Nr. 210 Samstag deu 8 September 1894 Anrts- und Anzeigeblutt für den Kreis Gieren. Gratisöeikage: Gießener Kamikienökätter. Alle Annoncen-Bureaux der In- und Ausländer nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. 5) Man genieße keine Nahrungsmittel, welche aus einem Hause stammen, in welchem Cholera herrscht. Solche Nahrungsmittel, durch welche die Krankheit übertragen werden kann, z. B. frisches Obst, frisches Gemüse, Milch, sind an Choleraorten nur in gekochtem Zu- stände zu genießen, sofern man über die unverdächtige Herkunft nicht zuverlässig unterrichtet ist. Nach gleichen Grundsätzen ist mit derartigen Nahrungsmitteln zu verfahren, welche aus Choleraorten herrühren. Insbesondere wird vor dem Gebrauch ungekochter Milch gewarnt. 6) Alles Wasser, welches durch Koth, Urin, Küchen- abgänge oder sonstige Schmutzstoffe verunreinigt sein könnte, ist strengstens zu vermeiden. Verdächtig ist Wasier aus Kesielbrunnen gewöhnlicher Bauart, welche gege« Verunreinigung von oben her nicht genügend geschützt sind, ferner aus Sümpfen, Teichen, Wasserläufen, Flüssen, sofern das Wasser nicht einer .wirksamen Filtration unterworfen worden ist. Als besonders gefährlich gilt Wasser, das durch Auswurfsstosse von Cholerakranken in irgend einer Weise verunreinigt ist. In Bezug hierauf ist die Aufmerksamkeit vorzugsweise dahin zu richten, daß die vom Reinigen der Gefäße und beschmutzter Wäsche herrührenden Spülwässer nicht in die Brunnen und Gewässer, auch nicht einmal in deren Nähe gelangen. Den besten Schutz gegen Verunreinigung des Brunnenwassers gewähren eiserne Röhrenbrunnen, welche direct in den Erdboden und in nicht zu geringe Tiefe desselben getrieben sind (abessinische Brunnen). 7) Ist es nichl möglich, sich ein unverdächtiges Wasser im Sinne der Nr. 6 zu beschaffen, dann ist es erforderlich, das Wasser zu kochen und nur g'ekochtes Wasser zu genießen. 8) Was hier vom Wasser gesagt ist, güt aber nicht allein vom Trinkwasser, sondern auch von allem zum Hausgebrauch dienenden Wasser, weil im Wasser befindliche Krankheitsstoffe auch durch das zum Spülen der Küchengeräthe, zum Reinigen und Kochen der Speisen, zum Waschen, .Baden u. s. w. dienende Wasser dem menschlichen Körper zugeführt werden können. Ueberhaupt ist dringend vor dem Glauben zu warnen, daß das Trinkwasser allein als der Träger des Krankheits- stoffes anzusehen sei, und daß man schon vollkommen geschützt sei, wenn man nur untadelhaftes oder nur gekochtes Wasser trinkt. 9) Jeder Cholerakranke kann der Ausgangspunkt für die weitere Ausbreitung der Krankheit werden, und es ist deswegen rathsam, die Kranken, soweit es irgend angängig ist, nicht im Hause zu pflegen, sondern einem Kranken Hause zu übergeben. Ist dies nicht ausführbar, dann halte man wenigstens jeden unnöthigen Verkehr von dem Kranken fern. 10) Es besuche Niemand, den nicht seine Pflicht dahin führt ein Cholerahaus. Vierteljähriger Abonuementsprei«: 2 Mart 20 Pfg. mit , • Bringcrlohn. Durch die Post bezogen 2 Mart 50 Pfg. Rcdaction, Expedition und Druckerei: Stlinlstratze Ir.7. Fernsprecher 51. Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dcS Montags. Die Gießener Aamilieudlätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Ebenso besuche man zur Cholerazeit keine Orte, wo größere Anhäufungen von Menschen stattfinben (Jahrmärkte, größere Lustbarkeiten u. s. w.) 11) In Räumlichkeiten, in welchen sich Cholera- kranke befinden, soll man feine Speisen ober G etränke zu sich nehmen, auch im eigenen Interesse nicht rauchen. _ 12) Da die Ausleerungen der Cholerakranken besonders gefährlich sind, so sind die damit beschmutzten Kleider und die Wäsche entweder sofort zu verbrennen oder in der Weise, wie es in der gleichzeitig veröffentlichten DeSinfectionSanweisung (II. Nr. 3) angegeben ist, zu desinficiren. 13) Man wache auch auf das Sorgfältigste darüber, daß Choleraausleerungen nicht in die Nähe der Brunnen und der zur Wasserentnahme dienenden Flußläufe u. s. w. gelangen. 14) Alle mit dem Kranken tu Berührung gekommenen Gegenstände, welche nicht vernichtet oder desinficirt werden können, müssen in besonderen DeSinfectionSanstalten vermittelst heißer Dämpfe unschädlich gemacht oder minde- stens sechs Tage lang außer Gebrauch gesetzt unb an einem trockenen, möglichst sonnigen, luftigen Ort aufbewAhrt werden. , 15) Diejenigen, welche mit dem Cholerakranken oder dessen Bett und Bekleidung in Berührung gekommen sind, sollen die Hände und die etwa beschmutzten Kleidungsstücke alsbald desinficiren. (II. Nr. 3 der DeSinfectionsanweisung.) Ganz besonders ist dies erforderlich, wenn eine Verunreinigung mit den Ausleerungen des Kranken stattgefunden hat. Ausdrücklich wird noch gewarnt, mit ungereinigten Händen Speisen zu berühren oder Gegenstände in den Mund zu bringen, welche im Krankenraum verunreinigt sein können, z. B. Eß- nnd Trinkgeschirr, Cigarren. . Y . , 16) Wenn ein Todesfall eintritt, ist bie Lerche sobald als irgend möglich, aus der Behausung zu entfernen lind in ein Leichenhaus zu bringen. Kann das Waschen der Leiche nicht rm Leichenhause vorgenommen werden, dann soll es überhaupt unterbleiben. . Das Leichenbegängniß ist so einfach als möglich ernzurrchten. Das Gefolge betrete das Sterbehaus nicht, und man betheilige sich nicht an Leichenfestlichkeiten. 17) Kleidungsstücke, Wäsche und sonstige Gebrauchsgegenstände von Cholerakranken oder -Leichen dürfen unter keinen Umständen in Benntzung genommen oder an Andere abgegeben werden, ehe sie deSmsicirt sind. Namentlich dürfen sie nicht undeöinficirt nach anderen Orten v e r s ch i ck t werden. Den Empfängern von Sendungen, welche derartige Gegenstände aus Choleraorten erhalten, wird dringend gerathen, dieselben sofort womöglich einer DeSinfectionsanstalt zu übergeben oder unter den nöthigen Vorsichtsmaßregeln selbst I za desinficiren. Gießener Anzeiger Generat-Mzeiger. Amtlichem Theil. Bekanntmachung. Das Auftreten der asiatischen Cholera in der Umgegend von Marburg gibt uns Veranlassung, die nachstehend ab* gedruckte Belehrung über das Wesen der Cholera und das während der Cholerazeit zu beobachtende Verhalten hierdurch zur öffentlichen Kenntniß zu bringen. Gießen, 5. September 1894. Großherzogliches Kreisamt Gießen. I. V.: Dr. Melior. Belehrung über das Wesen der Cholera und das während der Cholerazeit zu beobachtende Verhalten. 1) Der Ansteckungsstoff der Cholera befindet f i ch in den Ausleerungen der Kranken, kann mit diesen auf und in andere Personen und die mannigfachsten Gegenstände gerathen und mit denselben verschleppt werden. Solche Gegenstände sind beispielsweise Wäsche, Kleider, Speisen, Wasser, Milch und andere Getränke; mit ihnen allen kann auch, wenn an oder in ihnen nur die geringsten, für die natürlichen Sinne nicht wahrnehmbaren Spuren der Ausleerungen vorhanden sind, die Seuche weiter verbreitet werden. 2) Die Ausbreitung nach anderen Orten geschieht daher leicht zunächst dadurch, daß Cholerakranke oder kürzlich von der Cholera genesene Personen den bisherigen Aufenthaltsort verlassen, um vermeintlich der an ihm herrschenden Gefahr zu entgehen. Hiervor ist um so mehr zu warnen, als man bei dem Verlassen bereits angesteckt sein kann und man andererseits durch eine geeignete Lebensweise und Befolgung der nachstehenden Vorsichtsmaßregeln besser in der gewohnten Häuslichkeit, als in der Fremde und zumal .auf der Reise, sich zu schützen vermag. 3) Jeder, der sich nicht der Gefahr aussetzen will, daß die Krankheit in sein Haus eingeschleppt wird, hüte sich, Menschen, die aus Choleraorten kommen, bei sich aufzunehmen. Schon nach dem Auftreten der ersten Cholerafälle in einem Oct sind die von daher kommenden Personen als solche anzusehen, welche möglicherweise den Krankheitskeim mit sich führen. 4) In Cholerazeiten soll man eine möglichst geregelte Lebensweise führen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß alle Störungen der Verdauung die Erkrankung an Cholera vorzugsweise begünstigen. Man hüte sich deswegen vor allem, was Verdauungsstörungen Hervorrufen kann, wie Uebermaß von Essen und Trinken, Genuß von schwerver* daulichen Speisen. Yr „ Ganz besonders ist alles zu meiden, was Durchfall verursacht oder den Magen verdirbt. Tritt dennoch Durchfall ein, dann ist so früh wie möglich ärztlicher Rath einzuholen. vielleicht über den Anhalt nach. Ein sehr sympathisches Bild ist der „Liebesfrühling" von A. Ritzberger, das zusammen mit dem Zickendraht'schen „Erblüht", welches Tizian'sche Bahnen wandelt, am häufigsten als Photo- graphie erstanden wird. Die Motive aus dem religiösen Vorstellungskreise stellen sich von Jahr zu Jahr zahlreicher ein. Auf der Berliner Ausstellung wären da vor allem zu vermerken: Die „Pieta" von Franz Stuck, bei welcher dre Leichenstarre, in welcher sich schon der Verwesungsproceß ankündigt, be- sonders betont ist. Im Gegensatz zu dieser stark natura- listiscben Auffassung und Behandlung steht die „Pieta' von Hans Tichy (Wien). „In Bethlehems Stall" von W. Spatz ist ein Bild voll rührend-naiver Andacht. — „Jesus die Kinder segnend" von G. Fugel, „Maria und der Schafhirt" von Scheurenberg, „Das letzte Abendmahl" von F. Zimmermann, „Christus und die Jünger in Emmaus", „Wahrlich, ich sage euch, Einer unter euch wird mich verratyen . . von Felix Possart — sind sämmtlich Werke, bei welchen man von intimem Einleben in das Thema sprechen kann. Die mythologische Welt befruchtet die Phantasie moderner Maler bei weitem nicht so stark, wie ehedem die der Renaissancemenschen. Wo sich in der Gegenwart mythologische Motive zeigen, steht der bildende Künstler meist im Banne pantheistischer Vorstellungen, d. h. er läßt die göttlichen und halbgöttlichen Wesen mit der sie umgebenden Natur eine so fiste Verbindung eingehen, daß das landschaftliche Moment als etwös Wesentliches und nicht blos als Hintergrund mit» Feuilleton. Hochsommerzeit in Berlin. Briefe aus der Reichshauptftadt für den „Gießener Anzeiger". Gemäldeausstellung. (Schluß.) Im Land sch afts stück fesseln vor allem die in leuchtendes Colorit getauchten Gemälde von Oswald Achenbach (Düsseldorf) und Jose Ville gas (Rom). Vergleicht man diese von Sonnengold und südlichem Leben durchfiutheten Scenen aus Rom und Venedig mit der kühlen, cvrrecten Art Canalettos und seiner Schule, so wird uns der Gegensatz zwischen früher und jetzt in der Auffassung der Landschaft deutlich in die Augen springen. Es ist mehr Wärme und blühendes Leben in den modernen Landschaften. Das Historienstück, abgerechnet von einigen Schlachten- gemälden, hat nur spärliche Vertretung gesunden, hingegen präsentirt sich die gemalte Novelle und das Genre in einigen reizvollen Exemplaren. „Frühlingsdrama" von Theod. Rauecker (München) enthält eine ganze Geschichte, von der wir die Katastrophe vor Augen geführt bekommen: Die mit klaffender Stirnwunde am Boden liegende junge Nonne, die gerissene Strickleiter, der fanatische Ausdruck in den Zügen der in verdammender Haltung auf der Thürschwelle erscheinenden Oberin, die bestürzten Blicke der Umstehenden sagen genug zur Erklärung. „Dämmerung" von I. Block (München) zeigt ein junges Ehepaar in der traulichen Dämmerstunde, er hält -ein Buch in der Hand, sie hat zugehört und denkt jetzt wirkt. So Hermann Hendrich in dem „Märchen von der Rose" und W. Crane in „Die Rosse des Neptun , wo sich aus den Wogenkämmen die Bildung von Roßmähnen entwickelt. • Die mythische Einzelpersönlichkeit in ihrem Fürfich fassen ins Auge das Seligmann'sche Gemälde: „Hermes geleitet die Seelen der Verstorbenen in die Unterwelt", auf welchem die ernste, göttliche Schönheit des TodtenführerS und das lautlose Schweben der Schatten besonders zum Ausdruck kommt, und das dramatisch bewegte E. Marx'sche „Loki und Sipyn", das nordische Pendant zur griechischen Prometheussage- der bange, sorgende Zug in den Mienen des Weibes, das bemüht ist, dem gefesselten Gatten die auf ihn niedersallenden Gisttropfen fernzuhalten, ist vom Maler mit innerer Antheilnahme dargeftellt. Schlichte, naive Märchenstimmung lebt in den Bildern von Paul Mohn. In drei Wandgemälden, besttmmt für das RathhauS zu Erfurt, hat Ed. Kaempffer den phantastischen Gehalt der Faustsage in Uebereinstimmung mit der volksthümlicheu Überlieferung auszudrücken vermocht. Den Eindruck eines großen Wollens und kraftvollen Könnens gewinnt man beim Anblick der „Allegorischen Darstellung der Industrie" durch Hugo Vogel: die Industrie, unter dem Schutze der von der Wehrkraft gehaltenen Reichs- frone, übergibt Arbeitern ihre Werkzeuge. Es ist ein Triumphlied der Arbeit, das hier in Farben vor uns auf- fteigt, und seiner ganzen Auffassung nach ein optimistisches Gegenstück zu den Bittern und Bildwerken, welche die beklagenSwerthen Opfer des Werktagmühens verewigen. Cholerawäsche soll nur dann zur Reinigung angenommen werden, wenn dieselbe zuvor desinficirt ist. 18) Andere Schutzmittel gegen Cholera, als die hier genannten, kennt man nicht, und es wird vom Gebrauch der in Cholerazeiten regelmäßig angepriesenen medicamentösen Schutzmittel (Choleraschnaps u. s. w.) ab- gerathen. Nerrefte Wolff» telegraphische» Korrespondenz-Bur r«w. Berlin, 6. September. Professor von Helmholtz erlitt heute einen neuen Sch lag an fall. Der Zustand ist bedenklich. Köln, 6. September. Die „Köln. Ztg." meldet aus Petersburg: Gegenüber verschiedenen Gerüchten über die Krankheit des Kaisers wird bestunterrichteterseitS versichert, Sacharjin halte daran fest, hinreichende Ruhe und Schonung würden den Kaiser in verhältnißmäßig kurzer Zeit wieder vollständig Herstellen. Sacharjin soll hauptsächlich nach Bojelowesch mitgereist sein, um daselbst den vom Kaukasus kommenden Großsürften Georg nochmals zu untersuchen. Königsberg, 6. September. Bei dem heutigen Manöver trat das Nordcorps zuerst bei Wernsdorf mit dem Feind in Berührung. Der commandtrende General v. Werder entwickelte während des Vormarsches die zweite Division nördlich von Wernsdorf und ließ die Corpsartillerie auffahren, die kräftig in den Kampf eingriff. Das Gros der Süd- divlfion nahm inzwischen bei Tharau auf den Höhen von Ernsthof Stellung, die das Nordcorps mit drei Brigaden energisch angriff. Während der Kampf hier stockte, eroberte das Nordcorps das Defilv von Tharau, wobei die Infanterie bis an den Leib im Wasser den Frischingfluß durchschritt. Die Cavalleriedivision ging mit dem linken Flügel vor. Das Nordcorps erstürmte den Galgenberg, und der Tag war somit zu Gunsten des Nordcorps entschieden. Um 3y2 Uhr kehrten der Kaiser, der König von Sachsen und Prinz Albrecht m die Stadt zurück. Die Kaiserin war Vormittags ebenfalls m das Manövergelände gefahren. — Der Kaiser verlieh dem 10. Dragonerregiment den NamenSzug des Königs von Sachsen auf den Epauletten und Achselklappen. Der Köni.'g von Sachsen nimmt an dem ihm zu Ehren veranstalteten 1 Diner des Osfiziercorps Theil und tritt nach dem Diner die Rückreise an. Heute Nachmittag 4 Uhr 50 Min. trafen der König von Württemberg und Herzog Albrecht von Württemberg hier ein und wurden im Schloß vom Kaiserpaar herzlichst empfangen. Paris, 6. September. Die indirecten Staatseinnahmen blieben im August hinter dem Voranschlag um 73/4 Millionen Francs zurück, darunter die Zölle um 3,420,000 Francs. WB. Königsberg, 7. September. Bei der gestrigen Galatafel toastete der Kaiser auf den König von Württemberg, welcher dankend erwiderte. Sodann toastete der Kaiser auf die Provinz Ostpreußen, indem er ausführte, er habe mit Kummer bemerkt, daß seine besten Absichten gegenüber der Landwirthschaft mißverstanden, sogar Worte der Opposition laut geworden seien. Die Opposition der preußischen Adeligen sei ein Unding, der Adel müsse den König mit Vertrauen unterstützen. In den letzten 4 Jahren seien für Ost- und Westpreußen 110 Millionen aus allgemeinen Staatsmitteln aufgewendet, das Königliche Versprechen also gehalten worden. Der Kaiser forderte zum Kampfe für Religion, Sitte und Ordnung gegen die Parteien des Umsturzes auf; möge der Adel ein leuchtendes Vorbild für den noch zögernden Theil des Volkes werden. Depeschen deü Burr»u „Herold''. Berlin, 6. September. Der „Reichsanzeiger" veröffent- licht eine größere Anzahl von Ordensverleihungen anläßlich der Anwesenheit des Kaisers in der Provinz Ostpreußen. Berlin, 6. September. Der StaaiSsecretär v. Bötticher ist nach Beendigung eines mehrwöchigen Urlaubs gestern wieder in Berlin eingetroffen und hat seine Amtsgeschäfte wieder übernommen. Es verlautet, der Rücktritt v. Böttichers sei nur eine Frage der Zeit. Berlin, 5. Sept'wber. In Ri eßen bei Guben brach in einem Bauerngehöst, in dem Mannschaften des 4. Garde- Regiments einquartirt waren, Feuer aus. Das Feuer verbreitete sich in dem Raume, in denk die Soldaten schliefen, so schnell, daß dieselben sich in ihrer Schlaftrunkenheit nicht zurechtfinden konnten. Zwei, Klopp von der 9. und Mar- tcnsen von der 12. Compagnie, verbrannten, während ein Unteroffizier, ein Gefreiter und ein Gemeiner schwere Verletzungen erlitten. Torgau, 6. September. Wie das Reichsgesundheitsamt feslgestcllt hat, ist hier auf einem Elbekahn ein Schiffer an Cholera gestorben. München, 6. September. Die „M. N. N." theilen mit, Hauptmann von Kreß zu Kressenstein sei an einem Sch lag an fall gestorben. Die Nachricht, es sei auf denselben ein scharfer Schuß abgegeben worden, bewahrheitet sich nicht. Glatz, 6. September. Einer Meldung der „Glatzer Zeitung" zufolge haben österreichische Artilleristen sich arge Ausschreitungen in dem preußischen Dorfe Steinbach zu Schulden kommen lassen. Die Wirthschaft wurde mit Steinen bombardirt, der Wirth mißhandelt. Die österreichische Militärbehörde leistet Genugthuung und Schadenersatz und hat die Bestrafung der Schuldigen veranlaßt. Budapest, 6. September. Der ungarische Finanzminister richtete an sämmtliche Eisenbahnbrücken- und andere Bauunternehmungen einen Erlaß, daß bet den Bauten höchstens 50 pCt. fremder Arbeiter beschäftigt werden dürfen! und diese auch nur dann, wenn die Unternehmer nicht genügend i einheimische Kräfte erhallen können. Paris, 6. September. Ein furchtbarer Gewittcr- sturm hat heute das Tarndcpartement heimgesucht. Mächtige Bäume wurden entwurzelt und Weinberge auf 20 Kilometer Wegs Vernichter. Viele Winzer sind vollständig ruinirt: der Schaden ist enorm. London, 6. September. Nach den letzten Nachrichten wird die Auflösung des Grafen von Paris stündlich erwartet. Antwerpen, 6. September. Heute wurden 90 Congo- < neger von der Ausstellung an Bord des Schiffes „Eduard Bohlen" nach ihrer Heimath eingeschifft. Das Schiff war festlich geschmückt. Eine große Anzahl Abgeordnete, höhere Beamte, Offiziere, sowie das Ausstellungscomits machten die Fahrt bis Vlissingen mit. Eine ungeheure Menschenmenge wohnte der Abfahrt bei. Brüssel, 6. September. Die hiesige Polizei forscht eifrig nach ein m Manne, welcher in einer Restauration geäußert hatte, er werde bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit den König der Belgier erdolchen, weil ihn dieser nach einer Verurtheilung nicht begnadigt habe, Cocak» u«6 provinzielles. Gießen, den 7. September 1894. * • Ernennungen. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, die Forstasscfforen Karl Heyer aus Arnsburg und Ludwig Hämmerle aus Daub- ringen zu Oberförstern der Oberförstereien Beerfelden bezw. Münchhof zu ernennen. * * Die 116t sind vorgestern unter klingendem Spiele qu» den Mainorten und im Rodgau nach dem vorderen Odenwalde abgerückk. Die in Seligenstadt einquartierten Compagnien wurden nach 7 Uhr alarmirt und marschirten wenige Minuten später mit der RegimentSmusik nach Babenhausen und Umgegend. Die Soldaten waren voll des Lobes über die ihnen hier gewordene Verpflegung. Die Herren Offiziere veranstalteten an den zwei vorhergehenden Abenden im „Frankfurter Hofe" Abschiedskränzchen. * * Einquartierung erhielt heute dis Stadt durch eine Abtheilung des Thüringischen Ulanen'Regiments Nr. 6. * * Unfälle. Am Bahnhofsumbau wurde heute Vormittag durch eine losgekeilte Erdmaffe ein Arbeiter ver- schüttet. Derselbe erlitt außer einer Kopfverletzung einen Oberschenkelbruch und wurde in die Klinik gebracht. — An einem Neubau in der Frankfurterstraße fiel heme Morgen ein Eimer von dem Gerüst und einem unten stehenden Ar beiter auf den Kopf. Der Arbeiter wurde derart verletzt, daß er in J)ic Kl'nik ausgenommen werden mußte. * * Können Militärpersoneu, die von einem Civilgericht als Zeugen geladen, aber ohne Entschuldigung ausgeblieben find, bestraft werden? Mit dieser Frage hatte sich jüngst die Strafkammer in Posen zu beschäftigen. Ein Feuerwerkshauptmann war in einem Procesie als Zeuge geladen, aber nicht erschienen. Die Strafkammer faßte den Beschluß, an die Commandantnr des 5. Armeecorps das Ersuchen zu richten, eine Bestrafung deS Hauptmanns herbeizuführen. ** Zur Unfallversicherung. Gestern fand in Darmstadt unter Leitung des Vorsitzenden der Großhcrzoglichen Centralstelle für die Gewerbe, Regierungsrath Dr. Hesse, eine Berathung über den Inhalt des Gesetz-Entwurfes, betreffend die Ausdehnung der Unfallversicherung statt, zu der eine größere Anzahl Gewerbetreibender aus allen Theilen des Landes erschienen waren. Die Offenbacher Handelskammer war durch Herrn Commerzienrath Böhm vertreten,- der Vorsitzende der Jnvaliditäts- und Altersversicherungsanstalt für das Großherzogthum Heffen, Herr Regierungsrath Dr. Dietz, hatte bereitwilligerweise die Erläuterung des Entwurfes übernommen. Wenn in der allgemeinen DiScussion auch eine Reihe berechtigter Klagen über die Schwerfälligkeit und die durch die complicirte Verwaltung bedingte Koitspieligkeit der jetzigen Unfallversicherung Ausdruck fanden, so waren es doch nur wenige Stimmen, welche vor einer Verbesserung der bestehenden Einrichtungen die Erweiterung der Versicherung grundsätzlich ausgeschlossen wissen wollten- die überwiegende Mehrheit hält eine Erweiterung — insbesondere die Ausdehnung auf die sogenannten gemischten Betriebe — für durchaus erforderlich. Doch sei zur Vermeidung unnöthiger Belastungen rc. eine Beschränkung auf solche Betriebe geboten, bei denen eine besondere Unfall- gefahr vorliege, da die in leichteren Betrieben bestehenden Gefahren diejenigen bei häuslichen Dienstleistungen z. B. nicht überträfen, für diese auch durch die Krankenversicherung, lm Noch falle durch bte Jnvaliditäts- und Altersversicherung wohl in ausreichend erscheinendem Maße gesorgt sei. Die Anschauungen der Versammlung über die Hauptpunkte fanden m folgenden Sätzen ihren Ausdruck: Die Erweiterung der Unfallversicherung soll sich auf solche Betriebe beschränken, welche bereits seither theilweise versichert waren oder die mit besonderer Unfallgesahr verbunden sind. Die Betriebe, die der Versicherungspflicht unterworfen werden sollen, sind in dem Gesetze namentlich oufzusührcn. Für diejenigen Betriebe, welche der VerfichernngSpflicht seither nicht unterlegen haben, sind örtliche Unfallversicherungsgenoffcnschaften zu bilden, deren Verwaltung einer bestehenden Organisation zu übertragen sein dürfte. Für diejenigen Betriebe, welche bereits thetlweiie feither versicherungspflichtig waren, sind die Bestimmungen des Gesetz-Entwurfes, welche ein Ausscheiden au» den bestehenden Berufsgenossenschaften ermöglichen, im Princip aufrecht zu erhalten, aber eine möglichste Verein fachung derselben yerbeizufühcen. Die nothwendigen Mittel sind durch das Umlageverfahren oufzubringen. Bei den Verhandlungen wurde außerdem vielfach der Wunsch ausgesprochen, daß ein Weg gefunden werden möge, um eine freiwillige Versicherung kleinerer Bekriebsunternehmer auch der außerhalb des Gesetzes stehenden Betriebe — etwa im Anschluß an zu bildende örtliche Unfallversicherungs- > genossenschaften ohne allzugroße geschäftliche und finanzielle Belastung zu ermöglichen. 1 Bad-Nauheiw, 5. September. Rentier Fritz Koch hier hat »feine neuerbaute Villa an der Burgallee zum Preise von 40000 Mark an den Zahnarzt HoddeS aus Gießen verkauft. A Mainz, 6. September. In der gestrigen nichtöffentlichen Stadtverordnetensitzung wurde die Aufnahme eines städtischen AnlehenS in der Höhe von 5 000000 Mk. beschlossen. Dasselbe ist zur Aussührung der großen städtischen Unternehmungen, wie Schlacht- und Viehhof, Wafferwerk rc. bestimmt, doch soll vorerst nur eine Million begeben werden und zwar in Schuldverschreibungen von 2000, 1000, 500 U"d 200 Mk. Der Zinsfuß soll 3^/, Procent sein und sind als Einlösungsstellen außer Mainz noch Frankfurt und Berlin vorgesehen. Die Vergebung des Anlehens soll in enger Sub- ulission unter einer Reihe bedeutender Bankfirmen erfolgen. Schlußtermin zur Anmeldung für Uebernahme des AnlehenS- ist der 18. September. — Entgegen den in einer Reihe auswärtiger Blätter verbreiteten Gerüchten, daß unter den in die hiesige Garnison zurückgekehrten Truppen des 87. und 88. Regiments die Cholera herrsche, wird von amtlicher Seite miigetheilt, daß diese Gerüchte absolut unbegrünoet seien. Der Gesundheitszustand in den beiden Regimentern sei, wie auch bei der hiesigen Civtlbevölkerung, der denkbar beste. * Marburg, 6. September. Heber den Stand der Cholera in Bürgeln geht der „Oberheff. Ztg." solgende amtliche Mittheilung zu: „Am Dienstag sind in Bürgeln drei Personen neu an der Cholera erkrankt. Die Krankheitserscheinungen sind leicht und ließen nicht ohne Weiteres auf asiatische Cholera schließen. Erst die bacterio- logische Untersuchung, welche gestern Abend beendet war, hat mit Sicherheit ergeben, daß es sich in diesen drei Fällen nm Cholera handelt. Bis gestern Abend ist kein neuer Fall hinzugetreten. Im Ganzen befinden sich zur Zeit zwölf an Cholera Erkrankte in Bürgeln in ärztlicher Behandlung. Ein Todesfall .ist seit Sonntag Nachmittag nicht vorgekommen. Eine transportable Baracke ist von der Garnison-Berwaltung in Mainz abgesandt und vom Bahnhof Cölbe nach Bürgeln gebracht worden. An der Aufstellung wird gegenwärtig gearbeitet. Die Baracke bietet Raum zur Aufnahme von 18 Kranken." — Der -ICorrespondent der „Oberheff. Zig." hat von Herrn Prof. Dr. Fränkel noch Folgendes erfahren: „Die Häuser, in denen die neuen Erkrankungsfalle vorkamen, befinden sich in nächster Nähe derjenigen, welche die bisher bekannten Fälle aufzuweisen haben. Im Allgemeinen ver- theilen sich die einzelnen Fälle nicht über das ganze Dorf, vielmehr beschränkt sich die Seuche auf einen bestimmten Häusercomplex. Die Genesung der Erkrankten dauert an und macht Fortschritte." * Marburg, 6. September. Nachträglich wurde bei drei am Dienstag in Bü rg e ln vorgekommenen Erkrankungen leichte asiatische Cholera festgestellt. Ein neuer Todesfall ist nicht zu verzeichnen. Im Ganzen liegen in Bürgeln jetzt 12 Personen an Cholera darnieder. Der Gesundheüs- zustand ist hier sonst vorzüglich. Oderpräfident v. Magdeburgs von Kaffel trifft heute hier ein. * Frankfurt a. M., 5. September. Das Geschäft in Kelterobst ist in vollem Gange. Biele Abschlüsse mit den Agenten der Landgemeinden wurden auch auf Lieferung für Mitte nächsten Monats gemacht- das Malter Aepfel stellte sich dabei auf 5 Mark. * D. Frankfurt a. M., 6. September. Unter den zahl- reichen neu eingetroffenen Thieren des Zoologischen Gartens sind die meisten als Meerbewohner in das Aquarium gewandert. Die Badeverwaltung von WittdÜn auf der Insel Amrum schenkte einen Seehund, der leider noch zu jun# ist, um am Leben zu bleiben. Prächtige Quallen langten aus der Ostsee an, die gleich schleimigen Gallertglocken durch das salzige Becken rudern. Aus der Nordsee trafen gegen. 30 Fische ein, darunter kleine Haifischarten und Lippfische von allen Größen und Farben- große, stachlige Seespinnen, Bernhardiner Krebse und Krabben verschiedener Größe. Den Tintenfischen aus der Adria wurde vorher, ehe sie in das Aquarium eingesetzt wurden, durch Stecken ihre Tinte entlockt, sodaß sie ihr Wasser nicht mehr so sehr trüben können. Die electrischen Rochen, die sich vor dem Lichte verbergen und sich daher in den Sand einwühlen, wurden in einem künstlich verdunkelten Becken (bei Gasbeleuchtung) untergebracht. Im Ganzen beträgt die Zahl der im Aquarium ausgestellrcn Thiere mehrere Hundert Exemplare. * Dauzig, 6. September. Der Hilfssteuerbeamte S kaf ski wurde in vergangener Nacht bei einem Patrouillengang im Hafen von zwei Unbekannten ins Wasser gestoßen und ertrank. Die Verbrecher sind entkommen. * Leipzig, 5. September. Gestern Mittag schoß in Leipzig-Lindenau der 25jährige Handlungögehülfe H. Oskar aus Zschoppau vermuthlich wegen Kündigung seiner Stelle dem Director der Leipziger Baumwollspinnerei, dem 46jährigen Karl Gustav Peger, aus einem Revolver eine Kugel in die Brust und dann eine weitere Kugel sich selbst in den Kopf. Der Mörder ist wenige Stunden daraus, das bedauernSwerthe Opfer seiner Rachsucht in dieser Nacht gestorben. * Stuttgart, 6. September. Der Oberhosmeister a. D- Freiherr von Reischach, der auf seinem Gute Rüßdorf bei Vaihingen i. E. weilte, ist bei einer Spazierfahrt auk dem Wagen gestürzt, was feinen sofortigen Tod zur Folge hatte. * Würzburg, 6. September. In dem benachbarten Winterhausen wurde die Frau des Küfers Meier tobt im Main aufgefunden. Der Mann derselben wurde unter dem Verdacht des Mordes verhaftet. * Loudon, 6. September. Bei dem Aufstieg des militärischen Fesselballons im Truppenlager zu Aldershot, dem der Herzog und die Herzogin von Connaught beiwohnten, entlud sich ein heftiges Gewitter. Der Blitz schlug in- den Ballon, welcher unter furchtbarer Detonation platzte. Bier Soldaten wurden vom Blitz getroffen und tödtlich verletzt. Schistsnachvichten. Norddeutscher Lloyd, In Gießen vertreten durch die Agenten Carl Loos uno I. M. Schulhof. Bremen, 5. Septbr. [Sßer transatlantischen Telegraph-!! Der Schnelldampfer Elbe, Capt. K. v. Gössel, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher