Nr. 233 Erstes Blatt. Freitag dc» S. October Der Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- Montags. Die Gießener A-amikten0rätter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt. Gießener Anzeiger Kenerat-Wnzeiger. 1894 vierteljähriger ASonnementsprei«: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohu. Durch die Post bezogen 2 Atart 50 Pfg. Redaction, Expedition und Druckerei: Schutflrahe Nr.7. Fernsprecher 51. Amts- und Anzeigeblatt für den Arris Gieren. chratisöeitage: Kießener Jamikienökälter Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den itgenbcn Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr. Deutscher Reich. Berlin, 3. October. Der Kaiser gedenkt an diesem Freitag, nach Beendigung seines Jagdaufentbaltes in No- minten, in Schloß Hubertusstock einzutreffen. Soweit bekannt, wird der Aufenthalt des Monarchen in Hubertusstock eine Woche währen, hierauf erfolgt die Rückkehr nach dem neuen Palais bei Potsdam. — Der Reichskanzler Graf Caprivi, welcher seit seiner Rückkehr aus Karlsbad noch einen kurzen Aufenthalt auf dem Lande genommen hatte, ist am Dienstag wieder in Berlin eingetroffen und hat die persönliche Leitung seiner Amtsgeschäfte wieder übernommen. — Der Gouverneur von Deutsch-O st afrika, Oberst v. Scheele wird, wie jetzt bestimmt verlautet, von seinem Posten zurücktreten. Als sein Nachfolger gilt bereits der Oberstlieutenant Thilo von Throta. Herr v. Scheele würde demnach nur verhältnißmäßig kurze Zeit in seinem ostafrikanischen Wirkungskreise geweilt haben, um so aner- kennenswerther sind daher seine daselbst erzielten Erfolge. Zur Affaire der Ob^rfeuerwerkcr. Da die Verhaftung der älteren Schiller der Oberfeuer- I Werker - Schule zu Berlin und deren Abführung in Unter- | suchungshaft in die Festungsgefängnisse zu Magdeburg großes I Aufsehen im In- und Auslande verursacht hat, und man auch I nach einigen Miltheilungen geneigt ist, der ganzen Affaire eine socialistische oder gar anarchistische Tendenz unterzuschieben, I so ist eS nothwendig, daß sobald als möglich volle Aufklärung I in diese fatale Geschichte gebracht wird. Vollständig genügend I kann dies allerdings nur durch die krieg-gerichtliche Unter- I suchung und die Veröffentlichung derselben im amtlichen I „Reichsanzeiger" geschehen. Glücklicher Weise läßt sich aber I auch schon jetzt so viel übersehen, daß die Affaire nicht die I gefährliche Bedeutung für die Lockerung der Disciplin im I deutschen Heere und bezüglich des vermutheten Eindringens | eines aufrührerischen Geistes in dieselbe besitzt, wie man vielfach in der ersten Aufregung anzunehmen geneigt war. Die ganze Angelegenheit hat nämlich, wie sie schon jetzt festgestellt werden konnte, mit der soctalistischen oder anarchistischen Agitation gar nichts zu thun, sondern sie ist lediglich der Ausfluß eines Geistes der Unzufriedenheit und einer Art academischen UebermutheS bei den Feuerwerksschülern. Da Ihatsächlich die Feuerwerksschüler aus den intelligentesten Unteroffizieren der Artillerie und der Pioniere erwählt werden, so fühlen sich diese Unteroffiziere als etwas Besseres und | nahmen sich in Folge dessen auch schon seit Jahren während des Besuches der Feuerwerkerschule eine Art academische Freiheiten in Bezug auf „CorpSbildung", „Abhaltung von Commersen" u. s. w. heraus. Da diese Art des Lebens auf der Feuerwerkerschule mit der militärischen Disciplin in Widerspruch gerieth, so wurde beschlossen, die Zügel der Disciplin straffer anzuziehen. Zu diesem Zwecke bekam die Feuerwerkerschule in dem Major von Stetten bereits vor einiger Zeit einen neuen Director. Ob nun derselbe die sogenannte „Revision" der Stuben der Feuerwerker besonders streng hat handhaben lasten oder diese Revision behufs Wiederherstellung der gelockerten Disciplin eingeführt hat, kann jetzt nicht genau angegeben werden. Soviel ist aber gewiß, daß diese Revisionen der äußere Anlaß zur Kundgebung eines rebellischen Geistes bei den Feuerwerkern gewesen sind und zumal in der Nacht vom 23. bis 24. September, wo die Feuerwerker oder doch eine Anzahl derselben einige Trinkgelage oder -Commerse abhielten, zu recht unliebsamen Scenen führten. Mehrere vom Major von Stetten zur Ordnung gerufenen Unteroffiziere sind demselben ungebührlich entgegengetreten, wieder andere haben bei der Feststellung ihrer Namen zu entwischen versucht, und aus einer Nachbarstube hat der Unteroffizier Brand „Es lebe die Anarchie!" gerufen, während^andere Feuerwerker getobt und gelärmt haben. Von verschiedenen Seiten wird nun aber behauptet, daß diese Unteroffiziere, zumal der Unteroffizier Brand, betrunken gewesen seien, als diese Ausschreitung geschah. Einen gewissen übermüthigen, widerspenstigen Geist aus den Feuerwerkern gilt es nun offenbar auszutreiben, beziehentlich die Rädelsführer zu bestrafen. Aber socialistische oder anarchistische Umtriebe stecken schon deshalb nicht hinter der Affaire, weil die Feuerwerker „keine gedrückte", sondern vielmehr eine „bevorzugte" Soldatenklaste find, welche später vielfach zu Zeugosfizieren und Militärbeamten avanciren. Auch hat man ve: mächtige Schriftstücke Im Sinne einer socialistischen oder anarchistischen Verschwörung gar nicht in den Stuben der Verhafteten gesunden. Depeschen de« Bureau »Herold*. Berlin, 3. October. Die „Nordd. Allgem. Ztg." be- zeichnet die Auslastungen der „Kreuzzeitung" über die Vor- gänge in der Oberfeuerwerkerschule als rein subjektive und spricht ihnen jede Objectivität ab. Berlin, 3. October. Die Conferenz zur Berathung der auf die Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs, bezw. gegen den Verrath von Geschäfts- und Fabrikgeheimnisten gerichteten Maßregeln ist heute Vormittag unter dem Vorsitze des Directors Bothe vom Reichsamt des Innern zusammengetreten. Die Conferenz wird drei Tage dauern. Berlin, 3. October. Zu der Wucher-Affaire wird gemeldet, daß einem Theile der wegen Wuchers verhafteten Personen jetzt die Anklageschrift zugestellt worden ist. Die Anklage lautet auf Ausbeutung der Nothlage durch Wucher, resp. durch Beihilfe dazu. Berlin, 3. October. Am 18. October soll vor dem Denkmal Friedrich des Großen einen Fahnenweihe ab- Nenefte Nachrichten. Wolffs telegraphisches Correfpondenz-Bureau. Berlin, 3. October. Der „Retchsanzeiger" meldet: Das wegen Ausbruchs der Klauenseuche unter den zahlreichen Schwetnebeständen auf dem Schlachthose am 17. September erlassene Verbot des Abtriebs von Schafen und Rindern vom hiesigen Centralviehhof werde aufgehoben, das Verbot des Abtriebs von Schweinen bleibt bis auf Weiteres in Kraft. Berlin, 3. October. Cholerabericht. Vom 24. September bis 1. October sind in Ostpreußen, im Weichselgebiet und im Netze- und Warthegebiet insgesammt 24 Erkrankungen und 6 Todesfälle, außerdem vom 23. bis 29. September in Oberschlesien 35 Erkrankungen und 11 Todesfälle vorgekommen. Straßburg, 3. October. Der Gemeinderath bewilligte mit 17 gegen 14 Stimmen einen städtischen Zuschuß von 228000 Mk. zur Erbauung einer festen Rheinbrücke zwischen Straßburg und Kehl. Damit ist der Bau der Brücke gesichert. Paris, 3. October. Die Nachricht von einer Blokad e Madagaskars wird von halbamtlicher Seite für unbegründet erklärt, ebenso die Nachricht von dem Rücktritt Cambons, des Generalgouverneurs von Algerien. Paris, 3. October. Zu der Londoner Meldung über die Einberufung einens außerordentlichen Minifter- rathes wird daraus hingewiesen, daß keinerlei Vorkommniß aus der jüngsten Zeit bekannt geworden sei, das die Beziehungen zwischen England und Frankreich hätte ernstlich I trüben können. Die in den jüngsten Tagen eingeleitete I Polemik mehrerer Blätter wegen Madagaskar werde in den l politischen Kreisen als wenig beunruhigend angesehen. London, 3. October. Meldung des Bureau Reuter. Obgleich den Gerüchten über einen Ministerrath noch immer die sichere Grundlage fehlt, glaubt man jetzt, es handle sich dabei mehr um die zum Schutze der britischen Interessen im fernen Osten zu ergreifenden Maßnahmen, als um die Madagaskar-Frage. Auch eine Verstärkung der Garnison in Hongkong, sowie der britischen Marine in den chinesischen Gewässern sei in Aussicht genommen. Die indische Regierung soll 7000 Mann zur Einschiffung nach Hongkong bereit halten. Loudon, 3. October. Die Abendblätter bringen eine Depesche aus Shanghai vom 3. October, wonach der Gouverneur der Provinz Kirin die Landung einer Truppenmacht bei Longschuan berichtet hat. Einzelheiten fehlen. Yokohama, 3. October. Die seit einigen Tagen hier versammelten deutschen Kriegsschiffe erhielten Befehl, sich nach den nördlichen chinesischen Häfen zu begeben. Berlin, 3. October. Nach einer Mittheilung au« Madrid soll heute der spanische Gesandte beim Vatican auf der Reise nach Rom begriffeu sein. Derselbe ist mit Instructionen, die das Verhältniß der Kirche zu Spanien betreffen, versehen. Berlin, 3 October. Nach einer Meldung der „Nordd. Allg. Ztg." ist der Leiter deS Preßbureaus im Auswärtigen Amte, Hamann, zum wirklichen Legationsrath und vortragenden Rath ernannt worden. Berlin, 3. October. In hiesigen competenten Stellen ist nichts von der Absicht der Einsetzung einer Regent- schäft in Rußland bekannt. Diesbezügliche Blättermeldungen find als unglaubwürdig zu bezeichnen. Berlin, 3. October. Der Kaiser empfing heute in Rominten den deutschen Botschafter in Petersburg, General von Werder. Berlin, 3. October. Die russische Regierung beabsichtigt, wie mehrfach gemeldet wird, demnächst wegen Herbeiführung von Erleichterungen in der Ausfuhr von Fleisch und Schlachtvieh mit der preußischen Regierung in Unterhandlung zu treten. In Warschau werden große Schlachthäuser errichtet, von denen aus nach der Absicht der russischen Regierung die Ausfuhr des Fleisches nach Deutsch- land erfolgen soll. "Berlin, 3. Oetober. Die „P. B.-Ztg." erfährt, der Empfang der Ostpreußen beim Fürsten BiSmarck sei deßhalb auf nächstes Jahr verschoben worden, weil der Fürst sich über die innere politische Lage gegenwärtig nicht auS- sprechen wolle, ehe sich ergeben habe, welche Maßnahmen ttn Sinne der Katserrede Platz greifen werden. „Man kann," so schreibt das genannte Blatt, „auch hierin einen Beweis für die gespannte Situation erblicken, die in der früher als ursprünglich beabsichtigt gewesenen Rückkehr des Reichskanzlers auch äußerlich gekennzeichnet erscheint." Köln a. Rh-, 3. October. Der Petersburger Correspondent der „Köln. Ztg." bestätigt, daß die Krank- heit des Czaren in den letzten Tagen wiederum eine ernste Wendung genommen habe. Köln a. Rh., 3. Ortober. Einer Meldung des Lon- dauer Correspondenten der „Köln. Ztg." zufolge wird die gestrige telegraphische Einberufung deS CabinetS- rat HS durch Lord Rosebery auf ungünstige Wendungen in den Beziehungen zu Frankreich zurückgelührt. Wien, 3. October. Wie verlautet, soll außer in Petersburg und Paris auch in Bukarest, Rom und Konstantinopel ein Wechsel der Chefs der österreichisch-ungarischen Vertretung eintreten. Budapest, 3. October. Heute kam im Magnatenhause der Gesetzentwurf über die Religionsfreiheit zur Verhandlung. Während Cardinal Schlauch aus sittlichen Gründen gegen die Vorlage stimmt, ist der reformirte Bischof Szaß — bei Weglassung des Paragraphen über die ConfessionS- losigkeit — dasür. Graf Csakh, der frühere Cultusminifter, tritt energisch für die Annahme der Vorlage ein. Die Regierung beharrt auf ihrem Standpunkte. Budapest, 3. October. In der heutigen Sitzung der österreichischen Delegation wurde von den Jungczechen eine Interpellation über eine angeblich zwischen Oesterreich und Serbien bestehende Militärconvention eingrbracht. Unter Vorlegung eines angeblich authentischen Schriftstückes suchten die Interpellanten die Existenz der betreffenden Convention nachzuweisen. Minister Kalnoky dürfte die Interpellation morgen schon beantworten. Palermo, 3. October. Unter den Einwohnern der Stadt herrscht eine große Panik, weil mehrere Todesfälle durch Genuß schlechten Fleisches vorgekommen sind. Eine große Anzahl Fleischer haben ihre Geschäfte schließen müffen, weil die meisten Einwohner nur mehr Fische, Eier u. s. w. essen. Paris, 3. October. Ein Soldat der Fremdenlegion, Namens Andre, aus Belgien gebürtig, machte unter den Soldaten seines Regiments anarchistische Propaganda. Er wurde von Oran nach Frankreich eingeschifft, um den französischen Behörden überliefert zu werden. Amsterdam, 3. October. Die Ty p o graph en mehrerer großen Druckereien haben den AuS st and erklärt- unter anderem mu len sechs Blätter ihr Erscheinen einstellen. Die Strikenden verlangen Lohnerhöhung. Die Eingänge zu den Druckerei.n find besetzt, um fremde Typographen von den- f . gehalten werden, an der voraussichtlich sämmtliche regierenden i deutschen Fürsten theilnehmen werden. Es handelt sich hter- Brüffel, 3. October. Die Weltausstellung in bei um 132 neue Fahnen für die vierten Bataillone. Antwerpen ist am Dienstag durch die große Preis-Ver- i kündigung geschlossen worden. Für die ganz hervorragende , Rolle, welche die deutsche Industrie auf dem jüngsten Weltausstellungsunternehmen spielte, ist eS gewiß bezeichnend, daß auf Deutschland — und allerdings auch auf Holland — die verhältnißmäßig meisten Preisen entfielen. Die deutsche Industrie darf auf diesen ihren in Antwerpen erzielten äußerlichen Erfolg sicherlich stolz sein, hoffentlich wird derselbe nun auch zu der so. wünschenswerthen Erweiterung des Absatzgebietes der deutschen Industrie im Auslande führen. selben fernzuhalten. Die Setzer aus Haag und Rotterdam haben ebenfalls die Arbeit eingestellt und unterstützen ihre Collegen. Loudon, 3. October. Die Versuche mit dem für die französische Marine gebauten Torpedoboot aus Aluminium sollen sehr zufriedenstellend gewesen sein. Dasselbe soll bei der Probefahrt 20J/2 Knoten zurücklegen. Die Fach« zeitschriften fordern, daß daS englische Marineministerium sich die gemachten Erfahrungen zu Nutzen mache. Loudon, 3. October. Die japanische Flotte kreuzt, wie aus Peking gemeldet wird, bereits ^in der Nähe der Hauptstadt. Unter den Einwohnern herrscht eine furchtbare Panik. Der kaiserliche Schatz und das Archiv sind auf dem schnellsten Wege nach einer Stadt im Innern des Landes transportirt worden. Loudou, 3. October. China soll England und Frankreich um Vermittelung angerufen haben. Newyork, 3. October. Auf der Strecke Southern-Pacific wurde in der Nähe von Maricopa ein Personenzug ausgeplündert. Ein Reisender, der sich als Mitschuldiger entpuppte, schlich sich zur Locomotive, bedrohte den Maschinisten und den Heizer mit einem' Revolver und zwang sie, die Maschine vom Zuge zu trennen und weiter zu fahren. Unterbeffcn hatten die Banditen den Postwagen auSgeraubt und waren dann auf mitgebrachten Pferden entflohen. Nach verzweifeltem Kampfe gelang eS der Polizei, einen Räuber einzufangen. Coeato rrirö Gießen, den 4. October 1894. * ♦ Sitzung des Schwurgerichts der Provinz Oberheffen am 4. October 1894. Zur Verhandlung kommt die Strafsache gegen S i b y l l a S ch u l von Ober-Sorg wegen Meineids und Friedrich Reibeling von Brauerschwend wegen Verleitung hierzu. Die Anklage vertrat der Großh. Erste Staatsanwalt Jöckel, vertheidigt wurde die Angeklagte Sybylla Schul von Herrn Rechtsanwalt Jost, der Angeklagte Friedrich Reibeling von Herrn Rechtsanwalt Dr. Rosen- 6 er8- Die Geschworenen wurden gebildet von den Herren: Ludwig Friedrich Harth, Jacob Wilhelm Lemp, Tobias Schlunk, Hermann Kratz, Johannes Heinrich Jhring, Andreas Lepper III., Oberförster Bücking, Simon Bieber, Wilhelm Reicherti., Johann Heinrich Ortwein, Emil Fischbach und Heinrich Schmalbach IV. Die 22 Jahre alte Dienstmagd Sibylla Schul ist angeklagt, daß sie am 17. October 1892 vor Großh. Schöffengericht Alsfeld in der Privatklagesache bes Heinrich Urstadt IV. in Schwarz gegen Friedrich Reibe ling in Brauerschwend wegen Beleidigung den vor ihrer Vernehmung geleisteten Eid wiffentlich durch ein falsches Zeugniß verletzt habe und der Landwirth Friedrich Reibeling, daß er die Sibylla Schul von Ober-Sorg zur Begehung eines Meineides durch Versprechen oder durch Mißbrauch des Ansehens seiner Person ober durch andere Mittel vorsätzlich bestimmt habe. Die heutige Verhandlung ergab folgenden Sachverhalt: Heinrich Urstadt IV. von Schwarz stand im Frühjahr 1892 bei Friedrich Reibeling als Knecht in Diensten, wäh- renb die Sibylla Schul als Magd bei ihm diente. Am 27 Juni 1892 kam Reibeling in seiner Scheuer im Beisein der Sibylla Schul mit dem genannten Dienstknecht, welcher die Kette der Häckselmaschine gesprengt halte, in Streit, nannte ihn einen Spitzbuben und versetzte ihm mit der Faust einen Stoß wider das Kinn. Heinrich Urstadt verließ in Folge dessen den Dienst des Friedrich Reibeling und erhob am 5. September 1892 durch Rechtsanwalt Reh in Alsfeld wegen der ihm widerfahrenen Behandlung eine Privatklage gegen Reibeling. In der auf die Privatklage durch Rechtsanwalt Dr. Rosenberg abgegebenen Erklärung, wie in der vor dem Schöffengericht am 17. October 1892 stattgehabten Hauptverhandlung räumte Reibeling ein, den Urstadt einen Spitzbuben genannt zu haben, bestritt jedoch, daß er ihm mit der Faust einen Stoß wider das Kinn versetzt habe, bezeichnete dies als entschieden Unwahrheit und berief sich zum Beweis der Wahrheit feiner Behauptung auf das Zeugniß seiner Dienstmagd Sibylla Schul. Diese sagte bann nach voraus- gegangener Beeibigung ans, baß sie bei bem ganzen Vorfälle zugegen gewesen sei, daß sie gehört habe, daß Reibeling den Urstadt einen Spitzbuben nannte, daß Reibeling aber den Urstadt nicht geschlagen habe. Auf Grund dieser. Aussage wurde Reibeling wegen Körperverletzung von Strafe frei- gesprochen, dagegen wegen Beleidigung in eine Geldstrafe von 10 Mk. und zum Ersatz der dem Privatkläger erwachsenen nothwendigen Auslagen verurtheilt. Kurz nach Weihnachten 1893 wurde Sibylla Schul mit ihrer Dienstherrschaft streitig und erzählte dem Johannes Lippert, dem damaligen Dienstknecht Reibelings, voriges Jahr habe sie falsch schwören müssen und jetzt werde sie schlecht behandelt, ihr Dienstherr, der wegen Mißhandlung seines damaligen Dienstknechtes angeklagt gewesen sei, habe ihr vor der deshalb stattfindenden Gerichtssitzung, in der sie als Zeuge ausgetreten sei, gesagt, sie solle aussagen, daß sie nicht gesehen, wie er den Dienstknecht geschlagen habe. Diese Miltheilung erzählte Lippert dem Christian Bambey weiter, welcher später gerichtliche Anzeige machte. Nachdem die Anzeige erhoben und die Ladung der beiden Angeschuldigten von der Staatsanwaltschaft- zur Vernehmung bereits erfolgt war, trat Sibylla Schul, welche seither in Renzendorf diente, wieder in die Dienste Reibelings. Sie leugnete, bei ihrer Vernehmung dem Lippert obige Angaben gemacht zu haben, behauptete, daß sie vor dem Schöffengericht die Wahrheit gesagt und ihr Dienstherr den Urstadt nicht geschlagen habe, ihr Dienstherr sie auch nicht zu einer unwahren Angabe verleitet habe. Letzteres versicherte auch Reibeling. Da indessen Urstadt auf daS Bestimmteste angab, daß Reibeling ihm mit der Faust einen Stoß wider das Kinn gegeben habe und die Sibylla Schul hierbei zugegen gewesen sei, ihm auch auf Befragen eingeräumt habe, daß sie es gesehen, so wurde zur Verhaftung beider geschritten und die Voruntersuchung gegen sie eröffnet. In dieser hatten sie nach anfänglichem Leugnen beide ein Geständniß abgelegt. Auch heute wiederholten sie dasselbe- Sibylla Schul gab insbesondere an, daß sie gesehen, daß Reibeling den Urstadt geschlagen habe, er habe ihm mit der Faust nach dem Gesicht geschlagen und ihn an das Kinn getroffen. Sie habe diese Thasache vor dem Schöffengerichte abgeleugnet und trotz des von ihr geleisteten Eides eine wahrheitswidrige Angabe gemacht, weil sie ihr Dienstherr, noch ehe sie als Zeugin vor das Schöffengericht geladen worden sei, aufgefordert habe, sie solle angeben, er habe Urstadt nicht geschlagen, was sie auch zugesichert habe. Reibeling räumte auch nach anfänglichem Leugnen ein, daß er, nachdem ihm die Privatklage Urstadts zugestellt worden, der Sibylla Schul bei der Grummeternte angesonnen habe, vor Gericht nicht zu sagen, daß sie die dem Urstadt zugefügte Mißhandlung gesehen habe. Auch gab er zu, daß er um diese Zeit den Lohn der Sibylla Schul um 25 Mk. aufgebessert und ihr ein Miethgeld von 3 Mk. behändigt habe. Nachdem die Geschworenen (Obmann Herr Oberförster Bücking) die ihnen vorgelegten Schuldfragen bejaht hatten, erfolgte die Verurtheilung der Angeklagten Schul in eine Zuchthausstrafe von einem Jahre und drei Monaten, unter Anrechnung von zwei Monaten Untersuchungshaft, sowie des Angeklagten Reibeling in eine Zuchthausstrafe von zwei Jahren sechs Monaten, unter Anrechnung von zwei Monaten Untersuchungshaft. Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden dem rc« Reibeling auf die Dauer von 5 Jahren, der rc. Schul auf die Dauer von 3 Jahren aberkannt. Endlich wurde die dauernde Unfähigkeit beider Angeklagten als Zeugen ober Sachverständige eidlich vernommen zu werden ausgesprochen. * * Nachtrag zum Verzeichniß der Sitzungen des Schwurgerichts pro 3. Vierteljahr 1894: 12) Freitag den 5. October, Vormittags 9 Uhr: Angeklagter Christian Bausch II. von Langsdorf wegen Meineid. Die Anklage vertritt der Großh. Staatsanwalt Schilltng-Trygophorus. Die Vertheidigung des Angeklagten führen die Rechtsanwälte Grünewald und Dr. Stein. — Die Verhandlung gegen Ludwig Westerweller von Burkhards wegen Urkunden- ; fälschung (vgl. Hauptverzeichniß Ord.-Nr. 6) wurde auf ' Samstag den 6. October, Vormittags 8V2 Uhr, vertagt. * * Neues Theater. Freitag, den 5. October, kommt auf einen vielseitig geäußerten Wunsch der am vorigen Sonntag mit so großartigem Lacherfolg aufgeführte Schwank „Familie Knickmeher" noch einmal zur Darstellung. Für Sonntag, den 7. October, steht uns ein ganz besonderer Genuß in Aussicht, indem es der Direction gelungen ist, den ausgezeichten Bonvivant und ersten Liebhaber des FÜrstl. Hoftheaters in Sondershausen, Herrn Alexander Otto, für die hiesige Bühne zu engagiren. Herr Otto gehört augenblicklich zu den besten Vertretern seines Faches, und es ist lediglich der persönlichen Bekanntschaft mit Herrn Director Reiners zu verdanken, daß ein so ausgezeichneter Darsteller ich auf eine ganze Saison für Gießen verpflichtet hat. * * Kaiser-Panorama. Das H. Schmidt'sche Pano- 1 rama, welches vor zwei Jahren hier auf der Bahnhofstraße Ich eines lebhaften Besuches zu erfreuen hatte durch seine wirklich prachtvollen, naturgetreuen Länder-Serien, wird am 13. October in unserer Stadt wieder aufgestellt und zwar m Laden Neuen-Bäue Nr. 1. Wie Herr Schmidt uns mit- theilt, werden die neuesten Serien, welche erst diesen Sommer auf- öenommen sind, ausgestellt, u. a. Hamburg, Helgoland, Fried- richsruh, die Ruffenfefte von Toulon, etn ganz neuer Cyclus der bayerischen Konigsschlösser, Thüringen, die Weltausstellung von Chicago, Paris und das Leichenbegängniß Carnots, das Salzkammergut mit Ischl, Gmunden, Hallstedt, Fahrt mit dem Schnelldampfer „Augusta Victoria" nach New - York, Reise nach Westindien, Jamaika, Cuba, eine malerische Reise an den Comer-, Luganer See und Lago - Maggiore, eine Wanderung durch Kassel und Wilhelmshöhe, das Riesengebirge mit Hörnerschlitten im Winter 1894, das Lahnthal, Ems, Wiesbaden, Kreuznach. Die neuen Aufnahmen sollen vorzüglich ausgefallen sein und der Besuch des Panoramas bietet somit für den Winter wieder viel des Interessanten, so daß sich ein Abonnement lohnen wird. * * Der hiesige Verein für vereinfachte Stenographie veranstaltete gestern Abend ein Preis-Schnellschreiben, wobei sich folgendes Resultat ergab: Herr M. Werner erreichte in Dlctat-Stenographie die Schnelligkeit von 134 Silben, Herr Bezirksfeldwebel Hoffmann die Schnelligkeit von 122 Silben in der Minute, wofür denselben der erste, bezw. zweite Preis zuerkannt wurde. Im Wettschreiben in der Schulschrift errang Herr H. Müller den ersten Preis mit einer Schnelligkeit von 68 Silben in der Minute. Mit Bezug auf die kurze Zeit, seit welcher sich obige Preisträger dem Systeme der vereinfachten Stenographie gewidmet haben, sind die Leistungen ganz vorzügliche zu nennen und geben gleichzeitig den Beweis für die Brauchbarkeit des Systems in der Praxis. Möchten hierdurch noch recht viele Anhänger dem Systeme der vereinfachten Stenographie zugeführt werden. Auszeichnung. Auf der Weltausstellung zu Antwerpen 1894 wurde der Firma Jos. Beduwe in Aachen für ausgezeichnete Construction und Leistungsfähigkeit ihrer Feuerspritzen die höchste Auszeichnung: Ehren - Diplom und Goldene Medaille zuerkannt. -I. Ans dem Kreise Gießen, 4. October. Wie wir aus sicherer Quelle vernehmen, werden die bereinigten Kirchen- gefangtiereine von Allendorf an der Lumda, Beuern, Burkhardsfelden und Londorf ein größeres Kirchengesangfest in Beuern veranstalten. Die Feier soll am Sonntag den 14. October stattfinden und mit Rücksicht auf die auswärtigen Besucher Nachmittags 2 Uhr beginnen. Die vier Vereine, die sich vollzählig beteiligen werden, bilden einen stattlichen Gesammtchor, während die geräumige Kirche von Beuern sehr wohl im Stande ist, auch .eine größere Festgemeinde in sich aufzunehmen. Wir sind überzeugt, daß das geplante Fest bei einigermaßen günstigem Wetter seine Anziehungskraft weit über die nächste Umgegend hinaus ausüben und in keinerlei Weise den echt kirchlichen und ebenso wahrhaft volksthümlichen Veranstaltungen nachstehen wird, wie sie seit Jahren in Beuern gehalten und mit stets wachsender Theilnahme aus Fern und Nah besucht werden. Einen besonderen Schmuck wird die Feier noch dadurch erhalten, daß auch die Posaunenchöre von Klein-Linden und Ebsdorf, wie wir hören, ihre Mitwirkung in Aussicht gestellt haben. R. Reichelsheim i. d. W., 1. October. Die Entscheidung über unser Bahnproject ist von Darmstadt eingetroffen und die Ansichten: Führung von Echzell nach Ober-Widdersheim, oder Führung über Salzhausen nach Nidda brauchen sich jetzt nicht mehr schroff gegenüber zu stehen, denn es steht nunmehr cndgiltig fest: Die Bahn wird über Salzhausen nach Nidda gebaut. Man freut sich allgemein über diese Entscheidung/ selbst die meisten Gegner, deren es aber tm Hinblick auf die weitaus größere Zahl der Freunde des Salzhäufer Projectes, verhältnißmäßig nur wenige find, geben zu, daß die Städte Schotten—Nidda—Friedberg durch öle jetzt definitiv festgelegte Linie am zweckentsprechendsten mitelnander verbunden werden. Es ist die alte, seit Jahr- Hunderten bestandene Postlinie- sie führt direct nach dem Sitze des Amtsgerichtes, des Steuercommiffariates, des Forst- amtes und der Oberförsterei, des Veterinäramtes und der Districts-Einnehmerei- sie ermöglicht einen kürzeren und bequemeren Weg nach Frankfurt und sie wird dabet noch billiger, als wenn das Ellenbogenstück über Ober-Widdersheim Hütte gebaut werden müssen. Ganz interessant sind die Steuerungen jetzt, nachdem die Sache entschieden ist, und von denen wir folgende hervorheben: Wenn man uns gleich von vornherein gesagt hätte: es wird über Salzhausen gebaut, der Staat kann das Bad nicht aufgeben, wäre wahrscheinlich nirgends ein Widerspruch erhoben worden. So heißt es bei den meisten Gegnern. Der Schreckschuß: die kleine Strecke Salzhausen—Nidda würde viele Hunderttausende verschlingen, ist völlig verhallt, denn die Mehrkosten sind unbedeutend und werden durch die Ersparung eines Doppelgeleises Nidda- Ober - Widdersheim und die größere Länge Nidda—Echzell weit ausgeglichen. Die Ausführungen des „Gießener Anzeigers" in Nr. 182, erstes Blatt, vom 7. August und in Nr. 198, erstes Blatt vom 25. August d. I. haben sich als vollkommen zutreffend erwiesen und trugen zur Klarstellung der Ansichten wesentlich bei. — Da der Sechserdeputation in Darmstadt die bestimmtesten Zusicherungen über den Beginn des Bahnbaues gemacht wurden, die Vorarbeiten aber vollendet find, so erwartet man die Geländeerwerbung in aller Nähe. Sie ist auch wegen der Zusammenlegungsarbeiten in den verschiedenen Gemeinden, welche von der Bahnlinie durchschnitten werden, nicht gut länger verschiebbar. Die eigentlichen Bauarbeiten werden hoffentlich im Nachwinter ober Frühjahre beginnen können und Verdienst unter die Landleute bringen, die bei den schlechten Zeiten sehr dankbar dafür fein werden. Mainz, 3. October. Gegen ein hiesiges Ehepaar ist eine Untersuchung wegen Mordes eingeleitet worden - es ist beschuldigt, zwei Pflegkinder, die zu gleicher Zeit und ganz plötzlich verstorben sind, gewaltsam aus dem Leben befördert zu haben. Die eingeleitete Untersuchung wird die Sache klarstellen. WormS, 2. October. Von einem außergewöhnlichen Mißgeschick betroffen wurde plötzlich ein hiesiger Bürger dadurch, daß er, ohne vorher nur die geringsten Beschwerden im Sehen gehabt zu haben, beim Erwachen des Morgens die Entdeckung feiner völligen Erblindung auf beiden Augen machte. An dem traurigen Falle wird der allgemeinste Antheil genommen. Vermischtes. -a- Hanau, 3. October. Heute frü§ gerieth auf dem hiesigen Nord-Bahnhofe ein Beamter, ein 60jähriger Mann, zwischen die Puffer und wurde sofort getöbtet. Ms. Cassel, 3. October. Liebestragöbie. Ein er- fchütterndes Liebesbrama hat sich heute hier zugetragen unb bilbet bas allgemeine Tagesgespräch. Ein junger Mechaniker von erst 18 Jahren hat seine Geliebte, bie erst 17 Lenze zählte, im Walde bei Kirchditmold, unweit Wilhelmshöhe, erschossen und darauf die tödtliche Waffe gegen sich selbst gerichtet, sich auch durch zwei Schüsse in die Seite und in den Kopf lebensgefährlich verletzt. Wir erfahren Über den blutigen Vorgang folgendes Nähere: Heute Morgen unternahm Herr Major Dau sing er vom Infanterieregiment von Wittich Nr. 83 in Begleitung seines Burschen einen Spazierritt nach dem Habichtswalde- hinter dem Dorfe Kirchditmold auf dem Wege nach Wilhelmshöhe hörte er aus dem nahe gelegenen Hölzchen der sog. Buschhütte plötzlich im wehklagenden Tone Hülferufe erschallen. Er ritt sofort näher und fand nun nicht weit vom Waldesrande ein Liebespärchen am Boden liegen- beide, sowohl der junge Mann als das junge Mädchen schwammen buchstäblich in ihrem Blute. Näher- tretenb, bemerkte er, daß das 'Mädchen, welches mit entblößter Brust am Boden lag, einen Schuß mittelst Terzerol direct ins Herz erhalten hatte, so daß der Tod des hübschen blühenden Mädchens sofort eingetreten war. Der junge Mann hatte dann, nachdem er zweifellos die Geliebte auf deren Wunsch getöbtet, bte Waffe gegen sich selbst gerichtet. Bei ber leicht erklärlichen Aufregung, namentlich als er ba» Blut hervorspritzen sah, hat er nun wohl bei sich die richtige Stelle, wo das Herz sitzt, verfehlt, bcnn der Schuß ging am Herzen vorbei und traf nur die Sei'.c. Darauf richtete der Verzweifelte die Waffe vor den Kops, doch ging diesmal bie Kugel evenwohl fehl, sie durchschlug die Schäbeldecke nicht, sondern schrammte zur Seite. Der junge Mann war noch völlig bei Besinnung. Der Major ließ den Burschen als Wache zurück, ritt schleunigst nach Kirchditmold, holie den Arzt und gab bem Bürgermeister Kenntniß, welcher die Uebersührung des Schwerverletzten in das Krankenhaus veranlaßte. Sowohl der junge Mann als das getöbtete Mädchen sind die Kinder geachteter Bürgersleute. Es wurden Briese an die Angehörigen vorgefunden, worin beide ihren Ent« schluß, gemeinsam zu sterben, mittheilen und zwar auS — unglücklicher Liebe. • Kola a. Rh., 3. October. In Rhen S, Kreis Coblenz, gingen gestern bet einem Brande sieben Häuser zu Grunde. * Berlin, 27. September. Die Leiche eines zwölfjährigen Knaben wurde gestern Nachmittag in der Nähe der Verbindungsbahn bet Treptow aus der Oberspree gezogen. In einer Tasche deS Knaben wurde ein Zettel gefunden, auf welchen der kleine Selbstmörder die Worte geschrieben hatte: „Papa will sich wieder verheirathen, ich mag aber keine Stiefmutter." Der kleine Todte ist identisch mit dem vor etwa 14 Tagen aus dem Hause seines Vaters entlaufenen Knaben Paul Sch. Der Vater, seit Jahren schon Wittwer, hatte ihm mitgetheilt, daß er sich wieder zu verheirathen gedenke, und die Antipathie des Kindes gegen eine Stiefmutter scheint — wenn auch in diesem Falle ganz unberechtigt — eine so große gewesen zu sein, daß er TagS darauf verschwand und seinem jungen Leben ein gewaltsame- Ende machte. * Berlin, 3. October. Die Leichen eines ManneS und einer Frau wurden heute im Thiergarten nebeneinander liegend aufgefunden/ ein mit Gift gefülltes Fläschchen lag neben ihnen. In dem Manne ist ein Arbeiter recognoscirt worden. Die Frau ist unbekannt. * • Oppeln, 3. October. Der Regierungspräsident v. Bitter hob daS wegen der Cholera erlasiene Jahrmarktsverbot für Oberschlesien auf. * Glah, 3. October. Der Förster Hein wurde im Walde bei Gottesberg von Wilderern erschossen. * Mannheim, 3. October. Als bei dem gestrigen Leichen- begängniß der Frau N. Steiner Wittwe der Rabbiner mit der Trauerrede beginnen wollte, stürzte ein Schwiegersohn der Verstorbenen, Herr Moritz Oppenheimer aus Frankfurt, vom Schlage getroffen, tobt nieder. Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Der Verstorbene, dessen plötzliches Ende allgemeines Beileid erweckt, soll herzletdend gewesen sein. * Barcelona, 1. October. Im Nachlasse eines hiesigen Bettlers wurden im Strohsacke und in einer Anzahl Sardinenbüchsen Werthpapiere im Betrage von 2 ^Millionen FrcS. entdeckt. * Einen verwegenen Fluchtversuch machte dieser Tage ein Gefangener in Kassel. Es war ein junger Kaufmann, den der Gefängnißaufseher zur Strafkammer führte, wo eine Verhandlung wegen Geldunterschlagung bevorstand. Am Justizgebäude gelang es dem Gefangenen, trotz der Handfesselung sich loszureißen. Er sprang die 50 Fuß hohe Steinmauer des FuldauferS hinab und versuchte, in der Rückenlage die Fulda zu durchschwimmen. Durch Sandschiffer wurde er alsbald eingeholt und festgenommen. Wunderbarer Weise hat er bei dem Sprunge nur geringe Verletzungen davongetragen. * Das Fahrrad bei den Soldaten. Während der Brigade«, DivisionS» und Corps-Manöver ist das Fahrrad im 9. Armeecorps zu sehr ausgiebiger Verwendung gekommen. Während die 120 beim ArmeecorpS befindlichen Radfahrer bisher vornehmlich zum Ordonnanzdienste verwandt wurden, waren gelegentlich der diesjährigen Manöver alle Truppen während der Gefechte von Radfahrern begleitet und der größte Theil des Ordonnanz- und Meldedienstes wurde durch die Radfahrer bewirkt. Aber auch als Kämpfer fanden die Radfahrer Verwendung. Eine etwa aus 50 Mann bestehende Radfahrer-Abtheilung wurde mit Erfolg gegen eine Abtheilung Wandsbecker Husaren verwandt, die einen Eisenbahn-Heber- gang überschreiten wollten. Die Husaren wurden an der Ausführung ihres Vorhabens durch eine wohlgezielte Salve des Radfahrercorps verhindert und mußten sich zurückziehen. * Die Eisenbahnen und die Schlagfertigkeit des Heeres. Die möglichst schnelle Mobilmachung und rascher Aufmarsch der Feldarmee sind die ersten Erforderniffe, welche die Schlagfertigkeit bedingen. Der rasche Truppen- und Material- tranSport hängt wieder birect von der Anzahl der verfügbaren Transportmittel ab. Eine Zusammenstellung ergibt rund: Deutschland 15,000 Locomotiven, Oesterreich 6000 Loco- motiven, Italien 4000 Locomotiven, zusammen 25,000 Locomotiven. Rußland 3500 Locomotiven, Frankreich 10,000 Locomotiven, zusammen 13,500 Locomotiven. Es ist demnach leicht ersichtlich, welch großen Vortheil die Mächte des Dreibundes hierdurch beim Aufmarsch ihrer Heere haben würden. * Einer tapferen deutschen Seemauusthat ist nun der Lohn geworden. Wie erinnerlich, fand vor einigen Monaten auf dem Atlantischen Ocean eine Collision zwischen dem Hamburger Doppelschrauben Schnelldampfer „Fürst Bismarck" und der französischen Schoonerbark „Louise", welche mit einer Zuckerladung von Guadeloupe nach Bordeaux bestimmt war, statt. Trotzdem der Schaden, welcher dem Segelschiffe zugefügt worden war, sich als unbedeutend erwies, bestand die französische Mannschaft darauf, das Schiff zu verlassen, und der Führer des „Bismarck", Kapitän Albers, entschloß sich, nachdem alle Vorstellungen dem französischen Kapitän und seiner Mannschaft gegenüber sich als nutzlos erwiesen hatten, die „Louise" durch Freiwillige aus der „BiSmarck"-Mann- schäft zu besetzen. Die Franzosen wurden an Bord des Hamburger Dampfers übergeführt, und zwei Offiziere des deutschen Schiffes, die Herren Ruser und Schäfer, sowie acht Matrosen begaben sich an Bord der Schoonerbark und brachten das Schiff nach etwa 14 tägiger Fahrt wohlbehalten im Hafen von Falmouth (England) ein. Die seitens der englischen Behörden vorgenommenen Ermittelungen haben ergeben, daß die Collision dadurch herbeigeführt worden ist, daß die PositionS-Laternen des Franzosen sich in falscher Stellung befanden und von ganz ungenügender Lichtstärke waren. Der daraufhin im Jntereffe der bergenden deutschen Mannschaft angestrengte Prozeß hat durch einen außergericht- lichen Vergleich jetzt seine Erledigung gefunden. Durch diesen Vergleich dürfte den muthigen deutschen Seeleuten, welche die leck gewordene „Louise" trotz drohender Gefahr in den englischen Hafen geführt, eine Summe von etwa 20,000 Mark als Bergelohn zufließen. * Im Militär-Gefängniß zu Stirling (England) ist die Entdeckung gemacht worden, daß viele der Gefangenen des Telegraphtrens mächtig sind und sich infolge dessen bei der Arbeit sowohl, wo sie Steine zu brechen haben, als in den Zellen dadurch unterhalten, daß sie nach Morse'schem Rhytmus klopfen. * Von der Titelsucht gibt eine Anzeige im bayerischen „Laberboten" ein nettes Bild. Es steht da zu lesen: „Warnung. Da mir von Allerhöchster Stelle vom 1. Juli 1894 an der Titel Aufschlag-Verwalter verliehen und dies in den Zeitungen bekannt gemacht worden ist, sehe ich mich veranlaßt, weiteres bekannt zu geben: daß diejenigen Persönlichkeiten, welche den Titel Ausschläger gegen mich und meine Frau fortgebrauchen, von nun an Ehrenkränkungsklage durch mich zu gewärtigen haben. Geiselhöring, den 22. September 1894. Grabenauer, königlicher Aufschlag Verwalter." — Der Postdampfer „Waesland" der „Red Star Linie" in Antwerpen ist laut Telegramm am 2. October wohlbehalten in Newyork angekommen. Citeratur und ICnnft W. Hamburgs gesammelte Romane und Novelle«. „Doch waS vom Herzen kommt, es geht zum Herzen, Und mit dem Herzen hab' ich stets erzählt; Manch eine, hetmgesucht von Seelenschmerzen, Hat sich zum Trost ein Buch von mir gewählt. Manch Brief hat es mir heimlich zugetragen, Daß ich erfreut ein greises Mütterlein, Der jungen Mädchen lieblich Dankessagen Drang holdbeglückend mir inS Herz hinein." DaS sind zwei Strophen aus dem poetischen Vorwort, mit dem W. Heimburg vor einigen Jahren die erste Auflage der illustrtrten Ausgabe ihrer gesammelten Romane und Novellen eingeleitet hat. Sie zählte schon unbestritten zu den Lieblingsautoren der deutschen Welt; ihre Erzählungen waren durch die weitverbreitete „Gartenlaube" und wiederholte Buchausgaben Millionen Lesern und Leserinnen bekannt; aber auch die Gesammt-Ausgabe sollte der Dichterin einen neuen Beweis bringen, wie sehr sie die Herzen deS Publikums gewonnen hat; denn nach vier Jahren sieht sich die Verlagshandlung der „Gartenlaube" genöthigt, eine neue Auflage der illustrirten Sammel-Ausgabe zu veranstalten. „Doch was vom Herzen kommt, eS gebt zum Herzen." — ES ist Thalsache, daß Heimburgö Romane und Novellen nach Jahr und Tag gern zum zweiten und dritten Male gelesen werden. Die Verlagshandlung von Ernst Keils Nachfolger hat aber auch für eine wirklich schöne, künstlerische Ausstattung gesorgt und anerkannt ausgezeichneten Künstlern die Jllustrirung der sinnigen Erzählungen übertragen. So bilden denn die zehn Bände von W. Heimburgs gesammelten Romanen und Novellen eine Gabe, die jeder deutschen Frau und jedem deutschen Mädchen freudige Ueberraschung bereitet. Um aber wetteren Kreisen die Anschaffung zu erleichtern, läßt die Verlagshandlung das Werk auch in Lieferungen zum Preise von je 40 Pfg. erscheinen. „So geht denn hin, geschmückt von Meisterhänden, Ihr schlichten Bücher. Wird nur feucht ein Blick, Könnt einem Herzen nur ihr Freude fpenden, So seid gesegnet! Mit euch geh' das Glück!" Canö» unfc Vott-rvirthsehaft. Limburg , 3. October. Frucht markt. Rother Wetten X 12.00, weißer Weizen X 11.80, Korn X 8.70, Gerste 7.50, Hafer X 5 20. — Die wichtigsten Vortheile bei der AuSsaat. Diejenigen Landwirthe würden sich in einem großen Jrrthume befinden, welche der Meinung find, daß sie mit sorgfältiger Bearbeitung und Düngung des Bodens die Hauptsache für das künftige Gedeihen der Saatfelder gethan haben, eS muß vielmehr jeder Landwtrlb darauf aufmertfau1 gemacht werden, daß, so nothwendig und wichtig auch die Düngung und Bodenbearbeitung ist, doch noch zwei andere werthvolle Bedingungen bei der AuSsaat erfüllt werden müssen, um seine Ernteerwattungen im reichen Maße erfüllt zu sehen. Diese Bedingungen beziehen sich erstens auf die Beschaffenheit deS SainenS und zweiten- out die Art des Autzsäenö selbst. Das Saatgut muß vor all,n Dingen vollständig rein von Unk,aut sein, darf nicht mit Getreide, welches eine übde Eigenschaft hatte, in nahe Berührung gekommen sein und muß einer renommirten erprobten Sorte angebörtti. Ferner ist rö außer ordentlich wichtig, daß daS Saatgut aus gleichmäßigei' großen Römern besteht, man versäume daher nicht, von ben Gerälhen, welche zum Reinigen und Sortiren des Saatgutes, bez. Getreides dienen, den ausgiebigsten Gebrauch zu machen. Auch empfiehlt e- sich, von einer auf dem einheimischen Boden gut gedeihenden Sorte Weizen, Roggen u. s. w. einmal ein oder zwei Gentner der größten und schönsten Körner geradezu auslesen zu lassen, um ein ganz auS erwähltes Saatgut zu bekommen, womit man später daS aanze Saatgut veredelt. ES ist erwiesen, daß große, schöne Getreidekörner auch große, schöne Aebren mit prächtigen Körnern hervorbringen. Auch ist das große Saatkorn eine ganz andere Unterlage und Stütze für das keimende Pstänzchen, als das schwache, kleine Saatkorn, denn während der ersten Periode des Keimens und Wachsens entsteht nicht nur das Pflänzchen an sich auS dem Saatkorn, sondern eö nimmt aus demselben auch seinen Nährstoff, welcher natürlich aus großen Körnern viel nachhaltiger und reichlicher ist wie aus kleinen. Endlich ist auch das richtige Unterbringen deS Saatgutes von großer Wichtigkeit für die Entwickelung der Saaten. Auf Boden, welcher viel Feuchtigkeit hat oder dieselbe leicht bekommt, sät man im Allgemeinen den Samen flach aus und nicht zu zeitig, damit er nicht zu üppig in die Höhe schießt. Auf Bodenarten, welche in Bezug auf die Feuchtigkeit großen Schwankungen unterwerfen sind, wie z. B. der Sandboden, Kalkboden u. s. w. muß man aber etwas tiefer säen, damit die Saatkeime die nöthige Feuchtigkeit bekommen. Die flache AuSsaat ist ein Zoll Tiefe, die tiefere Aussaat ist zwei Zoll. Tiefer darf man aber nicht aussäen, weil bei einer AuSsaat von drei Zoll Tiefe die Entwickelungssähigkeit deS kelmenden Pflänzchens beeinträchtigt wird, denn es dauert lange, ehe eS an die Obei fläche kommt. Gottesdienst der israelitischen Religionsgesellschast- Freitag Abend 5*° Ubr, SamStag Vormittag 8 Uhr, Nachmittag 4 Uhr, SabbathauSgang 649 Uhr. ----- --------- G . — 2 Mir prima ESkimo f. einen Winterüberzieher zu M 12.45 3,30 Mir. schwerer Lodenstoff für einen Anzug zu M 8 75 nabelferttg ca. 140 cm biett, versenden bhect franco Oettinger &. Co., Frankfurt a. M., Fabrlk-D6p6t 6395 Muster umgehend franco. Ntchipassenveö wird zmückgrnommen. Buchdruck-Arbeiten Zur Anfertigung aller im Geschäfts- und Privat-Verkehr gebräuchlichen empfiehlt sich die HM« Mn Soeben ersotieimt: 980 |Abbildungen.j3ooKarten7i3ochromos7| Tafeln. 16 Bände geb. ä 10 M. Unentbehrlich für Jedermann. 1165001 a Seiten Text I 14. Auflage. Jubiläums -Ausgabe. Konversations-Lexikon Brockhaus Oeffrntiiche Aufforderung. Laut Eintrags in dem Hypothekenbuch der Gemeinde Wieseck vom 24. März 1848 hatten die Johannes Kling'S Eheleute von Wieseck von Karl Seipp in Gießen 150 Gulden entliehen und ihre in der Gemarkung Wieseck gelegenen Immobilien Fs. I Nr. 68,3, Hofraithe, und Fl. II Nr. 54, Grabgarten, verpfändet. Die Forderung soll längst erloschen sein; die Hypothekurkunde konnte jedoch nicht mehr zur Löschung vor- -gelegt werden. Auf Antrag der Gemeinde Wieseck »ls dermaligen Eigenthümerin der fraglichen Hofraithe werden alle Diejenigen, welche Ansprüche aus diesem Hypothekeintrag bilden wollen, auf- gefordert, solche binnen SMonaten bei dem' unterzeichneten Gericht geltend zu machen, als sonst die Löschung des Hypothekeintrags verfügt werden würde. Gießen, am 2. October 1894. Großherzogliches Amtsgericht Gießen. 8142 Lang ermann. Versteigerung SamSiag den 6. October d. 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