"Hk: Samstag den 25. November 1893 »r. 278 Zweites Blatt Keneral-Wnzeiger JcnUpcedj« 6L 2lintr- und Anzeigeblutt für den Aireis Gieszen. Gratisbeilage: Gießener Kamilienölätter ^dS8>/,Uhr ovewber ; Das Commandn. schlechtesten geht es im Allgemeinen dem Handwerk, tas die Kleidung, dann dem, das die Wohnung herstellt, am schaffen. (Schluß folgt.) Fenilleton (Schluß folgt.) 5*1 die die die die die die die die Alle Lnnoncm'vureauf de» In- und Luslande» ne^ma Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. Annahme von Anzeigen zu bn Nachmittag» für den falgeudea Lag erscheinmden Nummer bi» Barm. 10 Uhr. Nahrung, Wohnung, Kleidung, übrigen feineren Lebensbedürfnisse beschaffen. Bit Gießener »«♦« dem Anzeiger chentUck, dreimal »«gelegt. Lehren der Geschichte. dann auf die Lehren, die die Geschichte I. Die Noth. Den Klagen der Handwerker liege eine wirklich besondere Aoih zu Grunde. Nicht bei jedem einzelnen Handwerk freilich. Aber wie viele arme Existenzen gebe eß darunter! Wenn es auch in den großen Städten einzelne weiterbringen, k sei dafür dort das LooS der Kleinen um so schlimmer. Alle- sei jedoch in den verschiedenen Branchen sehr verschieden. Im Allgemeinen könne man die Handwerker in vier Klassen eintheilen: D« ♦♦chener Anzeiger «scheint täglich, ■M In»uahmr tx» Montag«. Die Concurrenz der größer werdenden Handwerker ruinirt die kleineren. Der Mangel an Credit für größere Unternehmungen lastet auf dem kleinen Handwerker. In- direct wirkt natürlich der Druck, der auf allen Volksklassen liegt, durch die Anhäufung des Geldes in wenigen Händen auf den schon leidenden kleinen Handwerker besonders empfindlich. Bei dieser Noth des Handwerks handelt es sich um etwa zwei Mill. Familienväter und um ein gutes, solides Element unseres Volkslebens! Kampfe mit den Geschlechtern seinen Platz im städtischen Gemeinwesen und schloß sich zu Zünften und Ordnungen zusammen. Auf dieser Höhe angelangt, handelte eS sich ihm dann nur noch darum, keinen hereinzulassen und das Gewonnene festzuhalten. Das schwächte die innere Kraft des Handwerks so, daß es sich's gefallen ließ, daß es durch den Reichstags- beschluß von 1731 der behördlichen Regulirung unterstellt wurde. Seitdem ist daS alte Selbstständigkeitsgefühl geschwunden. Man stützt sich immer auf den Staat! Die Stein - Hardenberg'sche Gesetzgebung von 1811 führte die Gewerbefreiheit ein: Der Handwerksbetrieb hing künftig nur am Gewerbeschein. So blieb es bis etwa 1845. Don da erhebt sich der Groll der Handwerker dagegen. Man erstrebt Wiederaufrichtung der Zünfte. Die so radtcale Bewegung von 1848 ist zum Theil durch diese ganz reactionäre Unzufriedenheit der Handwerker hervorgebracht worden. Man petitionirte massenhaft um Wiedereinführung von Innung und Befähigungsnachweis bei der Nationalversammlung in Frankfurt. 1849 brachte beides. Allein der erwartete Aufschwung blieb aus. In der Zeit von 1849 — 69, wo in Preußen die Jnnungsordnung wieder bestand, hat die Zahl der Handwerksmeister ab-, die Zahl der Gehilfen zugenommen. Die Jnnungsordnung konnte wohl die Zahl det Arbeitenden reguliren, aber keine Erweiterung der Arbeit besten dem, das die Nahrung und die Luxusbedürfnisse liefert. Etliche Handwerke sind schon untergegangen, so z. B. die Leinweber, welche nach schwerem Todeskampfe zu Industriearbeitern geworden sind. Andere sind daran, zu versinken, so die Schuhmacher und Schneider, besonders in den großen Städten. Allmälig wird auS ihnen ein Stand von Industriearbeitern mit einem Anhang von Hausindustrie. Bei diesen bestehe also besondere Noth. II. Die Ursache der Noth. Die Noth des Handwerks ist eine Folge 1. der Maschine, 2. des Capitals. ES gibt Fälle, in denen die Maschine ganze Handwerke beseitigt. Sie übernimmt eben die ganze Herstellung (Nadelherstellung, Leineweberet, Strumpfwirkerei, Knopf- macherei, Schriftgießerei u. a.) oder die Maschine besorgt die Herstellung, dem Handwerk bleibt nur die Reparatur (Uhrmacherei, Büchsenmacherei, und mehr und mehr bei den Schuhmachern und Schneidern), oder die Maschine übernimmt wenigstens Theile der Herstellung (Schlosserei, Buchbinderei, Schreinerei, Schuhmacherei, Bürstenmacherei u. a.). Der Handwerker wird dabei vielfach zum Verkäufer. Die Maschine übernimmt immer neue Arbeiten, verarbeitet neue Stoffe, stellt neue Dinge her. In den Handwerksbetrieb kommt gar kein neuer Stoff mehr. So wurde z. B. Aluminium, Neusilber, Gummi rc. sofort großindustriell behandelt. Das Handwerk hat keine Ausdehnungsfähigkeit mehr. Die Folgen des Capital- sind directe und indirecte. Die Formen sind dabei verschieden. Der Handwerker bleibt dabei etwa in seinem Handwerk, wird aber vom Großcapi- talisten beschäftigt, seine Selbstständigkeit geht verloren. (Vielfach so bei Buchbindern, Schreinern, Küfern rc.) Oder große Unternehmungen vereinigen verschiedene Handwerke in ihrer Hand (Baugeschäfte u. a.). Der Handwerker wird vielfach zum Stückarbeiter, da die Maschine auf ihn drückt, er verkehrt gar nicht mehr mit dem Publikum, Geschäfte für die Bestellung schieben sich dazwischen. III. Die Referent kommt des Handwerks gibt. ft,tt *ttu w i, auf 1**I* int uufM* 'm» Des Handwerks Noth. Der auf der Jahresversammlung des Oberhessischen krreinS für innere Mission am 1. November dahier 4ber obiges Thema gehaltene Vortrag des Herrn Pfarrers Paumann auS Frankfurt a. M. hat durch die volle Beherrschung deS Gegenstandes und seinen ganz ungewöhn- fldfen Gedankenreichthum solches Aufsehen gemacht, daß eS insoren Lesern erwünscht sein wird, in Nachfolgendem einen sehr eingehenden Bericht über den Vortrag zu erhalten: Davon ausgehend, daß die innere Mission schon durch ihre Ausgabe, den Menschen als Einzelperson seelsorgerlich zu behandeln, darauf geführt werde, auch seinen besonderen LkbrnSbedingungen, StandeSverhältnissen nachzugehen, daß •infolge dessen nach dem Vorgänge Wtcherns neuerdings immer »ehr der Versuch individueller Behandlung der Volksgruppen grmacht werde, kommt der Referent auf die besondere Gruppe brr Handwerker zu sprechen. Ueber sie zu reden, sei schn irrig, da die Verhältnisse bei den einzelnen Arten des haiudwerkS sehr verschieden seien, der Concurrenzkampf auch lie Handwerker unter sich trenne, und keine so strenge Gruppen- virrinigung überall stattfände, wie z. B. bei den Industriearbeitern. DaS Handwerk habe jedoch alles Recht auf Sympathie, handle es sich doch dabei um Menschen, um lebendige Umschenserlen. Seine Heldenzeit hatte das Handwerk am Ausgange deS Mittelalters. Damals errang es sich im ^Vorstand Das und die „Haut" vorhin, denn so hatte man in seinem früheren Regiment seiner fabelhaften Magerkeit wegen Dürrend genannt, fuhr dem Obersten gewaltig in die Nase, es klang daher seine Entgegnung außerordentlich determinirt, er sprach so Qccentulrt und betonte das „t" so ausschweifend, daß sich Jeder, der ihn näher kannte, sagen mußte: Nichts zu machen! „Ers—tens," erwiderte also der Oberst, „muß ich Dich bit—ten, mit Deinem Ur—thei—le in Sachen, die Dir als In—fan—te—ris—t überhaup—t ferne liegen, et—was vor—sich—ti — ger zu fein und zwei—tens: es geh—t un—be—ding—t nich—t, was Du von mir verlangs—t . . gerade diesen Tag habe ich zu einer Schleppjagd ausersehen, die Füchse, die wir noch im Bau haben, wollen wir für außerordentlichere Gelegenheiten sparen . . . enfin, wenn Du mitmachen willst, soll mirs außerordentlich angenehm sein!" Das war natürlich auch ein Stich, denn die ganze Welt wußte, daß Schlackenkamm schon das bischen Reiten als Infanterie-Offizier in den Tod hinein zuwider war, weßhald er giftig erwiderte: „Na, das wäre mir das Letzte, hinter dem stinkigen Zeug dreinzuflutschen!" Der Oberst zuckte milde lächelnd die Schultern und da sie sich „nichts mehr zu sagen" hatten, so machte der eine halbrechts- und der andere halbltnksum und das Gespräch, von dem sich Schlackenkamm so viel versprochen, war zu Ende. Der Major war schauderhaft verstimmt — wenn das hier so fortginge, so wollte er nächstens fein Bündel schnüren und in die Residenz übersiedeln, und wo er dann nächstes Frühjahr war, das mochte der Kukuk wissen. — „Himmeldonnerwetter," quoll es ihm aus heißem Herzen heraus und zwischen den Zähnen durch, „wenn sich mir nur einmal die Gelegenheit bieten wollte, diesem Dürrend tüchtig eins auszuwischen — das sollte ein vergnügter Tag für mich werden!" Es fiel natürlich auf, daß Schlackenkamm heute so gar nicht austhauen wollte, und man trank ihm deßhalb tüchtig zu, aber es wollte lange nichts fruchten, bis ihn ganz plötzlich die famose Fuchsjagdgeschichte, welche der Rittmeister von Krampe erzählte und die den Husaren passirt war, derartig ausheiterte, daß er bald der Fröhlichste unter den Fröhlichen war. Aus irr Diner-Fährt k. Von Th. Müller-Plattensteiner. (Nachdruck verboten.) Für den Major a. D., Junggesellen und Gutsbesitzer Baron von Schlackenkamm gab es keinen größeren Genuß, olS wenn er sein GlaS Wein so recht gemüthlich in angenehmer Gesellschaft trinken konnte. Er war deßhalb auch, sobald er nach seiner Quittirung •sein prachtvolles Gat, auf dem er auf ziemlich großem Fuße lebte, bezogen hatte, in die freundschaftlichsten Beziehungen zu dem Offiziercorps des Ulanenregiments getreten, daS eine gute Stunde von Schlackenkamm in Kleinstädte! lag. Tagtäglich punkt halb 11 Uhr fuhr er mit seinem eleganten Biererzug an dem Offiziers-Casino vor und da die Manen den dicken gutmütigen Herrn, der immer so treffliche Anekdoten zu erzählen wußte und ihnen auf Schlackenkamm draußen so brillante Diners und Soupers gab, bald herzlich lieb gewonnen und demgemäß behandelten, so glaubte der gute Major in der That hier sein Eldorado gefunden zu hoben. Dieser Zustand war aber natürlich viel zu schön, um lange dauern zu können — und er sand auch leider ein ganz plötzliches Ende. Der Oberst der Kleinstädteler Ulanen war nämlich unverhofft rasch mit der Führung einer Brigade betraut werden und die Ulanen hatten einen neuen Eommandeur bekommen — v. Dürrend hieß er, nebenbei bemerkt, ein ehemaliger Regimentskamerad von Schlackenkamms — der nun in seiner jungen Würde nie genug zu thun glaubte und deß- ivegen auch Andere von früh bis Nacht im Geschirr sehen wollte — man kann sich denken, mit welcher Wonne der die hübschen Frühschoppen ausmerzte, v. Schlackenkamm war wüthend- er lief wie ein angeschossener Eber in dem nun gönzlich vereinsamten Frühstückszimmer umher, „diesen Dürrend, diesen Nörgler" neunundneunzigtausend Donnerwetter auf den H-alS wünschend und nach jedem Umgang damit schließend, M er seinen Schoppen austrank und in das leere Zimmer hbneinschrie: „Ich Habs ja immer und immer gesagt, es giibt auf Gottes weiter Welt nichts Verrannteres, als einen allten Liebhaber und einen jungen Eommandeur!" Förmlich rührend war es, mit welcher Herzlichkeit er dann die Ulanen 1 empfing, wenn sie endlich aus dem Dienste und zu Tische ' kamen, — keine Mutter hätte zärtlich-prüfendere Blicke für 1. 2. 3. 4. Am ihre Kinder haben können, als der Major für seine Lieblinge, und wie ängstlich besorgt klang seine Frage, ob sie bei dem jetzt übertrieben strengen Dienste doch ja nicht Schaden nähmen! Gedrückt und betrübt fuhr er dann heim, weil eß auch für ihn Zett zu Tische wurde, — um nächsten Morgen punkt halb elf Uhr wieder auf dem Plane zu sein. Vier Wochen hatte er sich nun, wie er sagte, seinen Schoppen allein „hinuntergeekelt", länger konnte er diesen Zustand nicht mehr ertragen, — heute, bei Gelegenheit des LiebeSmahles, bei dem man ihn in die unmittelbare Nähe seines Widersachers Dürrend gesetzt hatte, heute wollte er sich einmal herunterreden, was er auf dem Herzen hatte, denn sonst müsse er ersticken, wie er behauptete. „Nicht wahr, Alter," begann er deßhalb nach dem ersten Glase Sect, indem er dem Oberst sein dickes rothes Gesicht zuwandte und einen eindringlichen Blick aus seinen etwas hervorstehenden schwimmenden Augen auf denselben warf, — „nicht wahr, Alter, wenn Du auch Deinen UkaS wegen deS Frühschoppens nicht mehr rückgängig machen willst, meinen Einladungen auf Schlackenkamm wirst Du kein Hinderniß in den Weg setzen ... ich habe für nächsten Samstag alles auf das Beste vorbereiten lassen . . . Ihr kommt dann vollzählig heraus und bann wollen wir wieder einmal ordentlich . . „Mit Deinem ewigen Gefaufe," unterbrach ihn unwirsch der Oberst, „wenn ich nicht eingegriffen hätte, Du hättest mir das ganze Offiziercorps maldiSciplinirt ... es war eine rettende Idee, daß ich meine Herren dazu aufforderte, die Meute anzuschaffen, das zog sie glücklich aus Deinen Krallen . . ." „Na, hör mal," entgegnete ijesgekränkt v. Schlacken- kämm, „alles was recht ist ... Du stellst mich da als ein verabscheuungswürdiges Beispiel hin und ich meine es doch wahrhaftig so gut mit den Jungens . . . überhaupt, wenn ich Dich nicht so genau vorn Regiment her kennen würde und wüßte, daß Du im Grunde genommen doch eine famose Haut bist, so ließe ich das nicht so auf mir sitzen, — was aber das bischen Zeit anbelangt, das Deine Herren bisher beim Frühschoppen verbrachten, so hättest Du ruhig alles beim Alten lassen können, denn die Kleinstädteler Ulanen waren, auch ehe sie das Vergnügen hatten, Dich zum Com- mandeur zu bekommen, ihres Reitens wegen nicht ungünstig bekannt." 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