M. 286 Der chietzener ^niriflcr erscheint täglich, mit 2luSnahme deS Montags. 2)« Gießener It«mirtenvrLt1er werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt. Zweites Blatt. Donnerstag den 6 December___________________ Gießener Anzeig er Keneral-Mnzeiger. ___1894 Vierteljährig« Avanue meutspretsr 2 Marl 20 Pfg. mit Bringerlohu. Durch die Post b»vß« 2 Mark 50 Pfg. Rcbaction, ExpediNo» ■nb Druckerei: Kchntstrahe yr.7. Aernsprechrr bl. Amts- und 2ln;>cmeblatt für den "Kreis Gieren. chratisöeikage: Kießener Jamitienölätter Die Socialdemokratie und der Bauernstand. Die „Köln. Ztg." schreibt hierüber u. A.: Die Beschlüsse des socialdemokraüschen Parteitages über die Landagitation verdienen alle Aufmerksamkeit der bürgerlichen Parteien, die der Gefahr, daß die kleinbäuerliche Bevölkerung mit der Zeit von der socialdemokratischen Führerschaft etngefangen werde, eifrig entgegenarbeiten muß. Die Zustimmung, die VollmarS Vorschläge über die wirksamste Art des Bauernfangs gefunden haben, läßt erkennen, daß nunmehr auch in Deutschland die Socialisten ihren wahren, den Bauern selbstverständlich verhaßten Zielen eine dichte Umhüllung anthun und zunächst sich lediglich als Vertreter solcher Forderungen aufspielen werden, die auch von den bürgerlichen Parteien vertreten werden können. Schon die französischen Socialisten haben aus ihrem unlängst abgehaltenen Congreß offen erklärt, daß man durch Betonung der letzten Ziele des Socialismus, also vor Allem der Verstaatlichung von Grund und Boden, der Aufhebung des privaten Grundeigenthums, den Bauer nur abschrecke. Mit anderer Taktik ist demgemäß ein neues Programm für die Bearbeitung des flachen Landes ausgestellt worden, worin nicht von Verstaatlichung des Grundeigenthums, sondern von der Erleichterung der Grundsteuer, von Ver- befferung der Wege, von Staatszuschüssen für bäuerliche Genoffenfchaften usw. die Rede ist. Aehnlich werden jetzt die deutschen Socialisten verfahren, nachdem sie zu der Ueber- zeugung gekommen sind, daß ohne die Bekehrung des Bauernstandes ihre Bemühungen fruchtlos bleiben müssen. In Bayern hat Herr v. Vollmar bereits gezeigt, wie man durch einen solchen, dem Grundsätze, daß der Zweck die Mittel heilige, gerecht werdenden Feldzugsplan erhebliche Erfolge erringen kann. Daß man dieses Verhalten als politischen Bauernfang bezeichnet — welcher Ausdruck zuerst nicht von den Gegnern, sondern von den eigenen Genoffen herrührt — ficht die Urheber dieser neuen Agitationsweise wenig an. Sie denken, vielleicht von ihrem Standpunkt nicht mit Unrecht, daß ja der Stimmenfang die Hauptsache ist und auch andere Parteien sich schon allerlei Mäntelchen umgehängt haben, wenn es sich darum handelt, Wahlvortheile zu erringen. Wenn nun aber in dem bayerischen Bauernstände, der, durch und durch confer» vativ, aus seiner angeborenen Schwerfälligkeit nur schwer aufzurütteln' ist, die Künste des Herrn v. Vollmar schon beachtenswerthe Erfolge errungen haben, warum sollen sie in anderen Gebieten deS Reiches ohne Wirkung bleiben? ES ist deshalb die dringendste Pflicht der bürget« lichen Parteien, dem Socialismus bei seiner Bearbeitung der bäuerlichen Bevölkerung enkgegenzutreten und sich nicht darauf zu verlaffen, daß der Wühlerei auf dem Lande vielleicht durch die Gesetzgebung und Verwaltung Einhalt gethan werde- die Parteien dürfen sich keineswegs damit begnügen, auf dem Lande Versammlungen zur Wahlzeit abzuhalten, während der übrigen Zeit aber sich um die Land- bezirke gar nicht zu bekümmern, sondern fir müssen der emsigen Agitation der Socialdemokraten durch Aufklärung der bäuerlichen Bevölkerung über deren letzten Ziele entgegentreten. Hiermit muß ober eine entschiedene Vertretung der bäuerlichen Jntereffen und der berechtigten Wünsche verbunden werden. Fehler, wie sie in den letzten Jahren gemacht wurden, z. B. bei der Regelung des Ersatzes für Wildschaden, sind unter allen Umständen zu vermeiden. Der Bauer muß wieder die Ueber- zeugung erlangen, die er leider vielfach eingebüßt hat, daß seine Jntereffen bet den Vertretern der bürgerlichen Mittelparteien am besten gewahrt sind, während sein Anschluß an die Socialdemokratie nur den Erfolg haben kann, ihn deffen zu berauben, worauf er mit Recht so stolz ist, seines Grundeigenthums. Es wäre ein großes Unglück, wenn die bürgerlichen Mi11elpart eien für die Wichtigkeit dieser Aufgabe nicht volles Verständniß hätten. ES fehlt ihnen nicht an den geeigneten Kräften, sich derselben mit gedeihlichem Eifer anzunehmen. Sie verfügen über zahlreiche Persönlichkeiten, die wohl fähig sind, den Eroberungszug der Socialdemokratie auf dem flachen Lande zu hemmen. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg, heißt es im Sprüchwort. An dem Willen hat es bei den bürgerlichen Parteien bis jetzt gefehlt, möchte er sich jetzt, wo es noch Zett ist, die Thätigkeit der Socialdemokratie auf dem Laude zu hirnmen, baldigst einstellen- dann wird man sich auch leichter über daS verständigen, was zu thun und zu unterlassen ist. er keinen Anstand, rasch den Brief zu öffnen und zu lese». Der Inhalt lautete: „Geliebte Eltern! Wir können uns nicht bekommen, daS habt Ihr erst gestern gesagt, da wir noch zu jung, ick 18 Jahre und Ernestine 17 Jahre alt ist, und ich zu wenig Geld habe. So wollen wir denn aus de« Leben scheiden. ' Wenn Ihr diesen Brief erhaltet, so habe« wir uns bereits in den Baumgartner Friedhof geflüchtet. Wir haben beschloffen, uns dort, wenn möglich, in der Dunkelheit in ein vorbereitetes Schachtgrab zu stürzen «nb das in unserem Besitze befindliche Gift zu nehmen. Sollte uns das nicht gelingen, so vergiften wir unS bei einbrechender Dunkelheit auf dem Grabe meiner theuren entschlafene« Großmutter. Verzeihet Euren Kindern Karl und Ernestine." Der Herr eilte den Selbstmordcandidaten nach- die richtig in den Friedhof gingen. Als beide auf einem Grabe kniete«, näherte er sich ihnen und forderte sie auf, bei Vermeidung alles Aufsehens, ihm sofort zu folgen. Aufs Höchste be- stürzt, kamen die jungen Leute der Aufforderung nach, al- sie den Brief in den Händen des Herrn erblickten. Der Reiter der beiden fuhr bann mit den jungen Leuten in einem Wagen nach dem siebenten Bezirke und brachte das Mädche« zu den Eltern zurück. Die Eltern des jungen Paares sollen nun entschlossen sein, der Verbindung der Liebenden tel* Hinderniß in den Weg zu legen. ♦ Das Erdbeben in Suditalien legt sich nach und nach. Die einzelnen Stöße werden schwächer und folgen sich nur noch in langen Zwischenräumen. Das Zerstörungswerk des Erdbebens ist fürchterlich. Drei blühende Provinzen liegen verwüstet, und ihre Bewohner sind obdachlos und elend. Mehr als 50 Städtchen und Dörfer, die vor acht Tagen noch den Seefahrer freundlich grüßten, der von Neapel der Straße von Messina zusegelte, sind heute in Trümmerhause« v-rwandelt. Nach dem lachenden Palmi vor Allem, daS vv« seinem Hügel unter Oelbäumen und Palmen so keck in dadunkelblaue Meer lugte, schaut heute der Schiffer vergeblich aus. Von den Hunderten der weißleuchtenden Häuser dc- Städtchens stehen nur noch 15 oder 20 aufrecht. Die Kirche« sind alle zulammengestürzt. Mit unsäglicher Mühe hat das Volk die Heiligenbilder auS den Trümmern außgegraben und nach dem Marktplatze gebracht. Wenn nicht die Soldate« ihnen Baracken bauten und Zelte aufschlügen, sie selber würde« sich nicht um eine Stätte sorgen, wo sie des Nachts ihr Haupt hinlegen können. Wer irgend diesem Elend entfliehe« konnte, ist geflohen, nur die Armen find zurückgeblieben, denen ihr Häuschen und ihr Hausgeräth Alles war. Aber Palmi gehört noch zu den weniger schwer heimgesuchten Orten. Von seinen 10000 Einwohnern find nur 5 ober 6 getöbtet worden, und wenn sich auch die Zahl der Verwundeten auf mehr als 100 beläuft, so ist für diese doch Hilfe zur Stelle. Wie furchtbar ist im Vergleiche damit das Elend in den abgelegenen Gebirgsdörfern, wo die einstürzenden Häuser Hunderte von Menschen begruben, wo es an Brod für die Geretteten, an Aerzten für die Kranken, an Särgen und Todtengräbern für die Getödteten fehlt. Ein herzzerreißender Nothfchrei erschallt aus Seminara im kalabrischen Apennin. „Heute Früh 7*/3 Uhr," so schreibt der Sindaco des Dorfes an ein neapolitanisches Blatt, „war ein neuer, heftiger Erdstoß. Alles stürzt zusammen. Verlaffen in den Schluchten unserer Berge, ohne rasche Verbindung mit der Außenwelt, gelangen unsere Hilferufe nicht zur Regierung. Allen mangelt Alles. Arme und Reiche hungern. Der Gemeindearzt ist tobt. Die Apotheke ist zusammengestürzt. Wir haben kein Brob unb kein Verbandszeug. Seit sechs Tagen übernachten wir unter freiem Himmel. Vergangene Nacht überraschte uns der Regen. Außer mir halten sich nur «och zwei Männer aufrecht." In San Procopio, Bognara, Oppida, Scilla unb vielen anderen Dörfern ist bas Elenb daS gleiche. Die Einzelheiten des Unglücks sind überall dieselben. Zusammenstürzende Häuser, vergrabene Menschen, gräßlich verstümmelte Leichname, Verwundete mit zerschlagenen Gliedmaßen, Hunger, Krankheit, Elend, und über allem diesen eine dumpfe Verzweiflung in den Gemüthern, thaten- lose Ergebung in das unabwendbare Schicksal. Am besten find noch die Gemeinden nahe dem Meeresufer und bet Eisenbahn daran. Der Director der calabrischen Staatsbahnen hat mehrere Hundert Güterwagen nach den zerstörten Ortschaften gesandt unb sie ber obdachlosen Bevölkerung als vorläufiges Unterkommen zur Verfügung gestellt, so daß wenigstens die Kranken unb bte Frauen unb Kinder dieser Ortschaften gegen die Unbilden des Wetters geschützt find. Die Regierung thut, was in ihren Kräften steht, um das Elend zu mildern, und so wird hoffentlich ber größte Jammer binnen Kurzem gestillt sein. Um die Bevölkerung des betroffenen Landstrichs vor völligem wirthschastlichen Ruin zu bewahren, wird daS Parlament freilich Millionen bewilligen Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Vermißtes. * Zweifelsucht. Vor einigen Tagen wurde in einer Berliner Neivenklinik ein junger Mann vorgestellt, der an einer Krankheit litt, die man Zweifelsucht nennt. Dieses Leiden bildet eine selbstständige Krankheit. Der Patient berichtete, daß er, wenn er die Lampe beim Ausgehen auS« gelöscht habe und auf der Straße sei, jedesmal von heftigem Zweifel gepackt werde, ob er die Lampe wirklich ausgelöscht habe ober nicht. Er muß bann jehesmal umkehren. um fich immer von Neuem davon zu überzeugen. Dasselbe begegnet ihm auch bei den verschiebensten Verrichtungen des täglichen Lebens, u. A. beim Briefschreiben. Einen bereits vetschloffenen Brief muß er immer wieder öffnen, ba er in Unruhe vergeht, ob er nicht etwas Unsinniges aufs Papier geworfen habe. So Tag und Nacht von Zweifeln gepeinigt, kommt er sich vor wie ein gehetztes Wild, das nirgends Ruhe noch Raft finden kann. Dieses Leiden ist schwer zu heilen, aber wohl zu bessern. Nach längerer Zeit geht es oft ih ein anderes Stadium über. Die Kranken vergehen in Angst, wenn sie etwas berühren sollen, da sie glauben, daß ihnen dadurch Unheil widerfahren könnte. Dieses Leiden dauert zusammen mit der Zweiselsucht viele Jahre, beffert sich zu Zeiten und nimmt dann wieder zu. Vollkommene Heilung ist leiten. ♦ Aegir, „der Herr der Fluthen", ist durch die Com- Position des Kaisers bekanntlich sehr „populär" geworden. Diese Volksthümlichkeit macht sich jetzt sogar schon bei den Kindtaufen bemerkbar- wie ein zuverlässiger Berichterstatter miteheilt, find im Lause des November bei den Berliner Standesämtern nicht weniger als siebzehn kleine „Aegirs" angemelbet worden. Die „N xe" und „Necke" werden schon noch Nachkommen. (Wird mehrfach bementirt. Red.) ♦ Von den Veteranen aus den Befreiungskriegen 1818 dis 1815 sinb jetzt noch, wie aus der neuesten Nummer ber „Parole" zu ersehen, 29 am Leben, von denen 2 ein Alter von 103 Jahren, 1 von 102 Jahren, 1 von 101 Jahren, 7 von 100 Jahren, 10 von 99 Jahren, 3 von 98 Jahren, 2 von 97 Jahren Haden, während das Alter von 3 unbekannt ist. • Eine moderne Liebesgeschichte und deren Abschluß wird aus Wien erzählt: L'tzthm stiegen zwei junge Leute aus dem nach Baumgarten verkehrenden'Zuge der Dampsftraßen« bahn bei ber Haltestelle „Friebdos" aus. Beim Absteigen entfiel bem Mädchen ein an einen Hausbesitzer am Schottenfeld gerichteter Brief. Da einem Herrn, der ebenfalls dort abstieg, das Benehmen deS jungen PaareS auffiel, fo nahm Deutsche» Reich. Darmstadt, 4. December. Wegen des Ablebens Ihrer Hoheit der Prinzessin Louise von Schleswig-Holstein-Sonderburg «Glücksburg ist auf Allerhöchsten Befehl eine Hostrauer bis zum 8. l. M. einschließlich ber* ordnet worden. Berlin, 4. December. Der Kaiser wohnte am Montag Vormittag der Einweihung der gewaltigen Hochbrücke über den Nordostsee-Canal bei Levensau bei. Staatssecretär Dr. v. Bötticher hielt eine der Bedeutung des gesummten Canalunternehmens gewidmete Ansprache an den Kaiser, welche derselbe dankend erwiderte, an seinen unvergeßlichen Großvater erinnernd, unter deffen Regierung der Bau des Nordostfee • CanaleS begonnen worden. Nach Beendigung der Einweihungsfeier, bei ber u. A. auch Prinz Heinrich von Preußen und der Reichskanzler Fürst Hohenlohe zugegen waren, fuhr der Kaiser mittelst Salonpinasie durch den Canal und die Neue Schleuse nach dem Kieler Hasen, woselbst ber Monarch Parade über die Kriegsschiffe abnahm. Dann ging er bet der Barbarossa Brücke an Land und verfügte sich in das Schloß. Um 12 Uhr Mittags erschien der Kaiser in der Kaserne der Marine Infanterie und wohnte der Vereidigung der Rekruten im Exercierhause bei, dieselben nach den Ansprachen der Geistlichen ermahnend, dem geleisteten Eide immerdar treu zu sein. Um 3*/a Uhr Nachmittags begab sich der Kaiser an Bord des Flaggschiffes „Kurfürst Friedrich Wilhelm". — Der Ausschuß des Bundes der Landwirthe hielt am Montag eine Sitzung im Gebäude des preußischen Abgeordnetenhauses ab. Die Berathungen betrafen die Stellung des Bundes im Kampfe gegen die Umsturz- beftrebungen, weiter die Berichte über die Wiederaufnahme des bekannten Antrages Kanitz, über Reformen im Getreide- Handel und über eine Vereinfachung der Alters- und Invaliditäts-Versicherung. Schließlich beschäftigte sich ber Ausschuß noch mit einem Antrag, betreffend die Veranstaltung einer Ehrenkundgebung des Bundes der Landwirthe zum 80. Geburtstage des Fürsten Bismarck. Annahme von Anzeigen zu der Nach^ttagS für den iolgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Lorrn. 10 Uhr. »Affen. Aber wenn das Hilfewerk in rechter Weife angegriffen wird, so steht dafür auch zu hoffen, bafe, die Spuren des Erdbebens bald verwischt sind. Man hat dies vor einem Jahrhundert gesehen, als im Jahre 1783 das südliche Calabrten durch ein Erdbeben noch schwerer heimgesucht wurde wie in diesen Tagen. Die zerstörten Dörfer waren an anderer Stelle rasch wieder ausgebaut, Epheu und Gesträuch überwucherte die Ruinen und nach wenigen Jahren gemahnte nicht- mehr an das furchtbare Ereigniß. Die Regierung König HumbertS wird es sicherlich den Bourbonen jener Tage gleich rhun. * Die Misvre des Kunstlerthums. Zahlen sprechen ost eine grausame Sprache. Parts, so recht das Land der freien Künste, hat neue Nachtasyle für Obdachlose. In diesen fanden Ausnahme während des letzten Jahres: 137 Schauspieler, 34 Concert- und Bühnensänger, 83 Musiker, darunter 12 Pianisten, 20 Architecten, 398 Zeichner, 27 Reci- tatoren, 28 Journalisten, 52 Gehilfen von Notaren und Advocaten, 14 Literaten, 17 Studenten und 272 Lehrer und Erzieher. Das ist noch schlimmer als bei unß. * Der Brautwageu der Kaiserin von Rußland, der aus dem vorigen Jahrhundert stammt, ist seiner Zeit in Berlin angefertigt worden. Der Brautwagen, der 1856 bei der Krönung der Kaiserin Marie Alexandrowna benutzt wurde, hat an den Ecken vergoldete Amoretten und Karyatiden, am Wagenschlage das kaiserliche Wappen in imitirten Diamanten und auf dem Verdeck eine Krone zwischen vier großen Doppeladlern, sowie kostbare Spiegelscheiben. Damals war der Wagenbau in Berlin so angesehen, daß die Kaiserin Elisabeth daselbst mehrere Hofequipagen in Auftrag gab. Friedrich der Große, der mir der Kaiserin auf gespanntem Fuße stand, benutzte die Gelegenheit, diesen Prachtwagen, der 11 285 Thalcr kostete, ihr zum Geschenk zu machen. Der Wagen ging zu Waffcr von Stettin nach Petersburg, wo ihn der Oberst v. Große dem Gesandten v. Marchfeld übergeben mußte. Die Kaiserin, die der König in einem früheren Briefe die ^Semiramts des Nordens" nannte, beantwortete das Geschenk mit einem Schreiben, worin sie die schöne Arbeit des Wagens besonders hervorhob (d’un ouvrage tres-estimable). * Eine ergiebige Zagd. Aus Wien berichtet das ^Wiener Tageblatt": Die erste Jagd im Groß-Wiener Gemeindegebiet hat vor Kurzem auf der Simmeringer Heide stattgefunden. Wohl an zweihundert Schützen nahmen an der Gemeindejagd Thetl. Das Jagdresultat war folgendes: Abgegebene Schüsse..... 2000 Geschossene Hasen ..... 20 Todte Hunde....... 2 Ein schwerverwundeter Jagdleiter. Angeschossene Treiber .... 2 Waidmannsheil! * Gutes Beispiel. Frau (zum Dienstmädchen): „Ich sage Ihnen nun heute zum letzten Male, Sie haben jeden Morgen um sechs Uhr aufzustehen, um mich um ne uff Uhr zu wecken- wenn Sie das nicht wollen, dann suchen Sie fich einen anderen Platz, — verschlafene Leute sind mir ein Greuel!" Citeratiir rrnd Rrirrst. iw der Menschheit. Eine populäre S)aiftdlung der magnetischen und elecirtschen Naturkräfte uvo.threr pracHfd). n Anwendungen. Nach dem gegenwärtigen Standpunkte der Wissenschaft bearbeitet von vr. A. Ritter v. Urbanitzky ^000 Abbildungen. Zweite, vollständig neu bearbeitete Auslage, in 2o Lieferungen zu 60 Psg. In Origtnal-Prachiband lo Mk. (A. Hartleben's Verlag in Wien.) Die Bedeutung, welche die El.ctrotechnik in fast allen Zweigen menschlichen Schossins errungen hat, macht es erklärlich, daß man überall, wohin nur überhaupt menschliche Cultur gedrungen ist, darnach strebt, sich mit den helvorragendsten Errungenschaften der modernen Electiotechnik be- kannt zu machen. Obwohl nun gute Fachzeitschriften bereits zu Gebote standen, machte sich doch bald der Wunsch nach einem zwar umfassenden, aber auch jedem Gebildeten verständlichen Weite geltend. Diese Aufgabe hat als Erster der Verfasser der Elecirtcttät im Die .sie der Menschheit gelöst, und wie die allgemein günstige Ausnahme mwietz, mit vollem Erfolge. Dieser Erfolg einerseits und andere,- seits die rascheo Fortschritte, welche auf allen Gebieten der modernen Electrotechntk seither gemacht worden sind, veranlaßten die Herstellung der nunmehr vollständig vorliegenden zweiten, vollkommen neu bearbeiteten Auflage. Wie durchgreifend diese Neubearbeitung erfolgt ist, dürste schon zu erkennen sein, wenn wir von ganz neu hinzugekommenen Capiteln, größer en und kleineren Abschnitten nur 'vlgende beispielsweise erwähnen: Ueber die Natur der Magnete, die Magnetistrungscurve, den magnetischen Kretsproceß, Hysteresis, über L>elbfrindvction, die Hertz'schen Versuche, über die Wirkung der electrischen Sttöme auf Menschen, Thiere und Pflanzen, über den Drebstrom, Accumulatoren und Transformatoren, Lettungsmalerialien und Leitungsbau, Ausbeutung der Naturkräfte und über Eleclrictläls- werke, das Schweißen, Löthen und Heizen, sowie die Aluminium- Gewinnung, über den electrischen Bahn- und Schiffsbetrieb, über electrilche Hebewerke und Ventilatoren, über Telrpbonc ntralen, Accu« mulatoren- und Maschinenbetrieb in Telegraphenämtern usw. usw. Es ist selbstverständlich, daß außerdem auch sämmtltche übrigen Caprtel vollständig dem gegenwärtigen Stande der Electrotechntk entsprechend umgearbettet worden sind. Ohne den wtssenschastlichen Eharacter aufzugeben, wurde j'doch eine jedem ©ebtlbehn verständ- Hdie Darstellung gewählt und dieselbe durch sorgfältig ausgewäblte Abbildungen und möglichst einfach gehaltene schematische Darstellungen unterstützt. Der Inhalt des gesammten Werkes zerfällt zunächst iu ote drei Hauptabtheilungen: Magnetismus und Electri- cttat, Erzeugung, Umwandlung und Leitung electrischerStröme und die practtsche Anwendungen der Elrctricität. Die erste Haupt- abtheilung bringt als Einleitung eine geschichtliche Darstellung der Forschungen über Magnetismus und Electrtcität und hieran reihen sich die magnetischen und electrischen Grunderscheinungen: auch die atmosphärische Electricität, der Erdstrom und das Nordlicht finden Erwähnung. Es folgen hierauf die Abschnitte über galvanische Electrrcität, Juduction und Electricität im Thier- und Pflanzenreich, womit die I. Hauptabteilung, welche die für das Verständntß der folgenden Abthetlungen notbwendige Grundlage darstcllt, abschließt. In der II. Hauptabteilung wird zunächst die Erzeugung der electrischen Ströme durch Maschinen, galvanische Elemente und Thermosäulen dargestellt, bann werden die Umwandlungs- und Reoulirunasmethoden durch Accumulatoren, Transformatoren, Aus- gletchsmaschinen und Regulatoren erläutert und schließlich finden die Leitungen, welchen gegenwärtig infolge der raschen Ausbreitung der Telephonte und der Staikstromtechntk hohe Bedeutung zukommt eine entsprechend ausführliche Schilderung. Die III. Hauptabteilung umfaßt sämmtltche Anwendungen der electrischen Ströme und ist in die Unterabthetlungen: 1. Das electrtiche Licht, 2. Galvanop'astik Electrochemte und Eleclrometallurgre, 3. Die elecirische Kraftüber- tragung, 4. Telephonte und 5. Telegraphie und Stgnalwesen abgetheilt. — Eine klassische Länderkunde. Den Freunden der geographischen Wissenschaften widmet die Verlagtzhandlung des Bibliograph,schen Instituts in Leipzig und Wien eine prächtige Weihnachtsgabe in Gestalt des durch gemeinverständlichen, anziehenden und fesselnden Text wie durch wundervolle Illustrationen gleich ausgezeichneten Meisterwerkes »Europa«. Eine allgemeine Landeskunde von Dr. A. Phillip,on und Prof. Dr. L. Neumann, Herausgegeben von Prof. vr. Wilhelm Sievers. (Preis in Halb- Kunden 16 Mk.). Das Buch erschien soeben als vierter, selbständiger Thetl des von dem genannten Verlag herausgegebenen großen geographischen Sammelwerkes „Allgemetne Länderkunde". •pxutT‘ "uen Male ist in diesem weit angelegten Unternehmen der Versuch einer Zusammenfassung unserer heut-gen gesammten Kenntntß "Oss, "er Erdbeschreibung in einheitlicher, übersichtlicher Form, gemein-- verständlicher Darstellung und bildlicher Anschauung unternommen Und practisch gelöst. Das epochemachende Werk wendet sich an die weitesten Kreise. Und in der That verdient Sievers „Europa" die wärmste Empfehlung an Jeden, dem darum zu thun ist, sein positive- Wissen über uns ren Erdtheil auf der Grundlage einer ausreichenden, fiar.n Gesammt Ueberstcht zu erweitern. Allein das Buch übet trägt seine Vorzüge nicht nur auf die Darstellung des geographisch Wissens- werth'sten über Europa, sondern es wird auch in jedem Touristen und Reisenden, der dieses oder jenes Gebiet aus eigener Anschauung kennt, durch die naturgetreuen Abbildungen und durch die mit Citattn aus zuverlässigen Retsewerkcn versehenen Schilderungen von Land und Leuten eine Fülle von Erinnerungen wachrufen, gewonnene Eindrücke festhalten und zu neuen Excurfionen — sei es selbst bis nach Spitzbergen — Anregung geben. Wer den politischen Tages- fraoen Europas nachgeht, der gewinnt durch das Buch ein klares Bild der engeren Interessensphären der europäischen Länder und ihrer Beziehungen zu einander. Dem Kaufmann endlich wird der gegenwärtige Band geradezu unentbehrlich durch die eingehende und anschauliche Schilderung des Naturreichthums, der Productivität jed.'s Landes wie der gewaltigen Entfaltung des Verkehrswesens in Europa. — Der gesummte riesige Stoff ist in acht Abschnitten musterhaft bearbeitet worden. F-sselnd geschrieben sind besonders die dem zweiten Abschnitt angehörenden Schilderungen der Gletscher, der Hockalpen, der Karst - Erscheinungen, der Oberflächengestalt des großen russischen Reiches und im dritten Abschnitt die eingehende Darlegung der wechselvollen klimatischen Verhältnisse Europas. Besondere Erwähnung verdient der fünfte Abschnitt, welcher in Wort und Bild die mannigfaltige und doch im ganzen einheitliche Menschheit Europas dem Leser vorführt. Die großen Staatenbildungen dieser Bevölkerung und ihre großartige wirthschaftliche Entwickelung behandelt der sechste Abschnitt, unter Anderem mit werthvollen Beiträgen zu den socialen Verhältntssiu der Türkei, Bulgariens und Italiens. Jnstructiv unterrichtet dieser Abschnitt auch über die VolkSdichter Frankreichs, sowie über Deutschlands Bedeutung in wirthschaftlicher Beziehung. Das siebente Capitel, eines der besten und gelungensten, ist dem Verkehrswesen Europas gewidmet. Mit größter Sorgfalt, u b der angeftnbten Anschaulichkeit des Werkes entsprechend, ist dessen illustrativer Thetl behandelt. Außer 166 Abbildungen im Text enthält Sievers „Europa" 14 nach dem neuesten und zuverlässigsten Material bearbeitete Kartenbeilagen. Kleine Kunstwerke verdienen die beigegebenen 8 Tafeln in Farbendruck genannt zu werden, von denen die bildlichen Darstellungen desOrtler, des Vesuvs und der Bai von Neapel sowie der deutschen Volkstrachten einen geradezu bestrickenden Reiz auf den Beschauer ausüben. Werthvoll ergänzt wtrd der bildnerische Schmuck des Werkes durch 20 Tafeln in Holzschnitt, woraus besonders die Tafeln: „der Felsen- circus von Gavarnie", „die Engelsburg in Rom" und „der Hasen von Marseille" durch die Feinheit der Zeichnungen und vollendeter Wiedergabe im Druck hervorzuheben sind. — Die sonstige gediegene innere und äußere Ausstattung des Buches entspricht jener Sorgfalt, welche das Bibliographische Institut den Standard works seines Verlags herkömmlich widmet. Technische Fortschritte. - Eine« rasch erhärtende« «nd bindende« Kitt erhält man nach Pollack, wenn man fernpuloerisi-te Silderglätte (Bleioxyd) mit soviel Glycerin vermischt, daß ein dicker Brei entsteht. Dieser Kilt «st im Wasser unlöslich, wird nur von starken Säuren angegriffen, kann zum Verkitten von Stetnarbetten und von Eisen in Stein angewandt werden und verdient deshalb andern vorgeschlagenen Mitteln vorgezogen zu werden. — Heizung ««d Lnfterueuerung ohne Ofen nut durch den Schornstein. Erne neue wichtige Erfindung ist durch das D. R.-P. Nr. 75726 für Herrn Friedrich Hollmann in Berlin geschützt. Sie ist ein Schornstein mit Einrichtung zur Ventilation und Heizung von Räumen. Zu diesem Zwecke ist der Schornstein in seinem Innern mit einem Wellblechrohr derart ausgekleidet, daß zwischen dem Rohr und der Schornsteinwandung von unten bis oben reichende Hohlräume entstehen. Ein Thetl dieser Hohlräume wird zu Heiz-, der andere zu Venttlationszwccken benutzt. Diejenigen Hohlräume, welche zur Ventilation dienen sollen, sind durch Canäle, welche die untere Schornsteinwandung durchschneiden, mit dem zu ventilirenden Raume verbunden und führen oben ins Freie. 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