea und im nördlichen China stehen, sollen aber sehr wenig geneigt sein, ihren Siegeslaus durch Vorstellungen der Großmächte zu unterbrechen. Deutsche- Reich. Berlin, 6. October. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." hört, wird beabsichtigt, die Vollendung des neuen R e ich stags - gebäudes durch feierliche Legung eines Schlußsteines zu begehen. Der Kaiser hat seine Theilnahme in Aussicht gestellt. Berlin, 6. October. Vom 10. d. Mts. ab wird der Fernsprechverkehr zwischen Berlin und Leipzig einerseits und München, Nürnberg, Würzburg, Fürth, Bamberg, Bayreuth, Erlangen und Augsburg andererseits eröffnet. Die Gebühr sür ein einfaches Gespräch bis zur Dauer von drei Minuten beträgt 2 Mark. Berlin, 6. October. Der ältere Jahrgang der Oberfeuerwerkerschule ist, wie der „Nat.-Ztg." authentisch bestätigt wird, von der zuständigen Behörde zunächst aufgehoben worden. Diese Anordnung ist von dem Gesichtspunkte aus getroffen, daß die in Magdeburg inhastirten Schüler wahrscheinlich großentheils zunächst zu ihren Regimentern zurückgeschickt werden, da es nicht angeht, mit den einzeln zur Entlassung gelangenden den Unterricht sofort wieder aufzunehmen. Ausgeschlossen wäre nicht, daß bis 'Neujahr sich die Unschuld einer so großen Zahl herausgestellt hat, daß eine Fortsetzung des Cursus thunlich ist. Von einer bereits erfolgten Entlassung auch nur eines TheilS der in Magdeburg inhastirten Feuerwerker, wovon in einem hiesigen Blatte die Rede war, ist bisher an beftunterrichteter Stelle nichts bekannt. Berlin, 6. October. Zu der Blättermeldung, daß die kaiserliche Familie auch in diesem Winter einige Wochen in Abbazia zubringen und der Kaiser von dort aus mit dem Schulschiff „Stein" einen Ausflug nach Venedig unternehmen werde, wird berichtet, daß Reisepläne für den Winter am Hofe noch nicht festgesetzt worden sind. Berlin, 6. October. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." erfährt, wird in der am 28. d. Mts. im Opernhause statt- findenden Matins das von dem Kaiser in Musik gesetzte Lied „Sang an Aegir" in der Bearbeitung für Chor und Orchester zur erstmaligen Aufführung gelangen. Berlin, 6. October. Der berühmte Botaniker Geh. Regierungsrath Pringheim, geboren 1823, ist nach kurzem Krankenlager an der Lungenentzündung gestorben. Köln, 6. October. Gestern fand hier die Constituirung der Actien-Gesellschaft, sowie der Abschluß des GesellschaftS- verlrages über die Vorgebirg-Bahn Köln-Bonn statt. Dte «Ausführung des Bahnbaues, dessen Kosten theilweise durch die Städte Köln und Bonn, sowie durch dte Landkreise Köln und Bonn aufgebracht werden, wurde der Firma Haveftadt u. Contag in Wilmersdorf bei ^Berlin übertragen - dieselbe übernimmt später auch den Betrieb der Bahn. Ausland. Dünkirchen, 6. October. Französische Fischer bemächtigten sich einer englischen Fischerbarke, deren Bemannung ihnen die Netze zerrissen und die Bezahlung des Schadend verweigert hatte. Die Fischerbarke wurde nach dem Hasen von Gravelingen gebracht. Pest, 6. October. Das Magnatenhaus lehnte mit 122 gegen 96 Stimmen den Abschnitt des Gesetzentwurfes über die freie Reltgionsübung ab, welcher die Frei- gebung der ConfessionSlosigkeit betrifft. London, 6. October. Einer Meldung des „Daily Telegraph" zufolge soll der Czar mit der Abfassung einer Art politischen Testaments beschäftigt sein. London, 6. October. AuS Shanghai wird telegraphisch gemeldet, daß sich die chinesischen Truppen eilig aus Mulden zurückziehen. Einerseits heißt eS, die Chinesen fliehen vor den heranziehenden Japanern, andererseits erklärt man den Rückzug damit, daß die chinesischen Truppen zum Schutze des Hafens von Petschilt, welchen die Japaner zu besetzen drohen, nach dort enteilen. In der Richtung nach Nutschwang wurden 70 japanische Transportschiffe, von mehreren Kriegsschiffen eScortirt, beobachtet. 10000 Koreaner sind von den Japanern angeworben worden, um von den japanischen Offizieren ein- exercirt und für den Garnisoudtenft in den coreantschen Städten verwendet zu werden. Athen» 6. October. Die Quarantäne für Schiffe von Neapel wurde von zwei auf fünf Tage erhöht. Athen, 6. October. Das Vorgehen der Offiziere gegen das Journal „Akropolis" wurde in der heutigen Verhandlung von dem staatlichen Commiffar sehr getadelt- ebenso wurde die unpatriotische Haltung der „Akropolis" mißbilligt. Die Urtheilspublikation wird höchst wahrscheinlich morgen erfolgen. Petersburg, 6. October. Hiesige Blätter bestreiten den besorgnißerregenden Zu st and des Czaren. Derselbe reist in kürzester Frist nach Corfu und wird dort in dem Schlöffe des ehemaligem englischen Commiffars Wohnung nehmen. Petersburg, 6. October. Es sind bereits Verhandlungen mit der Pforte wegen der Jncognito Durchfahrt des Czaren durch die Dardanellen eingeleitet worden. — Nach heute hier auS Ltvadia eingetroffenen Depeschen ist eine Besserung im Befinden des Kaisers eingetreten. Neueste Nacheßchten. Wolffd telegraphische« Correspondenz-Bureau. Paris, 7. October. Der Präsident Casimtr-Perier fuhr heute mit seiner Gemahlin in einem vierspännigen Landauer ohne Escorte nach dem Longchamps, um den Rennen beizuwohnen. Infolge des schönen Wetters und wegen des vom Gemeinderath gestifteten neuen Preises hatte sich eine außerordentlich große Menschenmenge eingesunken. Der Präsident wurde auf der ganzen Fahrt, namentlich auf dem Longchamps, lebhaft begrüßt. Depeschen Dtfc Bureau ,Herold* Berlin, 7. October. Der fünfte Parteitag der norddeutschen Demokraten wurde heute Mittag in den hiesigen Concordiasälen eröffnet. Anwesend waren 30 Delegirte aus Berlin, Potsdam, Leipzig, Düffeldorf, Duisburg, Ottweiler und Jena. Nach mehrstündigen Debatten wurde ein Antrag einstimmig angenommen, worin der Parteitag den Ausschuß der demokratischen Partei beauftragt, die demokratische Agitation in Norddeutschland zu unterstützen und den Anschluß an die deutsche Volkspartei zur Abstimmung unter den Mitgliedern in den einzelnen Wahlkreisen zu bringen. Berlin, 7. October. Heute Vormittag fanden Hierselbst fünf große öffentliche Versammlungen statt mit dem Thema: „Die Mehrbelastung des Tabaks oder fünfzigtausend Arbeiter brodlos!" In den Versammlungen wurde betont, daß durch die Annahme der dem Reichstage Seitens der Regierung neuerdings zugehenden ziemlich unveränderten Vorlage etwa 50000 Arbeiter brodlos würden. Die Versammlungen nahmen einstimmig eine Resolution an, worin die ueue Steuervorlage für unannehmbar erklärt wird. Cocofc* nttb ^ESvLirzlelles Gießen, den 8. October 1894. * * Fahrplauänderuug. Vom 15. d. M. ab treten auf der Main Weser-Bahn Aenderungen in den Fahrzeiten ein- zelner Züge ein. Wir verweisen auf die diesbezügliche in vorliegender Nummer enthaltene Bekanntmachung der Köntgl. Eisenbahndirection Hannover und bemerken dazu, daß Deckblätter zum Aushang« und Taschenfahrplan vom 15. ab an den Fahrkarten-VerkaufSstellen auf Wunsch unentgeltlich ab« gegeben werden. H Neues Theater. Mit ihrem neuesten Stück „Der Herr Senator" hat die Firma Schönthan und Kadelburg ein Lustspiel geschaffen, das seinen Platz auf den deutschen Bühnen voraussichtlich lange behaupten wird. Die beiden ersten Acte sind wirkungsvoll aufgebaut, der dritte und letzte dagegen fällt etwas ab. Das Ganze ist durchweht von einem frischen Humor und entbehrt nicht einiger guten Pointen - im übrigen fehlen auch nicht altbewährte Mittel und Mittelchen, die aber ihren Zweck erreichen- sie wirken, besonders wenn sie ein so dankbares Publikum finden wie heute. Die Vorstellung war flott und das Zusammenspiel klappte dank der guten Regie trefflich. Das Hauptinteresse beanspruchte natürlich der Gast, Herr Alex. Otto vom Hoftheater in Sondershausen. Herr Otto verbindet mit einer stattlichen Erscheinung eine unfehlbare Sicherheit des Auftretens, die ihm von vornherein die Gunst des Publikums sichert. Wir stehen nicht an, seine Darstellung des Dr. Gehring als mustergiltig zu bezeichnen, und sehen seinem weiteren Auftreten mit großen Erwartungen entgegen. Ein würdiger Partner des Gastes war Herr Hacker. Schon neulich hatte uns dieser junge Künstler als Candtdat der Theologie in „Medicinische Kuren" gut gefallen. Heute freuen wir uns, ' ' unser erstes Urtheil bestätigt zu finden und seine Leistung als „Schwiegersohn des Herrn Senator" uneingeschränkt loben zu dürfen. Wir werden seinen weiteren Leistungen mit Jn- tereffe ffolgen. Den Beifall, den wir der Jnscenirung des Herrn Baum zollen müssen, können wir seinem „Senator Andersen" leider nicht in dem vollen Umfange zu Theil werden lassen. Herr Baum übertrieb die so dankbar angelegte Rolle stellenweise ins Possenhafte. Der Hamburger, wie er hier geschildert wird, ist kühl bis ans Herz hinan und seine Zornesausdrücke sind maßvoll- ein Senator, dessen Vater gleichfalls Senator war, ist gewiß wohlerzogen — in seinem Hause herrscht ja auch die „Wohlanständigkeit" — deshalb darf sein Zorn nicht bei jeder Gelegenheit zur Wuth werden. Gut war Herr Baum entschieden in den Momenten, da die Rolle eine ruhige, überlegene Haltung verlangte. Hier blieb Herr Baum in den Grenzen der Natürlichkeit — und sein Spiel wirkte. Sollte das Stück wiederholt werden, so möchten wir noch bemerken, daß ein eingeborener Hamburger nicht sächsischen Dialect redet. — Von den Damen ist an erster Stelle Fräulein Hamm zu nennen. Ihre Darstellung der fischblütigen Hamburgerin, die sich erst nach und nach erwärmt, dann aber umso wärmer bleibt, war überzeugend. Frau Reiners scheint für Backfischrollen geschaffen zu sein- wie neulich war sie auch heute ein reizendes Exemplar dieser Gattung. Fräulein Wohlbrück als Frau Senator Andersen war gut. Die Nebenrollen waren zur Zufriedenheit besetzt. Die zahlreich erschienenen Zuschauer nahmen Stück und Darstellung mit großem Beifall auf, so daß die Darsteller widerholt erscheinen durften. * * Neues Theater. Wie uns mitgetheilt wird, findet auf mehrfachen Wunsch das gestern mit großem Betfall aufgenommene Lustspiel „Der Herr Senator" morgen, Dienstag Abend, seine Wiederholung. Wir können nur wünschen, daß der Besuch eines solch genußreichen Abends, wie ihn dieses Lustspiel bietet, ein recht guter sein möge. * * Viehunfall. Am SamStag Abend trieb ein Viehhändler eine Heerde Schlachtochsen, sogen. Wetdevteh, vom Bahnhose aus nach dem Schlachthause. Vor der Bahnüberbrückung am Neustädterthor sprang ein Theil der Thiere den Bahndamm hinauf- während versucht wurde, sie herunterzutreiben, sprang ein Thier von der Ueberbrückung herunter auf die Straße und mußte daffelbe infolge der erlittenen Verletzungen alsbald getödtet werden. Die anderen Thiere waren noch eine Strecke dem Geleise entlang gelaufen und wurden in der Schwarzlach etngefangen. * * Durchgegaugene Pferde. In der Wtlhelmstraße gingen am Samstag Vormittag zwei Pferde mit einem Bierwagen durch. In der Ludwigstraße wurden dieselben zum Stehen gebracht, ohne daß außer der abgebrochenen Wagendeichsel Schaden entstand. * * Unfall. Am Samstag Mittag fuhr ein schwer beladener Wagen die Frankfurterstraße herab. Die Pferde konnten den anscheinend mit ungenügender Bremsvorrichtung versehenen Wagen nicht hallen und stürzte infolgedessen ein Pferd, jedoch ohne Schaden zu nehmen. * * Gestohlen wurde am Samstag auf dem Wochenmarkt einem Händler ein Butterweck und aus einem Kaufmannsladen ein Korb mit Inhalt. * * Kohlendiebstahl. Ein Hausbewohner in den Neuen- bäuen hatte in letzter Zett einen allzu starken Abgang an seinen Steinkohlen bemerkt. Nachdem er der Polizei hiervon Kenntniß gegeben, entpuppte sich als Diebin eine in demselben Hause wohnende Frau. Ein Theil der Kohlen fand sich noch in deren Wohnung vor. * * Körperverletzung. Der Leiter der Dampfstraßenwalze in der Marburgerstraße gerieth mit einem seiner Arbeiter am vorigen Samstag in Conflict. Er will von diesem angegriffen worden sein und zur Abwehr eine sogen. Steingabel vor sich gehalten haben- in diese sei der Arbeiter hineingerannt. Die Angaben des Arbeiters, welcher mehrere Stichwunden am Halse hat, lauten im entgegengesetzten Sinne und wird die Untersuchung erst Licht in die Sache bringen. * * Schlägerei. In verflossener Nacht fand in der Marktstraße eine Keilerei zwischen zwei Arbeitern statt, wobei es blutige Köpfe setzte. Der Haupturheber wurde verhaftet. * * Von hessischen Behörden werden steckbrieflich verfolgt: Sattler Marrin Gröninger aus Grünberg i. O. vom Amtsgericht Offenbach wegen Diebstahls- Bahnarbeiter Martin Häuser aus Okertshausen von der Staatsanwaltschaft in Gießen wegen Diebstahls- Schmied und Ruffensteinmacher Gustav Schmidt aus Cönon, zuletzt in Rodheim v. d. H., von derselben Brhörde wegen Diebstahls- Dienstknecht Ludwig Krämer aus Gammelsbach, zuletzt in Olfen, vom Amtsgericht Beerfelden wegen Diebstahls- die Dienstmagd Elise Lauser aus Worms, zuletzt in Mainz, von der Staatsanwaltschaft in Mainz wegen Diebstahls- Drechsler Fritz Schillhanneck auS Berlin vom Amtsgericht WormS wegen Strafvollzugs- Johanna Spahn aus Carlsbach vom Amtsgericht Offenbach wegen Strafvollzugs. * * Zn Amerika verstorbenaHessen. GiardClaytenCo., Iowa: Johannes Mann, 77 Jahre alt, aus Busenborn. — Green C^o'unty, Pa.: Heinrich Horr aus Hessen- Darmstadt. — Jersey City Heights, N. I.: Carl Schleuning, Apotheker aus Nidda, 51 Jahre alt. — New-Bremen, O.: Wittwe Louise Wagner, geb. Lei« dorf, 91 Jahre alt, auS Nauheim. * * Eheschließung von Milit'ärperfooen. Der Kaiser hat bestimmt, daß die Prüfung der militärischen Vorgesetzten bet Ertheilung des Heirathsconsenses an Personen des Soldaten« standeS vom Feldwebel abwärts sich nicht auf die Vornahme der Trauung in einer bestimmten Confession zu erstrecken hat und die Ertheilung des ConsenseS von der Art der kirchlichen Trauung nicht abhängig gemacht werden darf, sowie daß die zur Ertheilung deS Heirathsconsenses zuständigen Stellen, bei Offizieren indessen die Regiments-Commandeure, bezw. die entsprechenden Vorgesetzten angewiesen werden, von jedem Falle der ConsenSerthellung dem zuständigen Militär-Geistlichen, bezw. mit der Militär Seelsorge betrauten Civil- geistlichen alsbald Mittheilung zu machen. Diese Anordnung hat auch auf die Angehörigen der Landgensdarmerie Anwendung zu finden.' ** Das sogeuaume „vlaumachen" ist nach einer Entscheidung des Bromberger Gewerbegerichts ein Grund zur sofortigen Entlassung. Ein Schuhmachergeselle hatte gegen seinen Meister wegen Entlastung ohne Kündigung geklagt. Der Beklagte wendete ein, daß er zur sofortigen Entlastung berechtigt gewesen, da dieser ohne Erlaubniß einen Tag lang von der Arbeit ftrngeblieben sei. Das gab der Kläger zu mit dem Bemerken, man könne doch einmal einen Tag in der Woche „blau" machen. Das Gewerbegericht ließ diesen Einwand nicht gelten und erkannte auf Abweisung des Klägers. + AuS dem Kreise Gießen, 5. October. Zu dem Kirchengesangfest, welches am 14. October in Beuern abgehalten wird, ist im Anschluß an die Mittheilungen in Nr. 233 des „Gießener Anzeiger" noch zu bemerken, daß in der um 2 Uhr beginnenden Hauptfeier acht Lieder von den Vereinen gemeinsam gesungen werden, während in einer nach einer Pause beginnenden Nachfeier die .verschiedenen Vereine einzeln auftreten und auch Frau Pfarrer Volp aus Allen- dorf an der Lumda zwei Solo-Gesänge vortragen wird. h- Wieseck, 8. October. Am Samstag feierte die hiesige Firma Meyer & Günther (Ctgarrenfabrik) mit ihren Arbeitern, wie alljährlich, den Geschäftsgründungstag in der Restauration Karl Dorfeld. Dem frugalen Nachtmahle folgten Tanz und Vorträge bis zum Tagesgrauen. Das gute Einvernehmen zwischen Arbeitgebern und ihren Leuten zeigte sich auch hier wieder wie bei den früheren Festen. Dies ist ein Beweis, daß wenn, obwohl in einer kritischen Zeit für die Cigarren-Jnduftrie, beiderseits ein guter Wille gezeigt wird, auch eine gegenseitige Zufriedenheit entsteht, welche, wie wir wünschen, noch recht lange bestehen und sich noch manches Fest den vorhergegangenen anreihen möge. M.W, AuS der mittleren Wetterau, 7. October. Wenn der Landmann dieses Jahr über die Ungunst der Witterungs- Verhältnisse klagt, dann kann es ihm nicht übe5 genommen werden. Mitte Juli stand alles herrlich in Flur, Wiesen und Feld — — aber was ist nach und nach daraus geworden ! Es ist ein Unsegen, ein trübes Verhängniß über das landwirthschaftliche Gewerbe gerathen- die schönsten Aussichten fallen ihm zum Opfer, oder werden doch so reducirt, daß kein rechter Erfolg mehr sichtbar ist. Durch die schlechte Witterung ist die Herbstsaatbeftellung schwer beeinträchtigt, an vielen Stellen ganz unmöglich, denn die Gespanne versinken in dem breiartigen Boden. Wo dieser leichter ist, taugt die Saat doch nicht viel, denn sie wird eingeschmiert, der Acker wird klosig und klumpig für das folgende Jahr. Etwas erfreulicher zeigt sich das Obst- geschäst. Da die unaufhörliche Näste die Ackerbeftellung hindert, benutzen viele unserer Landwirthe ihre Gespanne, um Kelterobst nach Frankfurt zu liefern; sie erhalten 50 bis 60 Pfennig pro Centner Fuhrlohn, je nach der Entfernung. Da ein Zweispänner 45 bis 55 Centner laden kann, ist der Verdienst annehmbar- es gehen aber auch beinahe zwei Tage darüber hin, denn in Frankfurt stehen ost Hunderte von Wagen hintereinander und warten auf Abfertigung. Das Malter (Doppelcentner) Kelterobft wurde dorten mit Mk. 7.50 bis Mk. 8.50 bezahlt. Wir warnen davor, nach Frankfurt mit eigenem Obste zu fahren, ohne daß es definitiv verkauft ist, weil die schlauen Frankfurter Händler einen unerfahrenen Landmann leicht überS Ohr hauen. — Mit dem Ernten von Spätgrummet und dem Herstellen von Kleeheu aus Stopp elklee haben unsere Landwirthe kein Glück, denn beide Futterarten sind jämmerlich zu Grunde gegangen. Die Gründüngungspflanzen: Erbsen, Wicken, Senf, Lupinen u. a. wollen nicht recht voran, es ist ihnen zu naß. Die Dickwurzeln werden hohl. Das Ernten der Zuckerrüben ist auf den breiartigen Aeckern mit den schweren Fuhrwerken eine furchtbar mühselige Arbeit- der Zuckerstoff hat sich in den letzten Wochen noch erhöht, aber die Rüben sind nur äußerst schmutzig aus dem Boden zu bringen, so daß 25 % Schmutz keine Seltenheit und an den Fuhren in Abzug gebracht werden. * * KirchgöuS, 6. October. Der langjährige, um unser Gemeinwesen sich hochverdient gemachte Großh. Bürgermeister, Herr Weber, hat bei Großh. Kreisamt Friedberg wegen vorgerückten Alters seine Amtsentlaffung eingereicht. AuS diesem Grunde fleht für unsere Gmeindeangehörtgen im Laufe der nächsten Woche ein hochwichtiger Act bevor, nämlich die Wahl eines neuen Bürgermeisters. Möge aus der Urne ein Mann hervorgehen, der wie Herr Bürgermeister Weber die vielseitigen Interessen unseres Gemeinwohls auf das Beste zu wahren versteht. * * Schlitz, 4. October. Einen stattlichen Auerhahn in feinem Hofschuppen einzufangen, so märchenhaft dies auch klingen mag, hatte Herr Stationsführer Achenbach das Glück. Der seltene Vogel kam am Samstag Mittag hoch über die Hainbuche und den Grabenberg geflogen und ging in dem erwähnten Schuppen nieder, wo er von Herrn A. dingfest gemacht und dem Gräfl. Forstamt eingeliefert wurde. Das Thier, welches am Hals verletzt war, ist dann im Wald ausgesetzt worden, da es aber nicht aufzufliegen vermochte, mußte es abgeschoffen werden. △ Mainz, 7. October. In den Parterreräumen des kurfürstlichen Schlosses wird nächster Tage ein Denkmal des vor zwei Jahren verstorbenen Dicectors des römisch-germanischen Centralmuseums, Prof. Dr. Ludwig Linden- s ch mi tt, zur Aufstellung kommen. Dasselbe besteht aus einer Büste aus carrarischem Marmor nud ist ein Meisterwerk des verstorbenen Bildhauers Scholl. Die Büste wird von einem edel gegliederten Postament aus gelbgrauem Marmor in eigenartiger Farbenschattirung getragen. . * * Bingen, 7. October. Die Stadt prangt in reichem Flaggcnschmuck und zeigt, welche Antheilnahme dem Fest deS 50jährigen Bestehens des OrtsgewerbevereinS und der Gewerbeschule entgegengebracht wird. Alle Kreise der Bürgerschaft wetteifern um das Gelingen des Festes- auch Großh. Regierung wie die Geistlichkeit und ver« sckiedene Schwestervereine sind vertreten. AuS Gieß en sind zwei Herren als Gäste anwesend. A AuS Rheinhessen, 7. October. DaS langjährige Mitglied der zweiten hessischen Kammer, Bürgermeister Möhn in Laubenheim, ist am Freitag im Alter von 54 Jahren gestorben. Neben seiner Eigenschaft als Bürgermeister und Landtagsabgeordneter war Möhn noch Mitglied der KreiSfchulcommtfsion, deS KretSauSschusieS und des Vorstandes der Kreissparkasse, welche Ehrenämter er mit seltener Gewiffenhaftigkeit erfüllte. In der Kammer, der er 13 Jahre angehörte, zählte Möhn zu der nationalliberalen Fraction, doch divergirte er als Katholik in religiösen Fragen häufig mit seinen Fractionsgenossen. A Vom Rhein, 7. October. Der Personenverkehr aus dem Rhein ist für die Jahreszeit schon wesentlich zurück- gegangen, wogegen der Güterverkehr in den letzten Wochen ziemlich zugenommen hat. Hauptsächlich die Schleppzüge zu B rg sind sehr gut befrachtet. Die Frachten selbst sind in Folge deS fallenden Wassers sowie der verkürzten Fahrzeiten in die Höhe gegangen und werden bet weiterem Fallen sicher noch steigen. Verrnrschte». * Berlin, 6. October. Ein bedauerlicher Unglücks- fall ereignete sich heute in einer hiesigen.Privatklinik. Ein junges Mädchen, welches behufs Entfernung eines Kropfes operirt werden sollte, ist in der Narkose verstorben. C * Hamburg, 7. Oktober. Der Tischler Stenin echt, wohnhaft am Schlump 27, brachte in der letzten Nacht seiner Fiau und seiner 16jährigen Tochter Hammerschläge auf den Kopf bei und tödtete sich dann selbst durch enen Schutz in den Mund. Die Frau ist noch bewußtlos, die Tochter ist weniger verletzt. Beide befinden sich im Krankenhause. Eingesandt. Gießen. 7 Ociober 1894. Motto: „Arbeit tu deö Bürgers Zierde, „Segen ist der Mühe Preis." „Res revera, verum gaudiuml" Genuß und Erholung. Das Bedürfniß nach Genüssen aller Art hat sich mit der fortschreitenden Entwicklung des Princips der ArbeitStheilung zu einer geradezu unnatürlichen Höhe gesteigert. Denn je größer die Ärbeitö- thetlung, je intensiver die Arbeitsleistung auf dem Specialgebiet und je intensiver die Arbeit, desto schneller folgt die Ermüdung und damit das Bedürfniß nach Erholung. Wenn fich im Verlaufe dieser Entwickelung mannigfache, tiefgehende Schäden eingestellt haben, so darf man dies nicht dem Principe der ArbeitStheilung in die Schuhe schieben; das wäre gar kurzsichtig. Denn einmal übersieht man, dah dieseSchäden des ursächlichen Zusammenhangs mit demPrtncipeder ArbeitStheilung insofern ermangeln, als trotz desselben, ja bei noch viel höher gesteigerter Ausbildung desselben, jene Schäden aogestellt werden können, wie weiteruntenlnachgewiesen werden soll, dann aberberuht diese falsche Auffassung der Dinge auf einer fehlerhaften Anschauung von dem Gebiet des Princips der ArbeitStheilung. Unter Arbeiten im Sinne dieses Princips sind vernünftigerweise nur solche ThätigkeUen zu verstehen, welche stets die untergeordnete Stelle deS Mittels zu solchen Zwecken einnehmen, die der einzelne ohne die Nothweudigkeil eigener Mitwirkung, auS welchen Gründen immer, erreichen kann. Die Grenze ist im Wesentlichen damit gegeben, daß eine ganze SRihe äußerer Güter erlangt werden können ohne eigenes Zuthun, dagegen Gesundheit und rechtlicher, sittlicher Lebenswandel nur durch eigenes Wollen und Handeln erreichbar sind. Dort herrscht ArbeitStheilung, hier Arbeitsgemeinschaft, wenn man so will. Dabei ist aber zu bemerken, daß eine Reihe solcher Tätigkeiten nicht objectio in die eine oder andere Klasse gestellt werden können, sondern je nach der verschiedenen Beanlagung für den einen Arbeit im obigen Sinne sind, für den anderen Erholung; ähnlich bestimmt ja auch in den beiden Klassen wiederum die subjectiveBeanlagung die Auswahl derThätigkeit. AIS Beispiele zu alledem erinnere man sich, daß ganz allgemein ArbeitStheilung für nöthtg ei achtet wird in folgenden Sachen: Handwerke, Gewerbe, praktische Heilkunst, Nechtdkunde; dagegen kann Niemand für uns turnen, ins Bad gehen, unsere Pflichten erfüllen und endlich lassen wir uns vielleicht gerne Musik oder eine andere Kunst vorführen und betreiben sie doch auch selbst girne. Wenn also mit der höheren Entwickelung deS Grundgesetzes der ArbeitStheilung, eine gesteigerte Genußsucht Hand in Hand geht, insofern alS Die intensivere Arbeitsleistung ein gesteigertes Erholungs- bedürfniß hervorrust und zugleich vielleicht auch mehr Zeit für die Erholung ausspart, so müssen die wahren Ursachen für jene bedauerliche Steigerung der Genußsucht wo anders liegen. Und wer Augen hat zu sehen, Ohren zu hören und den nöthigen Verstand xu denken, der wird sie auch finden. DiejErholung von der Arbeit, für die Arbeit ist nur denkbar, wenn zwei Erfordernisse zusammen- treffen: DaS Mittel der Erholung, d. i. der Genuß, welchen man sich gönnt, muß für den Betreffenden gesund sein, d. h. eS darf seiner körperlichen wie geistigen Arbcitskrast keinen Abbruch thun, und c6 mutz ihm auch wirklich subjectiv ein Genuß sein. Leider ist aber in der großen Mehrzahl der Fälle infolge übler Gewohnheiten der zur Erholung dienen sollende Genuß der Gesundheit der Betreffenden in hohem und höchsten Grade schädlich und was dann scheinbar im süßen Vergessen der Tretmühle täglicher Arbeit gewonnen wird, das wiegt den angerichteten Schaden so wenig auf, daß man gerade mit erhöhter Unlust zur Arbeit geht. Und gerade das zu hindern ist ja der Zweck der Erholung. Dion darf sich ja freilich der Einsicht nicht verschließen, daß manche Einrichtung in unserer herrschenden ArbeitSeinrichlung nichts taugt; aber davon darf man getrost überzeugt sein, daß weitaus die meiste Arbeit weit freudiger verrichtet würde, wählte man zur Erholung das richtige Mittel. Eben indem man dies nicht thut, begiebt man sich eigentlich des Rechtes über seine Arbeit, die man deS lieben Brodes wegen verrichtet, so schroff zu urtheilen, wie es geschieht. „Arbeit ist deö Bürgers Zierde" und „Segen ist der Mühe Preis!" Gerade des köstlichsten Lohnes gethaner Arbeit macht man sich unwerth, nämlich der wonnigen Befriedigung, welche die Erfüllung der für nothwendig erkannten Pflicht mit sich trägt. Und so schwankt man auS einem liebel ins andere. „DaS eben ist der Fluch der bösen That, das; sie fortzeugend Böses mutz gcbähren." Eine schlechte Nacht von Sonntag auf Montag vermag die ganze Woche zu vergällen! Und die Ursach zu alledem liegt darin, daß eben die große Mehrzahl daS Gebiet, aus dem es keine ArbeitStheilung giebt, nicht kennt und nicht darin in der gehäligen Weise von Kindesbeinen an belehrt wird. Im Gegentheil für die Wahl der Genüsse zur Erholung sind in höchstem Grade maßgebend die Tagediebe, die dem lieben Gott die Zeit wegstehlen, welche er uns gesetzt bat, tüchtig zu werden, die diese Zeit zum Ersinnen höllischer Teufeleien und Verlockungen verwenden. Wie können diese Leute, die, wie der Rheinländer sagt, ihren eigenen Schweiß nicht riechen können, denn überhaupt beurtheilen, welche Art Erholung denn dem Arbeitsmüden fiommt? Und doch herrschen fie? Wie reimt sich das zusammen? Es steckt halt in Jedem von uns, Golt seis geklagt, ein Stück „Tagedtebknatur", und es scheint fast. aiS ob eben deren Ueberwindung unser Ziel hier auf Erden sei! Diese rohe Genutzsucht und Faulheit gilt es zu überwinden, und der Wille, welcher sich hierzu nicht bequemt, ist selbst Schuld an seiner Unkenntniß in Dingen der wahren Sittlichkeit, Dioral und der Gesundheitspflege. Die Kurzsichtigkeit, die die Folgen nicht erkennt und dem Augenblick huldigt, wuchert auf diesem Boden. Mons sana in corpore mmo! Gesunder Geist nur im gesunden Körper! Uralter Spruch, wie oro roh ft Du verleugnet! / Zwar die Zeiten sind schlecht, sehr schlecht, kaum, daß man sich und seine Familie ernähren kann, aber zum Früh" und Abendschoppen reichlS noch, und um im qualmenden Tabaküdunst, in tosendem Geschrei und Alkohol- und Fuselduft bis spät in die Rächt hinein zu sitzen, dazu reicht« auch noch! Dabei wundert man sich dann noch, wenn'» in der Gesundheit und im Beutel ein Loch giebt und immer »eiter bergab gebt. Aber freilich, wenn ja Viiemanb diesen Genüssen huldigte, bann wären ja morgen IOOOO Arbeiter biobloO und um dessentwillen mag man schon über den Durst trinken, vom blauen Dunst gar nicht zu reden. Al« ob eS nicht Eanäle xu bauen gäbe, al« ob c« nicht ganze Stadtquartiere überall gäbe, die den sogen. Errungenschaften der Cioilifalion Hohn fprcchen! Aber wav hat man denn noch vom Leben, wenn reicht einmal diele Genüsse gelten sollen ' Wie wobl thut dieses Vergessen de« täglichen StreitrS und Hader«! — Wie schön ist'« hier im Sande mit dem Kopf, sagte Vogel Strauß, da halten sie ihn schon. O Kirchthurm! Kirchthurm, roevhalb vermagst du die Menschen »richt über sich selbst zu erheben? Worin nun wahre Erholung zu frühen sei, der Frage wollen wir in einer der nächsten Nummern nähertreten. Gottesdienst in der Synastoge. Mittwoch den 10. October: VersöhnungSsest. Vorabend 6™ Uhr, Morgen« 7°° Uhr, FestcSauSgang 6<° Uhr. Gottesdienst der israelitischen Relistionsgesellschast. Mittwoch den 10. October: Versöhnungsfest. Vorabend !>'•", Mcn qcnS 7, Fei!,- Q''"_ Iptelplau der vereinigten Iranirfnrter Ltadttheattr vpernhau». Dien-tag den 9. Ociober: Earmen. Dltttwoch den 10. Oc loder: Excelstor. DonnerSiag den 11. October: Der fliegende Holländer. Freitag den 12. October: Der Wild schütz. Samstag den 13. October: Rienzi. Sonntag den 14. October, Nachmittag« 3 CD £ cti CD "O c CD = CD •o CP 03 1 Kaffee-Essenz < <8 Z P •0 v 0 £ s ö K „Preisgekrönt Welt- Ausstellung Chicago“. in Dogen. L Anerkannt bester und aus- Ö gieblgster Kaffeezusatz. ö Weberei? vorräthlg. 6 Vor Nscbahiounzf-n wird gewarnt. ■en - «■*■**■ vr C CD n 3* O: 3 ® £ O =r CO CD CD — 3 P3 O petz o Schellfische rc. von heute ab bis Sonntag f. iägl. Ruf-, hochfeine Waare, im Rebstock. 80t8 Zum Aquarium Wallthorstrahe 5 Feinsten Frühbargunder Most u. 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Kranen Daheim r giebt unter bewährter weiblicher Leitung eine Fülle von Anregungen undRathschlägen für das häusliche Leben. HauSmustkr ist der Pflege der edlen Tonkunst am häuslichen Herde gewidmet. Der x?a«Sgartenr giebt vracttsche Winke für den Gartenbau und die Zimmergärtnerei. Müder« Daheim r bringt für die Kinderstube allerlei Kurzweil, Spiele, leichte Unterhaltungsaufgaben, Beschäftigungen und Räthsel. ------ Aem deutschen Kaufe sei das Daheim zum Abonnement empfohlen, das sich mit heiterem und ernstem Wort und in trefflichen Bildern die Förderung eines edlen deutschen Familienlebens auf dem Fundamente christlicher Weltanschauung zur Aufgabe stellt und die mannigfaltigen Bedürfnisse der Familie nach unterhaltender und anregender Lectüre mit den gediegensten Erzeugnissen der Gegenwart auf dem Gebiete der Literatur und schönen Künste zu befriedigen sucht. Preis: Kiericfj. 2 W., bet freier Zustellung ins Haus 2 M. 15 Pf., auch tn dreiwöchentlichen Kesten ü 50 As. 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